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Ich besuche den linken Politblogger Feynsinn. Er wohnt in einer belebten Straße im Ruhrgebiet.
“Komm rein, du bürgerliche Fotze!”, begrüßt mich der Internetautor und führt mich in sein Arbeitszimmer, “pass aber auf die Köter auf, wenn du drauftrittst, machen die so ein Scheißgeräusch.“
Es ist nicht aufgeräumt, ein riesiger Schreibtisch, drei Monitore. Im Mundwinkel eine Zigarette, stößt er auf. Eine kleine Wolke aus Asche, Qualm und Spucke entfährt seinem Mund. “Is ja noch wat drin”, spricht er zu einer Bierflasche und trinkt die Neige aus. Er schaut mich aus übernächtigten Triefaugen an und brummt:
“So Bürschchen, was willst du wissen? Darf dein Kackverlag überhaupt schreiben, was ich dir erzähle oder machst du hier sone bescheuerte Home Story?”
Ich habe ihn am Haken, steige ins Interview ein.

Rundschau: Nein, wir wollen ganz neutral berichten über einen typischen Vertreter der politischen Bloggerszene. Sie sind ein Linker …

Feynsinn: Ich bin ein Linker? Keine Ahnung. Aber nicht neutral. Neutral ist die Schweiz. Hat den Nazis den Krieg finanziert und sich an deren Opfern bereichert. Finanzierst du auch Nazis ihre Kriege?

Rundschau: Ironie, köstlich! Also Sie sind ein Linker, ein Gegner von Kapitalismus und Neoliberalismus, habe ich recherchiert.

Feynsinn: (lacht, spricht zu einem der Hunde): Hast du das gehört, Rumpel? Der hat recherchiert. Genial. (zu mir:) Du bist also kein Linker. Du bist für Kapitalismus und Neoliberalismus. Habe ich eben recherchiert. Sonst noch Fragen? (greift sich in den Schritt, riecht an seiner Hand.)

Rundschau: Nein, wir sind für nichts, wir bemühen uns um objektive Berichterstattung. Können Sie von Ihrer Tätigkeit als Blogger leben?

Feynsinn: (lacht, verschluckt sich dabei): Ja nee ist klar, Objektiv. Für nichts. Objektiver Nihilismus. Muss man sich merken. Nee, ich lebe nicht vom Bloggen. Ich hab Wasser da. Bisschen Brot noch, Bier, kalte Pizza, Magnesiumtabletten. Sowas.

Rundschau: Ja, was ist damit? Wollen Sie mir etwas anbieten?

Feynsinn: Da lebe ich von, du Objektiv. Lass mich raten: Feste Brennweite, kleine Blende. Photoshop zwecklos. Mann, siehst du neutral aus! Die Köter haben dich nicht mal gerochen. Fragst du mich jetzt endlich was?

Rundschau: Ihr Stil, also was Sie in den Blog schreiben, haben Sie das gelernt? Sie haben doch studiert, wenn ich Ihr Impressum …

Feynsinn: Boah, Mann ey, das heißt “das Blog” nicht “der”, und jetzt komm mir nicht mit Duden, du Lochkäse! Was ist das eigentlich für ne Frage? Gelernt! Nee, ich bin als Kind in ne Buchstabensuppe gefallen und verprügle seitdem wehrlose Seitenschinder. Wer will denn so nen Kack lesen?

Rundschau: Mit Verlaub, ich wundere mich nur, weil ich nicht erkennen kann, dass Sie, also so wie Sie sprechen, dass Sie diese Artikel selbst geschrieben …

Feynsinn: Sag mal, laberst du so, wie du schreibst? Oder andersrum? Denk ich mir. Hast du eigentlich schon mal Dings, äh (setzt sich an seinen Computer, ruft Google auf, gibt merkwürdige Zeichen ein) Ah, hier: Sex. Hast du schon mal Sex gehabt? Also so richtig objektiven Sex? Der Bollo da drüben (deutet auf einen Hund mit gespenstisch großen Ohren), der versucht das ja immer noch. Hat aber auch keine Eier mehr. Also was nun?

Rundschau: Darauf muss ich nicht antworten.

Feynsinn: Leck mich fett, er ist im Widerstand! Die Schweiz antwortet nicht. Bern, ich rufe Bern! Wo ist Behle? (zündet sich eine Zigarette an)

Rundschau: Also, vielleicht können wir uns darauf einigen: Sie sind ein politischer Blogger, kritischer Blogger. Ihre Leser sind eher Linke. Sie haben ja ziemlich viele Kommentare. Ich habe das einmal gelesen, und da ist viel die Rede von Sozialismus und dergleichen. Sind Sie radikal? Sind Sie revolutionär? Oder Avantgarde?

Feynsinn: Ja, definitiv ja. Revolutionäre radikale Avantgarde. Wenn du nicht an einer Laterne enden willst, musst du da mitmachen. Meine Leser sind autonom anarchistische Marxisten, die Speerspitze des kommenden Aufstands. Und das Allerbeste ist: Der Kapitalismus geht trotzdem unter. Schreib das auf, Mann, und glotz nicht meine Köter an; wenn die merken, dass hier wer zu Besuch ist, kann ich für nix garantieren.

Rundschau: Sie betrachten sich also als quasi Empörte in Sinne Hessels. Als Aufständische in Wartestellung sozusagen.

Feynsinn: Ganz genau. Wir sagen, was gesagt werden muss. Piraten im Netz der linken Erneuerung. Left Handed Netizen Legion Facility. Hurz.

Rundschau: Sie möchten also als gegenöffentliche Offensive andere für ihren Kampf gewinnen?

Feynsinn: Klar. Mein Speerkampf. Speerspitzenkampf. Tanzende Sterne gebären auf der Speerspitze. (zu einem der Hunde:) Ruhig, Albert! (zu mir:) Speerspitzenkampftanz. Avantgardistische Capoeira. Und dafür wollen wir gewinnen. Auch dich, du weißt schon: Laterne. Lampenputzer als erste. Also wie entscheidest du dich? Speer oder Laterne?

Rundschau: Wie gesagt sind wir neutral. Persönlich würde ich sagen: Wenn Sie mich überzeugen könnten, würde ich vielleicht einen Speer in die Hand nehmen. Aber das ist vielleicht das Problem? Dass Sie nicht alle überzeugen können?

