Politik


hwsEr ist Lobbyist aus Leidenschaft – und gegen Bezahlung, wie man annehmen darf. Wer aber zitiert diesen losgelassenen Quacksalber noch? Hans-Werner Sinn, Atomlobbyist und neoliberale Allzweckwaffel, kurbelt weiterhin fleißig die Gebetsmühle durchs Land und findet immer wieder jemanden, der ihn auch noch anspricht. Wieder einmal trommelt der Umwelt-Dino für die Atomkraft, und das nach dem Absaufen der Asse und neuer Berechnungen, denen zufolge heute schon mehr als 10 Millliarden Euro Folgekosten aus der Kernkraft anstehen.

Das ficht den Hans-Werner freilich nicht an. Er hält Vorträge vor dem Atomforum, in dem sich Freunde und Förderer zu einem Eintrittspreis von 890 Euro einfinden. Ob davon ein klein wenig für ihn abgefallen ist? Dort dürfte jedenfalls aufmerksam geprüft werden, ob Käptn Iglo seine vorgestrigen Argumente, die allesamt widerlegt sind, noch schön auswendig aufsagen kann.

Die Zukunftsaussichten für die Kernkraft sind durchweg trostlos. Uralt-Meiler, die immer häufiger havarieren, eine sprichwörtlich kollabierte Endlagerung, eine Konkurrenz auf dem Energiemarkt, die sauber und flexibel einsetzbar ist und kalkulierbare wie geringe Folgekosten zeitigt. Dementgegen eine Technik, die nicht auf Bedarfsschwankungen reagieren kann, gigantische Gesamtkosten erzeugt und über zehntausende Jahre nachgesogrt werden muß. Immerhin hat die Atomlobby es geschafft, daß über Kernschmelzen nicht mehr gesprochen werden darf. Ein Ereignis, das nicht staffinden kann, weil es nicht stattfinden darf. Tausende Tote sind also kein Argument, auch nicht nach Tschernobyl.

windstrom

Für ein Genie wie “Professor” Sinn folgt daraus natürlich: Wir brauchen mehr Kernkraft. Der Mann ist uns aber auch um Jahrzehnte voraus. Schon vor Jahren kam er mit der vierdimensionalen Weisheit um die Ecke:

Konsum ist schädlich für das wirtschaftliche Wachstum und unnötig für die Konjunktur. Der derzeitige Boom der deutschen Wirtschaft ist der beste Beweis dafür, dass es für eine gute Konjunktur auf eine sofortige Erhöhung der Konsumgüternachfrage gar nicht ankommt.

Neulich hat er noch einen draufgelegt:

Wir brauchen nicht den Konsum oder den Export, um eine Binnenkonjunktur zu haben. Sie vergessen die Investition. Die Investitionsgüternachfrage nach Gütern aus laufender Produktion – also Bauleistungen, Maschinenausrüstungen – sind ein erheblicher Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Und dieser Teil hat in Deutschland in der Vergangenheit gefehlt.”

akwNachdem der Meister des Wirrsinns schon den Konsum aus der Wirtschaft eliminiert hatte, kommt er nunmehr auch noch ohne Exporte aus – denen die Sparsamkeit ja ursprünglich dienen sollte. Seine Idealvorstellung vom Kapitalismus sieht also so aus: Es werden keine Löhne bezahlt und keine Produkte mehr abgesetzt, und was wir dabei sparen, wird investiert – in Produktionsanlagen und heimische Finanzprodukte. Das spart sogar eine Menge Energie, und neben den ungenutzt verstaubenden Maschinenhallen fallen marode AKWs auch gar nicht mehr auf.

Im Ernst ist es aber unangemessen, Deutschlands nützlichstem Neoliberalen zu unterstellen, er wolle die geschilderten Zustände herbeiführen. Tatsächlich macht er sich überhaupt keine Vorstellung, er gibt bloß welche. Im Theater der INSM und der ihr angeschlossenen Kernkraftlobby ist ihm der Applaus ebenso sicher wie die Gage. Es wäre allerdings sehr zu begrüßen, wenn die Herren endlich unter sich blieben.

underdogSelbstverständlich habe ich mich mit hochrangigsten Vertretern und Verkäuferinnen der Weltregierung, des Universumsrats und der angeschlossenen Ortschaften tagelang beradschlagt, ehe die nie um falsche Objektivität bemühte Jury zu ihrem einstimmigen Urteil vordrang.
Die vorab erkennbare partielle Zustimmung hat dabei ebenso keine Rolle gespielt wie mögliche Kritik. Gegen so etwas ist man immun, wenn man in der Liga der Grimmes und Grimms spielt. Ihr erwartet eine Begründung? Gern, gebt mir eine!
Die Preisträgerin ist hiermit berechtigt, sich zu feiern und bejubeln zu lassen. Getränke dazu gibt’s beim Fachhändler.

