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2007


punk Konfetti!

Vor genau 2 Jahren schrub ich den ersten Artikel, nachdem ich mir aus einer Laune heraus bei Blogg.de einen Account zugelegt hatte. Eigentlich wollte ich schon in 2002 so etwas wie ein Blog aufmachen, aber ich wußte damals noch nicht, da es so etwas gab. Ich besorgte mir also eine Domain, stelle drei Artikel online und ließ sie dort drei Jahre stehen.
Dann kam Blogg.de. Das ging erst einmal ganz bequem, es gab ein wenig Resonanz, und das war gut so. Schon bald aber mochte ich das doofe Banner nicht mehr, die doofe url nicht mehr, und daß plötzlich sämtliche Kommentare verschwunden waren, fand ich auch nicht so prickelnd. Außerdem hatte ich einiges vor, das bei Blogg.de schlicht nicht ging.
Also kopierte ich sämtliche gut 300 Artikel von Hand auf meine neue Domain, weil man die Datenbank nicht importieren konnte.
Seitdem hat sich einiges getan. Zum Beispiel findet mich die Google blogsearch seit Januar nicht mehr. Was lehrt uns das? Es geht auch ohne Google blog search. Und obwohl feynsinn nach wie vor nicht besonders fleißig verlinkt wird, steigt die Resonanz langsam, aber stetig. Seit dem Umzug im letzten November hat sich die Zahl der Besucher versechsfacht. Ich strebe also für das kommende Jahr eine Steigerung um 1000% an und erwäge einen Verkauf an Holtzbrinck. Ein kleiner Betrag im zweistelligen Millionenbereich sollte dafür reichen.
Und auch wenn alle derzeit den Blogblues haben und sich berechtigterweise vorkommen wie in einem gigantischen Irrenhaus, seid vesichert: Isch geh nitt! Bis hierhin also vielen Dank an die Freunde des feynsinn, und bleiben Sie mir gewogen!

Das war ja eine turbulente Woche am Medienmarkt für innere Sicherheit, und ich habe es genießen können, dazu einmal quasi nichts zu sagen. Quasi nur, weil ich stattdessen woanders kommentiert habe, was auch mal Spaß macht. In diesem Zusammenhang fiel mir auf, daß die tolle Idee, Schiffe abzuschießen, nicht von Jung ist und nicht von Schäuble, sondern von mir. Bin ich jetzt Terrorexperte?
Lustig auch die Diskussion bei Anne Will, die ich nicht angesehen habe. Die paar Worte von Avi Primor, die ich hörte, waren mir schon genug für einen Brechreiz. Allerdings hat er schön herausgearbeitet, wie jemand denkt, der denkt wie Jung und Schäuble: So jemand ist “im Krieg”. Immer. Überall.
Letzteres führt derzeit zu einem gewissen Rumpeln, und es macht mir Sorgen, wenn Lachmichtot Achmadinedschad derzeit publizistisch vorgeführt wird. Die werden doch wohl nicht?
Schließlich noch einmal zurück zur Abschußdebatte: Ein Flugzeug startet, vollbetankt, am Rhein-Main-Airport und wird nach dem Start gekapert. Die Bösen fliegen eine Schleife und halten auf den Messeturm oder den Commerzbank-Tower zu. Welche Abfangjäger werden das verhindern? Richtig! Also plädiere ich dafür, konsequenterweise um hohe Gebäude herum Boden-Luft Raketen zu stationieren, die alles abschießen, was sich ihnen nähert. Ja, auch Spatzen, denn der Terrorist kennt viele Verkleidungen!

Statt Insi© heute einen Auszug aus einem Text zur äußeren Sicherheit, enstanden in den frühen 90ern. Wer den Rest auch noch lesen will, kann das ja kundtun.

