Journalismus


Ich tue mich, wie schon gelegentlich bemerkt, manchmal schwer, mich noch über Skandale zu erregen, an die man sich gewöhnen mußte. Gewisse Fakten zu erwähnen und dabei auf die Pauke zu hauen, wie himmelschreiend ungerecht die Welt ist, das klingt so nach gewollter Empörung.

Während dieser Tage die Sensationsjournaille jeden Toten bejubelt, den die Taco-Grippe erlegt hat und auf eine zünftige Pest hofft, geschehen wie immer andernorts die wahren Katastrophen. Ständig und alle paar Jahre wird hier nach Entdeckung irgend eines virologisch interessanten Mutanten eine Epidemie heraufbeschworen, wie wir sie seit fast hundert Jahren nicht mehr hatten in Europa. Nicht einmal BSE wurde zum Schlager, obwohl sie doch so gut gepaßt hätte zum Zustand der europäischen Kultur.

“Andernorts”, um endlich konkret zu werden, das ist wieder einmal Afrika, wo derzeit die Meningitis wütet und tausende dahinrafft. Überhaupt, Afrika: Ein Kontinent, der an den Dauerseuchen Kalaschnikow und Heckler&Koch schon furchtbar leidet, der von Hunger und jedem erdenklichen Mangel gezeichnet ist, wird regelmäßig von Seuchen heimgesucht, deren Ausbrechen hier die Städte entvölkern und uns zu einem Leben im Luftschutzkeller verdammen würde.

Mit Recht spricht die TAZ von einer “Epidemie ohne Aufmerksamkeit” – und hat den Artikel ganz konsequent keine 24 Stunden nach Erscheinen ins Archiv verschoben.

Hatte ich sie neulich noch gelobt, wartet Susanne Gaschke nun mit einem Leitartikel in der Zeit auf, den man ihr nur um die Ohren hauen kann. Es ist traurig: Wenn deutsche Journalisten über das Internet schreiben, haben sie meist Schaum vor dem Mund und schalten ihren Verstand vollständig ab.
Schon in der Einleitung macht Frau Gaschke deutlich, was “Pirate Bay” für sie ist: Die

weltgrößte Anleitungsbörse für Film- und Musikdiebstahl im Internet“.

Das ist inhaltlich zunächst unzutreffend, was aber nicht so sehr ins Gewicht fällt. Gaschke ist der Meinung, daß hier organisiert geklaut wird. So kann man das sehen, es sollte sich dann aber freilich eine Begründung für diese Sichtweise einstellen. Darauf warten wir vergeblich.

Nun ist es mit dem Diebstahl so: Die einen meinen, alles gehöre irgendwem, und wenn man es ihm wegnimmt, sei das Diebstahl. Auch das kann man so sehen, muß man aber nicht. Vor allem wird die Sache deutlich komplizierter, wenn ein Gut nicht den Besitzer wechselt, sondern vervielfältigt wird. Wer würde von “Diebstahl” sprechen, wenn der Apfel nach dem pflücken noch am Baum hinge? Es ist schlicht Unfug, hier von “Diebstahl” zu sprechen. Es wird auch niemand wegen Diebstahls angezeigt oder verurteilt, selbst bei nachgewiesenen Urheberrechtsverletzungen. Aber es klingt so klar und einfach: “Diebstahl”. Genau deshalb führen auch diejenigen den Begriff im Munde, die nicht die Absicht haben zu diskutieren.

Wer seinen Gewinn geschmälert sieht, mag sich dazu berufen fühlen, so zu reden, für Journalisten hingegen ist diese Schreibweise nur peinlich. Worum geht es wirklich?
Es fallen ja nicht die Hunnen ins Dorf ein und rauben und plündern. Es werden Daten kopiert, deren Urheber einen Anspruch darauf erheben, daß sie für solche Verfielfältigung kassieren dürfen. Die Frage ist nun: Haben Sie ein Recht darauf, bekommen sie es, und warum?

Sie bekommen kein Recht bei denen, die sich einfach einen runterladen und nicht zahlen. Die das tun, sind Millionen. Sind sie alle Diebe? Dann ist Diebstahl wohl etwas, das nicht mehr als Unrecht gilt. Man sollte dem Rechnung tragen.
Sind sie gar im Recht? Haben die Rechteinhaber, die übrigens selten die “Urheber” sind, womöglich kein Recht auf ihre Tantiemen? Werden vielmehr sie als Diebe betrachtet, denen man nicht auch noch obendrein gibt?
Auch so kann man das sehen, und offenbar sehen allzuviele das so. Wenn man das Problem also lösen will, hilft es nicht, die Ketzter zu verbrennen, denn die Sünde wird fortbestehen.

