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2010


Das Geschrei ist groß. Der Herr Westerwelle, der nicht wirklich weiß, was er tut, hat ein wenig gebellt, und die Reaktion ist ein großes Jaulen. Ich behaupte, er wisse es nicht, weil er stets für sich selbst und seine Klientel das Beste wollte und jetzt wild herumpöbelt, weil er das nicht mehr unter einen Hut bringt. Gegen faule Parasiten zu hetzen, hatte bis vor kurzem noch gereicht. Inzwischen ist das komplizierter geworden, und es war offenbar nicht so klug, noch einen drauf zu setzen und das in einen historisch depperten Kontext zu texten. Er hätte gleich sagen können, HartzIV sei schlimmer als der Überfall auf Polen oder alle Arbeitslosen seien Nazis.

Wo das Ressentiment nicht zündet, legt er Plattitüden nach und fordert empört, wer arbeite, müsse doch mehr verdienen als wer nicht arbeite – und garniert das wie üblich mit falschen Zahlen. Angeblich geht es ihm darum, den Abstand zwischen Existenzminimum und Löhnen zu erhöhen. Ja wer will das denn nicht? Jeder weiß auch, was daraus folgt: Daß nämlich die Löhne erhöht werden müssen, und zwar anständig. Alles andere würde nämlich in der statistisch unerhört reichen Sphäre der Industriestaaten zu Hungerrevolten führen oder alternativ in eine Diktatur, die sich darauf gleich einrichtet.

Wenn das Ressentiment nicht zündet

Nein, noch muß man nicht verhungern. Aber das Konzept der Westerwelles würde dorthin führen – es sei denn, man richtete staatliche Armenküchen ein. Das kann nicht der Plan sein, denn wenn sich die so Verarmten dort zusammenrotten, kippt das System, von dem die neoliberalen Amokläufer leben.
Wie soll das gehen, daß fünf Millionen Arbeitslose entweder von Mitteln leben, die weit unterhalb von Niedriglöhnen liegen oder zur Aufnahme von Arbeit gezwungen werden, die es nirgends gibt? Einen staatlich finanzierten Arbeitsmarkt für alle diese Menschen lehnt doch gerade die FDP ab, “weniger Staat” wäre das ganz sicher nicht. Es gibt bereits Löhne teils deutlich unter 5 Euro pro Stunde, es gibt “Ein-Euro-Jobs”, und dennoch wäre bei erfolgreicher Besetzung aller freien Stellen gerade einmal jeder zehnte Arbeitlose beschäftigt. Und was kommt dann?

Selbst die optimistischste Vorstellung eines Beschäftigungswunders kommt nicht aus ohne Menschen, die sich von ihrem Einkommen Waren und Dienstleistungen kaufen können. Wie soll das gehen, wenn die Masse immer weniger Geld zur Verfügung hat? Wie soll das gehen, wenn noch Mindestlöhne Tabu sein sollen, von denen weitere Millionen Geringverdiener kaum selbst über die Runden kommen? Wie soll angesichts anstehender massenhafter Altersarmut in einer überalterten Gesellschaft ein Markt funktionieren, wenn immer mehr Menschen weniger ausgeben können?

Marktwirtschaft, zu Tode gefördert

Flankiert wird dieser größte anzunehmende Schwachsinn durch eine von Neoliberalen zu Tode geförderte Marktwirtschaft, die Produktion und Dienstleistungsgewerbe ausblutet, weil “Investoren” glauben, ein losgelassener Finanzmarkt allein sichere Reichtum. Gewinnerwartungen im zweistelligen Bereich werden von Vollpfosten in Nadelstreifen nach wie vor geweckt, und wer versucht, stattdessen real unternehmerisch tätig zu werden, wird mit der Eselsmütze ums Bankenviertel geprügelt. Schuld sind, man möchte spucken vor Lachen, zu hohe Löhne und faule Arbeitslose?

Nehmen wir einmal an, jeder Arbeitslose würde unter Androhung der Todesstrafe dazu gezwungen, für Wasser und Brot eine Vollzeitstelle anzutreten. Was sollten diese Leute machen, um auch nur höhere Gewinne für Superreiche zu ermöglichen? Na, dämmert’s? Wie viele Putzfrauen, Frisöre und Maler braucht ein Leistungsträger? Wie viele Autos kann er fahren? Wir bauen euch das alles, Jungs und putzen eure Karren mit der Zahnbürste. Und dann rafft ihr immer noch nicht, wieso die Immobilienpreise weiter sinken und kein Schwein mehr Aktien kauft?

Koks gegen Kater

Zuerst bräuchte man natürlich die eine oder andere Verfassungsänderung, denn selbst das kochgewaschene und gefriergetrocknete Hirn des Wählers zwänge ihn bald dazu, den Stand der Abgehobenen mit Bonusmeilenrabatt nach Dubai auszuweisen. Der Sturzflug ist im vollen Gange, der Kater hat selbst die sturztrunkenen Wähler solcher Wirtschaftskompetenz schon so kurz nach der Wahl voll erwischt. Gut, wenn sie sich wenigstens schämen. Den Wirtschaftskriegsgewinnler Westerwelle hingegen ficht das nicht an, denn er kann sich den Koks leisten, der ihn zu seinen jüngsten Heldensprüchen ermutigt.

