jesse 1970 waren noch 93,6% der Bevölkerung der BRD in einer christlichen Kirche. 1990 waren es noch 72,3%, unter anderen durch den Beitritt der DDR. Allein zwischen 1990 und 2005 ist der Anteil noch einmal auf 61,8% gesunken. Man darf davon ausgehen, dass die Nichtchristen bald in der Mehrheit sein werden, zumal die Austritte seit den Pädophilie-Skandalen noch nicht eingepreist sind und es die jungen Menschen sind, die austreten oder ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.

Die meisten sogenannten Christen, die ich kenne, verbleiben berufsbedingt in einer Kirche, weil die Kirchen es sich erlauben, in steuerlich geförderten sozialen Einrichtungen Nichtchristen zu diskriminieren und sie von Bewerbungsverfahren ausschließen. Zieht man also die Karteileichen und Zwangsmitglieder ab, sind die Christen schon in der Minderheit. Obendrein haben sie höchst verschiedene Vorstellungen von Christentum und daraus folgender Moral, die erheblich von den Vorgaben ihrer Kirche abweichen.

Die Gesellschaft ist nicht christlich

Kurzum: Diese Gesellschaft ist nicht christlich. Umso alarmierender ist es, wenn die Attitüde von Predigern und Pfarrern als sogenannte “Ethik” wieder Konjunktur hat, weil die politischen Instanzen, die eigentlich weltliche Orientierung geben sollten, selbst einer permanenten Korrektur von außen bedürfen, damit sie nicht endgültig das Raubrittertum zur Maxime erheben.

Diese Korrektur dann von religiösen Eiferern vornehmen zu lassen, ist ein schlechter Scherz, wenn das im Namen einer ‘aufgeklärten Demokratie’ geschehen soll. Dieser Schritt in Richtung Gottesstaat ist das Letzte, was eine moderne Gesellschaft braucht. Zum Nebel der Propaganda abgehobener Funktionäre auch noch den Weihrauch einer noch ‘höheren’ Moral? Wer will das? Soll das die Konsequenz aus dem berechtigten Vertrauensverlust der politischen Klasse sein, dass wir uns jetzt gleich in Gottes Hand begeben? Beten statt mitbestimmen?

Was da im Gespräch ist als Darsteller eines Staatsoberhauptes, ist eine Frechheit: Pfarrer Huber, Pfarrer Gauck, Christenfunktionärin Göring-Eckardt? Warum nicht gleich Notker Wolf? Sie vertreten neoliberale Parteien, Vereinigungen und Ansichten in einer christlich verquasten Leistungsethik, die keine Probleme hat mit der Diskriminierung der Verlierer im “Wettbewerb” oder der Befürwortung von Kriegen. Vor dem Hintergrund des Labels “Nächstenliebe” also eine Brutstätte der Schizophrenie, eine Werkstatt für kognitive Dissonanzen und die Legitimation beliebiger Herrschaftsansprüche. Hier sind die Kirchen fest in ihrer Tradition verankert. Nachher waren sie eh immer bei den Guten.

Gotteststaat vs. Grundgesetz

Bislang waren Laienprediger gefragt, die keine Fragen stellten, schon gar nicht zum Kurs der Leistungsträger-Einheitsfront. Das reicht jetzt nicht mehr. Das neue Profil ist eines, das vom Ersten Pfaffen im Staat erwartet, die Antworten auf alles schon vor der Frage zu haben. Sie müssen einer übermenschlichen Autorität entliehen sein. Das Feudalsystem bedarf einer starken absolutistischen Note. Wer nicht mitmacht, wer die Herrschaft infrage stellt, kommt in die Hölle, das ist die Botschaft.

