Politik


 
Beizeiten ist es sinnvoll, das verminte Terrain nicht nur mit Staunen zu beäugen, sondern es zurück zu gewinnen. Die neoliberale Kampfparole “Sozial ist, was Arbeit schafft” ist nicht zufällig das propagandistische Banner einer asozialen Marktpolitik. Man darf in Maßen sogar dankbar sein für diesen Leitsatz, denn er offenbart die Widersprüche und repräsentiert durchaus angemessen die Perversität der Ideologie.

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Quelle: Wikimedia Commons / Clemensfranz

Dem gegenüber ist ein Begriff des Sozialen, der nicht verkehrt, verstümmelt und sinnentleert wäre, wieder zu etablieren. Die obige Definition halte ich dabei für eine gute Arbeitsgrundlage. Ich kam darauf übrigens schlicht durch den Stand der Diskussion, die immer wieder auf die Frage hinausläuft, ob die Henne oder das Ei neu zu konstruieren sei, ob es am Menschen, dem individuellen, liegt oder am Gesellschaftssystem, dass man nicht so recht voran kommt mit der Alternative.

Eines muss man dem Neoliberalismus lassen: Er ist da völlig konsistent. Ein asoziales Individuum begründet eine asoziale Gesellschaft, und weil die beiden sich das leisten können, nennen sie das dann “sozial”. Der “Wettbewerb” ist ihre Tugend und Gottgefälligkeit, jeder gegen jeden, jeder für sich und Stark gegen Schwach. Die Spaltung der Gesellschaft in möglichst viele Grüppchen und am Ende in Einzelkämpfer ein effizientes Mittel ihrer Machtausübung. Tief religiöse Mitglieder dieser Sekte glauben tatsächlich, dies sei die Erfüllung und der Zweck des menschlichen Daseins, die anderen machen einfach so mit.

Jeder gegen jeden

Wer sich davon nicht überzeugten lässt, kann recht schnell verzweifeln und sich fragen: Ist der Mensch so blöd (geworden) oder bloß die Gesellschaft so fürchterlich zugerichtet? Da ja das eine das andere prägt und die Entwicklung des Sozialverhaltens der Mitmenschen auch keinen Grund zum Optimismus bietet, fragt sich auch: Kann dieser Mensch überhaupt irgend etwas Besseres zustande bringen? Müsste man den nicht zuerst ändern?

Iwo, so schwierig ist das gar nicht. Eines darf man wohl vorausschicken: Der edle Mensch, der ob seiner Einsicht und Weisheit gefeit wäre vor der Verführung zu Brutalität und Unterdrückung, auf den können wir lange warten. Die Gesellschaft hingegen, die das verführbare Mangelwesen stets läutert und ihn auf dem Pfad der Tugend hält, die kann es auch nicht sein – wäre sie doch autoritär und wiederum von Menschen geleitet, die ob ihrer Macht der Verführung erliegen würden. Und darum gibt es keine Lösung.

Keine, die auf der einen oder anderen Seite ansetzt, sondern nur eine, die beides verbindet. Die den Menschen mit seiner Gesellschaft und also die Menschen miteinander verbindet. Das übrigens ist die Stärke der demokratischen Idee, dass die Bürger miteinander an ihrer Gesellschaft arbeiten. Und dies wiederum macht eine Demokratie unmöglich, wo der Wettbewerb um Eigentum die Verhältnisse bestimmt. Anstatt sich als Teil der Welt zu betrachten, werden die Menschen dazu angestachelt, sich die Welt anzueignen, und zwar jeder für sich, gegen die anderen und ohne Rücksicht auf die Folgen. Ja, das schafft auch Arbeit. Ebenso wie Elend, Missgunst, Ignoranz, Brutalität, kurzum: Die dümmste denkbare Form von Egoismus in der denkbar größten Ausweitung.

Man hat immer die Wahl

Solchen Verhältnissen muss und kann man nicht mit naiver Nächstenliebe begegnen. Es hilft auch kein Konzept, die Einzelnen zur Tugend zurück zu führen, auf dass sie Dank ihrer Erleuchtung die Welt bessern. Es kann aber hilfreich sein, auf einzelne Entscheidungen einzuwirken und deutlich zu machen, dass man immer die Wahl hat, etwas mitzumachen und etwas anderes nicht.