Es gibt einige Aufregung wegen der Veröffentlichung von Geheimdokumenten zum Afghanistan-Krieg durch Wikileaks. In den Blogs nicht zuletzt deshalb, weil jene angeblich nicht ausreichend gewürdigt werde, vor allem von der Presse. Dabei ist das absolut verständlich.

Warum sollten Presse und Verlautbarungspolitiker plötzlich ihre Linie ändern? Sie beschwichtigen und tun so, als hätten sie selbst doch schon immer nur brutalst möglich aufgeklärt. Und natürlich wird dem Boten unterstellt, er gefährde ‘unsere’ Soldaten. Ausgerechnet vom “Spiegel” noch andere Qualitäten zu erwarten – da bin ich inzwischen auf dem Boden der Tatsachen und der untersten Schubalde angekommen – ist ohnehin verwegen.

Auf der anderen Seite enthalten die Dokumente – das natürlich vorbehaltlich eines sehr oberflächlichen Einblicks – tatsächlich nichts Überraschendes. Daß Chefpropagandist Guttenberg zu demselben Urteil kommt, ist freilich überraschend bis unverschämt. Denn all das, was sich da als Methode entpuppt, war doch gerade er bislang bemüht, stets als bedauerliche Ausnahmen zu deklarieren.

Der Eindruck, der sich einmal mehr verdichtet, ist im Grunde der, daß der Krieg schon sehr alt ist. Nicht nur der längste, an dem Deutschland seit dem 20. Jahrhundert beteiligt war, sondern schon Jahrzehnte alt. Was wir über das vorgehen der ehrenwerten NATO erfahren, kennen wir nämlich längst aus dem Vorgängerkrieg, den die Russen geführt haben. Ja, auch die Methoden sind dieselben, und “wir” sind keinen Deut besser als die kommunistischen Kinderschlächter aus dem Kalten Krieg.

Die finale Ironie besteht freilich darin, daß der Feind einem die eigenen Waffen an die Schläfe drückt. Es waren die USA selbst, die milliarden Dollars in die Aufrüstung der Banden und Milizen gesteckt haben, die heute unter dem Begriff “Taliban” zusammengefaßt werden. Ich halte diesen historischen Hintergrund, der immer noch den Wenigsten präsent sein dürfte, für wesentlich wichtiger als die Details aus den ‘Neuigkeiten’ bei Wikileaks. Und wenn es dann gilt, letztere aufzuarbeiten, sei ein Vergleich mit den Methoden und Erfolgen der Sowjets wärmstens empfohlen. Dann darf der Fernsehzuschauer noch einmal und mit Recht erschüttert sein.

Wäre ich ein Hund, man würde mich vermutlich bald einschläfern, weil ich nur noch um mich bisse. Um die Finanzmärkte zu sanieren ohne dabei die Anleger zu belasten, werden immer neue Ideen ersponnen, wie man die Ärmsten noch mehr schröpfen kann. So gibt es einen “Expertenvorschlag“, HartzIV-Empfängern nur noch 25 m²-Wohnungen zuzubilligen.

Was man heute “Experte” nennt, so scheint mir immer häufiger, meint übrigens etwas, das wir in meinem proletarisch dominierten Herkunftsviertel ein “Arschloch” nannten. Zu denen gesellen sich dann auch gleich immer Besserherkünftige, die deren Ideen gut und gerecht finden, weil es ja Menschen träfe, die “überhaupt nichts leisten”. So einfach ist das immer noch, jeder kriegt das, was er verdient. Solche Äußerungen belegen freilich nichts als eine widerwärtige Haltung, inhaltich sind sie dumm, klischeehaft und schlicht falsch.

