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2009


Fragt man heute Hauptschulabgänger danach, was “Exxon Valdez” bedeutet, wissen die beleseneren unter ihnen, daß es sich dabei um einen Fußballspieler handelt. Man würde ihre Leistung mit “drei plus” einstufen, da es sich immerhin bei beiden Valdez um Großkatastophen handelt und die Schüler ihr Ziel ebenso stets knapp verfehlen wie Nelson Valdez und der Öltanker. Letzterer zwar nur einmal und vor 20 Jahren, dafür aber umso gründlicher. Diese Bewertung paßt bestens in System, das planlos “Leistung” abruft, zu der sie nicht ausbildet, weil sie keine Zusammenhänge herstellt. Vor allem einen nicht: Den zwischen der Schule und dem Leben.
Zurecht bemängeln Andreas Poltermann und Stephan Ertner in der FR die “Erfolge” vor allem der Hauptschulen und daß sich ein riesiger Bodensatz von Abgehängten bildet, die schon nicht mehr fähig sind, eine Tageszeitung zu lesen. Das Drama beginnt aber nicht in der Hauptschule, und es ist nicht damit getan, einige weitere “Reformen” über die Schulen ergehen zu lassen. Das Leistungsprinzip als solches taugt nichts. Wenn zur Leistung erzogen und auf Leistung gelehrt wird, am Ende aber nicht einmal Leistungsfähigkeit dabei herumkommt, hat das Prinzip völlig versagt. Nicht nur die Hauptschulen gehören abgeschafft, sondern das Leistungsprinzip, zumindest in den unteren Klassen.

Erziehung zur Nützlichkeit

Es gibt hervorragende Lern-und Bildungskonzepte, die nicht ins System passen. Sie passen vor allem deshalb nicht, weil sie fördern und fordern, nämlich die Kreativität aller Beteiligten. Wenn Lehrer so gern zu Protokoll geben, was sie “nicht leisten” können, liegt das nicht nur daran, daß sie sich das Versagen des Systems nicht eingestehen wollen. Es liegt vor allem daran, daß sie die Phantasie für Alternativen nicht aufbringen. Wie denn auch? Verzahnte Lehrpläne, ein starrer Beamtenapparat, normierte Leistungsanforderungen, die dann nicht in Leistungs- sondern in Jahrgangsklassen beackert werden. Dümmer geht’s nimmer.
Warum wird in Grundschulen so wenig gespielt? Ein sechsjähriges Kind hat das Recht und das Bedürfnis zu spielen. Der Spieltrieb ist eine grandiose Motivation zu lernen. Die kindliche Neugier ein gigantischer Fundus an Lernbegierde. Wo sind die Konzepte, die dies aufgreifen? Wo findet eine ausgewogene Mischung aus Spiel und Wissensvermitllung statt? Etwa in den lächerlichen “Projektwochen”, wo Schüler plötzlich Eigeninitiative zeigen sollen, die man sonst systematisch unterdrückt? Die “Pädagogik vom Kinde aus”, auch “Reformpädagogik” genannt, ist so betagt wie der schulische Beamtenzirkus und wurde im Bildungssystem schmählich vernachlässigt. “Bildung vom Menschen aus” ist nur noch Utopie. Weder Humboldt noch die Reformpädagogik wurden so weiterentwickelt, daß man heute noch etwas von den guten Ideen und Vorsätzen wiedererkennen kann. Es wird zur Nützlichkeit erzogen, belehrt und zugerichtet. Der “Nutzen” selbst hat sich dabei noch weiter vom Menschen entfernt als die schulische Praxis: Es ist die Nützlichkeit im Wirtschaftssystem, worin das Ziel der Veranstaltung besteht.
Das Versagen ist allumfassend: Es werden eben nicht einmal die Kompetenzen vermittelt, auf die hingearbeitet wird, von sogenannten “sozialen” Kompetenzen ist da noch gar nicht die Rede. Warum quält man Schüler noch immer in solchen Schulen? Warum nimmt man nicht endlich zur Kenntnis, daß immer mehr Schüler völlig unmotiviert sind? Daß sogar diejenigen, die motiviert erscheinen, weil sie sich der Leistungsforderung beugen, nicht wirklich wollen, was sie da tun?

Schafft die Schulen ab!

Man hangelt sich von einer Pizzastudie zur nächsten, stellt fest, daß man noch mehr Mathematik, noch mehr Naturwissenschaften, noch mehr Textkenntnis braucht und ganz nebenbei natürlich auch höfliche wohlerzogene Kinder, die sich möglichst selbst gängeln sollen, weil weder Eltern noch Lehrer dieser Aufgabe mehr gewachsen sind. Das Ganze gemahnt an gängige Psychotherapien: Nach Jahren der Selbstoffenbarung und tiefsinniger Hirnschau ist der Klient “schon einen wichtigen Schritt weiter”. Welcher Therapeut wagt es festzustellen, daß der ganze Aufwand für die Katz war und weder das Problem noch eine Lösung wirklich erkannt wurden? Irgendwer zahlt ja dafür.
Zehn bis dreizehn Jahre Schule sind bislang Standard. Was dabei herumkommt, ist haarsträubend. Zehn Jahre jeden Tag, meist sechs Stunden plus Hausaufgaben und jetzt auch noch “Ganztag”. Dabei bleibt mehr auf der Strecke, als originär schulisch gelernt wird. Ich bin beinahe geneigt zu behaupten, daß eine ersatzlose Abschaffung aller Schulen ein Segen für die Menschheit wäre. Das durchschnittliche Leistungsniveau würde darunter vermutlich nicht einmal leiden. Und unsere Schulen sind so großartig, daß sogar das beste Argument dagegen nicht mehr sticht: Daß die “bildungsfernen” Schichten unter der totalen Schullosigkeit am meisten leiden würden. Das können die vorhandenen Schulen nämlich auch so bestellen.
Woran an eine echte Reform scheitert, liegt auf der Hand: Schüler und Eltern haben keine Lobby. Sie stehen gegen einen Beamtenapparat auf der einen Seite und eine Leistungsideologie auf der anderen, die alles im Blick hat, nur nicht die Menschen, die sie “Schüler” nennen. Daß Eltern oft ihren verdammten Job auch nicht im Mindesten tun, spricht nicht dagegen. Es macht das Ganze nur noch aussichtsloser.

