Journalismus


Ministerpräsident Oettinger wurde jüngst eine Ehre zuteil, die sonst Oskar Lafontaine vorbehalten ist: Er wurde von Journalisten, die ein Interview zu führen vorgaben, angepöbelt. Schon die Eingangsfragen bzw. -Statements bewegen sich auf einem Niveau, dem ich persönlich mich verweigert hätte:

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wie fühlt man sich als Verlierer?“; und

SPIEGEL: Uns kommen Sie vor wie der Pannen-Ministerpräsident Nummer eins.

SPIEGEL: Ihre jüngste Pleite trägt den Namen Porsche. Der kleine Sportwagenbauer aus Zuffenhausen hat mit Ihrer Hilfe versucht, den Riesen VW zu schlucken. Das Ergebnis dieses Versuchs ist erbärmlich: Porsche wird zu einem Subunternehmen von VW degradiert und in einer Reihe mit Edelmarken wie Skoda oder Seat stehen.

Nachdem sie sich also völlig zusammenhanglos erst einmal ein wenig warmgepöbelt haben, kreiden die Helden vom “Spiegel”, René Pfister und Simone Kaiser, Oettinger an, daß Wedeking gegen Piech den Kürzeren gezogen hat und nennen das “erbärmlich”. Wohlgemerkt: Das ist der Auftakt zu diesem “Interview”. Im weiteren Verlauf wird es nicht wesentlich freundlicher. Da wird Oettinger vorgeworfen, er habe Merkel “genervt”, er würde “immer das Falsche sagen, und das auch noch zum ungünstigsten Zeitpunkt”, und als ob das noch nicht rustikal genug sei, reiben ihm seine Inquisitoren unter die Nase, daß ein Porsche-Manager ein Verhältnis mit seiner Gattin hat.

Ich erfahre aus dem Interview nichts Neues von jedweden Hintergründen, sei es Porsche betreffend, Oettingers Rolle in der CDU oder sonst etwas Relevantes. Ich erfahre, daß der Ministerpräsident aus verborgenen Gründen von der Redaktion offenbar zum Abschuß freigegeben wurde und sich ob der peinlichen Unhöflichkeiten seiner Gegenüber wacker schlägt. Mir fehlt jedes Verständnis für diese Veranstaltung. Ich kann nur feststellen, daß inzwischen nicht einmal mehr ein halbwegs anständiges Interview zustande kommt, wenn die ABC-Schützen von der Brandstwiete losziehen. Ich nehme an, daß diese rülpsende Grobheit als “kritisch” gelten soll, da man ja keinen falschen Respekt vor dem großen Namen zeigt.

Aber eben auch keinen richtigen. Ich kann Günther Oettinger nicht leiden, seine Ansichten, sei es zu Filbinger oder Steuern auf Lebensmittel, sind mir widerwärtig. Hätte ich mich mit dem Mann auseinander zu setzen, dürfte er sich aber jederzeit einer Höflichkeit gewiss sein, die ohne Ansehen der Person zunächst einmal jedem gebührt. Sollte er sich dann inhaltliche Blößen geben, wäre es mir ein Vergnügen, ihn mit dem selbst gedrehten Strick aufzuknüpfen. Genau das aber kann beim Spiegel keiner mehr. Sie können tief buckeln und gemein treten. Mittlerweile kann man nicht einmal mehr erkennen, wen es wie warum trifft. Es herrschen Willkür und Beliebigkeit.

Hat Oettinger das verdient? Darüber ließe sich streiten, aber daß sich die Frage stellt, ist schon das Armutszeugnis. Egal ob einer Ministerpräsident ist oder Hartz-IV-Empfänger, ob ein Groschenblatt gegen ihn hetzt oder ein Magazin, er sollte wie jeder andere Bürger von staatlicher Willkür ebenso verschont bleiben wie von journalistischer.
Was sind das für Zeiten, in denen ich mich genötigt sehe, einen reaktionären Unsympathen vor dem “Spiegel” in Schutz zu nehmen!

Es gibt in diesem Zeiten ja eine Menge dummer Propaganda, die mehr oder minder verschämt von den Großmedien betrieben wird. Man einigt sich auf einen gewissen Sprachgenrauch, da wird der eine “Populist” genannt, der andere mit “Rettung” in Verbindung gebracht, es werden Sympathiewerte ausgewürfelt und dem Volk derart “objektiv” untergejubelt, was es von seinen “Vertretern” zu denken hat.

Es geht aber auch anders: Unverblümt, direkt und derart verlogen, daß Widerspruch zwecklos erscheint. Die pure Meinungsmacht wähnt sich hier am Werke oder ist es tatsächlich. Da wird behauptet, gewertet und etikettiert ohne einen Anflug von Information, Begründung oder Zurückhaltung, da wird schlicht agitiert.
Was Cicero-Mann Weimer im “Stern” von sich gibt, ist fürwahr atemberaubend. Er will “Querdenker” entdeckt haben, “kantige Klartext-Sympathen”, die so ganz anders seien als die Mainstream-Politiker und die ihre ganz eigenen Ansichten vertreten. Und wen meint er damit? Jürgen Trittin? Oskar Lafontaine? Oder vielleicht Heiner Geißler?