Worauf läuft das hinaus, wenn der Vorschlag der Menschenhasser umgesetzt wird? Die bisherige Größenordnung von 44 m² war ja keine Zuteilung von Luxuswohnraum, sondern richtete sich an der gegebenen Infrastruktur aus. Wohnungen von 25 m² Grundfläche gibt es nämlich nicht. Die paar Appartements, die auf dieser Fläche noch Kochnische und Dusche unterbringen, sind in der Regel sogar teurer als größere Sozialwohnungen, weil sie sich in gehobenen Wohnlagen finden. Wer wollte auch winzige Wohnungen zu niedrigen Quadratmeterpreisen anbieten? Niemand, der bei Verstand ist, vermietet unter solchen Bedingungen. Das ist maximaler Streß bei minimalem Gewinn bzw. sogar zu erwartenden Verlusten.

Es ginge also nur so, daß alles über der erlaubten Grenze selbst bezahlt werden müßte oder Obdachlosigkeit angeordnet würde. Obendrein wären Hilfeempfänger, die sich Zuzahlungen zur Wohnung leisten könnten, möglicherweise keine Hilfeempfänger mehr. Für Aufstocker hieße es, keine Hilfen mehr zu bekommen, solange sie sich eine Wohnung leisten. Das Ganze ist also nichts anderes als eine Kürzung unters Existenzminimum. Entweder wissen die Experten das, dann pfeifen sie einmal mehr aufs Grundgesetz, oder sie wissen es eben nicht. In beiden Fällen sind sie auch noch dumme “Experten”.

Was das Bundesverwaltungsgericht heute entschieden hat, ist ein Schlag ins Gesicht des demokratischen Rechtsstaats, den die Bundesrepublik zunehmend nur noch darstellt. “Rechtsstaat”, das darf man allenfalls plump wörtlich nehmen. Alles, was links ist, hat hier nichts zu melden.

Das Gericht hat sich den abenteuerlichen Argumenten des Verfassungsschutzes angeschlossen und noch einen draufgesetzt. Der armselige Coup der nichtregierenden Neoliberalen, Grüne und SPD, Herrn Gauck aus dem Kasten springen zu lassen, wird nachträglich zum Gesinnunsgtest erklärt. Wo leben wir hier eigentlich? Die Frage liegt auf der Hand, was das eigentlich soll, eine Person wie Bodo Ramelow, der ohnehin in der Öffentlichkeit steht, geheimdienstlich zu “beobachten”. Sie ist aber falsch gestellt.

Wenn es schon solcher Maßnahmen bedarf – was man generell bezweifeln darf – dann muß zuallererst geklärt werden, ob ein Rechtsstaat Mandatsträger und Mitglieder von demokratischen Parteien bespitzeln darf, die bereits mehrere Regierungen gestellt haben. Ein Spitzelstaat darf das hingegen und fragt nicht lange danach. Quo vadis, Bundesrepublik? Die Behauptung, es gehe eine Gefahr für die Verfassung davon aus, daß sich Politiker und Parteimitglieder auf ebendiese berufen, ist politische Willkür. Dies auch noch mit dem Verhalten in geheimen Wahlen zu begründen, ist ein Akt offener Unterdrückung.

Man hätte sich beinahe gewünscht, das Gericht hätte auf die sogenannte “Begründung” seines Urteils verzichtet, die kaum weniger peinlich ist als das verfassungsfeindliche Getöse des Verfassungsschutzes. Es genüge nicht, eine Partei und alle Mitglieder als “extremistisch” einstufen, weil es dort Extremisten gebe. Die Funktionäre dann aber doch, auch wenn sie erkennbar keine Extremisten sind. Und was da genau “extremistisch” sein soll, geht in einem Larifari unter, das in der Tat “juristisches Kindergartenniveau” kaum erreicht. Geht es denn jetzt um eine Gefahr für den Staat oder um Meinungen zu einem Wirtschaftssystem, die sich dem Mainstream widersetzen?

Das wüßte ich dann nämlich gern einmal. Niemand redet auch nur von Anschlägen, Sabotage, Umsturz oder etwas, das dem nahe käme. Niemand belegt – es wird ja kaum behauptet – daß die Partei in irgend einen Zusammenhang mit Rechtsverletzungen gebracht werden kann. Wie kann es dann eine Begründung für staatliche Bespitzelung geben, die demokratischen oder rechtsstaatlichen Kriterien standhält? Es ist die abweichende Meinung, die politische Alternative, die dem Staat hier verdächtig ist. Er stellt sich daher in die Startlöcher, hört mit und schreibt auf, was man benutzen kann, wenn es opportun erscheint. Genau so entsteht ein Spitzelstaat.