Gesucht wird ein Profi, der keinen Widerspruch zulässt. Einer, mit dem man über alles reden kann und der immer zu denselben Antworten kommt. Das macht die Pfaffen so attraktiv. Dem Volk gefällt’s eh, denn Führung ist das, was sie erwarten. Demokratie interessiert in Wirklichkeit niemanden. Den einen verhagelt sie die Ernte, die anderen sind damit überfordert. Wäre das blöde Grundgesetz nicht, man könnte sich auf einen zeitgemäßen Gottesstaat einigen. So lange das aber nun mal gilt, gehören Pfaffen und Prediger nicht in Staatsämter.

Gauck – die aggressivste Variante

notmygauck p.s.: Was ich zur Kür der aggressivsten neoliberalen Variante zu sagen habe, schrieb ich bereits im Sommer 2010:
Der sympathische Stasi-Jäger Gauck als Präsident aller Deutschen, darauf muß erst mal einer kommen! In bezug auf das Ost-West-Verhältnis wäre wohl nur Birgit Breuel ein noch deutlicheres Signal gewesen, die Treuhand-Chefin und Ausverkäuferin der DDR-Restindustrie. “Ihr könnt uns mal”, ruft das Establishment den ehemaligen DDR-Bürgern und den Linken zu – eine tendenzielle Gleichsetzung, die dem politischen Kalkül entspricht. DDR-Nostalgiker und Links, das ist demnach eine Mischpoke. Unnötig zu betonen, daß sie alle bei der Stasi waren oder zumindest “Mauer und Stacheldraht” rechtfertigen. Was die neoliberalen Rückzugsgefechte der politischen Opposition permanent vor die Füße eimern, man kann es nicht mehr hören.

p.p.s.: Noch einmal sei auch darauf hingewiesen, dass deutsche Richter der Ansicht sind, wer Gauck nicht wolle, müsse durch den Verfassungsschutz beobachtet werden. Da schließt sich der Kreis.

[Update]: Was Gauck für ein “Bürgerrechtler” ist, dazu bitte hier entlang. Der Autor war Innenminister im Kabinett Lothar de Maizière.

p.s.: Zur Diskussion über die Vorwürfe: Diestel hat gegen Gaucks einstweilige Verfügung erfolgreich geklagt, später gab es eine außergerichtliche Einigung. Der Fall ‘IM Larve’ zeigt aber zumindest, dass zweierlei Maß angelegt wurde. Während der Chef der Behörde sich reinwaschen konnte, hatten andere diese Möglichkeit nicht. Und wer ist eigentlich IM Erika?

 
Die FR nennt Wolfgang Huber als Kandidaten für den Grüßaugust. Eine sehr gute Wahl:
Hubers Vater war der in NS-Deutschland führende Staatsrechtslehrer Ernst Rudolf Huber [...] Mit seinem Vater gab er eine fünfbändige Sammlung von Dokumenten zum deutschen Staatskirchenrecht heraus.”

Zu Ernst Rudolf:

In der Zeit des Nationalsozialismus war er einer der führenden Verfassungsrechtler und rechtfertigte die damalige Diktatur. Nach 1945 setzte er sich für die neu entstandene Demokratie in Deutschland ein. Besonders bekannt ist er für seine achtbändige Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, die ab 1957 erschien.

Huber ist Enkel des Reichsgerichtspräsidenten Walter Simon.

Im November 1926 hielt Simons einen vielbeachteten Vortrag über die »Vertrauenskrise der deutschen Justiz«. Darin drehte er die Vorwürfe von Sozialdemokraten und Demokraten gegen einseitig rechtsgerichtete Urteile der Weimarer Justiz einfach um und sprach über eine »Krise des Vertrauens der Justiz zum deutschen Staat« [...] Sozialdemokraten könnten, so Simons, aufgrund »innerer Hemmnisse« niemals Richter sein, da sie weniger dem Recht als dem Klassenkampf verpflichtet seien.” (Quelle: Wikpedia)

Yeah, den nehm’ ich!