Wer immer noch glaubt, es gäbe ein gerechtfertigtes Eigentum, dass man schütze müsse und sich denjenigen anschließt, die darauf ihre Religion gründen, sollte also wissen, wofür er sich da entscheidet. Wer glaubt, er kenne den einzig richtigen, besseren Weg und es komme nur auf diejenigen an, die diesen Weg ebenfalls gehen, sollte wissen, gegen wen er sich da entscheidet. Wer sich davon nicht mürbe machen lässt, der mag vielleicht den Weg der parlamentarischen Demokratie gehen und gemeinsam mit anderen den besten Weg suchen. Das Parlament dieser Demokratie ist freilich nicht ein hässliches Gebäude im Spreebogen, sondern da, wo gesprochen und gestritten wird.

Ein Motto hätte ich übrigens auch. Es ist ja das, was längst auf die Straßen getragen wird, von denen, die sich selbst nach ihm benannt haben, den “Indignados”. Es ist zufällig der erste Satz im Artikel I des Grundgesetzes der BRD.

Die Rede von Gregor Gysi zur Haushaltsdebatte ist jede Minute Zeit wert. Für sehr Ungeduldige tun es zur Not auch die ersten acht. Eine Empfehlung übrigens auch und gerade für diejenigen, die der Linken überhaupt nicht gewogen sind. Wie viele der Aussagen Gysis können widerlegt oder auch nur ernsthaft angezweifelt werden? Im übrigen ist das Ganze wieder einmal große Redekunst und recht unterhaltsam. Auch das eingefrorene Grinsen des von Gysi verteidigten Bundesaußenministers trägt durchaus dazu bei.
 

 
Einen lupenreinen Demokraten haben wir da exportiert, der alle das Fürchten lehrt, die nicht in der Reihe marschieren. Eigentlich wurde der Ex-Ministerpräsident von Baden-Württemberg auf den Sessel des EU-Energiekommissars entsorgt, ein Posten, für den er keinerlei Kompetenz mitbrachte. Dort gerierte er sich überraschenderweise kurzfristig als oberster Atomkraftgegner, nachdem er immerhin erkannt hatte, dass Fukushima eine Zäsur bedeuten würde.

Nach wie vor fühlt sich Hobby-Historiker Oettinger, der einen mörderischen Nazirichter zum Antifaschisten verklärt hat, zu Höherem berufen. Aktuell zeigt er seine Schokoladenseite, indem er das deutsche Wesen in der Eurozone mit Gewalt und öffentlicher Demütigung durchsetzen will.

oettDie Flaggen der EU-Schuldner will er auf Halbmast senken und deren Haushalte durch die EU verwalten lassen. Wer also in die Währungsunion demokratischer Staaten eingetreten ist und dort erleben musste, wie ‘Musterschüler’ Deutschland die anderen durch gnadenlose Begünstigung der heimischen Exportwirtschaft zu Schulden nötigt, findet sich nach der ‘Rettung’ der durch Spekulation ruinierten Banken in einer ökonomischen Diktatur wieder. Der Pranger soll für ganze Nationen wieder eingeführt werden, die Parlamente entmachtet und eine Invasionsarmee von Steuereintreibern losgeschickt werden.

Man darf wohl davon ausgehen, dass Herr Oettinger um die Proteste in Südeuropa weiß. Seine Antwort sind die geschilderten Maßnahmen, die man wohl kaum ohne entsprechende begleitende polizeiliche Maßnahmen durchsetzen kann. Gleichwohl hält ihn das nicht davon ab, seine “Vorschläge” öffentlich zu unterbreiten.

Dies wirft die Frage auf, welche Zustände und Haltungen in der Europäischen Kommission dazu führen, dass sich jemand zu solchen Äußerungen animiert fühlt. Oettinger äußert, was er offenbar bereits verinnerlicht hat: Europa hat einem Wirtschaftsregime zu dienen, das nicht nur jeder demokratischen Legitimation entzogen ist, sondern am Ende nicht einmal mehr politisch begründet wird. Die Zahlen müssen stimmen, sonst wird Zwang ausgeübt. Wird das Soll nicht erfüllt, marschieren wir ein. Oettinger mag nur der Narr sein, dessen Geplapper niemand ernst nimmt. Was er da ausgeplaudert hat, ist dennoch eine Vision. Er dürfte nicht der einzige sein, dem sie gefällt.

