Journalismus


Man wird in einigen Jahren die Ausgaben des “Spiegel” dieser Zeit zur Hand nehmen und weise nicken, wenn man die Artikel über Kurt Beck mit denen über die Agenda-Fraktion vergleicht. Man wird sich fragen, wie es dazu kommen konnte, daß ein Nachrichtenmagazin derart offen Partei ergriff. Ganz gleich, ob dies dann endgültig üblich sein wird für den gesamten Journalismus – dann werden es halt ein paar verschrobene Akademiker sein, die den Zeiten nachtrauern, da man noch etwas anderes erwarten durfte als offene Manipulation. Oder, wenn es denn besser kommt, als man heute hoffen darf, werden die Leute sagen: Das sind die, die einen Berufsstand diskreditiert haben unter der falschen Flagge der Aufklärung.
Aktuell bläst SpOn zum Sturm aufs Kanzleramt und macht seinen Lesern weis, Steinmeier hätte eine Chance, Kanzler zu werden. Er hat dieselben wie Kurt Beck sie hatte, egal, wie sehr die Tendenzschreiberlinge von der Brandstwiete ihn hochjubeln:
Berlin- Angela Merkel und die Union müssen gewarnt sein. Diese SPD unter ihrem neuen Spitzenduo Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier hat der angeschlagenen Partei neues Leben eingehaucht.
Worin dieses neue Leben besteht, wird nicht mitgeteilt. SpOn bedient sich eines erbärmlichen Tricks, um das “Spitzenduo” besser aussehen zu lassen. Fettgedruckt ist zu lesen:
Wahl Steinmeiers mit mehr als 90 Prozent der Stimmen“. Daß Müntefering mit 85% der Stimmen ein miserables Ergebnis erzielt hat (im Vergleich etwa zu Beck, der es auf 95,5% brachte), nennt SpOn lediglich einen “Dämpfer”, davon ist nichts fettgedruckt. Es ist eines der schlechtesten Ergebnisse in der Geschichte. Außer bei Kampfkandidaturen haben nur Schröder und Scharping schlechter abgeschnitten.
Hätte Beck ein solches Ergebnis eingefahren, SpOn würde ihn sofort zum Rücktritt auffordern und feststellen, wie schlimm er schon abgewirtschaftet hätte. Dazu gäbe es ein mitleiderregendes Foto von ihm. Hätte er sich in einer solchen Siegerpose gezeigt wie Müntefering, ihm würde (zurecht) Realitätsverlust nachgesagt.
Für Müntefering sind es knapp 10% weniger als bei seiner letzten Wahl. Wo da der Grund zum Optimismus ist, soll mir einmal jemand verraten. SpOn wird es bald (oder haben sie schon?) mit den hochwissenschaftlichen Umfragen dieses Güllner belegen.
Wenn die Sozen dann trotzdem die Wahl vergeigen, sind’s die Populisten schuld. Die Welt der hohen Politik kann so einfach sein – wenn man sie derart tumb zurechtbiegt.