Ausgerechnet Joanne Rowling zum Opfer der Diebe zu stilisieren, ist ein gelungener Witz. Sie hat Milliarden mit ihren Produkten gemacht. Muß man sie wirklich schützen vor Leuten, die sich die Werke ihres Konzerns nicht leisten können oder wollen? Ist das Kopieren der Daten, von denen sie so unvorstellbar profitiert hat, wirklich ein größeres Unrecht als “Eigentum” in solchen Dimensionen?
Eine derartige Auffassung von Recht und der ihr zugrundeliegenden Moral ist nicht zu vermitteln. Hier wird niemand geschädigt, und deshalb sind die Menschen auch völlig schamlos bei der Verletzung der Rechte dieser Inhaber.
Dasselbe gilt für die großen Hollywood-Produktionen. Wer wissen will, wie diese finanziert wurden und wer davon profitiert, geht den Leuten nicht mehr mit dem Argument auf den Wecker, hier würden arme Künstler um ihr Brot gebracht. Das ist lächerlich.

Nicht zuletzt durch die Ignoranz auf Seiten der Rechteinhaber und ihrer Verteidiger fühlen sich diejenigen bestätigt, die sich einfach bedienen. Es wird niemand ein schlechtes Gewissen haben, der hier und da sein Geld für Medien ausgibt und sich noch ein bißchen zusätzlich saugt, was er nicht mehr bezahlen kann. Der Schaden dürfte in etwa bei Null liegen.
Und weil das eben so ist, können sich sogar diejenigen hinter der großen Masse der Hobbysauger verstecken, die im ganz großen Stil produzieren und selbst noch Geld daran verdienen. Diese sind aber der extreme Ausnahmefall, und sie haben mit keiner Gnade zu rechnen. Nicht vor Gericht, und nicht einmal beim Gelegeneheits-Downloader von nebenan.

Die Pauke, auf die Frau Gaschke haut, ist schließlich so groß, daß ihr Lärm unerträglich wird. Die Opfer der Diebe, die sie am Boden liegen sieht, sind nicht weniger als Kunst, Literatur, Wissenschaft und Journalismus:

Die Ideologen eines »befreiten Wissens« mögen der Meinung sein, die elitäre »etablierte« Kunst könne so leicht durch das unlektorierte Mitteilungsbedürfnis der Nutzermassen ersetzt werden wie der professionelle Journalismus durch Jedermann-Reporter; YouTube-Filmchen seien ohnehin kurzweiliger als großes Kino [...].
Die Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft ist ein hohes Verfassungsgut. Zu dieser Freiheit gehört das Recht des Urhebers, nicht im Internet enteignet zu werden.

Freiheit ist das Eigentum der Eigentümer, da haben wir’s mal wieder. Wer enteignet denn die Urheber? Das sind doch in aller Regel die Verlage, Filmgesellschaften und Großkonzerne. Wer regelt denn den Zugang zum Markt? Wie viele Schriftsteller werden nicht veröffentlicht, weil sie keine prominenten Eltern haben oder Modelmaße? Wie viele hervorragende Wissenschaftler werden ausgebeutet, von ihren Professoren oder den Konzernen, für die sie forschen? Wie viele Musiker haben ihre Plattenfirma und Manager reich gemacht und sind dabei selbst arm geblieben? Angesichts der Profite, die mit den Werken gemacht werden, kann man die Entlohnung der Urheber oft bestenfalls als Entschädigung betrachten. Und Frau Gaschke macht sich Sorgen um Enteignung im Internet.

Man kann die Sache ganz trocken juristisch betrachten. Da ist Recht, was aufgeschrieben und gesprochen wurde. Kommentare dazu fallen recht nüchtern aus und machen nicht viel her in der Presse.
Man kann aber auch darüber räsonieren, was recht sein sollte und was gerecht wäre. Die Diskussion über das sogenannte “Urheberrecht” weist dabei mitten hinein in die Verwerfungen einer Eigentumsgesellschaft, in der Gerechtigkeit nur mehr eine Floskel ist. Daß der Richter, der das Urteil im Pirate-Bay Fall gesprochen hat, selbst organisierter Urheberrechtschützer ist, setzt dem das Sahnehäubchen auf. Davon wußte Frau Gaschke freilich nichts, und das ist das andere Problem:

Qualität hat sich noch meist bezahlt gemacht, ganz egal, ob einige Schmarotzer daran ihren Anteil haben oder nicht. Was aber nicht geht, das ist Kassieren, weil man schon immer an der Kasse saß und glauben, man hätte für jeden Mist einen Anspruch auf das Geld der Leute. Ob ich mir die Druckausgabe der “ZEIT” noch einmal kaufe, werde ich mir angesichts dieses kuhjournalistischen Auftritts jedenfalls gut überlegen.

