Friedensnobelpreis für Bradley Manning!
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17. Dez 2010 11:51
17. Dez 2010 11:51
Wen das “Time Magazine” für den Mann des Jahres hält, kann einem eigentlich am Arsch der Woche vorbei gehen. In diesem Jahr stehen sich aber zwei Gestalten gegenüber, deren Bedeutung unterschiedlicher kaum sein könnte. Die Protagonisten selbst, Zuckerberg und Assange, sind sich in einigem gar nicht so furchtbar unähnlich, während der eine aber meist als autistischer Nerd beschrieben wird, hat der andere es eher mit der publikumsträchtigen Variante des Narzissmus.
Die beiden stehen für diametral entgegengesetzte Konzepte von Transparenz, der eine für den gläsernen Menschen im Netz, der andere für die gläserne Macht dank Netz. Der eine ist ein gewissenloser Kapitalist unter der Maske eines naiven Wohltäters, der andere ein manischer Manager des Geheimnisverrats. Der eine also gut – im Sinne der neuen Weltordnung ihrer alten Herren – und der andere böse.
Facebook trampelt auf der Intimsphäre seiner Nutzer herum wie das SEK bei der morgendlichen Hausdurchsuchung. Die User dort sind Kunden und Produkt gleichzeitig, alles, was sie von sich geben, muss raus. Alles ist käuflich und wird verkauft. Wer da nach Rechten und Datenschutz schreit, ist ein Miesmacher, Gutmensch und Feind des freien Marktes. Die Gegner Zuckerbergs sind auch gegen Amerika.
Genauso wie die Freunde und Förderer von Wikileaks. Amerika wurde mehr als einmal verraten, erst im Krieg und dann auch noch im Frieden. Der Staat und seine Vertreter, die Abgesandten der Finanziers ihrer Wahlkämpfe, die Hinterzimmerdiplomatie der unilateralen Weltmacht, durchleuchtet und der Öffentlichkeit preisgegeben. Solche Transparenz verabscheut das freie Amerika, dessen Freiheit seit Bestehen ganz vorne an die ist, Kriege zu führen und Ränke zu schmieden. Ein Mann wie Julian Assange, eine Organisation wie Wikileaks, das darf keinesfalls in einen positiven Zusammenhang gesetzt werden. Assange ist schlimmer als Bin Laden. Assange ist gefährlich.
Dass sein Gegenpol Zuckerberg stattdessen gehypt wird, weist darauf hin, dass die Revolution im Netz und durch das Netz ausbleibt. Zuckerberg steht für die alten Mächte, die Verachtung der Bürger durch die Eliten und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Ein Bub, den man einfach lieb haben muss.
Das Nähere regelt die nähere Zukunft. Denn ob die Machthaber und ihre journalistischen Zuarbeiter das mögen oder nicht, Informationen lassen sich nicht mehr ohne weiteres unterdrücken. Egal, ob sie Assange hängen und Zuckerberg zum Präsidenten wählen – etwas hat sich geändert. Etwas, das man nicht einfach kaufen, benutzen und wegwerfen kann.
12. Dez 2010 17:58
Sicher werden die meisten bereits vom neuen JMSTV gehört haben, jenem “Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz“, mit dem sich die politische Elite in diesem Land wieder einmal eine Kugel gibt. Dass die mitten durchs Hirn pfeift und hinten wieder austritt, ist deren Glück. Das beeinträchtigt nicht weiter und führt nicht einmal zu Gewichtszunahme.
Über den Staatsvertrag, dem von allen Bundesländern zugestimmt werden muss, ist eine Menge zu sagen, ich will mich inhaltlich aufs Gröbste beschränken. Grobe Beschränkung ist ja auch in jeder Hinsicht der Kern der Sache:
Es geht vordergründig darum, Angeboten im Internet einen Stempel aufzudrücken, anhand dessen man ersehen kann, für welche Altersgruppe die jeweiligen Angebote noch geeignet sind. Es werden bürokratische Auflagen gemacht, die ggf. mit Aufwand und Kosten verbunden sein werden und sich somit einmal mehr an kommerziellen Angeboten orientieren. Dem Ganzen liegt die Ansicht zugrunde, Internet sei auch bloß Fernsehen, und – ‘das ist Deutschland hier’ – um 22 Uhr schicken wir die Kinder ins Bett.
