Archiv

2010


Halbkomatös, so wissen es meine kopfschüttelnden Kritiker, sehe ich fern. Heute wurde Comedy gegeben. Mich deucht, die Parodien von Teevee-Events, früher “Fernsehsendungen”, sind aus Gründen nicht vom Original zu unterscheiden. Nicht bloß, weil die Bestrahlten – womöglich zurecht – für so blöd gehalten werden, daß sie nur noch Karikaturhaftes goutieren. Vielmehr beruht die Parodie auf demselben Prinzip: Etwas zu präsentieren, das vermeintlich noch zweimal dööfer ist als die Kunden solcher Karaoke selbst.

Daß Unterschichtsbespaßelung zum Universalcasting für dummstolze Inkompetenz tendiert, ist weder neu noch erwähnenswert. Wie und warum das also noch ‘überhöhen’? Und was bitte ist komisch daran, die vorgeführten Deppen als inzestuös gezeugte Untermenschen zu diskrimieren? Wurde die Supernanny eigentlich regelmäßig zum Beischlaf mit ihrer Mutter aufgefordert? Wenn nämlich nicht, hat sie einen anderen Job gemacht als all ihre Kollegen.

Was auch nicht fehlt, ist – in der als Parodie angelegten Karaoke, versteht sich – die schon epidemische “ch”- Schwäche, prototypisch im ausgerechnet von homophoben Machos gern intonierten Satz “Isch ficke disch!”. Gründet “ch”-Schulen, wenn das Abendland noch eine Chance haben soll!

Das Ganze stimmt nachdenklich. Der Frauchen suchende, von Mama hündisch an den Trecker geleinte Bauer oder der Nachmittags-Talkshow-Jugendliche sind Schicksale, die ihre hohnlachenden Verächter ebenso hätten treffen können. Die Opfer höherer Einkommensbildung, deren Idiotie hier vermeintlich zurecht andauernd verspottet wird, sind auch nur einen mentalen Pflastersteinwurf von meiner Warte entfernt angepflanzt worden. Irgendwer da draußen ist noch klüger als ich und lacht über mich. Aus sicherer Deckung, wie es sich für Feiglinge gehört, wohl wissend, daß ich ihm sonst kommentarlos eine aufs Maul hauen würde.

Ein “Teufelskreis” ist schon mal per se keiner. Eine Rückkopplungsschleife beschreibt nicht wirklich einen Kreis, und die Unentrinnbarkeit wird spätestens dann von der mystischen Macht zur perfiden Farce, wenn die Bedingungen selbst gemacht und so gewollt sind. Und genau so sind die Hartz-Gesetze angelegt. Eine Schweinerei, deren Strategie darin besteht, Arbeit gleichzeitig zu glorifizieren und faktisch zu entwerten. Derart wird der besitzlose Nichtarbeiter zum Minderleister, der sein Leben nicht verdient hat. Schon zur Strafe drängt man ihn in Beschäftigungsverhältnisse zu Bedingungen, die kein souveräner Arbeiter akzeptieren würde. Womit ein Konkurrenzdruck auf ehemals reguläre Arbeitsverhältnisse entsteht, dem diese kaum standhalten können.

Anstatt aber diesen Mechanismus zu durchbrechen, setzen die zu kaum mehr als solch zynischer Propaganda fähigen Politikverkäufer noch einen drauf. Mit einem beliebten Slogan hausiert die Bundesarbeitsministerin derzeit wieder: “Hartz IV darf nicht attraktiver werden als Arbeit“. Dies freilich ist ein rhetorischer Knoten, der selbst in vier Dimensionen kaum auflösbar wird.