Mutti, Gutti und die gelbe Schwester erfreuen sich des Lebens, während die schwarzen Statthalter reihenweise das Weite suchen. Wundern muß man sich nicht, wenn die Kinder ausziehen, denn Muttis Gesinde nervt, schlimmer noch als die Alte selbst. Kaum ist Ole von Beust mit seiner Schulreform gescheitert, gibt Hauslehrerin Schavan ihm auch noch eine mit dem Rohrstock: Sie “begrüßt” das nämlich. Sie mag das Gymnasium, jene schulpolitische Enklave, in der das Wasser erst im Erdgeschoß steht und wo die Hausmeister noch den Aufnehmer schwingen.

Die Rotznasen des Prekariats siechen derweil woanders und infizieren die Elite-Schüler nicht mit ihren ekligen Malaisen. Das ist also die Strategie der Bundesregierung im Bildungsbürgerkrieg. Wer weiß, vielleicht hat so mancher aus der Riege der segensreichen Beschützer unseres oberen Mittelstandes in Berlin die Gegner der Schulreform unterstützt – heimlich oder unheimlich. “Volksentscheid”, so lernen wir bei dieser Gelegenheit einmal mehr, bedeutet nicht, daß das Volk entscheidet, sondern daß das Volk entschieden wird. Da gibt es eben die in der Loge und die auf den Stehplätzen. Man ist halt gern unter sich.

Ole von Beust hat fertig, wie es heißt. Die CDU wird’s verkraften können, eine große Karriere stand ihm trotz des Zerfalls der Bundespartei nicht bevor.

Bemerkenswert ist aber die Erfolgsaussicht der reaktionären Front, die auf der unveränderten Beibehaltung des schlechtesten Schulsystems Europas besteht. Denn das Gymnasium ist ja eine Super-Schulform, werden die Kinder des Prekariats doch äußerst erfolgreich schon im Alter von zehn Jahren auf die Resterampe geleitet. Das soll mal so bleiben.

Was heißt hier eigentlich “direkte Demokratie”? Die Hürden für solche Karnevalsumfragen sind viel zu niedrig, um von einem Element der “Demokratie” zu sprechen. Jeder, der das Kleingeld für die nötige Rumpelpropaganda hat, kann damit Gesetze kippen und beeinflussen. Das ist nicht mehr Demokratie, das ist am Ende noch mehr Kapitalismus.

Wenn ein gewählter Senat oder ein anderes Parlament vom “Volk” per Abstimmung in die Knie gezwungen werden soll, dann kann man doch wohl verlangen, daß mindestens so viele Bürger abstimmen wie bei der Parlamentswahl selbst. Sonst kann man sich die nämlich in Zukunft sparen. Was ist das überhaupt für eine Idee von Demokratie, in der medial befeuerte Kleingeistigkeit auf Ja/Nein-Fragen reduziert wird?

Traurig genug übrigens, daß die Betroffenen meist blöd genug sind, ihre Interessen nicht wahrzunehmen und dem Kreuzchenmachen fernbleiben. Andererseits ist diese Abstimmung per Abwesenheit auch eine klare Aussage. Als “direkte Demokratie” wird das offenbar nicht empfunden. Eher als ein Hohn auf die tatsächlichen Machtverhältnisse. Und da ist dann wieder durchaus etwas dran.

Gehen die Weimarer Verhältnisse dem Ende zu? Die mafiösen Vorgänge unter dem Regime Koch/Weimar sind noch lange nicht aufgeklärt, die Presse versuchte sich noch Anfang dieses Jahres in komplizenhafter Vernebelung, obwohl die FR längst dafür gesorgt hat, daß die Skandale nicht mehr zu vertuschen sind.

Es dürfen noch Wetten abgeschlossen werden, wohin es die Betreiber treibt. Fraport? Energiewirtschaft? Banken? Es gibt so viele Männer in der ehrenwerten Gesellschaft, die ihnen zur Dankbarkeit verpflichtet sind. Vielleicht auch ein nettes Asyl unter Palmen, in den unendlichen Weiten, wo noch nie ein Mensch ein Auslieferungsersuchen zugestellt hat.