Auch ohne die Erkenntnis, dass neoliberaler Neusprech uns mit vorgeblich ‘positiv konnotierten’ Begriffen eindeckt, drängt sich mir eine Frage auf, zu deren Beantwortung ich nicht wirklich ein Buch schreiben möchte. Ich stelle sie daher in den Raum und möchte dazu anregen, sich vor der Antwort wenigstens einige Minuten des Nachdenkens zu gönnen.

Was ist eigentlich dieses “Wachstum“?

Und jetzt ihr!

 
byck

Mitunter gibt es Erfreuliches zu berichten. Gestern noch las ich Kommentare bei “Focus” und war deprimiert angesichts des Erfolgs der herrschenden Propaganda. Dass selbst ein auf Linie getrimmter Narr wie Dieter Nuhr den Leuten einbläut, alle Griechen würden Renten für Tote beziehen und leisteten nichts, weil sie höchstens in einer überflüssigen Verwaltung arbeiteten, trägt Früchte. Derweil ist fast jeder Zweite unter 24 Jahren dort arbeitslos, das Land in einer tiefen Depression. Von der nicht vorhandenen Wirtschaftsleistung sollen sie obendrein statt Brot U-Boote kaufen.

Immerhin gibt es inzwischen Stimmen, die mit der Vernunft im Bunde sind, und eine solche finde ich sogar in Steingarts Handelsblatt. *** Ich bin schockiert. Norbert Häring erläutert dort einige Zusammenhänge zwischen der Bankenkrise und den Staatsschulden, die er anhand einer Studie der EZB analysiert. Er kommt zu dem Urteil, dass einer der Effekte der sogenannten “Rettungsschirme” darin besteht, dass die Risiken der Bankgeschäfte auf die Staaten abgewälzt wurden. Hätten die Eurostaaten die Banken nicht rausgepaukt, wären die heute pleite und nicht Griechenland. Geschweige denn wären Italien, Portugal, Spanien und bald wohl alle Länder der Eurozone in Gefahr.

Deregulierung – der Anfang vom Ende

Der Fehler der Staaten liege vor allem in der Deregulierung von Bankgeschäften. Dazu muss ergänzt werden, dass insbesondere die noch immer nicht vorhandene Trennung von Kreditinstituten und Zockerbuden das Kernproblem bildet. Letztere könnte man nämlich eher pleite gehen lassen, wenn sie nicht als Banken auf “systemrelevant” machen könnten. Ebenso nicht erwähnt wurde ein Effekt, der noch eines eigenen Artikels wert ist, dass nämlich Konstrukte wie die Riesterrente staatliche Leistungen mit Spekulation verflochten haben. Immerhin: Der Tenor richtet sich frontal gegen die Segnungen der neoliberalen Rückwärts-”Reformen”.

Dazu passt auch, dass die für den Exportweltmeister aus Deutschland unangenehmen Wahrheiten auf allen Ebenen vertuscht werden, was die FTD ausdrücklich zur Sprache bringt. Leser der einschlägigen Blogs wissen das seit Jahren: Die wirtschaftliche Stärke des einen ist die Schwäche des anderen, wenn in einer Währungsunion sich die größte Volkswirtschaft erlaubt, die anderen in Grund und Boden zu konkurrieren. Das hat ja sogar die EU-Kommission ursprünglich erkannt. Doch wie schon in den Zeiten, als Deutschland die anderen Kriterien nicht einhalten konnte, wird das ignoriert oder einfach die Werte angepasst. Unsere Handelsbilanz weist einen Überschuss von 5,9% auf? Dann werden eben 6% erlaubt. Schaffen wir die 10%, werden sicher 11% erlaubt. Derweil ersticken unsere “Währungspartner” in Schulden, welch ein Zufall!

Beise bückt sich

Während die einen allmählich ins Licht kommen und erkennen, was eigentlich nicht mehr zu leugnen ist, krallen sich die eisernsten Reaktionäre in ihren dunklen Nischen fest. Wer wissen will, was ein gespreizter Kotau ist, dem sei die Süddeutsche empfohlen, in der Beise sich derart wollüstig im Staub windet, dass man es nicht erträgt. Müsste man den Mann eigentlich ignorieren, ist das künftig nicht mehr nötig, weil er gar nicht mehr stattfindet.