Auch wenn die Medien allmählich wieder schreiben lassen, was sich nicht einmal hinter dem Everest verbergen ließe, kämpfen sie noch immer dieselbe Schlacht. Der jedem Talent erfolgreich entkommene Mohr etwa sieht bei SpOn den “populistischen” Lafontaine als wichtigstes Detail in der Debatte zur Finanzkrise. Schade, Reinhard, ich habe leider keinen Link für dich.
Als Symptom des halbgaren Rückzugs der Journaille aus ihrem neoliberalen Niveautief werden heute einige Artikelchen geboten, die den Depp partout nicht “Depp” nennen wollen, weil er halt aufrecht in einem gut sitzenden Anzug stehen kann und über der Krawatte souverän raushaut, was das Rhetorikseminar für Fortgeschrittene hergibt.
Friedrich Merz tankt sich als Vollhorst durch die ungeliebte Wirklichkeit, die so gar nicht ins Konzept eines debiliberalen Besserwissers passen will. Hätte er einen Funken von Charakter, hätte er sein Büchlein selbst zum Container gebracht oder wäre damit als bester Realsatiriker aller Zeiten auf Tour gegangen – erklärtermaßen. So hat er hat recht, wie er schon immer recht hatte und steigert die Peinlichkeit in Dimensionen, gegen die mittelalterliche Folterinstrumente wirken wie ein Klaps auf den Hinterkopf.
Das ist freilich sein Bier(deckel). Nehmen wir an, sein dummer Aufguß alter neoliberaler Fehlleistungen hätte inhaltlich irgendetwas zu bieten. Dann müßte man dennoch ein Sekündchen innehalten und sich deutlich machen, daß der Titel “Mehr Kapitalismus wagen” einfach nicht geht in diesen Tagen. Selbst er hätte das bemerkt. Da er aber außer borniertem Gefasel über Konzepte, die noch nie aufgingen und schon immer verlogen waren, nichts zu bieten hat, ficht ihn das alles nicht an. Man macht es ihm allzu leicht. Niemand geht hin, faßt ihn bei der Schulter, nimmt ihn beiseite und sagt ihm: “Friedrich, das ist scheiße, was du da erzählst.” Nein, höflich-devot und bar jeder Meinung “berichten” die üblichen Verdächtigen, daß er eben sein Büchlein veröffentlicht.
Rebell wider den Zeitgeist” nennt Katharina Schuler ihn in der geistlosen “Zeit”. Ihr inhaltloses Gewäsch endet mit den Zeilen:
Hoffen werden sie aber auch, dass er nicht eines Tages wirklich zurückkehrt in die Politik, mit einer eigenen Partei, ein Lafontaine von rechts. Dann könnte er wirklich gefährlich werden.
Aua!
R. Meinhof beglückt uns bei Sueddeutsche.de mit Krawattenmetaphorik, die mich literarisch überfordert. Der Artikel endet mit den tief bewegenden Worten:
Er wirkt wie einer, der mit Leidenschaft dabei ist. Mit seinem Buch diesmal, aber ganz sicher auch anders. Dazu allerdings muss mehr passieren. Solange Angela Merkel in der Partei die Fäden in der Hand hält, wird er nicht zurückkehren in die große Politik. Aber er wird auf seine Weise wirken. Wie ein Herrenkonfektionsverkäufer eben, dem die Mode egal ist.
Vom Merzen mit Schmerzen.
Ansgar Graw salbadert für Welt.de schlußwörtlich:
So beschwört Merz die Verantwortung des Einzelnen und rehabilitiert den Begriff des Neoliberalismus, der einst als freiheitlicher Gegenentwurf zu den schlimmen Ideologien des 20.Jahrhunderts entstand. Es gehe ihm nicht um eine „parteipolitische Auseinandersetzung oder gar um eine Auseinandersetzung innerhalb meiner Partei“, versichert er im Vorwort seines Buches. Vielleicht werden seine Gedanken ja doch nicht als Kampfansage begriffen, sondern als ein notwendiges Korrektiv in regulierungswütigen Zeiten.
Neoliberalismus ist also “freiheitlich”, das Gegenteil “schlimm”, und wir leben “in regulierungswütigen Zeiten“. Das notwendige Korrektiv für solchen Schwachsinn müßte wohl sehr stark sein. Selbst eine göttliche Macht stünde hier wohl auf verlorenem Posten.
Was mich wirklich beschäftigt, ist die Frage, ob es solchen Bremsbirnen gelingen kann, das Eintreten des eigenen Todes zu ignorieren und sich derart unsterblich zu machen.

Unfassbar, was Kerner, diese journalistische Doppelnull, sich da einlädt. Redet ein “Journalist”, der auch nur ein Minimum von seinem Beruf versteht, mit einem faschistischen Hetzer über das Wetter oder “Steuertricks”? Mir fehlen die Worte.