Feynsinn: Ach, mein liebes kleines Römerlein, du nähmst also den Speer. Und dann gehst du damit zu einer zünftigen Schießerei, ja? Sieh mal, das bringt doch nichts. Ich würde dich vielleicht ganz wertschätzend davon überzeugen, dass du ein Stückweit zu doof bist für die Revolution. Nee, ich warte lieber auf ein paar Dreiviertelhirne, die ihren Suff halbwegs im Griff haben und den nötigen Respekt.

Rundschau: Aha, ist das wichtig für Sie, Respekt? Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie Ihrerseits immer respektvoll sind.

Feynsinn: Darauf hat die Literatur die passende Antwort. Zitat: “Won’t you show some respect?” – “Won’t you gain some?”. Zitat Ende.

Rundschau: Das könnte Shakespeare sein. Oder Gore Vidal.

Feynsinn: Nö. Harry Potter. Komm jetzt, die Fee bückt sich. Eine Frage hast du noch.

Rundschau: Gut. Die letzte Frage: Glauben Sie, Blogger könnten den klassischen Journalismus eines Tages ablösen?

Feynsinn: Ja sicher. Hartz IV wird auch das noch hinkriegen. Wenn die optionskommunalen Jobcenter ihre ein Euro – Sklaven zu Bloggern abrichten, dann sind wir soweit. Schön, das war’s also. Die Kohle hast du dabei? Leg sie auf den Tisch, dann kriegen die Hunde ihre Knochen.

Rundschau: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Die Hunde bekommen also jetzt je einen Knochen?

Feynsinn: 212 durch drei, sagen wir 213, das macht für jeden 71.

 
Schrecklich: In diesen Tagen stehen salafistische Wahabitaner mit dem Koran in den Innenstädten und missionieren deutsches Blut und christliche Kultur zum Konvertieren. Wie kann ich erkennen, wenn es mich erwischt hat und was kann ich dagegen tun? Wie erkenne ich Freunde und Verwandte, die koranisiert wurden? Hier einige Anzeichen der gefährlichen Muslimisierung, eine Einschätzung der Heilungschancen und empfohlene Gegenmaßnahmen:

3spiegel

- Sie erkennen arabische Zahlen und können mühelos Rechnungen damit erstellen

Ein eher harmloser Fall. Anlass zur Sorge ist nur geboten, wenn sie vorher eins und eins nicht zusammenzählen konnten. In diesem Fall könnte sich eine christliche Überzeugung gelockert haben, wodurch sogenannte “kognitive Ressourcen” freigesetzt wurden. Vermeiden Sie dann unbedingt das Lesen jedweder Lektüre, sonst drohen gesundheitsschädliche Erkenntnissprünge. Zwanzig bis dreißig Rosenkränze sollten hier ausreichen, um die kognitiven Ressourcen erfolgreich zu eliminieren.

- Sie wachen morgens mit einem Kopftuch auf

Stellen Sie fest, ob es sich nicht um Unterwäsche oder Bettbezüge handelt. Können Sie sich an den Vorabend erinnern? Wenn nicht, besteht keine Gefahr. Selbst die Gefahr, von Aliens entführt worden zu sein, darf als gering eingestuft werden.
Riecht es säuerlich um Sie herum? Umso besser. Sie sind ein Mann? Respekt! War hart gestern, oder?
Hier hilft alles, was fett ist, außerdem Magnesium, Salz und Acetylsalicylsäure.

- Sie halten plötzlich unfreiwillig einen Koran in Händen

Sehen Sie, das ist das Problem mit Ihnen: Sie machen einfach jeden Scheiß mit, sagen nie nein und tun eigentlich nie etwas freiwillig. Das mit dem “Willen” ist so eine Sache bei Ihnen: Wenn keiner Ihnen sagt, was sie wollen sollen, können sie nicht einmal einem bärtigen Zausel in einem muffigen Kaftan sagen, er soll sich sein doofes Buch selbst einführen. Werfen Sie es jetzt aber bloß nicht weg, das wäre nämlich Koranschändung und ein tödlicher Affront. Sie müssen wohl oder übel zum Islam übertreten, um ihr Leben zu retten. Ganz dumm gelaufen, die Nummer.

- Sie glauben plötzlich an Allah und seine Propheten ohne es zu bemerken

Sind Sie irgendwie Christ? So ein bisschen, zur Sicherheit vielleicht, damit Sie nicht am Ende doof dastehen, wenn die Tickets fürs Paradies verteilt werden? Oh oh, schon reingefallen! Jesus Christus ist nämlich einer der Propheten Allahs. Ganz schön pfiffig, der Alte, gelle? Da nützt auch kein “Jehova, Jehova” mehr, die Muslime waren schon da und haben den einfach adoptiert. Macht aber nix. Bleiben Sie wie Sie sind, glauben Sie an höhere Mächte und gehen Sie freitags in den Puff. Dreimal Eva Maria sollte reichen, um die Sache erfolgreich zu verdrängen.

- Sie erkennen keinerlei Anzeichen und haben dennoch ganz dolle Angst?

Völlig normal. Wählen Sie CDU oder eines ihrer Derivate (SPD, Grüne, gelbe Splitterpartei), schließen Sie die Tür ab 22 Uhr immer ab, meiden Sie öffentliche Plätze und erwarten Sie weitere Befehle Ihrer demokratisch gewählten Vertreter®!

 
mentzKlaus Baum hat seinem Missmut gegenüber dem unreflektierten Geschwätz einer überschätzten Schriftstellerin bereits deutlich Ausdruck verliehen. Ich fühle mich bewogen, da anzuknüpfen. Zu ihrer armseligen Namenswahl und der depperten Begründung dafür habe ich mich bei Klaus ebenfalls bereits geäußert.

Ich will mich aber auf ein Detail ihrer Äußerungen beziehen, das noch absurder ist als das schon langweilige Blabla neoliberaler Erfolgsmenschen über faule Arbeitslose. Für Klickfaule: Frau “Thea Dorn”, eine meiner Ansicht nach bedingt talentierte Krimischreiberin, die ihren Künstlernamen Adorno ‘widmet’, gab auf die Ansicht, die Mehrheit der Arbeitslosen würden arbeiten wollen, zum Besten:

Dem würde ich empirisch, dem würde ich nicht zustimmen.”

Sich selbst auf der Tasche liegen: die regelmäßige Ausnahme

Bei Klaus Baum wurde dazu hinreichend Stellung genommen. Noch besser aber finde ich folgende Äußerungen:

Ich halte es für die Grundbedingung Menschlichen Lebens, dass wir dazu verdammt sind auf die Welt zu kommen und zuständig zu sein für uns selber [...] und die Tatsache, dass man nicht imstande ist, sich selber zu alimentieren, muss ein Ausnahme- und Notfall bleiben.”