Arno Widmann hat für die FR ein Interview mit Wilhelm von Sternburg geführt, von dessen Ausführungen ich sehr beeindruckt bin. Ich habe den Namen zwar schon gehört oder gelesen, hätte ihn aber nicht einsortieren können.
Von Sternburg spricht mir teils aus der Seele, eine Kostprobe:

“Inzwischen bilden Wirtschaft, Medien, Politik und Gewerkschaft eine Einheit. Es gibt Konflikte zwischen ihnen, aber keinen grundsätzlichen Dissens mehr darüber, wie unsere Gesellschaft auszusehen hat. Das ist jetzt wieder in besonderem Maße in der Wirtschaftskrise deutlich geworden. Es ist niemand da, der eine Alternative hat. Jedenfalls keine gewichtige gesellschaftliche Kraft, die sagen könnte: Seht ihr, es ist so gekommen, wie wir gesagt hatten, dass es kommen musste
.”

Insbesondere ein Leitmotiv von Sternburgs ist es immer wieder wert erwähnt zu werden: Die Notwendigkeit eines Geschichtsbewußstseins, um die Gegenwart zu verstehen und überhaupt sinnvoll politisch zu denken. Darin liegt nicht zuletzt das Drama des Neoliberalismus, daß er eben geschichtlos “denkt”, was hier bereits erwähnt wurde.
Eine recht denkwürdige Rolle, nämlich gar keine, spielt solches Geschichtsbewußtsein auch quasi folgerichtig in den gestanzten aktuellen Debatten um “Bildung”. Hier wird regelmäßig alles Mögliche gefordert, was deutsche Schüler und Studenten so können sollten, eine Einordnung ihrer Welt in einen gewachsenen Zusammenhang ist nicht dabei. Was aber wäre Bildung ohne die Fähigkeit dazu? “Erziehung zur Mündigkeit” steht nicht auf dem Programm, und “Geschichte”, das ist Hitler seine Omma ihre Küche, vorgekaut von Guido Knopp.

Der Hang zum Totalen, sei er nun ein deutscher oder nicht, resultiert auch aus dem fehlenden Bewußtsein dafür, daß die Ordnung und die Dinge geworden sind, daß sie so oder eingeordnet werden und morgen schon “in den Irrtum taumeln” kann, was heute als wahr gilt oder “einfach nur da” ist.
Von Sternburg:

Sechzig Jahre mehr oder weniger Frieden – da entstehen neue Eliten, neue Machtklüngel. Das ist nun mal so. Heißt das etwa, dass wir es auch noch benicken sollen? Nein, wir sollen anschreiben dagegen. Sie sollen anschreiben dagegen.

Dagegen und gegen alle anderen Selbstverständlichkeiten, die sich so leicht von den Agenturen abschreiben lassen. Kritischer Geist, Aufklärung, Geschichtsbewußtsein, das wäre etwas, das man gern von der ehemals “fünften Gewalt” erwarten würde. Inzwischen sagt uns die große Suchmaschine, daß sie abgelöst wurde: Vom Lobbyismus.

Einen zum Heulen doofen Artikel christlicher Verblödungsjournaille hat Sabine Rückert bei Zeit.de gepostet. Sie ist ja so angetan und voller Euphorie über die “Zumutung” einer angeblich neutatestamentarischen Idee, die der Auferstehung. Selbige, so macht sie Lesern ihres erschütternden Bildungsstandes weis, erschließe sich “nur aufgeklärten Geistern”. Aufgeklärte Geister sind vermutlich diejenigen, die bei ihrem Pastor in Reli gut aufgepaßt und für ihre Kamellekauerei eine Eins mit Sternchen eingestrichen haben.
Daß Auferstehungsmythen satt älter sind als jede Geschichtsschreibung, ficht sie nicht na. Was den Sumerern Inanna, den Ägyptern ihr Horus, den Römern Mithras, den Griechen Dionysos und überhaupt in jeder gottverdammten Religion und jedem archaischen Kultus vorkommt, entdeckt das tränenschwanger aufgeklärte Christenkind erst im Neuen Testament.
Die Unverschämtheit, die dem Aufsätzchen die Dornenkrone aufsetzt:

Nur wer bei nüchternem Verstand ist, kann sie ertragen und glauben. Würden wir die Bibel und ihre Wundergeschichten eins zu eins wörtlich nehmen, wir fielen zurück in die Zeiten der Finsternis und der selbst verschuldeten Naivität.”

