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2010


Wir gelten als faul, verlottert und ausschweifend. Wer die Nacht zum Tag macht, geht ständig feiern, säuft und kriegt morgens nicht den Arsch aus dem Bett. Er ist ein gesellschaftlich bestenfalls geduldetes Subjekt, denn er hat es nicht drauf: Wer feiern kann, kann auch arbeiten. Dann muß man halt mal auf Schlaf verzichten.

Ämter nützen gern ihre Macht, Termine nicht zu vereinbaren, sondern zu diktieren. Am besten so früh wie möglich. Es gibt immer Menschen, die gern “lange” schlafen, denen kann man schon mal die Ruhe nehmen, das macht sie aktiv. Die Schule beginnt um acht, und wenn es opportun erscheint, gibt es dann auch schon mal eine Doppelstunde Sport zum Beginn. Wer da noch im Halbschlaf taumelt, muß sehen, wie er mitkommt. Ein guter Deutscher ist er schon mal nicht.

Diese ganze Haltung, mit der Spätaufsteher wie ich ständig konfrontiert werden, strotzt nur so vor gröbstem Umfug. Das beginnt mit dem Blödsinn des “langen” Schlafens. Viele von uns schlafen nicht mehr als der Durchschnitt, einige weniger, das ist völlig normalverteilt. Wir schlafen einfach später und müssen uns dafür nicht rechtfertigen. Vor niemandem.

Ein wenig Verstand könnte Abhilfe schaffen um zu begreifen, was gerade diejenigen auszeichnet, die abends nicht ins Bett kommen und morgends nicht heraus. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum sich ein halbwegs gangbarer 24-Stunden-Rhymthmus einstellt, der eben nach hinten verschoben ist. Vor allem ein Phänomen ist für mich aber das interessanteste, nicht zufällig, da es mich selbst betrifft. Seltsamerweise sind 24 Stunden einfach nicht genug. Am Wochenende, das kenne ich seit meiner Kindheit, werden die Tage und Nächte länger. Freitags geht es später ins Bett, samstags viel später raus. Samtstag nachts wird es dann gern noch einmal später und sonntags wird bis mittags geschlafen.

Ich habe bis auf die Zeit im Zuvieldienst – da habe ich einige Monate quasi gar nicht mehr geschlafen – nur Jobs gemacht, die später anfingen. Etwas anderes war die Zeit mit meiner kleinen Tochter, da konnte ich aber ihre Schlafphasen nutzen, um mich selbst noch mal ein Stündchen hinzulegen.
Das alles klingt wie eine Rechtfertigung, was ebenfalls kein Zufall ist, denn gemeinhin gelten wir ja als schlechte Menschen, von denen man eine Entschuldigung für ihr Dasein erwartet. Daß wir erst zu großer Form auflaufen, wenn ihr längst schlaff vor dem großen Verblöder hängt, wird gemeinhin unterschlagen. Erst eine “Nachtschicht”, lohnabhänig, schlecht bezahlt und für den Segen irgendeiner Firma, gibt uns wieder das Recht, später aufzustehen.

Mumpitz. Es ist einer der typischen deutschen Neidkomplexe. Da könnte jemand mehr, schöner, besser länger schlafen als ich. Das geht gar nicht! Daß Spätaufsteher erst einmal genau so müde sind wie Frühaufsteher, will denen erst recht nicht in dem Kopf. Für sie ist das ein Skandal, jedenfalls für diejenigen, deren höchstes Ideal in eben dem Gebuckel besteht, was ihnen als “gute Arbeit” eingeschärft wurde. Das ist putzig.

Als 28-Stunden-Mensch bin ich obendrein belastbarer, effizienter und flexibler als die acht-bis-siebzehn-Uhr-Männlein. Ginge es ums Arbeiten, die Argumente wären auf meiner Seite. Es geht aber nicht darum. Ich arbeite, um zu leben und meide Tätigkeiten, die mir nicht zusagen. Ich sage das nicht, weil ich faul, unsozial oder weltfremd wäre. Ich bin einfach nur nicht doof.

