Politik


 
Das Wort “sparen” hatte ursprünglich die Bedeutung “erhalten, schonen”. Etwas nicht zu verändern, schon gar nicht zu zerstören, sondern es zu schützen war der Gedanke, der dahinter stand. Was in der Propaganda inzwischen so genannt wird, ist das glatte Gegenteil, eine weitere Attacke des Neusprechs, der immer blöder Gewalt, Grausamkeit und Elend als Wellness verkauft. Beim Begriff “sparen” geht das einher mit dem Geldfetisch, der neben seiner eigenen Mathematik auch seine eigene Logik erschafft und zwangsläufig in Schizophrenie mündet.

Selbst im Sinne der Finanzen bedeutet “sparen” etwas zu erhalten. Sparen kann man vom Überfluss, es wird eben etwas beiseite gelegt, anstatt es dem Konsum zuzuführen. In diesem Zusammenhang mag man darüber streiten, ob Investitionen ebenfalls “Sparen” bedeuten. Sie bedeuten aber ganz sicher nicht Konsum, denn ihr Sinn ist nicht der unwiederbringliche Verbrauch von Ressourcen, der die Substanz verringert, sondern im Gegenteil ein Wachsen der Substanz – wenn sich die Investition amortisiert.

Der Staat zahlt immer

Die unerträgliche FDP in Gestalt des selbst ihr unerträglichen Vorsitzenden Philipp Rösler ruft einmal mehr nach Maßnahmen, die dem neoliberalen Markenkern entsprechen. Heute sind es Verkäufe von Staatsbeteiligungen. Wie sich schon angesichts der Versilberung von Telekom, Post, Energieunternehmen und anderem gezeigt hat, lassen sich mit den Betrieben enorme Gewinne erzielen. Wo das nicht dauerhaft gelingt, wird eben eine Weile geplündert, finden Massenentlassungen statt, werden Löhne gedrückt, und wenn das nicht reicht, wird die Leiche dem Staat vor die Tür gelegt. Soll der sich dann um den Erhalt der Infrastruktur kümmern.

Dabei wird massiv Substanz abgebaut. Es sind nicht nur Werte, die weg sind, sondern auch laufende Einkünfte, die wegbrechen. Natürlich wird das schöngerechnet, weil der Anteil, den der Staat bei Privatisierungen mitbezahlt, immer außen vor bleibt: Die Kosten für Entlassungen und Lohnsenkungen zahlen nämlich alle. Werden derart Gewinne erst möglich, heißt es nachher, “der Staat” könne “nicht mit Geld umgehen”. Staatsbeteiligungen haben den Staat noch nie ärmer gemacht; Privatisierungen schon. Man muss sich allerdings irgendwann klar machen, dass “der Staat” keine anonyme Bürokratie ist, sondern die Gesamtheit der Bürger und deren Verwaltung.

Kurze Leine, Stachelhalsband

Das Verhökern von Substanz also – sicher zu günstigsten Konditionen an die Privatiers, die sie übernehmen – nennt Rösler “sparen”. Ernsthaft. Wenn ich Aktien verkaufe, was hat das dann mit “sparen” zu tun? Auch wenn theoretisch (tatsächlich ist das seltenst der Fall) der Abbau von Schulden eine gute Investition ist, bedeutet das eben nicht zu “sparen”. Volkswirtschaftlich betrachtet, muss man solche Maßnahmen mit äußerstem Bedacht treffen. Nur wenn man mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen kann, dass die ggf. verminderten Zinsen am Ende mehr ausmachen als der Verlust an Einkünften und Investitionsmöglichkeiten, ist es sinnvoll, massiv Schulden abzubauen.

Was Rösler predigt, ist dasselbe, was die Warlords des Kapitalismus überall vorantreiben: Einschränkung, englisch “Austerity”. Daher ist mit dem etwas sperrigen Begriff “Austerität” immerhin einer im Umlauf, der sagt, was ist. Der Staat – das heißt die öffentlichen Haushalte ebenso wie die Bürger – soll immer weiter eingeschränkt werden, soll bewegungsunfähig sein, an der kurzen Leine des Kapitals herumgezerrt werden. Erst wenn es (scheinbar) keine Möglichkeit mehr gibt, selbst Entscheidungen zu treffen, weil alles unter Finanzierungsvorbehalt steht und kein “finanzieller Spielraum” mehr besteht, herrscht das Kapital absolut über den Staat. Das ist das Programm. Das nennen sie “sparen” und das nennen sie “Freiheit”.