Deshalb geht sie also her und und verklärt ein uraltes mythologisches Motiv zum “christliche[n] Bild von der Auferstehung“, auf daß wir all unsere Hoffnung an eine von korrupten Klerikern verwaltete Geschichte aus der späten Antike knüpfen. Und das ist dann nicht naiv, das ist auch keine selbst verschuldete Unmündigkeit?
Darauf kann ich mich einlassen. Nennen wir’s doch einfach “Schwachsinn”.

Sensationsgeilen Assoziationsjournalismus der primitivtsen Art gönnt sich dieser Tage “Spiegel Online”, die wissen, wie man ein schreckensgeladenes Ereignis so richtig ausschlachtet. Die Spezialisten für Vordergrund und Beliebigkeit schaffen es tatsächlich, nicht nur die olle Kamelle von den Killerspielen wieder auszurollen, ohne jedes Argument dafür zu liefern. Es gelingt ihnen obendrein, dem Ganzen einen schwülen sexuellen Unterton beizumengen und mit dem Grusel vor dem bösen Internet zu verquirlen. Er hatte 200 Pornobilder auf der Festplatte, der ruchlose Killer,
davon mehr als 120 sogenannte Bondage-Bilder, die nackte, gefesselte Frauen zeigen“. Nein, wie geil, zeiigen!
Was soll uns dieses stinkende Häuflein von unzusammenhängenden Fakten sagen? Daß da bestimmt ein Zusammenhäng besteht? Daß es das Böse in der Welt gibt: Bondage, Amok, Killerspiele? Daß wir dieses Böse ausmerzen sollen, wo immer wir es finden? Uns davon fernhalten, es melden, den Exorzisten rufen? Oder sollen wir angesichts der Vorstellung nackter gefesselter Frauen ein wenig über uns hinauswachsen und uns geißeln, weil wir selbst verderbt sind? Womöglich steckt ein Killerspieler in uns? Ein Amokläufer?
Diese neue Qualität der Dokumentation setzt quasi konsequent den Kurs von Stefan Aust fort, der erst ein klobig zusammengezimmertes Terrorbüchlein zum “Standardwerk” erhoben und dann einen Schießfilm draus gemacht hat. Wir freuen uns also auf die Spiegel-Dokumentation zum Fall, vor allem auf die großzügig eingestreuten Szenen, in denen Frauen bis zur Unkenntlichkeit entkleidet und in Handschellen hart rangenommen werden.
Das schmierige Artikelchen ist überschrieben mit
Bluttat von Winnenden” – Amokläufer verbrachte Abend vor der Tat mit Killerspiel“,
es gibt aber noch einen weiteren tumben Text derselben Machart, namens:
Amoklauf von Winnenden – Zehntausende Schüler sind computerspielsüchtig“.
Auch hierin gibt sich niemand die Mühe, einen Zusammenhang auch nur zu konstruieren. In Gegenteil weist der Text tendenziell darauf hin, daß ein solcher Zusammenhang nicht unmittelbar besteht. Schaut man sich die Sache genauer an, muß man zu dem Schluß kommen, daß das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Genauso gut könnte man die Benutzung eines Taschentuchs für eine Grippe-Epidemie verantwortlich machen.
Es sind Millionen, die ballern, und es sind inzwischen auch Millionen, die Pornobildchen sammeln. Übrigens auch schon Zehnjährige – Handy und Ipod sei Dank. Die Knallchargen von der Brandstwiete fühlen sich ja gern bemüßigt, uns die Welt zu erklären – als professionelle Gatekeeper. Tatsächlich belegen sie Tag für Tag, daß sie keine Ahnung haben, von welcher Welt sie da reden. Und sie haben nicht einmal das geringste Gespür für etwas, das man mit viel Wohlwollen noch als erträglichen “Stil” bezeichnen könnte.

