Best of


 
In den folgenden Bereichen suchen wir noch engagierte folgsame Mitarbeiter mit marktkompatiblen Ansprüchen an einen hinreichend menschenwürdigen Arbeitsplatz:

Spamleerer

Reinigen Sie die Mailboxen der Kollegen, die Angst haben, sie könnten beim Löschen von Nachrichten das Internet ausschalten. Entsorgen Sie die Verpackungen geöffneter Anhänge und putzen Sie die Vorschaufenster.
Bewerbung per Mail (html) oder animiertem .GIF.
Bezahlung: Nach Gewicht der entsorgten Daten

 
Fernsehprogrammierer

Machen Sie, dass Lassie wieder kommt. Und Black Bewtey. Und das Haus am Eaton Place (North Cobblestone Hall). Und Derrick.
Bewerbung via Teletext Seite 333.
Bezahlung: Chips, Cola, Weightwatchers-DVD

 
Webshopping Assistant

Finden Sie das günstigste Angebot einschließlich Rabatte, Steuern, Versand, Zoll und Verlust. Holen Sie den Kleber aus dem Regal. Gehen Sie nicht über “Los”.
Bewerbung per Paypal (Vorkasse).
Bezahlung: Nach Erfolg, in der Währung des zuständigen Gerichtsstands.

Sozialer Netzwerkadministrator

Reden Sie, was das Zeug hält. Blöde Frisuren, Erfahrung mit Drogen (Koks beidhändig, Kir Royal, Ritalin) und Privatinsolvenz von Vorteil.
Bewerbung (Schlauchtrinken) freitags ab 19 Uhr im “Relax”.
Bezahlung: Französisch, von hinten und ins Knie.
 
Amazonenverwalter

Servieren Sie Namen im billigsten Warenhaus der Welt. Wissen Sie, wessen Stroh in der Ecke liegt, verkaufen Sie es den Gewerkschaften als Jobwunder.
Bewerbung zwecklos, wir finden Sie auf Empfehlung.
Bezahlung: Anteilig an der ver.di-Kaffeekasse
 
Hackmesser

Beobachten Sie die Datenströme und erstellen sie Excel-Tabellen dazu. Verfertigen Sie Expertisen. Erklären sie, warum alles sicher ist, außer es waren die Chinesen (wird rechtzeitig mitgeteilt).
Bewerbung per Xingderassabum.
Bezahlung: Cash, In Dollars. Keine Fragen!
 
Trojanerjockey

Seien Sie Grieche, setzen Sie kleine Männlein in Holztiere und lassen Sie diese auf Troja und andere Feinde los.
Abschlusszeugnis der Schule mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung erforderlich.
Bewerbung bitte auf dem Desktop des Admin-Accounts.
Bezahlung: Gratis-Mitbenutzung unserer Proxyserver in Asien
 
Ebaywatch

Bieten Sie in letzter Sekunde deutlich über Neupreis, in Schritten von 0,5 Cent.
Bewerbung per Erwerb unserer Unterlagen, jetzt bieten, Artikelnummer: 2243738301
Bezahlung: Haldol all you can honk.

Abmahnwache

Recherchieren Sie per Google, ob etwas schon einmal geschrieben oder abgebildet wurde. Machen Sie Screenshots. Zeigen Sie alles an, was Ihnen seltsam vorkommt. Sollte Ihnen etwas bekannt vorkommen, melden Sie es sofort. Unsere Rechtsabteilung übernimmt dann.
Bewerbung via fiesbuck. Gern im Unterhemd auf der Fensterbank.
Bezahlung: 30 Silberlinge

Datenbankkaufmann

My wife, my SUV, my house, my horse, mysql.
Sie verkaufen verbrieften PHP-Code und gebrauchte Tabellen an deutsche Behörden als Virenscanner-Update. Den nötigen Support vor Ort übernehmen unsere Programmierer. Bewerbung ausschließlich per Mailanhang!
Bezahlung: China-Rolex, Russendisco, afghanisches Gras.

First Level Endgegner

Beraten Sie unsere Kunden am Telefon. Kenntnisse unnötig, Neigung zu spontanen Antworten und kontrollierter Größenwahn erwünscht. Sie lassen den Konsumenten spüren, dass er recht hat. Sie aber auch. Gehen Sie an Ihre Grenzen und leiten Sie den Anruf dann weiter. Wenn er wieder bei Ihnen ankommt, fechten Sie es aus. Unser eingespieltes Team freut sich auf Sie.
Bewerbung telefonisch unter unserer Service-Nummer.
Bezahlung: 1,00 Euro/Stunde. Wir wissen ja, wie sie zu uns gefunden haben.

 
testtrip

Der Junge auf der Kinderschokolade hat schwarze Haare und trägt eine Fliege, kapiert? Sonst ist das ein Scheiß-Remake wie so eine Mexico-Strat oder noch schlimmer eine aus Korea. Geht. Gar. Nicht. Und Prilblumen. Die klebt man auf eh geblümte Fliesen zum Beispiel oder egal wo drauf. Am besten auf ein Ringbuch oder einen Tornister. Am besten gleich überall drauf. Überhaupt sieht eine Jugend aus wie ein Trip und nicht das, was die Kamera vom verkackten Streichelhändi zeigt von der zugeparkten Designerwüste einer Spätkrisokratie.