Der Mensch und was er will

Es wird zu nichts führen, wenn man Leistungsbewertungen zu Kurven zusammenfaßt und sich dann fragt, wie man den Output verbessern kann. Es ist die völlig falsche Frage, wie man im internationalen Vergleich besser abschneiden könnte. Es macht keinen Sinn, zu fragen, wie man genügend Ingenieure und Krankenschwestern heranzüchtet. Die wichtigen Fragen sind: Was wollen Schüler, was können sie, wie bringt man beides zusammen und entwickelt anhand einer vorhandenen Motivation Fähigkeiten, die zu weiterer Motivation führen? Wie fördert man kindliche Neugier? Wie entfaltet man menschliche Kreativität? Wie bündelt man individuelle Kompetenzen so, daß junge Menschen sich mit Freude zu konzentieren lernen?
Wenn man etwa wissen will, was Schüler wollen und was sie interessiert, warum zur Hölle fragt man sie dann nicht? Wo ist der Unterricht, der sich an den Fragen der anwesenden Schüler orientiert? Wo ist die Lehrerausbildung, die dazu befähigt, solche Ressourcen zu nutzen? Etwa bei der Bertelsmann-Stiftung?
Der Fetisch “Leistung” zerstört sich selbst, weil er zwangsläufig außer Acht läßt, daß es Menschen sind, die da etwas leisten sollen. Wer Leistung fördern will, muß Menschen fördern, und zwar um ihrer selbst willen. Die mechanistischen Ansätze der gängigen Bildungspolitik vernachlässigen die simple Erkenntnis, daß Menschen keine Maschinen sind. Eine Maschine versagt nämlich nicht, weil sie keine Lust mehr hat.

Mich würde einmal interessieren, was die Leute sich allgemein unter “Politik” vorstellen. Es gibt so viele Umfragen, warum fragt nicht einmal jemand: “Was ist Politik?”. Es wird wohl etwas sein, das nicht mit allzu großem Respekt betrachtet wird. Ich will aber gar nicht darauf hinaus, daß Phänomene wie Geltungssucht, Korruption oder Einfältigkeit die Szene bestimmen. Wenn man sich einfach fragt, was Politiker für ihren Job halten, kommt man in diesen Zeiten zu zwei Antworten: Erstens der “Wirtschaft” hinterherlaufen und zweitens “verbieten”. Letzteres hat damit zu tun, daß Politik gern der Realität hinterherläuft und sie selbst dann nie einholt, wenn sich alles wiederholt.
Mit dem Versagen einer Politik, die maßgebliche Kompetenzen ihrerselbst der Freiheit der Marktwirtschaft geopfert hat, möchte ich mich an dieser Stelle nur sehr am Rande beschäftigen. Der Fokus liegt also auf dem Prinzip “Politik als Verbot”, das immer dann herhalten muß, wenn eigentlich nichts zu tun ist, man aber mit einer öffentlichen Empörung zu tun hat. Immer, wenn etwas Unerhörtes geschieht, gibt es einen Reflex, dieses verbieten zu wollen. So sollen etwa Amokläufe und Kinderpornographie verboten werden.

Das Unerhörte verbieten

Da dies längst der Fall ist, es aber dennoch zu Verbrechen kommt, die diesen Kategorien zuzuordnen sind, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Entweder man stellt fest, daß Verbote nicht helfen, oder man verbietet alles, was dazu führen kann, daß diese Verbrechen verübt werden. Letzteres mündet in eine Diktatur und verhindert dabei nicht einmal alle verdammenswerten Verbrechen. Phänomene, die alle Grenzen von Recht und Gewissen überschreiten, lassen sich nicht durch Verbote stoppen. Das Problem ist vielschichtig.
Dumm argumentiert hingegen schlicht, ein Beispiel dafür:
Frau von der Leyen will Kinderpornos verbieten lassen, indem alle deutschen Provider entsprechende Seiten sperren und meint dazu:
Entscheidend ist, dass viele Anbieter sich darüber klar werden, dass dahinter eine grundsätzliche Frage steht: Ob sie weiterhin uneingeschränkt die Vergewaltigung von Kindern zeigen lassen. Oder ob sie gemeinsam mit uns die Ächtung dieser Vergewaltigung vorantreiben wollen.
So einfach ist die Welt: Die einen lassen uneingeschränkt die Vergewaltigung von Kindern zu, die anderen ächten das. Und damit wir auch wissen, wie schlimm alle diejenigen sind, die das alles zulassen, klärt sie uns auf:
Ich habe das Ausmaß des Grauens vorher nicht gekannt. Mir war nicht klar, dass die Kinder vor laufender Kamera geschändet werden, sie zum Teil getötet werden, die Schreie der Kinder im Internet hörbar sind.”
Nun sei es einmal geschenkt, daß Mord keine Pornographie ist und dieser Unsinn nur die allgemeine Empörung schüren soll. Auch die blödsinnige Formulierung “im Internet zu hören” soll nur suggerieren, das Internet sei ein realer Raum, in dem Augen- und Ohrenzeugen nicht eingreifen. Aber so ist das, wenn jemand keine Ahnung und keine Argumente hat. Da helfen nur blinder Affekt und stumpfsinnige Polarisierung. Was wirklich schockierend ist an der Aussage einer Familienministerin, ist die Behauptung, sie habe “das Ausmaß des Grauens” nicht gekannt. Was hat sie sich denn darunter vorgestellt? Bildstrecken mit Windelwerbung?
Genau so naiv kommt sie daher, wenn es ihr “ausschließlich um die Sperrung von Kinderpornographie geht”. Daß dies nicht funktioniert, glaubt sie nicht, was man ihr nachsehen kann. Daß allerdings eine Technik, die massiv in die private Nutzung des Internets eingreift, sich nicht auf einen Aspekt begrenzen läßt, muß sie wissen. Es ist ihr aber egal. Sie zieht es vor, sinnlose Eingriffe in die Freiheitsrechte vorzunehmen, wenn es dem Empörungs-Management dient. Diese Strategie hat noch jede Diktatur gewählt, um einen Fuß in die Tür zu den Bürgerrechten zu bekommen. Was hier “verboten” wird, ist nicht das Verbrechen, sondern die Freiheit, die auch das Verbrechen ermöglicht.

