Es erscheint wie ein unwichtiges Detail am Rande, aber was da im Rahmen der Verhandlungen über die KFZ-Steuer stattgefunden hat, war ein weiterer skandalöser Versuch, die Großen zu subventionieren und die Kleinen dafür zur Kasse zu bitten. Und das ging so:
Ein Teil der Steuer wird sich nach Hubraum berechnen, ursprünglich waren zehn Euro pro hundert Kubikzentimeter geplant. Allerdings sollte die Höhe der Steuer auf 300 Euro maximal festgelegt werden. Das hieße dann, eine vier-Liter-Kutsche würde mit einhundert Euro subventioniert und die echten Wahnsinnskisten, die sich nur Graf Rotz leisten kann und die etwa drei Bäume auf hundert Kilometer verbrauchen, gar mit einigen hundert Euro. Nachdem wohl vor allem der Bundesumweltminister opponiert hat, wurde dieser Plan geändert. Um satte fünf Prozent, auf 9,50 Euro, soll die Steuer sinken, da die Spritsäufer ja nun angemessen taxiert werden. Gut fünf Prozent sollte also jeder Autofahrer als Notopfer für die Großmotorisierten zahlen. Die Union findet das ganz normal und offenbar richtig. Bei der SPD hat auch niemand wirklich Zeter und Mordio geschrien, aber immerhin hat Gabriel aufgepaßt und diese Umverteilung verhindert. Seine Fraktion begründet ihren Widerstand übrigens mit umweltpolitischen Argumenten. Das ist zwar nicht falsch, aber eben nur ein Aspekt an der Sache. Daß es sich um einen Akt sozialer Subvention handelt, fällt ihnen schon gar nicht mehr auf, im Gegensatz übrigens zu den “Ökos”, den Grünen.
Die Große Koalition wurschtelt sich weiter durch, solide auf dem Rücken der weniger Betuchten, mit sporadischen Lichtblicken, die halbgar begründet werden. Man mache sich nur nichts vor, was die glorreiche Aussicht auf “Schwarzgelb” anbetrifft! Die CDU/CSU darf in puncto “Umverteilung” als Waisenkind gelten im Vergleich zum besseverdienend neoliberalen Original. Ich möchte gar nicht wissen, was denen alles einfiele, um Kleinverdienern das Geld aus der Tasche zu ziehen, mit dem dann ganz sozial “Arbeit geschafft” würde. Sicher so eine Art Merz-Spezial-Steuer, alle zahlen das Gleiche, Motto: “Freie Fahrt statt Sozialismus”.
Man kann es nicht oft genug sagen: Das Volk muß der Politik aufs Maul schauen. Wenn da demnächst wieder jemand von “Umverteilung” schwadroniert, muß einem das Ohr klingeln. Es wird immer etwas verteilt. Die Frage ist nur, ob das mit gerechten Dingen zugeht. “Umverteilung” bedeutet dann nur, daß etwas von einem Haufen auf einen anderen wandert. Wandert es von dem kleinen Haufen auf den großen, ist in der Regel etwas faul. Bei der KFZ-Steuer ist es diesmal, zufällig quasi, anders gekommen.
2009
Wenn das der Hahne wüßte
Posted by flatter under HintergrundKommentare deaktiviert
25. Jan 2009 23:37

Es gibt Tage, da fließen die Tränen reichlich und solche, wo der Schnupfen tobt. Auf beides wäre ich vorbereitet. Schlimm sind aber die trockenen Tage, an denen nichts fließt, der Körper und der Kopf voller Blei sind. Ich ahne schon heute, daß ich mich am Dienstag krankschreiben lassen werde. Peter Hahne wird das gern hören und mit dem Finger auf mich zeigen. Was bin ich doch für ein perfider fauler Sack! Sicher so eine Maßnahme, um die lange dunkle Zeit ohne Feiertage zu versüßen, zwischen Neujahr und Ostern. Da hat er mich aber erwischt!
Nein, morgen ist nur eine Kollegin in der Einrichtung, ich kann sie nicht allein arbeiten lassen. Ab Dienstag sieht das besser aus. Vielleicht wird aber auch alles gut und ich kann schon morgen voller Elan über die Felder hüpfen. Dann kann der Hahne immer noch sagen, ich sei ein Faulpelz im Geiste. Gut, das er so gut auf uns aufpaßt.