Als einer von denen, die auf einem zu kleinen Planeten leben oder einem, der sich halt zu schnell dreht, kann ich trotzdem gut mit den Anderen leben. Denen, die halt lange vor meinem Erwachen ganz normale Geräusche machen. Sie dürfen mich getrost auch wecken, wenn sie mich dann wieder schlafen lassen. Sie dürfen mir sogar eine Frage in der Erwartung einer knappen Antwort stellen. Versucht nur nicht, dann mit mir zu diskutieren. Was ich in einem solchen Fall von euch übrig lasse, kann gern um 01:00 mit mir weiter streiten. Aber das wollt ihr sicher nicht.

dann macht sie ihrem Namen alle Ehre: Madame Nonsense hält sich in beinahe allen Belangen vornehm zurück, in denen es auf Richtlinien oder Kompetenz ankäme. Das Feld überläßt sie ihren Beratern oder Ministern. Vielleicht liegt es am Glanz der “G20″, daß sie sich wieder einmal öffentlich aus dem Fenster lehnt, was sie da gesagt hat, ist aber schlicht haarsträubend.

Niemand erwartet, daß sie auf Paul Krugman hört, der in etwa alles genau anders sieht als die deutsche Regierung und ihre hintersinnigen neoliberalen Sparberater. Hans-Werner Sinn sagt, Konsum ist schlecht. Trichet sagt, Inflation ist schlecht. Das kennt sie ja sogar noch von Waigel und von Tietmeyer. Tja, und was seit dreißig Jahren richtig ist, kann ja heute nicht plötzlich falsch sein.

Ohne Sachverstand, ohne das geringste Gespür für veränderte Realitäten steht sie wie eine Eiche im Feuersturm. Zwar hat ihr Bankenretterkasperle Peer Steinbrück auch beizeiten gern das Wort “Totsparen” in der Plapperklappe geführt, aber – das weiß sie wohl – der ist auch bloß ein Virtuose des Arguments posthum. Niemand hat die Absicht, vor dem Reden nachzudenken. Nachher fällt einem immer eine Floskel ein, mit dem sich der zugewucherte Trampelpfad zur Autobahn aufsexen läßt.

Das Kracher-Argument zur Sanktionierung der größten annehmbaren Dummheit hat Angela Merkel den Ungläubigen Amerikanern jüngst vor die Füße geschmettert:

Deutschland sei Teil des Binnenmarktes und die Handelsbilanz der Europäischen Union sei ausgeglichen. Dies sei ‘die entscheidende Größe’“.

Man muß schon eine Klinikpackung “Egal forte” einwerfen, um dabei nicht mental in eine Depression zu verfallen, deren Dimensionen die der Wirtschaft bald ebenfalls erreichen wird. Merkel hat das Zeug offenbar gehortet. Das Ungleichgewicht innerhalb der Eurozone hält sie allen Ernstes für eine Glanztat, mit der sie Werbung machen kann. Ist doch alles in Ordnung, die Defitzite der anderen Euroländer machen die deutschen Überschüsse doch locker wett.

Das allein ist schon so preiswürdig merkbefreit, daß es müßig wäre zu erwarten, sie machte sich Gedanken darüber, wie es käme, wenn die anderen in der Eurozone jetzt dieselbe Strategie verfolgten und Deutschland ebenfalls weiter so auf Exporte setzte. Wo bliebe dann wohl die ‘ausgeglichene Handelsbilanz’? Daß das Ganze ohnehin ein Gespinst ist – von “Hirn” mag ich da nicht reden – geschenkt! “Deflation” ist für sie ohnehin kein Problem. Frei nach dem Motto: “Wenn alles so billig ist, können die Leute ja gar nicht arm sein”.

Man wundert sich, worüber die Desaster-Koalition eigentlich streitet. Die einen bedienen eifrig ihre Klientel, die anderen stecken sich fleißig Sand in den Kopf in der Hoffnung, so gegen die kommende Sturmflut gewappnet zu sein. Es herrscht unerschütterliche Einigkeit im “Weiter so!”. Diese Bundesregierer sind so reaktionär, daß sie noch darauf beharren alles richtig zu machen, wenn es sie längst nicht mehr gibt. Wahre Staatskunst bedeutet ihnen, sich auch vom eigenen Tod nicht beirren zu lassen.