In der Tat erfüllt sich in diesen Tagen meine erste Hoffnung, die ich in eine siegesbesoffene FDP gesetzt habe. Sie machen sich mit ihren debilen Planspielchen vom ewigen Aufschwung auf Kosten der Massen derart lächerlich, daß selbst die geübten Schönschreiber der kürzlich noch gleichgepolten Presse nicht mehr wissen, wie sie das noch dem Stimmvieh ins karge Futter mischen sollen. Die einen hetzen darum noch primitver, die anderen wenden sich ab oder liefern lustlos ausgewogene Leere.

Fauxpas zur Lage der Nation

Den Freudschen Fauxpas zur Lage der Nation hat der Guy d’Eau mit seinem Dekadenz-Gefasel selbst geliefert. Man sollte ihm dafür dankbar sein. Das neoliberale Imperium geht seinem Untergang entgegen, weil der Pöbel nicht mehr zu kontrollieren ist. Wer führt schon Krieg für widerliche Despoten und ihre Hofschranzen, die sich in ihren Marmorhallen Champagner-Einläufe kredenzen lassen und lauthals die Sklaven verachten, die ihnen den Hintern wischen? Woher nehmen wir auf Dauer die willigen Helfer, die Ihresgleichen erschlagen, um dieser Majestät weiterhin dienen zu dürfen?

Wenn alles andere “Sozialismus” ist, gebührt Guido Westerwelle noch einmal Dank, von Seiten aller anderen, die sich nunmehr als Sozialisten betrachten dürfen, vor allem aber von denen, die sich schon immer so nannten. “Sozialismus oder Tod” ist das Motto, vorgegeben vom Ikarus des dümmsten “Liberalismus” aller Zeiten. Er hat zu früh gebrüllt. Die Zustände, die er will, sind nicht herstellbar. Noch sind wir nicht schon wieder so weit.

Wenn das kleine Fräulein Hegemann von Kotze und Fotze schwadroniert und es sich dann herausstellt, daß es nicht ihre Kotze war und auch nicht ihre Fotze, die sie literarisch, in Buchstaben also, verkaufte, sondern sie mietnomadenhaft weiter vermietete, dann nennt das Fäuleton sie “talentiert”. Wenn sie weiterhin sich selbst als nicht gegeben, nicht einmal übergeben betrachtet, ist sie in der Tat auf der geistigen Höhe des Betriebs. Was Helene nicht in der Birne hat, ist das Zeug zum Bestseller.
Die Verwertungskette ist es, so lernen wir, die das Qualitätsprodukt ausmacht, ganz unabhängig von Inhalt und Urheber. Oder soll man vielleicht Blogtexte kaufen, von einem Verbrecher womöglich, um literarische Wohlstandskinder zu enterben? Wollen wir, daß die deutsche Literatur in die Schweiz auswandert? Kann die Schweiz das wollen?

Sie ist erst siebzehn. Der Markt braucht Siebzehnjährige, die nicht nur selbst breitbeinig die Phantasien anderer plakatieren, sondern jede Form brutaler Vergewaltigung, Vernichtung und Selbstzerstörung anpreisen. Wie gut, wenn es eine erledigt, der es dabei gut geht. Es würde mir Schwierigkeiten bereiten, dabei zuzusehen, wie einer Sechsjährigen bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochendem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird, und danach verblutet sie halt mit weit geöffneten Augen auf einem Parkplatz. Aber ich bin keine siebzehnjährige Prinzessin, die nicht einmal liest, was unter ihren Namen verhökert wird.

Die Diskussion über Urheberrechte ist soweit überflüssig, wie die Autorin keine ist. Ihr für den zusammen geklauten Dreck ein Salär zukommen zu lassen, ist zwar unerhört illegitim, aber damit ganz normale Leistungsträgerschaft. Ihr Kniff, mit “ihrem Buch” nichts zu tun haben zu wollen, ist äußerst konsequent und eine Ironie, deren Feinheit in ihrer naiv-extremistischen Brutalität besteht. Auch diese Ironie hat mit ihr nichts tun. Sie ist eine Hure vom literarischen Babystrich. Davon weiß sie natürlich nichts.

Was sie nicht einkalkulieren konnte, sind die Konsequenzen, die sie selbst als Mensch betreffen werden. So sehr sie sich auch als Autorin negieren mag, Unperson sein will, so wenig wird sich das Fleisch abschütteln lassen, das sie zu Markte trägt. Es wird ihr Schwierigkeiten bereiten, daß ihr der Betrieb bei ausgeschaltetem Bewußtsein einen Schwanz in den Arsch gerammt hat. Dem Betrieb übrigens nicht. Der schreibt solche Verluste ab, wenn es zum Ärgsten kommt.
Bis dahin kann er sich auf Konsumenten verlassen, die kaufen, was angesagt ist. Und da die Qualitätsliteratur in einem Wettbewerb steht mit visueller Pornographie und anderen Special Effects der Filmbranche, muß halt die jungfräulich babyfickende Junkiedarstellerin her. Vorläufig noch ohne Ausschlag und Geschlechtskrankheiten, gut riechen soll sie ja und lächeln am Verkaufsstand. Die Kunden haben nämlich einen ästhetischen Anspruch.

Während die Frankfurter Rundschau permanent neue Details zu den unfassbaren Zuständen unter der Regierung Koch ans Tageslicht fördert, ist der Rest der Meiden desinteressiert, oder, was schlimmer ist, ausgewogen bis zur Tuntigkeit. Was die Zeit da in Form von fünf Fragen und der Veröffentlichung einer Mail von Kochs Nützling Peter Beuth veranstaltet, grenzt an Komplizenschaft. Wer so etwas unkommentiert und ohne Hintergundinformationen durchgehen läßt, muß ein Volltrottel sein, wenn er sich dafür nicht doppelt bezahlen läßt.