Die Union hält Nikolaus Brender für keinen guten Verkündungsjournalisten. Um ihn loszuwerden, setzt sie daher noch die letzte Regel außer Kraft, die bislang den reinen Staatsfunk verhindert hat, nämlich den Proporz, nach dem im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk maßgebliche Posten besetzt werden. Die Würdelosigkeit dieses Postenschachers im Meinungskartell müßte einem nicht erst auffallen, wenn der Dammbruch droht, aber immerhin regt sich Widerstand bei vielen Journalisten, die um die Reste ihrer Freiheit bangen.
Frank Schirrmacher fühlt sich gar bemüßigt, sein unnachahmliches Geschwurbel nebst seiner Internetparanoia dagegen in Stellung zu bringen, was man nicht wirklich lesen muß. Immerhin keilt auch er dagegen.
Deutlich weiter geht Hans Leyendecker, der seinen Unmut bis an der Rand der Kollegenschelte treibt:
Es gibt in allen Sendern Leute, die Einflüsterer der politisch Mächtigen sind und zum Eigennutz Politikern zu Gefallen sein wollen. Journalisten sollten sie sich besser nicht nennen. Sie sind, journalistisch betrachtet, nur Agenten oder Söldner.”
Ein erster Schritt auf einem langen Weg zur Erkenntnis. Daß nämlich der politische Journalismus in Deutschland zu einem zahnlosen Betrieb im exklusiven Saunaklub verkommen ist, macht sich nicht erst bemerkbar, wenn der eine auf das Pöstchen des anderen schielt. Es sind die Inhalte, die sie liefern, das Spektrum, das sie bedienen, aus dem sie nie ausbrechen. Wer im politischen Journalismus keine Meinung hat, hat keine Ahnung. Es sind die Meinungen, die längst der Mainstream bestimmt und nicht erst eine parteipolitische Übermacht bei der Besetzung eines Postens. Dazu sollte Leyendecker die Kollegen auffordern, und zwar täglich: Daß sie das Maul aufmachen, ohne vorher den zuständigen Staatssekretär anzurufen.

Gäbe es eine Produkthaftung für Prognosen und Umfragen sogenannter “Institute” und “Experten”, die Straßen wären mit ihren Leichen gepflastert. Dasselbe gilt umsomehr für Journalisten, die diesen kompletten Quatsch täglich unters Volk jubeln. Und selbst dieses sollte man allmählich mit Schimpf und Schande entlassen, weil es sich wissentlich solchen Mist vorsetzen läßt und ihn für bare Münze nimmt.
Ein feines Beispiel dafür gibt der ZEW-Index ab, von dem man nicht wirklich wissen muß, was er ist. Er schreit einem entgegen: “Vorsicht, Schwachsinn!”, wird aber genau wie das ifo-Kamellebarometer oder forzagetürkte Umfragen stets als pure Weisheit verkauft. Dazu paßt auch, daß die “fünf Weisen” nicht die klügsten Köpfe des Landes sind, deren Aussagen relevant wären und einer Prüfung standhielten, sondern die Bezeichnung für jene Institute, die es schon immer besser wußten und noch nie haben kommen sehen.
Zahlen, Säulen- und Kuchendiagramme, die ein Krawattenmann mit komplizierter Berufsbezeichnung erklärt, sind ja so etwas von seriös! Auch wenn sie im “Spiegel” schön bunt plaziert werden, wollen sie uns sagen: Fakten, Fakten, Fakten!
Daß dortselbst etwa die Werte für die FDP innerhalb von zwei Tagen um fünf Prozent fallen können, was soviel ist wie ein Drittel der angeblichen Wähler, scheint nicht zu stören. Dabei ist dieser Zahlenschrott derart lächerlich, daß man ihn unkommentiert in der “Titanic” veröffentlichen könnte.
Es ist ein Phänomen, und ganz en passant ein weiterer Nachweis dafür, daß diese Marktwirtschaft mit “Angebot und Nachfrage” rein gar nichts zu tun hat. Niemand kauft so etwas. Alle, die am Kiosk Papier kaufen oder vor der Glotze herumlungern, lassen sich das nur andrehen, eingepackt in “News” aus Katastrophen, Wetter und mehr oder weniger Titten. Das geht genauso wie mit den faulen Krediten, die in “ganz seriöse Finanzprodukte” eingewickelt wurden. SpOn zum Beispiel ist kaufmännisch auf dem richtigen Weg, wenn sie Titten und Hitler zum Dauerbrenner machen, aber was zur Hölle wollen sie mit diesem Zahlengeschmeiß?
Ceterum censeo: Reißt “Forsa” endlich ab! Der Meinungsschreier Güllner merkt nicht einmal, daß “Beck weg” ist, jedenfalls interessiert ihn und seine Liberalalas ihr Geschwätz von gestern scheinbar immer weniger. War Beck nicht damals ganz allein schuld am Desaster der SPD? Und jetzt geht es weiter bergab? Wo bleibt die Erklärung dafür? Ich würde mich nicht wundern, wenn Güllner bald in die FDP einträte, das könnte einiges erklären.
Als weitgehend mündiger Leser fühle ich mich inzwischen nicht mehr nur verkaspert, sondern kriminell betrogen. Für mich ist jeder Cent, der für diese tendenziösen Spökenkieker gezahlt wird, schlicht Unterschlagung. Allein für die Zeit, die ich mit dem Anblick einer “Grafik” aus solcher Feder verbringe, möchte ich dem Urheber eine Rechnung schicken und obendrein Schmerzensgeld fordern.
Es ist zum Heulen: Ökonomen, Demoskopen und Journalisten erweisen sich in diesen Tagen als ein Konglomerat von Vollpfosten und geborenen Versagern, die sich ernsthaft noch immer dazu berufen fühlen, uns die Welt zu erklären – und zwar mit solchen Mitteln.