Es gab auch Grau, eine Menge sogar. Fabriken, Straßen, Häuser – Arbeit war schon immer scheiße und machte arm. Ach ja, und das Fernsehen natürlich. Den Unterschied zwischen Weiß, Schwarz und hundert Stufen Grau kennt jeder, der weiß, was ein Testbild ist. Testbild war cool. Zwölf Stunden Testbild am Tag statt Shoppingsender, ich bin dafür! Okay, Testbild konntest du am Wochenende auch länger haben, je nach dem, was du abends so eingefüllt hattest. Kannst du heute noch haben, wenn du’s willst. Das darf sich dann gern mit dem Bunten vermischen und den Trips aus Blümchenmustern, Sinuskurven und Sexy-mini-super-flower-pop-op-Cola. Da war Kapitalismus noch bunt. Wir haben ihn geliebt. Ist uns gar nicht aufgefallen, dass der Kult in den Waren geronnen war. Hätte uns zu denken geben können.

Back to the Roots

Kurzen Sprung nach vorn, noch bevor man nicht mehr auf die Straße kam, ohne über ein Auto zu springen, noch ehe 24-Stunden-Berieselung von Kohls und Kirchs in die gute Oberstube einzog. Später las ich von Nietzsche (sicher auch auf dem Trip, der Mann, mit dem man Pferde umarmen konnte): “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.” Es war der Commodore PET, der dem Spruch Sinn einflößte. Mein erstes ‘Programm’ in Spaghetti-Basic war ein tanzender Stern. Danach kam ein “Tannenbaum”, der durfte schon nicht mehr tanzen. Von Chaos übrigens keine Spur. Programm will Ordnung, Programm will Struktur. Mehr als Pascal und später GFA-Basic programmieren wurde nicht, aber alles schön von oben nach unten und von innen nach außen. Ich gehörte zur Atari-Fraktion, bekanntermaßen. Genau so gut hätte es auch ein Amiga getan, aber man hat sich halt mit einer Marke identifiziert. Warenfetisch für Nerds. Hätte uns auffallen können.

Bis dahin war noch alles gut, sogar die diversen Verkleidungen, in denen man sich gruppieren konnte. Iro hier, Schmalztolle dort, Matte da, Hauptsache kein Pöppi-Pilzkopf. Sie trugen Lacoste und Benetton und fuhren tuntige Roller. Fiel uns auf. Sich mit einer Edelmarke identifizieren, sich für was Besseres halten. Blöde Idee, wenn man weder besonders schlau war noch besonders schnell oder stark. Klamotten werden so schnell dreckig, wenn man nicht aufpasst. Außerdem haben sie so eine Scheißmucke gehört von geschminkten Arschgeigen, die auf Synthies und E-Drums herumdilettierten. Komplett daneben. Wir mit der richtigen Musik wurden von denselben Labels beliefert. Konnte man Schlüsse draus ziehen, wenn man wollte.

Heute ist alles durchgestyled und trotzdem hässllich, selbst was sich für Punk hält oder sonstwie from-the-gutter, muss dafür Markenklamotten kaufen, zum Designercoiffeur rennen, sich schminken und einölen. Merken die noch was?
Wir müssen zurück zu den Wurzeln. Als alles noch gut war. Die richtigen Marken, das richtige Maß, der richtige Zusammenhalt. Allerdings darf das nicht zu radikal werden. Ganz ohne Marken geht es eben nicht. Wir hätten dann nichts mehr, nicht einmal eine Erinnerung. Ohne Marktwirtschaft hätten wir keine Geschichte. Unsere Jugend wäre für immer verloren.

 
Peer Steinbrück ist also prompt in diese Falle getappt. Kaum hatten einige Freunde, die aus Sicherheitsgründen im Internet nicht bekannt werden wollten, das Peerblog “Peerblog” unter der Adresse “Peerblog.de” eröffnet, da wurde es bereits von mehreren Internetnutzern wahrgenommen, darunter mutmaßlich auch Hacker. Diese sorgten binnen weniger Tage für die völlige Überlastung der Diener (englisch “Server”) des Blogs, so dass dieses unter jener Last zusammenbrach. Dazu brauchten die Angreifer nicht einmal einen Computer. Die Hacker werden immer raffinierter!

Wie auch die Öffentlichkeit allmählich feststellt, hat ein “Hackerangriff” im Internet gar nicht stattgefunden, was ja auch offenbar nicht nötig war. Vielmehr wurde durch Wahrnehmung, die wiederum in die Öffentlichkeit getragen wurde, eine verdeckte Parteienfinanzierung aktiv, die als höchst schädlich gilt. Aus dem Untergrund twitterte der Fachexperte Avirus Kaperski, verd.Part.finz sei weitaus schlimmer als ein Netzstunk wie Stuxnet. Die Betreiber des Peerblogs “Peerblog” unter peerblog.de zogen daraufhin sofort den Stecker und brachten alle Daten durch mehrfaches Überschreiben in Sicherheit.

