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2011


 
spiegintra 
Transparenz ist ein “ungeheuerlicher und krimineller Vorgang” für den “Spiegel”. Austs drittes Pferd , der ganze Koks für die Chefetage, die Weiber – da muss man halt an allem sparen. Das ist noch lange kein Grund für die Neider im Fußvolk, die Geringschreiber und Drehtürnutzer, in den Privatangelegenheiten der Herrschaft herum zu schnüffeln.

Immerhin hat der Spiegel sofort reagiert und einen Aufmacher aus dem Akt krimineller Majestätsbeleidigung gemacht. Gewarnt wird jetzt nicht mehr bloß vor den Säuglingsvergewaltigern da draußen, sondern vor allem vor den Feinden im Intranet.

 
eurofaschWenn die EU wie der Teufel immer mehr Steuergelder heran karren lässt, um das Fortleben der Banken und der von ihnen mit Zentralbankgeldern finanzierten Staaten zu sichern, ist nationale Gesetzgebung ein lästiges Hindernis. Das muss aus dem Weg geräumt werden, und da ist man nicht zimperlich. Die “Souveränität der Griechenwird ohnehin im Handstreichmassiv eingeschränkt“. Das kann man zwar nur dann so sehen, wenn man die Leute, die da auf die Straße gehen, nicht als Griechen betrachtet, aber man erkennt zweifellos die Absicht.

Die geht obendrein an den Realitäten vorbei. Wenn jetzt allerorten Eichel und Waigel zitiert werden, die ja schon immer wussten, dass “die Griechen” nicht reif waren für den Euro und davon zuviel ausgegeben haben, fragt sich, warum sie dann die Drachme aufgeben durften. Damit sie besser bei uns einkaufen konnten womöglich? Wofür sie Schulden machen mussten vielleicht? Und weil das planmäßig schief ging, werden nicht nur Steuerzahler enteignet, sondern gleich die Staaten als solche abgeschafft. Und das geht so:

Die Abschaffung der verfassten Staaten

Als auch mit massivem Druck die europäische “Verfassung” nicht zustande kam, wurde eben der “Vertrag” geschlossen, ein Konstrukt, das die Bürger Europas sicher weniger befürworten als diejenigen, die sich davon etwas versprechen. Nun stehen in diesem Vertrag Regeln, an die sich, kaum ist er abgesegnet, niemand mehr gebunden fühlt. Wenn dort also steht, “dass ein Mitgliedsstaat nicht für die Verbindlichkeiten eines anderen haftet“, dann haften die Staaten eben nicht oder man muss diesen Vertrag zerreißen. Da muss man sich schon entscheiden. Eine diesbezügliche Klage wird am Dienstag vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt.

Es gibt aber über diesen Vertragsverstoß hinaus neue Vereinbarungen, die nicht nur den EU-Vertrag, sondern gleich Verfassungen außer Kraft setzen. Die Parlamente sollen dann gar nicht mehr gefragt werden, welche Mittel für Bailouts bereitgestellt werden, das besorgt dann ein „Europäischer Stabilitätsmechanismus“, dessen Entscheidungsträger abgesandte Experten sind, die obendrein Immunität genießen.

Ein Albtraum für die Bürger

Die Souveränität aller Mitgliedsstaaten in Haushaltsfragen steht auf dem Spiel. Wenn nämlich irgend eine sinsitre Kommission, ein Expertenrat, ein eingekaufter Club von Abnickern, demnächst festsetzt, welches Land wieviel Geld für direkte und indirekte Bankenrettungen abzustellen hat. Dann werden bald überall die Daumenschrauben noch mehr angezogen und noch mehr Staatseigentum verschleudert, weil man ja alternativlos tonnenweise Gold nach Brüssel (bzw. nach Frankfurt) karren muss. Ein Paradies für Neoliberale, ein Albtraum für die Bürger Europas.

Seit durch die Zockerei an den Finanzmärkten das Geldsystem von Profitgeiern ausgeweidet wird, geben diejenigen, die dafür bluten, obendrein zunehmend Kompetenzen an ihre Peiniger ab. Immer mehr “Räte” und “Kommissionen” werden gebildet, die von sogenannten “Experten” besetzt werden – jenen Spezialisten, deren Gier und Inkompetenz das Desaster erst verursacht hat. Das Ganze ist übrigens keine Verschwörung. Es folgt bloß einem Plan. Souveräne Staaten, die als Verfasstheit ihrer Bürger auftreten und deren Interessen vertreten, kommen darin nicht vor.