 
Gauck. Solidarität.

An Weihnachten ist denen aber auch wirklich nichts zu dämlich oder zu peinlich. Zwischen den Jahren wird der Neusprech fürs nächste geübt.
Wettbewerb ist Solidarität.
Armut ist Wohlstand.
Ausbeutung ist Leistung.

 
shootem

Von der National Rifle Association lernen heißt siegen lernen. Mehr Knarren an Grundschulen, das ist die Patentlösung gegen Amokläufe. Wer etwas anderes erwartet hat von der schmierigen Lobby, die in den USA mehr Einfluss auf die Wahlkämpfe hat als die Präsidentschaftskandidaten, hat wohl geträumt. Hier trifft sich alles, was Freiheit ausmacht: Gewalt, Tod, Geld, Feindschaft. Letztere ist die Quintessenz republikanischer Politik, die so erfolgreich war, dass sie nunmehr an ihre natürlichen Grenzen stößt. Man kann nicht alles in Gut und Böse auflösen, die Reps aber können nichts anderes. Das hat ihnen Jahrzehnte lang Erfolge beschert bei Deppen und Hurrapatrioten.

Bist du nicht für uns, bist du gegen uns. Bist du gegen uns, bist du Feind. Bist du Feind, bist du Freiwild. Wir sind die Guten. Die Guten dürfen alles, damit sie siegen. Sie müssen daher schneller ziehen, bessere Waffen haben, mehr Rechte, keine Einschränkungen. So einfach ist das. Es gibt keinerlei Abweichung von dieser Einstellung, denn alles, was komplexer ist, zerstört deren Struktur und den darauf aufsetzenden Konsens.

Tod ist Leben

Wenn die Todesstrafe keine Morde verhindert, brauchen sie mehr Todesurteile. Wenn Folter Terrorismus nicht eindämmt, muss mehr gefoltert werden. Wenn “Härte” gegen Schuldige nicht hilft, muss sie gegen jeden Verdächtigen geübt werden. Christlicher Sadomasochismus und religiöse Allmachtsphantasien prägen die Atmosphäre aus Angst und Erregung. Daher rührt auch die Prüderie, die damit einhergeht. Sex ist Lustverlust. Die Spannung des Eifers steigt ins Unermessliche, wenn Triebabfuhr verboten ist. Der Blümchensex profitiert ebenso davon, weil alles nur noch geil ist. Ein Wunder, dass wir leben, wo der Tod überall lauert, wo der Kampf Gut gegen Böse ein ständiger Krieg ist, die wirren Hirne aufgeladen mit Phantasien von Gewalt und Untergang. Das Armageddon ist immer und überall.

Nun ist solcher Wahnsinn ein nettes Hobby; wenn damit aber Probleme bewältigt werden sollen, wird es wüst. Da Fanatismus keine Kompromisse zulässt, sucht sich das Schema Gut/Böse/Schuld/Sühne immer neue Opfer, die Einschläge des Bösen kommen dabei immer näher. Deren Urheber sind völlig unfähig, sich selbst als solche zu erkennen. Am Ende ist alles Feind, Tod, Vernichtung. “Last Man Standing” heißt das Spiel.

Genau so halten sie es auch mit den Steuern: Die Guten zahlen keine. Es ist ihr Geld, und selbst aus ihren toten kalten Händen wird es ihnen keiner nehmen außer den Erben ihrer Dynastie. Wer mehr hat, hat mehr verdient. Die protestantische, zumal evangelikale Geschmacksrichtung des Schwachsinns hält das für gottgewollt. Gott kennt die Guten und belohnt sie. Das ist das Schöne am Glauben: Er passt immer, denn was nicht passt, ist eine Prüfung. Gut/Böse, Schwarz/Weiß. Der Hass, den sie damit säen, ist ansteckend. Ich stimme ihnen zu: Gebt ihnen mehr Waffen, gleich zu Weihnachten!