Dimensionen der Inkompetenz
Konkret: Alle Inhalte von Webangeboten müssen künftig mit einer Altersfreigabe gekennzeichnet werden und dürfen z.T. erst ab 22 Uhr online gestellt werden. Dies ist keine Übung. No Joke.
Obendrein muss ein “Jugendschutzbeauftragter” benannt werden, der im Impressum angegeben wird. Kommentare dazu gibt es bereits reichlich (Blogger bitte hier entlang), ich schließe mich dem Tenor an und stelle fest: Die Dimensionen der Inkompetenz unseres Staatsrats haben wieder einmal jedes Plansoll übererfüllt.
Was einem aber endgültig den Kaffee aus der Tasse haut, ist das Verfahren, mit dem dieser Schwachsinn durch die Länderparlamente geprügelt wird bzw. die verlogene Waschlappenmentalität, mit der die Parteien da auftreten. Wohl wissend, dass ihnen jeder halbwegs orientierte Bürger diesen Mist am liebsten um die Ohren hauen würde, bilden sie einen Kreis. In dem glaubt dann jeder, er könne sich hinter dem Vordermann verstecken, und wenn alle umfallen, ließe sich nicht mehr feststellen, wer dafür verantwortlich ist.
Einige Beispiele: In Berlin machen die Grünen eine große Welle gegen das Gesetz, während die Linke, die überall sonst dagegen ist, dort nicht gegen den JMSTV stimmt – sie habe es dem regierenden OB Wowereit halt versprochen. Im Saarland stimmt die komplette Regierung aus CDU,FDP und FDP2 (Ulrichs Grüne) dafür, obwohl die Grünen ja eigentlich dagegen sind und die FDP auch. Die allerdings auch nur dort, wo sie nicht regiert, zum Beispiel in NRW.
Der Wahnsinn steht am Steuer
Hier wird der Landtag gleich komplett mit Gummi ausgekleidet, der Wahnsinn steht am Steuer und hält kichernd aufs Riff zu: Die Minderleistregierung aus SPD und Grünen will sich enthalten! “Nicht-Zustimmung” nennen die grünen Mitmacher das, wenn man der CDU-Restmehrheit die Zustimmung zum JMSTV überlässt. Dann sind die schuld. Breitmaulfrösche? Hier gibt es keine Breitmaulfrösche!
In Schleswig-Holstein hat immerhin ein pfiffiger Bürokrat, vermutlich AStA-gestählt, für eine Ablehnung der Novelle im zuständigen Ausschuss gesorgt – gegen die Regierungsmehrheit. Ob das einen Einfluss auf die Entscheidung hat? Wohl kaum.
Wir steuern also auf eine bundesweit geltende Regelung mit fataler Wirkung zu, die endlich wirklich niemand gewollt haben wird, die Bürger sowieso nicht, die Fachleute nicht und die Hampelmänner in den Parlamenten auch nicht. Sie berufen sich diesmal auf Zwänge, deren Urheber ihnen völlig unbekannt sind. Eine kollektive Neurose offenbar.
Die anderen dürfen raten oder warten, bis irgendwer leakt, wessen Geisterhand die Strippen da zieht, wer also die Urheberrechte hat am zwanghaften Handheben der psychisch zerrütteten politischen Handlanger. Und bei den nächsten Wahlen wieder diejenigen an die Tröge wählen, die nicht nur dokumentieren, dass sie nicht wissen, was sie tun. Sie tun inzwischen nicht einmal mehr, was sie angeblich wollen.