Echte Demokraten wissen, wie sie mit der Linken umzugehen haben: diffarmieren, isolieren, dämonisieren. Einen neuen Höhepunkt findet das in Münteferings neuester Sprachentgleisung:
“Die Linkspartei vertritt auf Bundesebene eine nationale soziale Politik.” Diese inhaltsleere Floskel ist die pure Assoziation – die Linke soll als “nationalsozial(istisch)” betrachtet werden. Wer nichts zu sagen hat und für seine Lügen keine Argumente mehr findet, der bedient sich tendenziöser Assoziationen. Dies ist exakt das Spiel der Demagogen.
Flankiert wird diese Dreistigkeit aktuell durch einen Artikel in der “Zeit”, in dem Brigitte Fehrle einmal mehr darlegen kann, daß sie zwar keine Ahnung von der Sache hat, aber Oskar Lafontaine nicht leiden kann. Mit diesen Qualitäten ist sie früher schon aufgefallen. Fehrle bedauert, daß die Einbindung der Linken in politische Verantwortung und ihre Beteiligung an Regierungsverhandlungen nicht dazu führt, daß sie verschwindet. Die Autorin bietet alle ihre Möglichkeiten auf zu erklären, woran das liegen könnte und kommt zu keiner befriedigenden Antwort. Nich einmal “Protest”, so erkennt sie immerhin, kann das ausschlaggebende Moment sein, warum die Leute “Links” wählen.
Bedauerlicherweise liegt eine inhaltliche Betrachtung der Politik der Linken und ihrer Gegner jenseits des Spektrums der Möglichkeiten, die Frau Fehrle in den Sinn kommen. Das nimmt nicht wunder, denn sobald sie selbst “sachlich” wird, offenbart sie grobe Unkenntnis – sofern man sie nicht der Lüge bezichtigen will. Was sie vom Selbstverständnis der Parteien und ihrem Bezug zur je eigenen Geschichte weiß, ist offenbar nahezu nichts. So macht sie ihren Lesern weis:
“Seit die Linke im Westen mithilfe der enttäuschten Sozialdemokraten und Oskar Lafontaine ihre Vergangenheit als Staats- und Stasipartei erfolgreich versteckt, könnte das Gesetz des unabhängigen Wachstums auch hier gelten. [...]
Denn der Wortbruch und das Scheitern einer Regierungsbildung danach waren auch eine Folge falscher Emotionen. Auf allen Seiten. Bei Andrea Ypsilanti, weil sie aus überzogenem Machtwillen und Eitelkeit blind war für die Bedenken in ihrer Fraktion. Bei Dagmar Metzger, weil sie ihr Nein zu einer rot-roten Kooperation mit (fast) nichts anderem als den Argumenten von 1990, mit Mauer und Stacheldraht, zu begründen wusste. Bei der Linken im Westen, weil sie sich ignorant weigert, für ebendiese Vergangenheit Verantwortung zu übernehmen.”
Wer die Diskussionen und Programme der PDS, der Linkspartei und der Linken kennt, weiß, daß sie sich sehr intensiv mit ihrer DDR-Geschichte auseinandergesetzt hat. Ob einem das Resultat als ausreichend erscheint, kann man diskutieren, das ändert aber nichts an der Tatsache des offenen Umgangs damit. Würde man dieselbe Meßlatte etwa bei der CDU ansetzen, müßte man diese als Partei von sturen Nazis und Blockflöten betrachten. Daß Fehrle von ehemaligen SPDlern, die den Sockel der “Linken” im Westen bilden, verlangt, sie sollten Verantwortung für “Mauer und Stacheldraht” übernehmen, grenzt an Schwachsinn.
Der Sinn dieser würdelosen Veranstaltungen, die immer skurrilere Züge annehmen, ist der verzweifelte Versuch, eine Politik zu verhindern, die einfach bessere Argumente hat. Bessere als die all derjenigen, die immer noch “Demokratie” sagen, wo sie “Marktwirtschaft” meinen, und zwar diejenige, die den Reichen gibt und den Armen nimmt. In Zeiten, da dieser Mummenschanz nicht mehr nur lächerlich wirkt, sondern die westliche Zivilisation gefährdet, geraten die vermeintlich Staatstragenden zu Sargträgern der Demokratie. Brigitte Fehrle bemüht sich redlich, stets als erste in der Leichenhalle zu stehen.
