jesse 1970 waren noch 93,6% der Bevölkerung der BRD in einer christlichen Kirche. 1990 waren es noch 72,3%, unter anderen durch den Beitritt der DDR. Allein zwischen 1990 und 2005 ist der Anteil noch einmal auf 61,8% gesunken. Man darf davon ausgehen, dass die Nichtchristen bald in der Mehrheit sein werden, zumal die Austritte seit den Pädophilie-Skandalen noch nicht eingepreist sind und es die jungen Menschen sind, die austreten oder ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.

Die meisten sogenannten Christen, die ich kenne, verbleiben berufsbedingt in einer Kirche, weil die Kirchen es sich erlauben, in steuerlich geförderten sozialen Einrichtungen Nichtchristen zu diskriminieren und sie von Bewerbungsverfahren ausschließen. Zieht man also die Karteileichen und Zwangsmitglieder ab, sind die Christen schon in der Minderheit. Obendrein haben sie höchst verschiedene Vorstellungen von Christentum und daraus folgender Moral, die erheblich von den Vorgaben ihrer Kirche abweichen.

Die Gesellschaft ist nicht christlich

Kurzum: Diese Gesellschaft ist nicht christlich. Umso alarmierender ist es, wenn die Attitüde von Predigern und Pfarrern als sogenannte “Ethik” wieder Konjunktur hat, weil die politischen Instanzen, die eigentlich weltliche Orientierung geben sollten, selbst einer permanenten Korrektur von außen bedürfen, damit sie nicht endgültig das Raubrittertum zur Maxime erheben.

Diese Korrektur dann von religiösen Eiferern vornehmen zu lassen, ist ein schlechter Scherz, wenn das im Namen einer ‘aufgeklärten Demokratie’ geschehen soll. Dieser Schritt in Richtung Gottesstaat ist das Letzte, was eine moderne Gesellschaft braucht. Zum Nebel der Propaganda abgehobener Funktionäre auch noch den Weihrauch einer noch ‘höheren’ Moral? Wer will das? Soll das die Konsequenz aus dem berechtigten Vertrauensverlust der politischen Klasse sein, dass wir uns jetzt gleich in Gottes Hand begeben? Beten statt mitbestimmen?

Was da im Gespräch ist als Darsteller eines Staatsoberhauptes, ist eine Frechheit: Pfarrer Huber, Pfarrer Gauck, Christenfunktionärin Göring-Eckardt? Warum nicht gleich Notker Wolf? Sie vertreten neoliberale Parteien, Vereinigungen und Ansichten in einer christlich verquasten Leistungsethik, die keine Probleme hat mit der Diskriminierung der Verlierer im “Wettbewerb” oder der Befürwortung von Kriegen. Vor dem Hintergrund des Labels “Nächstenliebe” also eine Brutstätte der Schizophrenie, eine Werkstatt für kognitive Dissonanzen und die Legitimation beliebiger Herrschaftsansprüche. Hier sind die Kirchen fest in ihrer Tradition verankert. Nachher waren sie eh immer bei den Guten.

Gotteststaat vs. Grundgesetz

Bislang waren Laienprediger gefragt, die keine Fragen stellten, schon gar nicht zum Kurs der Leistungsträger-Einheitsfront. Das reicht jetzt nicht mehr. Das neue Profil ist eines, das vom Ersten Pfaffen im Staat erwartet, die Antworten auf alles schon vor der Frage zu haben. Sie müssen einer übermenschlichen Autorität entliehen sein. Das Feudalsystem bedarf einer starken absolutistischen Note. Wer nicht mitmacht, wer die Herrschaft infrage stellt, kommt in die Hölle, das ist die Botschaft.

Gesucht wird ein Profi, der keinen Widerspruch zulässt. Einer, mit dem man über alles reden kann und der immer zu denselben Antworten kommt. Das macht die Pfaffen so attraktiv. Dem Volk gefällt’s eh, denn Führung ist das, was sie erwarten. Demokratie interessiert in Wirklichkeit niemanden. Den einen verhagelt sie die Ernte, die anderen sind damit überfordert. Wäre das blöde Grundgesetz nicht, man könnte sich auf einen zeitgemäßen Gottesstaat einigen. So lange das aber nun mal gilt, gehören Pfaffen und Prediger nicht in Staatsämter.

Gauck – die aggressivste Variante

notmygauck p.s.: Was ich zur Kür der aggressivsten neoliberalen Variante zu sagen habe, schrieb ich bereits im Sommer 2010:
Der sympathische Stasi-Jäger Gauck als Präsident aller Deutschen, darauf muß erst mal einer kommen! In bezug auf das Ost-West-Verhältnis wäre wohl nur Birgit Breuel ein noch deutlicheres Signal gewesen, die Treuhand-Chefin und Ausverkäuferin der DDR-Restindustrie. “Ihr könnt uns mal”, ruft das Establishment den ehemaligen DDR-Bürgern und den Linken zu – eine tendenzielle Gleichsetzung, die dem politischen Kalkül entspricht. DDR-Nostalgiker und Links, das ist demnach eine Mischpoke. Unnötig zu betonen, daß sie alle bei der Stasi waren oder zumindest “Mauer und Stacheldraht” rechtfertigen. Was die neoliberalen Rückzugsgefechte der politischen Opposition permanent vor die Füße eimern, man kann es nicht mehr hören.

p.p.s.: Noch einmal sei auch darauf hingewiesen, dass deutsche Richter der Ansicht sind, wer Gauck nicht wolle, müsse durch den Verfassungsschutz beobachtet werden. Da schließt sich der Kreis.

[Update]: Was Gauck für ein “Bürgerrechtler” ist, dazu bitte hier entlang. Der Autor war Innenminister im Kabinett Lothar de Maizière.

p.s.: Zur Diskussion über die Vorwürfe: Diestel hat gegen Gaucks einstweilige Verfügung erfolgreich geklagt, später gab es eine außergerichtliche Einigung. Der Fall ‘IM Larve’ zeigt aber zumindest, dass zweierlei Maß angelegt wurde. Während der Chef der Behörde sich reinwaschen konnte, hatten andere diese Möglichkeit nicht. Und wer ist eigentlich IM Erika?