Politik


Von einem bizarren Fall mutmaßlichen Schmierens berichtet die FR: Demnach soll die Jury des “Dokupreises der Gesellschaft für Technische Kommunikation“, der für besonders gelungene Gebrauchsanweisungen verliehen wird, ausgerechnet Pistolen von H&K ausgezeichnet haben, nachdem die Firma ganz zufällig nämliche Jury als Beratungsquelle entdeckt hatte. Tausendzweihundert Euro pro Tag brachte das einem der Juroren ein.

Haben sie das nötig? Muß man sich wirklich derart ins Gespräch bringen, wo doch weltweit die Geschosse der Marke in den Herzen und Köpfen der Menschen längst einen Platz gefunden haben? Natürlich reden wir hier nicht von Peanuts, sondern von Krümeln der Schale einer Erdnuß. Was aber ist so erstrebenswert an dem Preis? Und steht in der Anleitung auch, wie man sich zu verhalten hat, wenn man auf der Seite steht, der die Mündung zugewandt ist?

Der Standort muß gesichert werden. Ausnahmsweise einmal nicht der “Standort Deutschland”, sondern der Fußballstandort Spanien. Die spanische Regierung hat ein aberwitziges Gesetz gekippt, das eigens für David Beckham eingeführt wurde und von dem seit 2004 die Multimillionäre der Primera Division profitieren. Nur 24% Steuern zahlte demnach ein ausländischer Spitzenverdiener in Spanien, der “nur kurzfristig” dort wohnt.

Dieses wunderbare Beispiel der Begünstigung von Superreichen und Konzernen, in diesem Falle Spieler und Clubs, ist ein Fanal der krankhaften Standort-Argumentation, mit der jede noch so wahnhafte Begünstigung Wohlhabender begründet wird. Es geht dabei nie um einen wirtschaftlichen Aspekt, der noch annähernd rational wäre, es ist ein an Dummheit nicht zu überbietendes Totschlagargument. Daß jetzt spanische Clubs mit einem “Streik” drohen, ist ein weiteres Symptom aus dem Weltbild jener Irren, die das “Privateigentum” zum Götzen machen. Dabei kommen alle Begriffe, alle sozialen Errungenschaften, alle Kategorien unter die Räder, die politisches Denken noch erlauben würden. Diese Ideologie stiehlt den Menschen die Sprache, die Logik und die Würde.

Selbstverständlich geht das einher mit der postmodernen Form von panem et circenses, die dem Volk höchstens das Notwendigste an Brot noch zuerkennt und sie mit aberwitzigen Spielen bei der Stange hält. Die völlig Verblendeten betteln womöglich noch um den Schimmel auf ihrem Brot, auf das man ihnen bloß ihre Trugbilder lasse. Hier wählen sie die FDP und begeben sich in die Knechtschaft des Lohnverzichts, in Spanien werden sie womöglich auf die Straße gehen, um ihren kickenden Sonderschülern deren wohlverdiente Millionen zu sichern.

Es ist Zeit für einen Generalstreik. Banker deutscher Länder, Anleger der Welt, hört die Signale! Wenn ihr die Völker schon nicht abwählen könnt, droht ihnen mit dem Entzug ihrer Lebensgrundlage, schickt sie ohne Essen ins Bett! Schlimmer noch: Ohne Essen und Fernsehen!

Vor einem Jahr stand die hessische SPD zwischen einem Minister Jürgen Walter und dem hinterhältigsten “Gewissen” der deutschen Parlamentsgeschichte.
Bis zum 24.10.2008 hatte Walter, der schon die Koalitionsverhandlungen maßgeblich geführt hatte, um sein Ressort gefeilscht. Er wollte Minister für Wirtschaft und Verkehr werden, um seine Ideen oder die der ihm nahestehenden Lobbyisten umzusetzen. Da ihm aber eine solche Machtfülle nicht geboten wurde, sprang er eine Woche vor der Wahl der Ministerpräsidentin ab und entdeckte gemeinsam mit zwei weiteren Heckenschützen kurz darauf sein “Gewissen”.