Nein, die verrückt-sympatischen Querdenker sind zu Guttenberg, Steinbrück und Westerwelle. Ausgerechnet diese aalglatten Sprechpuppen neoliberaler Binsenweisheiten will Weimer als intellektuelle Rebellen verkaufen. Man kann mich ja davon überzeugen, daß die Leser überflüssiger Hochglanz-Magazinchen auch mittags am Äquator noch einen langen Schatten werfen, aber daß sie im Gros so dämlich sind, die eifrigsten Mitläufer nicht von Widerständlern unterscheiden zu können, halte ich dann doch für arg optimistisch. Zumindest muß man verdammt hart daran arbeiten, sich eine derart verblödete Leserschaft zusammen zu schmieren. Der darf Herr Weimer seinen erbarmungswürdigen Kotau dann auch gern präsentieren, aber könnte nicht wenigstens der “Stern” seine unbedarfte Laufkundschaft davor warnen?

Der Wettbewerb unter solchen Kuhjournalisten mit flexibler Wirbelsäule scheint ausgesprochen hart zu sein. Die Wahrheiten und Weisheiten der vergangenen Jahre lösen sich in Luft- und Spekulationsblasen auf, die Helden entpuppen sich als Versager, die Deckel, unter denen der Mief der Korruption gehalten wurde, weichem dem Druck ungeminderter Unverschämtheit. Da ist es mit “Augen zu und durch” nicht mehr getan. Da ist schon schwer im Hintertreffen, wer nicht wirklich taub und blind ist. Da macht sich schon überflüssig, wessen Lügengeschichten noch letzte Hemmungen zu erkennen geben.

Wolfram Weimer ist in dieser Hinsicht von keinerlei Zweifeln beeinträchtigt. Er hat getan, was er kann und gezeigt, daß er sich für Höheres eignet. Seinem kritischen Geist entspringt die Art spitzer Zunge, die selbst feinstes Stiefelprofil noch zu reinigen vermag, ohne daß die Majestät sich dazu vom Sitze erheben muß.

Ich beginne mit Selbstkritik: Was nun folgt, ist einer jener Artikel, in denen genörgelt wird, ohne ein Minimum an Eigenrechereche zu leisten. Zumindest im ersten Teil werde ich unkritisch und unüberprüft die Meinung eines Journalisten über Kollegen übernehmen, obwohl ich gar nicht weiß, ob seine Kriritk konkret berechtigt ist. Allein, daß sie allgemein nicht fehlgeht, animiert mich dazu. Dies ist ein trauriger, beinahe unhaltbarer Zustand, und darum muß natürlich geklärt werden, warum ich mich zu einem Beirtrag derart verzichtbarer Qualität hinreißen lasse.

Es geht um den “Spiegel”. Im Kern um einen Artikel in der FR, der den Experten von der Brandstwiete vorwirft, daß sie “Hitler weiß waschen“. Im aktuellen Leitartikel werde der Zweite Weltkrieg zur unvermeidlichen Folge des Ersten dargestellt.
Das kann ich mir zunächst einmal gut vorstellen, denn die History-Entertainer und Knoppologen, die dort am Werk sind, greifen gern mal ins Klo, wenn’s der Auflage dient. Die sogenannten “Leitartikel” und ihre grafische Darstellung arbeiten mit denselben Effekten, mit denen auch SpOn stets die Augen fängt: Titten und Hitler.

In der Titten-Abteilung bedient Sie derweil Herr Reinhard Mohr. Der Mann geht mir jedesmal, wenn ich so fahrlässig bin, nicht zuerst den Namen des Autors zu lesen, unglaublich auf den Zeiger. Ich habe nicht einen einzigen Artikel von ihm gelesen, der nicht grottenschlecht und meist ebenso tendenziös war, sodaß es mir extrem schwerfällt, ihn nicht jedesmal dem Gespött der Menge preiszugeben. Mit Ignoranz ist derartiges freilich besser bedient.
Im gegebenen Zusammenhang erlaube ich mir aber, ein Beispiel dafür anzuführen, um das eingangs skizzierte Problem zu erläutern.
Mohr hat nämlich Claudia Pechstein auf außerordentlich raffinierte Weise des Dopings überführt. Sie ist schuldig, weil sie neuerdings Blond ist und überhaupt mit ihrer Attraktivität punktet.

Blutdoping, das ist, wenn benn Reinhard etwas anschwillt. Das muß ja irgendwo her kommen. Die Hexe wars, die blonde! Genau so hat die Inquisition funktioniert, es ist das schwül-erotische Element der Hexenjagd: Wer süß und unschuldig guckt, ist des Teufels. Verführung und Schuld sind eine Einheit. Dieser unglaubliche Mist überrascht mich nicht, weil “Mohr” darüber steht. Und der ist eben auch drin.

Daß beim “Spiegel” sogenannte “Journalisten” so etwas schreiben dürfen, stellt mich vor ein Problem. Denn dieses Blatt nennt sich “Nachrichtenmagazin”, wird so wahrgenommen und hat eine gigantische Reichweite. Man muß zudem konzedieren, daß bei allem unfaßbaren Murks, den man dort zu lesen bekommt, die Nachrichtendichte noch recht hoch ist. Man kommt am “Spiegel” nicht vorbei. Ich halte es ja schon mit der echten Boulevardzeitung, die schon immer nur gehetzt hat, so, daß ich nicht einmal ihren Namen erwähne. Dieses Prinzip kann ich nicht endlos ausweiten.
Andererseits fällt es mir natürlich im Leben nicht ein, auch noch Geld für diesen Käse auszugeben, um mitreden zu dürfen.