Im Februar, als es um den neuen Chef der Bundesbank und am Rande auch um einen für die EZB ging, schrub ich:


Ökonomische Flakhelfer

Ernsthaft ist derzeit Jens Weidmann als Bundesbank-Chef im Gespräch, und nicht minder ohne Witz Peer Sparbrück als EZB-Präsident. Dorthin würde er todsicher den noch Fehlenden im Bunde mitnehmen, Freund Jörg Asmussen, der seit Jahren tatkräftig dabei hilft, Deutschland und Europa in die Krise zu dilettieren.

Und ausgerechnet Asmussen sei jetzt selbst “im Gespräch”, so der Deutschlandfunk.
Ich kann das nur sehr begrüßen. Lasst die Böcke noch die letzten Rabatten ruinieren und uns dann die Haare vom Kopf fressen. Die unbelehrbarsten neoliberalen Stümper in die Chefsessel! Ich melde mich schon mal für einen Job in der Bordkapelle.

[update:] Zwei Kommentatoren haben mich auf das folgende Video ausferksam gemacht, schön kompakt und aussagekräftig.

Schnauze voll von dem Scheißladen. Kostet mich zwar vorläufig sicher einige Spenden, aber irgendwann ist mal Feierabend.
[p.s.: flattr wird bald auch dran glauben. Die kriegen auch nix gebacken.]

 
Wie nicht anders zu erwarten, hat das BVerfG heute dem “Europäischen Stabilitätsmechanismus” eine Absage erteilt. Wie ebenfalls nicht anders zu erwarten, wird das in den Medien in dieser Deutlichkeit nicht kommuniziert. Hier nur zwei der klaren Bedingungen, die das Gericht an Gesetze zum “Rettungsschirm” geknüpft hat:

brddbAls Repräsentanten des Volkes müssen die gewählten Abgeordneten des Deutschen Bundestages auch in einem System intergouvernementalen Regierens die Kontrolle über grundlegende haushaltspolitische Entscheidungen behalten.
Aus der demokratischen Verankerung der Haushaltsautonomie folgt jedoch, dass der Bundestag einem [...] Leistungsautomatismus nicht zustimmen darf, der – einmal in Gang gesetzt – seiner Kontrolle und Einwirkung entzogen ist.

[...]

Daher dürfen keine dauerhaften völkervertragsrechtlichen Mechanismen begründet werden, die auf eine Haftungsübernahme für Willensentscheidungen anderer Staaten hinauslaufen, vor allem wenn sie mit schwer kalkulierbaren Folgewirkungen verbunden sind.

Wir sind hier nicht auf dem Basar

Mit derm Urteil sind dem “ESM” oder “EFSF” (European Financial Stability Facility) gleich drei unüberwindliche Hürden in den Weg gestellt worden:

- Erstens darf die Bundesregierung nicht ohne ausdrückliche Zustimmung des Bundestags haushaltspolitische Entscheidungen treffen, schon gar nicht in diesem Ausmaß.

- Zweitens darf nicht einmal der Bundestag einer äußeren Einrichtung Mittel in einer Weise übertragen, die ihm seine Kontrolle über den eigenen Haushalt nehmen (“Leistungsautomatismus”). Genau das aber ist der Kern des ESM, der nicht nur von vornherein Mittel in dreistelliger Milliardenhöhe fordert, sondern quasi beliebig mehr fordern dürfte.

- Drittens kann schon gar nicht eine Regierung hingehen und – mit oder ohne Zustimmung des Parlaments – gleich für einen unbestimmten Zeitraum oder in unbegrenztem Maße Gelder von irgendwem verwalten lassen, der weder eine Legitimation hat noch in seinem Tun kontrolliert werden kann. Kurzum: Wir sind hier nicht auf dem Basar, auch wenn Ackermann ein Zelt aufgeschlagen hat.

Freiwillige Geiselhaft?

Dass die Kanzlerin das achselzuckend hinnimmt, so tut, als sei nichts gewesen und ernsthaft erzählt, Deutschland gehe es “so gut wie nie zuvor“, zeigt nur, welches Verhältnis sie zum Grundgesetz und zur Realität hat: Beides interessiert sie nicht. Was mit Hartz IV geht, geht sicher auch mit dem ESM, man kann bindende Urteile ja einfach ignorieren. Wozu nehmen wir es auch den Armen, wenn es dann bei den Spekulanten gar nicht ankommt? Für ihren „uns geht’s super“-Spruch sollte man sie übrigens nur noch “Frau El” nennen. So merkbefreit ist noch nie ein Mensch zuvor durchs Weltall marodiert.