Aus ihm spricht heute ungefiltert ein zur Gottheit verklärter Demagoge der deutschen Industrie, Bosch-Chef Franz Fehrenbach. Der bräche ein Tabu, meint Beise, weil er Griechenland gleich ganz aus der EU werfen will. Diese Tabubrecher à la Sarrazin und Fehrenbach haben es den Rechten angetan. Hinfort mit politischem Bewusstsein, Anstand und Menschlichkeit. Immer her mit der Gnadenlosigkeit einer Verwertungsethik, die vor nichts Halt macht. Die Würde des Menschen hat einen Börsenwert.

Es reicht vollkommen aus, die Beschreibungen aufzuzählen, die Beise zur Vergötzung Fehrenbachs verwendet. Das sagt absolut alles. Da zieht sich ein Untertan auf offener Bühne selbst das Rückgrat:
Fehrenbachs Wort hat Gewicht (wiederholt), Angela Merkel sucht seinen Rat (wiederholt), Chef des größten unabhängigen Automobilzulieferers der Welt, nicht nur weltweit erfolgreich, sondern auch bodenständig und sozial engagiert – ein Vorzeigeunternehmen (dessen Chef Fehrenbach ist), Schon einmal hat Fehrenbach öffentlich Furore gemacht, dafür gab es ungewöhnlicherweise demonstrativ heftigen Applaus“.

Es geht auch anders

So einer hat natürlich Recht, immer. Da kann er noch so menschenverachtende Vorstellungen haben, da kann er noch so aggressiv katastrophale politische Maßnahmen aus Sicht einer losgelassenen ökonomischen Ideologie in die Welt posaunen. Das gefällt dem Beise. So einen lässt er sprechen ohne sich einzumischen und besorgt gleich noch den Applaus vom Band dazu.

Dass man auch ganz anders an die Sache herangehen kann und es eben gar kein Tabu ist, Griechenland aus dem Euro lösen zu wollen, liest man bei Frank Lübberding:
Man kann die Produktivitätsunterschiede zwischen Griechenland und Deutschland nicht einfach durch Strukturreformen aufheben. Diese Vorstellung ist lächerlich. [...]
Griechenland muss aus der Eurozone austreten. Für die Folgen sind übrigens nicht die Griechen verantwortlich, Frau Bundeskanzlerin. [...]
Die Griechen [sollten] endlich aufhören, sich weiterhin demütigen zu lassen
.”
Aber das ist wohl die große Verlockung für gewisse Charaktere: Nach Herzenslust auf Menschen herum zu trampeln, die schon am Boden liegen.

 
18In der moraltheologischen Betrachtung des Jugendschutzes, die zu den Altersstufen in der sogenannten “jugendschutzrechtlichen Bewertung” führt, kommen bekanntermaßen seltsame Kriterien zur Anwendung. Daraus resultiert u.a., dass der Anblick einer Möse oder eines Schwanzes erheblich größeres Gefahrenpotential berge als etwa Szenen, in denen beschleunigte Fäuste in Gesichter gesteckt werden. Den größten Spaß habe ich aber an der Kategorie “vulgäre oder obszöne Sprache bzw. Flüche“. Ich fühle mich diesbezüglich in der Tat von der Jugend gefährdet, denn je höher der Anteil Minderjähriger, desto vulgärer die Sprache. Insofern kann der kategorische Ausschluss von Minderjährigen durchaus zur Eindämmung verbaler Obszönitäten beitragen. Nur: Was tue ich, wenn sie einfach trotzdem hier aufkreuzen? Ich brauche einen Alarmknopf!