Der Herausgeber der “Zeit”, Josef Joffe, foltert seine meist unschuldigen Leser mit einer Gnadenlosigkeit, vor der ich in die Knie gehe. Hier einige Anmerkungen zu einem Meilenstein kreuzdämlicher Kapitalanbetung, abgelegt unter der Rubrik “Zeitgeist”:
Das eiserne Gesetz der Kapitalismuskritik besagt: Je weniger einer von diesem System versteht, desto lustvoller geißelt er es. Umgekehrt gilt: Je höher die Kenntnis, desto geringer die Lust, die Marktwirtschaft zu preisen.
Gehen wir souverän über die erbrochene Metapher “eisernes Gesetz” hinweg. Fragen wir also: Was ist ein “Gesetz der Kapitalismuskritik”? Was überhaupt ein “Gesetz” einer “Kritik”? “Kritik” bedeutet nichts anderes als Distanzierung, mithin das Gegenteil einer Gesetzmäßigkeit.
Der Unterschied zwischen Kenntnis und Unkenntnis des Kapitalimus ist also die Lust bzw. Unlust. Soll uns sagen was? Kenntnis macht keinen Spaß? Die einen haben Spaß an der Geißelung, die anderen keine Lust, sie zu preisen? Wo wäre da jetzt genau der Unterschied?
Die Ökonomie baut keine Luftschlösser der Erlösung, die erst zerbrechen und dann zum Kerker werden (wie im Realsozialismus)
Luftige Metaphern zu einem Kerker aus zerbrochenen Mauern. Dem mühsam Inhalt entnehmend, hieße das, die “Ökonomie” kenne keine Ideologie. Das Manuskript lag vermutlich schon Jahrzehnte in der Schublade und konnte daher das Phänomen “Neoliberalismus” bis zum Redaktionsschluß leider nicht berücksichtigen.
Und doch hat kein anderes System so viele Segnungen gezeugt wie der »Kapitalismus«, der heute längst eine hochregulierte Marktwirtschaft mit etwa hälftigem Staatsanteil ist. Adam Smith und David Ricardo waren die besseren Menschenfreunde als Stalin und Che. Dieses Urteil gilt selbst für den »Manchester-Kapitalismus«: Von 1750 bis 1900 haben sich die Reallöhne in England mehr als verdreifacht.
Was ist ein “hälftiger Staatsanteil”, was “hochreguliert”? Die Hälfte der Regulierung? Des Geldes? Gehört die Hälfte dem Staat? Und wo genau? Was genau? Ist da eine Hälfte reguliert? Der Finanzmärkte etwa?
Smith und Ricardo waren bessere Menschenfreunde als Stalin. Na immerhin.
Von 1750 bis 1900 haben sich die Reallöhne in England mehr als verdreifacht, ja leck mich fett, in 150 Jahren verdreifacht, einmal Industrialisierung dazwischen, und schon geht’s aufwärts. Schmerzen, schreckliche Schmerzen!
Arme Gesellschaften sind selten demokratisch, und reiche sind selten autoritär (Ausnahmen heute: Russland oder Arabien, wo die Bodenschätze Staatseigentum sind). Welche Rechte hatte denn der Knecht im Feudalismus, der Proletarier im Ständestaat? Was war denn demokratisch am Sowjetsystem, wo nicht der Mensch mit dem Rubel, sondern der Kommissar mit der Knute bestimmte, was zu produzieren sei?
Was ist ein reicher Staat? Gehört China dazu? die ganzen Ölbohrinseln im Nahen Osten mit einem Fähnchen darauf? Welche Staaten werden in 10 Jahren “reich” sein? Gibt es irgendeinen Zusammenhang zwischen Demokratie und Reichtum im 21. Jahrhundert? Ist es das beste Argument für den Kapitalismus, daß er besser ist als der Feudal- oder Ständestaat? Ist die kapitalistische “Demokratie” die aktuelle Alternative zum “Sowjetstaat”?
Tatsächlich sind die Exzesse dieses Jahrzehnts nichts im Vergleich zur Zivilisierung durch den Kapitalismus. Dass einer reich werden konnte, ohne zu rauben und zu morden, war der erste Schritt in die Zivilisation. Michelangelo ist ohne »Mehrwert« (im marxschen Sinne) genauso unvorstellbar wie die Met und das MIT.
Michelangelo war demnach eine Kulturleistung des demokratischen Kapitalismus? Immerhin, reich ohne zu rauben und zu morden. Da muß ich aber doch mutig widersprechen und feststellen, daß es schon immer einträglicher war, Rauben und Morden zu delegieren. Der Zusammenhang zwischen Raubmord, Michelangelo und Mehrwert erföffnet sich vermutlich nur Patienten, die unter demselben Syndrom leiden. Der technologische Fortschritt ist die Kulturleistung, von der Joffe eigentlich spricht. Diese schreibt er dem Kapitalismus zu. Merke: Geld macht schlau, und ohne Geld keine Evolution.
Dieser »Turbokapitalismus« konnte, welche Ironie, nur mit der Ermunterung durch den Staat entstehen. Dass der nun für die Folgen geradesteht, ist irgendwie folgerichtig.
So wir das denn gelten ließen, hieße das: Der Anstifter soll hängen, der Täter findet keine Erwähnung. “irgendwie folgerichtig”, ein bißchen schwanger und für den Rest Weingummi, bitte!
Regulieren, aber nicht regieren. Wie die blutenden Landesbanken zeigen, ist der Staat im Geldgeschäft noch dümmer als selbst der gierigste Spekulant.
Der Staat soll nicht regieren? Das ändert sich also nicht, immerhin. Dümmmer als der gierigste Spekulant ist der Staat, weil er als Anstifter haftet? Wie viele Banken müssen Konkurs anmelden, bis die Dummheit der Spekulanten für groß genug erachtet wird? Schwamm drüber!
Dies war nur der Schnelldurchlauf. Jemand, der sich wirklich Mühe gäbe, den Artikel zu zerpflücken, hätte noch viel mehr Arbeit mit diesem monströs depperten Machwerk, das sprachlich und inhaltlich eine preiswürdige Inkompetenz zelebriert. Ich weiß gar nicht, woher ich die Muße nehme, mich mit einem solchen journalistischen Sondermüll zu beschäftigen.