Es ist nur zu verständlich, warum Ypsilanti in Hessen nicht regieren durfte und von allen Massenmedien, die am Markt um Umsätze konkurrieren, niedergeschrien wurde. Sie hätte zu viele Leute mit zu viel Geld viel zuviel Geld gekostet. Wo sind nur die tapferen Hacker, die uns mit Daten aus der Bimbes-Schweiz, dem Handkäs-Liechtenstein versorgen? Man darf ja wohl nicht erwarten, daß die deutsche Exekutive an der Aufklärung der Verbrechen des Aufklärers von sich aus interessiert ist. Von der vierten Säule der Monarchie ganz zu schweigen.

Ich habe gestern gedacht, ich hörte nicht richtig. Die IG Metall unter ihrem Chef Berthold Huber gehe “ohne konkrete Forderung” in die Tarifverhandlungen mit Gesamtmetall. Die und ihr Chef Kannegiesser wiederum sind der Kern der INSM, des Flagschiffs neoliberaler Propaganda und fleißige Produzenten geistiger Stromausfälle.

Mit dem passenden Humor könnte man Kannegießer vorschlagen, seinen unerträglichen Think Tank dicht zu machen, das Geld dafür den Beschäftigten zu geben und im Gegenzug keine weiteren Lohnerhöhungen zu zahlen. Vermutlich wäre das noch ein Segen.
Huber erweckt aber nicht den Verdacht, über so etwas wie Humor zu verfügen, geschweige denn über das Rückgrat, seine Gegenüber damit zu konfrontieren, daß sie die erklärten Feinde jeder Arbeitnehmerschaft sind. Im Gegenteil scheint Herr Huber als Gewerkschaftsboß die zersetzenden Ideen des Neoliberalismus selbst zu vertreten. Nicht nur, daß er schon freiwillig um niedrige Löhne bettelt, er will doppelt verlieren, indem das bißchen, was vielleicht zu retten ist, dem Sozialstaat entzogen wird. Damit u.a. die Renten seiner Leute noch niedriger ausfallen, womit netto allein die Arbeitgeber entlastet werden.

Es ist im übrigen ja nicht nur so, daß der Herr von der Gewerkschaft, dessen weitere Karriere wir aufmerksam verfolgen werden, seinem Tarif-”Partner” in die rückwärtige Dunkelheit schlüpft und gegen die Interessen der Kollegen handelt. Kannegiesser, sonst vehementer Verfechter des freien Wettbewerbs, will von genau diesem nichts mehr wissen, wenn er dadurch Löhne drücken kann. Die Behauptung, es sollten Arbeitsplätze erhalten werden, ist ebenso abenteuerlich wie wettberwerbswidrig. Dem Betriebswirtschaftler geht es einzig darum, dieselbe Arbeit für weniger Geld machen zu lassen. Der Erhalt von Arbeitsplätzen kann ihm nicht nur wurscht sein, er müßte sogar ein Interesse daran haben, daß unrentable Stellen und Betriebe den Weg alles Irdischen gehen. Auf Kosten der Sozialsysteme und der Lohnempfänger Betriebe rentabel zu machen, die sich unter normalen Marktbedingungen nicht halten können, ist nur eine weitere Spielart der Ausbeutung. Eine volkswirtschaftlich besonders schädliche sogar.

Kannegießer und Huber ficht’s nicht an. Der eine lacht sich ins Fäustchen, der andere handelt ohnehin Bedingungen aus, die ihn nur am äußersten Rande betreffen.
Da haben sich zwei gefunden wie weiland Mehdorn und Hansen. Sie sitzen schließlich im selben Boot – Frauen und Kinder verlassen das sinkende Schiff dann ein wenig später.

Markus Horeld findet in seinem Artikel zum Hartz-Urteil des BVerfG bemerkenswerte Worte:

Nein, dieses Urteil fordert von der Politik vor allem eines ein: Demut. Demut vor dem Grundgesetz, Demut vor der Menschenwürde, Demut angesichts der beschämend langen fünf Jahre, in denen die jetzt kassierten Hartz-IV-Sätze Realität für Millionen Menschen waren.

So ganz falsch ist das nicht, im Gegenteil trifft es den Kern des Gegenteils der gängigen Sicht auf die Betroffenen. Es muß nicht gleich Demut sein, aber eine Abkehr von der kalten Arroganz und eine Idee davon, was es heißt, bedürftig zu sein, wäre ein guter Anfang. Aller Anfang in solchen Fragen ist übrigens immer noch Selbstkritik. Ein Wort zur Rolle der Medien wäre hier durchaus angebracht gewesen, denn es waren und sind wahrlich nicht allein “Politiker”, die jene Willkür in ihrem Tun und Urteilen haben walten lassen, die der Autor und die Verfassungsrichter zurecht beim Namen nennen.

Geselle Gnadenlos

Was ist das für eine Gesellschaft, in der nicht nur Armut verfassungswidrig gefördert wird, sondern den Betroffenen auch noch als Schande zur Last gelegt wird?
Wenn sich eine Untugend der Deutschen durch die Jahrhunderte erhalten hat, ist es die Gnadenlosigkeit, etwas Besseres sein zu wollen. Vom preußischen Militärkult über die mörderische Selektion der Nazis bis hin zur Beschimpfung der Wohlstandsverlierer hat sich das erhalten. “Wir” sind mindestens Weltmeister, und wenn das nicht klappt oder nicht reicht, suchen wir uns jemanden, der unter uns steht und den wir dafür anspucken können. Wer in der Hierarchie auf der Seite der Glücklichen oder Rücksichtslosen steht, darf sich hingegen der Zustimmung der Öffentlichkeit sicher sein – ohne Ansehen dessen, was er dafür getan hat. Jeder kriegt halt, was er verdient.

