Politik


Die CD mit den Daten von Steuerhinterziehern enthält offenbar Daten, die geeignet sind, eine Fahnung in Gang zu setzen. Über tausend Verdachtsällen werde nachgegangen, und es wird spekuliert, dadurch 400 Millionen Euro an Nachforderungen erheben zu können.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat den Kauf der CD betrieben, da dort offensichtlich die hessische Mathematik nicht greift. Danach würden 1100 Fälle nämlich nur 229.020 Euro einbringen. Da frage ich mich doch, ob irgendwo irgendwer nicht rechnen kann oder die Verbrecher nicht überall unwilkommen sind. Nein, eigentlich frage ich mich das gar nicht.

Die Argumente in den Auseinandersetzungen um Themen, die man früher als “politisch” bezeichnete, werden zunehmend rustikal. Der Damm ist längst gebrochen, der in Erinnerung an Auschwitz und andere Verbrechen, die man gern schon als “Geschichte” betrachtet, die übelsten Ausfälle der Hetzer zurückhielt. Was aus guten Gründen und zum Nutzen der Zivilisiation für eine kurze Zeit tabu war, gilt wieder als Schwäche und Gutmenschentum. Herrengehabe ist auf den Plan getreten und hat mit dem rechten Handrücken die Hindernisse vom Tisch gefegt, die dem freien Spiel der Verachtung im Weg lagen.

Diverse Rassentheorien, die mit angeblichen genetischen Dispositionen spielen und sich damit unmittelbar an die pseudowissenschaftliche Rassenlehre des frühen 20. Jahrhunderts anschließen, sind en vogue, und es fallen sogar Leute darauf herein, denen ich das nicht zugetraut hätte. Im Grunde wäre der Umgang damit einfach: Es darf niemals jemand aufgrund seiner angeblichen genetischen Disposition beurteilt oder diskriminiert werden. Seltsamerweise erkennt aber kaum jemand, daß “Vererbung” und “genetisch” Begriffe aus dem Baukasten der Rassehygiene sind, sobald sie in politische Diskurse eingebracht werden.

Ein Pool minderwertiger Gene

Dabei ist es nur zu offensichtlich, und schon die Art und Weise ihrer Präsentation ist verräterisch. Ein Beispiel dafür aus dem Blog eines Kollegen, der wohl einen ganz schlechten Tag hatte und unkritisch folgendes darlegte:

Da Intelligenz zu einem Großteil vererbt werde und nur zu einem geringeren Teil erlernt werden können, ist ein verbessertes Training jener ungebildeten Schichten auch keine überzeugende Lösung, obgleich es wünschenswert ist, ihnen so viel Fähigkeiten wie möglich zu vermitteln.

Mehr Unfug und Lügen gehen kaum in so wenige Worte. Das beginnt mit dem Begriff “Intelligenz”, von dem ich persönlich gar nichts halte, der sich jeder haltbaren Definition entzieht. Zu behaupten, etwas, das nicht definierbar ist – oder völlig widersprüchliche Definitionen hervorbringt – sei “vererbbar”, ist schon abenteuerlich. Daß Intelligenz zum größeren Teil vererbt als erlernt wird, entbehrt jeder Grundlage. Und während gar nicht erst danach gefragt wird, wie sich denn der zweifelsfrei variable Teil solcher Intelligenz gestaltet – das Lernen – wird unausgesprochen behauptet, dies spiele keine Rolle. Fazit: Die Unterschicht ist ein Pool minderwertiger Gene, die mindere Intelligenz reproduziert. Das ist ebenso dumm wie ekelhaft.

Soziale Selektion

Es ist hundertfach belegt – wenn es denn noch nötig sein sollte – daß Kinder aus ärmeren Familien schlechte Bildungsschancen haben. Soziale Selektion findet in Deutschland gerade völlig unabhängig vom Potential der Kinder statt. Betrachtet man sie als Angehörige einer gesellschaftlichen Schicht, potenziert sich dieses Handicap, weil sie sozial integriert sind. Sie bewegen sich in einem sozialen Umfeld, in dem es an Bildung mangelt und Mechanismen greifen, die Bildung regulär ersetzen. Anderes ist wichtiger, das, was man eben miteinander macht und mit dem man sich identifizieren kann. Das war übrigens schon immer so.