Nicht nur, dass durch die plötzliche massenhafte Ansammlung von Autos wichtige Menschen ihre Termine verpassen und der volkswirtschaftliche Schaden jährlich in die Milliarden geht. Im Umfeld sogenannter “Staus”, den Spontantreffen von Autobahnparkern, passieren immer wieder auch “Unfälle”, Karambolagen, bei denen sogar Säuglinge zu Tode gefahren werden. Jetzt sollen diese Untaten endgültig verboten und die Verursacher empfindlich bestraft werden. Die Straße ist schließlich kein rechtsfreier Raum.

[update:]
Oh my, wenn die Journaille übers Web schreibt, kannste nur noch in den Keller rennen. Zeit.de versucht sich wieder mal am Begriff “Nerd”, ein Blinder versucht, Taubstummen die Farben zu erklären. Zwei Sätze daraus:

Der Nerd, das ist natürlich in erster Linie ein Klischee, eine mythische Figur, deren Wurzeln in das Geschichtenuniversum der US-amerikanischen Highschool reichen“.

Der Nerd, mythisch! Welches Navi hatten eigentlich die Argonauten? Dann hat die Highschool nicht weniger als ein “Geschichtenuniversum”!!1! Die uralten Mythen aus der “Eis am Stiel” – Saga sicher. Argh. Und wer so schreibt, dem fällt auch nicht auf, wenn ihm solche Sätze entfahren:

Der Nerd zeichne sich in Wahrheit dadurch aus, dass er seine Mitmenschen an Maschinen erinnere.”

Der Nerd erinnert mich an Maschinen? ‘Hey, denk an die Kaffeemaschine, und vergiss die Dampflok nicht!’ oder was? Nein, es sollte heißen “eine Maschine”, denn er tut es,
Indem er spricht wie ein Lexikon. Indem er logische Kommunikation dem Smalltalk vorzieht. Und indem er sich über die Maßen für Dinge begeistert, die nichts mit Sex, Essen, Liebe oder etwas anderem zu tun haben, wofür Nicht-Nerds sich begeistern.“.

Wie spricht ein Lexikon? Was ist logische Kommunikation? Was erklärt die Behauptung, ein Nerd interessiere sich für Nerdiges, nicht hingegen für Nichtnerdiges? Und was sollen die dämlichen Klischees von Essen und Sex? Wie werden Nerds fett, wenn sie sich nicht für Essen interessieren? Wieso haben sie kein Interesse an Sex, aber Terabytes Porn auf der Platte? Ach so, das Klischee kannte der Autor noch gar nicht. Schade, denn Klischees sind bis dahin das einzige, von dem er eine Ahnung zu haben schien.

Und wenn wir schon mal dabei sind: Seltsam auch, dass nach einem investigativen Artikel über die merkwürdigen Machenschaften von “wiki-watcher” Stock im Zusammenhang mit einem Insulin-Präparat schon die Drohung mit juristischen Schritten ausreicht, um ihn aus dem Netz zu nehmen. Das also ist die ‘freie Presse’?

Ach und gugge, es geht auch anders, sogar mit echten Links im Text. Dafür gibt’s ausnahmsweise auch einen für die Sueddeutsche, d.h. für Stefan Plöchinger.

April April, es sind Panzer für Saudi-Arabien. Gegen die islamistischen Linkserroristen, die aus Bahrain und anderen Schurkenstaaten einströmen, ein alternativlos wirksames Werkzeug.

bluna 
Weber marschiert in die Schweiz ein

Rache ist süß: Axel Weber übernimmt die Schweiz. Wenn Ackermann geht, wer wird dann Deutschland führen? Ich schlage Peer Steinbrück vor. Obwohl der von der Presse gepusht wird wie Midlifebrüste vom Wonderbra, sträuben sich Leser und Wähler noch immer (siehe Kommentare bei der FR). Er braucht dringend einen Posten, bei dem Widerspruch endgültig zwecklos ist.

Dänen zu Ungarn

Sind die Dänen gute Ungarn? Aus Rücksicht auf Neonazis provozieren sie die EU und führen wieder Grenzkontrollen durch. Sicher: Die meisten Reisenden werden davon nicht betroffen sein. Nur wer komisch aussieht (dunkelhaarig, nichtarisch, Neger) wird ausgezogen oder abgewiesen. Offenbar hat die “liberal-konservative Regierung”, die mit Rechtsaußen paktiert (neoliberale Volksfront), erkannt, dass Freizügigkeit die Realität in Europa nicht mehr angemessen abbildet. Was soll man auch mit Schengen, wenn schon die Genfer Konvention nicht umsetzbar ist?