Die Grundbedingung ist es, dazu verdammt zu sein, auf die Welt zu kommen? Das muss ich nicht verstehen. Was ich verstehe, ist dass sie meint, wir alle seien “zuständig für uns selber”, sonst niemand und für niemanden. Dieser grobe Unsinn, den Frau “Dorn” im folgenden in geahnte Untiefen treiben wird, verneint jede Existenz einer Gesellschaft oder Gemeinschaft von Menschen, die füreinander sorgen.
“Alimentieren” bedeutet übrigens ausdrücklich “andere” zu unterhalten. Man kann sich nicht “selbst alimentieren”.

Wohlgemerkt: der in hölzernem Pathos vom “menschlichen Leben” daher kommende neoliberale Sermon belässt es nicht dabei, auf einen Beitrag zur Gemeinschaft abzuheben, den jeder zu leisten hätte. Er vereinzelt den Menschen absolut, die Selbstsorge wird zu einer Art Existenzial. Man muss also so weit gehen festzustellen, dass eigentlich schon der Säugling schuldig wird, weil er an Mutters Brust schmarotzt. Wer das für eine übertriebene Unterstellung hält, sei hiermit eines Besseren belehrt:

Nackte Einzelkämpfer

Selbst wenn wir in reiche Familien geboren sind, kommen wir nackt zur Welt und müssen gucken, wie wir uns durch dieses Leben schlagen“.

Pardon? Die nackten Kinder der Reichen schlagen sich selbst durchs Leben? Was will die im übrigen teilweise schlicht stammelnde Künstlerin uns damit sagen? Die Reichen sind auch Menschen, die sich aber Kleidung und Nahrung ‘verdienen’, weil sie’s eben haben? Was man hat, gilt als Leistung, als “durchschlagen”, und wer nichts hat, schlägt sich nicht durch? Dass Reiche wie Arme vor der Abnabelung noch gleich (nackt) sind, beweist grundsätzliche Gleichheit, welche die Armen sich durch Arbeit “verdienen” müssen? Jene Armen, die mehrheitlich nicht arbeiten wollen?

Die Urheberin dieser Höchstleistung an intellektueller Verkommenheit hat so viel mit Adorno zu tun wie mein Abbild mit dem von Marilyn Monroe. Ist Dorns Ranting schon strukturell völlig verwüstet, bar jeder nachvollziehbaren Grammatik und ein Stiefeltritt ins Gesicht der Logik, besorgt die Faktenlage den Rest: Was nach ihrem Credo “Ausnahme- und Notfall bleiben” soll, betrifft am unteren Ende der Einkommenskurve bis zu zehn Millionen Menschen. Am anderen Ende horten weitere 8 Millionen so viel Vermögen wie die anderen 72 Millionen zusammen. Diese Menschen werden also nie in die Verlegenheit kommen, für ihr Brot arbeiten zu müssen, das tun andere für sie. So viel zu der einfachen Darstellung der Sachlage. Mit Volkswirtschaft mag man ihr ja gar nicht erst kommen, auf der Ebene liegen bei ihr geistige Rossbreiten.

Kein Sinn, keine Ahnung, fest im Glauben

Für die Ignoranz ihrer Weltsicht steht auch der eingestammelte Halbsatz:
… die Piratenpartei, die auf so lustige Ideen kommen wie das Bedingungslose Grundeinkommen
Dass das BGE ein Modell ist, welches unter anderem von Teilen der CDU favorisiert wird und dessen Entwürfe schon Anfang des 20. Jahrhunderts diskutiert wurden, die bis heute variiert und aktualisiert wurden, muss man ja nicht wissen. Es ist aber umso peinlicher, sie der Piratenpartei unterzuschieben, weil es einem gerade passt, diese vermeintlich zu diskreditieren.

In der Tat stellt sich die Frage, warum niemand diesem unerträglichen Geschwätz Einhalt geboten hat. Spätestens die nackten Reichen wären doch die Gelegenheit gewesen, den Geisteszustand der Rednerin zu überprüfen. Stattdessen werden wir uns wohl immer wieder fragen müssen, wer solche Narren noch zu ernsthaften Diskussionen einlädt und warum. Man zwingt uns ja obendrein auch noch dazu, sie mit der Rundfunkpauschale zu alimentieren.

Der Focus hat ein Malheur entdeckt. Schnauze Schmidt und Peer Spaarbrück spielen mit einem Schachspiel – alles, nur nicht Schach. Was müssen das für kluge Leute sein, die außer Welt retten, Finanzexperten und Fachleute für alles sein sich die restliche Zeit mit einem Spiel vertreiben, für das wir Leser alle zu dumm sind. Zu dumm, wenn dann so etwas dabei herauskommt. Die arme Fotografin, so heißt es aus gut unterbelichteten Kreisen, hat sich an der Tischkante das Nasenbein gebrochen, weil sie sich nicht rechtzeitig entscheiden konnte, ob sie hineinbeißen oder die Stirn auf die Platte klatschen lassen wollte.

“Ausgerechnet der Focus”, dachte ich allerdings, hat er doch neulich mit seinem super Symbolfoto gezeigt, dass Photoshopping die Gesundheit erheblich beeinträchtigen kann. Kollege Burks hat kurz darauf mit einer Aufnahme von Joe Ackermann beim Wasserski gekontert.

Eine lustige Welt ist das, in der die Urheber der haarsträubendsten visuellen Lügen sich ihr Recht daran von Rudeln beißwütiger Winkeladvokaten “schützen” lassen. Gern hätte ich die Dokumente des organisierten Terrors gegen Verstand und Wahrnehmung hier direkt ausgestellt, aber das wäre illegal. Wer die Drogen unters Volk bringt, bestimmt, wer sie an wen weitergeben darf. Dies ist die beste aller Welten.