Irgend eine höhere Instanz, die das alles sanktioniert, gibt es immer. Der Kaiser, die Sekundärtugenden, der Führer, das Wachstum, die Globalisierung. Immer tun wir nur unsere Pflicht, handeln unter Zwang und können nichts dafür. Gerechtigkeit? Herzlichkeit? Solidarität? Tolle Ideale, wir kommen nur nicht dazu. Ein ander Mal vielleicht. Eine radikale Linke, die stets eine Solidarität im Hier und Jetzt als sozialdemokratischen “Verrat” erkannt hat, hat es fertiggebracht, sich in einen historischen Irrsinn hinein zu steigern, der im Stalinismus eine Orgie brutalst möglicher “Gleichheit” gefeiert hat. Sie hat sich noch immer nicht ganz davon erholt, wofür vor allem diejenigen Rechten verantwortlich sind, denen es kaum gelingt, ihre antidemokratische Gesinnung zu kaschieren. Für sie ist jeder ehrliche Linke, und sei er noch so friedlich, per se schlimmer als die Nazis. Eine durchschaubare, aber noch immer erfolgreiche Strategie. Das Ende ist immer dasselbe: Die Entsolidarisierung der Menschen.

Soziale Demokratie?

Als “Sozialdemokratisierung” wird nunmehr genau die Willkür und kontrollierte Armenhatz bezeichnet, die endlich als doppelter Verfassungsbruch geoutet wurde. Sie ist damit unbestreitbar ebenso undemokratisch wie unsozial. Damit bleibt der sozialen Demokratie, die heute so heißt, nur noch Feindschaft aus allen Lagern. Die Rechte, die “Konservativen” und die Reichen haben sie schon immer bekämpft, die Linke kann mit Recht von “Verrat” sprechen, und was die selbsternannte “Mitte” der Schröderianer von der Idee übriggelassen hat, ist eine bizarre Ruine.

Daraus gelernt wurde bis heute erbarmunsgwürdig wenig. Geht es um Politik, selbst wo sie nicht ihr Rückgrat gegen erlogene Wachstumsaussichten austauscht, wird nur nach Machtperspektiven gefragt. Bestenfalls feilscht man um ein Gericht auf der nächsten koalitionären Speisekarte zwischen dem Gammelfleisch und dem Brechmittel der Saison. Wer so arbeitet, frißt auch so. Dem Rest wird halt der Rest gegeben. Alles im Rahmen des Machbaren.

Was willst du, Mensch?

Der zynische Begriff “Bedarfsgemeinschaft”, einer unter so vielen, bringt das auf den Punkt. Die “Gemeinschaft” ist ein juristisches Vehikel, von dessen sozialer Basis nicht einmal mehr das Gerippe erkennbar ist. Der “Bedarf” ist das, was einer abkriegt. Die Bedürfnisse der Menschen haben ihren Platz gerade noch auf der Bedürfnisanstalt. Das Problem ist auf keiner der Vernunft zugänglichen Ebene ein wirtschaftliches. Es ist ein soziales. Die Erfüllung der Bedürfnisse scheitert an einer Idee des Sozialen, die erst wieder die Worte finden müßte, in denen sie einen Ausdruck fände. Hier hat der Wahn des Prestiges tabula rasa gemacht. Das Tischtuch ist zerschnitten, der Tisch wurde leergefegt, zum Altar der Eitelkeiten gemacht, privatisiert und zum Wohle des Wachstums dem Export überantwortet.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral? Während die Unterschicht sich zu Tode frißt, stolziert das willige Fleisch der Oberschicht als Magermodel übers Buffet der Sterneköche. Kotzen müssen am Ende alle. Ist es das, was du willst, Mensch?
Keiner von uns lebt vom Brot allein. Das Fressen können wir abhaken*. Kommt jetzt die Moral? Nein, davon haben wir reichlich. Sie ist ein Katechismus der Gnadenlosigkeit. Nach dem Fressen käme eine Menschlichkeit, die wir uns durchaus leisten könnten. Können wir endlich damit anfangen?

 
*p.s.: Ich beziehe mich auf die hiesigen Verhältnisse. Daß wir auf Kosten des viel größeren Elends in der Welt leben, ist eine Erkenntnis, die ich als bekannt voraussetze.

Der Geist der “Agenda” ist das, was sie ausmacht. Die kleinkarierten Kritiker der Hartz-Gesetze haben nicht verstanden, was Schröders Lebenswerk so groß macht. Das Genörgel über Regelsätze, Kinderarmut oder Lohnsklaverei verliert sich in den Details des Unterschichtslebens und verliert das Große Ganze aus den Augen.
Worum es geht, läßt sich anhand zweier Beispiele illustrieren:

Erstens ist da die Wahrnehnung der Schichtzugehörigkeit, an der kein Deutscher mehr vorbei kommt. Es sind nicht nur die PR-Kampagnen neoliberaler Thinktanks, die zur Unterteilung des Volkes in Leistungsträger und Sozialschmarotzer beitragen. Nein, ganz offenbar ist dieses Bewußtsein bereits tief verankert, fiel auf fruchtbaren Boden und stiftet Identität. Zu ersehen ist dies an den allseits anerkannten Attributen für diese und jene. So ist der Schmarotzer, Parasit, Minderleister ein “HartzIV-Betrüger“, wenn er sich ein paar Euro zusätzlich verdient oder einen Bedarf angibt, den er gar nicht hat. Er ist ein Krimineller, der sich an der Allgemeinheit vergeht.