Zumutung Arbeit

Hartz IV macht Arbeit unattraktiv, Hartz IV ist unattraktive Arbeit. In jeder Hinsicht. Es ist ja nicht allein die Lohndrückerei, die durch erzwungene Minijobs ganz folgerichtig zu der Frage führt, ob man 40 Stunden malochen geht, um nachher keinen Cent mehr zu haben. Es ist nicht minder die Sklaven(halter)mentalität, die sich durch den dauernden Zwang ausgebreitet hat. Niemand will einen Job annehmen, weil er “zumutbar” ist. Nicht einmal für gutes Geld und schon gar nicht für Peanuts.

aaFür die meisten Arbeitgeber ist das System genauso unattraktiv. Ich habe die Zwangssituation aus beiden Perspektiven kennengelernt, als Ausschreibender und als Bewerber. An letzeres gewöhnt man sich vielleicht, so unangenehm das auch ist: Sich auf Stellen zu bewerben, die man nicht haben will oder für die man nicht qualifiziert ist. Noch nerviger aber waren die Bewerber, die mir von der Agentur geschickt worden waren. Nicht bloß, daß man sich mit Vorgängen aufhält, die man sich sparen kann. Natürlich gibt es noch zusätzlich Post von der “Agentur”, und regelmäßig ruft ein Spitzel an, ob die Mündel auch artig waren. Das macht solche Bewerber ungemein attraktiv.

Damit sind wir noch nicht einmal bei “Hartz IV”. Hier ist der Zwang noch einmal größer. Es droht Hunger – zumindest der Gang zur “Tafel” – und das Spektrum des “Zumutbaren” ist per definitionem unendlich. Das wissen auf der anderen Seite natürlich vor allem die Leuteschinder, die am liebsten gar keine Löhne zahlen würden und Tätigkeiten “anbieten”, für die jemand, der noch etwas zu entscheiden hat, zumindest eine fürstliche Entlohnung fordern würde. Die dorthin geschickt werden, haben aber gar nichts mehr zu sagen. Dementsprechend sieht die Arbeit aus, die ihnen angeboten, nein, “zugemutet” wird. Was soll da das Gerede vom “attraktiver” Arbeit?

Eine Masse von Sozialzombies

Flankiert, dies sei wiederholt erwähnt, wird das Ganze von der Weigerung, faire Mindestlöhne einzuführen. Und natürlich im selben Atemzug das “Lohnabstandsgebot” beschworen. Das ist schon nicht mehr absurd, das ist psychotisch.
Wem nutzt das? Wie gesagt nicht einmal den meisten Arbeitgebern. Auch nicht der Wirtschaft, die auf zahlungsfähige Konsumenten angewiesen ist. Schon gar nicht der ‘Gesellschaft’, die das alles noch subventioniert, dafür aber in eine Masse von Sozialzombies umgewandelt wird, deren ‘Solidarität’ in Neid, Konkurrenz und Statuskämpfen besteht.

Die Hartz-Gesetze befördern ein Gesellschaftsmodell, das Arbeiter rigoros zu Befehlsempfängern macht. Attraktive Arbeit, wie sie geschaffen werden müßte, um souveräne Arbeiter zum Verkauf ihrer Arbeitskraft zu animieren, ist darin überhaupt nicht vorgesehen, im Gegenteil. Er soll sich nicht verkaufen können, er hat sich zu fügen, um leben zu dürfen. Daraus kann nur folgen, daß der unattraktiven Arbeit eine möglichst unerträgliche Wirklichkeit als Arbeitsloser folgen soll, der zumutbaren Arbeit ein unzumutbares Leben als Unbeschäftigter.

Schmarotzertum und Inquisition

Dieses Programm wiederum ist für Arbeitslose nur zu durchbrechen, indem sie sich halt unters Minimum kürzen lassen und sich nebenbei ein paar Euros ‘schwarz’ verdienen. Es wird also genau das Sozialschmarotzertum gefördert, das am lautesten angeprangert wird, um es natürlich öffentlich zu verfolgen und zu bestrafen. So hat die Inquisition schon immmer gearbeitet.

Dagegen wäre tatsächlich nur ein Mittel wirksam: Attraktive Arbeit. Wer die Zustände verbessern will und die Motivation der Arbeiter, muß wirklich attraktiver Arbeit den Weg bereiten. Ordentlich bezahlt und menschlich gestaltet. Das Programm dafür wäre ziemlich genau das Gegenteil der Hartz-Gesetze.