Wer sich übrigens Argumente anhören will, mag sich mit den Reden von Oskar Lafontaine oder Ulrich Maurer beschäftigen.
Und noch ein paar Häppchen
Posted by flatter under JournalismusKommentare deaktiviert
23. Jan 2009 23:48
Im Tarifkonflikt der Deutsche(n) Bahn sieht deren Arbeitgebervertreter “kaum Verhandlungsspielraum”. Das hat er ja schnell gelernt, der Norbet Hansen. Letztes Jahr noch hat er im Gewand des Gewerkschaftschefs auf der anderen Seite “verhandelt”. Damals wie heute gegen die Interessen der Mitarbeiter, heute allerdings nicht auf deren Lohnliste. Das muß man sich mal in Erinnerung rufen, daß der feine Herr sich noch von den Leuten hat bezahlen lassen, die er im Dienst der Gegenseite verkasperte. Danach besann er sich allerdings eines besseren – und ließ sich für noch mehr Geld ganz offiziell von Mehdorn kaufen.
Bei Zeit.de fordert Alexandra Endres die Verstaatlichung von Banken. Ja, weiß sie denn nicht, daß der Staat der schlechteste Banker ist? Das hieße doch Milliardenverluste für den Steuerzahler! Da wäre es doch besser, eine “Bad Bank” einzurichten. Das hieße zwar dasselbe, aber es gingen dem Markt wenigstens keine Gewinne flöten, wenn der Laden wieder läuft. [edit:] weißgarnix stellt in aller Kürze eine weitergehende Idee dar.

Die TAZ schließlich übt sich in “Super Symbolfotos”, was mir eine Inspiration war.
Die moralischen Instanzen der "Sozialdemokraten"
Posted by flatter under PolitikKommentare deaktiviert
23. Jan 2009 0:33
Man kann nicht soviel fressen, wie man vor lachen kotzen muß. Während die vier Antistalinisten der SPD für ihre Rettung des Landes Hessen vor Ypsilanti quasi bundesverdienstbekreuzigt wurden, hatte die Öffentlichkeit leider nicht die Möglichkeit, die Regierung Koch noch vor der Wahl angemessen zu würdigen. Erst jetzt darf im Lichte betrachtet werden, welch eine Mafia da am Werk ist. Der saubere Herr Minister Hoff und seine Selbstaufsicht über Gelder, die ihm ganz zufällig in die eigenen Taschen geflossen sind, sind jetzt endlich ein Thema. Wer zu spät kommt, den belohnt der politisch-publizistische Komplex.
Noch besser und reif für den Bundes-Comedy-Award ist das Engagement des Pipelineprinzen Schröder für das Managermonopoly und dessen Betitelung in der FTD. Der Erfinder der Armani 2010 glänzt im Gegenlicht des verruchten Linksrucks als… lest es selbst:
“Am Donnerstagabend habe sich Contis Führung mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Informationsaustausch getroffen, erfuhr die FTD. Der Sozialdemokrat ist Garant für die zwischen Schaeffler und Conti bei der Übernahme geschlossene Investorenvereinbarung. Er soll vor allem als moralische Instanz über ihre Einhaltung wachen.”
Ich habe in letzter Zeit viele Tränen der Trauer geweint, aber so naß gemacht wie im Angesicht dieser Zeilen habe ich mich nicht. Mir fehlt wohl das angemessene Feingefühl.
Die TAZ liefert ein paar Zahlen zur Einkommensverteilung in diesem unseren und meint: “Die Mittelschicht ist angeschmiert“. Ich fände es recht angenehm, solche Zahlen mit etwas mehr Meinung anzureichern, obwohl sie beinahe für sich sprechen. Daß die Mittelschicht abgesackt ist, birgt ein Riesenproblem, man versteht das allerdings nur, wenn man es in die Zusammenhänge setzt. Eine deutlichere Betonung der Lage darunter und der Hinweis darauf, daß der Mittelschicht daraus kein politisches Bewußtsein erwächst, tun hier not. Wer wählt denn Schwarzgelb?!