 
Es ist nicht alles „Faschismus“, was der Kapitalismus so an Auswüchsen zu bieten hat, aber es kommt immer wieder verdammt nahe heran. Vor allem ist es eigentlich egal, wie man es nennt. Sofern man bereit ist, dem Monster ins gähnende Maul zu schauen, zu erkennen, was da wirkt und wo es zwangsläufig enden muss, ist es hinreichend, “Kapitalismus” genau so zu nennen. Das ist kein Pudel namens “Marktwirtschaft”, sozial ist daran schon gar nichts und jede Kette, die ihm angelegt werden soll, legt er sich allenfalls als Schmuckwerk auf. Die Ketten tragen andere. Die Zuträger, der Plebs, das Proletariat, das Präkariat, die Sklaven, die Leibeigenen. Immer wieder, trotz Aufklärung, trotz Nationalsozialismus, trotz „demokratischer“ Versuche.

Die Macht hat das Geld und sonst niemand. Die es haben, die Eigentümer, bestimmen die Regeln, und wo immer es zu einem Konflikt kommt zwischen den Rechten der Person, persönlicher Freiheit, selbst sogenannten “Bürgerrechten” und dem Kapital, siegt das Kapital. Du darfst nicht öffentlich sagen, was du denkst, schon gar nicht schreiben. Du darfst nicht zeigen, was du siehst, du musst immer auf der Hut sein, dass du nicht etwas öffentlich machst, was einem anderen gehört. Ein magentafarbener Buchstabe vielleicht, ein Foto von einem Brötchen, ein gepfiffenes Lied von einer bekannten Band. Das gehört dir nicht, also darfst du das nicht.

Jüngstes Beispiel, in dem es nicht einmal einen Armen trifft, sondern wen, der sich gewehrt hat, sind Schokoladenbären der Firma Lindt. Ein Bär aus Schokolade, eingeschlagen in goldenem Staniolpapier, wie Lindt das schon immer macht. Das ist dann aber ein “Goldbär”, und die gehören alle Haribo, weil die ihre ekligen Gummibärchen so nennen. Wenn etwas nur so heißt, dann darf es schon nirgends mehr vorkommen, wo die Marke nicht Eigentum ist.

Willste übern Rasen laufen, musste dir ein Grundstück kaufen

Es wurden auch schon für Martinslieder Tantiemen kassiert. In Europa soll man kein Wasser mehr trinken dürfen, das einem nicht gehört. Diese sogenannten „Rechte“, die nichts sind als Knechtung und Entrechtung, sollen durchgesetzt werden, als sei jeder, der an einer Quelle trinkt, ein Dieb. Der Staat macht sich auf erbärmliche Weise gemein mit den Profiteuren, die Losung „zu viel Sozialstaat“ bedeutet nichts anderes als den Aufruf zur totalen Warengesellschaft. Alles ist käuflich, alles ist Eigentum. Die Luft zum Atmen wird auch noch privatisiert werden. Das meine ich wortwörtlich.

Wie in jeder vergleichbaren historischen Situation werden vermeintlich freie Menschen wieder einmal in Leibeigenschaft gezwungen, glaubt eine Mehrheit, sie führe damit ganz gut, bejubelt das Ganze noch oder ist einfach desinteressiert. Das beste Beispiel dafür sind die Facebook-User, die sich seit Jahren abkochen lassen und jeden Rufer aus der Wirklichkeit als Spaßbremse abtun. Jetzt wird die nächste Stufe gezündet: Alle Bilder, die auf Fashbook gepostet wurden, sollen einer Bildagentur zur beliebigen Nutzung übertragen werden. Sie müssen also damit rechnen, dass die Benutzung des eigenen Bildes bald abgemahnt wird.

Na ja, so schlimm es schon nicht werden“, oder? “Ich bin davon ja noch nicht betroffen“, richtig? Besser noch: “Mich wird es schon nicht treffen” oder “Sollen sie doch machen, ich habe nichts zu verbergen“, “Es sind ja nur ein paar Bilder” und “So ist das eben heutzutage“?