Auf den Unterschied zwischen der Innen-und Außenwahrnehmung Deutschlands bzw. der Selbst- und Fremdwahrnehmung seiner Bewohner weist Claire-Lise Buis beim dradio hin. Wie gut, daß sie nicht nach der aktiven Fremdwahrnehmung der Deutschen gefragt hat, sie hätte vermutlich Ohrstöpsel und Scheuklappen vorgefunden.

In ihrer Betrachtung schleift sie dann allerdings selbst die Differenz zwischen dem, was relevant ist und dem Restkarneval. Ein paar schöne Fußballspiele, die Konfetti über einem Trällermädchen oder wohlklingende Exportzahlen helfen nämlich niemandem, oder altmodisch ausgedrückt: Das kann man alles nicht essen. Als Innenansichtler stelle ich daher fest, daß die Propaganda nicht hängenbleibt. Im Grunde sollte doch niemand bemerken, daß die Bundesregierung ein Haufen planloser Stümper ist, denn dort tun sie nichts anderes als sie angekündigt hatten. Auch der Umgang mit den Griechen entspricht exakt dem, was sie können und der Essenz ihrer Ideologie. Daß die in der Praxis umso weniger taugt, je radikaler sie umgesetzt wird, das wußten die Auguren.

Auf vermeintliche “Strapazen der Wiedervereinigung” hinzuweisen, erklärt im übrigen gar nichts. Na gut, der Westler hat den “Soli” an der Backe, und die atemberaubende Lüge der “blühenden Landschaften” mußte auch erst einmal verdaut werden. “Strapaziös” war das aber weder für die Konzerne noch für die Deutschen. Strapaziös waren und sind die Plünderung der Menschen zugunsten der Großindustrie, der Niedriglohnwahn und das Austrocknen des Binnenmarktes.

Die Deutschen sind zwar beeinflußbar, und wer die hieisigen Medien kennt, weiß, daß davon reichlich Gebrauch gemacht wird. Die neoliberalen Helden und ihre Sprüche sind bekannt, und wenn man den Michel fragt, er wird Käptn Iglo, den Hans-Werner, brav für “Deutschlands klügsten Professor” halten. Das wurde ihm so eingebläut, das kann er dann. Wenn es aber darum geht, mehr als die bleichen Gesichter der “Experten” zu erkennen und selbst erklären zu müssen, warum neoliberale Politik und Wirtschaft gut seien, versagt er kläglich, da gleitet das Geschwätz an ihm ab wie an Teflon.

Stellt sich die akademische Frage nach dem Subjekt der Dummheit: Wer oder was ist hier zu doof? Die Propaganda, weil sie für nicht mehr taugt als das Geplapper von Papageien mit anhaltendem Gedächtnisverlust, oder die Bürger, weil sie die einfachsten Zusammenhänge nicht verarbeiten können? Es wird wohl von beidem etwas sein, und von allem genug.

Wie sich nicht nur in der Reaktion auf meinen Artikel über sinnlose Verbote zeigte, der zu einer unsinnigen Debatte übers Rauchen führte, ist eine der erfolgreichsten Strategien zur Aushöhlung des politischen Diskurses nach wie vor eine heuchlerische Moralität, die ganz auf Affekte setzt. Vor allem auf solche, bei denen man sicher sein kann, daß sich tiefe Gräben ziehen durch ein Volk einig dumm gehaltener Bürger, die gern ihre Reflexe pflegen und dabei immer fix das Ganze aus den Augen verlieren. Da wird dem Nachbarn sofort der Krieg erklärt, weil der nämlich ein potentieller Gewalttäter ist.

ouchnGehen wir einige Schritte zurück: In “Triebstruktur und Gesellschaft” befaßte sich Herbert Marcuse 1957 am Rande mit den Begriff “obszön”, dem zeitgenössischen Urteil über alles Sexuelle, Nacktheit und körperliche Liebe. Obszön fand er erklärtermaßen hingegen das Auftreten eines Generals, der sich “im vollen Wichs und Ornat” (aus dem Gedächtnis zitiert) stolz der Öffentlichkeit präsentierte, ein Mann, der fürs massenhafte Abschlachten von Zivilisten zuständig war. “Unmoralisch” aber war schon ein Kuß in der Öffentlichkeit.