Ich schrieb dazu einen Tag vor der Wahl im Parlament:

Wenn Jürgen Walter Karriere macht, dann als Büchsenspanner unter seinesgleichen. Und er macht alles richtig: Die hessische Koalition ist schon desavouiert, ganz gleich, ob sie zustande kommt oder nicht. Der Agenda-Fraktion liefert er genau das Chaos, das dem Versuch einer Linken Mehrheit angedichtet werden soll. Die zugeschaltete Presse wartet nur darauf, Ypsilanti das anzukreiden, was die SPD vollends ruiniert hat: Die Intrigen einer potitischen Machtelite, die keinen Wert auf die Meinung der Basis und der Bürger legt. Steinmeier und Münterfering ist es gelungen, ganz im Sinne Schröders zu verhindern, daß in der SPD noch jemand halbwegs sozialdemokratische Politik macht. Ihre Mietmaulwürfe sitzen überall und haben Narrenfreiheit.

Und ganz selbstverständlich haben die Medien in Presse, Funk und Demoskopie diesen Verrat nicht nur Andrea Ypsilanti angekreidet, sondern sie nach allen Regeln der Kunst niedergemacht. Noch heute dürften die meisten Deutschen Ypsilanti mit “Wortbruch” und Beck mit “muß weg” assoziieren. Der neoliberale Demoskop und Zahlendemagoge Güllner hat noch nach der Bundestagswahl ernsthaft Beck und Ypsilanti für die Niederlage verantwortlich gemacht und wird nach wie vor fleißig von willfährigen Abschreibern zitiert.

Für die allermeisten Leser ist das nichts Neues, warum also der eitle Verweis auf mein Geschwätz von gestern?
Ganz einfach: Weil die Fakten in Vergessenheit geraten und die Propaganda bleibt. An die Slogans erinnern sich noch alle, von den Hintergünden will niemand etwas wissen, und ich bezweifle auch, daß dieses Schmierentheater von der neuen Parteiführung aufgearbeitet wird. Dabei ist es noch lange nicht Geschichte, sondern wirksame Gegenwart.

Das macht ja richtig Spaß, was die von manchen auch noch “groß(e)” genannte Koalition in Thüringen so zusammenbringt. Nicht einmal die Stimmen zur Wahl ihrer Ministerpräsidentin nämlich. Jetzt bin ich mal gespannt, wie sich die Polit-Analysten auf den Wahlbetrüger Matschie stürzen und ihm seinen Wortbruch um die Ohren hauen. Da kann ich lange warten, sagt ihr? Das fürchte ich allerdings auch.

[update:] Schade, daß die finale Klatsche ausgeblieben ist und Ramelow nicht gewählt wurde. Sei’s drum, ich wünsche Frau Lieberknecht weiterhin viel Spaß mit ihrem treuen Koalitionspartner aus der “Mitte”. Und der Kapelle auf der SPD alles Gute auf ihrem Weg in die eisigen Tiefen.

[update2:] SpOn spekuliert nachvollziehbar, durch die Drohung “Ramelow” sei die FDP eingesprungen. Großes Kino, dafür hätte ich sogar Eintritt bezahlt. Matschie hat übrigens nichts Besseres zu tun, als jetzt zu behaupten, “seine” Verräterfraktion Abgeordneten von den sehr speziellen Demokraten hätten aber ganz ganz sicher alle für Frau Lieberknecht gestimmt. Ich schwör!
Brüder, wendet Euch gen Westen, wo die Sonne aufgeht!

[update3:] Zum letzten Update (wir sind ja nicht bei Twitter hier) spekuliere ich dann auch einmal:
Zwar hat Lieberknecht rechnerisch die Stimmen von CDU, SPD und FDP bekommen, ich glaube aber nicht an diesen aalglatten Ausgang nach dem Anlauf. Einige FDP-Abgeordnete werden eingesprungen sein, einige Nichtwähler aus den Regierungsreihen weiterhin ihre Stimme verweigert haben. Über das Verhalten der Grünen haben wir die wenigsten Informationen, und sie gefallen sich ja gern in der Rolle der Unberechenbaren.
Einige aus der Opposition werden ihren taktischen Verstand eingeschaltet und erkannt haben, daß Opposition gegen genau diese Truppe besser ist als selber regieren. Wer Matsche erledigen wollte, mußte am Ende – strategisch gedacht – Lieberknecht wählen.
Lieberknecht ihrerseits dankte eben für das “Vertrauen”. Ich könne die Keramik umarmen vor lachen.
Eine geniale Realsatire!