 
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In der FTD plädiert Frank Bremser für einen Schuldenschnitt Griechenlands, sie hätten “das Fallbeil verdient“, wie er meint. Zu Recht bezeichnet er das derzeit aufgelegte Programm als “absurd”. In einem kann ich ihm allerdings nicht zustimmen: Wenn er glaubt:
der Euro und auch die Europäische Union werden es überleben“,
hat er etwas Entscheidendes verpasst. Für den Euro mag das zutreffen. Ein Europa, das die Völker wenigstens einander näher bringt, hat den Termin für eine appetitliche Beerdigung schon verstreichen lassen. Es riecht nach Verwesung.

Für die TAZ bringt Dierk Hirschel die Sache auf die Formel: “Merkels Europa ist falsch“. Das ist sehr milde formuliert. Es ist eine Katastrophe, und wir können uns darauf einstellen, dass die Aufstände in Athen erst der Anfang sind. Man kann sich die Welt der hiesigen Nachrichten absurder nicht vorstellen. Während sogenannte “Demoskopen” den Rücklauf der Propaganda einholen und die bleierne Kanzlerin als unerhört beliebte Politikerin präsentieren, ist sie längst zur Symbolfigur des Hasses auf Deutschland und seine neoliberale ‘Elite’ geworden.

Korruption: Internationale Entsolidarisierung

Ich war 1987 in Griechenland, mit langer Mähne und Rucksack. Als wir damals zu viert quer über ein Privatgrundstück laufen mussten und der Hausbesitzer uns dabei erwischte, haben wir mit Ärger gerechnet. Stattdessen lud der Mann uns zu Gemüseauflauf und Bier ein und berichtete von seiner Zeit in Deutschland. 25 Jahre später hat Merkels Ausschlachten von Kohls Europa dafür gesorgt, dass man als Deutscher vorläufig nicht mehr dorthin reisen kann. Eine grandiose Leistung.

Aber wir wollen es nicht allein der Puppe auf der Bühne ankreiden. Fraglos sind es die Lobbyisten und Profiteure, deren irres Programm da durchgezogen wird. Und fraglos sind es nicht zuletzt die Gewerkschaften, deren bittere Rolle in diesem Spiel erst für ein tragfähiges Fundament sorgt. Schrieb ich dieser Tage noch: “Die FAZ spekuliert jetzt darüber, ob Massenentlassungen und Hungerlöhne dann halt durch die Zustimmung der Sozialisten durchgebracht werden würden. Solche “Sozialisten” möchte ich kennenlernen“, so lerne ich sie gerade kennen. Die Sogenannten werfen diejenigen aus ihrer Fraktion, die noch die Interessen des gebeutelten Volkes vertreten. Der Schröderismus, der Blairism ist überall.

Die griechischen Gewerkschaften hat er noch nicht durchseucht, die gehen immerhin auf die Straße. Angesichts dessen, was den Arbeitnehmern dort abverlangt und angetan wird, wäre internationale Solidarität, einst der Schlachtruf auch der “gemäßigten” Linken, schwer vonnöten. Pustekuchen. In Deutschland freuen sich die Gewerkschaftsfunktionäre auf ein Leben nach der “Arbeitnehmervertretung”, in Aufsichtsräten und im Management.

Der ‘Jeder gegen jeden’-Friede

Daher hat der Deutsche Gewerkschaftsbund nun einen Vierpunkteplan zur Überwindung der Krise vorgelegt.” lese ich und weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Hierschel, “Ver.di -Betriebsleiter Wirtschaftspolitik” behelligt uns konsequenter Weise auch gar nicht erst mit dessen Inhalt. Was man dazu findet, beginnt mit der Forderung, den EFSF/ESM mit einer Banklizenz auszustatten. Das Ganze ist ein Wünschdirwas, das sich an diejenigen richtet, die gerade Europa in den Ruin führen. Sinnfreie Appelle statt Solidarität.