Aus der Diskussion über Werbung im Internet (siehe insbesondere den Link zu Jan Schejbal) wurde ein Modellversuch im hiesigen Blog. Einer der Kommentatoren, Robert Hertel, hatte mir vorgeschlagen, hier Werbung für seine Firma zu plazieren, woraus ein Modell entstand, wie ich es damals bereits in meinem Kommentar skizzert habe.

hanfEs geht dabei um eine Form von Werbung, die sich abhebt vom Kaufmich-Geschrei in Form animierter GIFs, Layer oder AdServer-Terror und die etwas mehr kommuniziert als die Weisheit, daß Käufer eines bestimmten Produkts sexy, cool und angesagt sind. Insbesondere die Arbeitsbedingungen, unter denen die beworbenen Produkte entstehen, liegen mir dabei am Herzen. Das ist übrigens der Grund, warum es hier keine Buchempfehlungen gibt, die auf einen großen Internethandel verweisen. Damit lassen sich zwar einige Euros verdienen, aber wie ich lese, sind die Zustände dort “schlimmer als bei Lidl”. Dafür gibt es hier leider kein Bild.

Ich habe mit Robert Hertel über die Hintergründe der Hanfproduktion gesprochen und ihn u.a. zu den Bedingungen des Labels der Fair Wear Foundation und den Produktionsstandort China befragt. Zu ersterem folge man dem Link. HempAge dokumentiert seinerseits sogar die Liste der Mängel, die vor Ort noch festgestellt wurden. Das ist selbst der FWF eher zuviel Transparenz, sollte aber dem Zweck sehr dienlich sein.

Warum wird in China produziert? Auch wenn Europas Textilindustrie nicht eben für einen besonders kuscheligen Umgang mit den Mitarbeiterinnen bekannt ist und beinahe die gesamte Branche in Ausbeuterstaaten produzieren läßt, fragt man sich, warum ausgerechnet China. Die Erklärung ist freilich äußerst plausibel: Erstens gibt es in Europa keine Aufbereitungsanlagen für die erforderliche Faserqualität, zweitens läßt die Firma die Fasern da aufbereiten, wo sie hergestellt werden und drittens gibt es den Rohstoff nur in China. Die “Freigabe” bestimmter (THC-freier) Sorten hat die Situation für die Textilproduktion nämlich noch einmal verschlechtert. Zuvor gab es Ausnahmegenehmigungen, seitdem eben nicht mehr. Der europäische Kunst-Hanf ist aber für Textilfasern völlig ungeeignet.

Soweit ist mein Bedarf an Informationen also gedeckt, und ich halte es für eine gute Sache, gegen ein paar Euros das Banner in der Sidebar zu plazieren und auf diese Art hier Werbung zu machen.
Sollten die mir vorliegenden Informationen sich als unvollständig oder falsch erweisen, so darf das hier selbstverständlich korrigiert werden. Es ist ausdrücklich Teil der Vereinbarung mit HempAge, daß sich die Firma der Diskussion mit dem “Schwarm” stellt.
Weitere mutige Werbekunden dieser Art sind jederzeit willkommen.

Ich war heute am absolut offlinesten. Völlig verofflinisiert quasi. Es hat noch für einen schnellen Kaffee und zwei Toasts gereicht, an der quasi faserigen Strippe aus dem Zimmer meiner Tochter gesaugt, stromtechnisch. Das war’s dann. Der ganze Block ohne Strom und das einzige erreichbare W-LAN gut geschützt. (Pfui, so etwas auch nur zu denken!) Blöd, daß gerade heute einige wirklich wichtige Arbeiten anstanden, die ich jetzt auf morgen verschieben muß. Nachdem mein Nachbar mir im März die Leitung gekappt hat (in dessen Folge auch der Router abgeraucht ist), jetzt also quasi Blackout in der Straße. Das ist noch steigerungsfähig, als nächstes wird der ganze Pott vom Netz gehängt, ich sag es euch.

Immerhin: Keine zehn Minuten nachdem die erste Phase ausfiel, waren die Jungs von Stromversorger da. In den folgenden Stunden dann die Häuser einzeln abgeklemmt, Analyse, Bagger bestellen, Boden aufreißen, Kabel flicken und alles wieder draufschalten. Manchmal ist es doch recht erfreulich, wenn die Infrastruktur stimmt. Ich hab dann mal die Deutschlandfahne aus dem Fenster gehängt.