Hauptsache billig

Das Ganze ist vor allem eines: Billig. Billige Argumente, billige Maßnahmen. Kindesmißhandlung einzudämmen, ist möglich. Dazu bedarf es einer gut ausgerüsteten Polizei, vieler teurer und qualifizierter Kräfte und einer verzahnten internationalen Zusammenarbeit. Eine Sperrung von einzelnen Seiten führt hingegen nur dazu, daß sich die Szene besser organisiert und schwieriger zu lokalisieren ist. Dahinter steht dasselbe Prinzip wie bei den Platzverboten für Junkies: Man sieht das Elend nicht mehr so einfach, aber es verschwindet eben nicht.
Ähnlich klug ist der ewige Unsinn bezüglich eines Verbots für “Killerspiele” als Mittel gegen Amokläufe. Ich habe das schon öfter hier diskutiert und dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Einen Satz nur an dieser Stelle: Gelänge es, ab morgen keine “Killerspiele” mehr zu verkaufen, so würden die bereits vorhandenen Datenträger noch immer für die nächsten hundert Jahre ausreichen, um jeden zu versorgen, der so etwas zocken möchte. Wenn die längst vorhandenen Altersbeschränkungen nicht ausreichen, müssen sich kluge Politiker eben Gedanken machen, wie man das Phänomen anders in den Griff bekommt. Zum Beispiel dadurch, daß man ein paar Milliarden in die Rettung von Kindern investiert, die nicht nur damit allein gelassen werden.
Zu den Möglichkeiten diesbezüglich gibt es einen recht Vernünftigen Artikel in der “Welt” – wenngleich es haarsträubend ist, am Ende ausgerechet Praktiken zu loben, die chinesische Zensoren für angebracht halten.
Ebenfalls vernünftige Ansichten finde ich bei Kurt Beck, der in der “Zeit” zu Protokoll gibt:
Ich kann nur davor warnen, den Eindruck zu erwecken, dass man einen solchen Amoklauf auf irgendeine Weise verhindern könnte“.
Er schießt zwar ein wenig übers Ziel hinaus, da seine Formulierung nicht die Einschränkung enthält, daß unmittelbar gesetzgeberische Maßnahmen gemeint sind, aber ansonsten hat er völlig recht und belegt einmal mehr, daß er nicht der Depp ist, zu dem er so eifrig in der Öffentlichkeit gemacht wurde.

Die Gestaltung der Wirklichkeit

Politik sollte sich die Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zum Ziel machen. Dies ist ihre Aufgabe. Anstatt der Wirtschaft dies zu überlassen und sich ansonsten auf beifallheischende Vereinfachungen zu kaprizieren, sollte sie Probleme vor dem Hintergrund ihrer Entstehung vermitteln, Zusammenhänge herstellen und Ideen zur Lösung der Probleme entwickeln. Es gibt durchaus skandalöse Zustände, die man abstellen kann – wenn man denn will. Ein aktuelles Beispiel dafür findet sich beim “Spiegel”: In der Türkei werden Arbeiter abscheulich zu Tode gebracht, um auf billige Weise teure Produkte herzustellen. Der Fall der Arbeiter, die an einer tödlichen “Silikose” erkrankt sind, weil sie für Hungerlöhne Jeans gebleicht haben, ist nur die Spitze des Eisberges. Was in der türkischen Textilindustrie an der Tagesordnung ist, schreit zum Himmel. Warum steht ein solcher Artikel bei SpOn unter “Panorama”? Warum empört sich niemand darüber? Mag es etwas damit zu tun haben, daß Arbeitsbedingungen und Mindestlöhne nicht in eine noch immer gängige Ideologie passen? Sind es nicht genau solche Zustände, mit denen der “Standort Deutschland” ernsthaft konkurrieren soll? Wäre ein flächenderdeckender Mindestlohn, international durchgesetzt, nicht ein probates Mittel dagegen? Sind Produktionsbedingungen, die auf möglichst niedrige Kosten setzen, nicht ebenfalls etwas, das dringend “geächtet” gehört?
Genau hier darf man getrost ansetzen und radikale Maßnahmen fordern. Anstatt haltlose Verbote zu fordern, müssen haltlos menschliche Produktionsbedingungen gefordert werden – zumal in einem Land, das sich das zum eigenen Wohl auch leisten könnte. Jaja, das kostet, und es bringt den Mob nicht kurzfristig auf die eigene Seite. Schade eigentlich, denn Politik mit Vernunft und langem Atem könnte wirklich Großes leisten.