Dass die Integration der Arbeitnehmervertreter durch Korruption und lasche Zugeständnisse in Deutschland hervorragend funktioniert, wissen wir. Dass ‘sozialdemokratische’ Parteien, die sich gar “sozialistisch” nennen, inzwischen europaweit derart mit dem System verfilzt sind, dass sie die Geldsäcke auch dann noch ‘retten’, wenn daneben ein Genosse ersäuft, nehmen wir zur Kenntnis. Aber wer hat darauf gebaut, dass die Opfer dieser alternativlosen Maßnahmen ewig in Apathie verharren? Erstaunlich, dass nach den Krawallen in Athen nicht wie üblich von “Chaoten” und “Extremisten” die Rede ist. Setzt sich da Erkenntnis durch?

Deutschland, das ach so umsichtig auf die europäische Integration bedacht ist, hat vollkommen versagt. “Politik” und “Wirtschaft” ohnehin, und die Arbeitnehmerschaft obendrein. Immerhin darf man sich auf das Wirken der Dummheit verlassen, das eine letzte Hoffnung lässt: Wer hat denn bitteschön geglaubt, dass die Spaltung der Völker in Klassen, Nationen, Erfolgreiche und Versager, Selbständige und Abhängige, Arbeiter und Leistungsempfänger etcetera zu einem friedlichen einigen Europa führt? Die Entsolidarisierung der Menschen hat erfolgreich dazu geführt, dass sie nicht gemeinsam kämpfen. Wenn man sie dennoch zwingt, alle für sich zu kämpfen, wird es keineswegs gemütlicher. Athen brennt wieder und alle brutzeln mit.

Die letzte Diva” titelt die FAZ heute und meint Whitney Houston. Es mag ja kleinlich klingen, aber eine phantasielose und unstimmige Überschrift ist besonders schlecht, wenn sie ein Extrem behauptet, das keines ist. Noch peinlicher wird es, wenn der abgedroschene Slogan bereits tausendfach Verwendung fand. Das ist dann nicht einmal mehr boulevardtauglich. Eine Schnellrecherche (vulgo: Googelei) ergab allein fast 60000 Treffer für Elizabeth Taylor in Kombination mit “die letzte Diva”. Außerdem laufen auf: Dezember 2011 Marianne Faithfull, April 2011 Angelica Domröse, März 2011 Liz Taylor, Februar 2010 Montserrat Caballé, August 2008 Maria Callas, Dezember 2005 Hildegard Knef. Also bitte: Ehe die letzte Federboa eingesammelt ist, will ich diesen Quatsch nicht mehr lesen.

Wer das eine beim ‘Namen’ nennt ist noch lange nicht das andere. Der Schockenwellenreiter also bringt nicht einmal eine zünftige Gotteslästerung zustande, obwohl er seinen Schwinger gegen die klingelgebeutelten Kuttenträger des Grauens aus der untersten Schublade hochzieht. Das muss besser werden.

 

fonrep

Ich hatte in dem Kommentaren zum Eifon-Artikel berichtet, dass mein Schnurloses zickt, weil der Einschaltknopf nicht richtig funktioniert. Nun, inzwischen hatte er ganz den Dienst versagt, was dumm ist, weil das mein einziges Funkiges ist, an das ich ein Headset anschließen kann. Den Tip mit dem Graphit (siehe unten “@Jo”) konnte ich nicht umsetzen, weil mein Kleber offenbar nicht dazu taugte. Ich lasse mich davon aber nicht beirren, wenn ich einmal beschlossen habe, dass etwas wenigstens provisorisch laufen soll. Daher habe ich den Kontakt ganz entfernt, die Taste mit einer Ledernadel durchgestochen und eine Büroklammer eingeführt. Am anderen Ende hat sie eine leichte Krümmung. Dass das funzt, konnte ich bei ausgebauter Tastenmatte testen.
Es wäre natürlich auch ganz schön, wenn man Ersatzteile bekäme.