09. Dez 2010 17:30
In den Argumentationen der Neoliberalen taucht regelmäßig die Vokabel “Ergebnisgerechtigkeit” auf, wenn es darum geht, die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit abzuwehren. Verbunden wird das gern mit dem Vorwurf einer “Vollkaskomentalität” – so spricht etwa Thomas Straubhaar (INSM) gern von einer “Vollkaskoversicherung für alle oder eine Ergebnisgerechtigkeit, die allen den gleichen Lebensstandard verspricht“. Ihnen liegt die (freilich immer nur behauptete) “Chancengerechtigkeit” am Herzen, die Vorstellung also, alle stünden auf derselben Startlinie und seien fortan für ihr Schicksal selbst verantwortlich.

Dass dies schon grober Unfug ist, weiß jeder, der sich mir den gesellschaftlichen Realitäten befasst. Die Faustregel der Wirklichkeit lautet: Wer reich geboren wird, bleibt reich, wer arm geboren wird, bleibt arm. Und selbst wenn es anders wäre, bedeutete Chancengerechtigkeit, dass die Schnellen davonziehen und die ohne Beine halt sitzen bleiben. “Gerecht” ist da gar nichts.
Im Kern auch dieses Propagandainstrumentes steckt ein überzeichneter Aspekt sozialer Wirklichkeit. Es spielt freilich auf niedere Motive an, in diesem Fall vor allem auf einen verdrehten Neid. Es könnte ja jemandem gut gehen, obwohl er nichts tut. Es könnte sein, dass jemand für weniger Arbeit mehr Geld bekommt. Und während das ja absolut stimmt und eigentlich gegen die unerhörte Bevorteilung der geneigten Oberschicht spricht, findet es Anwendung ausgerechnet auf die Ärmsten. Die seien faul und hätten das Nötigste nicht verdient. Im gleichen Atemzug nennt man die Kritik am mehrtausendfachen Einkommen der Reichsten eine “Neidkampagne”. Willkommen im Irrenhaus!
“Ergebnisgerechtigkeit”, die also nachher etwas nivelliert ohne Rücksicht auf das, was vorher geleistet wurde, gibt es durchaus. Sie wird sogar im Voraus festgelegt, man nennt das “Vertrag” oder auch “Gehaltsvereinbarung”. Egal, ob die Bank nachher pleite ist, der Konzern zerschlagen oder der Betrieb ruiniert, es wird bezahlt wie vereinbart.
Das Volkseinkommen und dessen Verteilung aber soll nicht einmal annähernd ausbalanciert werden dürfen. Jeder Eingriff in die Schieflage der Verteilung sei böse “Ergebnisgerechtigkeit”, Sozialismus, Kommunismus, Teufelszeug. Das wird selbst dann noch so propagiert, wenn für jedermann erkennbar die Umverteilung nach oben längst ein katastrophales Maß erreicht hat.
Das Spiel ist äußerst durchschaubar, und wer noch immer nicht davon überzeugt ist, dass etwas nicht stimmt in den Medien und der öffentlichen Kommunikation, sollte angesichts dieser Begriffsverwirrung doch ebenfalls stutzig werden. Oder hört schon niemand mehr hin, wenn es um Arm und Reich geht in diesen seltsamen Zeiten?
Als ich neulich am Kiosk Kippen kaufen war, erklärte ich dem Inhaber:
“Zwischen der Entgegennahme der Ware und der Aushändigung des Geldes besteht kein Zusammenhang!”. Sonst gerate ich noch in den Verdacht, zu rauchen.
Auch “bei CDU und FDP heißt es übereinstimmend, einen Zusammenhang zwischen den Spenden und der Regierungsarbeit gebe es nicht“.
Bis 1989 war es in der BRD möglich, moderate Kritik an der Verteilung von Reichtum zu üben, ohne sofort als Kommunist oder Sozialist zu gelten. Solche Kritik wurde auch regelmäßig und heftig von Sozialdemokraten geübt, unter dem Stichwort “soziale Gerechtigkeit”. Zwar war schon 1982 mit dem Lambsdorff-Papier die neoliberale Wende durch die Kohl-Regierung eingeleitet worden, aber es gab noch eine Opposition, die Zweifel an der naturgegebenen Gerechtigkeit der Vermögensverteilung hegte.