Das Resultat ist also das, was ich mir als Blogger sonst eben nicht vorwerfen lasse: Daß ich etwas abschreibe und mit der Meute brülle. In diesem Fall bleibt mir aber nichts anderes übrig. Und das ist mein Vorwurf an die Aufdecker von Hitlers heimlichen Huren: Qualitätsjournalismus ist ansteckend. Ich begebe mich auf ein Niveau, das mir nicht zu Gesicht steht. Das muß sich ändern!

Erstaunt habe ich heute bemerkt, daß ARD und ZDF doch wieder über das Räuber-und Gendarm-Spiel rund um die radelnden Labors berichten, die auch diesen Sommer wieder durch Frankreich touren. Ist wohl wieder so viel Ruhe eingekehrt, das nach der Masse der Einzelfälle nunmehr nur noch Einzelfälle aufgedeckt werden?
Offenbar sind EPO und das plumpe Blutdoping aus der Mode gekommen. In einschlägigen Foren werden Erfahrungen über Kreatin und Sodium Phosphat ausgetauscht, über die Gefahren der EPO-Alternativen und ihre Effekte. Über Gen-Doping wird nur geflüstert, und was wirklich eingenommen wird, wissen vermutlich nur die esoterischen Experten des inneren Zirkels.

Wie schon zuletzt, als Sportler noch reihenweise aufgeflogen sind, werden es höchst effiziente Cocktails sein, die schneller machen. Hormone, EPO, Eigenblut wurden aufgedeckt, von anderen Mitteln glauben zumindest Amateursportler, sie seien nicht nachweisbar, sicher aber: noch nicht.
Es gibt ohnehin legale leistungssteigernde Mittel, das fängt beim Kaffee an und endet bei Asthmamitteln. Nur was wirklich aufpeppt, ist verboten, sobald es bekannt ist.

Der Fall der Eisschnelläuferin Pechstein bringt eine neue verzweifelte Strategie ans Tageslicht: Wenn Sportler zu auffällige Blutwerte aufweisen, gelten sie als gedopt – oder auch nicht, wie sich in dem Zusammenhang bald herausstellen wird. Ich habe in früheren Artikeln zum Thema (Linkliste am Ende des Verlinkten) bereits gesagt, daß man sich auf Maximalwerte einigen könnte, dann aber bitte nicht um die Ecke: Sollen sich die Sportler im Rahmen solcher Legalität aufpeppen, wenn sie es nicht übertreiben. Das ist kontrollierbar und gibt allen die gleiche Chance.

Wer wissen möchte, ob gedopt wird oder nicht, kann sich die Bluttests gleich sparen. Die Leistungen, die erbracht werden, das durchschnittliche Tempo, sind ein sicherer Beweis dafür, daß mindestens fast alle weiterhin dopen. Der Fall Kohl wäre eine wunderbare Gelegenheit gewesen, das endlich zur Kenntnis zu nehmen. Stattdessen wurde eine weitere Karriere ruiniert, damit der bigotte Betrieb nur eines sichert: Die schreiende Dummheit einer Wettbewerbsverzerrung durch idiotische “Kontrollen”. Das Comeback von Lance Armstrong, König der Unerwischten, macht die Karikatur perfekt.

Die sauberen deutschen Medien setzen aber noch einen oben drauf: Die ARD leistet sich eine “Dopingredaktion”, was immer das sein mag. Zur Aufklärung trägt sie weniger als nichts bei, denn wer zehn Minuten googelt, erfährt mehr über leistungssteigernde Mittel, als das Fernsehen in den letzten 20 Jahren zu berichten wußte. Daß diese saubere Anstalt, deren Berichterstatter stets Teil einer korrupten Bande von Profiteuren waren, nichts zu einer Lösung des Problems beitragen, liegt in der Natur der Sache. Da Radsport derzeit kein ernstzunehmender Wettbewerb mehr ist, dennoch viele Interessenten hat, fährt man eine Doppelstrategie: Live-Berichte übers Radfahren und scheinheilige Enthüllungen über die bösen Dopingtäter. Damit sind natürlich die Sportler gemeint, an deren Leistung man mitverdient, und die man an den Pranger stellt, wenn offenbar wird, worauf diese Leistung beruht.

In den letzten Jahren wurde mein Respekt immer größer vor den Sportlern, die mit pharmazeutischer Hilfe noch besser werden, als sie ohnehin schon sind. Mehr Respekt habe ich nur vor denen, die ihren Sport aufgeben, weil sie diesen Weg nicht gehen wollen.
Überhaupt keinen Respekt habe ich vor den falschen Schlangen, die vom Geschäft leben und mit dem Finger auf die Erwischten zeigen. Sie spielen sich als Moralwächter auf und sind selbst genau der Abschaum, vor dem sie so scheinheilig warnen.

Wer wissen will, was der Begriff “Nützlicher Idiot” meint und wie man sich zu einem macht, dem sei die Lektüre eines Artikels von Christian Denso empfohlen. Er enthält alle die Merkmale hanswurstiger Radfahrermentalität, die einen schmierigen Schreiberling ausmachen, welcher vor dem vemeintlichen Common Sense nicht tief genug buckeln kann. Nach unten trampelt er ungeniert herum auf einem Popanz, einem Stereotyp der irgendwie Anderen, einem Einzelnen, scheinbar isolierten, dem er mächtig am Zeuge flicken kann, und einem willkürlich Mitgehängten.

