Ich habe Jochen Hoff dafür kritisiert, daß er in bezug auf die Entwicklung in Staat und Wirtschaft so inflationär die Vokabel “faschistisch” in Anschlag bringt. Heute hadere ich ein wenig, wenn ich lese, daß Leute verhaftet werden, weil die Polizei offenbar nach eingehender Google-Fahndung zu dem Schluß kommt, daß jemand, der Texte mit bestimmten Schlagworten veröffentlicht, mit “Terroristen” in Verbindung stehen muß. Dabei besteht der “Terrorismus” darin, alle Jahre ein Molotowcocktail vor ein Auto zu werfen. Das reicht, um von “Terror” zu reden. Beängstigend ist nicht nur die bedenkenlose Einschüchterung, die in solchen Justizakten besteht, sondern auch, daß der Dilettantismus der Fahnder wirklich dazu führen wird, daß Menschen zufällig verdächtigt und verhaftet werden. So dämlich waren nicht mal die Nazis, aber die hatten ja auch kein Internet. Von daher muß ich meine Kritik an der Vokabel variieren: Gesucht wird etwas Blöderes als Faschismus.
Dazu paßt auch die oberflächlich gnädige “Berichterstattung” vom Merkel-OnlineSpiegel Online. Der schwarze Block, dessen Auftreten in Mügeln man dort nicht wie sonst zum Akt des Terrors erklären wollte, sei in Ordnung, weil
“das Treffen jedoch nicht allzu konspirativ vorbereitet wird“. Diese unterste Schublade der hohlsten BKA-Terminologie zieht der Spiegel regelmäßig. Es ist so herrlich nichtssagend, und man kann Leute damit ebenso kriminalisieren wie exkulpieren. Schönes neues Deutschland!
2007
Die Sueddeutsche kann sich nicht entblöden, den faschistoiden Schwachsinn, den Sarkozy jüngst abgelassen hat, eine “härtere Gangart gegenüber Sexualstraftätern” zu nennen. Der Mann fordert ernsthaft, solche zu sterilisieren. Das wird ein Bombenerfolg werden, denn das größte Problem bei Fällen von “Pädophilie”, um die es im Kern geht, ist ja, daß die Kinder nachher schwanger sind.
Sarko ist ein herrliches Besipiel für einen echten Demagogen. Den dümmsten Nonsens so zu verbraten, daß das Volk jubelt, ist sein Geschäft. Er sagt “Sterilisation”, meint aber “Kastration”. Er sagt “Härte”, meint aber “Rache”, und zwar möglichst sinnlose. Daß nicht einmal Kastration Sexualstraftäter von ihren Neigungen befreit, ist hinlänglich bekannt. Die Idee, diese Leute unfruchtbar zu machen, ist so absurd, daß einem das Hirn aus dem Schädel fliehen will.
Wie gesagt: Es ist Sarkos Geschäft. Wenn er meint, so Frankreich repräsentieren zu müssen, darf er das. Darüber mögen die Franzosen sich grämen.
Dieses Maximum an Blödsinn aber zu behandeln, als sei es eine ernstzunehmende politische Äußerung, gereicht einer seriösen Zeitung nicht zur Ehre. Vielleicht will die SZ aber auch nur das dumme Klischee von der “Härte” und ihrer “Gangart” entlarven?
Ähnlich klug wie Sarkos Vorschlag wäre schließlich der, die Sünder für ihre Läuterung beten zu lassen. Am besten unter Anleitung eines katholischen Priesters. Man muß sich dann allerdings nicht wundern, wenn der Erfolg darin besteht, daß sie sich nach getaner Buße einen Meßdiener teilen.
Die Lebensmittelpreise steigen, und es wird prognostiziert, daß dies nur der Anfang einer stetigen Entwicklung sein wird. Nun, so ist der Markt halt, und es war eher verwunderlich, wie quasi über Jahrzehnte sich Lebensmittel stetig, inflationsbereinigt, verbilligt haben. Ein Grund zur Aufregung ist das allerdings, weil es so gar nicht ins Kalkül der Haushalts- und Finanzexperten paßt, für die das “Arbeitslosengeld 2″ eine möglichst feste Größe sein soll. Schon die Diskussion über eine “Anpassung” der Regelsätze fällt ihnen außerordentlich schwer. Bis es wirklich dazu kommt, vergeht skandalös viel Zeit, während der die Empfänger immer noch weniger haben.