Doch damit nicht genug: Auch das Innenministerium wurde am Wochenende von einem furchtbaren Infekt befallen. Der von Minister Friedrich sofort rückwirkend identifizierte 9-Megabyte-Hackerangriff sorgte für weitere unerklärliche Datenverluste in einer Behörde, deren Abteilungen im vergangenen Jahr bereits dutzendfach von spontanen Aktenvernichtungen durch selbsttätig in Gang gesetzte Schredder heimgesucht worden waren. Nunmehr müssen unbekannte Hacker dafür gesorgt haben, dass das Ministerium auf dem technischen Stand der 90er Jahre eingefroren ist. Nur so sei zu erklären, dass Daten aus seinem Ressort der Vorabhetze überantwortet wurden. Er habe auch niemals so dreist gelogen, hätte er gewusst, dass er das hätte wissen müssen, beteuerte Friedrich in einem Interview mit [an dieser Stelle endet die Email aus den Innenm].

 
blue

Jetzt auch noch das Wetter. Dieser Kapitalismus macht uns fertig, systematisch. Der graue Deckel da draußen ist das dunkle Fanal, der stille Posaunenton zum schleichenden Armageddon. Dem einen hilft der Alkohol schon nicht mehr in diesem polarfinsteren Zuspätherbst, der andere ist längst von Joint auf Bong umgestiegen und sieht trotzdem keine Sonne – und wenn er noch so angestrengt die zitternden Lider zusammenkneift.

Ich habe es schon immer gewusst. Schrub ich vor gefühlten Jahren die vermeintlich alberne Frage: “Überwindet der Neoliberalismus womöglich mit Nanoteilchen die Blut-Hirn-Schranke und nistet sich direkt in der Rinde ein, von der aus er genüsslich das graue Zeugs wegknabbert?”, weiß ich es heute besser: Nie schrub ich Wahreres, Visionäreres, Komparativeres. Was da draußen abgeht, beschrub Max neulich schon. Da er aber inzwischen durch einen Bot der Regierung ersetzt wurde, nahm ‘er’ alles zurück und widerrief.

Wem soll man noch etwas erzählen? Der eine zerlegt die Implosion des Kapitals in Einzelfälle wie beim Doping im Radsport. Eine Krise, noch eine, noch eine, dann noch eine. Ein Abzocker, ein anderer und zwei Steuersünder. Ein korrupter Politiker, nein, sogar drei … hundert, tausend. Zwei Öltanks und ein Deutschlandlied.

Volles Terrohr

Der andere will über nichts mehr reden, weil eh alles verfilzt und verwoben sei und jede Erwähnung von Einzelfällen eine Verharmlosung. Nein, auch nicht als Beispiel. Nein, auch nicht im Zusammenhang. Um die Ecke biegt der Übernächste, der genau davon schon gar nichts wissen will: Zusammenhänge! Du und deine Zusammenhänge!

So wird jedes Reden und Schreiben zum Spießrutenlauf, Befindlichkeitsmikado, Fettnäpfchentwister. Es sei denn – was empfiehlt der freundliche Herr von der Hambach-Malmsheimer? Der Togalwart von der Tanke, die Zahnarztsau? Ach ja, die Textaxt. Die literarische Kettensäge, den bibliophobischen Bulldozer. Macht kaputt, was euch kaputt macht! Seit heute bin ich Mitglied der Weißen Herrenrasse Westhessen. Na was wohl? Schriftführer. Bei al-Qaeda habe ich mich auch beworben. Bombenbauleiter wär’ wohl der richtige Job für mich. Und selbstverständlich gehe ich zur Gentrifizierung radikal links. Nieder mit! Terror! (bis hierher 2230 Anschläge.) Granatapfelsaft!

So. Kommt mir jetzt nicht mit Argumenten. Stellt ja keine Fragen! Schaut einfach aus dem Fenster und sagt mir, dass das alles nicht stimmt. Traut euch, zeigt euch, ihr seid doch welche von denen! Aber was ihr für Wahnsinn haltet, ist in Wirklichkeit eine Übersensibilität der Sinne. Ich sehe blau. Durch die geschlossene Wolkendecke.

 
Wie nennt man etwas, das einmal ein Nachrichtenmagazin war, noch so heißt, aber schon lange keines mehr ist? Ein Nachnachrichtenmagazin? Ein Postnachrichtenmagazin? Eine Magazinvorrichtung ohne Nachrichten?
Wie dem auch sei, ich habe das Ding seit Mitte der 80er einige Jahre gelesen und fand vieles daran gut. Das wurde schon damals relativ zügig immer weniger, so dass ich Mitte der 90er schon kein Geld mehr dafür ausgab. Kurz darauf füllte sich ein Teil der Lücke auf angenehme Weise: Man konnte es großenteils online und gratis lesen.

speichel

Das fand ich anfangs auch ganz gut, wobei ich zugeben muss, dass ich mich nicht mehr so genau erinnern kann, ob es an bereits erheblich reduzierten Qualitätsansprüchen meinerseits lag oder sie dort anfangs tatsächlich den Mangel im investigativen Bereich noch durch Aktualität kompensieren konnten.
Schon bald aber befand sich das Niveau im freien Fall. Es war die Zeit des Herrenreiters Stefan Aust, der alles zertrampelt hat, was Augsteins “Spiegel” einmal ausgemacht hatte, im Bunde mit kondebilen Wortverwurstern wie Malzahn, Matussek, Broder, Mohr, Steingart und anderen. Offline wie online unerträglich, dafür sorgte auch Müller von Blumencron, der derweil den “SpOn” voll auf Boulevard trimmte.

Ganz nebenbei bekannten sich die Adabeis aus der Brandstwiete inzwischen offen zur Wahlkampfhilfe für Merkel und hielten Informationen, statt sie aufzudecken, unterm Deckel. Damit sind sie in bester Gesellschaft, die Öffentlich-rechtlichen berichten auch nur noch bestenfalls darüber, dass sie nicht mehr berichten. [siehe Video; die Journalistinnen sind Dagmar Seitzer und Ulricke Hinrichs. Letztere ließ und lässt sich ihren Gehorsam als Sprecherin von Unionspolitikern und Lobbyistin vergolden.] Was früher investigativ war, lässt sich heute aushalten. Das ist der Wind, der in der Branche weht.