Die Freiheit ist in Gefahr, das “Recht” wird “mit Füßen getreten”. Wenn die Verteidiger der Großbürgerrechte solch dramatische Worte in den Mund nehmen, kann es nur um die Basis und das höchste Gut der neoliberalen Demokratie gehen: Das Geld der Reichen. Und genau darum geht es: Um die mögliche Enteignung der HRE-Aktionäre, inbesondere des Herrn Christopher Flowers. Und während Ulrich Hocker eben das Recht mit Füßen getreten sieht, posaunt Rainer Brüderle Im Bundestag: “Heute ist ein Tag der Unfreiheit, heute wird eine Grundachse verschoben“.
Das krasse Mißverhältnis der Rhetorik zu den Ereignissen, auf die sie sich bezieht, offenbart schon lange, daß die “Freiheitlichen” eine Ideologie des manischen Egoismus pflegen. So, sie wie den “freien” Markt propagiert haben, propagieren sie “Freiheit” durch unbegrenzte Aneignung. Es soll jeder mit seinem Geld machen dürfen, was er will, ohne durch verbindliche Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwohl eingeschränkt zu werden. Dem Staat kommt dabei die Funktion, dem Wettberweb der erfolgreichen Einzelnen die Infrastruktur zu sichern und vor allem ihr Eigentum durch Sicherheitskräfte zu schützen.
Diese Pervertierung des Staatsgedankens und des Gemeinwesens wäre nur lächerlich, hätte sie nicht bereits verheerende Wirkung entfaltet.
Diese Szenerie, das Verhalten der neoliberalen Kämpfer für die Selbstgerechtigkeit, gemahnt an die Strategien verhaltensauffälliger Kinder, die auch keine Grenzen akzeptieren wollen, die ihnen irgendwer zu setzen versucht. Das Schema ist einfach und erfolgreich: Die wichtigste Grundbedingung ist völlige Uneinsichtigkeit in das eigene Verhalten. Für die Kinder wie für die Neoliberalen bedeutet dies, daß sie alles ausblenden, verdrängen und leugnen, was sie selbst zu verantworten hätten und darüber zu täuschen, welche Schäden sie bereits angerichtet haben. Man ist für all das nicht verantwortlich und fühlt sich vielmehr dazu berufen, allen anderen vorzuhalten, wie ungerecht und falsch sie seien. Sie sind immer im Recht.
Man kann ihnen weder ins Gewissen reden, noch sie in die Schranken weisen, ohne daß sie jeden erdenklichen Widerstand leisten. Sie quengeln, lügen und lärmen, schimpfen und beleidigen, bis sie ihren Willen durchsetzen. Sie haben keinerlei Respekt vor der Meinung anderer und kennen Regeln nur, wenn sie ihnen selbst nützlich erscheinen.
Solche Kinder können ohne schlechtes Gewissen auf am Boden Liegende eintreten, wissen aber ganz genau, daß es “Gewalt” ist, wenn man sich ihnen körperlich widersetzt. “Meine Eltern zeigen Sie an” wissen sie als vermeintlich Rechtskundige zu drohen, um ihr Gegenüber einzuschüchtern. Der Aktionärsvertreter sagt an dieser Stelle: “Wir prüfen jetzt Schadensersatzforderungen“. Der FPD-Politiker weiß: “Die Enteignung von Investoren ist ein Tabubruch“.
Den kindlichen Schlägern und den neoliberalen Marktbefreiern ist es nicht zuzumuten, ein Bewußtsein dafür zu entwickeln, daß sie der Allgemeinheit schaden. Sie sind nicht zu der Einsicht zu bewegen, daß die Rechte, auf die sie pochen, nur bestehen können, wenn die Rechte anderer geschützt werden. Beide Extremfälle müssen vor den Folgen ihres eigenen Verlangens bewahrt werden – auch um ihrer selbst willen, vor allem aber, weil ein Zusammenleben nicht mehr möglich wäre, ließe man sie gewähren.
Sie können und müssen das auch gar nicht begreifen. Man muß ihnen zuallererst die menschlichen Grenzen aufzeigen, innerhalb derer sie sich bewegen dürfen. Viele der betroffenen Kinder arrangieren sich sehr bald mit der vermeintlichen “Unfreiheit” und lernen diese zu schätzen. Danach kann man mit einiger Hoffnung auf Einsicht weiter mit ihnen arbeiten.
Für die Neoliberalen dürfte diese Hoffnung vergebens sein. Zeigen wir ihnen also die Grenzen auf und lassen sie quengeln. Wer ihnen nachgibt, macht sich erst recht das Leben zur Hölle.

Ich habe eben alle relevanten Organe und meine 49 Murmeln auf ihren ordnungsgemäßen Zustand überprüft und konnte ihnen die Zusicherung abringen, auch künftig zu kooperieren. Die Hirneigentümerversammlung beschloß daraufhin einstimmig in freier gleicher Wahl, das Vorhandensein ausreichender Vitalfunktionen festzustellen und die Welt wissen zu lassen: Wir leben noch.
Die allgemeine Nachrichtenlage erscheint mir in den letzten Tagen angesichts durchaus relevanter Probleme derart irrelevant, daß dem bisher hier Gesagten nichts Substanzielles hinzuzufügen war. Da verbringe ich meine Zeit lieber mit langen Telefonaten.
Ich stelle erfreut fest, daß ich sogar entspannt damit lebe, wenn die Statistiken gelben Alarm schlagen. Mein Blog scheint doch tatsächlich vornehmlich gelesen zu werden, wenn ich etwas schreibe – unerhört!
Sollte sich die Lage am Nachrichtenmarkt nicht wesentlich ändern, kann das natürlich ganz schön öde werden hier. Ich biete von daher an, mir vorzuschlagen, was ihr lesen wollt, zu welcher Sache ihr schon immer meinen unmaßgeblichen Senf schmecken wolltet und welches das ultimativ superlativste Topthema ist, zu dem ich mich gefälligst zu äußern hätte. Dann kann ich wenigstens das eine oder andere brüsk zurückweisen, wofür mir die Abos und Freundschaften gekündigt sowie die Haare geschoren werden (die haben’s eh grad nötig). Dann das Übliche: Teer, Federn, Sekt, Pfandflaschen und Chipskrümel.
Bis bald!