Wie man das Problem legal lösen könnte, zeigt Heribert Prantl auf, allerdings fragt man sich, wie der sich das so vorstellt. “Nach der Krise” soll das Volk abstimmen, ob es “Europa” künftig ermächtigt zu tun, was es aus gutem Grund heute nicht darf? Wann wäre das überhaupt, “nach der Krise”? Die nimmt gerade mal Anlauf, und was dabei herauskommt, könnte von Europa verdammt wenig übrig lassen.

Und wenn es denn doch anders kommt: Haben die Völker Europas dann nichts Besseres zu tun als ihr höchstes Gut auf einen wurmstichigen Lobbyisten-Kutter zu laden? Sollen die dann wieder und wieder abstimmen, bis es endlich passt? Oder hätten wir nicht vielmehr gute Gründe, ganz woanders anzufangen und unsere Verfassungen darauf zu trimmen, dass der ‘Souverän’ nicht weiter von Geldsäcken und Spekulanten in Geiselhaft gehalten wird? Dass wir endlich den Primat des Politischen herstellen? Dies schlägt Robert von Heusinger vor, und ich kann ihm da nur nachdrücklich zustimmen.

Ich habe heute eine knappe Minute bei Maischbergers Propagandashow Halt gemacht, in der Märchenonkel Klaus von Dohnanyi aus dem klebrigen Sessel palaverte, der dort für die INSM reserviert ist. Seine Behauptung: 2002 seien die Lohnstückkosten in Deutschland zu hoch gewesen. Niemand widersprach ihm spontan, ich bezweifle auch, dass das noch nachgeholt wurde. Solche Lügen kann ja nur widerlegen, wer alle diese Daten gespeichert hat wie ein Computer. Hier die Zahlen, die natürlich das Gegenteil belegen. Ist das eigentlich ein Kriterium dafür, ob solche Leute wieder eingeladen werden? Lernt irgendwer daraus? Darf man sich eine Hupe mitnehmen und die jedesmal drücken, wenn so einer seine erfundenen ‘Fakten’ in die Runde murmelt?

 
Sigmar Gabriel erkühnt sich eines fulminanten sozialpolitischen Vorpreschens. Er will den Spitzensteuersatz auf ein Niveau heben, das zwar noch unter dem der Kohl-Ära liegt, aber immerhin wieder über dem des Schröderschen Geschenkpaketes. Außerdem will er eine Vermögensteuer einführen, von der seine eigene Partei seit Jahren behauptet, die ließe sich gar nicht erheben.

Und damit das jetzt nicht irgendwie zu ‘links’ rüberkommt, macht der Chef ganz deutlich, dass er schon noch auf der richtigen Seite steht, auf der des Vaterlands nämlich, das er und die Seinen nie nicht mehr verraten wollen. “Sozialer Patriotismus“, sei das nämlich. Was ist dann mit Hartz IV? Ist das eventuell so etwas wie “nationaler Sozialismus?”
Man wird ja wohl mal fragen dürfen.

phaetonMinimölli Kubicki meint derweil, die FDP habe “als Marke verschissen”. Er hat doch wohl nicht das ganze Blabla von den “Leistungsträgern” geglaubt, mit dem die Partei seit Jahren ihre Steuersenken verhökert? Oder daran, dass Zähnearzt Rösler ein charismatischer Sympath ist, dem die Herzen der Fleißigen zufliegen? Oder überhaupt an etwas anderes als “make money, make more money”?

Da bleibt wohl nur noch ein glaubwürdiger Ausweg für die gelbe Truppe, die letzte Wende, wie sie anderswo in Europa längst stattgefunden hat: Rechts rum und Vollgas. Dann können sie noch einmal so richtig alle diejenigen bespucken, die nicht dazugehören dürfen, die es eben ‘nicht verdient’ haben, unter uns zu leben. Da locken die letzten sicheren Zugewinne, mit denen man sogar in Macpommes noch in den Landtag einzieht.

Patriotismus ist ja sowas von ‘in’. Patriotismus hilft gegen Terror und Ausländer, ist liberal, sozial und national, kurz: der politische Familien-Allgemeinbenutzer.
Man stelle sich vor, Leute wie Kubicki und Gabriel kämen zusammen und bildeten eine Koalition. Die trüge dann wohl das Label “sozialliberal”. Das wäre dann allerdings eine Marke, die “verschissen” hätte.