Schuldig bei Verdacht

Keine Fußfesseln für Strauss-Kahn? Ist er wohl nicht ganz vernichtet, aber sicher doch schuldig? Schließlich hatten sie ihn verdächtigt und wir schon fröhlich um die Tanne tanzend “hängt das Schwein” gesungen. War wohl nix. Vielleicht wird wenigstens dieser Assange mal ordentlich durchgefoltert. Kann ja nicht sein, dass die alle unschuldig sind. Das hieße am Ende noch, Journalisten und Juristen wären eine Front von sensationsgeilen Schnellspritzern, die dafür sorgen, dass am Ende von Prominenten-Affären alle Beteiligten beschädigt sind. Immer. Dabei handelt es sich doch um die seriösesten aller Berufsgruppen.

Was kostet das Gyros?

“Keinen Euro den Griechen”, das ist das Motto – der Griechen. Der richtigen, versteht sich. Die “Querschüsse” zeigen nicht nur auf, wie eine Volkswirtschaft derart totgespart wird, dass der Brüning steppt, sondern auch, wie Klassenkampf in europäischem Maßtab geht. Schade, dass deutsche Arbeiter immer noch nicht lesen.

Ich bin ein Terrorist, ich töte euch!

Innenminister Friedrich, eine der größten politischen Lichtgestalten seit Ede Stoiber, warnt. Und warnt und warnt. Denn wenn der Extremismus nachlässt, dann schläft er nur. Und wenn er nicht schläft, dann flammt er auf. Und wenn er aufflammt, hat’s schon bald einen Linksterrorismus. Und ist er nicht willig, dann haben wir immer noch den Agent Provocateur. “Die Rechtslage spricht” zwar “für die Illegalität” solcher Vorfälle, aber das ist es ja, was wir wollen: Illegale Linke, die wir verhaften können, ehe hier wer den Griechen macht. Die Gefahr sei real, warnt der Innenminister.

Ich werde oft eines unangemessenen Umgangs mit Kommentatoren bezichtigt. Diejenigen, die ich nicht freischalte, werden dabei gemeinhin am deutlichsten, aber auch offene Kritik wird geübt. Es lässt sich nicht länger verbergen. Ich gebe zu, ich war nicht immer ehrlich. Meine Höflichkeit ist Heuchelei. Eigentlich denke ich ganz anders:

punchKommentatoren sind ganz allgemein lästiges Vieh, das man dulden muss, um den Anschein von Diskussion zu wahren. Tatsächlich sind sie in aller Regel zu untalentiert, eigene Themen zu finden und halbwegs brauchbare Texte dazu zu verfassen. Sie haben keine Freunde, denen sie ihren unausgegorenen Stuss so an den Bart schwafeln könnten, dass sie je eine Antwort darauf bekämen. Die Spezies ist halbgebildet, wirft ihren Meinungsdung größtenteils unverdaut in die Manege, gibt sich bei jeder Gelegenheit beleidigt, ist aber immer auf dem Sprung, andere mit Fäkalien einzudecken. Sie sind allerdings davon überzeugt, dass es sich dabei um erlesenste Kostbarkeiten handelt.

Plebs, Pest, Datenmüll

Der Plebs, der sich auch in mein Blog verirrt, ist die Abwärme nicht wert, die der Server beim Transport des von ihnen generierten Datenmülls erzeugt. Und damit du jetzt nicht an der falschen Stelle lachst, Kollege, mach dir klar, dass ich dich meine. Du bist eine Pest, die sich an meine Fußsohlen gehängt hat, weil sie höher nicht kommt und versuchst, mir von dort aus auf den Kopf zu spucken. Ja sicher nehme ich dich ernst. Das macht nämlich sonst niemand.