Zwei Beispiele aus meiner Familie:
Mein Vater hätte die Möglichkeit gehabt, ein Gymnasium zu besuchen. Er wollte das aber nicht, weil alle seine Freunde die Volksschule besuchten.
Ich selbst hätte die Möglichkeit gehabt, die zweite Klasse zu überspringen, wollte dies aber auch nicht. Ich hatte mich ja gerade in eine Klasse integriert und kannte von den Älteren niemanden.
Das sind nicht wahrgenommene Chancen, die es immerhin gab. Um wieviel schlechter haben es Kinder, denen solche gar nicht erst geboten werden und die Fremde wären, denen man ansieht, daß sie bei den besser Gebildeten nichts zu suchen haben!

Organisierte Diskriminierung

Aus meiner beruflichen Praxis könnte ich Bände erzählen von begabten und hochbegabten Kindern, die aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten in Regelschulen keinen Anschluß finden konnten und auf Sonderschulen entsorgt oder ausgeschult wurden. Wer in dieser Welt von genetischen Dispositionen faselt, will Menschen aussondern und ihnen die Schuld für das Versagen einer Gesellschaftsorganisation als persönlichen unkorrigierbaren Makel anhaften.

Geht es um “Migranten”, ist das schlicht Rassismus, betrifft es die “Unterschicht”, eben Klassenkampf von oben. Allemal handelt es sich um gewollte und organisierte Diskriminierung, die sich von faschistischer Hetze nur noch dadurch unterscheidet, daß die Vernichtung der Angehörigen dieser Volksgruppen nicht gefordert wird. Ob das dann schon Faschismus ist, darf man bezweifeln, es ist aber von einer demokratischen Gesinnung noch weiter entfernt.

Der doppelte Skandal

Der Skandal der Renaissance vulgärgenetischer Diskriminierung wird flankiert vom Totalversagen eines Bildungswesens, das auf wirtschaftliche Verwertung abgestellt ist und nicht einmal diese leistet. Die dröhnenden Behauptungen der politischen Eliten, man wolle Bildungschancen verbesssern, geraten zum blanken Zynismus angesichts der Praxis an den Schulen und der demagogischen Dauerbeschuldigung der Abgehängten, denen man gleichzeitig ihre moralisch Verkommene Unwilligkeit vorwirft und ihnen die Chancenlosigkeit in die DNA einschreibt. Allein dieser kreischende Widerspruch sollte das Blaulicht kreisen lassen, der feste Wille zur Herabwürdigung betäubt aber erfolgreich Sinne und Verstand.

Die entscheidende Frage ist die, ob man eine Unterschicht etablieren will, der man keine Würde mehr zuerkennen mag oder endlich eine Revolution des Bildungswesens in Angriff nimmt, an deren Ende eine Gesellschaft ohne geborene Versager stünde. Man hätte es dann freilich mit Menschen zu tun, die nicht mehr als lethargische Paria durchs Leben schlurfen und sprachlos in ihre eigene Entwürdigung einwilligen. Sie könnten sich womöglich als undankbar erweisen und sich politisieren. Obendrein hätte man nicht weniger Arbeitslose als heute und niemanden mehr, dem man das in die Schuhe schieben kann. Ein gefährliches Spiel für die Eliten von heute.
Die Weichen sind aber längst anders gestellt, und mich beschleicht eine sehr reale Angst, daß eines Tages wieder Züge Rollen.

Ob Sarrazin in diese SPD paßt oder diese SPD zu Sarrazin, war nicht wirklich Gegenstand der Erörterung der Schiedskommission, die über einen Parteiausschluß des widerlichen Hetzers zu beschließen hatte. Die Begründung:

Sarrazin sei auch deshalb nicht rassistisch, weil er nicht alle Migrantengruppen gleichermaßen abgewertet habe.

Wenn also nur die Araber Schweine sind, die Juden minderwertig oder die Slaven menschlicher Dreck, dann ist das kein Rassismus. Rassismus ist, wenn alle gleich behandelt werden. Was lernen wir daraus: Die Nazis waren gar keine Rassisten.
Der Ausschuß tagte unter Ausschluß der Intelligenz, Gehirn und Rückgrat waren an der Garderobe zu hinterlegen.