Beam me up …

 
byck

Ich muss noch einmal zurückkommen auf das Thema des vorletzten Artikels und was “die Wirtschaft” da so “freut”. Sehr bedauerlich und ebenso gewöhnlich, dass die Neusprechfloskel “Wirtschaft”, durch das Vorstellen des Artikels “die” zum Mythos einer scheinbaren Notwendigkeit erhoben, wie immer kaschiert, dass es nur Kapitalisten freuen kann, was da passiert. Und zwar solche Kapitalisten, denen Menschen nur Ware sind, Stückgut wie alles andere, das der gnadenlosen Aneignung dient. Dazu gibt es einige aktuelle Berichte, die keinen Zweifel daran lassen, wohin der Marsch geht.

Melanie Mühl zeigt für das Feuilleton der FAZ einmal mehr den gedungenen Schönschreibern aus der eigenen Wirtschaftsredaktion, was eine Kralle ist und berichtet über Griechenland. Sehr löblich, dass dabei auch die verräterische Sprache der Nebelwerfer erwähnt wird: das ganze Geschwafel in “Begriffe[n] wie Rettungsschirm, Schuldenschnitt, Milliardenlöcher, Misswirtschaft, Troika, Hilfspakete, Schuldenrückkauf oder Bankenrettung, ohne dass wir verstehen würden, was all diese Wörter eigentlich bedeuten“.

Die Wirklichkeit aus Depression, Selbstmord und Aufblühen faschistischer Parteien, ist es das, was “die Wirtschaft freut”? Oder freut sie sich einfach trotzdem? Wie freut sich überhaupt eine “Wirtschaft”? Findet sie es dann auch vielleicht traurig, wenn entgegen solch freudiger Ereignisse, welche die Ware Arbeit verbilligen, auch Strukturen der Solidarität entstehen, in denen die Menschen etwas völlig Unwirtschaftliches tun? Wenn sie zeigen, dass das Leben inzwischen ohne Geld und Schulden besser geht; ich korrigiere: dass es überhaupt nur noch so geht?

EU-Kommission versklavt die Bürger

Wozu das, was soll das? Inzwischen dürften viele vielleicht wenigstens auf dem Stand der Kritik des Neoliberalismus angekommen sein. Dessen Idiotie, Menschen immer übler auszubeuten mit der Begründung, die Löhne seien immer zu hoch, selbst wenn man schon nicht mehr davon leben kann. Dessen Idiotie, auf der anderen Seite aus allem und jedem noch den letzten Cent herauszuquetschen, ohne wissen zu wollen, dass irgendwer das verdammte Geld dafür aufbringen müsste. Die Idiotie, Staaten in die Armut zu treiben, um sie dann zu zwingen, ihre Infrastruktur zu verkaufen in dem Glauben, die Menschen müssten Heizung, Strom und Wasser ja kaufen, zu jedem Preis. [Link unbedingt folgen!]

Idiotie, weil das schon jetzt keiner bezahlen kann. Idiotie, weil die Menschen sich nicht aushungern lassen oder freiwillig verdursten, weil sie dem Kapital nicht mehr hörig sein können, selbst wenn sie es wollten. Was soll dann passieren? Dass die Armee in die Menge schießt, die sich zusammenrottet, um Wasser zu stehlen? Ist das das Europa, über das sich die verdammte Wirtschaft “freut”?

Die Masterfrage wie immer zum Schluss: Wer hat das kommen sehen, dass “die Wirtschaft” in der “Krise” solche Mittel anwendet, dass ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb stattfindet und schließlich alles, einschließlich der Infrastruktur, den Oligopolen gehört? Darauf hätte doch jemand kommen müssen!

 
Es sind nicht die Waffen, die morden. Es ist das System, das vom Handel mit ihnen profitiert.

 
schirm“Rettungsroutine” wurde also just zum “Wort des Jahres” gewählt und hat gleichermaßen das Zeug, auch “Unwort” zu werden, wenngleich “Unwort” ein Unwort ist und nur aus dieser doppelten Negation seinen Wortstatus bezieht. Selbst das allerdings nur, wenn man den Adorno-Algorithmus unberücksichtigt lässt, der für Kenner Hegelscher Kopfstände darauf hinwies, dass die Negation einer Negation auch bedeuten kann, erstere sei “nicht negativ genug” (Irgendwo im stw “Negative Dialektik” bei S. 161ff, wenn ich mich nicht irre hihihi).