Der Sozialismus war ‘drüben’, und weil es ihn dort gab, war es zumindest unstrittig, dass das Böse (Kommunismus) nicht automatisch die Weltherrschaft antritt, wenn die Verteilung von Einkommen und Vermögen nicht unkontrolliert dem Markt und damit den Reichen überlassen wird. Soziale Unterschiede gab es nämlich auch im Osten, und höhere Löhne waren nicht gleichbedeutend mit ‘Mauer und Stacheldraht’, wie jeder sehen konnte.
Dieser Unfug hat sich erst in den politischen Diskurs eingeschlichen, nachdem der ‘real existierende’ Sozialismus sich erledigt hatte und der Feind in Form der PDS sich als Sündenbock im Inneren anbot. Alles, was deren Vertreter fortan sagten, durfte als Gegenteil des Guten angenommen werden, womit vor allem neoliberalen Extremisten gedient war. Deren Verklärung des Privateigentums zum Heiligtum und zur Freiheit an sich war auch deshalb so erfolgreich, weil die Propaganda es im Dualismus ‘Eigentum vs. Unfreiheit’ verpackt zur Erlösung von der Diktatur aufbauschte.
Geschichtsklitterung
Die Geschichtsklitterung, die ‘liberale’ Experten mit dem Recht auf Eigentum betrieben, muss hier nicht noch einmal kommentiert werden, Interessanter ist da schon der Weg in einen Jargon der Eindimensionalität, den die kapitalistische Propaganda genommen hat, um es am Ende der kommunistischen gleichzutun. Was dem Erich sein “Ochs und Esel”, “Völkerfreundschaft”, “Bruderstaat”, “Arbeiter und Bauern” und der Endsieg des Sozialismus, sind der Angela und ihren Brüdern “Leistungsträger”, “Wachstum”, “Vollbeschäftigung”, “Fordern und Fördern” et cetera. Seit dreißig Jahren dasselbe Lied. Die DDR ist nur 40 geworden, wie lange werden wir uns das noch anhören müssen?
Die gegebenen Zustände sind auch ein Resultat des Kalten Krieges, der sich wie ein Phantomschmerz fortsetzt. Natürlich wissen die Verfechter der umgehemmten Bereicherung, dass die Verherrlichung des Privateigentums nur im Interesse der Reichen sein kann. Dass die Propaganda aber noch nicht längst zum Gespött geworden ist, liegt an ihrer Verbindung zum Kampf gegen den Sowjetkommunismus. Ist das ein Grund, diese Gruselshow weiter zu bedienen?
Niemand, nicht einmal die Kommunisten der linken Resterampe, haben etwas gegen Privateigentum und persönlichen Besitz. Die Mär, man müsse noch die Zahnbürste mit dem Nachbarn teilen, wenn man dem Sozialismus einen Fußbreit weicht, darf in Rente geschickt werden. Zumal, wenn Lohnerhöhungen und Erbschaftssteuer schon als “Sozialismus” gelten. Doch, es gibt einen Unterschied zwischen der Besteuerung von Riesenvermögen und der Enteignung aller Fleißigen. Das sind sogar nachgerade Gegensätze.
Eine völlig falsche Analyse
Es ist eine Projektion aus dem Kalten Krieg und eine völlig falsche Analyse des Ost-Sozialismus, zu behaupten, mit Einschränkungen privaten Erwerbs seien Diktatur und wirtschaftlicher Niedergang verbunden. Im Gegenteil ist es vielmehr richtig, dass dogmatisch geprägte Gesellschaftsstrukturen dem Untergang geweiht sind. In einer Übergangsphase können solche gesellschaftlichen Verhältnisse durch die Errichtung einer Diktatur noch konserviert werden, sie korrigieren aber nicht die Fehlfunktionen, an denen sie scheitern.