Die perfideste Strategie der Verführung ist die Illusion von Alternativen, die Vorspiegelung scheinbarer Gegnerschaft, um dem unmündigen Pöbel eine Entscheidungskompetenz zu suggerieren, wo es nichts zu entscheiden gibt. Das dumm gehaltene Wahlvolk kennt das schon: Da polemisieren Politikvertreter gegeneinander in der vorgetäuschten Absicht, ihre Programmware als überlegene Artikel anzupreisen und die Angebote der Konkurrenz als üblen Ramsch zu brandmarken. Nach der Wahl stellt sich dann heraus, daß es nicht nur sinnlos ist, eine Partei zu wählen, weil eine andere nicht regieren soll, sondern daß weder Programm noch Wahlversprechen irgend eine Rolle spielen, sobald die Stimme des übertölpelten “Souveräns” zum Schweigen gebracht wurde.

Auf die Spitze treiben es derzeit die Großdealer billiger Elektrowaren, die ihre Kunden als blöde Geizlinge zu bezeichnen pflegen. Mediamarkt läßt den unsäglichen Mario Barth pöbeln, Saturn verstehe nichts von Technik, während die Rockruine Alice Cooper sich in den Mund legen läßt, Saturn-Kunden seien nicht blöd und eben darum keine Kunden der ‘Konkurrenz’.
Sie dürften recht haben mit der Behauptung, ihre Kunden seien blöd und der Anbieter habe keine Ahnung von Technik. Daß Mediamarkt und Saturn ein und dasselbe Unternehmen sind, hat sich aber noch nicht herumgesprochen?

Wie würdelos sind Konsumenten, die sich derart verhöhnen und verkaspern lassen? Und ist es womöglich ein Erfolg der Resterampe politischer Ramschfiguren und ihrer schamlosen PR, daß sich Konzerne bemüßigt fühlen, dem verachteten Konsumentenvieh das finale Feedback in Form dieser Umverschämtheit in die Ohren zu kreischen?

Ich habe nie recht verstanden, wie sich die FDP einen derart talentfreien Vorsitzenden leisten konnte, denn im Gegensatz zu seinen Claqueuren und ‘elitären’ Anhängern in Wirtschaft und Medien habe ich mir schmerzvolle Jahre lang angehört, was der Mann so gesagt hat. Außer rhetorisch höchstens mittelmäßig verpackten Stereotypen habe ich nie etwas von ihm gehört oder gelesen, das ihn als politisches Gewicht qualifiziert hätte. Ich habe allerdings kaum zu hoffen gewagt, daß er sich in einem solch atemberaubenden Tempo selbst demontieren würde.

Seine Selbstherrlichkeit der Guy d’Eau

Seine Selbstherrlichkeit ist keine Eigenschaft mehr, sondern ein Titel. Im Gegensatz zu den Klügeren unter seinesgleichen hat er nicht nur an die eigenen Plattitüden geglaubt, sondern sich auch eingebildet, er sei eine unverzichtbare Größe in der deutschen Politik. Wie sich jemand mit der ihm eigenen Dünnhäutigkeit und seinem eindimensionalen Weltbild ausgerechnet den Job des Außenministers aussuchen konnte, wäre kaum zu erklären, wenn man ihn ernst nähme. Es kann nur die Fehleinschätzung gewesen sein, auf diesem Posten werde man automatisch beliebt. So simpel ist der Mann gestrickt.

Der oberste Diplomat ist so ignorant zu glauben, er und seine Partei könnten die Regierung zum Selbstbedienungsladen mit Flatrate machen, und jede Kritik daran würde von allen stets als linke Demagogie abgetan werden.
Er ist die Freiheitsstatue, verkörpert Demokratie, Freiheit und überhaupt das Gute in einer Welt, die durch den Sozialismus bedroht ist. Er ist felsenfest im Glauben an einen “linken Zeitgeist“, dem jeder Zweifel an ihm nur entspringen kann. Paranoide Züge, die ihm keinen Spielraum lassen für Besinnung oder auch nur ein zaghaftes Innehalten.

Die Grenzen arroganter Machtausübung

Seine Reaktion auf die Diskussion über die Vetternwirtschaft der “Familie” unterscheidet sich durch nichts von der weltfremder Kardinäle, die Verfehlungen ihrer Kirche nur dem lasterhaften Treiben Ungläubiger ankreiden können. Mit dieser Haltung kann man kaum kniefällige Katholiken im Zaum halten, als Außenminister ist man damit keine lahme Ente mehr, sondern schon eine gebratene. Je mehr Details über Westerwelles Gutsherrenart bekannt werden, desto wütender schlägt er um sich und trifft längst auch Teile derer, denen er seine Macht zu verdanken hat. Daß selbst Berlusconi sich solche Marotten nicht uneingeschränkt leisten kann, würde jeden stutzig machen, der um die Grenzen arroganter Machtausübung weiß. Westerwelle weiß das nicht. Er ist Außenminister, er hat das Recht, vom Volk geliebt zu werden.