Beginnen wir mit Letzterem: Was Norbert Lammert da aus dem Parlamentarierbewußtsein gerutscht ist, hat mich zutiefst erschüttert. Ein CDU-Bundestagspräsident kritisiert die versammelte Kollegenschaft ob deren zweifelhaften Praktiken. Dazu gehören Reden, die nie gehalten wurden und einfach zu Protokoll im Archiv verstauben oder der Kadavergehorsam der Abnicker von Regierungsvorlagen. Ich weiß nicht, was in den Mann gefahren ist, den ich auch ganz anders kenne, aber für diese sehr berechtigten Worte gibt es von meiner Seite eine gute Portion Respekt!

Leider geht es bei den Angesprochenen weiter wie bisher, schlimmer noch. Das chique Wörtchen “Redegeregulation” im Titel versteht sich nämlich nicht als die Regelung von Reden, sondern als offizielle Wiedereinführung der haltlosen und unkontrollierten Zockerei im Finanzgeschäft. Die Schamfrist von einigen Wochen ist verstrichen, leise Ansätze einer Regulierung können wir gleich vergessen, und mit “Rederegulation” biete ich eine Vokabel an, die alles sagt und doch nichts, genau richtig fürs Wahlvolk eben.

Jetzt aber zum Punkt: Ausgerechnet Jörg Asmussen, der Turbokapitalist und Aufsichtsrat aus Leidenschaft mit SPD-Parteibuch, soll Staatssekretär im Finanzministerium bleiben. Der eifrigste Bock darf also weiter Gärtner spielen. Das paßt auch hervorragend in die Strategie, klumpig-klebriges Kapital in Form von Erbschaften und Vermögen nicht zu versteuern und stattdessen das Geld der Angestellten direkt zu den Versicherungen (“private Pflege”) umzuleiten.
Ich finde diese Art von Humor durchaus anregend, dann aber bitte auch artig mitschmunzeln, wenn die Linke Christian Klar zum Innenminister macht.

Wer will das genau sagen im Land der Kofferträger? Wenn ein hoher Parteifunktionär 100 000 DM ganz inoffiziell in dunkle Kanäle leitet, so hat das für ihn zur Folge, daß er nicht nur höchste Ministerweihen erhält, sondern ausgerechnet erst Innen- und dann Finanzminister wird. Zuständig für die innere Ordnung und die Ordnung der Finanzen. Der Bock als Gärtner.
Deutsche finden nichts dran, deutsche Journalisten schon gar nicht. Nach einer gewissen Schamfrist ist das alles vergessen. Herr Schäuble wurde nie angeklagt, aber auch nie entlastet – im Hinblick auf die Frage, ob sein Handeln mit hohen Staatsämtern ethisch vereinbar ist.

Und weil man solche Fragen hier nicht hören will, wird ein ausländischer Journalist, der noch fragt, mit Plattitüden abgespeist. Die Kanzlerin vertraue dem Minister, mehr sagt sie nicht dazu. Sie verweigert die Aussage. Das sieht nicht gerade souverän aus, eher ertappt. Man merkt, daß sie solche Fragen nicht gewöhnt ist. Der Mann wird ihr vermutlich auch nie wieder eine Frage stellen dürfen. Wenn schon einsilbig und schmallippig, so denke ich mir, dann doch besser mit der gar nicht so dummen Formulierung von Guido Westerwelle: “Das ist Deutschland hier”. An dieser Stelle hätte es gepaßt.

Korruption, das ist hier, wenn vor laufender Kamera etzwas eindeutig Illegales verabredet wird, dessen Durchführung zu einem bestimmten Termin vereinbart wird, wofür eine eine konkrete Geldsumme gezahlt wird. Der unmittelbare Zusammenhang wird deutlich erklärt und schriftlich fixiert. Alles andere ist keine Korruption. Diese findet daher auch nicht statt.

Noch viel weiter entfernt sind dieses Land und seine selbtgefälligen “Eliten” von einem auch nur rudimentären Gefühl für Interessenkonflikte. Hier, wo Korruption anfängt und endet, stellt sich jeder sein Persilscheinchen selbst aus und klüngelt munter drauflos, immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Anstatt sich freizuhalten von Einflüsterern und Einflußnehmern, sucht man die Nähe zu den Mächtigen, den Reichen und ihren Strippenziehern, duldet eine See von Lobbyisten und bildet Seilschaften mit jedem und allen, die irgendwann nützlich erscheinen.