Stefan Niggemeier hat beizeiten unter der Rubrik “Super-Symbolfotos” schon vor Jahren die Schlampigkeit von publizistischen Geisterfahrern dokumentiert. Ein Schmankerl hatte ich auch hier bereits verlinkt. Waren derlei Aufforderungen sich der Gemütlichkeit wohligen Schwachsinns willenlos hinzugeben aber noch Stilblüten des Boulevards, darf man sich inzwischen darauf verlassen, dass diese Option alternativlos® ist. Wer nicht auf Schmerzfreiheit abonniert ist, kann sich die Analgetika in Zeiten marktberuhigender Kassen als gebeutelter Zuzahler nämlich defnitiv nicht mehr leisten.

 
freudmindEs ist schon traurig. Wenn man sich da draußen so umschaut, finden sich Gläubige aller Art, die sich dennoch anmaßen “kritisch” zu sein. Als sei es schon ein Beleg für kritisches Denken, dass man gegen den Mainstream ist oder nicht glaubt, was in der Tagesschau erzählt wird. Nein, das ist nicht kritisch und keinen Deut besser, wenn man nicht bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, offen zu sein für neue Erkenntnisse und die Überprüfung dessen, was man einmal für “wahr” genommen hat. Das wäre kritisch, und das ist übrigens der Geist der Wissenschaft, wie sie sich von der Renaissance in die Moderne hinein entwickelt hat. Wer allerdings das ‘wissenschaftliche’ Establishment nicht von der Wissenschaftlichkeit selbst unterscheiden kann, für den ist Sozialismus auch DDR (böse) und Demokratie Helmut Kohl (gut).

Der Anfang der modernen Wissenschaft ist das rationale Experiment – eine gedankliche Leistung, die im Mittelalter noch als Wahn gegolten hätte. Man stellt eine These auf und sucht nach Methoden, diese praktisch zu überprüfen. Ein Verfahren, das vor allem die Naturwissenschaften voran brachte, ist es doch auf die Anwendung von Technik und deren Verfeinerung angewiesen. Obendrein bieten mathematische Verfahren im Zusammenhang mit Messtechnik eine quasi beliebige Exaktheit, die zu wiederum klar bewertbaren Aussagen führt. Inzwischen können wir in Echtzeit mit Australien chatten, zum Mond fliegen und haben viele der furchtbarsten Infektionskrankheiten beinahe ausgerottet. Dies ist unmittelbar auf die Entwicklung von Wissenschaft und Technik zurückzuführen.

Geisteswissenschaften und “Menschenverstand”

Der Versuch der Geisteswissenschaften, damit Schritt zu halten, darf als weitgehend gescheitert betrachtet werden. Es liegt in der Natur der Sache, weshalb im angloamerikanischen Sprachraum auch unterschieden wird zwischen “Arts” und Science”. Es ist nicht möglich, Gemeinschaft, Kommunikation, Anpassung oder Meinung exakt zu messen. Die Rolle der Definition in vorgeblich quantitativen Methoden der Geisteswissenschaften führt daher oft zu Resultaten nach sprichwörtlicher Beliebigkeit. Während in den Naturwissenschaften eine Wahrnehmung oder Messung ausgewertet wird, muss ich hier schon vorher wissen, was ich beobachten will.

Zu erhellenden Einsichten kommen die “Künste” dennoch, wo sie sich historischer Entwicklungen annehmen, sie beschreiben und auswerten. Was hat wozu geführt, welche Bedingungen zeitigen welche Entwicklungen, wie nahm sich zu einer bestimmten Epoche das Denken selbst wahr, wie beschreibt sich der belesene Betrieb und was folgt daraus für all das, was noch als “vernünftig” gilt? Wo sind die Tabus, wie werden sie begründet, was gilt als richtig oder falsch und wann hat sich unter welchen Umständen diese Geltung verändert? Solche Fragen kann gründliche Geisteswissenschaft beantworten, zwar nicht exakt, aber plausibel. Sie trägt daher durchaus Züge dessen, was auch der gemeine “Menschenverstand” kennt.

Behält sich Wissenschaft ihren kritischen Grundansatz – den Zweifel, die Frage, ob etwas so ist oder anders -, ist sie ein Motor des Fortschritts. Verbarrikadiert sie sich hingegen in Dogmen und Abwehrschlachten, um vermeintlich gültiges Wissen gegen Erneuerung zu verteidigen, wird sie zum Herrschaftsinstrument, zur Mythologie, zur Religion.

Moderne Mythologie

Die Zeremonienmeister schaffen es derweil, die Errungenschaften ihrer Zunft virtuos klein zu machen. Es ist durchaus nicht so als wüsste man nichts über Wirtschaftskreisläufe und die Resultate bestimmter Vorgänge ‘am Markt’. Dennoch hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Riege von Dilettanten in der Öffentlichkeit breit gemacht, die Angehörige anderer Berufsgruppen glauben machen, als “Wirtschaftswissenschaftler” müsse man einen hohen Grad geistiger Versehrtheit schon mit ins Studium bringen.

Und auch die Mediziner zum Beispiel haben sich Witze verdient. Verkürztes Beispiel: Ein Klempner wird zu einem Arzt gerufen, der einen Wasserrohrbruch im Keller hat. Der Klempner wirft ein paar Dichtungen ins Wasser und sagt: Wenn es bis Montag nicht besser ist, rufen Sie noch mal an!

brainpipeBeide Beispiele deuten darauf hin, dass der Wissenschaftsbetrieb und die daraus folgende Praxis bedauernswerte Zustände zeitigen. Dies ist aber gerade kein Hinweis darauf, dass Wissenschaftlichkeit als solche abzulehnen wäre. Im Gegenteil zeigen sie, dass einerseits die Wissenschaft permanent ihr Niveau unterschreitet und sich eher Cliquen von Verkündern bilden und dass anderereits der Übergang von wissenschaftlichen Erkenntnissen zur alltäglichen Praxis arg vernachlässigt wird. Er sollte aber selbst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Methodenentwicklung sein. Dies würde freilich eine Kaste elitärer Narzissten ebenso methodisch vom Sockel stürzen.

Der organisierte Zweifel

Die Abwehrreaktionen auf eine Wissenschaft, die keine mehr ist, weil sie auf den kritischen Selbstbezug verzichtet, sind ebenso bedauerlich. Die einen übernehmen die Überheblichkeit des Betriebs, setzten den Stand ihrer Kenntnisse zum Standard und erwarten ernsthaft von allen anderen, sich diesem anzupassen. Dies ist leider ein Standardverfahren von Marxisten, aber auch von Keynesianern und anderen -isten und -ianern.

Noch lustiger wird’s dann mit Esoterikern und Mythologen aller Art, die sich ernsthaft als ‘kritisch’ betrachten, weil sie gleich jedes Hinterfragen ihrer Methoden ablehnen und sich auch nicht dafür interessieren, aus welchem historischen Kontext ihr Omm-omm stammt. Sie sind ja meist nicht einmal für die Frage zu gewinnen, wer mit ihrem Geisterglauben schnöden Mammon macht. Wenn der Zweifel an den Wissenschaften also in die Auslöschung jeden Zweifels am eigenen Weltbild führt, kann man nur noch abwinken.