In der Opposition konnte er sich, getragen von neoliberalen Seilschaften, alles erlauben. Jedes durchsichtige Versprechen und jede rüde Attacke gegen die Feinde der Leistungsträger, deren oberster Repräsentant er zu sein glaubt. So etwas kann man in einer Provinzregierung ausleben, und vielleicht gibt es in Hessen noch einen Posten für ihn, wo es zum gut ministeriellen Ton gehört, hemmungslose Begünstigung über geltendes Recht zu stellen.

Neue Dimensionen der Peinlichkeit

Ein weiteres Highlight der Beschränktheit aggressiven Krisenmanagements à la Westerwelle ist der Versuch, dem achso tumben Kurt Beck ans Bein zu pinkeln. Der steht freilich wie eine Eiche und schert sich nicht darum, welche Sau sich an ihm reibt.
Es gäbe für den Guy d’Eau, den wir nicht wirklich vermissen würden, zwei Möglichkeiten: Eine davon wäre ein geordneter Rückzug, der in einem geschickt verpackten Rücktritt mündete. Da er aber Einsichtig ist wie ein Esel hinter Milchglas, wird er es darauf anlegen, gegangen zu werden.

Was ihm droht, sind neue Dimensionen der Peinlichkeit. Sollte sogar die Nichtregierungs-Kanzlerin ihn entlassen oder die Koalition platzen lassen, ginge er als größter Ministertrottel der Bundesrepublik in die Annalen ein. Das ist nicht zu erwarten.
Sollte er bleiben, wird er qualvolle Jahre unter der Narrenkappe verbringen. Eine recht originelle Interpretation von “Freiheit”, die er dann endlich verkörpern würde.

Kritik an Guido Westerwelle ist demokratiegefährend und schwulenfeindlich, meinen die schwulen Demokraten der FDP. Ich habe herzhaft gelacht, als ich diese verzweifelt-dämlichen Paraden der Selbstbedienungs-Experten las. Konsequenterweise müßte es ein Gesetz gegen die Beleidigung der Bundesfreiheitsstatue geben – jede Kritik an ihr wird mit Kerkerhaft bestraft. Die will ich mir flugs verdienen: Wäre Guido Westerwelle so schwul wie er korrupt ist, er wäre der Renner bei Youporn. Weiß da jemand mehr als ich?

Im Verständnis der FDP ziemlich schwul müßte alternativ die Kürzung der Mittel bei der Bundesagentur für Arbeit sein. Gegen Arbeitslose hetzen und ihnen dann die ohnehin armselige Förderung streichen, das ist wahrlich abartig. Die Breidemokraten erwecken nachhaltig den Eindruck, man hätte ihnen heftig ins Hirn gevögelt. Aber ist das “schwul”?

Wenn der Qualitätsjournalismus heute von “Selfmade-Milliardären” albert, kann ich micht mehr wirklich mitlachen. Bei einem Stundenlohn von acht Euro und einer 40-Stunden-Woche muß der Empfänger eines solchen – viel zu hohen – Mindestlohnes etwa 68.000 Jahre für seine erste Milliarde arbeiten. Vorausgesetzt natürlich, er hat keinerlei Ausgaben und Abzüge.

Die allermeisten der Top-Leistungsträger sind freilich Erben. Leider ist es nicht möglich, Erbschaften und Vermögen höher bzw. überhaupt zu besteuern. Insofern ist es natürlich richtig, die soziale Marktwirtschaft nicht durch Mindestlöhne zu ruinieren. Ganz zu schweigen von den Parasiten, die mehr als 359 Euro monatlich fürs Nichtstun verlangen. Dafür hat der ärmste Milliardär schließlich mehr als 230.000 Jahre geackert. Oder so.

Amokläufer Sarrazin hat tatsächlich seine genialischen Momente. Sein irrwitziger Vorschlag, bei nicht erledigten Hausaufgaben das Kindergeld um die Hälfte zu kürzen, dürfte unschlagbar sein. Eine so kompakte Idee, die gegen mehr Gesetze verstößt, wird sich kaum finden. Wer so unegeniert öffentlich auf den Rechtsstaat scheißt, uriniert sicher auch in die Kühltheke des Supermarkts, wenn ihm die Natur kommt.