Man könnte meinen, er sei schon gut in den Siebzigern und sehnte sich in die Nachkriegszeit zurück, als er mit seinen Pfadfinderkumpels stickige Hütten teilte. Er versucht, auch etwas zur Wirtschaftskrise zu sagen, und ihm fällt nichts anderes ein als “Schweiß”, Männerschweiß vermutlich, der es ihm furchtbar angetan hat. Der Sermon aus romantisierender Ludwig-Erhard-Verehrung, Merkelei, Besserwissen, nationaler Eitelkeit und eben “Schweiß” hat mit vielem zu tun, “Wirtschaft” ist allerdings ebensowenig darunter wie irgendeine Kompetenz oder Information. Es ist Geschwurbel pur, wie wir es von einem kennen, der sich schon mehrfach selbst überlebt hat. Das mit nicht einmal fünfzig Jahren hinzulegen, ist schon achtbar.
Was sagt uns also der Dichter, und vor allem: Worüber eigentlich?
Was Obama von Deutschland lernen kann” will er uns erzählen und wartet mit einem Mix an Plattitüden und halbwissentlichen Stereotypen auf, daß man sich wünschte, Obama würde das wirklich lesen. It’ll make his day, er wird selten so gelacht haben.
Über den New Deal weiß Steingart, daß er durch Schulden finanziert wurde, furchtbare Schulden, die die USA in schreckliche Bedrängnis gebracht haben. Kaum achtzig Jahre danach waren sie immer noch die stärkste Wirtschaftmacht. Hätten sie doch nur auf Deutschland und seine Weltökonomen gehört, die ihnen das böse Konjunkturprogramm ausgeredet hätten, sie wären sicher viel erfolgreicher gewesen.
Ludwig Erhard, der wußte, wie es geht. “Stabilitätskultur” als “Handarbeit” Erhards setzt Gabor gegen den New Deal. Ernsthaft sieht er solche im Merkelschen Konjunkturprogrämmchen, denn:

Übermäßiger Kredit ist gemäß dieser Anleitung verboten. Geld müsse knapp und wertvoll sein, dann erst strengten sich alle an. Man erzielt die besten Ergebnisse, wenn man nach alter Väter Sitte verfährt, glaubte Erhard: Arbeite hart und vergiss das Sparen nicht. “Der Staat kann nichts leisten, was nicht aus der Kraft seiner Bürger fließt”, lautete seine Botschaft. Er hätte auch sagen können: Ohne Fleiß kein Preis.

So einfach ist das, Herr Obama. Klare Kante, diese Bewerbung auf einen Beraterposten im Stab des Präsidenten.
Wenn jemand nichts, aber auch gar nichts über den Sinn und Zweck von Konjunkturprogrammen kapiert hat, dann schreibt er einen solchen Mumpitz und schwafelt in einer Rezession, die sich gewaschen hat, von “Sparen”. Schenken wir uns einmal die Worte über Steingarts Anbetung der Bush-Administration, die so gar nicht in seine Versuche passen will, den Ökonomen aller Länder zu erklären, was er so alles weiß. Sparen wir uns auch den schmerzhaften Gedanken, daß sein “Ich weiß was” ernsthaft ein Beitrag zum Problem der Weltwirtschaftskrise sein soll. Was lesen wir dann?
Die Deutschen haben eine “Stabilitätskultur”. Worin diese besteht, wird leider nicht erläutert. Was das mit der Ära des Neoliberalismus seit den frühen Achtzigern zu tun hat oder mit der kurzen Ära sozialliberaler Wirtschaftspolitik, erschließt sich auch nicht. Wie der Vergleich der Nachkriegsära ins Bild passen soll, der eines Dollar-gesponsorten Neubeginns, schon gar nicht. Muß ja auch nicht, denn Ökonomie ist ja ganz einfach: Stabilitätskultur plus Schweiß. Blicken wir also bei ersterer nicht so recht durch, bleibt uns also nur letzterer, der “Schweiß”. Gabor weiß, daß der für alles Gute steht, aber:

So kann Deutschland heute zwar Autos, Maschinen und Riesling exportieren, nicht aber seine Stabilitätskultur. Schweiß verkauft sich so schlecht.”