Der Ostsozialismus scheiterte an der manischen Kontrollwut der Nomenklatura. Es sollte nichts sein, was nicht der Partei gefiel. Somit verengte sich die Wirtschaft auf Abläufe, die ineffizienter kaum sein konnten. Übrigens hat sich diese Oberschicht durchaus bereichert und betrachtete im Zweifelsfall gleich den ganzen Staat als ihr Privateigentum. Da tun sich gewisse Ähnlichkeiten auf.
Wenn Privateigentum motivieren und zur wirtschaftlichen Tätigkeit anregen soll, muss es möglichst breit verteilt sein. Es muss jedermann möglich sein, welches zu erwerben. Je mehr Menschen etwas übrig haben, um sowohl zu konsumieren als auch zu investieren, desto stabiler ist ein marktwirtschaftliches System aufgestellt. Sobald also eine nennenswerte Schieflage entsteht in der Verteilung von Einkommen und Vermögen, wäre es klug, gegenzusteuern.
Den Fleißigen nehmen, den Faulen geben
Das hat nichts damit zu tun, dass man dann den Fleißigen etwas abnimmt und es den Faulen gibt, sondern mit klarer Analyse und guten Ideen zu einer Stabilisierung der Wirtschaft. Die Mittel dazu sind vielfältig und müssen der jeweiligen Situation angepasst sein. Zur Alimentierung der Faulpelze sei an dieser Stelle angemerkt, dass es tatsächlich ein Skandal ist, wie etwa überlastete Krankenschwestern und Pfleger die fetten Shareholder der Privatkliniken alimentieren.
Das System steht am Rande des Zusammenbruchs, das räumen inzwischen sogar Ökonomen ein, die sich das vor ein paar Jahren noch nicht hätten vorstellen können. Woran es liegt, weiß man auch längst: An sinnlos angehäuftem Kapital, das verantwortungslos und kontraproduktiv der zügigen Vermehrung zustrebt. Die Diagnose ist eindeutig: Die Auswüchse ungehemmter Aneignung, die gängige Form des Privateigentums, hat fatale Auswirkungen. Die Forderung im Grundgesetz, “sein Gebrauch soll(e) zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, muss ernst genommen werden.
Die frühen Programme der Nachkriegs-Parteien hatten keinerlei Berührungsängste mit Begriff und Inhalt des Wortes “Sozialismus”. Sogar im Parteiprogramm der CDU war davon die Rede. Wenn es denn sozialistisch ist, Eigentum auf ein der Allgemeinheit dienliches Maß zu begrenzen und die Stabilität der Wirtschaft dem Recht auf Vermögenszuwachs vorzuziehen, dann kommen wir wohl an einer sozialistischen Marktwirtschaft nicht vorbei. Einen Widerspruch in sich, wie uns stets weisgemacht wird, kann ich darin nicht erkennen.
07. Dez 2010 12:25
Es bleibt spannend.
[update:]
Die Schweden sind übrigens nicht zum ersten Mal die Experten für amerikanische U-Boote.
Wenn diese feinen Herren sich an der Menschenjagd beteiligen, wenn diese Bank, der als solcher sicher jeder moralische Verbrecher ein lieber Kunde ist, Wikileaks die Konten entzieht, entziehe ich denen meins – und empfehle dies wärmstens weiter.
Vielen Dank an diejenigen, die mich bislang per Paypal unterstützt haben. Ich werde über Alternativen meditieren.
p.s.: Es ist vielleicht jetzt auch an der Zeit, über Werbung für Amazon nachzudenken.
p.p.s.: Ich habe soeben flattr aufgefordert, eine Alternative zu Paypal einzurichten. Sollte sich dort nicht innerhalb der nächsten Wochen etwas bewegen, werde ich flattr zum neuen Jahr ebenfalls abschalten (die Dezemebr “revenues” werde ich noch – im Januar – per PayPal abziehen müssen).