Die FTD nimmt den “Sozialdemokraten” und Bundesbank-Vorstandsclown nicht ernst und verweist lustlos darauf, daß die Schüler das Kindergeld ja nicht selbst ausbezahlt bekommen. Ein hilfloser Versuch, dem zelebrierten Schwachsinn mit Argumenten beizukommen.
Was soll’s, Leistungskürzung ist Leistungskürzung, und die ist jenseits jeder Anwendung von Verstand oder menschlicher Regung für fromme Neoliberale das Nonplusultra.

Bei SpOn dürfen Andreia Tolciu und Michael Bräuninger daher diesem Fetisch ebenfalls ungehemmt frönen. Es sei schlecht für die “Arbeitsmoral” der Niedriglöhner, wenn die Hartz-IV-Sätze auf das Niveau des Existenzminimums angehoben würden. Wenn es sich wirklich durchsetzte, daß der Bezug von Hilfen zum Lebensunterhalt für Arbeitslose als normal gilt, entstehe ein “Teufelskreis” der umoralischen Faulheit, der aus freiwillig Ausgebeuteten quasi willige Freibeuter des Sozialstaats macht:
Dadurch steigt die Arbeitslosigkeit und wird gesellschaftlich tolerabler“.
Sklaven, die nicht gepeitscht werden, arbeiten nämlich nicht mehr als nötig. Wo kämen wir hin!

Angesichts der verzweifelten Beiträge zur Debatte um die Entsorgung unserer Reststoffwechsler offenbart sich ein tiefgreifendes juristisches Problem. Mit Gesetzen kommt man der Endlösung der Arbeitsfrage nicht näher, solange die roten Gutmenschen aus Karlsruhe jeden konsequenten Ansatz mit ihrer paranoid-querulatorischen Rechtssprechung zunichte machen.

Die anderen dinieren im Kanzleramt. Der gute Gerwerkschafter Berthold Huber, der bei seinem “Tarifpartner” und INSM-Häuptling Kannegiesser um nierdige Löhne gebettelt hat, darf wie Jo Ackermann seinen Geburtstag bei Mutti und ihren Schnittchen feiern. Mit dabei sind u.a. Kannegiesser selbst und Siemens-Chef Löscher. Letzterer vielleicht aus Dankbarkeit, weil Huber dessen Vorgänger von Pierer keinen Streß gemacht hat, als der im Sumpf der Korruption versank.

Die große Waschmaschine am Spreebogen ist noch immer ein toller Partykeller für die Genossen von den Bossen. Das beschauliche Schulterklopfen ist ein Hochgenuß für jeden Emporkömmling, der eine Fallhöhe erreicht hat, aus der die Kollegen aussehen wie Ameisen. Dazugehören ist alles, wer hier bewirtet wird, wird anerkannt – vornherum. Das Hohnlachen erfolgt stets höflich erst, wenn er wieder weg ist. Ein Stündchen auf zwei darf sich Huber zu seinem Sechzigsten wichtig fühlen. Für die wirklich Wichtigen wird er ein Dreigroschen-Opa bleiben. Sie lassen es ihn bloß nicht merken.

Hannelore Kraft hat ein großes Herz. Für Jürgen Rüttgers zum Beispiel, den sie offenbar partout nicht ablösen will. Ihre mitten im Wahlkampf ausgesprochene Idee, Langzeitarbeitslose “sinnvoll” zu beschäftigen, etwa indem man ihnen einen Besen in die Hand drückt und sie die Straße fegen läßt, ist ein Trauerspiel, von dessen Dimensionen sie weniger ahnt als die Sense, mit der sie durch die Hälse ihrer Nichtwähler fährt.

Sie wäre die Nachfolgerin von Peer Steinbrück und Wolfgang Clement. Sie tritt für die Partei an, der die “Hartz-Gesetze” zu veranken sind, von denen sich Arbeitlslose zu oft mit Fug und Recht drangsaliert und herabgewürdigt fühlen. Auch sie ist so abgehoben, daß ihr offenbar nicht einmal blaß schimmert, wie sehr sich Menschen von ihrem Vorschlag bedroht fühlen.