Der Volksgenosse Millionär hingegen, der seiner Enteignung zuvorkommend die Früchte seiner Leistung in die Sicherheit alpiner Tresore verbringt, ist ein “Steuersünder” und wird dementsprechend behandelt. Erwischt man ihn, reicht ein Ave Maria an die zuständige Finanzverwaltung. Erst wenn er sich dem verweigert, kann er möglicherweise mit der Unannehmlichkeit eines Strafverfahrens konfrontiert werden. Wir unterscheiden hier also in unerwischte Sünder, erwischte einsichtige Sünder und erwischte uneinsichtige Sünder. Betrüger aber sind sie alle nicht, denn Gott in seiner Gnade vergibt den Seinen.

Zweitens hat es inzwischen eine Linkspartei. Eine Repräsentanz der Unterschicht und ihrer Beschützer, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht einmal in Ansätzen hatten. Erst Schröders Agenda bot seinem Hassfreund Lafontaine den Hebel, mit dem er die Ostpartei in eine linke Kraft umwandeln konnte. Ein Geniestreich beiderseits.
Die Konsequenzen dessen sind völlig offen und damit sehr spannend. Gelingt es der Linken, trotz heftigen Gegenwindes politisch an Einfluß zu gewinnen, können die Interessen der Unterschicht Berücksichtigung finden – einschließlich des Unwillens, an eine Kriegsfront geschickt zu werden.
Ist dies nicht gewollt, kann man immer noch die Spreu vom Weizen trennen und weiß, wo man die Schmarotzer und asozialen Leistungsverleumder findet – und kann sie ggf. als Betrüger am Geist des Gemeinwohls dingfest machen.

Im folgenden ein Fundstück aus meiner Rumpelkammer. Vorsicht, extrem textlastig ;-)

„Wartezone drei A“ verbarg nichts. Was die Menschen dort erwartete, nicht wahr, schrie es einem entgegen: Hier saugen sie dir deine Zeit ab, hier bist du Nummer, namenloses Schlachtvieh. Warten ist eine der teuersten Zeitleistungen überhaupt. Aber dort hatten sie keine Ahnung, was das ist: Menschenzeit! Dort, wo die Leute gezwungen werden, ihre Zeit in Geld umzutauschen. Wo sie nicht einmal den Preis verhandeln dürfen.

Ich hatte es schon zweimal gesehen. Ich war dort gewesen, hatte ihnen Zeit vor die Füße geworfen, als hätte ich sieben Leben. Sie nahmen sie mir, als gehörte sie ihnen, als sei ich ihr Eigentum. Beim ersten Mal waren es drei Stunden, vierzehn Minuten und siebenunddreißig Sekunden gewesen – allein in der Wartezone! Dann hatte der unverschämte respektlose Mensch in diesem Büro sich vier Minuten zweiundvierzig genommen, um mich abzufertigen und mir den nächsten Termin zum Aderlaß zu geben. Meine Beschwerde wies er ab und drohte mir mit Leistungskürzung. Als könnte man da noch viel kürzen! Einen Zettel hat er mir in die Hand gedrückt, mit einer Telefonnummer und einer Adresse. Ich sollte mich dort melden und mich bewerben. Es sei leichte Arbeit, sagte dieser Mensch, und der Stundenlohn sei angemessen.

Stundenlohn! Was wußte der denn? Nichts wußte der. Menschenzeit in Stundenlohn zu messen! Diese Höhlenmenschen können zum Mond fliegen und im Wald nach Amerika telefonieren und messen Menschenzeit in Stunden! Und dann wollen sie deine Zeit haben, für ein paar Euro. Nein, sie nehmen sie dir und geben dir ein paar Silberlinge. Lassen dich warten!
Die traurigen Leute in der Wartezone machten das Warten noch teurer. Sie sprachen nicht mit einem. Zeit, die man allein verbringt, ist teuer. Einsamkeit ist teuer. Und dann einsames Warten zwischen fremden, traurigen Menschen! Was denken die sich? Warum tun sie das?
Die armen Teufel, die dort litten, machten alles noch schlimmer. Sie sahen sich nicht in die Augen, und wenn, dann feindselig. Sprachen nicht miteinander, außer, um ihre Nummer zu nennen. Eine Minute in dieser Hölle kostet mehr als tausend erfüllte Leben.

Nachdem ich also die Hölle kennengelernt hatte, habe ich Beschlüsse gefaßt. Ich beschloß, ihnen nicht meine Zeit zu schenken. Ich beschloß, mich nicht von ihnen zerstören zu lassen.
Der Mann, der nur seine Pflicht tat, dem „das alles auch leid tut“, wie er immerhin höflich vorgab, hatte mich gebeten, diese Stelle anzutreten. Das klang wie beim Bund. Der Bund ist auch so eine Zeitfreßmaschine. Wo sie steif, unnatürlich und schweigend dastehen. Zu hunderten oft, ohne sich zu berühren oder zu sprechen. Unerhört teuer! Zeit im Fleischwolf. Jedenfalls sollte ich antreten. Ich beschloß, es zu versuchen. Allein schon, um nicht mehr in die Wartezone zu müssen. Hatte mir das so zurecht gelegt, daß ich auf dem Weg zur Arbeit an den Kiosk ging. Dort mit Jörg reden, der sehr nett war und fast immer fröhlich. Jörg gab einem das Gefühl, aufzutanken. Ein Geschenk des Himmels. Ich stand also extra früh auf, daß es sogar Jörg bemerkte und einen Scherz darüber machte. Der Tag fing gut an, das tröstete mich vorab. So konnte ich also gut gerüstet zu meinem Vorarbeiter gehen und mir anschauen, was sie dort von mir wollten.