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es ist der Geist von Guido Westerwelle. Ein Geist von äußerst bescheidenem Verstand und leider ganz umgekehrtem Auftreten. Wer will es dem Gepenst auch verübeln, stets eine Menge dummes Zeug zu reden, wenn es stehende Ovationen einheimst, 21 Vorhänge quasi, für solche Sätze:
Eine bürgerliche Mehrheit macht keine Enteignungspolitik“.
Robert Zion bemäkelt derweil, daß das andere Gespenst, das mit dem roten Bart, quasi schwarz lackiert als Vogelscheuche in der politischen Landschaft herumsteht. “Die Linke” hätte es sich stehlen lassen, das mächtige Wort “Kommunismus”, und gleichermaßen die Begriffe “Freiheit” und “Demokratie”. Auch sonst hätte sie in Sachen Utopie versagt, den “Blick fürs Ganze und Orientierung” verloren. Ihre Theorien und Bezüge seien ergo wirkunsglos.
Ja, wie denn auch anders, bei der Konkurrenz? Was soll ein Bezug auf Marx oder aktuellere Theoretiker dem entgegensetzen? Wie soll eine Theorie des 21. Jahrhunderts ihre Wirkung entfalten, wenn sie gegen politische Waschmittelwerbung antreten muß?
Aber tun wir einen Schritt zurück. Ehe wir uns der Kasteiung eines “linken” Versagens hingeben, ist zu hinterfragen, ob der Vorwurf denn auch zutrifft. Ist “die Linke” ohne Theorien und Konzepte, hat sie den Blick aufs Ganze verloren?
Es gibt dutzende Theorien und Entwürfe, die viel präziser und radikaler aufs Ganze gehen als das Gestümper der “bürgerlich-liberalen” Reparaturklitsche und ihre Kapitalismus-Kosmetik. Darin liegt gerade das Problem. Es gibt nicht den einen Blick aufs Ganze, es gibt derer eine ganze Menge, und für jede Perspektive gibt es kluge Theorien und Entwürfe. Das führt nicht zuletzt dazu, daß es “die Linke” nicht gibt: Es gibt gute Theorien und schlechte, die besseren können durchaus als “links” durchgehen, aber sie stiften keine Identität. Propaganda stiftet Identität, aber sie funktioniert nur als herrschende. Die “Linke” hat da in diesen Zeiten einfach die Arschkarte.
Jenseits dieser Propaganda findet sich bei den anderen nichts als heiße Luft: Die “Liberalen” sind alles andere als liberal, die “Bürgerlichen” könnten sich ebensogut “die Beliebigen” nennen, aber ihre neoliberale Übereinkunft bestimmt noch immer das Geschehen.
Die Identität der Linken im öffentlichen Diskurs ist ganz einfach: Sie ist das Böse, “Kommunismus”, “Sozialismus” “Populismus”, denn so steht es geschrieben. “Die Linken” sind ein Popanz der neoliberalen Lautsprecher. Es ist weder sinnvoll noch notwendig, dieser Projektion eine neue Identität entgegenzustellen.
Man kann der Linken nicht abverlangen, die Probleme des Kapitalismus zu lösen, und es ist völliger Unsinn, zu behaupten:
Doch die Linke scheut sich zu sagen: “Weg mit dem Kapitalismus!“
Wenn man die maßgeblichen Kräfte der Grünen und der SPD als “links” begreift, mag das stimmen. Aber gerade an dieser Stelle zeigt sich, wie unsinnig die Konstruktion einer womöglich wirkungsmächtigen “Linken” wäre. Hätte man je auf irgendwen gehört, der “links” ist, weil er kein Jünger des sich selbst regulierenden Marktes ist, ginge der Kapitalismus heute womöglich noch als “gesund” durch. Ganz ohne einen “linken” Machtsanspruch hätte ein wenig Vernunft völlig ausgereicht, um zu sehen, daß Kapitalismus langfristig nicht funktionieren kann. Ein wenig Vernunft hätte man auch und gerade den ehemals “marxistischen” Grünen in der Regierung Schröder gewünscht. Das hätte Wirkung entfalten können, ganz ohne eine Utopie, die eh auf der Strecke bleibt, wenn die Macht ruft.
Es gibt sie gar nicht, “die Linken”, “die Marxisten”, “die Kommunisten”. Nur eine Identität bleibt “der Linken” noch im Jahr 2009, ein Sinnspruch aus dem Kalten Krieg bringt es auf den Punkt: “Kaum sagste was Kluges, schon biste Kommunist”. Die FDP, namentlich Westerwelle, bringt diesen Schwachsinn noch heute in Anschlag, um zu dokumetieren, daß Deppen bei diesen “Liberalen” hochwillkommen sind. Guido ist der Präsident der neoliberalen Narrenzunft, dem es vorbehalten ist, “der Linken” eine Identität zu verschaffen – als die der potentiell Vernünftigen. Gegen seine Propaganda ist einstweilen kein orginiär linkes Kraut gewachsen, sie ist zu gut organisiert, und Vernunft braucht Zeit und Geduld, um sich dagegen durchzusetzen.
Derweil gibt es sehr wohl spannende Diskussionen und Theorien, seien sie nun “links” oder nicht. Der neue Sloterdijk, Bezüge auf Silvio Gesell, die Frage, ob und wie Martkwirtschaft überhaupt zu retten ist, ein Rennen um den radikalsten Keynesianismus, neue Ansätze fundamentaler Kapitalismuskritik – all dies steht im Raum, wird besprochen und formiert sich.
Es wuchert im Unterholz des Neoliberalismus, dessen Kronen längst abgebrand sind. Am Ende wird es keine Rolle spielen, ob die Baumstümpfe links oder sonstwo überwuchert werden. Der Kapitalismus scheitert an sich selbst, es braucht keine “Linke”, die diese Geschichte noch erzählt. Es braucht Vernunft, Kreativität und Intelligenz, um eine Idee davon zu entwickeln, was aus den Ruinen des Neoliberalismus auferstehen kann.