Man soll nicht denken, die WM beherrschte Nachrichtenmarkt und Tagesablauf schon derart, daß nichts anderes mehr durchdringt. Weit gefehlt! Millionen nahmen Anteil an einem politischen Großereignis und verfolgten gebannt die Einsetzung des schwedischen Prinzen Daniel, der sich vom Fitness-Höfling zur künftigen Majestät hochgeheiratet hat.

operette

Quelle: Wikimedia Commons

“Märchenhaft” sei das gewesen, salbadert unisono die Regenbogenpresse von SpOn bis Gala, und wer den Bildern nicht entkommen konnte, dem war der Augenherpes sicher: So pompös und verkitscht kommt sonst nur die Barbie-Werbung daher, und da springen wenigstens nicht noch drei, in Worten: 3 goldbewandete Pfaffen herum, um eine einzige Hochzeit abzuwickeln. Der Federhut-, Kutschen- und Scherpenschaum, der da meterdick in rosa und bleu aufgetragen wurde, war für jedes Schützenfest zu billig, wäre er nicht so unerhört kostspielig gewesen.

Die Gernregierten aller Länder folgen solchen Operetten-Parodien freilich mit feuchten Augen und trüber Rührung. Daß sich der Adelsstand, der immerhin Untertanen in sieben europäischen Staaten und zwei Steueroasen bedünkelt, derart ungehemmt inszeniert, liegt voll im Trend. Man trifft sich bei Golf, Segeln und Sylt, trägt wieder Brillanten und Rolex. Keine falsche Scham – was den Emporkömmlingen der Geldelite recht ist, kann den alten Herrscherhäusern nur billig sein. Der Applaus des Fußvolks ist ihnen obdendrein gewiß.

Eines muß man dem “Märchen” allerdings zugute halten: Es trägt unmittelbar unter der dröhnenden Fassade Züge einer unmißverständlichen Realität: Der Aufsteiger, der erst durch tiefes Buckeln vor den Krönchen und geduldiges Ertragen vernehmlichen Standesdünkels den Zugang zum Hofe fand, hat sich am Ende hochgeschlafen. So sehen in diesen Zeiten Karrieren aus. Das sind die Verhältnisse im postmodernen Europa. Von “Demokratie” ist da weder eine Spur noch je die Rede.

Wenn der Schiedsrichter eine Partie allein entscheidet, macht es keinen Spaß. Das dümmliche Kartenspiel des Spaniers Undiano hatte mit Fußball nichts zu tun, dieser Sport ist weder so körperlos noch so sinnlos, wie er ihn sich zurecht gepfiffen hat. Proteste beider Mannschaften blieben ohne Erfolg, obwohl sich die um ein besseres Match betrogenen Spieler in ihrer Kritik einig waren.

fussfuge

Das deutsche Spiel offenbarte erstmals eine zu befürchtende Schwäche: Die “Sechser” sind nicht wirklich welche, wodurch die Abwehr – vor allem links – ins Schwimmen gerät. Auch die Innenverteidigung überzeugte nicht. Ein enormes Sicherheitsrisiko. Gegen potente Gegner wird die Verteidigung weit vor der Abwehr organisiert werden müssen, sonst werden die Gegner zu leicht gefährlich im Strafraum auftauchen.

Die Sicherheitsdienste in den südafrikanischen Stadien waren eine jener viel bejubelten Standbeine wirtschaftlichen Aufschwungs, die “Arbeitsplätze” geschaffen haben. Nachdem die Arbeiter aber nicht nur schlecht, sondern zum Teil gar nicht bezahlt wurden, traten sie in den Ausstand, protestierten und wurden selbst zum Sicherheitsrisiko.
Die Reaktion darauf: Anstatt für eine angemessene, also überhaupt eine Bezahlung zu sorgen, wurde die Polizei eingesetzt, um die Stadien zu bewachen. Fragt sich, warum erst Millionen an “Unternehmer” ausgezahlt wurden, die weder für Sicherheit noch für echte Arbeitsplätze sorgen.

Auch der verantwortliche Trainer machte eine unglückliche Figur: Durch seine Auswechslungen ging jede Ordnung verloren. Die Chancen für die Deutschen sind dennoch gut, ein Sieg gegen Ghana reicht aus, und die haben heute gezeigt, daß sie mehr als schlagbar sind.
Südafrika ist so gut wie aus dem Turnier, und wenn es dicke kommt, steht keine afrikanische Mannschaft mehr im Achtelfinale.