Stalingrad war eine Fehleinschätzung, zugegeben. Tritt man deshalb zurück? Iwo, es gilt: Vorwärts immer, rückwärts nimmer, und es ist da noch einiges brutalst möglich aufzuklären. Welcher Ordner stand am falschen Ort? Welcher kleine Verwaltungsbeamte hat die falsche Entscheidung getroffen? Wer hat die unschuldigen Opfer in den Chefetagen so schamlos belogen und im Stich gelassen?

Adolf kämpft jetzt um seine Pension, das verdient Respekt. Es ist doch so leicht zu sagen, er hätte kein Recht auf einen anstrengungslosen Wohlstand. Wer arbeitet, macht Fehler. Essen darf er aber doch wohl.
Lassen Sie es sich schmecken, Herr Sauerland, der Plebs ist ja nicht über Ihren Kaviar ausgerutscht. Noch ein Gäbelchen Hummer? Das haben wir uns schließlich redlich verdient.

hwsEr ist Lobbyist aus Leidenschaft – und gegen Bezahlung, wie man annehmen darf. Wer aber zitiert diesen losgelassenen Quacksalber noch? Hans-Werner Sinn, Atomlobbyist und neoliberale Allzweckwaffel, kurbelt weiterhin fleißig die Gebetsmühle durchs Land und findet immer wieder jemanden, der ihn auch noch anspricht. Wieder einmal trommelt der Umwelt-Dino für die Atomkraft, und das nach dem Absaufen der Asse und neuer Berechnungen, denen zufolge heute schon mehr als 10 Millliarden Euro Folgekosten aus der Kernkraft anstehen.

Das ficht den Hans-Werner freilich nicht an. Er hält Vorträge vor dem Atomforum, in dem sich Freunde und Förderer zu einem Eintrittspreis von 890 Euro einfinden. Ob davon ein klein wenig für ihn abgefallen ist? Dort dürfte jedenfalls aufmerksam geprüft werden, ob Käptn Iglo seine vorgestrigen Argumente, die allesamt widerlegt sind, noch schön auswendig aufsagen kann.

Die Zukunftsaussichten für die Kernkraft sind durchweg trostlos. Uralt-Meiler, die immer häufiger havarieren, eine sprichwörtlich kollabierte Endlagerung, eine Konkurrenz auf dem Energiemarkt, die sauber und flexibel einsetzbar ist und kalkulierbare wie geringe Folgekosten zeitigt. Dementgegen eine Technik, die nicht auf Bedarfsschwankungen reagieren kann, gigantische Gesamtkosten erzeugt und über zehntausende Jahre nachgesogrt werden muß. Immerhin hat die Atomlobby es geschafft, daß über Kernschmelzen nicht mehr gesprochen werden darf. Ein Ereignis, das nicht staffinden kann, weil es nicht stattfinden darf. Tausende Tote sind also kein Argument, auch nicht nach Tschernobyl.

windstrom

Für ein Genie wie “Professor” Sinn folgt daraus natürlich: Wir brauchen mehr Kernkraft. Der Mann ist uns aber auch um Jahrzehnte voraus. Schon vor Jahren kam er mit der vierdimensionalen Weisheit um die Ecke:

Konsum ist schädlich für das wirtschaftliche Wachstum und unnötig für die Konjunktur. Der derzeitige Boom der deutschen Wirtschaft ist der beste Beweis dafür, dass es für eine gute Konjunktur auf eine sofortige Erhöhung der Konsumgüternachfrage gar nicht ankommt.

Neulich hat er noch einen draufgelegt:

Wir brauchen nicht den Konsum oder den Export, um eine Binnenkonjunktur zu haben. Sie vergessen die Investition. Die Investitionsgüternachfrage nach Gütern aus laufender Produktion – also Bauleistungen, Maschinenausrüstungen – sind ein erheblicher Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Und dieser Teil hat in Deutschland in der Vergangenheit gefehlt.”

akwNachdem der Meister des Wirrsinns schon den Konsum aus der Wirtschaft eliminiert hatte, kommt er nunmehr auch noch ohne Exporte aus – denen die Sparsamkeit ja ursprünglich dienen sollte. Seine Idealvorstellung vom Kapitalismus sieht also so aus: Es werden keine Löhne bezahlt und keine Produkte mehr abgesetzt, und was wir dabei sparen, wird investiert – in Produktionsanlagen und heimische Finanzprodukte. Das spart sogar eine Menge Energie, und neben den ungenutzt verstaubenden Maschinenhallen fallen marode AKWs auch gar nicht mehr auf.