Christoph Seils erweist in der “Zeit” seinem eigenen Geschwätz die letzte Ehre: Noch einmal reiht er die faden Floskeln neoliberalen Dummsprechs aneinander, stellt “Reform” gegen “Staat”, sieht einen “Linksrutsch” vor allem bei der SPD mit Steinmeier und Müntefering, nennt Oskar Lafontaine “vulgär-marxistisch” und sieht die Sozialdemokratisierung der Republik aufziehen. Gewohnt ahnungslos und frei von Schmerzen angesichts ächzendener Widersprüche betet er den Rosenkranz nieder und verzichtet endlich auf jeden Anflug einer Meinung. Er begrüßt nichts und verdammt nichts. Es bleibt sein abgedroschenes Vokabular auf der Oberfläche eines geschrumpelten Luftballons. Bitte nicht lesen!

Thomas Knüwer hat sich der traurigen Vorstellung angenommen, die Thomas Schuler in der Sueddeutschen gegeben hat. Der Google-Journalismus sei schuld am Kursrutsch der United Airlines, meint das freie SZ-Männlein. Tatsächlich war ein sogenannter “Analyst” so tumb, eine Meldung, die keine war, als latest News herumzuposaunen. Wunderbare Realsatire – lesen!

Häppchen zum Lesen sind der Hit der Saison, wer gibt da schon Geld aus für Journalisten, die auch Artikel schreiben können? Unfreiwillig selbstreferenziell fällt ein solches publizistisches Accessoire bei der TAZ aus. Zum Thema Datenschutz darf Meike Laaff dort einen “Trendforscher” kurzbefragen. Ein Interview wäre etwas anderes. Demnächst werden politische Analysen ganz konsequent von Astrologen geliefert, das liest sich einfach leichter.
Der “Forscher” (wie erforscht man eigentlich die Mode im Datenschutz? Was muß ich dafür studieren?) weiß über die User zu erklären:
Sie hinterlassen ihre Daten mutwillig und bewusst – angefangen bei PayPal über Kreditkarten und Handy bis hin zu Google, dem klassischen Beispiel. Oder bei den ganzen Social Communitys oder Twitter, wo ich ganz bewusst täglich meine Daten hinterlasse, damit meine Freunde und Bekannten quasi in mein Leben integriert sind.
Dazu passend bebildert die TAZ ihren journalistischen Modeschmuck mit einem unscharf fotographierten Wesen, das sich gerade im “SchülerVZ” tummelt. Ganz bewußt erklären dort Zwölfjährige, daß sie für ihren Datenschutz selbst verantwortlich sind.
Das ist eigentlich diese Souveränität, die ich den jetzt kommenden Generation unterstelle: dass sie sehr wohl den Wert ihrer Daten erkennen und dass sie ihre Daten sehr bewusst freigeben – und im Zweifel etwas dafür fordern, zum Beispiel Rabatte.”
Wer mit der Volljährigkeit die Souveränität erhält, über seine unschuldig preisgegebenen Daten wirklich selbst verfügen zu dürfen, kann die Offenlegung seiner gesamten Privatsphäre seit dem Grundschulalter bei seinem Payback-Partner gegen einen Gummiball eintauschen. Wer braucht da noch den “klassischen” muffigen Datenschutz? Der ist doch voll krass untrendy!