Fordern statt Fördern

Wenn sie sagt, rund ein Viertel der Langzeitarbeitslosen werde nie mehr einen regulären Job finden, mag sie im Kern recht haben. Was aber sind ihre Motive? Das Fördern scheint sie in der Tat aufzugeben. Wenn sie jetzt ihr Angebot an die Unvermittelbaren macht, muß jeder, der damit konfrontiert wird, dies aus schlechter Erfahrung gleichwohl als Forderung auffassen. Damit stellt sie sich in die Reihe derer, die für den Niedergang der Sozialdemokratie verantwortlich sind und erhärtet den Verdacht, Langzeitarbeitslose sollten beliebig ausgebeutet werden dürfen – und damit gleichzeitig Druck auf die Löhne in legalen Arbeitsverhältnissen ausüben.

Viel mehr kann man nicht falsch machen. Das analytische Urteil, daß Millionen gar keine Chance haben, ein “Erwerbsleben” zu führen, wäre richtig, setzte man es denn in den richtigen Zusammenhang. Selbst den Tatendrang der Abgehängten aktivieren zu wollen, könnte dann richtig werden. In einer längst überbordenden Atmosphäre von Angst, Erniedrigung und Ungerechtigkeit geraten all diese Aspekte aber zu einem weiteren Gewicht an den Ketten eines Heeres potentieller Sklaven.

Eine Klasse für sich

Arbeit ist ein sekundäres Grundbedürfnis des Menschen. Er will sich erleben als Wesen, das seine Lebenswelt gestaltet. Er will etwas schaffen, den Erfolg seiner Mühen sehen und sich damit identifizieren. Von diesem Bedürfnis lebt jede Zivilisation, und es ist sogar möglich, eine friedliche Gesellschaft zu organisieren, die jene duldet, welche sich an der Tatkraft derjenigen bereichern, die als Gegenleistung nicht mehr als die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse einfordern. In einer unerhört reichen Gesellschaft ist es unerlässlich, diesen Menschen die Angst zu nehmen vor Zwangsarbeit und Aussonderung. Selbst ein bescheidener Restverstand erkennt, daß die Flucht in Sucht, Depression und Apathie die logische Folge stetiger Diskriminierung und Hoffnungslosigkeit ist. Und daß jeder Ansatz, der Arbeit “anbietet” und Ängste schürt, kontraproduktiv ist.

Was Hannelore Kraft vorschlägt, kann nur funktionieren, wenn ein Bedingungsloses Grundeinkommen in ausreichender Höhe gegeben ist. Dann und nur dann kann man sich Gedanken darüber machen, wie man Tatendrang und Kreativität der Menschen so organisiert, daß die bislang Abgehängten wieder produktiv werden. Sie wären endlich nicht mehr eine Klasse für sich, sondern Teil einer Gesellschaft, die Gefallen findet an der Schaffenskraft aller und endlich akzeptiert, daß es gut ist, etwas zu tun, wenn etwas zu tun ist und nicht schlecht, seine Zeit mit Muße zu verbringen, wenn es getan ist.

Trauerarbeit

Es wäre dann vorbei mit dem faulen Pack, das sich riesige Plasmabildschirme und neueste Spielekonsolen leistet, sich täglich besäuft und sein Elend im Gepöbel seines falschen Stolzes auslebt. Sie wären bereit, anzupacken, mit der Einschränkung freilich, daß ihr Tun einen Sinn hat und sie nicht wahlweise zu Robotern degradiert würden oder als unwert zu gelten hätten. Sie wollen nicht viel haben, aber etwas sein dürfen und über ihr Tun und lassen selbst entscheiden.
Keiner von ihnen will sich nutzlos fühlen und sein Leben mit billiger Unterhaltung füllen, bis er spurlos ein verschwendetes Leben hinter sich läßt.

Die “Sozialdemokratie” sollte wieder lernen, um die unbekannten Toten dieses Lebens zu trauern. Dann wäre sie wieder imstande zu erkennen, daß “Wähler” nicht nur Zahlen in Statistiken sind, sondern lebendige Wesen mit Herz, Hirn und Willen. Davon Gebrauch machen zu dürfen, ist ihre Freiheit. Wer Menschen nur verwalten will, vergewaltigt sie. Die SPD hat diesen Zusammenhang bei aller sich aufdrängenden Nähe der Begrifflichkeiten noch immer nicht erkannt.

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