  Sahra Wagenknecht in einem interessanten Interview der FR:

Wenn die Leute den Eindruck haben, trotz Börsenabstürzen und Schuldenkrise diskutiert die Linke über Mauerbau und Castro, bekommen sie natürlich Zweifel an unserer Zurechnungsfähigkeit.

Damit bringt sie das Problem der Linken auf den Punkt, das im Wesentlichen drei Ursachen hat: Die Wahrnehmung der Partei in den neoliberal geprägten Medien, die Schwäche der Partei, ihre wesentlichen Inhalte deutlich zu kommunizieren und das Faible einiger Funktionäre (aber auch Grüppchen) für Rotfront-Romantik. Letzteres wird sich wohl nicht ändern lassen, wenngleich zu hoffen ist, dass sich wenigstens die Parteispitze mittelfristig gewisser Abenteuer enthalten würde. Es hilft auch niemandem, dass geschichtlich betrachtet sozialistische Kampfrhetorik einmal ein gutes Recht hatte. Diese Zeiten sind nämlich vorbei, und weder Arbeiterlieder noch Klassenkampf-Parolen sind mehr zeitgemäß. Das gilt umso mehr, als dass der Klassenkampf ja nach wie vor geführt wird. Man muss ihm aber völlig anders begegnen.

Cui bono?

Es muss darum gehen zu erklären, wer wie welchen Einfluss nimmt und was daraus resultiert. Das ist der Klassenkampf von heute. Die ihn von oben führen, haben ein Heer von Kommunikatoren, deren Parolen kraft ihrer Wiederholungen Wirkung zeitigen. Diese Parolen sind allzu angreifbar, aber nur, wenn man sie mit der Wirklichkeit konfrontiert, der Gegenwart. Eine “Geschichte der Klassenkämpfe” oder abgehalfterte Ikonen der jüngeren Geschichte sind da wenig hilfreich. Und sogar das Festhalten am Guten der DDR kann nur so gelingen.

Was die schräge Macht einer ‘sozialistischen’ Nomenklatura an gesellschaftlicher Freiheit übrig gelassen hatte, wo ist das hin? Was sich DDR-Bürger eingerichtet hatten, ihre Treffs, ihre Rituale, ihre Kultur, was ist davon übrig? Es wurde überrollt von einer Gesellschaft der Konsumenten und Einzelkämpfer. Diese Entwicklung und der Verlust, der damit verbunden ist, müssen anschaulich dargelegt werden. Noch besser wäre natürlich ein Neuaufbau von Strukturen jenseits von Konkurrenz und Vermarktung. Das ist ein Thema, mit dem man nur gewinnen kann. Wer dazu alte Fahnen braucht, dem ist nicht zu helfen.

Heute links- warum?

Dass die Linke als solche eine tendenzielle Bedrohung für die neoliberale Konkurrenz darstellt, liegt in der Natur dieser Polarität. Sie wird so wahrgenommen und es gibt gute Gründe, das Bild der furchtbaren Bedrohung zu überzeichnen. Der Kanal, der dafür immer offen ist, ist die “Mauer und Stacheldraht”-Nummer. Wann immer das Thema aufkommt, begibt sich der Bürger der Mitte in die Arme der rechten Bewahrer. Die Antwort darauf muss die sein, mit den ‘linken’ Themen nach vorn zu kommen, die nicht nur mehrheitsfähig sind, sondern von der Mehrheit längst getragen werden. Wagenknecht spricht einige an, vor allem in Form der Kritik an den Grünen. Deshalb braucht die Linke ‘zurechnungsfähige’ Frontleute, die in der Lage sind, sich damit besser durchzusetzen als das Personal, das derzeit dort dilettiert.

Die aktuellen Wahlen zeigen dabei, dass die Linke trotz aller Fehler und Anfeindungen erstaunlich stabil dasteht. Während die “Mitte” allmählich zu einer Partei zusammenwächst, sogar die SPD völlig grundlos Stimmen der anderen zurück gewinnt und verzweifelte Halbgescheite sich im Braunen wälzen, lässt sich ein linker Wählerstamm auch nicht von schlechter Presse in die Flucht schlagen. Dies sollte ein guter Anlass sein, sich aus den Grabenkämpfen zu lösen, die immer nur den anderen nützen. Erklärt den Leuten, warum ihr heute links seid, und zwar so, dass sie es verstehen. Dann ist alles möglich.