“Meine Leute und ich kennen die Büchsenspanner”, überschreibt SpOn ein wohlfeiles Werk des Herrn Matthias Bartsch, das auf Beck zielt und sich selbst trifft. Das Artikelchen endet mit den Worten:
Das immerhin hat Kurt Beck in seinen zweieinhalb Jahren dort erkannt: ‘Meine Welt ist das nicht.’
Nein, es ist nicht seine, es ist die Welt der Bücklinge, die der Spiegel-Verlag bezahlt, um die politische und journalistische Kultur zu ruinieren, die einst eine passable Demokratie ausmachten. Becks Rücktritt steht im unmittelbaren Zusammenhang zu einem aktuellen “Spiegel”-Artikel. Wenn jemand die Intriganten kennt, von denen Beck sprach, ist es das Nachrichtenurinal, das da über die Causa zu berichten vorgibt. Das System, das von einem Zirkel schamloser Desinformanten aus Parteien und Journaille inzwischen solche Fakten schafft, ist das größte Problem der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2008. Wo noch vor einigen Jahren Journalisten ihre Arbeit machten, die Politik wachsam kontrollierten, sitzen jetzt willfährige Zuträger einer neoliberalen Sekte, die das Volk kontrollieren. Die Art und Weise, wie der “Spiegel” inzwischen seine Leser zu verarschen versucht, ist mit Worten kaum mehr zu beschreiben. Wer zur Hölle trägt noch sein Geld zum Kiosk, um diesen erbärmlichen Zirkus zu finanzieren?

Selbstkritik ist eine Kunst, die in der Politik selten zum Zuge kommt. Die journalistische Zunft ist da professioneller. Sie ist von höheren Gnaden dazu berufen, in den Himmel zu loben oder zur Hölle zu schreiben und dank ihres Qualitätsanspruchs jederzeit eine integere Instanz. Selbstkritik wäre da völlig fehl am Platze, denn das hieße ja, man hätte womöglich gar nicht das Zeug dazu, andere zu beurteilen.
In der “Analyse” zum Fall Kurt Becks tun sich zwei hervor, den Mann und die Welt zu erklären, die zwar keinen langfristigen Vertrag mit der Wirklichkeit haben, aber einen gut dotierten mit ihrem Verlag. Letzteres qualifiziert eben zu den Urteilen, die sie über andere fällen, ohne vorherige Beweisaufnahme, versteht sich.
Was CC Mahlzahn seinen Lesern ins trübe Licht schiebt, hat der Morgen angemessen gewürdigt. Wenn Kampagnenjournalisten nachkarten, steht eine Runde Ramsch an, die man sich gut sparen kann.
In der Sueddeutschen erklärt Gustav Seibt den Beck und sein Schicksal: Becks “Charakterschwäche” habe zu seinem Sturz geführt, seine “Dünnhäutigkeit”. Zur Erklärung liefert er uns einen Pott Püree, in dem er Merkels “Farblosigkeit”, Kohls Provinzialität und eine “ästhetische Postmoderne” zu einer faden politischen Erklärung zusammen stampft.
Daß Kohl unter Bedingungen an die Macht gekommen ist, die nicht zu vergleichen sind mit der heutigen Medienpräsenz, fällt ihm nicht auf. “Medienpräsenz” heißt dabei vor allem die Präsenz der Medien in der Politik, ihr Mitgewurschtel auf allen Ebenen.
Merkel ist durchaus farblos und hat der CDU immerhin ein historisch schlechtes Wahlergebnis beschert. Der Hauptunterschied zwischen Merkel und Beck ist allerdings, daß die beiden auf zwei Seiten eines Kampganenjournalismus stehen, sie eben im Himmel und er in der Hölle. Das Dauerfeuer aus allen Richtungen, das auf Beck losgelassen wurde, hätte kaum jemand so lange aushalten wie er. Ausgerechnet Kohl zu nennen, der bei jeder Majestätsbeleidigung grantig wurde und nur journalistische Hofschranzen an sich heranließ, ist abenteuerlich.
Die Attacken der vergangenen Monate, die erst erfolgreich wurden, als Beck bemerkt hat, daß die Genossen mit den gewetzten Messern sich immer enger um ihn scharten, sollen also nicht der Grund für den Rücktritt gewesen sein. Beck war falsch, so einfach ist das. Seibt, der sich bereits als großer Kenner Lafontaines und anderer Demagogen hervorgetan hat, macht also das, was er am besten kann: PR, die sich das vorgepinselte Weltbild nicht von langweiligen Fakten verunzieren läßt.