Die Heile Welt der Adabeis

Was also erwarte ich von diesem Hummerpuff, seinen Schampus schlürfenden Hofschreibern und ihren kommandierten Wasserträgern? Eigentlich nichts. Trotzdem schaffen die es immer wieder, mich zu ärgern. Aktuell auf denkbar absurdeste Weise, und sie können wirklich fast nichts dafür. Der Begriff “Kapitalismus” gilt und galt ja dort schon immer als ein Abkömmling des Sowjetvokabulars, warum sollten ausgerechnet sie also ausgerechnet jetzt dieses seit Jahrzehnten weggepiepste Unwort in der Feder führen?

Vielleicht ärgert mich die aufreizende Naivität, die dümmlich boulevardeske Technik, sich mit dem möglichst oberflächlich orientierten Leser gemein zu machen. Dieses widerliche “Wir denken wie du” – Getue, das man aus der Rudi-Dutschke-Straße schon in den Jahrzehnten kannte, als sie noch Kochstraße hieß.
Das Beispiel der Hamburger Bude heute: Da heißt es ernsthaft, die Angestellten der Freizeitattraktionen “verdienen so mies wie in kaum einer anderen Branche. Und das trotz saftiger Eintrittspreise.“.

Schon über das volkstümlich verkehrte “Verdienen” könnte man sich einen Rant leisten. Aber so zu tun, als hätten hohe, womöglich überzogene Produktpreise quasi proportional zum Einkommen der Arbeiter/innen zu sein, ist nachgerade infantil. Da wird die krude Normalität der Ausbeutung vorgestellt als Bruch in einer heilen Welt, als Einzelfall einer Ungerechtigkeit in der ansonsten intakten ökonomischen Wirklichkeit. Genau die aber ist es, wovon “der Zuschauer, der Zuhörer, der Leser” “nichts erfahren” muss. Schon den Namen nicht, Kapitalismus, herrgottnochmal. Nein, der Leser muss nur verstehen, was ihm gesagt wird: Alles wird gut. Wir lieben die große Mutter. Wir lieben die soziale Marktwirtschaft®.

 
schirm“Rettungsroutine” wurde also just zum “Wort des Jahres” gewählt und hat gleichermaßen das Zeug, auch “Unwort” zu werden, wenngleich “Unwort” ein Unwort ist und nur aus dieser doppelten Negation seinen Wortstatus bezieht. Selbst das allerdings nur, wenn man den Adorno-Algorithmus unberücksichtigt lässt, der für Kenner Hegelscher Kopfstände darauf hinwies, dass die Negation einer Negation auch bedeuten kann, erstere sei “nicht negativ genug” (Irgendwo im stw “Negative Dialektik” bei S. 161ff, wenn ich mich nicht irre hihihi).

Das Wort war mir bislang kaum bekannt, vermutlich weil es unter all den “Brandmauern”, “Rettungsschirmen”, “Krisen” und “Spaßmaßnahmen” “Sparmaßnahmen” nicht weiter auffiel; allesamt Unwörter im Unwortsinne, Schwachfug, Hirnbrand, Neusprech und Psychose. Ob das “Sparen” durch Ausbluten von Volkswirtschaften, “Rettungen”, die nichts als Profitschleudern sind oder “Krisen”, die von größerer Dauer sind als die Phasen, die sie angeblich trennen – Sprache ist eine Fünfeurohure, wo die Propaganda dem Kapital die Öffnungen leckt.

Immerhin weist die Jury darauf hin, spricht von einer “instabilen europäischen Wirtschaftslage” und benennt “eine wiederkehrende, wenn nicht gar auf Dauer angelegte und auf Erfahrungen basierende Entwicklung.”

Keine weiteren Fragen

“Krise” ist eigentlich die meist kurze Umwälzung zwischen zwei Lagen (von der eine meist besser ist als die andere), hier aber ist das, was so bezeichnet wird, selbst längst die Lage. Ziemlich exakt die Lage übrigens, die Marx als Spätphase des Kapitalismus beschrieben hat. Aber der ist Pfui, also muss man die Sprache so zurechthämmern, dass es keiner merkt.

“Auf Dauer angelegt” ist nichts weniger als die “Krise”, deren Mittel jene “Rettung” ist, die weder je etwas gerettet hat noch dafür vorgesehen war. Jetzt höre ich wohl die Kritikaster, die mich erregt zu korrigieren wissen, weil da doch etwas gerettet werde. Ja ja, das Kapital!
Nein, sage ich. Denn am Ende – das ist das, was kommt, und zwar an sich und immer dicke – rettet auch niemand mehr das Kapital. Das ist ja das Verrückte. Nachdem nämlich die Staaten zu Tode gerettet sein werden, ist wieder die Phase mit dem Esspapier dran. Schlückchen Chablis dazu?

Semantik ist inzwischen ein Geschäft für Fachexperten, weil sich niemand mehr etwas fragt. Dabei ist die Kunst eigentlich leicht, wenn man eine kleine Anleihe aus dem Reich der Syntax macht. Die Satzstruktur ‘Subjektiv-Prädikat-Objekt’ weist den Weg: “Wer spricht wovon zu wem?” ist die Frage, die solche Unwortgetüme zu Staub der Propaganda zerfallen lässt. Wie gut, dass die Pflichtschulen aller Zweige sich zum gedungenen Mord an jeder Neugier vereinigt haben und alle Fragen eifrig ausgerottet.