Im Ernst ist es aber unangemessen, Deutschlands nützlichstem Neoliberalen zu unterstellen, er wolle die geschilderten Zustände herbeiführen. Tatsächlich macht er sich überhaupt keine Vorstellung, er gibt bloß welche. Im Theater der INSM und der ihr angeschlossenen Kernkraftlobby ist ihm der Applaus ebenso sicher wie die Gage. Es wäre allerdings sehr zu begrüßen, wenn die Herren endlich unter sich blieben.

underdogSelbstverständlich habe ich mich mit hochrangigsten Vertretern und Verkäuferinnen der Weltregierung, des Universumsrats und der angeschlossenen Ortschaften tagelang beradschlagt, ehe die nie um falsche Objektivität bemühte Jury zu ihrem einstimmigen Urteil vordrang.
Die vorab erkennbare partielle Zustimmung hat dabei ebenso keine Rolle gespielt wie mögliche Kritik. Gegen so etwas ist man immun, wenn man in der Liga der Grimmes und Grimms spielt. Ihr erwartet eine Begründung? Gern, gebt mir eine!
Die Preisträgerin ist hiermit berechtigt, sich zu feiern und bejubeln zu lassen. Getränke dazu gibt’s beim Fachhändler.

Die Entscheidung über den Preisträger 2010 ist gefallen. Jetzt hilft nur noch Nachnominieren oder die Jury bestechen bzw. beides.

Eines vorab: Klaus Baum, der Mann, den sie “Hans Baum” nennen, hat dieses Jahr einen guten zweiten Platz gemacht. Wie im letzten Jahr. Und in dem davor. Und im nächsten Jahr. Die Jury berät noch über einen Preis für sein Lebenswerk.

Es gibt einige Aufregung wegen der Veröffentlichung von Geheimdokumenten zum Afghanistan-Krieg durch Wikileaks. In den Blogs nicht zuletzt deshalb, weil jene angeblich nicht ausreichend gewürdigt werde, vor allem von der Presse. Dabei ist das absolut verständlich.

Warum sollten Presse und Verlautbarungspolitiker plötzlich ihre Linie ändern? Sie beschwichtigen und tun so, als hätten sie selbst doch schon immer nur brutalst möglich aufgeklärt. Und natürlich wird dem Boten unterstellt, er gefährde ‘unsere’ Soldaten. Ausgerechnet vom “Spiegel” noch andere Qualitäten zu erwarten – da bin ich inzwischen auf dem Boden der Tatsachen und der untersten Schubalde angekommen – ist ohnehin verwegen.

Auf der anderen Seite enthalten die Dokumente – das natürlich vorbehaltlich eines sehr oberflächlichen Einblicks – tatsächlich nichts Überraschendes. Daß Chefpropagandist Guttenberg zu demselben Urteil kommt, ist freilich überraschend bis unverschämt. Denn all das, was sich da als Methode entpuppt, war doch gerade er bislang bemüht, stets als bedauerliche Ausnahmen zu deklarieren.

Der Eindruck, der sich einmal mehr verdichtet, ist im Grunde der, daß der Krieg schon sehr alt ist. Nicht nur der längste, an dem Deutschland seit dem 20. Jahrhundert beteiligt war, sondern schon Jahrzehnte alt. Was wir über das vorgehen der ehrenwerten NATO erfahren, kennen wir nämlich längst aus dem Vorgängerkrieg, den die Russen geführt haben. Ja, auch die Methoden sind dieselben, und “wir” sind keinen Deut besser als die kommunistischen Kinderschlächter aus dem Kalten Krieg.

Die finale Ironie besteht freilich darin, daß der Feind einem die eigenen Waffen an die Schläfe drückt. Es waren die USA selbst, die milliarden Dollars in die Aufrüstung der Banden und Milizen gesteckt haben, die heute unter dem Begriff “Taliban” zusammengefaßt werden. Ich halte diesen historischen Hintergrund, der immer noch den Wenigsten präsent sein dürfte, für wesentlich wichtiger als die Details aus den ‘Neuigkeiten’ bei Wikileaks. Und wenn es dann gilt, letztere aufzuarbeiten, sei ein Vergleich mit den Methoden und Erfolgen der Sowjets wärmstens empfohlen. Dann darf der Fernsehzuschauer noch einmal und mit Recht erschüttert sein.