Der organisierte Zweifel ist Basis jeder Wissenschaft sowie jedes kritischen Denkens, hier besteht keinerlei Widerspruch. Dass aber der Zweifel eingedämmt werden muss, wenn man als denkende Person nicht irre werden soll, versteht sich ebenso von selbst. Es bedarf daher eines Maßes an (Selbst-)Zweifel, das einerseits noch Raum lässt für Neues und Anderes, andererseits aber ein konsistentes Denken zulässt, das nicht noch zu hinterfragen hätte, ob Wasser nass ist. Diesen Zweifel auszutarieren ist die Kunst, die Kommunikation erst ermöglicht. Dogmen jedweder Art sind hier Fehl am Platze. Wer nicht zweifeln will, kommuniziert nicht. Er bleibt wirkungslos oder er herrscht.

Wir werden sie alle schnappen, die Unholde, wenn wir erst den Bundestrojaner haben. Natürlich unter größten Vorsichtsmaßnahmen, Einhaltung der Prinzipien des Rechtsstaats, streng im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, versteht sich. Die Terroristen und Kindermörder werden uns nicht entkommen, das Internet ist kein rechtsfreier Raum®. Es kann doch nicht sein, dass ein Säuglingsvergewaltiger straffrei ausgeht.

So weit der Prolog, der auf “log” endet und von Rentnerschreck von der Leyen bis hin zu “darf ich bitte alles mitmachen” – Wiefelspütz in der Schlucht erklang, in der jeder Diskussionsfluss endet, wo sein geistiges Fluidum sich donnernd und in vermutlich suizidaler Absicht in die Tiefe stürzt.

facpaObenauf, in der luftarmen, rauchgeschwängerten Höhe über den Stammtischen, fanden sich wohl auch jene Strafverfolger und ihre willigen Programmierer, die unversehrt in solch sauerstoffreduzierter Atmosphäre gedeihen können, weil ihr Hirn keinen verbraucht. Dies ist der Raum über dem Olymp, in dem die Komödien und Tragödien entstehen, die Helden geboren werden, deren Geschichten die Menschen stets an ihren Ursprung im Göttlichen erinnern, daran, dass auch die Götter fehlbar sind und manches Drama in irdischen Maßstäben nicht mehr zu erfassen ist. Dort entstand auch der Staats- Bundes- Backdoor- “Trojaner”, ein Dokument der Notwendigkeit von Alkohol. Das Stück trägt fürwahr einen gelungenen Titel: “0zapft is”.

Genialer Slapstick

Ich spare mir technische Details, die ich selbst nur zum Teil begreife, den Hohn über Experten, die nur Windows kennen und den Einsatz von Richtmikrophonen, die dem Knuspern einer Festplatte lauschen. Ich gehe auch nicht ein auf die reichlich kommentierten Rechtsverstöße auf jeder nur denkbaren Ebene. Nicht dass ich dazu nichts zu sagen hätte, aber zu viele Details machen einfach keinen Spaß, wenn dabei der geniale Slapstick untergeht, der den Streifen erst zum Meisterwerk macht.

Schauen wir uns einen Fall an, der durchaus nicht extrem erscheint, eher repräsentativ für den Einsatz des Trojanischen Möbelwagens, der durch die Wand in die kriminellen Gefilde “implementiert” wurde. Dabei dürfen wir uns das erste Mal wundern, dass nämlich die Einsatzkräfte den Code nicht mit Edding auf die Festplatte gekritzelt haben oder ihn gleich mit den Schraubenzieher eingeritzt. Das Resultat wäre allerdings dasselbe gewesen.

Der Delinquent, was ist das für ein Unmensch? Wie viele Kinder hat er vergewaltigt, wie viele Unschuldige ermordet, wie viele Omas zu Boden getreten? Der Titel sagt es schon, heißt es doch nicht “O” zapft is, sondern “Null” zapft is. Null Kriterien treffen auf ihn zu. Null Erfolg hatten die Fahnder trotz null Rücksicht auf Gesetze, am Ende gab die Festplatte null Daten mehr her, die solche Vollpfosten noch hätten bergen können. Der Strafverfolgte war ein mutmaßlicher Steuerhinterzieher, der mit Zigaretten handelte.

Mysteriöse Todesfälle

Die anderen bislang aufgeflogenen Fälle stammen aus ähnlichen Kategorien furchtbarster Kriminalität wie illegalem Handel mit Potenzmitteln. Man merke hier auf: Vögeln und Rauchen mögen die dauerbesoffenen Jäger der verlorenen Bits offenbar nicht. Sei’s drum und spulen wir zum Ende der Farce vor, in der alles und jeder verdächtig ist außer “Oscar”: Sie haben die HD geschrottet! Die Festplatte geputzt, den Rechner zerstört, das Teil abgewrackt, aus Versehen!

Wer glaubt, das sei nicht mehr zu toppen, sollte sich fix klarmachen, dass angesichts des großen Misserfolges ganz selbstverständlich mehrere Fortsetzungen geplant sind. Einige von uns werden sich das anschauen müssen, weil man sie nämlich einfach im Kino ankettet. In dem Kino, von dem sie bislang denken, es sei ihr Zuhause. Film ab!

Ein Gutes hat aber auch die böseste Geschichte. Aus mehr oder weniger unterrichteten Kreisen heißt es, die Aktionen seien dennoch der größte bislang vorweisbare Erfolg gegen Schwerkriminelle und Terroristen. Es mehren sich in der Szene offenbar mysteriöse Todesfälle. Wie berichtet wird, sollen die Opfer vor Eintritt des Todes stundenlange Lachanfälle erlitten haben.

Es mag etwas kapriziös erscheinen, aber ich habe heute einen Artikel von Dietmar Dath gelesen, der mich geärgert hat. Er hat mich deshalb geärgert, weil er den Begriff “Ideologie” willkürlich mit Assoziationen behängt, die ihm eine unsinnige Komplexität verleihen und damit mehr verschleiert als erhellt. Das mag daran liegen, dass der Autor, der hier einen merkwürdigen Anspruch an “Praxis” formuliert, dieser wohl kaum selbst standhält.

   dogma

Dath zieht eine nicht ungefährliche Schublade auf, die nämlich, in der die Dämonen der Fleischhauers lauern, eine flache Kritik der nach-68er:

“In den siebziger und achtziger Jahren [...] verstand man unter Ideologie das schlechthin “affirmative” Denken und Reden, also jede Form der gesellschaftsbezogenen Äußerung, mit der vorhandene Widersprüche unzutreffenderweise als versöhnt dargestellt wurden.”