 
Es gibt Zeitgenossen, die gern extreme Maßnahmen empfehlen, auch deshalb, weil sie bei ihnen selbst keine Anwendung finden. Würden sie zum Beispiel hundertmal Artikel eins des Grundgesetzes abschreiben müssen, vielleicht wäre es hilfreich, und wenn nicht, hätten sie zumindest eine Gelegenheit gehabt, sich über das zu orientieren, was sie tun und was sie nicht tun. Was Zivilisation einmal auch wollte und wo sie schon wieder gelandet ist. Was gerade Deutsche einmal gelernt zu haben glaubten und was davon noch übrig ist.

Eine andere Lösung wäre nicht weniger extrem, stattdessen radikal, auf einfachste, nämlich primitive Art gerecht und ihnen angemessen. Denjenigen, die nicht begreifen, dass Zivilisation gerade vor Grausamkeiten schützen sollte, die Menschen Menschen antun, die vielmehr gerade jene dazu benutzen, feige und nicht einmal im eigenen Namen andere zu demütigen. Die ernsthaft nach Gesetzen schreien, deren Zweck letztendlich solche Demütigungen sind, die Gesetze, Vorschriften und all das, was ihnen ein bisschen Macht verleiht, zum Werkzeug der Entwürdigung machen.

Ihnen angemessen, obwohl im Grunde zu gerecht, wäre das Beenden dieses gescheiterten Experimentes “Zivilisation”, da sie ohnehin nicht im Mindesten begriffen haben, was daran gut war und was fatal. Ich möchte ihnen gern die Gelegenheit geben, ihre Angelegenheiten wieder ohne den Schutz der Gesetze zu regeln, deren Sinn ihnen ja nicht eingeht. Lasst sie mit Äxten und Knüppeln aufeinander losgehen und sich gegenseitig die bräsigen Schädel einschlagen. Einfache Regeln, unmittelbare Wirkung.

Feige Barbaren

Wo ist der soziale Fortschritt? Nach der Aufklärung kam spätestens mit dem Nationalsozialismus die Steigerung barbarischen Menschenhasses zur industriell organisierten Ausrottung der Menschlichkeit. Immerhin reichte das für einen Schock. Es blieben noch genügend Nazis und Menschenschinder anderer Sorte übrig, der “Schoß” blieb stets “fruchtbar noch, aus dem das kroch”. Aber immerhin wurde kurzfristig erkannt, dass da etwas schiefgelaufen war. “Kapitalismus” wollte man nicht mehr, “Menschenwürde” wurde groß geschrieben, “Demokratie” sollte es werden. Es stand auf dem Papier, und es wurde in den Reden verkündet, so dass das Volk das glaubte.

 
 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken

 
 

Es hat nicht lange gedauert, bis alles, aber auch alles wieder vergessen wurde. Die Masse interessiert sich nicht für Demokratie, nicht für Kapitalismus und nicht für Menschenwürde. Das eine erscheint ihnen als Naturgesetz, das andere sagt ihnen nichts. Wer nicht ist wie sie, ihre Schicht, ihre Sicht, ihre Herkunft, Sprache oder Religion, der ist kein “Mensch” mehr. Der ist Ausländer, Arbeitsloser, Grieche, Moslem oder Kommunist. Der hat demnach keine Würde, die es zu schützen gilt, sondern nur Schuld. In Leserbriefen hetzen sie über eine Jugend in Südeuropa, die “Anreize” bräuchte um zu arbeiten, wo mehr als jeder Zweite keinen Arbeitsplatz findet. Das liege daran, dass sie alle faul seien. Denen sei nichts zu gönnen. Kein rationales Argument hilft dagegen.

Beam me up

Die widerlichen Schikanen in den Job Centern, die vor nichts zurückschrecken, zu dem sie Arbeitslose zwingen können, finden nur Applaus in einer verrohten Mittelschicht. Neuestes Beispiel: Da werden den “Kunden” Schrittzähler verordnet, um festzustellen, ob das faule Pack sich auch genügend bewegt. Tut ja nicht weh, das kann man doch leisten, wenn man die Hand aufhält!

Nichts haben die Charakterschweine gelernt, die jeden Zwang befürworten, den sich ein eifriger Kollaborateur ausdenken kann. Das Existenzminimum muss sich niemand “verdienen”. Es ist das, was jedem zusteht, den die Gesellschaft nicht hat integrieren können. Auch die Faulen und die Renitenten. Punkt. Aber nein, diese verschwindende Minderheit taugt ihnen vielmehr zum Grund für den Weg zurück in die gepflegte Barbarei. Einer faul, alle faul. Alle faul, alle unwert. Das wird durchgekaut bis zum Erbrechen und dann noch einmal und noch einmal.

Woanders können sie das auch in unserer Friedensnobelpreis verseuchten Union der Demokratien. In Ungarn wollen sie nach der Ghettoisierung der “Zigeuner” wieder Juden zählen, in Holland wollen sie Ghettos für Asoziale. Was sind das für Leute? Ich möchte mit denen nicht auf demselben Planeten wohnen. Wenigstens würde ich aber gern irgendwo hin, wo Leuteschinderei endlich als die Niedertracht gilt, die sie ist und von allen stets mit der größten Verachtung quittiert wird. Wo die Würde des Menschen endlich verdammt nochmal unantastbar ist.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.