Ein besonderes Beispiel dieser rücksichtlosen Mauschelei gegen die Interessen derer, von denen man sich in Position tragen läßt, ist der Sportskamerad Hubert Ulrich. Wenn schon Genosse Cohn-Bendit den Parteifeind einen “Mafioso” nennt, gibt das Anlaß zum Aufhorchen. Ulrich hat sich einen übermächtigen Ortsverband in Saarlouis gezimmert, der Delegierte quasi am Band und aus dem Nichts erzeugt. Ob die Mitglieder, die seine Hausmacht ausmachen, überhaupt existieren, wird angezweifelt.

Und wenn sich dann herausstellt, daß er noch bis Anfang Oktober auf der Gehaltsliste des FDP-Chefs Ostermann stand, der auch die Verhandlungen begleitete, fängt es arg an zu stinken. Ganz nebenbei bemerkt ist Ostermann überführter Steuerhinterzieher, Ulrich seinerseits hat sich laut Stuttgarter Zeitung damit hervorgetan, daß er PKWs mit Fraktionsrabatt an Land gezogen und verhökert hat.

Daß Ulrich also keinen Interessenkonflikt feststellt, wenn er eine politisch äußerst heikle Entscheidung durchpaukt und dabei ganz zufällig seinem Geldgeber in die Hände spielt, überrascht nicht wirklich. Es hat sich bei ihm wie bei so vielen wohl das Motto durchgesetzt: “Interessenkonflikt? Wieso? Dient doch alles meinen Interessen”. Solche Leute empfinden sich nicht nicht mehr als Diener zweier Herren, weil sie nur sich selbst dienen. Sie verkaufen das sich selbst und anderen so, daß es “der Sache dient”. Leider ahnen sie nicht einmal, daß sie damit ihrer eigenen Verdinglichung wörtlichen Ausdruck verleihen.

Daß das Ganze funktioniert, liegt nicht zuletzt an der Mentalität deutscher Parteigänger, die auch die Grünen in weiten Bereichen durchseucht hat. Da gibt es ein paar an der Spitze, die machen das schon. Die anderen nicken ab. Bloß nicht “zerstritten” erscheinen und offen Kritik üben. Schon gar nicht in genau solchen Situationen, in denen harsche Kritik notwendig wäre. Man will ja keinen Skandal provozieren, wodurch man genau diesen schafft.
Aus solchen Strukturen gehen also diejenigen hervor, die Gesetze verabschieden. Warum nicht, von der Demokratie haben sie sich ja auch schon verabschiedet.

Ich liege gut im Rennen, brauche nur ein bißchen Geld, um mit dem Sprit bis ins Ziel auszukommen. Da hilft mir ein netter Konkurrent aus: Er gibt mir ein zweites Reserverad und Sprit ohne Ende im Tausch gegen meine Bremsen. Die machen mich eh nur langsamer, sagt er, und da hat er ja recht. Die Boxencrew war erst skeptisch, aber ich habe sie überzeugen können, daß wir das packen, und eine Alternative gibt es nicht. Alles andere ist zu teuer. Der Tankwart, der mir Kredit gegeben hätte, ist ein obendrein ein Idiot, mit dem kann ich gar nicht.

So ähnlich funktioniert die Geschichte in Thüringens SPD, die sich von Großhirn Matschie ins Tal der Einstelligen führen läßt. Ganz dolle Verhandlungserfolge hat Mr. 15% da bei seinen rechten Kumpels errungen. Wenn es denen gefällt, lassen sie spätestens auf halbem Wege die Koalition platzen, schieben es den Sozis in die Schuhe und warnen vor dem Bund mit dem kommunistischen Teufel. Bei den Neuwahlen gibt es dann wirklich niemanden mehr, der Grund hätte, SPD zu wählen. Unter dieser stetigen Drohung darf Matschie jetzt mitregieren, d.h. jeden Knochen schlucken, den die CDU ihm ins Maul schiebt. Christoph Matschie – Wahrlich einer der größten Strategen aller Zeiten.