Das Wort war mir bislang kaum bekannt, vermutlich weil es unter all den “Brandmauern”, “Rettungsschirmen”, “Krisen” und “Spaßmaßnahmen” “Sparmaßnahmen” nicht weiter auffiel; allesamt Unwörter im Unwortsinne, Schwachfug, Hirnbrand, Neusprech und Psychose. Ob das “Sparen” durch Ausbluten von Volkswirtschaften, “Rettungen”, die nichts als Profitschleudern sind oder “Krisen”, die von größerer Dauer sind als die Phasen, die sie angeblich trennen – Sprache ist eine Fünfeurohure, wo die Propaganda dem Kapital die Öffnungen leckt.

Immerhin weist die Jury darauf hin, spricht von einer “instabilen europäischen Wirtschaftslage” und benennt “eine wiederkehrende, wenn nicht gar auf Dauer angelegte und auf Erfahrungen basierende Entwicklung.”

Keine weiteren Fragen

“Krise” ist eigentlich die meist kurze Umwälzung zwischen zwei Lagen (von der eine meist besser ist als die andere), hier aber ist das, was so bezeichnet wird, selbst längst die Lage. Ziemlich exakt die Lage übrigens, die Marx als Spätphase des Kapitalismus beschrieben hat. Aber der ist Pfui, also muss man die Sprache so zurechthämmern, dass es keiner merkt.

“Auf Dauer angelegt” ist nichts weniger als die “Krise”, deren Mittel jene “Rettung” ist, die weder je etwas gerettet hat noch dafür vorgesehen war. Jetzt höre ich wohl die Kritikaster, die mich erregt zu korrigieren wissen, weil da doch etwas gerettet werde. Ja ja, das Kapital!
Nein, sage ich. Denn am Ende – das ist das, was kommt, und zwar an sich und immer dicke – rettet auch niemand mehr das Kapital. Das ist ja das Verrückte. Nachdem nämlich die Staaten zu Tode gerettet sein werden, ist wieder die Phase mit dem Esspapier dran. Schlückchen Chablis dazu?

Semantik ist inzwischen ein Geschäft für Fachexperten, weil sich niemand mehr etwas fragt. Dabei ist die Kunst eigentlich leicht, wenn man eine kleine Anleihe aus dem Reich der Syntax macht. Die Satzstruktur ‘Subjektiv-Prädikat-Objekt’ weist den Weg: “Wer spricht wovon zu wem?” ist die Frage, die solche Unwortgetüme zu Staub der Propaganda zerfallen lässt. Wie gut, dass die Pflichtschulen aller Zweige sich zum gedungenen Mord an jeder Neugier vereinigt haben und alle Fragen eifrig ausgerottet.

Erste Erfolge zeichnen sich ab beim europäischen Austeritätsprojekt Merkel eins, das ganz zufällig beginnt wie “Austrocknen“. Wie in den 50er Jahren kommen reichlich Menschen nach Deutschland, um sich hier ausbeuten zu lassen, weil es daheim keine Ausbeute mehr gibt. Deutschland spart also mit: Ausbildung und Erziehung zum Beispiel. So lange noch “Fachkräfte” gebraucht werden, die nicht so überzogene Ansprüche stellen wie deutsche über 40 (ausreichender Lohn, Urlaub, Menschenwürde), holen wir uns einfach das Fallobst aus Südeuropa, quetschen es aus und schicken die destillierten Reste zurück. Da das alles Unionseuropäer sind, können wir sie zwar nicht ausweisen, aber hey: Wir haben doch genügend motivierte Jugendliche*, die wissen, wie man Ausländern das kürzere Bleiben schmackhaft macht. Vor allem denen, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen.

Die Wirtschaft freut’s.

*sogar unter fachmännischer Begleitung

 
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Im folgenden möchte ich ein Modell vorstellen, wie sich eine Gesellschaft anders organisieren könnte als die aktuelle, und sicher auch anders als bisherige, nämlich “sozialistische”. Der Entwurf enthält vieles, was mir persönlich gefallen würde, ist aber dennoch nicht frei von Beliebigkeit. Fast sämtliche Details könnten auch anders geregelt werden. Ich skizziere das, um die Gelegenheit zu bieten, sich am Beispiel abarbeiten zu können. Im Entwurf als solchem kreuzen sich abstrakte und konkrete Momente von Alternativen zum Bestehenden.