Zynisch ist schon das Almosen als Haushaltposten, den man nicht genug drücken kann. Wer nicht arbeitet, soll den Haushalt nicht mehr als unbedingt nötig belasten. Und hinter vorgehaltender Hand heißt es stets: “Wer wirklich arbeit sucht, findet auch welche”.
Gegen letzteren Schwachsinn lohnt sich kein Argument, es reicht, die Lüge “Lüge” zu nennen. Daß sie besonders dreist ist, sollte nicht zu größerer Aufmerksamkeit führen, sonst entsteht nur der Eindruck, das sei noch diskutabel.
Betriebswirtschaftlich betrachtet, ist es nicht nur richtig, die Hartz-Vierer als “Belastung” zu betrachten, es ist alternativlos. Sie kosten Geld und bringen keins ein. Daher ist es in dieser Betrachtung konsequent, den Kostenfaktor so gering wie möglich zu halten. Daraus ergibt sich: Es ist erstrebendwert, so wenig Empfänger wie möglich in der Bilanz zu haben, und es ist richtig, ihnen so wenig wie möglich auszuzahlen. Und genau das sind die Ziele nicht nur der Haushaltsexperten, sondern der Bundesregierung und der meisten im Bundestag vertretenen Fraktionen und ihrer Parteien.
Was dort gemacht wird, ist Betriebswirtschaft, keine Politik. Da der Staat, zumal die “Gesellschaft” aber kein Betrieb ist, führt dieser Dilettantismus zu Elend auf allen Ebenen.
Was wäre die Aufgabe einer Politik, die ernsthaft so bezeichnet werden dürfte?
Wirtschaftlich betrachtet hätte sie die Aufgabe, sich über den Stand der Dinge und sich daraus ergebende Möglichkeiten zu orientieren: Was ist da, wie ist es verteilt, was führt dazu, wie kann man es beeinflussen, was ist dazu notwendig, was kann man erreichen?
Sozial betrachtet, stellt sich die Frage: Wie ist die Versorgungslage, wie steht es um die Möglichkeit zur Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen, was muß sich ändern, was hat dabei Priorität und welche Mittel sind dazu notwendig?
Schließlich muß das Ganze noch zukunftsfähig, also nachhaltig angelegt sein. Das sind die vornehmlichen Aufgaben der Politik.
Anstatt aber auch nur die geringste Mühe aufzuwenden, sich über die soziale Realität im Staate zu orientieren und von dort aus die Probleme zu formulieren und nach Lösungen zu suchen, machen sie “Betriebswirtschaft”. Daß dabei Wählerstimmen flöten gehen, bemerken sie dann und wann. Daß aber keinerlei Lenkungswirkung auf die Wirtschaft zustandekommt, wenn man sich von ihr ein unpassendes Regelwerk aufzwingen läßt, so weit denkt noch kaum einer. Im Gegenteil überbieten sich die Ahnungslosen in pseudo-ökonomischen Phrasen, für die sie von Medien und Mangagern das Etikett “wirtschaftkompetent” aufgepappt bekommen.
Darauf fallen aber immer weniger Leute herein. Und spätestens, wenn der Hunger kommt, rächt sich dieser alberne Mummenschanz. Man muß schon beinahe froh sein, daß sich mit der Linkspartei eine Opposition in rechtsstaatlichem Rahmen anbietet. Tragischerweise ist auch dieser Haufen so visionär wie ein Maulwurf hinter Milchglas.

Sie wissen nicht, was sie tun
Posted by flatter under PolitikKommentare deaktiviert
19. Aug 2007 22:21
Der freie Markt regelt alles. Woher das Geld kommt, wird nicht gefragt. Aus Schutzgelderpressung, Kinderarbeit, Ausbeutung, geerbt oder aus harter Arbeit, Geld ist Geld, da ist der Markt ganz demokratisch. Was den Hütern des Marktes allerdings nicht gefällt, ist, wenn der Staat sich einmischt. Sie nehmen ihm nicht nur übel, wenn er böse bürokratische Regeln erläßt oder Steuern erhebt, was der Wirtschaft schadet. Sie haben auch sehr erfolgreich die Mär verbreitet, es sei schädlich für Staat und Wirtschaft, wenn der Staat Anteile an Betrieben hält oder gleich ganze Betriebe besitzt.