Sensationsgeilen Assoziationsjournalismus der primitivtsen Art gönnt sich dieser Tage “Spiegel Online”, die wissen, wie man ein schreckensgeladenes Ereignis so richtig ausschlachtet. Die Spezialisten für Vordergrund und Beliebigkeit schaffen es tatsächlich, nicht nur die olle Kamelle von den Killerspielen wieder auszurollen, ohne jedes Argument dafür zu liefern. Es gelingt ihnen obendrein, dem Ganzen einen schwülen sexuellen Unterton beizumengen und mit dem Grusel vor dem bösen Internet zu verquirlen. Er hatte 200 Pornobilder auf der Festplatte, der ruchlose Killer,
davon mehr als 120 sogenannte Bondage-Bilder, die nackte, gefesselte Frauen zeigen“. Nein, wie geil, zeiigen!
Was soll uns dieses stinkende Häuflein von unzusammenhängenden Fakten sagen? Daß da bestimmt ein Zusammenhäng besteht? Daß es das Böse in der Welt gibt: Bondage, Amok, Killerspiele? Daß wir dieses Böse ausmerzen sollen, wo immer wir es finden? Uns davon fernhalten, es melden, den Exorzisten rufen? Oder sollen wir angesichts der Vorstellung nackter gefesselter Frauen ein wenig über uns hinauswachsen und uns geißeln, weil wir selbst verderbt sind? Womöglich steckt ein Killerspieler in uns? Ein Amokläufer?
Diese neue Qualität der Dokumentation setzt quasi konsequent den Kurs von Stefan Aust fort, der erst ein klobig zusammengezimmertes Terrorbüchlein zum “Standardwerk” erhoben und dann einen Schießfilm draus gemacht hat. Wir freuen uns also auf die Spiegel-Dokumentation zum Fall, vor allem auf die großzügig eingestreuten Szenen, in denen Frauen bis zur Unkenntlichkeit entkleidet und in Handschellen hart rangenommen werden.
Das schmierige Artikelchen ist überschrieben mit
Bluttat von Winnenden” – Amokläufer verbrachte Abend vor der Tat mit Killerspiel“,
es gibt aber noch einen weiteren tumben Text derselben Machart, namens:
Amoklauf von Winnenden – Zehntausende Schüler sind computerspielsüchtig“.
Auch hierin gibt sich niemand die Mühe, einen Zusammenhang auch nur zu konstruieren. In Gegenteil weist der Text tendenziell darauf hin, daß ein solcher Zusammenhang nicht unmittelbar besteht. Schaut man sich die Sache genauer an, muß man zu dem Schluß kommen, daß das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Genauso gut könnte man die Benutzung eines Taschentuchs für eine Grippe-Epidemie verantwortlich machen.
Es sind Millionen, die ballern, und es sind inzwischen auch Millionen, die Pornobildchen sammeln. Übrigens auch schon Zehnjährige – Handy und Ipod sei Dank. Die Knallchargen von der Brandstwiete fühlen sich ja gern bemüßigt, uns die Welt zu erklären – als professionelle Gatekeeper. Tatsächlich belegen sie Tag für Tag, daß sie keine Ahnung haben, von welcher Welt sie da reden. Und sie haben nicht einmal das geringste Gespür für etwas, das man mit viel Wohlwollen noch als erträglichen “Stil” bezeichnen könnte.

Es ist eine Liste des Horrors: Andorra, Liechtenstein, Luxemburg, die Schweiz, Österreich – dies sind nur die europäischen Länder, in denen die Leistungsträger der westlichen Wirtschaft in Zukunft erbarmungslos verfolgt werden. Wer vor der Ungerechtigkeit des deutschen Fiskus bislang fliehen konnte und seine sauer verdienten Boni in Sicherheit gebracht hat, wird bald als Verbrecher öffentlich zur Schau gestellt werden.
Schlimm genug, daß auf diese Weise die Menschenrechte der Zuhochbesteuerten mit Füßen getreten und viele der fähigsten Köpfe aus der Wirtschat zu Opfern werden. Was aber soll aus dem Standort Europa werden, wenn diese Verfolgten der Finanzbehörden in Ketten gelegt werden? Ein Teil wird Europa den Rücken kehren – vermutlich für immer. Ein Teil wird auf nassen Pritschen einem schändlichen Tod im Zuchthaus entgegen darben. Einige werden sich das Leben nehmen.
Ein paar wenige Glückliche werden es schaffen, auf ihrer gelingenden Flucht auch den Lohn ihrer aufopferungsvollen Arbeit zu retten. Sie werden nach Übersee gehen, auf andere Kontinente, in Länder, deren Namen die meisten von uns noch nie gehört haben. Dort werden sie das investieren, was wir noch bitter vermissen werden: Ihr Geld und ihr Knowhow. Und während Europa sowie scheints auch die USA in einem neuen Kommunismus enden, der bezeichnender Weise mit dieser brutalen Säuberung beginnt, werden woanders die Finanzmärkte erblühen und neuen Wohlstand schaffen.
Wer es sich jetz noch leisten kann, sollte sich dem Treck schnell anschließen, in eine noch freie Welt ohne staatssozialistische Gängelung. Bald schon könnten Mauer und Schießbefehl dafür sorgen, daß es auch dafür zu spät ist.