Es ist nicht auszuhalten. Den ganzen Tag über dudelte mich WDR2 voll mit sogenannten “Nachrichten”, in denen es um die Bestrafung der bösen Russen für ihre Aggression gegen Georgien ging. Es spricht tatsächlich niemand mehr davon, das der leicht irrsinnige Herr Saakaschwili auf die geniale Idee kam, Südossetien zu überfallen, und ich frage mich, in welchem Irrenhaus ich wohl lebe. Das Maß an Desinformation in dieser angeblichen Demokratie ist erschütternd. Die Nachdenkseiten bringen dies auf den aktuellen Stand.
Ein besonderes Lob gebührt Markus Wehner und der FAZ, die sich der billigen Propaganda mutig entziehen und stattdessen ein wenig Aufklärung leisten. Zunehmend bekommt man Informationen nur noch im Netz. Der einzige Trost angesichts der Scharen gedungener Büttel in den Holzmedien: Was die Journaille sich hier zurechtlegt und zusammenlügt, wird sich langfristig selbst richten.

SpOn:
McCains Vize mischt den Wahlkampf auf
Dramatische Wendung im US-Wahlkampf: Amerikas Politikszene ist aufgebracht wegen McCains Entscheidung, Alaskas Gouverneurin Sarah Palin zu seiner Vizekandidatin zu machen. Die einen halten es für einen genialen Coup – die anderen für einen fatalen Fehler.

Sueddeutsche.de:
Coup mit konservativer Reformerin
John McCain hat die Politikszene mit der Benennung seiner Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten aufgemischt: Die einen nennen die Aufstellung von Sarah Palin “genial”, die anderen einen “fatalen Fehler
“. ”
Und weiter:
Der Politologe Michael Lindsay von der Rice University sprach von der bislang größten Überraschung im Wahlkampf. Der Schritt sei “strategisch genial”: McCain habe einerseits einen reformorientierten Vize benötigt, habe andererseits auch dringend die religiösen Republikaner ansprechen müssen. Auch Chip Hanlon von Delta Global Advisers lobte die Wahl. Dies sei nicht nur strategisch zu sehen, weil Palin “wirklich gescheit” sei. Dennis Goldford von der Drake University warnte jedoch, dass damit noch einmal das Alter des 72-jährigen McCain betont werde. Es sehe nun so aus, “als ob McCain und seine Tochter” ins Rennen zögen.
Reuters hatte zuvor geschrieben:
Michael Lindsay von der Rice University sprach von der bislang größten Überraschung des Wahlkampfs. Der Schritt sei “strategisch genial”: McCain habe einerseits einen reformorientierten Vize benötigt, habe andererseits auch dringend die religiösen Republikaner ansprechen müssen. Auch Chip Hanlon von Delta Global Advisers lobte die Wahl. Dies sei nicht nur strategisch zu sehen, sondern weil Palin “wirklich gescheit” sei. Dennis Goldford von der Drake University warnte jedoch, dass damit noch einmal das Alter des 72-jährigen McCain betont werde. Es sehe nun so aus, “als ob McCain und seine Tochter” ins Rennen zögen.“. Denselben Absatz findet man übrigens auch bei “N-TV” im Wortlaut.
Dieses ist das Ergebnis einer fünfminütigen Recherche. Wenn man etwas tiefer gräbt, wird man vermutlich feststellen, daß jeder einzelne Satz des SZ-Artikels irgendwo abgeschrieben ist. Es geht schließlich um eine der wichtigsten Entscheidungen in der weltweit wichtigsten Wahl dieses Jahres. Da verläßt man sich besser auf Leute, die mehr davon verstehen. So funktioniert die deutsche Einheitspresse, dies ist der hiesige Qualitätsjournalismus.
Ein Klowandschmierer aus der Bloggerszene hätte wenigstens ein paar Links gesetzt.

[update:] Wer eine Ahnung bekommen möchte, wie Frau Palin demnächst sturmreif geschossen werden wird, kann das bei der Huffington Post lesen. Dann wird auch klar, was die halbgare Formulierung “wirklich gescheit” meint: Es gibt nichts, das sie auch nur annähernd qualifiziert.

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