Das bürgt für Qualität: “Er gilt als …”, “Man versteht …” Wer bitte verstand das wo und woher hat er das bloß? Nein, affirmatives Reden ist nicht Ideologie. Ideologie ist hingegen affirmativ. Ideologie kennt nichts anderes als Bestätigung und daher keine Kritik. Nicht jedes Befürworten eines Zustandes ist aber deshalb gleich Ideologie.

Common Sense ist noch keine Ideologie

Und auch gesellschaftliche Widersprüche, die in Rituale übergehen, ein Habitus oder das, was man eben mitmacht, sind nicht unbedingt Ideologie. Common Sense ist nicht grundsätzlich ideologisch, deshalb taugen auch die Beispiele wenig, wie dieses:

“Wir trennen bereits den Müll, haben aber noch keine stimmige Energiewirtschaft”

Na und? Auf das eine hast du Einfluss, auf das andere nicht. Niemand behauptet, mit der Mülltrennung sei alles gut. Ich trenne auch Müll, obwohl die Energiewirtschaft für mich genauso eine Mafia ist wie die Entsorger. Wo ist jetzt das ideologische Moment? Und warum befragt Herr Dath ausgerechnet Lenin und Engels? Haben die auch ihren Müll getrennt?

“Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Leute, die sich auf den Begriff sogar positiv bezogen: Noch Lenin schreibt lobend von einer proletarischen oder dialektisch-materialistischen Ideologie, die er der von ihm abgelehnten bürgerlichen und idealistischen entgegensetzt.”

So, dann gehen wir doch bitte mal an die Wurzel des Begriffs. Er entstammt meines Wissens dem Enzyklopädismus, dem Versuch, das gesamte Wissen der Welt lexikalisch festzuhalten. Ein für das 18. Jahrhundert zeitgemäßer, wenn auch rührender Ansatz. Im Anschluss daran versteht man auch das Problem der Ideologie: Sie möchte vollständig sein, strebt zwangsläufig zum totalen Weltbild und gerät deshalb zu einer Ideenlehre, die schon bald nur mehr damit beschäftigt ist, auszuschließen anstatt zu erschließen. Sie verbreitet eine fertige Idee und entwickelt diese nicht weiter. Das ist der Kern jeder Ideologie. Dath schaufelt weiter die Kohlen in seine Lok, die leider auf dem falschen Gleis davon rattert:

Das sagt mir gar nichts

“Aber Engels sagt mehr. [...] Er sagt, was genau an der Sorte Bewusstsein falsch ist, die Ideologie produziert: Weil ihr Träger die in gesellschaftlichen Verhältnissen gebundenen Kräfte, die ihn bewegen, nicht kennt, imaginiert er falsche und vergisst, dass sein Denken von seinem Handeln abhängt”

Schön, dass Engels das sagt, mir sagt das aber überhaupt nichts. Warum muss man den Begriff “Ideologie” mit diesem Praxis-Schmarrn behaften? Warum kann ein theoretischer Versuch nicht theoretisch bleiben, vor allem aber: Warum muss ich den Umweg über ein “Handeln” gehen, wenn Ideologie auf der theoretischen Ebene, der sie angehört, bereits zum Scheitern verurteilt ist? Ihre Grundpfeiler, der Anspruch auf Vollkommenheit und die Anmaßung, Ideen zu lehren, sind vormodern. Deshalb taugt das Ganze nichts. Die Kritik Adornos und der Frankfurter Schule ging deshalb sehr viel tiefer als Dath sie vorführt: Sie richtet sich am Ende gegen jede Theorie, die ins Positive dreht. Einfach gesagt: Alles Wissen hat ein Haltbarkeitsdatum. Das ist es, was die Ideologen nicht begreifen.

Schließlich:

“Sozialkritik, die nicht ihre Positionen offen vermittelt mit der Praxis derer, die da reden, ist Anlauf zur Errichtung oder Verschärfung von Herrschaft”

ist die falsche Diagnose. Es ist recht verständlich, dass die Theorie der eigenen Praxis nicht unmittelbar widersprechen sollte. Sich von Mutti die Bütterkes schmieren lassen und die Weltrevolution planen kommt einfach nicht gut. Das ist aber nicht das Problem. Die Praxis derer, die da reden, ist bereits geprägt von den Möglichkeiten, die Herrschaft noch lässt. Hier ist Theorie geradezu darauf angewiesen, die Praxis virtuell außen vor zu lassen. Was Herrschaft errichtet und verschärft, ist die Gewalt der Ideologie: Ihre Propaganda.

In den hiesigen Diskussionen stoßen wir regelmäßig auf die Frage der Organisation von Macht, nicht zuletzt auch der Frage, ob sich Macht begrenzen lässt. Dabei überrascht es nicht, dass sich unter dem Begriff “Macht” sehr unterschiedliche Vorstellungen versammeln. Wenn ich von “Macht” spreche, meine ich nicht eine Verfügungsgewalt, die einzelne Personen ausüben. Ich meine nicht die Möglichkeit, jemanden unmittelbar zu etwas zu zwingen. Ich meine nicht einmal ein generelles Verhalten von Personen, sogenannter “Entscheider”. Macht und Diskurs sind vielmehr untrennbar miteinander verbunden.

Für einen tieferen Einblick in die Hintergründe und Konstellationen von Macht empfehle ich immer die Lektüre der “Dialektik der Aufklärung” und Foucaults “Ordnung der Dinge”. Macht ist tief im Denken selbst verankert, dazu ein Zitat von Max Horkheimer:

“Mit der Vernunft sind alle Ideen kompromittiert, soweit sie über die gegebene Wirklichkeit hinausgehen.”

Was man denken darf

Was er dort beschreibt, ist quasi Propaganda auf einer höheren Ebene. Was überhaupt denkbar ist, was noch irgendwie als ‘wahr’ oder ‘vernünftig’ gelten darf, was nicht als ‘wahnsinnig’ gilt, liegt in engen Grenzen. Dies ist die Basis der Macht. Im Zusammenhang mit Galilei versteht das noch fast jeder. Wo dieses Phänomen in jeder aktuellen Diskussion auftritt, bemerkt fast niemand. Dies ist eine Dimension der “Macht”, die man nicht völlig aus den Augen verlieren darf. Sie bestimmt zutiefst übrigens auch das Phänomen der Arbeit.