Die gestrige Rede Ursula von der Leyens vor dem deutschen Bundestag war ein Höhepunkt der Demagogie, wie man ihn selten erlebt hat in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Mit kitschigstem Pathos und wehenden Fäusten geriet ihre Predigt zu einer Orgie der Selbstbeweihräucherung. Diese an Abgehobenheit nicht zu überbietende Rede richtete sich nur noch an diejenigen, die glauben, sie seien sicher in ihrem sozialen Status. Die Abgehängten, die Notleidenden und Unsicheren, um die es eigentlich geht, konnten sich davon nur gedemütigt fühlen.
Was von der Leyen da quasi zur kollektiven Heiligsprechung der Bundesregierung veranlasste, ist dasselbe, das Heribert Prantl in moderaten, aber klaren Worten als verfassungswidriges Gesetz ohne Sorgfalt und Gründlichkeit bezeichnet, das vermutlich zu einem weiteren Rechtschaos führt. Ganz nach Art der billigsten Finanzdienstleister-PR wird umso lauter bejubelt, was am wenigsten taugt. Und auch damit sind wir den Zuständen in der DDR wieder ein Stück näher gerückt.
Ich weiß noch nicht recht, wie ich die Reaktion der Opposition beurteile. Zunächst ist es sehr zu begrüßen, dass diese arrogante Show einer verhinderten Animateurin auf heftige Gegenwehr gestoßen ist. Sigmar Gabriel nahm sie zum Anlass, ein zweites Mal ans Rednerpult zu gehen und damit eine nicht unkomische Änderung der Rednerliste herbeizuführen. Gregor Gysi hielt der Ministerin eine Standpauke mit hochrotem Kopf, und auch Renate Kühnast blaffte ins Mikrophon, als hätte sie gar keins.
Das Ganze war freilich für eine Satire nicht amüsant genug und für eine Debatte reichlich niveauarm. Die ‘Leidenschaft’, die einige da suggerieren wollten, erschien ebenso aufgesetzt wie der Auftritt der regierungsamtlichen Blendgrante selbst. Inhaltlich tut sich da gar nichts, vor allem nicht in der Mitte der Mitte, bei den Erfindern der Agenda 2010. Dass die SPD nicht fähig ist, sich von ihrem Erbe zu befreien, das ihre eigenen Promis ja zum Teil bis heute verteidigen, nimmt dabei nicht wunder, ist aber dennoch zu bedauern.
Dass die Grünen nicht die Eier haben, einen der größten Fehler ihrer Geschichte zu korrigieren, ist nicht weniger traurig. Und dass der versammelten Mischpoke – mit Ausnahme der Linken – letztendlich gar nicht in den Sinn kommt zu erörtern, was die Fortschreibung der neoliberalen ‘Sozialpolitik’ für die Betroffenen bedeutet, rundet die Farce angemessen ab. Mit Politik hat das herzlich wenig zu tun, die aber wird dann ja wieder in Karlsruhe gemacht, dem scheinbar letzten Ort, an dem Gesetze noch ernstgenommen werden.
Die Rede ist auch hier aufrufbar.
03. Dez 2010 13:39
Nach satten neun Monaten sprichwörtlichem Nichtstun hat er sich so ans Wachstum ohne Eigenleistung gewöhnt, dass er erst einmal weitere Monate bestenfalls den Mund aufmacht, um sich zu ernähren. Und selbst den Gang zur Toilette lässt er weitere Jahre lang andere für sich besorgen – der Mensch. Den Verfechtern der Eigenverantwortung und Selbstsorge kann es nichts Widerlicheres geben als schutz- und hilfebedürftige Kleinkinder. Die Zeiten, in denen ein Beschützerinstinkt noch das Gegenteil bewirkte, liegen hinter uns. Das können wir uns in Zeiten der globalen Konkurrenz nicht leisten.