Die dummen Kommunisten in China und die lupenreinen exkommunistischen Demokraten in Rußland sehen das anders. Und siehe da, plötzlich werden sie zur Gefahr für den Markt! Die Helden, die sonst bei jedem lauen Versuch der Regelung ihrer Geschäfte den bösen Sozialismus an die Wand malen, schreien plötzlich nach dem Staat. Die Besserverdiener, die bislang keine Grenze akzeptierten, die ja ihre Gewinne hätten beeinträchtigen können, wollen jetzt unter die Fittiche der politischen Macht kriechen, um nicht von den Milliarden überrollt zu werden, die China und Rußland gehortet haben. Die Amerikaner haben natürlich längst dergleichen Gesetze, sie waren sich noch nie zu schade für rücksichtslosen nationalistischen Protektionismus. Bislang konnten sie sich das auch leisten.
Jetzt wollen deutsche Großkonzerne auch ein bißchen davon. Ein bißchen Schutz, damit nicht die Falschen profitieren. Und ganz selbstverständlich stehen die Großkoalitionäre Gewehr bei Fuß. Anstatt aber jetzt das Faß endlich aufzumachen und die entscheidende Frage aufzuwerfen, wie ein sozial ausgewogenes Verhältnis von Politik und Wirtschaft aussehen könnte, ist ihr Blickwinkel schlicht reaktionär: Es geht vordergündig nur um die Frage, wie “deutsche” Konzerne vor “ausländischem” Einfluß geschützt werden können. Im Endeffekt geht es aber darum, daß die Kaste westlicher Kapitaleigner, die es für ihr Geburtsrecht hält, allein die Gewinne abzuschöpfen, auch weiterhin ungestört “Markt” spielen darf. Das kann aber nicht gutgehen. Hier tut sich eine recht interessante Lücke auf, die Nationale wie Sozialisten gleichermaßen nach vorn bringt: Wer fordert, daß deutsche Arbeitnehmer bei der Verteilung der Gewinne Vorrang haben müssen vor ausländischen Mächten, kann hier ganz groß abräumen. Die Suppe, die da gekocht wird, ist so ekelhaft, daß einem schon von ihrem Geruch übel wird. Das Absonderliche ist, daß außer den Nazis niemand davon profitieren wird. Nicht die CDU und ganz sicher nicht die SPD. Wieder einmal bleibt bei dem Versuch, es dem hiesigen Ökonomenmob recht zu machen, jede Vernunft auf der Strecke. Aber daran haben wir uns ja inzwischen gewöhnt.
Was ist los im Geldmarkt?
Posted by flatter under WirtschaftKommentare deaktiviert
17. Aug 2007 0:14
Einen für interessierte Nichtprofis verständlichen Artikel hat Dieter Wermuth beim Herdentrieb veröffentlicht. Die Materie ist kompliziert, aber die Erklärung lobenswert verständlich.
Es ist oft leicht, die Zocker und ihre blinde Marktideologie mit Häme zu übergießen, und ich werde es mir auch weiterhin genehmigen. Hier nur einige besonnene Worte dazu:
Man kann nur den Kopf darüber schütteln, daß sogenannte Ökonomen die soziale Komponente des Wirtschaftens für nicht weiter betrachtenswert halten. Sie glauben, sie hätten ihre Zahlenspiele im Griff und wundern sich doch tatsächlich, wenn ihnen nicht einmal das gelingt. Verantwortung in der Form, daß “Handeln” an den Märkten in Beziehung stehen sollte zu einem realen Geschehen, also zum Warentausch und zu sozialer Verteilung von realen Werten, wird nicht wahrgenommen.
Die Frage, die wenigstens nun in den Raum gestellt gehört, ist die nach einer Psychologie, die solche Vorgänge noch erklären kann.