Jörg Tauss, der unter Verdacht stehende Kinderschänder und seine finstren Komplizen aus dem Netz, die aus Gründen keine Internetsperren wollen, sind in seinem Stück die Bösen. Der eine ist verdächtig und damit so gut wie überführt, die anderen wollen ihn partout nicht verurteilen. Um diese Kulisse zu stützen, ist keine Lüge zu simpel gestrickt, und wer jedwede Informationen erwartet, wird lange suchen müssen. Daß etwa das “Sammeln von Kinderpornographie” eine “Lappalie” sei, ist mir in der dreistelligen Zahl der Artikel zum Thema, die ich gelesen habe, nicht ein einziges Mal begegnet. Diese Haltung den “Piraten” zu unterstellen, ist allemal eine Lüge, und wie es sich gehört, gibt es für das vorgebliche Zitat auch keine Quellenangabe.

Wenn man wissen möchte, was Tauss da genau gemacht hat, muß man sich mit den Fakten auseinandersetzen. Ich selbst habe zunächst gedacht, daß jemand kaum so dämlich sein kann, private Recherchen zu betreiben, ohne sich abzusichern. Befaßt man sich näher mit Tauss, kann man allerdings zu dem Schluß kommen, daß der Mann zu so etwas fähig ist. Vor allem aber die Feststellung der Ermittler, man habe bei Tauss “szene-untypisch wenig Material” gefunden, ist ein sehr starkes Indiz dafür, daß er kein Pädophiler ist. Ich halte also fest: Tauss hatte Gründe, in der Szene zu recherchieren, da er als Bundestagsabgeordneter mit dem Thema beschäftigt war. Es finden sich entlastende Indizien. Er wird dennoch verdächtigt und hat sich überdies den Buchstaben des Gesetzes gegenüber unkorrekt verhalten. Er hat sich nicht abgesichert, was dämlich ist und Zweifel an seiner Unschuld begründet. Es hat seinen Ruf und seine Karriere ruiniert.

Nun hat sich Holger Klein als einer von hunderten zur Causa Tauss geäußert und festgestellt, daß das Timing der Veröffentlichung der Vorwürfe anrüchig sei. Zufällig zu einer Zeit, da Tauss der qualifizierteste Bundestagsabgeordnete wäre, der sich zum Thema Internetsperren äußern kann, ist er de facto mundtot gemacht, gerade weil man ihm unterstellen wird, er verteidige die Rechte Pädophiler. In hunderten von Blogs wurde spekuliert, argumentiert und kommentiert, wahrlich nicht nur im Sinne der Reinwaschung von Jörg Tauss.
Denso greift sich willkürlich einen raus, den er am Nasenring herumführen und ihn mit seinen üblen Pauschalverdächtigungen behängen kann. Google macht’s möglich.

Anstatt sich mit Fakten zu beschäftigen, sei es in bezug auf die Stopschilder oder die Causa Tauss, wird hier ein bigottes Moralgewäsch veranstaltet, dessen Niveau nicht einmal die Kante des Stammtischs erreicht. Mit den Schlußworten “Jede Gemeinde sucht sich den Helden, den sie verdient” gerät das unwürdige Spiel endgültig zum russischen Journalisten-Roulette. Hier gibt sich einer ohne Not die Kugel, in dem Glauben, er hätte jetzt aber mal ganz feste Tacheles geredet. Was sich als meinungstark geriert, ist aber eben alles andere. Keine Ahnung, keine Meinung, und wer in einem solchen Nebel von Klischees behauptet, dies sei seine “Meinung”, lügt, wenn er “ich” sagt.

Ich habe gar nichts dagegen, wenn sich einer weit aus den Fenster lehnt und auf den Putz haut. Im Gegenteil wäre es mir ausgesprochen sympathisch, wenn Verleger, Redakteure und Autoren öfter einmal auf vorgeschobene Ausgewogenheit verzichteten. Aber bitte nicht fernab aller Fakten, ohne jede Recherche und dann noch wie Richter Gnadenlos persönlich.

So etwas steht also in der “Zeit”. Ein wunderbares Beispiel für den Untergang des Journalismus durch die Macht des Internets. Niemand hier draußen kann mit solchem Mist bestehen. Einige schreiben ganz schönen Käse, aber auf diesem Niveau will das niemand lesen. Die Presse leistet sich das dennoch und behauptet weiterhin dreist, sie habe höhere Qualitätsansprüche. Dieser Artikel zum Beispiel ist aber so schlecht, daß er Wirkung entfaltet. Kaufe ich ein Blatt, das ja tatsächlich einmal für Qualität stand, wenn es mir solchen Schund zumutet? Sicher nicht.

Aber es kommt noch dicker: Das Netz ist nämlich gnadenlos, es hat das totale Gedächtnis. Christian Denso hat sich hier verewigt. Er mag vielleicht gedacht haben, sich der Majestät anzudienen mit diesem Akt eifriger Überanpassung. Was aber bleibt, ist ein handwerklich unterirdischer Artikel, der zudem noch menschlich äußerst fragwürdig ist. Mit einer solchen Bürde wird man als Autor nicht alt, wenn man ernstgenommen werden will.

Ich habe mich lange mit Kritik zurückgehalten, was den neuen “Freitag” und dessen Online-Auftritt anbetrifft, aber angesichts des fahrigen arroganten Gequatsches, das Jakob Augstein im Interview mit der FR von sich gibt, halte ich das Wasser nicht mehr. Er sieht sich wohl als ganz große Marke in der Netzwelt wie im Journalismus, sieht die Sueddeutsche sterben, weil sie überflüssig wird, erfährt in der “Bild” hingegen “etwas über das Arbeitsleben der Leute oder über merkwürdige Beziehungssituationen” und will die Welt des Kuhjournalismus nicht den Bloggern überlassen – von denen er nach wie vor keine Ahnung hat.