Michael Schlieben keilt für Zeit.de auch noch nach gegen Ypsilanti, die Stalinorgel von Hessen. Der Titel “Arbeitslos wegen Ypsilanti” und der darunter gefaßte Artikel lassen jede Ironie vermissen, obwohl es pure Realsatire ist. Der Abgeordnete, der nicht Ypsilanti, sondern den vier Demaskierten die Verantwortung zuweist, kommt erst in den letzten Zeilen zu Wort. Immerhin konterkariert diese Meinung die dümmliche Überschrift, was dem Journalisten offenbar nicht den Gedanken wert ist, diese zu ändern.
“Opferschutz vor Täterschutz” ist die knallrechte Parole, mit der die NRW-CDU die geplante Videoüberwachung von Schulen begründet. Neu daran ist nur das Spiel, das die schwarzgelbe Traumkonstellation damit treibt. Auf solchen Nebelschauplätzen wird eifrig “Politik” gespielt, während stickum die Fenster geschlossen werden, um den alten neoliberalen Mief zu pflegen.
Das Weiße Haus hat eine neue Hompage mit neuem Konzept, die Sueddeutsche erklärt was dazu. Zumindest an der Oberfläche weht der storm of change.
Mal sehen, wie die Bösen auf Obama reagieren, es wird schwierig für sie werden ohne seine “Unparalleled Competence and Intelligence“.
Da Artikel über Blogger ungemein resonanzwirksam sind, muß ich mich natürlich über Don Alphonso in der “FAZ” äußern. Überdies darf man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einem Bloggerkollegen “Verrat” vorzuwerfen, wenn dieser sich mit der Journaille einläßt. Zumal dann nicht, wenn es jemand ist, der anderen gern Hurerei vorwirft.
Ich mochte ihn ja noch nie. Ich fand ihn schon immer zu bourgeois. Nach der ersten Schrecksekunde, als ich sein Blog bei faz.net fand, dachte ich schon: Das kann passen. Don Alphonso ist gefühlt ebenso unsympathisch wie die FAZ, beide gehören bei mir zur Standardlektüre beim nächtlichen Überfliegen der Textöffentlichkeit. Beide lese ich deshalb, weil ich dort publizistische Qualität finden kann, die ich woanders nicht in dieser Form finde. So viel zu den Ähnlichkeiten.
Die Blogbar und der Rebellmarkt bereiten mir ungleich mehr Freude als die FAZ, über Don habe ich mich bislang nicht wirklich geärgert, während die FAZ aus Tradition noch immer gern reaktionär daherkommt. Die FAZ ist mir unsympathisch, weil sie sich von einer elitären Linie des Klassenkampfes nie gelöst hat, obwohl sie immerhin mit offenem Visier von oben herab auf die Welt blickt. Don ist nicht mir nicht persönlich unsympathisch, er gibt sich nur so, und das funktioniert hervorragend. Ich finde das recht angenehm, denn ich will nicht umschmeichelt werden, wenn ich lese. Ich will Meinung und Inhalt.
Zuletzt fiel mir Don Alphonsos tendenziell großbürgerliche Attitüde auf, als er von Büchern schrieb, die man in einem gewissen Umfang zu besitzen hätte, und ich war drauf und dran, ihn über Menschen zu belehren, die sich das nicht leisten können und daher Büchereien aufsuchen. “Was soll’s” dachte ich dann, man wird sich vermutlich einigen, daß es so nicht gemeint war, und es wird seine Sicht nicht ändern. Ein wenig erinnert mich der Rebellmarkt oft an Adornos “Minima Moralia” und wie dieser dort über Zugwaggons und Autotüren räsoniert, als hinge von der Etikette das Überleben der Kultur ab. Dies ist kein “Adornovergleich”, mich macht nur der Bruch schmunzeln, der in solchen Texten steckt: Der Versuch, das Richtige gegens Falsche in Stellung zu bringen, scheint bei manchen dazu zu führen, sich in den Widerspruch zwischen der Vision und dem “Guten” der Herkunft zu verwickeln. Solange es beim Symptom des Hätschelns der Symbole des eigentlich verachteten Status bleibt, sei’s geschenkt.