Man käme dann sicher zu dem Schluß, daß die Begünstigung fahrlässiger Gewinnmaximierung auf Kosten jeder Vernunft ein Ende finden muß. An dieser Stelle kommt man nicht mehr umhin, das Marktgeschehen wesentlich strenger zu kontrollieren. Das hat nichts mit hinderlicher Bürokratie zu tun, sondern mit der Wahrnehmung der Verantwortung durch die Politik. Der “Markt” ist dazu ganz offensichtlich nicht in der Lage.
In der TAZ zieht Ulrike Herrmann eine Zwischenbilanz nach fünf Jahren “Hartz IV”und stellt fest: Wir verdanken Hartz die “Erfindung der Angst” als Knute für deutsche Arbeitnehmer.
Die Hartz-Reformen haben in Deutschland Ängste ausgelöst. Im reicheren Westen sorgen sich sogar 94,3 Prozent um ihre Zukunft, im Osten sind es 88,5 Prozent. 70,5 Prozent fürchten ganz konkret, dass sie irgendwann einmal zum Hartz-IV-Empfänger werden könnten. 77,9 Prozent sehen wenig Chancen für ihre Kinder.
Der große Skandal besteht in der Erniedrigung der Lohnabhäbgigen und Lohnersatzempfänger, der Demütigung der Verlierer. Die Behauptung, es werde “gefordert und gefördert” wird, zurecht, verstanden als Vorwurf an diejenigen, die dabei nicht erfolgreich “gefördert” werden. Wir sind noch Lichtjahre davon entfernt, daß man von einer echten Förderung der Arbeitslosen sprechen könnte. Ganz zu schweigen von einem Arbeitsmarkt, der auch die Interessen und Kompetenzen der Einzelnen berücksichtigen würde.
Wer von den “Agenturen” abhängig ist, hat Angst. Angst, auch noch das Nötigste zu verlieren, Angst, in einen Job gezwungen zu werden, in dem er überfordert ist und in dem er als Mensch nicht respektiert wird. Diese Angst schlägt längst auch durch auf diejenigen, die täglich beweisen dürfen, daß sie nicht zum Faulen Pack© gehören. Sie wissen, daß sie ihren Job verlieren können. Sie wissen, daß ihr Job unerträglich werden kann. Sie wissen, daß jede Veränderung dazu führen kann, daß sie zu Verlierern werden. Und das ist der schlimmste Effekt: Der Markt (ehemals die “Gesellschaft”), der äußerste Flexibilität von den Marktteilnehmern (ehemals Personen) verlangt, lähmt sie zugleich durch die permanente Drohung des Abstiegs. Damit geht einher, daß die Menschen längst glauben, ihr Selbstwert sei in Euro und Cent zu beziffern. Bislang führt dieser Effekt “nur” in die Depression. Auf lange Sicht aber liegt darin die größte Gefahr, die einer demokratischen Gesellschaft drohen kann.
Lafontaine: Der magische Linksfaschist als medienmutierter Kampfroboter
Posted by flatter under PolitikKommentare deaktiviert
14. Aug 2007 11:57

Zu den Medien, die es für eine journalistische oder politische Auseinandersetzung halten, Lafontaine zu diffarmieren, gehört jetzt auch die Zeit, nachdem sich SpOn schon ähnlich hervorgetan hat. Thomas “E” Schmidt versucht sich in einer Art Trashlyrik daran, den bösen Demagogen anzuprangern. Was er sich dabei zusammenlamentiert, schreit nach starken Betäubungsmitteln:
“Macht hat er als »Phänomen«, will sagen als Fantasie- und Projektionsfigur, als Hoffnungsträger und Gottseibeiuns, als Populist, von dem niemand weiß, wie stark seine Bataillone wirklich sind – und deswegen sind sie zunächst einmal besonders stark”
Ahja. Wer den Satz verstanden hat, bitte melden! Mit der diesem inhärenten Logik kann man vermutlich revolutionäre Raumschiffantriebe kreieren.