Ich bin Herrn Augstein nie begegnet, aber das ist seine Schuld. Als ich im letzten Dezember mit zwei Bloggerkollegen in der Redaktion war, um über eine mögliche Kooperation zu sprechen, ließ er seinem Stellvertreter den Vortritt. Und selbst der bekam offenbar nicht einmal die allernötigsten Ressourcen zur Verfügung gestellt, um sich mit selbständigen Bloggern herumzuschlagen.
Ich war damals eingeladen worden, weil einer der Kollegen auf die Diskussion hier aufmerksam gemacht hatte, in der es um einen konzertierten Blogger-Auftritt für das “Superwahljahr” ging.

Beim “Freitag” fand man das spannend und hatte mit der “Wahlkampf-Arena” ein Projekt in Vorbereitung, das zu passen schien. Es wurde eingehend darüber gesprochen, es wurde geplant, es gab ein Wiki. Es gab viele Ideen, aber offenbar keine Ressourcen, um diese umzusetzen. Was davon beim “Freitag” noch übrig ist, wurde mir in einer Mail als “verschlankt” angekündigt. Es ist ein schlechter Witz und hat mit der Grundidee nichts mehr zu tun.

Ähnlich ergeht es mir mit den sogenannten “Blogs” des Freitag, die keine sind. Was groß als “Cross-Blogging” angekündigt wurde, findet nicht statt, einzig die Veröffentlichung von “Blog”-Beiträgen in der Printausgabe könnte den einen oder anderen eventuell locken.
Ansonsten habe ich nachhaltig den Eindruck, wir sollten dem “Freitag” möglichst für lau Content liefern – und dann noch auf die Rechte an unseren Texten verzichten. Zwar wurde zumindest einigen zugesichert, diese behalten zu dürfen, aber so recht kann ich nicht erkennen, was ich denn nun davon hätte.

So weit, so schlecht. Bis hierhin bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Immerhin versucht die Redaktion etwas mit “Online” in einem bemerkenswerten Umfang. Das hebt ihren Auftritt wohtuend von anderen ab.
Andererseits sind sie noch meilenweit entfernt von einem Verständnis vom Bloggen, dessen Vielseitigkeit, Unabhängigkeit und Qualitäten. “Das können sie ja noch lernen”, dachte ich bislang.
Wenn aber nun der Oberchef und Eigentümer sich in einer Weise äußert, die ich bislang genau so von den verknöchtertesten Printen der Holzmedien kenne, schwindet die Hoffnung rapide. Auf die Frage der FR, welche Rolle den Bloggern zukünftig zukomme, antwortet Augstein:

Also, ich war auf der “Re:publica”, wo ich mich auch mit einigen unterhalten habe. Das war ganz merkwürdig, denn die sollten doch eigentlich in ihrem Denken ganz vorne sein, aber die haben so geredet, als wären sie noch ganz hinten. Ich habe dort im Podium gesessen und die Leute gefragt: “Angenommen, ihr tragt bald das ganze Gewicht der vierten Gewalt, wenn jetzt die gesamte klassische Presse den Bach runter gehen sollte, wie von manchem prophezeit – seid ihr darauf vorbereitet? Habt ihr die Disziplin, habt ihr die Reife und die Professionalität dazu, könnt ihr das?”

Womit er zunächst einmal nicht antwortet. Die Frage war nämlich nicht die danach, was Blogger nicht sein werden. Ein Blogger hätte hier wohl zunächst korrigiert, daß es “die Blogger” gar nicht gibt. Noch weniger als “die Journalisten”.
Über genau diese aber hat Augstein gesprochen, über das, was er sich darunter vorstellt und warum Blogger – Überraschung! – keine sind. Und schon läuft der alte Käse wieder über den Tisch: Qualität, Disziplin, Professionalität, als seien das unveränderbare Kennzeichen des Journalismus, als gäbe es das alles nicht auch in Blogs. Vielleicht sollte Herr Augstein mehr lesen, das bildet.

Auf der re:publica lernt man im übrigen genau so viel übers Bloggen wie beim Berliner Presseball über Journalismus. Don Alphonso wird er dort schließlich auch nicht begegnet sein. Ist wohl auch besser so, zumal, wenn er ihn mit Sascha Lobo in einen Sack steckt. Das geht nämlich ähnlich gut wie Peter Hahne mit Sonia Mikich, aber wenn man nur weit genug weg ist, sehen schließlich alle gleich aus. Ich möchte auch diesen beiden keineswegs die Blogsphäre überlassen, aber das ist so banal, daß ich nicht darauf käme, es zu artikulieren.

Und am Ende ist es das, was mich nervt: Diese Banalitäten, aufgeblasen zur Alleskennerei, zum Onlinejournalismus 3.5, zur publizistischen Weltformel. Was der “Freitag” da macht, war eine gute Idee, deren Umsetzung allen Anlass zur Bescheidenheit gibt. Augstein aber tritt auf wie der bessere Holtzbrinck, der jetzt klare Online-Kante und es uns allen zeigt.
Das zeugt weder von Kompetenz noch von Lernbereitschaft. Das war nicht einmal gut gebrüllt, Löwe Bettvorleger.