Selbstsorge ist das Gebot der Zeit. Kein gegenseitiges Behüten, schon gar kein einseitiges soll mehr sein. Jeder schlägt sich selbst durch. Was er erbeutet, gehört ihm ganz allein. Wer nichts erbeutet, hat auch keinen Anspruch auf die Beute der anderen.
Wir gehen nicht mehr in den Wald, um zu jagen, wir sind organisiert und effizient. Die Ausbeute steigt mit der Effizienz, mit dem Grad an Organisation, in der die Eigenverantwortlichen sich um einen Teil der Beute bemühen. Hier kann jeder für sich sorgen, wenn er sich einfügt. Wer hingegen nicht passt und nicht passend gemacht werden kann, bleibt außen vor. Zwei konkrete und sehr unterschiedliche Beispiele für diese Abläufe:
Organisiert und effizient
Beispiel eins: Ich möchte einen Telefonanschluss haben. Ich bestelle einen bei einer ‘Hotline’. Nach vielem Hin und Her und inhaltslosen Gesprächen mit fremden Unsichtbaren nötigt mich einer von ihnen, meine Adresse falsch anzugeben, im Rahmen einer “Voice-Aufzeichnung”. Er habe sie sich so notiert, und das lasse sich jetzt nicht mehr ändern. Dass ich nicht bereit bin, meine eigene Adresse falsch anzugeben, akzeptiert er nicht. Er könne den Vorgang dann nicht mehr bearbeiten. Es gibt niemanden außer ihm, der zuständig ist. Ich ziehe meinen Auftrag zurück und beauftrage eine andere Firma.
Diese schickt mir einen Link, ich drucke Papier aus, unterschreibe es, schicke es ab. Ich bekomme eine Mail, in der steht, ich könne den Status des Auftrags jederzeit einsehen. Ich könne eine Nummer anrufen. Nachdem ich sechs Wochen nichts mehr gehört habe, versuche ich die Statusabfrage. Sie funktioniert nicht. Ich schreibe eine Mail und bekomme keine Antwort. Dann rufe ich die Firma an. Kurzversion: Der sechste unsichtbare Fremde ist derselbe wie der erste. Niemand ist zuständig. Einer weiß, wo meine Daten liegen, darf sie aber nicht aufrufen. Ich werde sogar an eine “Clearingstelle” verwiesen. Die aber ist nur für Privatkunden, und ich sei ja “Businesskunde”. Ich storniere auch diesen Auftrag.
Enteignung der Fleißigen
Beispiel zwei: Eine Frau wohnt in einer schimmeligen, von Ungeziefer befallenen Bruchbude [via]. Die Lage ist kompliziert, deshalb kommt eine menschenwürdige Lösung bis heute nicht zustande. Ein Sprecher der ARGE sagt:
“Wir sind an klare Richtlinien gebunden, brauchen Nachweise und müssen jeden Einzelfall prüfen.”
Fürsorgliche Geister fragen sich: “Warum kümmert sich keiner um die Frau?”, aber das sind schon zwei völlig unzeitgemäße Begriffe in einem Satz. Fürsorge, das gilt heute als falsche Gnade, als Enteignung der Fleißigen zugunsten der Faulen. Sich kümmern? Haben wir nicht gelernt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist?
Und schließlich sind wir immer noch organisiert. Sicher, es gibt immer Ausnahmen von der Regel, aber damit können wir uns nicht aufhalten. Macht man für einen eine Ausnahme, kommt der nächste und will auch eine Ausnahme. Wo soll das enden? Die Verfahren sind erprobt, zertifiziert und durchgeplant. Der Kunde hat nachzuweisen, in welche Kategorie er gehört, das heißt dann “Einzelfallprüfung”. Die “Einzelfallprüfung” stellt sicher, dass es keine Einzelfälle gibt, denn für die kann es keine Richtlinien geben und keine Ablaufplanung.
Alle tun, was sie können. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Für mehr reicht die Zeit nicht und schon gar nicht das Geld. Der nächste Kunde bitte!