Spätestens dann könnten sich nicht nur ehemalige Sicherheitskräfte, sondern weitere Verlierer – vor allem von links – rund um die Stadien zusammenrotten. Damit solche Proteste ohne Erfolg bleiben, muß man schon weit vor dem inneren Verteidigungsring die Abwehr dieser Elemente organisieren, ehe gefährliche WM-Gegner im Stadion auftauchen.

Obwohl Einigkeit herrscht, daß die Kritik der Betrogenen berechtigt ist, kann man die Probleme nicht im Turnier lösen. Darüber kann allein ein Richter entscheiden. Proteste in den Stadien sind sinnlos, und so macht eine WM auch keinen Spaß. Die Verantwortlichen müssen zusehen, daß die Ordnung nicht völlig verloren geht. Die Chancen, daß noch einmal ein Großereignis nach Afrika vegeben wird, sind sonst alles andere als gut.

WM-Zeit ist saure-Gurken-Zeit. Oder Dosenthunfischzeit. Oder auch Tabakskrümel-such-Zeit. Was weiß ich. Jedenfalls scheint sogar das lesende, sich belesen gebende Volk quasi wie bei der Reise nach Jerusalem panisch von Bildschirm zu Bildschirm zu springen, um ja keine Minute “leben”-Übertragung zu verpassen. Die Entspannteren unter diesen Zeitgenossen erkennt man daran, daß sie nur noch einmal am Tag zum Briefkasten schlurfen, wobei sie eine Spur von Schippse-und Flippsekrümeln im Hausflur hinterlassen, die ihnen aus dem panierten Haupthaar trudeln.

Internet wird auch nur noch geguckt, wenn Olli Kaahn gerade quaakt und, ich resümiere, “quak quaak” sagt, was er allerdings so aussehen läßt, als doziere er über die plastische Darstellung einer vierdminensionalen Kugel auf einem feuchten Bierdeckel. Muß man auch können, aber für viele Ignoranten ist das eben die Gelegenheit zu schnell mal Pipi oder Internet.

So, ihr Pauslinge, wenn ich euch also zu nicht mehr als einem kurzen Abchecken mehr inspirieren kann, vielleicht können andere das besser?

Ein alter Bekannter, ein noch Altbekannterer und eine neue Unbekannte, alle abgelegt in der Blogroll. Geht mal schnell gucken, noch ist Werbung.

Es ist nicht leicht, einer Parlamentsdebatte zu folgen, und ich frage mich oft, ob es immer schon so strapaziös war oder der rhetorische Notstand nur ein weiteres Symptom der Krise ist. Das Bullshit-Bingo im Deutschen Bundestag, die Wiederholung der immer gleichen austauschbaren Phrasen, wird flankiert von lustlosem Genuschel, das oft nur dem Zweck zu dienen scheint, sich erkennbar einer Geschmacksrichtung der Rechthaberei anzuschließen.

Zur arbeitspolitischen Debatte gab es da etwa eine Rede von Paul Lehrieder (CDU), der offenbar noch etwas Wichtigeres vorhatte. Seine hektische Replik auf den Antrag der Linken konnte nicht nur niemanden überzeugen, er schien sie selbst nicht hören zu wollen. Zur Kritik der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse schien er sich mit der Kollegin Connemann abgesprochen zu haben. Beide stellten fest, daß Teilzeitarbeit von Arbeitnehmern gewollt sei. Damit bescheidet sich ihre Analyse der Arbeitswirklichkeit im Jahr 2010.

Geschmacksrichtungen der Rechthaberei

Die Welt von Max Straubinger (CSU) ist ebenfalls in Ordnung. Er unterscheidet in “früh aufstehende hart arbeitende” Menschen und solche, die eben nichts tun. Schon hart arbeitende Spätaufsteher würden den Mann völlig überfordern, Schwamm drüber!
Immerhin ist er sich wortwörtlich einig mit der Arbeitsministerin: Die Tatsache, daß nur noch eine Fraktion des Bundestages in der Oppossition ist, halten sie für das Zeichen einer “funktionierenden Demokratie”. Daß sich die Funktionäre darauf geeinigt haben, das Grundgesetz zu ändern, um die gruselige Chimäre “Job-Center” aufrecht zu erhalten, ist “Demokratie”. Frei nach Kauder: Was interessiert mich das Volk? Ich bin Volker.