Je weniger du eine relevante Berühmtheit gelesen oder verstanden hast, desto öfter zitiertst du sie. Nachdem du bei Marx jahrelang vergeblich nach der Stelle gesucht hast, wo Winnetou stirbt, bist du halt Linker geworden. Du allein weißt, wie etwas gemeint war, ist oder sein wird, egal wer es äußert. Das Thema des Postings interessiert dich nicht, schließlich ist das deine Kommentarspalte hier. Wer dich nicht in den Mittelpunkt stellt, ist ein Faschist oder hat die große Verschwörung noch nicht erkannt. Eigentlich geht es dir um Aktion, deshalb sind alle anderen sowieso nur Schwätzer. Du willst ein Zeichen setzen, aber deine Interpunktion gibt das nicht her.

Freaks, Kretins, Gewürm

Der Blogbetreiber muss dich dulden, weil die Leute nur für dich hierher kommen. Erkennt er das nicht, ist er genau so ein mieser Zensor wie die anderen zwölf, auf deren Bannliste du schon stehst. Widerspricht er dir, ist er borniert, dumm und brutal. Du drohst ihm mit der furchtbaren Strafe, sein Blog nicht mehr zu lesen. Das macht ihn gefügig. Wenn nicht, liest du es tatsächlich nicht mehr. Mindestens eine Woche lang. Das wird ihm eine Lehre sein.

Was soll ich mit solchem Pack? Dafür ist mir eigentlich die Zeit zu schade. Da ich aber vom Verkauf der Daten meiner Kommentatoren die Yachten finanziere, muss ich da wohl oder übel durch. Das ändert freilich nichts daran, dass ich sie verachte. Freaks, deren Gesichter nicht einmal eine Mutter liebt. Kretins, die ihre Lebenserfahrung in Heise-Forum und ProSieben-Chat gesammelt haben und jetzt Experten für 9/11 und Medizinkritik sind. Gewürm, dessen IQ selbst meinen Hund beleidigt. Zwischen den Einsen und Nullen unter der Datenbank sind sie das Nichts. Mit einem Mausklick kann ich sie aus der Geschichte löschen. Wälzt euch im Schlamm, kriecht im Staub, und verwechselt meine unendliche Gnade niemals mit Toleranz, ihr Netzbazillen!

Während die EU zwar langsam und im Hintergrund, aber immerhin eindeutig Stellung bezieht zur Machtübernahme der Faschisten rund um Viktor Orbán, marschieren die stramm weiter. Historische Vergleiche sind nicht nötig. Einerseits geschieht genau dasselbe, andererseits ist die geschmeidige Einbettung in kapitalistische Verwertungszusammenhänge, das Aufgreifen der Arbeitsplatz-und Wachstumsmythologie, eine Basis, die derzeit in allen Industrieländern herrscht.

Man kann dort beobachten, wie eine neoliberale Ideologie fließend in Faschismus übergeht. Man kann ebenso beobachten, wie knirschend sich das Räderwerk in Bewegung setzt, wenn es auch nur um die Formulierung von Bedenken in den ‘demokratischen Partnerländern’ geht. Von Widerstand ganz zu schweigen. Die Ungarn, vor allem die Roma, haben das zweifelhafte Glück, dass für sie noch Reisefreiheit besteht. Der Rest der Welt darf sich freuen, dass Ungarn keine Großmacht ist. Pessimisten dürfen befürchten, dass dieses Vorbild Nachahmung findet.

Das Experiment

Ein weiterer Aspekt, den dieses Experiment beleuchtet, ist die Frage, ob die Befriedigung einer breiten Mehrheit auf Kosten von Minderheiten für die nötige Stabilität eines rassistischen Willkürregimes sorgt, das Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt. Während anderswo die Menschen auf die Straße gehen und Regierungen stürzen, könnte Ungarn ein Gegenpol werden. Es ist damit zu rechnen, dass Denunziation und die aktive Mithilfe der Volksgenossen bei der Umsetzung der Unterdrückungsmaßnahmen für die nötige Unterstützung sorgen werden.

Das Volk muss so geteilt werden, dass sich zwischen Tätern und Opfern eine Schicht der Ängstlichen und Resignierten bildet, aus der nach Bedarf die nächsten Opfer geschöpft werden können. Die Alternative wäre ein Bürgerkrieg. Ob sich das noch aufhalten lässt, ist fraglich. Mit jedem Tag, an dem Ungarns Faschisten sanktionsfrei weiter Minderheiten schikanieren dürfen, vermindert sich diese Chance. Wir schreiben das Jahr 2011 im friedlich vereinten Europa.