Nun also die FAZ. Die ersten Artikel erscheinen mir zahnlos, mal sehen, wie sich das entwickeln wird. Selbst einen gebremsten Don Alphonso erwarte ich mit Spannung, womöglich wird er noch charmant. Ungleich unterhaltsamer kann freilich ein deutlicher Don bei der noblen FAZ werden.
Generell freut mich das Experiment, das nicht das letzte seiner Art sein wird. Hier sind zwei zusammengekommen, die etwas versuchen wollen. Das wird Schule machen: Größere Medien und Blogger, sie sich beschnuppern, sich kennenlernen und ein Experiment wagen. Wie sonst sollte es gehen?
Wer weiß, vielleicht wird der Don sogar davon Abstand nehmen, das von mir so gehegte und gepflegte “ß” brutal zu meucheln und ihm wenigstens nach langen Vokalen und Diphthongen eine neue Chance geben.
Die nächste Kochshow in Hessen
Posted by flatter under PolitikKommentare deaktiviert
18. Jan 2009 21:36
Es kam wie erwartet: Der Mann, den seit Jahren niemand mehr haben will, regiert weiter. Der Ministerpräsident und die CDU fühlen sich nun offiziell als Sieger, denn sie stellen weiterhin den Chef: Koch. Daß sie noch weniger Stimmen bekommen haben als bei der letzten schon als “Schlappe” geltenden Wahl, davon kein Wort.
Es ist gut zu wissen, daß die Hessen ihn schon wieder abgewatscht haben, auch wenn er es nicht merkt. Die FDP hat so viel dazugewonnen, daß sie ihn auf den Schild heben können. Dieser Zugewinn ist freilich fast allein der SPD zu verdanken. Die Scharen an “Nichtwählern” aus ihren Reihen sind schon einmal eine Menge für die anderen wert, es gibt dadurch mehr Prozent pro Stimme. Die vermeintlichen Wähler der “Mitte”, denen sich die Agenda-Fraktion so rückgratlos vor die Füße wirft, fühlen sich bei der FDP besser aufgehoben. Wenn schon neoliberal, dann richtig. Der Rest des Zugewinns für die FDP rekrutiert sich aus denen, die das Unvermeidliche zwar wollen, womöglich gar die CDU, aber bitte nicht mehr Roland Koch! Daß Koch sich jetzt hinstellt und posaunt, die FDP-Wähler wollten doch auch alle ihn, ist eine pathologoische Selbstüberschätzung.
Die Grünen gewinnen aus ähnlichen Gründen wie die FDP mächtig dazu, was sie sich ebenfalls nicht selbst zuschreiben sollten. Der Einäugige sieht besser als der Blinde, das kann sich aber bei der nächsten Begegnung mit dem Schwarzen Ritter ganz schnell ändern. Die Linkspartei schließlich wird sich freuen, es mit einem chaotischen Haufen dennoch in den Landtag geschafft zu haben – und kann sich auch artig bei der SPD bedanken.
Wir hatten das zur Genüge, das Jahr 2008 war das “Jahr Ypsilanti”, die von einer Kampagne der Neoliberalen in Parteien und Medien überrollt wurde. Sie hat es nicht geschafft, aus der Rolle der unfreiwillig nützlichen Idiotin heraus zu finden. Ihre Sturheit und die grobe Fehleinschätzung der Entschlossenheit ihrer Gegner waren ihr Beitrag zum Desaster. Daß sie jetzt zurücktritt, ist in Ordnung. Ich wüsche ihr die Weisheit, aus der Katastrophe zu lernen und gestärkt wiederzukommen.
Da die Hessen-Oper eine mulitmediale Farce war, lohnt sich auch heute ein Blick ins journalistische Umfeld. Drei aktuelle Beispiele dazu:
Bei Zeit.de liefert Ludwig Greven eine nüchterne Analyse der Lage. Es finden sich allerdings noch Nachwehen des Anti-Yps-Kurses: Die Formulierung vom “verhängnisvollen Kurs Ypsilantis” ist zwar akzeptabel, verschweigt aber mehr, als sie aussagt. Die Rede von den vier “SPD-Rebellen” hingegen ist schon grenzwertig.