Sigmar Gabriel ist das Beste, was der SPD derzeit passieren kann. Wenn er passiert. Denn es ist interessant, daß die ARD in Tagesschau und Rundfunksendungen einen guten und kritischen Kommentar verbreitet, Gabriel aber unentwegt den “künftigen Vorsitzenden” nennt. Nicht einmal “designiert”, geschweige denn “Kandidat”. Dabei hat der Künfitge selbst schon darauf aufmerksam gemacht, daß er ja immerhin noch gewählt werden müsse und es auch andere Kanditaten geben kann.

sigmar gabriel

Quelle: Wikimedia Commons / Agência Brasil

Das Optimum für die SPD -warum? Ich kenne einige wenige Sozialdemokraten, die ich für charakterstark und vertrauenswürdig halte, aber diese sind nicht präsidiabel. Nicht nur, weil der eine oder andere es nicht könnte, sondern auch, weil man sich klar machen muß, daß der neue Vorsitzende ein Funktionär sein wird, der Feinde haben wird. Er muß stark sein, gefürchtet vielleicht, man muß ihm zutrauen, daß er überall Gewährsleute hat und man ihn auch hinterrücks nicht so einfach aus dem Weg räumen kann. Wie schon beschrieben, hat Gabriel mit allen und jedem gemauschelt, ist dabei auch reichlich angeeckt, war aber ein “Netzwerker” im Wortsinne: Er ging überall ein und aus, mit ihm mußte jederzeit gerechnet werden. Dies ist eine Säule seiner innerparteilichen Macht.

Eine weitere ist seine Unersetzlichkeit auf der Bühne. Er ist mit Abstand der begabteste Rhetoriker unter den prominenten SPDlern. Es gibt nicht viele, die überhaupt in Worte fassen könnten, was derzeit sinnvoll zu tun ist. Gabriel hat es einfach getan.
Und damit seine dritte Säule errichtet: Er ist der Tribun der Frustrierten, Mann eins nach “Weiter-so”, das nicht ganz zufällig in engster phonetischer Nähe zu “Waterloo” liegt. Mut oder Machtwille, manchmal ist das einfach dasselbe, und als mutiger Machtmensch hat er mit wenigen Worten die Partei hinter sich gebracht.

Viertens gibt er den Verdrossenen Hoffnung. Ein kleiner Anti-Obama, der ähnliche Wirkung zeitigt, von dem man allerdings nach Jahren windiger Karrierekreuzfahrten auch etwas mehr Integrität erwartet. Daß Macht korrumpiert, man jedenfalls Ideale nicht einfach per Dekret verwirklichen kann, erfährt die Welt in Gestalt des US-Präsidenten. Gabriels Ideale sind weitgehend unbekannt. Vielleicht hat er ja welche.

In Zugzwang ist er allemal. Was er mit seinem Brief an die Leser angestoßen hat, ist nicht weniger als ein scharfer Schnitt durch das Selbstverständnis “sozialdemokratischer” Parteifunktionalität, verbunden mit einem Aufruf zur Basisdemokratie. Sollte sich das als leeres Wort und Mittel zum Zweck erweisen, es wäre eine Torpedosalve auf ein sinkendes Schiff. Anderenfalls hat die SPD eine echte und letzte Chance. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Kernkompetenz der FDP liegt nach Meinungsumfragen bei der Wirtschafts-und Finanzpolitik. Das belegt, daß Leser zumindest die stetig wiederholten Botschaften verinnerlichen. Es bestätigt, daß sie im Gros völlig ahnunglos sind, was sie mit den Experten der FDP wiederum eint. Womit wir bei der Wirklichkeit sind.
Die Kernkompetenzen der Partei sind nämlich Begünstigung, Mauschelei, Trickserei sowie das virtuose Wringen und Würgen Lohnabhängiger und Arbeitsloser. Resultat: Ein wirtschaftliches Fiasko.