Der Anfang ist meist ganz erträglich. Man lernt jemanden kennen, sie müssen einem alles erklären und reden mit einem. Dachte ich. Aber der unsympathische Klotz von Mensch, der mich empfing, war eine Katastrophe. Guckte mich nicht an, drückte mir Gummihandschuhe in die Finger und zuckte nur mit dem Kopf. Ich sollte ihm wohl hinterher laufen. Tat ich aber nicht. Ich stand also da und wartete, daß er sich umdrehte. Das dauerte eine ganze Weile. Aus zwanzig Metern Entfernung brüllte er dann nur: „Ey, du, komm her!“ Dabei guckte er mich immerhin an. So weit hatte ich ihn. Kam ihm also entgegen und erwartete, daß er ab jetzt sprechen würde. Er aber drehte sich nur wieder um und ging voraus. So ging das noch zweimal, bis er mich anblökte: „Bist du doof, ey?“ Ich verbat mir diese Art zu sprechen, daraufhin nahm er mir die Gummihandschuhe wieder ab und ging fort. Einige sehr teure Minuten später kam dann ein Mann in einem Anzug, der mir sagte, Herr Baum hielte mich nicht „für den richtigen Mann“. Ich verkniff mir Andeutungen über zu klein geratene Äste und beschwerte mich über die Umgangsformen des Rüpels, dessen Namen ich nicht einmal erfahren hatte. Der Mann im Anzug, der seinen Namen auch nicht nannte, heuchelte Verständnis und versicherte mir, er würde mir „keine Steine in den Weg legen“, aber es sei besser, wenn ich ginge. Ich ließ mir seinen Namen sagen, um ihm dem Mann aus der Wartezone nennen zu können. Habe ihn inzwischen vergessen.

Seltsam, daß es so einfach war. Ich mußte nur darauf beharren, daß man mit mir sprach. Kam nicht einmal dazu, das auszusprechen. Wollte nur sprechen wie ein Mensch mit Menschen, und schon wollten sie mich nicht mehr. Ob sie es merkten? Hatten diese Zeitpiraten ein Gespür dafür, wen die plündern konnten und wen nicht?
Noch einmal Wartezone. Diesmal war ich besser vorbereitet. Hatte mir genau ausgerechnet, wieviel Zeit ich ihnen geben konnte. Da ich vorher bei Jörg war, konnten sie dreiundzwanzig Minuten haben, mehr war nicht zu verantworten. Ich wartete also. Es gab natürlich diese Nummern, aber wenn ich davon eine gezogen hätte, hätte ich Stunden verschwendet. Nach fünfzehn Minuten schlich ich mich also an die Tür des „Sachbearbeiters“ und wartete darauf, daß sie sich öffnete. Zwei Minuten vierundvierzig später war es soweit. Einer kam raus. Ich raunte ihm zu: „Schon klar, ich bin dran“, damit er die Nummer des nächsten nicht in den Raum rief. Ich schloß die Tür hinter mir und setzte mich.

Der Mann am Schreibtisch wollte meine Nummer sehen, aber ich überfiel ihn einfach mit meinen Unterlagen. Und mit meiner Geschichte. Ließ ihn einfach nicht zu Wort kommen, bis ich alles gesagt hatte. Eine Minute zweiunddreißig. Alles schien gut zu laufen. Der Mann hatte sogar schon meine Datei gefunden. Das machen sie ja auch. Dateien! Nicht drüber nachdenken, ich mußte raus aus dem Laden!
Dann fing der Mann an, mich zu belehren. Hatte ich ihm nicht gerade gesagt, wie das alles gewesen war? Wie man mich behandelt hatte? Daß sie nicht einmal mit mir gesprochen hatten? Hatte er auch nur einen Moment zugehört? Nein. Er meinte, ich hätte mich anders verhalten müssen. Ich! Ich fragte ihn, was ich hätte tun sollen. Wie man mit Leuten umgeht, die nicht mit einem sprechen. „Sie müssen kooperieren“, sagte er. „Das steht in der Broschüre, die Sie bekommen haben.“
Was das hieß, konnte er mir aber auch nicht erklären. Nur, daß ich „alles tun“ müsse, „damit ein Beschäftigungsverhältnis zustande kommt.“

Der Kerl wußte nicht, was er da sagte. Als nächstes kam er mir geheuchelt freundlich. Das ist das Schlimmste, wenn sie einen anlächeln. Wenn sie Verständnis lügen.
„Ich verstehe Sie ja auch“, heuchelte er, „aber sie müssen zusehen, daß Sie die vorhandenen Angebote nutzen.“
So ein Waschlappen. Was wollte der von mir? Mit wem sprach der? Der Raum um uns herum schien zu schrumpfen. Mein Kopf dröhnte.
Zu allem Überfluß kam dann noch einer rein und meinte, er hätte Nummer zweihundertsieben. Und ich hatte noch zwei Minuten zehn! Das sah schlecht aus. Ich blieb aber höflich, erklärte dem Kerl mit der Nummer, daß es nur noch zwei Minuten dauern würde, stand auf und schob ihn zurück in die Wartezone. Ich sah, daß der Schlüssel auf der Tür steckte und schloß ab.