Diesbezüglich haben sich die Symptome geändert. Aber mit der Knechtung des Eros durch Marktwirtschaft und Pornographie sind die Ursachen nicht beseitigt, und die “Sublimierung” hat eben nicht eine neue Kultur auf Basis der (freien) Liebe geschaffen. Sie ist vielmehr eine Moral als Tagesgeschäft, die auf keiner Ethik beruht oder eine nachvollziehbare Vorstellung von ‘richtig’ und ‘falsch’ vermittelt. Das Moralisieren dient schlicht der Entfachung von Affekt und Eifer, wie ein Knochen, der in einem Haufen hungriger Hunde geworfen wird.

Es braucht einen Anlaß, der Emotionen weckt. Die ‘Kommunikation’ darüber muß möglichst polemisch sein, die zu erwartenden Standpunkte möglichst extrem und unversöhnlich. Was dem entgegensteht, sind Toleranz, Vernunft und Besonnenheit, die Fähigkeit, von der eingenen Sicht zu abstrahieren und den Gegner als grundsätzlich gleichwertig anzuerkennen. Wie bewerkstelligt man das? Im folgenden einige der wichtigsten Elemente der Strategie zur Spaltung einer Gruppe oder Bevölkerung:

- Die Wertigkeit muß von vornherein feststehen. Das moralische Vorurteil teilt ganz klar in Schuldige/Täter und Unschuldige/Opfer. Die Täter sind minderwertig. Ihre Argumente zur vermeintlichen Sache gelten allesamt als Rechtfertigungen für etwas, das gar nicht zu rechtfertigen ist. Im Gegenteil gilt dies als mangelnde Reue, Verweigerung der Läuterung, Starrsinn, Dummheit und Sünde.
- Die Minderwertigen sollen möglichst Angst haben. Man muß ihnen etwas nehmen oder damit wenigstens drohen.
- Die Höherwertigen sollten möglichst Angst haben. Sie könnten infiziert werden, ihre Kultur, ihre Kinder, ihre Gesundheit oder ihr Leben muß vermeintlich in Gefahr sein.
- Zur Abwendung des Problems müssen möglichst rigorose Maßnahmen proklamiert werden. Verbote, Nulltoleranz, Übergriffe in die Intimsphäre, Zwang und Entrechtung.

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- Der Empörungslevel ist möglichst hochzuhalten. Moderate Argumente, Kompromisse, Aufrufe zur Toleranz, Humor und Relativierungen sollten nicht zuviel Raum gewinnen. Aggressive Anfeindungen, Übergriffe, Wutausbrüche, Drohungen und Gewalt sind gute Aufhänger für weitere Eskalationen.
- (Lebens-)Gefahr durch Deeskalation. Wer abwiegelt, relativiert oder nach moderaten Lösungen sucht, macht sich an jedem weiteren Schaden mitschuldig. Meist an Todesopfern.
- Totalitärer Ansatz. Ein Fall ist schon zuviel und birgt die Gefahr der Epidemie. Ausnahmen sind nicht zuzulassen.
- Moralische Feedbackschleife. Daß es überhaupt zu einer eskalierenden Auseinandersetzung kommt, ist der ‘unmoralischen’ Partei anzulasten als weiteres Übel, das durch ihre Verwerflichkeit über die Welt kommt.

Diese Elemente finden sich alle oder teilweise in moralisch vorgeprägten Debatten, die nichts anderes im Sinn haben als Diskriminierung – und zwar nicht nur die der ‘Minderwertigen’, sondern in der logischen Folge aller Beteiligten. “Diskriminieren” bedeutet abtrennen. Solche Diskriminierung ist Kern und tragende Säule des “divide et impera”-Prinzips. Solage das Pack sich untereinander schlägt, wird es keine Kritik an der Herrschaft üben.

Einige Beispiele aus diesem Land für solche Diskussionen sind die moralische Abwertung von Arbeitslosen, Muslimen, Hippies, Kiffern, Schwulen, Trinkern, Dicken, Linken, Rauchern, Raubkopierern, Pornokonsumenten, (“kriminellen”) Ausländern. Wer weiß, was morgen kommt? Sollte also jemandem auffallen, daß er sich in einer Debatte befindet, die die genannten Merkmale trägt, sei ihm/ihr an dieser Stelle wärmstens ans Herz gelegt, darüber nachzudenken, wem das ganze Gewese dient. Und ob es nicht Diskussionen gibt, die wichtiger wären.

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