Meine Vorstellung basiert auf einigen zentralen Annahmen, die das Auseinanderfallen in Schichten, Herren und Sklaven, Arm und Reich etc. vermeiden helfen. Dazu gehören weitgehendes Gemeineigentum, konsequente Machtbegrenzung, das Primat der gemeinschaftlichen Organisation vitaler Produktion und dabei auch die Beteiligung aller nach ihren Möglichkeiten. Ich verzichte gänzlich auf den Versuch, Freiheit über ein gewisses Maximum hinaus zu sichern, dabei aber ein Minimum an persönlicher Freiheit für jedermann, das über alle bislang etablierten Gesellschaftsformen hinausgeht. Das darf man selbstverständlich kritisieren.

Eigentum, Produktion, Konsum

Beginnend mit der Eigentumsfrage gibt es kein Privateigentum, d.h. keinen vererbbaren Landbesitz und keinen Besitz an Produktionsmitteln, der Lohnarbeit zur Folge hätte. Privater Besitz von Grund und Boden ist zulässig, das lebenslange Hausrecht über die eigenen vier Wände und den Grund, auf dem diese stehen. Die Verteilung von Wohnraum ist dabei problematisch, ich möchte die Modalitäten an dieser Stelle aber nicht festlegen.

Die vitale Produktion hat Priorität vor der Herstellung von Konsumgütern. Es ist durch die gesamte Gemeinschaft (ggf. das Volk) zu sichern, dass ausreichend Ressourcen für Nahrungsmittel, Energie, Wohnraum, Gesundheitswesen, Altenpflege, Kinderbetreuung und die Infrastruktur zur Verfügung stehen. An diesen Aufgaben müssen sich alle beteiligen. Der zeitliche Aufwand für die notwendigen Tätigkeiten (die in dem Zusammenhang ggf. als “Arbeit” bezeichnet werden können) ist so zu verteilen, dass das erforderliche Maß an Wochen- und Lebensarbeitszeit von allen geleistet wird. Wer dazu beiträgt, hat das Recht auf seinen Teil am Gemeineigentum. Wer (z.B. aus gesundheitlichen Gründen) nicht dazu in der Lage ist, wird von dieser Voraussetzung befreit. Was als notwendig gilt, beschließen alle Beteiligten.

Die Verteilung der Tätigkeiten wird über eine Börse geregelt. Besonders unbeliebte Tätigkeiten (Kanalreinigung, Schädlingsbekämpfung o.ä.) können mit bis zum Zehnfachen des Zeitaufwands vergütet werden, der für einfache Aufgaben angerechnet wird. Es dürfen Grundqualifikationen gefordert werden, um Zugang zu bestimmten Tätigkeiten zu erhalten.

Über die vitale Produktion hinaus können weitere Produkte erstellt werden, die lokal, regional und überregional (in dieser Priorität) von der Gemeinschaft gewünscht werden. Die dazu notwendigen Ressourcen werden für angemessene Zeiträume zur Verfügung gestellt, auch darüber entscheiden die Beteiligten. Die Entscheidungen werden periodisch überprüft und basisdemokratisch getroffen. Langfristig wirksame Entscheidungen bedürfen einer (Dreiviertel-?) deutlichen Mehrheit. Ggf. betroffene definierte Minderheiten haben ein Vetorecht.

Politische Organisation

Vitale Ressourcen (Rohstoffe) sind überregional so zu verteilen, dass die Versorgung aller gesichert ist. Interregional können Ressourcen getauscht werden. Außenhandel kann unter der Kontrolle der Gemeinschaften in Fremdwährung betrieben werden. Dazu notwendige Bankgeschäfte werden von der Gemeinschaft kontrolliert.