Der Mann hinterm Schreibtisch glotzte mich äußerst verständnislos an und sagte in einem sehr unfreundlichen Ton: „Was soll das heißen? Was glauben Sie, wer Sie sind?“
„Endlich eine gute Frage“, dachte ich, da uns noch eine Minute sechsundzwanzig blieb.
„Ja, was glauben Sie denn?“ fragte ich zurück. „Denken Sie einmal darüber nach!“
Er schnaufte. Wippte in seinem Sessel herum. Starrte mich an. Vielleicht begann er tatsächlich, nachzudenken. Ich konnte ihm nicht mehr helfen. Vierundfünfzig Sekunden. Zu wenig für Erkenntnisse, die er in sicher vierzig Jahren nicht gewonnen hatte.

Das Gespräch mußte ein Ende haben. Ich bedrängte ihn: „Und was ist jetzt? Bekomme ich einen neuen Zettel? Darf ich nach Hause gehen? Wir haben noch dreiundvierzig Sekunden!“
„Wieso das? Was ist das für ein Unsinn? Wollen Sie mir jetzt Vorschriften machen?“ fragte er. Der Mann hatte nichts begriffen. Ich konnte ihm nicht die Zeit geben, alles noch einmal zu erklären. Er aber wollte tatsächlich von vorn anfangen. Ging überhaupt nicht auf mich ein.
„So geht das nicht“, sagte er, „setzten Sie sich! Setzen Sie sich!“ Wiederholte auch noch seine dumme Aufforderung. Es war zu spät. Hatte keinen Zweck. Die Zeit war abgelaufen. Ich konnte nichts erreichen. Nur für ihn konnte ich noch etwas tun. Auch, um die Zeit nicht völlig sinnlos vergeudet zu haben. Helfen ist gute Zeit. Ich mußte ihm helfen, mußte ihn warnen.

„Achten Sie auf Ihre Zeit!“ sprach ich eindringlich in sein Gesicht. Er wich zurück und stammelte nur: „Setzten Sie sich, setzen Sie sich!“
Der arme Mensch war vollkommen ahnungslos. Und hat seinen Satz noch zweimal wiederholt. Um uns herum die Wartezone. Vor ihm meine Datei. Die Zeit war so gut wie abgelaufen, und er wiederholte seine Sätze! Ich beugte mich über den Schreibtisch, packte ihn bei der Krawatte und schrie ihn an: „Achten Sie auf Ihre Zeit!“
„Setzen Sie sich“, stöhnte er.
Sein Kopf wurde ganz rot. Die Augen ganz groß.
Dann war die Zeit um. Ich ließ von ihm ab, er sackte zusammen.
Mir wurde schwindlig, so daß ich mich am Besucherstuhl abstützen mußte. Hatten sie mich so weit gebracht? Hatte ich das wirklich getan? Hatte ich eben meinen eigenen Satz wiederholt?
Ich muß dann die Tür aufgeschlossen haben, in meiner Erinnerung sehe ich mich durch Menschen hindurch rennen. Jemand schrie. Erst bei Jörg kam ich wieder zu mir.

© feynsinn.org 2006

SpOn glaubt, es sei “erschütternd”, wenn es seit 1995 neunzig Verdachtsfälle auf Kindesmißbrauch in der katholischen Kirche gegeben habe. Selten so gelacht. Spätestens seit den aufgedeckten Fällen in den USA sollte deutlich geworden sein, daß es sich auch empirisch nachweisbar um ein strukturelles Problem handelt. Sprechen wir vorläufig also über hunderte Fälle – in Deutschland. Überall auf der Welt werden Kinder von Geistlichen mißbraucht, vom Pfarrer bis zum Bischof vergreifen sich “Würdenträger” an jungen Menschen und zerstören sie.

Im Falle der katholischen Kirche haben wir es mit einem Konglomerat aus Perversion, Heuchelei und diktatorischer Gesinnung zu tun, die ihresgleichen vergeblich sucht. Lächerlich schon, daß im 21. Jahrhundert eine religiöse Sekte noch immer glaubt, nur der Geschlechtsverkehr zum Zwecke der Vermehrung sei “gesund” und sittlich unbedenklich. Verbrecherisch schon, daß abweichende Orientierungen als “krank” und verdammenswert verurteilt und mit der Macht einer weltweit operierenden Organisation bekämpft werden.
Ein Verbrechen ungeheuren Ausmaßes ist es aber, wenn wissentlich durch solche Bedingungen Kindesmißbrauch gefördert wird.

Psychologische Theorien qualifizieren unterschiedliche Triebziele, einige der Theorien nennen es “pervers”, wenn sexuelle Befriedigung von quasi unnatürlichen Handlungen abhängt. Zu nennen ist hier etwa der Fetischismus, vereinfacht Sex mit Gegenständen. Das Ding ersetzt quasi den Partner. Wie man solche Spielarten auch definiert oder beurteilen mag, sie finden statt, und es macht die Menschen nicht schlechter, die eine Sexualität jenseits des Mainstreams pflegen.
Das Abartigste, was der Mensch sich einfallen lassen kann, ist allerdings kein Triebziel, Asexualität bei vollständig ausgebildeter Lust. Was in früheren Zeiten ein Indikator für die Beherrschung der Menschen gewesen sein mag – wer sich zur Triebunterdückung nötigen läßt, darf als guter Untertan gelten – hat in modernen Gesellschaften längst jegliche Funktion verloren.