Ich habe mich ja bereits an ein düsteres Niveau im deutschen Blätterwald und seinem Online-Unterholz gewöhnt. Insbesondere wenn es um den Internetuser als solchen geht, den, der sich täglich tummelt, weiß, was er tut und das für völlig selbstverständlich hält. Den kann der Journalist nicht verstehen, er ist ihm unheimlich. Vielleicht hat der User eine Kompetenz, die der Journalist nicht hat? Das darf natürlich nicht ans Tageslicht kommen. Deshalb fokussiert der Lohnschreiber auf den Mob, der da draußen tobt, der anonym pöbelt, auch wenn er unter vollem Namen bloggt.

Die Monstranz der Inkompetenz, die Politiker in Sachen neue Medien vor sich hin tragen, tut ein Übriges. Diese Matadore der Muffmedien, die sich in der Bibliothek die Bücher suchen lassen, stets von der Bestsellerliste kaufen und vor dem Doppelklick kapitulieren wie ein Gaul vor der Rosenhecke, sind der vermeintliche Prototyp des Lesers, an dem sich die Holzmedien noch immer orientieren. Die passende palamentarische Vertretung des Zeitungslesers, die im besten Fall jemanden kennt, der “ins Internet gehen” kann, ist die kommunikative Elite, der sich Interviewer und Hofschreiber anbiedern, als gäbe es kein Heute.

Auf der anderen Seite stehen eben die Anderen. Die immer was zu meckern haben und nicht einmal mehr Leserbriefe schreiben, geschweige denn sich im Ortsverband der Partei ihres Geschmacks engagieren. Sie halten sich nicht an die Qualitätsstandards der Axel-Springer-Schule und scheren bei jeder Gelegenheit aus dem Konsens der Empfänger jener Sendungen aus, die ihnen das aus guten Grund etablierte Spektrum bietet.
Kaum erkühnt sich eine vor allem deshalb ungemein beliebte Ministerin, die pädophilen Windmühlen des Internets mit der Kavallerie aus dem Sumpf zu vertreiben, da geht ein Aufschrei durchs Netz. Und schlimmer noch: Er bleibt nicht dort, sondern endet in einer Petition, mit der sich der ehrwürdige Bundestag beschäftigen soll.

Als gute Anstalten staatstragender Verkündung ergießt das Konglomerat der Großmedien ganz folgerichtig Gift und Gülle über die Pädophilenfreunde der anarchistischen Front der Internetchaoten, auf daß Ruhe sei im Lande der Aufrechten und Anständigen. Das ist es, was der User schon kennt und der Blogger erwartet.

Und nun dies. Ausgerechnet der Online-Ableger des treuen Kanzlerinnenfunks bietet einem Christian Stöcker die Plattform, im Gewande eines Journalisten differenziert und hintergründig die Öffentliche Meinung zu untergraben und zur öffentlichen Sache zu machen. Was dabei herumkommt, bestätigt die berechtigte Furcht vor solcher Differenzierung: Er verstört nicht nur die Rezipienten durch seine abweichlerischen Erläuterungen, er macht sich nachgerade gemein mit dem Mob, dessen anarchistische Gesinnung der Pädophilie Tür und Tor öffnet.

Spiegel Online mag sich damit herausreden wollen, daß dieses skandalöse Machwerk unter der Rubrik “Netzwelt” versteckt wurde. Man mag ihm auch zugute halten, daß er die Grenze der “C64″ – Generation bei 35 Jahren zieht und die Firma Atari nicht erwähnt, womit er sich als Laie zu erkennen gibt: Die heute 35-jährigen waren gerade einmal 8 Jahre alt, als der C64 erschien und konnten sich das Produkt weder leisten, noch hätten sie etwas damit anfangen können.

Das ändert aber nichts daran, daß dieser Mann völlig untragbar ist für ein führendes Medium, dem die Bürger und Bürgerinnen vertrauen. Und auch mir als Vertreter der Generation Atari und Hassblogger aus dem Internet kann nichts daran liegen, solche Artikel bei einem Feindverlag zu finden. Die Fronten müssen klar bleiben, sonst stehen wir am Ende alle ohne Leser da und neimand weiß mehr, was er am nächsten Tag zu denken und zu sagen hat.

Christoph Seils gibt sie auf, die gute Agenda, die ihm doch so sehr ans Herz gewachsen war. Nachdem er den neoliberalen Kurs der Regierungen Schröder und Merkel lange mit Zähnen und Klauen verteidigt hat, um sich zuletzt in eine blinde Verehrung des Finanzkrisensymptoms Steinbrück zu flüchten, geht ihm nunmehr ein laues Lichtlein auf. Seine satte Kehrtwende legt er in die Worte:

Die “Marke” Hartz IV ist verbrannt. Was von der ursprünglichen Idee noch übrig ist, lässt sich politisch nicht mehr gestalten. Wenn die künftige Bundesregierung in der Arbeitsmarktpolitik einerseits wieder handlungsfähig werden und anderseits die Langzeitarbeitslosen von dem Stigma befreien will, wird sie das Arbeitslosengeld II wieder abschaffen müssen.”

Nun haben wir ihm das schon seit Jahren einbleuen wollen, aber späte Erkenntnis ist allemal besser als gar keine. Er muß sie sich freilich so zurechtlegen, daß er sie noch erträgt und analysiert:

Es würde angesichts von drohenden Massenentlassungen auch gar keinen Sinn machen, den Druck auf Arbeitslose weiter zu erhöhen. Die Hartz-IV-Reform konnte ihre Wirkung, wenn überhaupt, nur in der Aufschwungphase entfalten.