Viele Linke bringen leider nicht die Weisheit auf zu erkennen, dass Arbeit nichts Unschuldiges ist. Auch wenn niemand einen Mehrwert abschöpft, ist Arbeit blanke Machtausübung. Sie transformiert – zumeist übrigens Lebendes in Totes -, zerstört und übt meist irreversiblen Einfluss auf die Umwelt aus. Wer arbeitet, übt Macht aus. Wer über Arbeit entscheidet, bündelt diese Macht. Das ist völlig unabhängig von Kapital und Eigentum und ebenso unvermeidlich.

Allein das schon bringt mich zu der Überzeugung, dass Anarchie nicht machbar ist, bei aller Mühe und Phantasie nicht einmal denkbar. Wirft man dann einen Blick auf die Realität der menschlichen Gesellschaft, kann es nicht mehr darum gehen, kompromisslos für Utopien zu kämpfen, sondern sich erst einmal mit der Verhinderung von Dystopien zu befassen. Wir sind ziemlich nah an “1984″, da interessiert mich die Verwirklichung des Arbeiterparadieses vorläufig nicht wirklich.

Die Mäßigung aller Dinge

Wenn es sich nun also nicht vermeiden lässt, dass Macht immer ausgeübt wird und wenn es überdies in allem bisherigen Gesellschaften zu Phasen gekommen ist, in denen Macht sich sprichwörtlich maßlos konzentriert hat, dann folgt daraus m.E. unmittelbar die Aufgabe, für deren Begrenzung zu sorgen. Der moderne Staat mit dem Versprechen einer Gewaltenteilung und der Beteiligung aller Einwohner ist ein sehr akzeptables Modell dafür. Man muss das nicht “Demokratie” nennen, schon gar nicht, wenn die Lebenswirklichkeit dem Begriff Hohn spricht. Es empfiehlt sich aber, diesen Ansatz zu verbessern.

Es bedarf der Begrenzung, des Maßes, des Ausgleichs, und zwar in allen relevanten Bereichen des Lebens. Dazu gehören aktuell zuerst Wirtschaft und Medien, deren wachsender Einfluss den Interessen einer schrumpfenden Minderheit dient. Das muss ich nicht einmal moralisch bewerten. Es ist schlicht ein Konzentrationsprozess. Macht wird immer dichter gebündelt, und das führt zwangsläufig in die Katastrophe. Angesichts des inzwischen für jedermann sichtbaren Irrsinns des neoliberalen Experiments wird man darüber noch einen breiten Konsens erzielen können.

Das Spiel der Kräfte

Geht es aber um Ziele und Alternativen, erweisen sich erschreckend viele Diskutanten als extrem naiv in ihrer Vorstellung von “Macht”. Es ist aber niemandem damit gedient, wenn nur das Personal und das Türschild ausgewechselt werden. Es bedarf neuer Ideen, die belegen, dass wir aus dem Scheitern der alten etwas gelernt haben. Was dabei auch oft zu kurz kommt, ist die Erkenntnis, dass bei aller Maßlosigkeit keine Macht je unbegrenzt sein kann.

Jeder, der widerspricht, der sich weigert oder im Weg steht, begrenzt Macht. Es bleibt ein Spiel der Kräfte, das sich an Wendepunkten sehr schnell verändern kann. Eine Mücke, die vor einen fahrenden Bus fliegt, beeinflusst dessen Bewegung. Anders herum ist der Einfluss freilich entscheidend größer. Auch in politischen Zusammenhängen ist es durchaus relevant, ob und wie häufig eine Ansicht vertreten wird. Das gilt auch und gerade für die Meinungen, die sich nicht durchsetzen. Sie bergen das Mögliche, die Alternativen.

Macht korrumpiert

Dass schließlich immer alles beim Alten zu bleiben scheint, folgt einer Logik, die da lautet “Macht korrumpiert”. Wer Einfluss haben will, wer entscheiden will, muss sich so anpassen und abschleifen, dass er am Ende nicht wiederzuerkennen ist. Deshalb, so die These, lässt sich Macht nicht begrenzen. Das stimmt nicht ganz. Auch Korruption ist selten perfekt, und auch sie ist von Bedingungen abhängig, von einer Atmosphäre, in der sie gedeiht.

Je größer die Widersprüche sind, die der Korrupte erzeugt, desto geringer ist sein langfristiger Einfluss. Wie viele Freunde hat Gerhard Schröder unter denen, die ihn an die Macht gebracht haben? Dieser Aspekt ist ein relevanter Teil der Geschichte. Sie bleibt keineswegs folgenlos, wiel sie Geschichte ist. Am wichtigsten aber ist die Erkenntnis, dass Korruption auf gute oder schlechte Voraussetzungen treffen kann.

Jede Gesellschaft, die eine Konzentration von Macht gutheißt, fördert oder sogar bewundert, begünstigt Korruption. Das belegen sowohl “kommunistische” Gesellschaften als auch kapitalistische, mafiöse oder klerikale. Um also dem Reiz der Macht nicht zu erliegen, sei es als Herr oder Sklave, wird es notwendig sein, das Spiel der Kräfte aktiv zu beeinflussen und immer wieder auszutarieren, für Ausgleich zu sorgen, indem die Macht des einen durch die des anderen begrenzt wird. Das eigentlich wäre Demokratie.

 
ostsee

Jährliches Treffen festangestellter Fachkräfte an der Ostsee

Eine Meldung mit Gewohnheitswert ist heute der Aufmacher bei FR-Online: Die “Nettolöhne sinken”. Eine Studie des DIW belegt nicht nur dies, sondern auch, dass Einkommenssteigerungen in den letzten zehn Jahren (der Zeitraum davor wurde nicht untersucht) Reichen vorbehalten blieben. Wer arm war und ist, wird es bleiben: Die Geringstverdiener haben die größten Verluste zu tragen. Sie haben Reallohneinbußen in Höhe von 22% zu verkraften. Das sind dann übrigens in aller Regel die, denen man keine Erhöhung ihres Regelsatzes zubilligt.

Die Politik hat die Reformschraube überdreht“, kommentiert der DIW-Forscher dies. Merke: “Reform” ist alles, was neoliberal ist, vor allem alles, was Kosten auf Kosten der Mitarbeiter senkt. So etwas ist ein Kahlschlag und keine “Reform”, aber auch das DIW trötet gern die modernen Weisheiten in die Welt hinaus und ist dem Neusprech entsprechend verfallen. Interessant übrigens auch, dass es für das DIW jetzt “die Politik” ist, der mehrfach die Schuld zugesprochen wird. Als seien Arbeitgeber, Vorstände und Teilhaber Opfer der politischen Ideologie. Ein Treppenwitz.