Meine allerersten Erfahrungen mit “Politik” waren geprägt von der Verehrung für Willy Brandt. Ich erinnere mich dunkel an das konstruktive Misstrauensvotum und dass Rainer Barzel ein böser Mann gewesen sein muss. Grundsätzlich war meine Kindheit also – wie die gesamte Zeit der 70er Jahre – sozialdemokratisch geprägt. Ich hatte Verwandte in der DDR, die ich im Alter von 13 Jahren besuchte. Sozialismus fand ich schlimm, weil viele Leute sich nicht trauten, laut ihre Meinung zu sagen, weil sie weinten, wenn eine Flasche Ketchup für ein paar Pfennige zu Bruch ging und man dort alle möglichen Waren nicht bekam.

Ich lebte hingegen in der “sozialen Marktwirtschaft”, dem damaligen Original. Selbst CDU-Anhänger hätten jemanden für verrückt erklärt, der gesagt hätte, man könne sich den Sozialstaat nicht leisten. Dennoch begann schon bald das Ende dieser Phase.

Was ich damals noch nicht wusste: Alle Parteien waren sich im Grunde einig gewesen, dass es keinen Kapitalismus mehr geben sollte, das stand jedenfalls in den Programmen, so auch im Ahlener Programm der CDU, aus dem das Zitat am Eingang stammt. Die Lösung schien also die besagte zu sein. Der Begriff “Kapitalismus” kam nicht vor in den öffentlichen Debatten, übrigens auch nicht der des “Profits”. Die Wirklichkeit schien das zu bestätigen. Es gab sogar Lehrmittelfreiheit. Jedes Jahr neue Bücher gratis, die man nachher wegwarf, manchmal fast ungelesen. Später galt das als “Verschwendung”. Seitdem müssen die Eltern diese Praxis finanzieren. Es gab Sozialhilfe und ihre Empfänger, die man bedauerte. Es gab auch Arbeitslose, für die es es eine Vorsorge gab. Niemand machte sich darüber schlimme Sorgen. Selbst die “Ölkrise” zwang das Land nicht in die Knie.

Die Wende

1982 zerbrach die sozialliberale Koalition. Das hatte diverse Gründe, u.a. den Kalten Krieg und den NATO-Doppelbeschluss. Aber auch die Tendenz in der FDP, höhere Profite zu ermöglichen. Damals dachte ich noch nicht daran, eine Krise des Kapitalismus zu erkennen. Wieso auch, es war ja nur eine “Marktwirtschaft”. Das Lambsdorff-Papier habe ich damals auch nicht gelesen. Ich erinnere mich aber sehr wohl, dass mit der “geistig-moralischen Wende” eine große Erzählung Einzug hielt, die uns glauben machen sollte, wir könnten uns den “überbordenden Sozialstaat nicht mehr leisten”. Was sehr merkwürdig war: Ausgerechnet, als der gebraucht wurde, denn es gab eine stabile Arbeitslosigkeit von mehr als einer Million Menschen.

Es begann eine Phase jahrzehntelanger Propaganda in diesem Sinne. Die ersten Regierungen unter Kohl haben dabei nur sehr vorsichtig in den Sozialstaat eingegriffen, allerdings wurde der Ton immer rauher. Sozialdemokraten, vor allem Oskar Lafontaine, verteidigten leidenschaftlich die Armen und Arbeitslosen gegen den sozialen Abstieg. Gleichzeitig kam mit den Grünen eine Partei auf, in der sich viele Kommunisten und Sozialisten tummelten. Seltsam fand ich die Reaktion der SPD, die diese Partei härter bekämpfte als die “Bürgerlichen”. Sie ließ sich von dem Vorwurf des “rot-grünen Chaos” zu immer absurderen Abgrenzungen gegen die Grünen treiben und driftete dabei inhaltlich deutlich nach rechts. Bis 1989 kam nur eine rotgrüne Koalition zustande. Erst als mit der PDS im Osten eine linke Konkurrenz auf den Plan trat, wurde Rotgrün salonfähig.

In dieser Phase wurden die Grünen durch die “Realos” unter Fischer und seiner Frankfurter Seilschaft von den als “Fundamentalisten” diffamierten Linken befreit. Am Ende des Prozesses zogen die “Pazifisten” in zwei Kriege, sitzt einer ihrer Oberen im Verein Atlantikbrücke, ist die “Basisdemokratie” zur Führerpartei avanciert und der Kommunismus bei Hartz IV gelandet. Von Sozialismus ist lange keine Rede mehr. Im Gegenteil wird die Linke vom vereinten Rotgrün exakt so gemobbt wie zu Anfang die Grünen von der SPD. Inhaltlich ist vor allem die SPD auf einem Niveau des Mobbings gegen Arbeitslose und Minderheiten angekommen, das sie vor 1989 mit schäumender Empörung quittiert hätte. Mit Maschmeyer, Hartz und Konsorten ließ sich Rotgrün von den übelsten Profitgeiern und Halbgöttern des Kapitals die Entscheidungen vorgeben. Damit stand die Einheitsfront, denn Schwarz und Gelb mussten nicht lange davon überzeugt werden, dass es dem Kapital stets gut gehen sollte.