“Die Zeit ist Politikern günstig, die erkennbar keine Parlamentsprofis sind”
Meint er jetzt das Wochenmagazin? Lafontaine kein Parlamentprofi? oder Gysi? Wenn Schmidt nachsetzt:
“Nur der Paria des Establishments kann ein echter Volksversteher sein”
meint er vielleicht, daß Oskar nun quasi nicht mehr dazugehört. Aber ist der dadurch kein Profi mehr? Und was ist daran “erkennbar”? Egal, je ärmer die Syntax, desto stärker wirkt der semantische Rest, will heißen: “Volksversteher” ist die Message. Das kann nur etwas anrüchiges sein.
“Es ist ein gewaltiges deutsches Trauma und zugleich ein unsterbliches deutsches Faszinosum, dass einer Politik unmittelbar zum Volk macht, vorbei an einer das Gute filtrierenden Institutionenordnung”
Noch so ein Patent: Schmidt kann das Gute filtrieren! Dann noch fix das Böse frittieren, und die Koalition des Guten ist angerichtet. Kurzer Sinn: Keine Ahnung, was der Blödsinn bedeutet, aber “gewaltiges deutsches Trauma”, das heißt: Lafontaine ist der Hitler des Jahres.
“Man muss anerkennen: Was er da einsammelt, ist ihm gelungen, »links« zu nennen – und es für sich und seine Partei zu reklamieren, jedenfalls für den Augenblick”
Ah, der Jäger und Sammler, der primitive. Vorläufig “links” sind also diejenigen, die sich schon zuvor “Die Linke” nannten, sonst gern als “ehemalige SED” bezeichnet werden, sowie westdeutsche Gewerkschaftler und Altlinke. Da ist es diesem Schmutzfinken doch gelungen, diese “links” zu nennen. Wie schafft er das bloß?
“Was die Deutschen umtreibt, ist [...] der Wunsch nach einer staatlich garantierten Versicherung gegenüber Jobverlust und Terroranschlägen“.
Woher weiß er nun dieses? Es bleibt sein Geheimnis. Zum Wunsch nach Jobgarantie siehe unten, was die “Terroranschläge” angeht, kann ich mich nur wundern, sagt Schmidt doch auch:
“Die stillschweigende Zustimmung zu Wolfgang Schäubles Maßnahmen der inneren Sicherheit in der Bevölkerung ist beim besten Willen nicht mit der Tradition der Linken zu verrechnen. Die Neigung zum nationalen Isolationismus und zu einer Freunde und Feinde sortierenden Ideologie ist ebenfalls eindeutig rechts, und es bedeutet etwas, wenn Lafontaine auch im NPD-Milieu seine Fans findet.”
Hä?? Nicht nur, daß der Experte für alles nun auch weiß, daß selbst Stillschweigen (jenseits der immer lauter werdenden Proteste) Zustimmung bedeutet, kreidet er Lafontaine an, daß angeblich Schäubles Position Konjunktur hat? Lafontaine ist Volksversteher, muß daher also auch Positionen verantworten, die nicht seine eigenen sind, weil das Volk das angeblich will? Andererseits ist das aber wiederum nicht links, weshalb der Tribun kein Tribun sein kann? und ist er deshlab nicht links, sondern rechts, womit er wieder Tribun ist, also links? Hallo, ist da noch irgendwer zu Hause?
So sehen sie meist aus, die Artikel derjenigen, die im laut schreienden Konsens der Zeitungsdemokraten auch mal was sagen zum Phänomen “Linkspartei”. Außer dem durchaus originellen und unterhaltsamen Stuß, der dabei herumkommt, ist diese Pampe vollkommen ideenlos und fad. Wie wäre es etwa mit dem Gedanken, daß Gysi und Lafontaine überflüssig sind? Warum? Weil sie populäre Ansichten vertreten und bereits hinlänglich als Politiker und Redner bekannt sind. Sie könnten also Platz machen für junge Talente, die genau so gut eine Partei vertreten könnten, die aus der aktuellen gesellschaftlichen Lage heraus reichlich Auftrieb hat. Und bei dieser Gegelegenheit: Es geht nicht um “Jobgarantien” und schon gar nicht um “Terrorismus”, der mit Lafontaine und der Linkspartei schon mal gar nichts zu tun hat. Es geht um die Angst der Leute und die nackte Erfahrung, daß es in diesem Land sehr schwierig werden kann, sich das Nötigste zu leisten. Es geht darum, daß die anderen Parteien sich keine Gedanken mehr um Menschen machen, für die ein Brötchen unerschwinglich teuer ist. Die Linkspartei und ihre Vertreter müssen gar nichts tun, um Erfolg zu haben. Die Ignoranz der anderen ist ihr Erfolg. Und ein wohlverdienter obendrein.