Unter dem Titel “Glück rauf, Angst runter” wird der “Hirnforscher” Manfred Spitzer von der FR interviewt, um einiges zur Wirkung von Musik auf das menschliche Gehirn und die Befindlichkeit seines Eigentümers zu Protokoll zu geben. Wem fiele da nicht das Motto der FDP ein: “Steuern runter, Arbeit rauf”?
Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien, aber da die Überschrift ein Zitat von Herrn Spitzer aus dem besagtem Interview ist, befragte ich die große böse Suchmaschine und fand dies hier. Herr Spitzer hält also Vorträge für die FDP zum Thema “Frühkindliche Bildung in Kindergarten und Grundschule”. Ganz zufällig natürlich rutscht ihm da dieses Motto über die Zunge.
Was dürfen wir demnächst von ihm erwarten? “Die Ode an die Freiheit des Marktes als frühkindliches Musikerlebnis”? Ich frag ja nur…
Die Angst vor den Steuern trübt aber auch verdammich das Glück bei der Arbeit. Da ist es doch gut, wenn möglichst viele Arbeitsplätze nicht mit Steuern belastet werden. Am besten natürlich durch Löhne, von denen man gar keine Steuern bezahlen kann. Und durch solche, von denen man zwar gut könnte, aber trotzdem nicht muß.
Ich mach ja nur Spaß. So ein blöder Freudscher kann doch jedem mal passieren, sicher!

Fernsehen entspannt. Ich habe eben wieder festgestellt, daß hohles Glotzen eine der wenigen Möglichkeiten ist, mein Gegrübel zu durchbrechen. So lange nicht Schlüsselwörter erwähnt werden, die die Grübelmaschine wieder in Gang setzen, kann ich mich erholen. Ich schalte die Glotze allerdings gar nicht erst ein, wenn ich nicht etwas finde, das zu gucken eine Form von Unterhaltung verspricht, die ich für erträglich halte. Ich habe da diese TV-Zeitung, die an sieben Tagen in der Woche auf 30 Kanälen Bullshit verzeichnet. Es gibt vielleicht ein halbes Dutzend Sendungen darunter, die mich ansprechen.
Es ist ja ganz offenbar so, daß die anderen geschätzten 500 Sendungen pro Woche (bezogen nur auf die zeit zwischen 20 und 22 Uhr) auch von irgendwem gesehen werden müssen. So viel Entspannung fürs Volk! Manche sitzen gar den ganzen Tag vor der Glotze, und man möchte das Geflimmer nicht in Valium umrechnen. Es würde vermutlich alle Wale dieser Welt in Schlaf versetzen können.
Das reicht aber noch nicht. RTL will uns mit einer Reihe von Spartenkanälen beglücken, auf denen der Schwachsinn der Woche noch einmal komprimiert serviert wird, damit man sich nicht mehr mit der quälenden Abwechslung zwischen Schnulze, Krimi und Soap herumschlagen muß – geschweige denn mit Nachrichtensimulationen. Der Tennisarm vom Zappen ist dann auch Schnee von gestern, und man kann sich in eine Welt begeben, die einem die liebste ist. Ist das der neue Trend? Das erinnert mich alles schwer an die attraktiven Finanzprodukte, die im vergangenen Jahr noch angepriesen wurden. Ein guter Mix aus exklusiven und hochwertigen Titeln, an denen ihr Besitzer viel Freude haben wird.
An der Börse haben die Konsumenten ihr Geld verloren, vor dem Fernseher ist der Verstand reif. “RTL Crime”, um ein Beispiel zu nennen, ist ein Müllhaufen von Uralt-Serienschrott und aktuellen Unerträglichkeiten in Sachen Zischbummpeng, Mord und Totschlag in Slowmotion und dilettierenden Halbschauspielern in Hochglanzverpackung. Meine Lieblingsserie ist auch dabei: “Alarm für Cobra 11″. Wer so etwas durchsteht, ist angekommen in der Welt der Psychocandy eating Zappzombies. Die Einschaltquoten stimmen, ganz ohne Dazutun von Forsa-Güllner. Womöglich sind das die Genies, die heute FDP wählen.
Dabei ließen sich Spannung, große Emotionen, Reality-TV und hoher kultureller Anspruch auch ganz anders präsentieren. Die sich häufenden Fälle unfaßbarer Kriminalität, vor der wir uns wirklich gruseln dürfen, hätten einen eigenen Sender verdient. Der Renner heute wäre der Anschlag auf Unschuldige Menschen und die gesamte Zivilisation, die sich ein Großbäcker geleistet hat. Ein weiteres Beispiel, wie Recht und Justiz widerlichst mißbraucht werden, um Arbeitnehmer zu unterdrücken.
Warum solche Fälle allerdings nicht zu großem Pantoffelkino taugen, liegt auf der Hand: Man gerät bloß wieder ins Grübeln.

[Siehe dazu auch nebenbei Bemerktes]

Inzwischen werden Untergangsszenarien gezeichnet, so etwa von Peter Dausend und Mark Schieritz in der “Zeit”. Die Phantasie, die dabei an den Tag gelegt wird, hält sich in argen Grenzen, nämlich der des gescheiterten Finanzsystems und bekannten Standardvorstellungen von Inflation (nicht einmal Deflation) und möglichen Reaktionen drauf. Daß die Autoren in der “Zeit” ernsthaft glauben, Regierungen ließen sich von den Reaktionen und Wohlstandsansprüchen ihrer Völker leiten, birgt große Komik, zumal, wenn das Volk sich gegen “Schulden” erhebt:

Und sie sind wütend, so ziellos kann Wut sein, auf die Regierung, weil sie mit Blick auf die nächsten Wahlen nun immer mehr Unternehmern immer mehr Direkthilfen zukommen lässt und dadurch Schulden aufhäuft, die alle überfordern.”