Rechts ab, Vollgas

So weit der “Linksrutsch” im Lande. Ich selbst habe das mit wachsender Verwunderung begleitet und lange gegrübelt, warum eigentlich der Weg der friedlichen und halbwegs solidarischen Marktwirtschaft verlassen worden war. Zwar war mir Marxens Kritik des Kapitalismus weitgehend bekannt, aber der hatte sich ja nie mit einer sozialen Marktwirtschaft befasst. Bei ihm las sich das so, als müsse das Kapital grundsätzlich die Ausbeutung ins Extrem treiben. Wir hatten aber den Beweis des Gegenteils.

Das ist die Krux, die viele sicher vor dem persönlichen Linksrutsch bewahrt: Dass sie die Marktwirtschaft nicht als das erkennen, was sie am Ende doch ist: Kapitalismus und sonst nichts. Die schöne Phase, in der sich das Ganze wirklich anfühlte wie etwas “Soziales”, als es Aufstiegschancen en masse gab und selbst die Verlierer in Frieden gelassen wurden, war ein Glücksfall, der von Anfang an ein Haltbarkeitsdatum hatte. Die Klügeren unter den Dienern des Kapitals haben das frühzeitig erkannt und schon Anfang der 80er jene Propaganda gestartet, mit der sie inzwischen eine ‘Krise’ nach derselben begleiten und die Reaktionen darauf als schmerzhaft, aber notwendig® verklären.

Dazu gehört ebenfalls die Illusion, es werde schon wieder besser werden. Daran klammern sich all jene verzweifelt, die sich nicht zu Staatsfeinden und Anhängern einer Diktatur stempeln lassen wollen. Die den einen Schritt nicht wagen zu erkennen, dass es nie mehr besser wird mit der “Marktwirtschaft”. Dass der Kapitalismus die Welt immer wieder auffressen und ausspucken wird, wenn man ihm nichts entgegensetzt. Zum Beispiel einen neuen Sozialismus.

Ich hatte zuletzt zu dem Thema geschrieben: “Es geht um nicht weniger als die Zerstörung von Arbeit als Prinzip, das Leben (“verdienen”) und Identität (Stolz) spendet.” Ich möchte das an dieser Stelle noch einmal vertiefen, aus gegebenem Anlass und weil die Lösung vom Begriff des Arbeiters und seiner Arbeit für soziale Alternativen entscheidend sein könnte. Wenn ich an dieser Stelle “Begriff” sage, geht es nicht um ein Wort, um Haarspalterei, sondern es geht ganz selbstverständlich um das, was mit dem Begriff verbunden ist, sowohl die gesellschaftliche Wirklichkeit als auch die Konnotationen. Wer “Arbeit” sagt, meint etwas, von dem er vielleicht gar nichts weiß.

Ich werde mich mit einigen dieser Konnotationen befassen, die man erst einmal loswerden muss, wenn man über eine zukünftige Gesellschaftsorganisation verhandeln will. Es wird nämlich nicht reichen, plakativ “Lohnarbeit” abschaffen zu wollen, wenn das ganze Drumherum bestehen bleibt. Wer das ändern will, muss die Säge tief ansetzen. Eine der großen Illusionen, die in beinahe jedem Kopf von rechts bis links und reich bis arm steckt, ist die Mär vom Fleiß. Wer viel arbeitet ist fleißig. Fleißig sein ist gut. Wer fleißig ist, verdient etwas. Er verdient mehr als jemand, der weniger fleißig ist.

Die Tugend der Sklaven

Diese scheinbar völlig selbstverständlichen Weisheiten haben eines gemeinsam: Sie sind durch und durch grundfalsch. Nichts daran ist wahr. Fleiß ist eine jener ‘Tugenden’, die in einer Sklavengesellschaft den Unfreien zugedacht ist. Wer sich selbst knechtet, mehr noch als die Herrschaft es verlangen würde, gilt als tugendhaft. Diese Grundmoral der Ausbeutung ist ein Herrschaftsinstrument, das darum den eben Herrschenden schlicht nützt. Seine Übernahme als Ideologie der “Arbeiter” selbst, grenzt an Irrsinn. Der Arbeiter, der stolz ist auf seine Arbeitsleistung, ist ein Sklave, der seine Unterwerfung vollständig verinnerlicht hat.

Dem zur Seite steht mit dem Vehikel “verdienen” die nächste ideologische Allzweckwaffe. Wer fleißig ist, “verdient”. Im Endeffekt bedeutet dies nicht ein Recht, sondern die moralische Pflicht zur Unterwerfung unter das Lohnprinzip, dies wird ja ausdrücklich politisch so formuliert: “Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen”. Eine Pflicht, die unausgesprochen natürlich den Profiteuren nicht obliegt. Wer reich ist, muss seine Existenz nicht rechtfertigen. Mit zynischen Sprüchen wie “Jeder kriegt, was er verdient”, wird der Status Quo für “gerecht” erklärt. Abhängige, die am selben Ort vergleichbare Arbeit leisten, werden oft nach Stunden bezahlt. Damit wiederum wird die allgemeine Regel ins Gegenteil verkehrt und behauptet, wer mehr arbeite, bekomme auch mehr. Dabei gilt für die Verteilung via Arbeit dasselbe wie für Verteilung allgemein: Wer reich ist, bekommt mehr.