Die führende, weil staatlich befohlene Kunstrichtung in der DDR (und anderen Ländern des Ostblocks) war der “sozialistische Realismus”. Der kommt heute sogar noch ganz gut an, weil sich das Banausentum der Mehrheit nicht lange mit Abstraktionen oder Hintergedanken herumschlagen muss. Man erkennt etwas (wieder) und findet das schön oder nicht, aber man erkennt es eben.

So funktioniert auch die neoliberale Herrschaftskunst, nennen wir sie “Gagaismus”. Sie ist vor allem in der journalistischen und politischen Literatur und Aktionskunst zuhause und schließt unbewusst an den Dada an. Der war ganz absichtsvoll ein Babygebrabbel, die Entkleidung der Kunst von Sinn und Zweck. Der Gagaismus ist versehentlich ein Rückfall ins Vorschulalter, naives Blabla in der Absicht, ein Weltbild von Deppen für Narren zu kreieren.

Das Werk der Woche hat Harald Martenstein abgeliefert, eine ‘Argumentation’ reinster Kindergartenweisheit, die von sich dennoch forsch behauptet, sie fuße auf einer “Logik”. Nach Piaget bleibt diese allerdings auf dem Niveau der “präoperationalen Phase”, sie ist schlichtes “magisches Denken”. Zitat:

Kein Süß mehr da, kein Geld mehr da

Sorry, ich habe damit ein logisches Problem. Wenn man den Reichen ihr Geld wegnimmt, kann man für eine gewisse Weile auf die gewohnte Weise weiterwirtschaften, gewiss. Aber was tut man, wenn das Geld der Reichen aufgebraucht ist? Neue Reiche dürften ja wohl kaum nachwachsen, in dem total gerechten System des Sozialismus.”

Das Geld wird in Haralds bunter kleiner Welt “aufgebraucht”. Das kennt jeder: Man geht zum Kiosk, kauft Süßkrams ein, isst den auf und alles ist weg. Kein Süß mehr da, kein Geld mehr da. Erst lange nach dem Abschluss ihres Journalistikstudiums lernen viele Kinder, dass das Geld gar nicht weg ist, sondern woanders wieder und wieder “ausgegeben” wird. Die Kinder, die das nicht lernen, sind oft die talentiertesten Gagaisten. Wir kennen sie aus Zeitung, Funk und Fernsehen.

Nur auf dem zweiten Platz landen die schon etwas weiter entwickelten, dafür aber jammervoll gescheiterten Kerstin Andreae und Christine Scheel, die sich heillos im Labyrinth formaler Operationen verirrt haben. Bei dem Versuch, eine Statistik zu verstehen, kamen sie mit größter Überzeugung zu der Ansicht, Birnen seien zu große Äpfel als dass sie noch Obst sein könnten. Und das geht so:

Die richtigen Zauberwörtchen

Andreae und Scheel halten dagegen, dass drei Viertel der Firmen Personenunternehmen sind, bei denen der Eigentümer selbst haftet. “Ohne diese Unternehmen ist die ökologische Modernisierung der Wirtschaft nicht zu bewältigen.” Ihre Gewinne würden aber durch Spitzensteuersatz und die – ebenfalls geforderte – Vermögensabgabe doppelt belastet.

“Drei Viertel”, das klingt erst mal gut. So gut, dass die Zahl keines Nachweises bedarf. Schon gar nicht kommt den lieben Kleinen in den Sinn, dass wenn einige von ganz vielen ganz viel bezahlen müssen, das etwas anderes ist, als wenn alle von den vielen ganz viel bezahlen müssen. Das ist ja auch wirklich kompliziert. Und weil dieser Zwischenschritt noch viel zu schwer ist für die beiden, kommen sie auch nicht darauf, dass alle die vielen “Personenunternehmen” gern viel bezahlen würden, wenn sie dafür Millionäre wären.

Das Klassenziel haben aber auch Kerstin und Christine erreicht, denn sie haben die richtigen Zauberwörtchen genannt: “Unternehmen”, “Modernisierung der Wirtschaft”, “Investitionskraft”. Das ist dann wieder die Geschichte von dem Geld, das weg ist, wenn man es den Menschen zum Ausgeben gibt. Gagaismus auf der Höhe der Zeit eben.

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