Journalismus: Pfeifen in Wald
Posted by flatter under KulturKommentare deaktiviert
12. Aug 2007 13:05
Das Pfeifen wird allmählich unerträglich, und auch die Sueddeutsche stimmt mit ein: Blogs sind keine “Alternative zu etablierten Medien“, darf Johannes Boie dort sagen. Dieser Qualitätsjournalist muß es wissen, ist er doch Blog-und Netzexperte, d.h. er schreibt immer wieder denselben Artikel, zitiert den “Soziologen Schmidt” und weiß, daß es wenige A-Blogger gibt, wie er schon in seinem intensivst elaborierten Bericht über die “re-publica” niederschrieb. Was Boie an “Wissen” über die Blogosphäre anbietet, ist so erbärmlich, daß man in zehn Minuten Eigenrecherche ungleich mehr über Blogs erfährt, als in seinen “Artikeln”. Die strotzen nur so vor Stereotypen und sonstigem Zeitungsmufti-Tinnef.
Beispiel: “Hinzu kommt, dass sich der Teil der deutsche Bloggerszene, der überhaupt wahrgenommen wird – intern spricht man stolz von “Blogosphäre” – in dauerhaftem Clinch befindet.”
“Intern”, das sind, ob Blogsphere oder Blogosphäre, einige Millionen Weblogs. Die sind alle “stolz”? Woher weiß er das? Wie äußert sich das? Rhetorische Fragen, denn es geht ja nur darum, Blogger als Clique von Freaks darzustellen, eine Art Jugendgang mit Clubemblem.
Daß alle Blogger zur Blogosphäre gehören und eben nicht nur die, “die wahrgenommen werden”, sprich: Die denen bekannt sind, von denen Boie abgeschrieben hat, weiß er natürlich nicht. Setzen, sechs!
Weiter:
“Rund 100 000 weitere Weblogs sind bestenfalls öffentlich einsehbare und dennoch private geführte Tagebücher, denen jede gesellschaftliche Relevanz fehlt.” 100 000? Woher diese Zahl? Was ist mit den anderen? Und hätte er sich doch nur, sagen wir einmal, zehn dieser Blogs angeschaut, er hätte es besser gewußt oder wenigstens geschwiegen. “private Tagebücher?” Mich beschleicht die Ahnung, er hat bei Blogg.de drei Links angeklickt und sich derart umfassend informiert. Eine Blogroll wird er nicht heimgesucht haben.
Hinzu kommt auch bei Boie, wie bei allen anderen Halbhirnen zuvor, das Grundmißverständnis, Blogs seien Zeitungen. Das sind sie aber nicht, sondern, merkt es Euch zur Hölle endlich, ein NETZWERK! Jedes kleine Blog kann jederzeit mit einem Flügelschlag für Aufruhr sorgen, die große Welle in Gang setzen. Schlicht gelogen ist ja auch, es gäbe keine “Initialereignisse”. Im Gegenteil sind die bekannten Blogs oft deshalb bekannt, weil sie solche ausgelöst haben.
Keine “gesellschaftliche Relevanz”? Was heißt das? Daß nicht jedes Katzenblog die Meinungsführerschaft über Deutschland beansprucht oder massiv die breite Öffentlichkeit belügen kann wie ein Großteil der Journaille? Blogs sind die Gesellschaft, ein bedeutender Ausschnitt derselben und ganz sicher zukunftsweisender als irgend etwas, das der Blätterwald derzeit anzubieten hat.
Die SZ ist ja noch immer mein Lieblingsblatt, aber Pfeifen wie Boie, der sich übrigens bei SpOn schon hervorgetan hat, indem er besonders furchtbare Verbrechen entdeckte, die nur durch das böse Internet möglich sind, haben in dem Stall nichts zu suchen. Peinlicher als das, was er sich da zusammenschmiert, geht es nämlich nicht mehr.