Es gab einmal Zeiten, da waren Künstler tendenziell kritisch und verstanden sich als außerhalb des Systems stehend. Ihre Wurzeln sind Philosophien, die von “Transzendenz” und “Aura” sprechen, ihnen wurde unterstellt, sie arbeiteten sich ab am “Nicht-Identischen”, dem, was nicht einfach zur Sprache kommt oder sich der Norm anpasst. Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts gab es immerhin noch eine gewisse Tendenz zur politischen Einmischung. Künstler hatten oft eine andere Vorstellung von Idealen wie Gerechtigkeit oder Frieden als das, was der Sachzwang davon übrig ließ.

Wie so vieles, was die Ökonomisierung der Lebensbereiche geschleift hat, ist auch die Kunst, sind die Künstler inzwischen ein hässlicher Abklatsch des einstigen Strebens nach Entfaltung und Ausdruck, eine unfreiwillige Karikatur, eine entstellte Fratze. Der Gipfel dessen, was sich in der gesellschaftlichen Nische für solche Gestalten tummelt, sind die Selbstdarsteller ohne Selbst, “Celebrities”, deren Aufgabe darin besteht, da zu sein und Geld zu haben. Einige mögen irgendwann irgendwer gewesen sein, ein Castingprodukt, eine Sportskanone. Andere sind einfach Tochter, Gattin, Vetter von.

Erbfolge und Verlagskonzept

Es ist ein Hofstaat, in dem selbst die Narren gottlos dämlich sind und ohne jeden Witz. Die dazugehören, bestimmen, wer noch rein darf. Und wo einst Kreativität und Originalität die Türen und Ohren öffneten, sorgt heute eine Martkmaschine dafür, dass man ins Verlagskonzept passt. Das heißt also im selteneren Fall, dass frau ein entsprechendes Fahrgestell hat und dem Chef gefällt. In aller Regel reicht aber auch das nicht. Das neue Feudalsystem ist auch bei den “Künstlern” angekommen, der Platz auf der Bühne wird schlicht vererbt. Nichts hat diesen Umstand in seiner ganzen Erbärmlichkeit so bloßgestellt wie der Fall Hegemann.

Andere können das genau so gut, kaum ein Prominentenkind, das keine Karriere macht, wenn es nur will. Die Journaille feiert das ab wie alles andere, das die Kulturkonzerne ihr lancieren und stellt die richtigen Fragen wie immer im falschen Kontext, als seien die armen Kinder, die im Schatten ihrer noblen Eltern stehen, ein Opfer solcher Umstände. Ein passendes Exempel gibt es aktuell in der Sueddeutschen: Die Tochter Westernhagen. Sie spricht Sätze wie:

Ich unterhielt mich auf einer Party mit dem Anwalt meiner deutschen Model-Agentur. Ich erzählte ihm, dass ich Songs schreibe.”

Vermutlich hat der Interviewer sie in diesem Augenblick zutiefst bewundert. Ich hätte spätestens an dieser Stelle einen Eimer gebraucht.

Obwohl mehr als 80 % der Hartz-IV-Empfänder das Bildungspaket nutzen oder sich dafür interessieren, will Ministerin Ursula von der Leyen Druck auf arbeitslose und gering verdienende Eltern ausüben, um auch die restlichen 19% dazu zu bewegen.”

Welches deutsche Medium schreibt das? Richtig: Keines. Dafür ist bei sämtlichen Ablegern von Print und TV zu lesen, dass “ein Fünftel” der Betroffenen “selbst auf Nachfrage kein Interesse” zeigt, in der FR wie bei vielen anderen unter dem Titel “Desinteresse am Bildungspaket” (877 Google-Treffer für diese Überschrift). Dieser Kampagnenjournalismus bedarf längst keiner Absprache mehr, es handelt sich keineswegs um eine Verschwörung.

Ruinenlandschaft

scherkopfDie Selektion in diesem ehemals ehrenwerten Berufsstand hat nur mehr Ruinen hinterlassen. In den Verlegerzimmern und Chefredaktionen herrscht ein ökonomisches Kalkül vor, in dem die Vorstellung von Lesern, denen Qualität, Kontext und Charakter zu bieten wäre, nicht mehr vorkommt. Wer überhaupt noch kauft, der kauft alles, scheint man dort zu denken. Die Rücksicht auf potente Anzeigenkunden hingegen ist stets inklusive. Denen darf gemeinhin betriebswirtschaftliches Denken in allen Bereichen des Lebens unterstellt werden. Folglich haben die Berichte und Kommentare sich am Neoliberalismus zu orientieren.