Sensationell ist der live-Kommentar von Stephan Hebel für die FR: Bissig, informiert und gegen den Strom. Ein journalistisches Highlight, wie ich es lange nicht erlebt habe. Ich hoffe, dieses Dokument bleibt lange auf dem Server.
Sogar für das heruntergekommene Niveau des “Spiegel” noch eine Schande ist der Dreck, den C.C. Malzahn Frau Ypsilanti hinterherwirft. Schon die Eingangsphrase ist angesichts des Wahlsiegers so dumm, daß man sich fragt, ob Mahlzahn überhaupt je von einem Mann namens Koch, Roland, gehört hat:
“Die Wählerbotschaft an die SPD ist von simpler Klarheit: Du sollst nicht lügen.”
Kollege Hebel erinnert da ganz selbstverständlich an die erfundenen “jüdischen Vermächtnisse”, die Koch sich ausgedacht hat, um sein Schwarzgeld in Sicherheit zu bringen.
Ich habe den Spiegel-Artikel nur aufgerufen, weil mir dies in der Einleitung aufgefallen war. Motto: “Mal sehen, was C.C. sonst noch an Blödsinn erzählt”.
Aber selbst der kann mich noch überraschen, versteigt er sich doch in folgende Formulierung:
“Wie man zuletzt mit den sogenannten “Abweichlern” umgesprungen ist und sie mit Hass und Häme abstrafte, war mehr als unwürdig. Es war geradezu abschreckend, wie der kalte Hauch vom Hotel Lux da über Hessens SPD wehte.”
Gegen diese bodenlose Frechheit sind die allermeisten Nazivergleiche noch in die Kategorie “Kompliment” einzuordnen. Diese völlige Verdrehung der Tatsachen und der Vorwurf, die SPD sei gegen die Verräter vorgegangen wie bei einer stalinistischen Säuberung, sind selbst für Malzahn beachtlich niveaulos. Der Mann ist ein widerwärtiger Hetzer und tritt noch auf Leute ein, wenn sie längst am Boden liegen. Dieser Mist wird hier natürlich nicht verlinkt.
Konjunktur kriegt keine Kinder
Posted by flatter under HintergrundKommentare deaktiviert
15. Jan 2009 23:54
Aber immerhin, 100 Euro pro Kind, das ist doch schon was! Auf die Zeitspanne berechnet, in der man für ein Kind aufkommen muß, sind das ca. fünf Euro pro Jahr. Dafür können sich die Eltern dann jedes Jahr Weihnachten eine Schachtel Kippen kaufen. Da ist Steinbrück gar nicht geizig.
2500 Euro gibt es sogar als Abwrackprämie, nicht für kleine Kinder, aber für alte Autos. Auf die Lebensdauer der verschrotteten Autos gerechnet, sind das etwa 278 Euro pro Jahr. Wirtschaftlich gedacht, ist das sehr konsequent, denn Deutschland exportiert keine Kinder, und diese kaufen auch keine Autos. Die Abwrackprämie sorgt zudem dafür, daß nicht Konsumenten der untersten Charge begünstigt werden. Wer sich keinen Neuwagen leisten kann, geht leer aus, und das ist dann ganz neusozialdemokratisch “auch gut so”. Gefördert werden soll nämlich echter Konsum, der der Wirtschaft hilft. Mit dem Kinderbonus ist der Gerechtigkeit schließlich genüge getan – sie kommt dem Reichen ebenso zugute wie den Armen. Ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie.
Peer Sparbrück, der als Finanzoberexperte für dieses Meisterwerk sozialdemokratischer Marktwirtschaft verantwortlich ist, sorgt gleichzeitig dafür, daß es kein Mehr und kein Zurück gibt. Sollte irgendwann wieder genug Geld durch die Banken und Konzerne fließen, soll dieses moderat wieder das Sparschwein füllen. Dem Prekariat soll mit Vefassungsrang deutlich gemacht werden, daß es auch in besseren Zeiten nicht die Hand aufzuhalten hat. Zuerst kommt die Wirtschaft, dann der ausgeglichene Haushalt und dann – nichts mehr. So gehen die Sozen mit Geld um. Von deutschem Boden soll nie wieder der Vorwurf ausgehen, die SPD verschwendete das Geld mit Almosen.