Alle Entscheidungen werden subsidiär getroffen. Es kann aus organisatorischen Gründen notwendig werden, Delegierte zu wählen oder Einzelne mit langfristigen wichtigen Aufgaben zu betreuen. Damit verbundene Kompetenzen werden strikt auf Zeit verliehen, sind unter keinen Umständen verlängerbar und dürfen nicht gebündelt werden. Es ist daher dafür zu sorgen, dass nur solche Projekte etabliert werden, für die ausreichend breit verteilte Kompetenzen zur Verfügung stehen. Ausnahmen können solche Projekte sein (Grundlagenforschung o.ä.), die eindeutig keinen Machtzuwachs Einzelner oder Gruppen zur Folge haben. Sie bedürfen der periodischen Zustimmung der Gemeinschaft; die Resultate werden von dieser kontrolliert.

Jenseits der Privatsphäre unterliegen alle Vorgänge, Abstimmungen, Prozesse und Projekte strikter Transparenz. Es gibt keine Geheimhaltung. Es gelten keinerlei Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, kein Arbeitszwang und keine Einschränkung der Meinungsfreiheit.

p.s.: Diese grobe Skizze lässt einige Bereiche aus, die einer Regelung bedürften und schließt möglicherweise welche ein, die weniger relevant sind. Zweck des Textes ist der Versuch, Zustimmung und Ablehnung zu bestimmten Ideen formulieren zu können, um die jeweiligen Utopien ein wenig zu sortieren.

 
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Bundesarchiv, Bild 183-57000-0139 / CC-BY-SA

Die DDR war nicht nur für Wessis in vielerlei Hinsicht eine Veranstaltung, die als “Farce” zu bezeichnen gerade annähernd die unfreiwillige Komik streift, die Verachtung des Volkes, der Menschen, die man auf beleidigende Art und Weise für dumm verkaufte. Die Reden des Staatsratsvorsitzenden eine einzige Strapaze, lächerlich in Attitüde und Selbstbeweihräucherung, erträglich nur durch das bizarre Genuschel, dem man wenigstens etwas Erheiterndes abgewinnen konnte, wenn man zynisch genug unterwegs war.

Die Parteitage eine einzige Inszenierung, Realitätsverweigerung mit Bügelfalten, Absurditätenkabinett von Parteipfaffen für Blindgläubige oder Zwangsrekrutierte, staubiger als eine katholische Messe in lateinischer Sprache. Immerhin gab es das Andere, an das die Hoffnung sich klammern konnte, das Draußen, das dem Drinnen keine Ruhe ließ.

Nichts gelernt

Die Sieger der Geschichte haben nichts gelernt. Und gerade weil sie nichts gelernt haben von den Verlierern, verhalten sie sich inzwischen genau so wie diese in der Zeit vor ihrem Untergang. Die Dekadenz trieft aus allen Poren der fetten Gesichter einer Klasse, die sich ihre absurde Weltsicht von sprichwörtlichen Claqueuren schönklatschen lässt. Befehlsempfänger, Abnicker, Applausroboter. Funktionäre, deren erpresste Zustimmung total zu sein hat. Ein paar Prozent unter Hundert dürfen es gerade sein, genau wie damals.

Das Wahlvieh wird für blöder gehalten als die Rinder auf der Weide, die gutes Gras jederzeit von Bambus zu unterscheiden wissen. Nicht so der Michel, glaubt die Nomenklatura. Der stiert nur auf die Größe, die Länge, die Dauer. Acht Minuten Applaus für die Kanzlerin, welch absurde würdelose Inszenierung! Und was ist die Antwort der ganz speziellen Spezialdemokraten? Sich erst einen Kandidaten wählen, der als Lügner, Versager und Verächter der unteren Schichten berüchtigt ist, mit mehr als 93 Prozent. Erbärmlich genug. Dem werden dann elf Minuten Applaus gespendet. Elf Minuten – das ist schon nur mit Koks duchzuhalten, wenn ein Virtuose das Konzert seines Lebens gegeben hat. Ach was, selbst da sind fünf Minuten schon mehr als zu viel. Aber elf Minuten. Für Peer Steinbrück. Elf Minuten! Für wie bescheuert haltet ihr uns eigentlich?

Wer wissen will, wie lang elf Minuten sind, selbst wenn man nicht von einer Charaktermaske beekelt wird, mag sich das hier so lange ansehen.

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