Dessen Werteschema und die Rolle des Prekariats darin wurde in diesem Blog mehr als hinreichend erläutert. Jetzt ist also ein weiterer Beleg gefunden: Selber schuld! Die Sozialschmarotzer und Einkommensversager wollen gar keine Bildung, schon gar nicht für ihre Kinder. Zwingen wir sie halt ein bisschen mehr. Das wird zwar auch nichts ändern, aber der “Chancengerechtigkeit” ist damit Genüge getan. Man muss sich das immer wieder deutlich machen: Diese Nachricht transportiert nicht die INSM oder die FDP, sondern die versammelte deutsche Medienmacht.

Dass es auch anders geht, zeigt zweimal mehr Al Jazeera. Deren Bericht über die Berichterstattung der Medien zur Krise in Griechenland ist vorbildhaft. Es wird deutlich gemacht, wer wie berichtet, es werden dazu Hintergrundinformationen geliefert und es kommen auch diejenigen zu Wort, die sonst nicht gehört werden. Auch das ist keine neutrale Berichterstattung, denn jede Redaktion trifft eine Auswahl, es wird immer entschieden, was veröffentlicht wird und was nicht.

Was den Unterschied ausmacht

Der Unterschied: Al Jazeera legt Widersprüche offen, die woanders verschleiert werden. Diese Art zu berichten ist eine Aufforderung zur Meinungsbildung unter Verwendung unterschiedlicher Quellen. Die deutsche Journaille hingegen verkündet und überrumpelt dabei Leser und Hörer. “Sie wollen nicht” ist die Nachricht im oben genannten Zusammenhang, obwohl auf beinahe alle Betroffenen das Gegenteil zutrifft. Ein Zweifel findet nicht statt.

Ein weiterer Beitrag von Al Jazeera sei den Freunden bissigen Humors empfohlen. Humor kann die Kunst sein, zwei Perpesktiven in einer Aussage zu verdichten. Gibt es Humor in deutschen Medien?
Einige kurze Sätze, die auch mit nicht gar so tiefen Kenntnissen der englischen Sprache zu verstehen sind: Das Wörterbuch der Mainstream-Medien, Buchstabe C.

Eine weitgehend zusammen kopierte Dissertation hatte sie nicht davon abgehalten, sich zum Mitglied des Forschungsausschusses bei der EU berufen zu fühlen. Geborene Führungskräfte wie Silvana Koch-Mehrin sind ganz generell zu Höherem Berufen. Es lässt sich nicht immer vermeiden, dass Berufene gänzlich unfähig sind, was an ihrer Berufenheit selbstverständlich nichts ändert. Darin liegt ein Grund, warum es Berufungshelfer für höhere Töchter und ihre Klassenkameraden gibt, die dafür sorgen, dass die akademischen Weihen nicht an Bagatellen wie Analphabetismus scheitern. Manchmal ist die Abstammung eben ein Handicap, wenn der Genpool allzu knapp wird. Das kann und darf nicht zur Benachteiligung von Leistungsträgern führen.

Nun ist es der Fluch der Zeit, dass gerade die Konsequenten unter den Oberklassensprechern, diejenigen, die ihre Ideale leben, nicht unnötig Geld fürs Personal verschleudern. Diese Rationalisierung des Ghostwritings führte zuletzt nicht selten zu unvermeidlichen Qualitätseinbußen bei den eingereichten Werken. Für die Sünden der Zulieferer, die sich als kostengünstige Autoren den entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschafft haben, müssen immer wieder die Auftraggeber büßen. Dass diese nicht sofort freiwillig die Bürde auf sich nehmen, sollte nur zu verständlich sein.

komenzzIn diesem Lichte betrachtet, war Koch-Mehrin kein Vorwurf zu machen, als sie ihrer Berufung eben standhaft folgte. Erst die massive Intervention akademischer Aufsteiger ließ sie Abstand nehmen von der Erfüllung der ihr eigentlich zugetragenen Aufgabe. Ohne die Option einer Befreiung von ihrer Berufenheit erklärt sie sich also bereit, in einem anderen Ausschuss zu denselben Bedingungen ihrem Stande zu dienen. Da gewisse Teile der Öffentlichkeit ihr offenbar auch dies noch neiden, hat sie sich zu einem sprichwörtlichen Akt der Gegenwehr entschlossen: Wie die NZZ meldet, wird sie ihr neues Amt hüllenlos antreten (siehe Screenshot).

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