Ursula von der Leyen, hinlänglich bekannt als Pflegerin pompöser Attitüde, war ganz in ihrem Element, als sie die Streben der Kuppel zum Ächzen brachte mit der Behauptung, der Sozialstaat werde “zusammenbrechen”, weil wir “in Schulden ersticken” – “wie Griechenland und Spanien”. Sachkenntnis ist aus, aber Lautsprecher sind noch reichlich da. Da freut sich die Propagandistin.

Wandel durch Annäherung ?

Es gab aber auch interessante Anzeichen einer Art Wandel durch Annäherung in der zweiten Reihe der Abgeordneten – was immer man davon halten möchte. In die Aussprache zu “Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen” schickte die SPD nämlich Ottmar Schreiner, der die Absicht der “Linken” durchweg unterstützte, obwohl er sich von einigen Details ihrer Forderungen distanzierte. Allerdings erwies er sich einmal mehr als jemand, der angesichts der Schere zwischen Arm und Reich noch zu formulieren imstande ist, was “soziale Gerechtigkeit” in der Realität vor allem nicht bedeutet.

Und auch von der Grünen Beate Müller-Gemmeke gab es Erstaunliches zu hören:
Sozial ist eben nicht, was Arbeit schafft, Sozial ist nur, was gute Arbeit schafft“. Diese ausdrückliche Abkehr vom Motto des Neoliberalismus könnte eine Wende andeuten, die bislang nur als Subtext kommuniziert wird. Warten wir’s ab.

Ein bißchen leergelaufen sind die Blogbatterien in den letzten Tagen. Es gibt immer wieder Tage, da fehlt einfach der Elan. Sicher könnte man zum Beispiel über journalistische Selbstkritik schreiben. Meine kurzfirstig ausgeleierte Walnuß denkt aber nur: Klar personalisiert ihr, und zwar weil ihr einfach ungebildet seid. Wer die Dinge in Zusammenhänge setzen soll, muß letztere erst einmal kennen. Wer lernt denn heute noch, sich umfassender zu informieren – und eben nicht nur mit Blick auf ein aktuelles Ereignis? Wo sind sie denn, die Generalisten?

So etwas endet aber gern in schnappatmigem Großvater-Genörgel oder melancholischem Räsonieren, wenn die Inspiration fehlt. Lassen wir das.

Kommen wir nunmehr zu etwas völlig anderem. Schon lange befasse ich mich mit dem Gedanken, einige Postings aus der großen Masse des hiesigen Auftritts hervorzuheben. Aber wo anfangen? Das sind inzwischen knapp 1500 Artikel. Die kann und will niemand alle lesen. Es wäre mir aber eine große Hilfe, wenn einige Leute ein bißchen im Archiv stöbern und einfach ihre Favoriten hier nennen würden. Nach einer Weile kann ich dann aus den Vorschlägen zunächst einmal die Kategorie “Best of” füllen, einen Fundus für Blogblues-Zeiten. Vielleicht wird ja auch ein Buch draus.

Ich sag dann schon mal “Danke”.

Deutschland-Australien 4:0
Herausragend: Eine agile deutsche Offensivabteilung, die einen planlosen, bemüht destruktiven Gegner spielerisch förmlich auseinandergenommen hat. Spielwitz und Präzision lassen den alten Rumpelfußball vergessen. Es macht tatsächlich wieder Spaß, einer deutschen Nationalmannschaft bei der Arbeit zuzuschauen.

In Kirgistan gehen Kirgisen auf Usbeken los und umgekehrt. Wenn die Lage unübersichtlich wird, spielen die Ursachen selten eine Rolle, auch wohin das führen soll, weiß so recht niemand. Hauptsache es gibt einen definierbaren Feind, der sich vereint massakrieren läßt.

Es gibt wenig auszusetzen am Spiel der Deutschen. Einzig der Spielaufbau war phasenweise Anlaß zur Sorge. Das träge Querpaßspiel lädt potente Gegner geradezu ein, durch schnelles Stören und einen tödlichen Paß hinter die Abwehr zu kommen. Dann wird es mehr als brenzlig.