 
Was treiben die da? Ich habe dieser Tage über das Komplettversagen der Medien sinniert, die seit mindestens vier Jahren von einer manifesten Krise wissen, die sie ihren Konsumenten bis heute nicht erklären. Immer wenn es einen Beitrag gibt, der ein wenig Licht in die Sache bringt, springen drei Propagandisten aus dem Gebüsch, die Verwirrung stiften und Unsinn verbreiten. Zwei Beispiele aus den letzten Tagen:

Bei Burks gibt es den Hinweis auf einen unerhört dümmlichen Satz auf SpOn:

Der Mindestlohn sinkt von 751 Euro auf 586 Euro brutto monatlich. Die Löhne im privaten Sektor werden eingefroren, bis die Arbeitslosigkeit von 19 auf zehn Prozent gefallen ist.

Übersetzt heißt das: Wir sparen so lange, bis die Leute genug Geld ausgeben, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Ich habe darunter einen Kommentar von mir zitiert, den ich noch einmal hier hoch hole, um ein weiteres Beispiel zu bringen:

merkgre[Vorgestern] war bei “heute” so ein Männlein drin, das machte sich gerade nass, als es von “milliardenschwere Brandmauer” [Auch "Rettungsschirm" genannt, der sichere Schutz gegen die Folgen der Finanzkrise eben] schwärmte, und ich musste unwillkürlich an die Orgasmen jenes embedded moron denken, der mit in den Irak einmarschieren durfte und unter Tränen die mächtigste Militärmaschine der Welt nachgerade anbetete.
Ich lache jetzt schon, wenn das Euro-Fukushima zuschlägt und die Billionen über die “Brandmauer” rollen. Wie viele Chips muss man sich ins Hirn schieben, um sich von solch plumper Propaganda einlullen zu lassen? Denen geht der Arsch auf Grundeis und dem Riesterrentner kommen sie mit “Brandmauer”, diese Flakhelfer der Demokratur.

Abb.: Ausschnitt aus der griechischen “Demokratia”, via Klaus Baum

Dummheit oder Absicht

Am Ende frage ich mich dann, ob die Verweser Griechenlands so dumm sind oder Absicht dahinter steckt. Letzteres würfe die Frage auf, wozu.
Ganz nebenbei hat die braune Bande der Junta-Liebhaber in der Regierung Papademos die Lage genutzt und sichert sich Popularität durch Querstellen. Die FAZ spekuliert jetzt darüber, ob Massenentlassungen und Hungerlöhne dann halt durch die Zustimmung der Sozialisten durchgebracht werden würden. Solche “Sozialisten” möchte ich kennenlernen. Derweil heißt es, die Polizeigewerkschaft dort wolle die “Finanzkontrolleure per Haftbefehl suchen zu lassen – unter anderem wegen Gefährdung der Demokratie“.

Was soll der Zauber? Da alle Maßnahmen, die derzeit getroffen werden, vollkommen sinnlos sind zur Erreichung der vorgeblichen Ziele, liegt eine Spekulation über die tatsächlichen Absichten nahe. Ein schleichender Putsch gegen die Reste demokratischer Strukturen wäre eine. Hayeks “Rat der Weisen” lässt grüßen. Griechenland als ‘kleine’ Volkswirtschaft eignet sich da gut für ein Experiment. Aber auch das ist nicht wirklich sinnvoll. Wir hatten das alles schon in Südamerika, und auch das Brüningsche Original ist eine gute Datenbasis. Obendrein ist eh schon der Teufel los in Hellas. Soll dort womöglich ein Bürgerkrieg entfacht werden, um zu schauen, ob man den in den Griff bekommt?

Ich begreife das nicht mehr. Unfassbare Dimensionen der Dummheit oder ein strammer Marsch in den Faschismus, aber die Frisur der Tagesschausprecher sitzt. Kein Problem, alles zivilisiert und demokratisch oder wie? Wo bleibt der Aufschrei – oder wenigstens die öffentliche Debatte über den Sinn des Manövers?

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