Humankapital, Stückgut

Flankiert wird die ja immerhin löbliche Erkenntnis, dass man von den Löhnen hier nicht mehr leben kann, durch eine weitere Studie des DIW zur Leiharbeit. Das Resultat: “Steigt der Anteil der Leiharbeitskosten an den Personalkosten kontinuierlich weiter, wirkt sich dies negativ auf die Lohnstückkosten aus“. Wer nicht der Religionsgemeinschaft Hayek angehört, hat auch das geahnt. Auch hierin zeigt sich die Irrationalität der Ideologie: Es wird weiter marschiert, selbst wenn alle wissen, dass die Richtung nicht stimmt. Rückwärts nimmer!

Die nähere Begründung für diesen Umstand eröffnet einen tiefen Blick ins Denken solcher Ökonomie:
Schließlich wird zunehmend die Bedeutung des firmenspezifischen Humankapitals der Mitarbeiter für den Erfolg der Unternehmen erkannt. Leiharbeiter verfügen in der Regel aber nicht über dieses sehr spezifische Wissen.

Es schüttelt mich noch immer, wenn ich Vokabeln wie “Humankapital” lese. Eine sich durch und durch individualistisch gebende Ideologie betrachtet die Menschen, die den Reichtum erarbeiten, als formlose Verfügungsmasse. Das ist der Kern eines Weltbildes, das Menschen zu Stückgut macht. Es ist kein Nazivergleich, darauf hinzuweisen, dass dies die notwendige Bedingung für Massenvernichtung ist. Egal übrigens, wem man die Waffen dazu liefert.

Paradiesischst mögliches Paradies

Dass Leiharbeit “spezifisches Wissen” zerstört, ist völlig klar. Nomaden wissen halt nicht allzu viel von “Standort”. Gerade eben das, was sie brauchen, um beim Abgrasen zuzuschauen und weiter zu ziehen. Da ist der Arbeiter tatsächlich so zugerichtet wie das Kapital und seine Eigner, ein einig Schwarm von Heuschrecken. Und dann wird geschrien, man habe keine “Fachkräfte”. Die Alten werden aussortiert, die Jungen herumgestoßen. Wo sind jetzt bloß die Leute, die sich hier auskennen? Da haben Politik und Hochschulen versagt, ja sicher.

Man braucht schon viel Humor, um nicht dauernd zu lachen. Der Neoliberalismus schafft an allen Enden Probleme, die er dann durch mehr vom Selben zu lösen versucht. Seine Methoden widerlegen sich selbst, die Resultate widersprechen stets den Prognosen, er fördert maximale Ungleichheit, generiert Krisen in atemberaubendem Maß und Tempo und das alles im Rahmen eines Menschenbildes, das die Würde zur Ware macht. Willkommen im best möglichen Paradies auf Erden, Ihrer Sozialen Marktwirtschaft®.

 
ruhrtal

Kohle, Stahl und dicke Luft: Blick übers Ruhrtal

Feudalismus ist an Rhein und Ruhr kein Aufreger, nicht einmal Besatzer, woher sie auch kommen mögen. Drei Ottos hat der Pott ausgesessen, Konrads und nachbarschaftliche Grafen oder Kurfürsten, Römer, Preußen, Franzosen und Engländer, zuletzt die Bohlen und Halbachs, deren letzter Statthalter in der Villa auf dem gleichnamigen Hügel als Herr der Ringe noch heute residiert.

Dort also lebt das einfache, ehrliche Volk, knapp bei Verstand, bienenfleißig, von Staublunge und Kumpelbuckel gezeichnet. Über der Megastadt liegt ein dicker Grauschleier, Überall ist der Hammerschlag des Stahls zu hören, die Straßen zwischen den Halden sind mit Kohlenstaub bedeckt.

heurad

Arbeiterrad: Kost nix, is nix. 598-Euro-Japaner “fürm halben Preis gekricht”

Der Arbeiter an der Ruhr ist nicht geizig, muss sich aber nach der Decke strecken. Sein Fahrrad wird nie den Tegernsee sehen, man würde ihn dort trocken von der Straße drängen, ohne lange die Hupe zu betätigen. Er schämt sich nicht, hier mit einer Möhre herumzugurken, die in anderen Kreisen sogar vor dem Sperrmüll versteckt würde. Die Bescheidenheit geht nahtlos über in Schamlosigkeit, mancher trägt die Armut wie einen an der Straßenecke geöffneten Mantel vor sich hin.

bremsschaltIch mag diesen Landstrich, gerade das Eisen in der Luft. Der beißende Qualm aus Chemikalien und Koks gehört einfach dazu. Als linksrheinisch aufgewachsener Zivilisationsbürger ist das hier für mich der halbe Weg nach Russland. Undenkbar, dass ich mich freiwillig hier niederließe – hatte ich immer gedacht. Was mich hierher verschlagen hat? Ja was wohl, ein Mädchen aus dem Kohlenpott. Passé auch das. Was bleibt, ist die Erotik des Alters.

Wenn man zwei Monate hungern muss, um sich das Vorvorjahresmodell eines mit japanischer Hardware behängten Alu-Gestells zu leisten, bleibt dafür freilich auch nicht mehr viel übrig. Kein Colnago, kein Pinarello, keine Crevetten oder Piña Colada. Pils für den Vater, ein bißchen Obst für die Tochter – man lässt sich ja nichts nachsagen, gesund muss es schon sein, was die Kleine mit in die Schule nimmt. Dass es sonst nichts gibt, hält man dort für einen Scherz, oder man lacht trotzdem mit.

obst

Für Obst hat’s gerade noch gereicht. Mag ich aber nicht. Bleiben für mich nur die Tomaten.

Nach Jahren geprägt durch Anpassungsstörungen, die jeder hat, der nicht in einer Halde voll Kohle geboren wurde, werde ich inzwischen akzeptiert von den Menschen des Ruhrtals. Die sich ihr Paradies geschaffen haben in der sozialen Marktwirtschaft. Ihre Großeltern haben sich für Schwarzweißfernseher und VW Käfer auffen Pütt kaputtgeschuftet, die Enkel lassen sich im Job Center von umgeschulten Postbeamten bespucken. So ist halt der Markt, denkt sich der Essener was und wählt wieder SPD. An Rebellion denkt hier immer noch niemand. Die anderen Herren waren auch nicht schlimmer.

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