Der Schnellste im Hamsterrad

Arbeiterparteien und ihre Nachfolgeorganisationen gehen diesem Unsinn nach wie vor auf den Leim und stricken fröhlich mit an der Legende vom Fleiß. Sie tun es, indem sie teils ebenfalls behaupten, teils einfordern, dass mehr Fleiß zu mehr Wohlstand führe. Dies war aber nie der Fall, nie vorgesehen und ist auch schlicht sinnlos. Letzteres u.a. deshalb, weil zu allen Zeiten unterschiedliche Arbeiten unterschiedlich bewertet wurden und weil es hieße, dass mehr Arbeit, die zu weniger Erfolg führt, besser wäre. Haben technische und wissenschaftliche Entwicklungen zu einer immensen Produktivität geführt, damit alle möglichst viel arbeiten? Wo ist da der Sinn? Fleiß ist allein deshalb kontraproduktiv, weil Intensität, Tempo und Menge in produktiven Prozessen sich nicht nach den überschüssigen Energien Einzelner richten können, weil die vielleicht gerade auf Koks sind. Fleiß ist Unsinn.

Im nächsten Text zum Komplex werde ich mich mit dem Problem der Aneignung beschäftigen, die in keinem logischen Zusammenhang mit Arbeit steht, dennoch aber flächendeckend damit in Verbindung gebracht wird.

 
odysseus

Odysseus, so heißt es gemeinhin, sei ein außerordentlich kluger und listenreicher Mann gewesen, der ob seiner Klugheit und seines Listenreichtums die mystischen Mächte überwand und derart der aufgeklärten Weltsicht den Sieg über das Dunkel der Mythen beschert habe. Wie so oft ist in dieser quasi offiziellen Lesart einiges durcheinander geraten und das Wichtigste verschwiegen worden. Zum Beispiel dass er noch vor dem Listen- über ganz banalen wirtschaftlichen Reichtum verfügte.

Verfügte wie über die ‘Kameraden’, die keine waren, weil sie nicht gefragt wurden. Ob sie starben, Qualen erlitten oder Abenteuer erlebten, stets standen sie unter Befehl. Ihr Herr legte dabei weder besonderen Wert auf ihre Meinung noch auf ihre Interessen, es ging immer nur um seine. Ihr Erfolg war seiner, alles, was sie bekamen, war das, was er ihnen ließ. Sie waren Lohnsklaven. Ihnen kam die Arbeit zu, ihm der Ruhm und das Vergnügen.

Freiheit in Verantwortung

So zum Beispiel als er vermeintlich die Sirenen „überlistete“. Jedem, der ihren Gesängen lauschte, drohte der Tod. Nichts Genaues weiß man nicht, aber wer sich von ihnen betören ließ, den zog es auf die Insel, der nie jemand lebendig entkam.
Um also in den Genuss des Gesangs zu kommen ohne die Konsequenzen tragen zu müssen, pfuschte er sich durch. Regeln galten nämlich, Mythos hin oder her, für Herrn Odysseus nicht. Sie galten nur für die Lohnsklaven. Denen befahl er also, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen und die Befehle auszuführen, die er ihnen zuvor gegeben hatte. Dazu gehörte das Befolgen der Route und dass sie ihn an einen Mast binden mussten, um ihn bis zu einer bestimmten Stelle zu ignorieren.

Dies übrigens heißt seitdem bei den Herren „Freiheit“. Die einen befolgen die Befehle noch, wenn sie sie gar nicht mehr hören können, die anderen nehmen zwar nicht mehr am Leben teil, nehmen sich dafür aber, gefesselt in der eigenen Habgier, was allen anderen verwehrt ist. Dies ist ihnen gestattet wegen ihrer besonderen Fähigkeiten und Leistungen. Odysseus nannte man dafür (und dafür, dass er im Krieg sehr effizient töten konnte) einen „Helden“.

Ein großer Führer

Was widerfuhr nun dem Helden am Mast wirklich? Die Sirenen zeichneten sich durch das schlechthin komplette Wissen der Welt aus und verliehen in ihren Gesängen den Zuhörern eine Vorstellung von deren wahrer Größe. Hier das Universum – da du. In diesem Schock war bis dahin jeder Amok gelaufen und hatte sich unverzüglich suizidiert. Odysseus aber kam nicht dazu, ihm waren ja die Hände gebunden. Er hörte Dinge wie „Du bist ein Honk, Odysseus, ein Niemand. Jeder deiner Kameraden ist mehr wert als du. Ach was, jedes Schwein steht über dir, lässt es doch nicht andere für sich leben und sterben.

Das erschütterte ihn zutiefst, was er aber wie gesagt mangels Handhabe überlebte, obzwar einen Nervenzusammenbruch erleidend. Nachdem ihn seine ‘Kameraden’ wieder aufgepäppelt hatten, berichtete er ihnen davon, wie großartig das alles gewesen sei – und er selbst natürlich, dass er es wieder einmal geschafft hatte. Seine Großartigkeit ließ dann erst ein paar Kameraden von Seemonstern fressen, dann alle anderen ertrinken, als er aber als einziger Überlebender (vermutlich hatte er sich aus den Überresten der ‘Kameraden’ ein Floß gebaut) die Heimat erreichte, konnte er tolle Geschichten erzählen, die seinen Status als Held und Herrscher festigten. Zur Feier seiner Rückkehr ließ er noch eine Hochzeitsgesellschaft hinrichten und sich daraufhin als großen und gerechten Führer seiner Nation feiern.

Seitdem wird immer wieder versucht, dieser Karriere nachzueifern. Dies gelingt freilich bis heute nur den Besten der Besten der Besten.

« Vorherige SeiteNächste Seite »