Die belgischen Sub-Nationalisten legen es darauf an, mitten in Europa ein bißchen Bürgerkrieg auszuprobieren. Wenn die Lage unübersichtlich wird, spielen die Ursachen selten eine Rolle, auch wohin das führen soll, weiß so recht niemand. Hauptsache es gibt einen definierbaren Feind. Dann wird es mehr als brenzlig.

Eine Einzelkritik der Spieler ist eher müßig. Die Mannschaft harmonierte hervorragend, so daß sogar Klose tragbar war. Klose kann Kopfbälle, sonst gar nichts. Hinter der “Startelf” ist die Konkurrenz zu groß. Vor allem Marin leistete sich zu viele Fehler aus Ehrgeiz. Da zeigen sich die Grenzen der Harmonie.

Über die Demonstrationen gegen die Umverteilung wird nicht seriös berichtet, man konzentriert sich auf die Krachermeldung über einen Minisprengsatz. Dabei ist stets im Plural von “Krawallmachern” u.ä. die Rede. Wie viele Männer werden benötigt, um einen Böller zu werfen?

Katrin Müller-Hohenstein spricht in der Halbzeitpause von einem “inneren Reichsparteitag” angesichts des Tors von Klose. Gut, daß sie nicht “Oktoberparade” gesagt hat. Es gibt Grenzen, selbst inmitten schwarzrotgoldener Harmonie und Siegesfreude.

Ich hatte mich zu den Touren, die reiche Teens neuerdings zur Bestätigung ihrer Weltherrschaft unternehmen bereits geäußert. Gelingt der Schwachsinn, brüsten sie sich mit Weltrekorden, die sie – ja sicher! – ganz für sich allein beanspruchen. Die öffentlich eingetrübte Wahrnehmung lanciert das dann auch dementsprechend. So gilt bis heute den meisten Halbgebildeten “Sir” (Ja Sir!) Edmund Hillary als Erstbesteiger des Mt. Everest, während Tenzing Norgay deutlich weniger bekannt ist. Der hat ja auch nur die Klamotten geschleppt.

Zurück zu der Göre, die nicht weniger als “die Welt” umrunden will. Wenn der Sturm kommt, gibt es also eine Sicherheitskapsel, GPS und Notfallzentrale. Am Ende kommt eine Hubschrauberstaffel als Kavalerie und sorgt dafür, daß die hohe Tochter nicht in der Gefahr umkommt, in die sie sich begeben hat.
Wo sind eigentlich die Denkmäler für die tapferen unfreiwilligen Seeleute, die von irgend einem afrikanischen Strand aufgebrochen und in Richtung Lampedusa gepaddelt sind? Ach nee, die werden ja ins Meer geworfen.

Die Geschichtsschreibung sollte eine eigene Sparte einrichten für die Celebrities, deren Ruhm wie alles andere in ihrem irrelevanten Leben einzig auf ihrem Geld beruht. Die Höchstleistungen gelangweilter Vollidioten sind eine symbolträchtige Kategorie menschlicher Unzulänglichkeit. Das Interesse für solch sinnfreien Einsatz aller denkbaren Ressourcen in undenkbaren Dimensionen steht prototypisch für das tiefe menschliche Bedürfnis, sich verblöden zu lassen. Während der kleinste Respekt vor dem Nächsten argwöhnisch verweigert wird, kann der Kotau vor den Scheinriesen nicht tief genug sein. Eine tragikomische Spezies. Beam me up!

Diese Leute, die da den ganzen Tag vor gigantischen Bildschirmen rumhängen, den grauenhaften Lärm ertragen oder gar selbst dauernd in diese gräßlichen Tröten blasen, die könnte man doch hervorragend auf Kindergeburtstagen einsetzen, zum Luftballons Aufblasen. Für einen Euro die Stunde, dann tun sie das, was sie eh tun, leisten etwas und kosten wenig.

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Quelle: Wikimedia Commons / Berndt Meyer

Gut, dann müßte man natürlich wieder andere als Sicherheitsdienst einsetzen, damit die nichts klauen. Und noch ein paar andere, um den ersten Sicherheitsdienst zu überwachen, damit der nichts klaut. Soll aber keiner sagen, es gäbe es keine Arbeit.

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