Ähm, ja. Will heißen? Daß der Neger nicht schwitzt? Vermutlich verbirgt sich hinter dieser bahnbrechenden Erkenntnis eine esoterische Weltformel, die nur kennt, wer Roosevelts Tagebuch gelesen hat. “FDR”, wie Steingart ihn zu nennen beliebt, was ungemein informiert klingt, hat dort nämlich etwas vom Schlechten der Schulden notiert. Und wer sich wirklich auskennt, dem ist überdies bekannt:

Vor Gericht und im eigenen Tagebuch sagt ein Amerikaner die Wahrheit.”

Ja, so ist er, der Ami. Im Tagebuch anderer sagt er also nicht unbedingt die Wahrheit, und vor Gericht, ich schwör, hat noch nie ein Amerikaner gelogen.
Der gerichtsfeste Tagebuchamerikaner ist also ein Feind von Schulden, selbst wenn er welche gemacht hat. Da ist er ganz wie Ludwig Erhard. Würde er jetzt noch Schweiß importieren, wäre das Ding geritzt und die Welt gerettet.
Einen kleinen Hinweis gibt uns das ein-Mann-Weltrettungskomittee des Spiegel dann doch noch, was er mit “Schweiß” meinen könnte:

Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten“,

zitiert er den Wirtschaftswundermann. Genau das hat uns schon immer geholfen: Weniger Geld für mehr Arbeit. Die ausufernden Löhne der letzten 15 Jahre, die weltweit fürs Nichtstun gezahlt wurden, sind das Problem. Hätten wir an dieser Stelle nur gespart, wäre jetzt alles gut und wir hätten eine Stabilitätskultur.
Angesichts dieser Weisheiten fragt man sich, ob Gabor Steingart die letzten Jahre bereits in der geschlossenen Abteilung verbracht hat, in der ihn so mancher unfreiwillige Leser gern sähe.

Im Tarifkonflikt der Deutsche(n) Bahn sieht deren Arbeitgebervertreter “kaum Verhandlungsspielraum”. Das hat er ja schnell gelernt, der Norbet Hansen. Letztes Jahr noch hat er im Gewand des Gewerkschaftschefs auf der anderen Seite “verhandelt”. Damals wie heute gegen die Interessen der Mitarbeiter, heute allerdings nicht auf deren Lohnliste. Das muß man sich mal in Erinnerung rufen, daß der feine Herr sich noch von den Leuten hat bezahlen lassen, die er im Dienst der Gegenseite verkasperte. Danach besann er sich allerdings eines besseren – und ließ sich für noch mehr Geld ganz offiziell von Mehdorn kaufen.

Bei Zeit.de fordert Alexandra Endres die Verstaatlichung von Banken. Ja, weiß sie denn nicht, daß der Staat der schlechteste Banker ist? Das hieße doch Milliardenverluste für den Steuerzahler! Da wäre es doch besser, eine “Bad Bank” einzurichten. Das hieße zwar dasselbe, aber es gingen dem Markt wenigstens keine Gewinne flöten, wenn der Laden wieder läuft. [edit:] weißgarnix stellt in aller Kürze eine weitergehende Idee dar.

kipoter

Die TAZ schließlich übt sich in “Super Symbolfotos”, was mir eine Inspiration war.