Wer die Wahrheit wissen will, muß mich fragen. Ich darf mich nämlich mit Fug und Recht siehe oben nennen. Mir macht keiner was vor, das habe ich mehr als dreimal nachgewiesen. Täglich lese ich überdies Sturzbäche von Lügen und Schand aus ebensolchen Mäulern, gemietet, gekauft und selbst überzeugt, häufig gepaart mit einem bei 95° trockengeschleuderten Hirn. Da weiß man, was man hat.

kreuzschau

Ich wollte eigentlich nichts zu dem erwartbaren Ergebnis der “Loveparade” schreiben. Es gibt genügend Fliegen auf den Leichen. Nun muß ich mich aber doch ein wenig über diese auslassen. Was da aus den Löchern gekrochen kommt und breit im Wege steht, ist schon erstaunlich. Wie sich das medial aufbereitet darstellt, voll im Trend der neuen Albernheit. Wer hätte bis vorgestern schon je etwas von einem “Panikforscher”, “Panikexperten” oder “Evakuierungsfachmann” gehört? Immer, wenn dem Volk etwas einzubläuen ist, kommt der Expertenforscher, und wir schweigen still und stumm um den ganzen Tisch herum. Danach gehen wir gesittet nach Hause, denn es gibt nichts mehr zu sehen. Geschweige denn zu meckern.

An Peinlichkeit und Zynismus nicht zu überbieten ist allerdings die Vorwärtsverteidigung nämlichen Panikprognostikers, der vorher nichts wußte und nachher unheimlich schlau ist. Der “Experte”, der das Sicherheitskonzept abgesegnet hatte, will von Verantwortung nichts wissen und widerspricht sich dabei am laufenden Band.

Er sei zwar vorher auf dem Gelände gewesen, dafür aber nicht zuständig. [edit:]Hierzu gibt es widersprüchliche Meldungen. Angeblich habe er nur Pläne des Geländes gesehen. Da hörte sein Job wohl auf. [endedit]
Die Treppe habe man “sprengen müssen”, worauf er aber vorher niemanden aufmerksam gemacht hat. Es seien erst 200.000 Menschen auf dem Gelände gewesen, das für 250.000 ausgelegt war. Schreckenberg stellt sich freilich nicht die Frage, wie viele Tote es wohl gegeben hätte, wenn dann 1.4 Millionen den Weg zum Güterbahnhof gefunden hätten. Im Interview mit dem WDR-Fernsehen hatte er sich bereits gewunden, man habe nicht ahnen können, daß die Gefahr von oben käme. Jetzt sieht er die Ursache darin, daß sich “einige nicht an die Regeln gehalten” hätten. Welch ein Experte!

Übertroffen wird er freilich noch von Eva Herman, deren christfundamentales Geschwätz inzwischen eine Qualität an Irrsinn erreicht hat, die für höhere Weihen qualifiziert. Hier reift Deutschlands Sarah Palin heran. Zurecht steht ihr Gebrabbel über sündige Unmusik und Gottesstrafen in unmittelbarer Nähe zum islamfeindlichen Mundschaum eines Udo Ulfkotte – der früher übrigens als “Terror-” und “Islamexperte” in den Medien herumgereicht wurde. Allein die Kombination hätte schon jemandem auffallen können, ehe der Mann offen zum politischen Extremismus konvertierte und Minarettexperte wurde.

Gemeinsam können sie uns noch manche Expertise liefern zur Parapsychologie des Negersprechgesangs, die phallische Obszönität islamischer Architektur und den Segen des deutschen Autobahnbaus. Vielleicht fusionieren ja sogar Kopp und Knopp noch zu einer nationalen Geschichtsforschungsfachstelle. “Die 12 Jahre und ihre Verleumdung durch die 68er” wäre doch ein schöner Titel für das Projekt.

« Vorherige SeiteNächste Seite »