Noch beeindruckender als dieser politische Höhenflug ist allerdings die Wirtschaftskompetenz der Union, die ganz allgemein die Steuern senken will, um damit die höheren Staatsausgaben zu finanzieren. Das größte ökonomische Genie aller Zeiten, Glos der Große, sonnt sich im Glanz der Krise wie ein Hähnchen im Grill – geistig ähnlich lebendig, dabei aber weniger nahrhaft. Wem ist es bloß eingefallen, diesen Experten zum Wirtschaftsminister zu machen? Wer überläßt diesem sporadisch Aufgeweckten in schwerster See das Ruder des Flaggschiffs, auf daß er mit ruhiger Hand lässig unter jedem Riff hinwegtaucht?
Es ist die Bundeskanzlerin, der meine volle Bewunderung gilt: Wem es gelingt, sich hinter solchen Schmalhanseln zu verstecken ohne entdeckt zu werden, dem kann keiner das Wasser reichen – selbst wenn es allen bis zum Halse steht.
Das beste Konjunkturprogramm wäre freilich eine Abwrackprämie für den Kutter, auf dem diese Geisterfahrer die Crew geben.
“Der Westen” berichtet von der Kritik, die “Pro Bahn” an der Hatz auf “Schwarzfahrer” übt. Dort ist die Rede von einer “Prüftruppe“, die “von Zug zu Zug springt“. Einer aus dieser Jägertruppe gibt zu Protokoll: „Der verschärfte Ton bei den Kontrollen ist gewollt [...] Außerdem haben wir Anweisungen, nicht nur die Fahrgäste, sondern auch die Schaffner zu kontrollieren. Dadurch steigt der Druck und die Fehlerzahl.”
Der Konzern organisiert eine Treibjagd. Es kommt dabei überhaupt nicht darauf an, Schwarzfahrer von irritierten Kunden zu unterscheiden. Der gute Kunde kennt sich aus, macht alles richtig und hat daher ein gültiges Ticket. Alles andere ist Ausschuß, der gefälligst ein erhöhtes Beförderungsentgelt zu bezahlen und das Maul zu halten hat. Dazu ein Bericht von Heiligabend:
Ein 23-Jährige Frau hat es nicht mehr geschafft, ihr Ticket am Bahnsteig abzustempeln und dachte übderdies, es gebe im Zug noch Stempelautomaten. Zumindest dachte sie, wenn sie den ungestempelten Fahrausweis vorzeigt, könne der Schaffner diesen entwerten.
Dieser war aber alles andere als zuvorkommend und beschuldigte die junge Dame sogleich des vorsetzlichen Erschleichens der Beförderung, was sie empört zurückwies. Daraufhin führte der Bahnbedienstete sie in ein leeres 1.-Klasse-Abteil, um dort mit ihr zu diskutieren, ob er sie nun auch noch als “unkooperativ” einstufen solle – was immer das bedeutet.
Die attraktive junge Frau kam offenbar gar nicht auf die Idee, darin eine sexuelle Belästigung zu sehen, weswegen sie womöglich nicht in den Genuß des Status “kooperativ” kam. Sie hat jedenfalls keine Angebote ihrerseits gemacht, sondern den nicht recht weihnachtlich gestimmten Uniformierten grob kritisiert.
Dies ist nur eine von zahlreichen Anekdoten, die niemand lesen möchte. Bei der Bahn ist das offenbar so gewollt. Wenn selbst an Heiligabend in einer leeren Bahn ein derart grenzwertiges Gewese gemacht wird, kann es auch nicht ums seriöse Geschäft oder ums Prinzip gehen. Was sich da so zuträgt, ist die schlichte Normalität auf den Weg zum “privaten” Großkonzern. Hier zahlt der Mensch und zählt nichts mehr. Dies ist der Kern einer Ideologie, die Gewinne heiligt und sich einen Kehricht darum schert, wie sie zustande kommen.