Welch ein grotesker Unfug!
Wenn man Katastrophen erlebt, sind andere Parameter entscheidend, zum Beispiel die Zuversicht, daß man sich das Brot und die geheizte Wohnung noch leisten kann. Und wenn es dazu kommt, sprechen wir nicht mehr von aufgehetzten Unzufriedenen, sondern von Aufständen, die sich überall entladen. Von wirklich sinnloser, zielloser Gewalt.
Dies alles wissen aber unsere fleißigen Innensicherheitspolitiker längst. Ein Szenario des Untergangs müßte sich also an den Aktionen und Reaktionen von Aufstandsbekämpfung und Aufständen (in dieser Reihenfolge) orientieren. Wie auch immer das kommen mag, mit Zivilisation wird das wenig zu tun haben.
Diese Frage kann man aber wahlweise an Hollywood oder die BBC weitergeben, sie ist wenig hilfreich, um eine politische Situation zu beschreiben, geschweige denn, sie in den Griff zu bekommen.
Selbst die Frage, ob die Krise sich zur zivilen Katastrophe ausdehnt und welche Ausmaße sie noch annehmen wird, ist eher poetischer Natur. Ich mache mich vielleicht lächerlich, aber ich halte die Frage für vordringlich, wer wie dazu in der Lage wäre, die Zivilisation aufrecht zu erhalten. Da wäre es natürlich das Beste, wenn sich Ideen zur Überführung eines gescheiterten Wirtschaftssystems in ein funktionierendes einfänden. Gleichzeitig darf man gleichwohl daran denken, was man denn zu tun hat, wenn es dafür bereits zu spät zu sein sollte.
Ganz egal, ob es die Rettung der Wirtschaft oder die des Rechtsstaates anbetrifft, muß man hier einige Schritte voraus denken. Es braucht die Phantasie, sich völlig andere Mechanismen vorzustellen als die, welche man bereits aus der Vergangenheit kennt. Das gilt sowohl für die zu ergreifenden Maßnahmen als auch für die sich selbständig entwickelnden Auswirkungen der gegebenen Krise. Es bedarf großer Lösungen und anderer Lösungen, und zwar lange bevor der Retter mit der Endlösung vor der Tür steht.
Da wir ja hoffentlich über den Punkt hinaus sind, wo schlimmste Befürchtungen als unberechtigt und “Krisengerede” gelten, darf tief in die Kiste gegriffen werden, um sich einmal alles zu anzuschauen, was da möglich ist. Einschließlich sozialistischer, freiwirtschaftlicher und sonstiger Ideen, die bislang Tabu sind. Eine Währungsreform braucht man auch nicht erst zu diskutieren, wenn sie unabwendbar ist, ebenso eine völlige Umstrukturierung der Europäischen Union und eine Kündigung sämtlicher bislang gültiger Wirtschaftsverträge. Das ist es, was ich eigentlich von Ökonomen in diesen Tagen erwarte (Kommentare zu diesem Satz sind nicht wirklich nötig).
Ich erwarte ebenfalls von Politikern die Forcierung einer solchen Diksussion, anstatt sich darauf zu verlassen, daß es im Fall der Fälle schon gutgehen wird für diejenigen, die von den Truppen geschützt werden.
Nur eine wirklich offene Diskussion über alle denkbaren Maßnahmen kann auch mittelfristig zu einer Umstrukturierung der Weltwirtschaft in einem humanen Sinne führen. Ein bißchen Regulierung hilft da nicht, was auch bedeutet, daß eine Regulierung des Bestehenden nicht ausreicht. Was Lafontaine als “gefährlichster Mann Europas” vor zehn Jahren gefordert hat, worin auch der Grund seines Rücktritts lag, ist heute nicht mehr nur diskutabel, sondern ganz oben auf der Agenda. Ein Umbau der Marktwirtschaft muß so aussehen, daß sie zukünftig nichts mehr mit dem gemein hat, was bislang als einzig wahre und gültige Wahrheit galt. Es darf keine Konkurrenz mehr um die günstigsten Bedingungen für das Geld der Plünderer geben, sondern im Gegenteil einhellige Reglementierugen und das unumstößliche Primat der Politik. Wer dabei nicht mitmacht, muß vom Handel der zivilisierten Staaten ausgeschlossen sein.
Noch ist wenig Hoffnung, denn noch beten sich alle gesund und hoffen, daß es sie irgenwie nicht erwischt. Es wird sich aber die schmerzhafte Erkenntnis durchsetzen, daß niemand mehr profitiert, wo nur auf Profit gesetzt wird. Und selbst im Angesicht dieser Erkenntnis wird es wenig Hoffnung geben, solange die Altideologen in Politik und Wirtschaft noch fest im Sattel sitzen. Einzig der Erlöser aus den USA gibt heute Anlaß zur Hoffnung. Er könnte es sich leisten, einen völlig neuen Weg zu weisen und das immense Risiko einzugehen, den “Change” noch viel radikaler und weitreichender anzustoßen, als er es sich selbst je zu träumen gewagt hätte.
Nein, ich glaube auch nicht an Erlöser. Darum spreche ich von “Hoffnung”, von einer winzigen, an der man sich orientieren kann. Allerdings sollte jeder, für den es ein “Morgen” gibt, aufhören, umzudenken. Es ist bitter nötig, ganz von vorn mit dem Denken anzufangen – und bis zum Ende durchzuhalten.

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