Die Frankfurter Rundschau macht sich in persona Tonio Postel keine Sorgen mehr um die Jugend. Diese ist verderbt und verloren durch Porno und Internet und Porno im Internet. Die “Datenlage” ist zwar “ungenau” und Betroffene kennt die FR nur per E-Mail, aber das ändert nichts an der Gewissheit: Unsere Kinder werden süchtig und kennen keine Liebe mehr – durch Internet.
Einige Zitate aus dem Zusammenhang:
Nach dem Ausfüllen eines Fragebogens hatte er Gewissheit: Sören wurde als onlinesexsüchtig eingestuft.”
Hätte er bloß nicht diesen Fragebogen ausgefüllt!
Laut einer aktuellen Studie des Kinsey Instituts in Bloomington, USA, besuchen weltweit 40 Millionen Erwachsene jährlich Pornoseiten im Internet.”
Es ist erschütternd, wie wenige Menschen Zugang zum Inernet haben, oder? Wenn man sich aber etwa diese .pdf anschaut, wird deutlich, daß allein in den USA mehr als 40 millionen Erwachsene Pornoseiten besuchen. Beruhigend.
Laut Gabriele Farke, der Vorsitzenden des Vereins HSO, seien von den 60 Millionen deutschen Internetnutzern “fünf bis neun Prozent”, also etwa zwei Millionen onlinesüchtig.”
Fünf Prozent von 60 millionen sind schon 3 millionen, macht aber nix. Ich bin übrigens einer von ihnen. Außerdem bin ich luftsüchtig, kaffeesüchtig, autosüchtig, telefonsüchtig und bis vor kurzem freundinsüchtig. So what?
Während sich der Verein seit neun Jahren mit Onlinesucht auseinandersetze, trete die Onlinesexsucht verstärkt erst seit zwei Jahren auf und stelle in der Gesellschaft immer noch ein großes Tabu dar.”
Also: Der Verein ist sieben Jahre älter als die Onlinesexsucht. Na Hauptsache, es gibt sie, wovor sollte er sonst warnen?
Dass die Streifen aus dem Internet extremer sind als jene aus der Videothek, ist kein Geheimnis mehr.”
Daß die Streifen aus dem Internet auch aus der Videothek kommen, ist wohl noch ein Geheimnis? Psst, wir behalten das für uns!
Der Pastor der Friedenskirche in Hamburg-Jenfeld und Leiter des dortigen Hilfsprojektes “Arche”, Thies Hagge, differenziert
Was zur Hölle ist in einen Pastor gefahren, der differenziert?
Schon ist man drin – und viele finden nicht mehr raus.”
Gemeint ist nicht die bevorzugte Vagina, sondern ein einschlägiger Internetauftritt. Hier tut Aufklärung not, man sollte das in der Schule lernen. Vielleicht sogar beides.
Pastor Bernd Siggelkow sieht durch Pornos gar die Liebe in Gefahr.
Na geht doch, ein Pastor nach meinem Geschmack!
Er berichtet von 22-jährigen Frauen, die vier Kinder von vier verschiedenen Männern hätten und in Chat- Rooms auf der Suche nach einem neuen Partner seien. Oder von einer Mutter, die mit ihren vier und fünf Jahre alten Kindern Pornos schaute und der dazu nur einfalle: “Ist doch bloß Sex.” ”
Andere gehen in die Kneipe und legen sich nackt auf den Tresen. Was ein Aufwand! Und mal angenommen, dieses Gequatsche sei nicht frei erfunden: Sitzt dann der Pastor mit der Mutter und den Kindern vor dem Rechner? Wenn die Mutter das so normal findet, hat sie das wohl kaum gebeichtet?
Kränkungen sind nach Ansicht von Experten dabei programmiert: Partnerinnen, die von der Pornosucht erfahren, fühlten sich oft nicht mehr attraktiv genug und unterzögen sich deshalb sogar Schönheits-Operationen.”
Ach so, deshalb lassen sich die ganzen Bratzen ihre Tüten aufblasen, wegen Internetporno! Daher sicher auch Magersucht, Botox, Schuhshopping und Klimawandel.
“Um die jungen Leute vor Pornos zu schützen, könnte man eine bestimmte Schutzsoftware auf den Rechnern installieren. Worte wie “Porn” oder “Sex” kommen auf den Index, die Seiten können nicht länger erreicht werden. Blöd nur, dass es keine Version für Mac-Rechner gibt.”
Muuhaha, ich sehe Myriaden von Mamis und Papis, die ihren Kindern zeigen, wo der Hammer nur noch hängt im Internet. Und Söhne, die sich deshalb einen “Mac-Rechner” kaufen.
Kinders, wenn ich viel Geld bekommen hätte, um einen möglichst dämlichen Artikel über Porno im Inernet zu schreiben, dieses Meisterwerk wäre mir nicht gelungen. Um einmal kurz sachlich zu werden: Wie das mit der Liebe vor der gnadenlosen Kommerzialisierung von allem und jedem war, kann man sich noch bei Oswalt Kolle anschauen. Damals hat sich noch nicht jeder Schnösel einen blasen lassen, aber ich wage zu bezweifeln, daß die Missionarsstellung und vollkommene Ahnungslosigkeit nebst klerikaler Bigotterie bessere Mittel für die Liebe waren. Und wenn man denn die spezifischen Gefahren neuer Technologien für die Jugend diskutieren will, wäre es nicht schlecht, ein wenig Sachkenntnis mitzubringen. Von der Jugend, vom Internet oder für den Anfang wenigstens von irgendwas.

p.s.: Feynsinn ist hiermit endlich Kiloblog. Dies ist mein tausendster Eintrag. Ich hatte Spaß daran, und das ist auch gut so.

« Vorherige SeiteNächste Seite »