Der beschlossene Schattenhaushalt ist eine Anleihe auf die Sozialversicherungsbeiträge der Zukunft. Diese sind jetzt schon völlig überhöht, ohne daß die Einzahler etwas davon haben. Die Krankenkassenbeiträge für gesetzlich Versicherte sind schon heute astronomisch, weil niemand die Kosten in den Griff bekommt. Nirgends verdienen dafür Pharmafirmen so leichtes Geld wie in Deutschland. Wenn sie das Geld nicht schnell genug gedruckt bekommen, päppelt man sie noch mit sinnlosen Impfkampagnen auf. Zahlen ja nur die blöden Arbeitnehmer. Damit die nicht zuviel Luft atmen, soll jetzt die Pflegeversicherung auch noch erhöht werden, ohne daß die Arbeitgeber sich an den Kosten beteiligen. Dafür darf es nach neoliberaler Art “kapitalgedeckt” sein, was heißt: Die Banken verdienen reichlich mit, abgesichert werden diese Deals durch weitere Steuergelder, die im Falle des (Aus-)Falles fällig werden.

Begünstigt werden wie gehabt Erben und Unternehmen. Das bißchen Steuersenkung, mit dem sich die FDP bald brüsten wird, holt sie sich doppelt und dreifach bei den Bürgern zurück. Nicht nur wie oben beschrieben, sondern zum Beispiel auch durch Besteuerung kommunaler Unternehmen. Das wiederum heißt nichts anderes, als daß die Gebühren (Müll, Wasser etc.) drastisch steigen werden. Wohnen kann sich bald niemand mehr leisten, die Nebenkosten werden die Mieter erschlagen.

So viel zum “Netto vom Brutto” – die Lebenshaltungskosten und Lohnnebenkosten werden da wohl nicht einbezogen. Aber was interessiert es einen Leistungsträger, ob er monatlich ein paar Peanuts mehr überweisen muß. Seine Beteiligungen machen das locker wett.
Der Lohnforderer, Kostenfaktor, der mit den schmutzigen Händen da unten, mag das anders sehen. Damit er auch Grund hat, sein eigenverantwortetes Schicksal zu beklagen, wird weiterhin dafür gesorgt, daß er möglichst wenig Brutto hat. Mindestlöhne soll es nur von Gnaden der FDP geben, was im TINA-Fall heißt, eben gar nicht.

Liebe Gartenfreunde, ich habe das nicht gewählt. Mir ist auch vollkommen schleierhaft, wer das war. Ich weiß ganz sicher, daß es nicht so viele Millionäre gibt. Immer wieder frage ich mich, wie man so besteuert sein kann, die FDP zu wählen. Überwindet der Neoliberalismus womöglich mit Nanoteilchen die Blut-Hirn-Schranke und nistet sich direkt in der Rinde ein, von der aus er genüßlich das graue Zeugs wegknabbert?
Immerhin hat dieses endzeitliche Aufbäumen der Ideologie, das im Bad-Banks-Only Armageddon münden wird, etwas sehr Demokratisches. Es werden alle darunter leiden. Nicht nur die, die etwas Besseres verdient hätten als diese Besserverdienenden.

Man weiß mal wieder, was drin ist: Eine Klatsche. Noch dürfen wir das Ei nicht pellen, aber heute klang es aus dem Inneren schon sehr nach etwas zum Basteln, das nicht wirklich gefällt.
HartzIV wird es in dieser Form nicht mehr geben, was wiederum weitreichende Folgen zeitigen wird. Und während die Nochregierer lavieren, die “Steuerzahler” müßten ja für das Existenzminimum irgendwie aufkommen, senken die anderen die Steuern und die Schulden, um damit am Ende Schulden und Steuern zu erhöhen. Hauptsache die Erben müssen nix abgeben.

Der Kern der Sache, daß es immer Menschen gibt, die nicht an den großen Topf rankommen und eben andere, die drin baden können, bleibt unangetastet. Die Neukoalitionäre haben im wahrsten Wortsinne keinen Plan, wie man das Dilemma lösen kann, darum tun sie, was sie können: Es verschlimmern. Keine Gnade für die Armen, kein Teilen mit ihnen durch die Reichen, schon gar keine Idee, wie man eine statistisch reiche Wirtschaft und Gesellschaft halbwegs gerecht organisiert.

Dabei ist es das, was sie erwartet, höchstrichterlich gesprochen: Die Forderung nach einem Minimum an Gerechtigkeit. Die Forderung, dem Begriff “Menschenwürde” eine Entsprechung in der Wirklichkeit zu verleihen. Die Propaganda gegen die angeblich Arbeitsscheuen und ihre nutzlosen Kinder mag verdummte Wähler beeindrucken. Die Verfassungsrichter hat sie bislang noch nicht erreicht.

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