Wirklich überraschend an diesem Satz ist das “Wenn überhaupt”, das Zweifel am eigenen Kurs impliziert. Sollte es so gemeint sein, Respekt! Ich zweifle allerdings daran, daß ein eindeutig positionierter Schreiber wie Herr Seils wirklich so etwas wie einen kritischen Geist entwickelt. Ich glaube eher, daß er auf den nächsten Zug bürgerlich-liberaler Arbeitspolitik wartet, um dort aufzuspringen und ordentlich anzuheizen. Wie dem auch sei – geben wir ihm eine Chance!

Die Sprachregelung, sollte sie sich denn durchsetzen, ist akzeptabel und überzeugend. Spätestens in einer Rezession sollte die Vokabel “Eigenverantwortung” im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Der Markt, die Wirtschaft, die Gesellschaft müssen neu organisiert werden, nicht der Eifer der Betroffenen.
Diese Atempause, die sich selbst die zahlreichen Ruinen der neoliberalen Presse also gönnen können, in der sie ihre Hatz auf die Hartzer einstellen dürfen, sollte ein wenig zur Klarstellung der wahren Verhältnisse beitragen. Vielleicht fällt es dann beim nächsten “Aufschwung” nicht mehr ganz so leicht, die Verlierer des Grand Prix du Capitalisme pauschal als “Sozialschmarotzer” zu beschimpfen.

Miriam Meckel beschwört in der FAZ einmal mehr den “Qualitätsjournalismus”. Sie beschreibt ganz richtig und treffend, was diesen ausmacht und wie nötig er ist. Allerdings scheint sie zu glauben, es gäbe ihn tatsächlich.

Ihre kryptische Einleitung mag ich nicht kommentieren, ich habe keine Lust, sie zu verstehen. Mit ihr geht es mir ähnlich wie mit Heidegger: Eine Kritik ist zu aufwendig, wenn sie sich durch meterdickes Geschwurbel fressen muß.
Wo sie zur Sache kommt, mag ich ihr beinahe zustimmen:

Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert. Das bringt zum Beispiel nicht nur dem Leser einer Tageszeitung oft ein Lesevergnügen, es sorgt auch für die soziale Synchronisation unserer Gesellschaft. Journalisten beobachten die Welt mit der Aufgabe und Zielsetzung, das Ergebnis ihrer Beobachtung professionell aufzubereiten und es als Nachricht, Bericht oder Reportage wieder in die Gesellschaft einzuspeisen. Diese Informationen machen es möglich, uns in einer komplexen Lebenswelt zu orientieren, uns der eigenen Zugehörigkeit zu dieser Welt zu vergewissern, indem wir uns aus einem Informations- und Themenfundus bedienen, der diese Komplexität reduziert und Momente der gesellschaftlichen Verständigung generiert.”

“Der Journalismus” versorgt die Menschen mit Neuigkeiten. Das ist so weit in Ordnung, allerdings sind das in erster Linie die Agenturen, die da “Journalismus” sind. Eine tolle Einrichtung, ganz zweifellos.
Durch “gut recherchierte und erzählte Geschichten” fasziniert Journalismus, und zwar umsomehr, als daß man solche Perlen kaum mehr findet. Was vielleicht einmal die Regel war, in den besten Zeiten des “Spiegel” etwa, ist zum publizistischen Lottogewinn geworden. Gut recherchiert? Wo sind denn die großen Aufreißer geblieben? Was wird denn noch enthüllt und akribisch dokumentiert? Wenn der Wallraff zur Schreibmaschine greift, wird die Gazetten- und Magazinmischpoke doch grün vor Neid.

Gut erzählt? Meinen wen? Wenn mich eines in die Blogs treibt, sind es Schreiber, die etwas zu erzählen haben oder eine Art, die beeindruckt. Stil wird dort geprägt. Die FAZ weiß das am allerbesten, kauft sie doch nach Art von Bayern München die besten Spieler der Konkurrenz auf und glaubt, sie hätte den Fußball zeitgemäßen journalistischen Anspruch erfunden.
Putzig ist die Behauptung, Journalismus reduziere Komplexität. Was Meckel da abliefert, ist gerade einmal das Gegenteil, soll aber ja vielleicht auch gar kein Journalismus sein. Was meint sie sonst? Daß komplexe politische Zusammenhänge auf die Einheitsmeinung zurechtgestutzt werden?

Ihre Beschwerde über die “Google-Recherche” geht schließlich völlig an allem vorbei, worüber zu schreiben sie vorgibt. Es stimmt ja, daß der Fall des angeblichen “United-Airlines”-Konkurses ein peinliches Beispiel miserabler Recherche ist. Aber was lehrt uns das? Daß der Verursacher schuld ist und alle, die von ihm abgeschrieben haben, die sonst die Agenturberichte kopieren, dessen wehrlose Opfer?
Ganz im Gegenteil: Wer die Suchmaschine bedienen kann, entlarvt solchen Blödsinn sofort, sofern er sich denn ein gesundes Mißtrauen bewahrt hat. Tatsächlich sind “Google und Co.” gerade für die Recherche ein wunderbares Geschenk. Sie ersetzen sogar in vielen Bereichen eine mühsame Recherche in Archiven. Das heißt freilich nicht, daß es für guten Journalismus damit getan wäre.