Der Katholizismus hat die nötigen Reformen seit Jahrhunderten verschlafen. Er bezieht vielleicht seine Identität daraus, ein Bollwerk gegen jeden Fortschritt zu sein. Der gemeine Katholik schafft den Anschluß an die Moderne dennoch – durch Bigotterie und Beichte. Ihm ist egal, was der Papst sagt, er geht in den Puff und nachher zur Beichte. Diese Heuchelei ist harmlos, so lange sie funktioniert.
Was hingegen nicht funktionieren kann, ist die Besetzung des Managements mit Leuten, die ohne berufliche Alternative auf der Straße stehen, wenn sie sich von der Perversion “Zölibat” offen abwenden. Auch sie werden dazu genötigt, ihren Trieb heimlich auszuleben, was ihnen als Personen der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht so leicht gelingen kann. An eine normale Partnerschaft ist erst gar nicht zu denken.

So leben wir also mit einer steuerlich geförderten Sekte von Zwangsabartigen, die im besten Fall Kinder machen, welche ihre Väter nicht kennen dürfen und regelmäßig, der ungünstige Fall, eben Kinder ficken. Das sind dieselben Herren, die ihre aggressive “Sexualmoral” weiterhin laut predigen. Wer für diesen Laden noch Kirchensteuer zahlt, muß wissen, was er da fördert.

Ojeh. Ich habe am Handelsblatt noch nie etwas finden können, aber die Strafe, die jetzt über die Redaktion und die Leser kommt, erscheint mir dennoch annähernd grundgesetzwidrig – Gabor Steingart wird Chefredakteur. Jens Berger sagt das Wichtigste dazu, ich empfehle zur stimmungsvollen Untermalung “Hell’s Bells” von AC/DC.

Steingart hat bislang mit allem daneben gelegen, sich u.a. in bezug auf Obama und die gelbe Gefahr mindestens an den Rand des Rassismus vorgewagt und ein hochnotpeinliches Geschwurbel abgelassen, in dem er Erhardt und den Schweiß des deutschen Mannes aufgefahren hat, um den Amis die Neue Soziale Marktwirtschaft zu erklären. Dies alles, nachdem er ganz offen im “Spiegel” Kampganenjournalismus bertrieben hatte – erst für Schröders Agenda und dann für Angela Merkel.

Immer geradeaus vor den Schrank, vor die Wand, für den Marktliberalismus, das ist sein Weg. Eine witzige akademische Frage wäre die, ob seine Berufung als prozyklisch oder antizyklisch zu werten ist. Antizyklisch wäre sie insofern, als daß immer mehr Journalisten den Holzweg verlassen, prozyklisch insofern, als daß sich ja die bewährten Kampagneros konzentrieren. Nicht nur bei Springers, sondern jetzt offenbar auch beim Handelsblatt.

Für den deutschen Blätterwald kann sich das als Segen entpuppen, denn Meinungsmache und Fehlprognosen Steingartscher Prägung sind geradezu eine Provokation, es anders und besser zu machen. Einen Haken hat das Ganze allerdings: Wer zu Schnitttchen und Schampus eingeladen werden will, muß sich in nächster Zukunft wohl einer Inkompetenz andienen, die den bereits hinreichend schmerzhaften Dummschrieb der letzten Dekade noch in den Schatten stellt. Welche Wirkungen diese Tendenz entfaltet, werden wir erleben. Montags bis sonntags auch in diesem Theater.

Der Stern hat festgestellt, daß Herr Steinmeier gar nicht der glänzende Retter der SPD ist, sondern in etwa das Gegenteil: Ein kreuzlangweiliger braver Verwalter seiner selbst, der als Bremsklotz in der politischen Landschaft herumliegt und dem neuen Parteivorsitzenden nur im Weg ist.
Überhaupt sei das alte Personal der SPD, das aus der Schröder-Zeit noch übrig ist, ein Ladenhüter, untauglich für eine Aufarbeitung der Vergangenheit oder die Gestaltung einer Zukunft. Sogar Lafontaines Flucht vor der Schröderia wird in diesem Zusammenhang neu bewertet. “Den Lafo machen”, wie der Stern das prekariatstauglich nennt, bedeutet demnach die Einsicht, daß die Führung einen nicht mehr braucht und man vor der Wahl steht, die Überzeugung zu wechseln oder zu gehen.

Die FTD, die ich nicht wirklich als “die treuesten Knappen des Ordo Neoliberalis” bezeichnen würde, falls Chat Atkins das so meinte, gibt gar jede Zurückhaltung auf und tritt der Merkelschen Gurkentruppe zünftig in den Hintern. Thomas Schmoll redet Tacheles:
Die Liberalen brauchten keine 100 Tage zur Selbstdemontage” und
Die CDU-Vorsitzende hat das System Kohl des Aussitzens und beharrlichen Schweigens perfektioniert. Bloß nicht festlegen und wenn doch, dann mit Hintertür oder Notausgang“.
Pinkwart und Rüttgers wirft er gar (zurecht) “Populismus” vor, und bedient sich damit jener Vokabel, die bislang für Oskar Lafontaine reserviert war.

Allmählich kollabiert tatsächlich die Front der Schönschreiber einer Einheitsmeinung, die bislang stets dieselben Helden und Schurken kannte und deren sprachliches Instrumentarium entsprechend festgelegt war. Inzwischen findet lustvolle Majestätsbeleidigung statt, und die Entzauberung der vorgeblich ewig Rechthabenden grenzt an Bildersturm. Einige sind offenbar ihrer eigenen öden Propaganda überdrüssig geworden und probieren etwas Neues. Das kann ich nur begrüßen. Ein frischer Wind ist das zwar noch nicht, aber der übelste Gestank konzentriert sich wieder auf den Halden, die schon immer den gärenden Müll von vorgestern gepflegt haben.

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