[edit:] Ohwei, und den Schmidt hat er auch nicht verstanden…
SpOn deckt auf: Faules Pack überall!
Posted by flatter under KulturKommentare deaktiviert
09. Aug 2007 11:45
Hatte ich noch vor zwei Tagen behauptet, die Hetze gegen “faules Pack” sei derzeit nicht en vogue, hält der “Spiegel” dagegen. Für gewöhnlich kommentiere ich das dümmliche Geschwätz des Herrn Broder nicht, weil es immer dasselbe ist. Diesmal aber hat er knallhart recherchiert und das “Prekariat” für sich entdeckt. Er ist fürwahr ein großer Hetzer und zieht mit seinem Tiraden sogar das Niveau von SpOn noch herab. Für jemanden, der die Zeiten unter Augstein noch erlebt hat, ein unfaßbarer Niedergang.
Broder nimmt eine Fernsehsendung, “ARD Exklusiv”, zum Anlaß, primitivste Stereotypen zu pflegen. Dort hat er sie entdeckt, die Familie, die sich von Sozial-und Jugendhilfe den Arsch nachtragen läßt, “drei Kühlschränke” hat, sich für 3500 Euro die Bude renovieren läßt und “rauchend und aus sicherer Distanz zu[schaut].” Dort sind sie am Werk, die blöden Sozialfuzzis, “sympathische und empathische Menschen. Sie treffen sich regelmäßig, um den Fall der Familie zu besprechen. Sie haben für alles Verständnis und bieten für jedes Problem eine Lösung an“.
Broder gibt uns aber den finalen Fingerzeig: “da ist auch eine Gesellschaft, in der die Idee von “Verantwortung” durch Begriffe wie “Maßnahmen” und “Fürsorge” ersetzt wurde. Eine Gesellschaft, in der die Vorstellung, dass Wohlstand etwas mit Arbeit und Leistung zu tun hat, als reaktionär und “sozial unverträglich“.
Soviel zu den Fakten, Fakten, Fakten, die Henrik recherchiert hat. “Recherche”, das ist, wenn man Fernsehen guckt. Journalismus bedeutet, keine Zeile an die Frage zu verschwenden, wo der Unterschied ist zwischen dem, das da über den Bildschirm flimmert und dem echten Leben. Wer, wie Broder, wirklich weiß, was dieser Gesellschaft hilft, begibt sich nicht in die Niederungen, wo einem der verwöhnte Mob die Ohren vollheult. Nein, dazu bedarf es der kühlen Distanz, aus der man sich nicht von empathischen Gutmenschen einlullen läßt.
Broders Herrenmenschen-Zymismus geht so weit, daß er in einem unverzeihlichen Fauxpas sogar den Widerspruch benennt, der eigentlich Aufhänger sein müßte, wenn man den von ihm geschilderten Beitrag besprechen wollte.
“Der Mann vom Landratsamt sagt dazu“, so erzählt Broder nämlich: “Unser Ziel ist, dass die Familie ohne Ämter und Behörden leben kann. Das bedeutet regelmäßige Arbeit.” Hier hätte er sich fein an dem Problem abarbeiten können, wie man Menschen aus gelernter Hilflosigkeit führen kann und erläutern dürfen, warum er das auch alles besser weiß.
In der nächsten Stunde nehmen wir ihn dann einmal mit an die Front, wo er erleben darf, wie die Kinder von der Jugendhilfe verwöhnt werden. Den ganzen Spaß von Mißbrauch, Sucht, Vernachlässigung, Überbehütung, Krankheit und Orientierungslosigkeit darf er dann einmal ganz empathisch miterleben. Und wenn er sich schickt, lernt “bitte” und “danke” zu sagen und aufhört, seinen Dreck über Menschen auszukippen, von deren Leben er keine Ahnung hat, dann lassen wir ihn von den großzügigen Mitteln aus Hartz IV Schulbücher für drei Kinder kaufen. Spätestens dann wird er sich seinen konstruierten Sozialneid dahin stecken, wo er ihm herausgekrochen ist.