Qualitätsjournalismus kann alles: Die schnelle und dennoch intensive Recherche im Intenernet genauso wie die Pflege von Kontakten, fähige Korrespondenten und die Kunst des Telefonierens, das präzise auf den Punkt Kommen wie eine sprachliche Qualität, die das Lesen zum Genuß macht.
Wo sind sie aber denn, die großen Journalisten, die sich mit solchen Federn schmücken können? Wo werden sie denn dafür ausgebildet? In einem Bachelorstudium “Journalismus”?

Wir hier draußen machen nur Spaß. Manche mehr, manche weniger. Unsere Leser sind gnadenlos: Wem wir keinen Spaß mehr machen, der geht woanders spielen. Wir wissen das. Was am allerwenigsten hilft, ist eine beleidigte Publikumsbeschimpfung oder die Beschuldigung böser Mächte, die uns die Kunden stehlen.
Alles, was uns hilft, ist die Einlösung des unausgesprochenen Versprechens auf eine eigene Qualität. Ein hartes Brot, fürwahr. Na und?
Der einzige Rat, ich den selbsternannten “Qualitätsjournalisten” geben kann, geht in fünf Worte:
Hört endlich auf zu jammern!

Im Wahlkampf geschehen voraussehbare Dinge in den Redaktionen, aber durchaus auch merkwürdige. Bei SpOn beschreibt ein Redakteur vollen Ernstes, wie er ein Leben lang unter dem Meinungsdiktat der Linken gelitten hat. Sehr erhellend, daß derart psychsich geschädigte Wirrköpfe für den “Spiegel” schreiben. Ich habe leider keinen Link dafür.

Woanders wird wieder routiniert gegen Lafontaine gehetzt, der sagen kann, was er will – er wird als “Linkspopulist Lafontaine” bezeichnet, als sei dies sein Titel und Rang. Auch dafür keinen Link.

Immerhin diskutabel erscheint der ebenso routiniert wie unreflektiert erhobene Vorwurf gegen die Grünen, denen sowohl Zeit.de als auch Sueddeutsche.de nachsagen, sie würden mangels Regierungsperspektive nun völlig unbezahlbare Vorschläge machen, mit denen sie in den Wahlkampf ziehen. Dabei sind die vorgeschlagenen Ausgaben für Bildung und die Abschaffung der Praxisgebühr alles andere als utopisch. Es wird nacherade so getan, als sei die unsinnige Praxisgebühr ein Segen, der nach Jahrzehnten des Erfolgs plötzlich abgeschafft werden solle. Hier wird jedes Detail der Agenda 2010 verteidigt, als handele es sich dabei um die Essenz der Grundrechte.

Die Propaganda wiederholt die alten Parolen, als hätte sich nichts geändert. Die Journaille unterbietet noch das Niveau des Wahlkampfs, indem sie in Fußballfan-Manier für den einen und gegen den anderen Club die einstudierten Gesänge aus den Redaktionskurven gröhlt.
Es geht also um “Finanzierbarkeit” ? Die Frage wäre genau die richtige, aber sie wird nur scheinbar gestellt. Man kann und muß alle Parteien fragen, warum sie kleinkrämerisch die Groschen hin und her schieben, während die Milliarden schon buchstäblich nichts mehr wert sind. Da wird so getan, als müsse jeder Posten “gegenfinanziert” werden, der kleine Einkommen entlastet oder soziale Investitionen beinhaltet. Wie dumm muß man sein, um das Problem nicht zu erkennen? Die Wähler und Leser stellen sich längst die Frage, wieso Billionen locker gemacht werden, um ein irrwitziges Wirtschaftssystem zu stützen, und warum ausgerechnet kein Geld mehr für die Bedürfnisse der breiten Masse da sein soll.

“Wo bleibt der Große Wurf?”, das wäre die Frage. Wer löst das Problem, sind die Bürgschaften und Geschenke für die Zocker und die Großindustrie überhaupt zu finanzieren? Dann kann es ja wohl auf ein bißchen mehr nicht ankommen, das in die Zukunft und den Binnenmarkt investiert wird. Oder sind sie eben nicht finanzierbar? Dann wird die Schieflage erst recht sichtbar. Man gewinnt den Eindruck, die Bürger seien nicht “systemrelevant” und deshalb sei ihnen jede Belastung zuzumuten, um die Existenz der “Großen” zu sichern. Es wird suggeriert, daß wer die Umstände benennt, ein linker Aufwiegler sei.

Diese aber wird todsicher die nächste Krise sein, die zu verschweigen wohl erste Journalistenpflicht ist: Daß das lange schon geschwundene “Vertrauen” der Bürger in ihren Staat in blanke Wut mündet. Niemand muß das “herbeireden”, im Gegenteil werden Verschweigen und Vertuschen, die dumpfen Mittel der Propaganda, sich als Ruhe vor dem Sturm erweisen. Wer in diesen Zeiten ehrlich staatstragend wirken will, muß den Irrsinn radikal kritisieren. Das “Weiter so” der verdinglichten Funktionsoptimisten ist intellektuell nicht weit entfernt von den letzten Tagen im Führerbunker.

Wenn es noch eines Symptoms bedurfte, um sich den Zustand im Lande vor Augen zu führen, so ist dieses in den Umfragewerten für die FDP zu finden. Daß das denkbar blödeste Festhalten an einer fatalen Ideologie derzeit den größten Applaus erntet, ist absolut alarmierend. Was danach kommt, will vielleicht niemand wissen. Es wird dennoch kommen, und es wäre die gottverdammte Aufgabe des Journalismus, sich dem zu stellen, ehe es einmal mehr zu spät ist.

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