Guten Abend! Man muß sich zwar fast entschuldigen, wenn man noch grüßt, aber das soll mich nicht davon abhalten. Die meisten Leute müssen auch nicht gegrüßt werden, im Grunde genommen, weil Sie eigentlich gar nicht existieren. Sie brauchen keinen Namen, sie haben nämlich eine Identitätskrise, und solange sie die nicht überwunden haben, sollte man durch sie durchlaufen. Schuld sind übrigens die “Unübersichtlichkeit”, die “Wertevielfalt” und die “Postmoderne”! Das ich nicht lache! Tun wir etwas Ungewöhnliches, etwas, was solche Jammergestalten nicht können, reden wir von mir! Ich habe meine Identität. Bin nicht irgend so ein dahergelaufener Trottel, dem man ansieht, daß er etwas darstellen will, was er nicht ist. Und das hat alles seine Gründe. Naja, ich war zum Beispiel bei der Bundeswehr, das macht schon hart. Das möchte ich gar nicht missen. Habe mich von Leuten, die sich im Metier auskennen, zum Killer ausbilden lassen, aber ordentlich. Im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, versteht sich.
Hand aufs Herz: So demokratisch geht das gar nicht zu bei den Staatsbürgern in Uniform. Daß die Unteroffiziere zu vier Dritteln waschechte Neonazis waren, hat mich gar nicht gewundert. Was sollen wir an der Front auch mit Demokraten? “Liebe Wehrgenossen und Wehrgenossinnen! Heute so gegen Acht machen wir ein Plenum, auf dem basisdemokratisch abgestimmt wird, ob wir Raketenwerfer oder Panzer einsetzen. Der Generalausschuß läßt lieb bitten, nach Möglichkeit doch die Raketenwerfer zu nehmen, weil die so schöne Löcher ins Hinterland machen. Bedenkt: Dann sparen wir uns das eklige Gräberausheben!” Unsinn. In der Generaloberst-Dietl-Kaserne wäre das auch sehr unpassend gewesen.
Bei der Gelegenheit: Der Dietl war ein Bluthund in Uniform, aber: Was soll denn sonst das Massenkrepieren befehligen? Was stellen die Leute sich heute eigentlich unter “Verteidigungsfall” vor? Frauenkarate? Wattepusten? Sollen wir die Kasernen nach Mutter Theresa benennen oder Pfarrer Schorlemmer? Wenn wir den Russen die Scheiße aus den Stiefeln schießen wollen, müssen wir zusehen, daß wir sie hassen. Oder wie soll ich mir das vorstellen? “Verzeihung, Herr Ivan, würde es Sie betroffen machen, wenn ich Ihnen die Gedärme zerfetzte? Mögen Sie eigentlich Möhrensaft? Ich habe ihn eben frisch gepreßt.” Vegetarierscheiße! Aber zurück zu mir! “Mir” meint übrigens meine Person, nicht etwa den russischen ‘Frieden’. Der Russe kennt erst ‘Frieden’, wenn der amerikanische Präsident “Vladimir Iljitsch” heißt. Oder, alternativ, nach vier Flaschen Wodka.
Meine Person also: Mein Vater hat mir gut was auf die Fresse gehauen, solange ich klein genug war. Das hat mir, wie das Dichterwort sagt, nicht geschadet. Wenn man sich die Bälger heute anguckt… Füße auf dem Tisch, Kippe im Maul – da hätte mein Alter mir schon das Freßbrett auf die Tischkante gehauen. Bei uns wurden keine großen Töne gespuckt, sondern kleine Zähne. Und das war gut so. Zu unserer Zeit gab es keine Arbeitslosigkeit. Jedenfalls gab es nicht sechs Millionen faule Penner, die schon bei Muttern gelernt haben, wie man sich durchschnorrt. Und dann wundern die sich, wenn ihnen irgendwann keiner mehr den Arsch nachträgt, weil sie eine Identitätskrise haben! Ernähren sich vom Abfall anderer und wollen nicht daran erinnert werden. “Menschenwürde”! “Die Würde des Menschen ist unantastbar”! Aber für mein Portemonnaie soll das nicht gelten, was ?! Immerhin, bei uns wird nicht mehr gefoltert. Das würde zwar Arbeitsplätze schaffen, aber so weit denkt ja heute keiner mehr. Ja, denken Sie an Saudi-Arabien! Die wissen, wie man Tradition mit Fortschritt verbindet. Wenn da heute einer so blöd ist, sich beim Klauen erwischen zu lassen, werden ihm die Klauen chirurgisch entfernt. Von Spitzenärzten! Das sieht aus, als wäre da nie eine Hand gewesen. Besser als neu![...]

Ausgerechnet in der insifreien Woche muß ich versehentlich bei “Anne Will” hinein zappen und sehe Gollum, wie er in die Kamera hechelt. Nein, ich werde meinem Vorsatz nicht zuwiederhandeln, aber ihr ahnt, wie ich leide.
Knapp an den Insirand führt mich als nächstes der Vorschlag von Jutta Limbach, die Schnarre zur Verfassungsrichterin zu machen. Finde ich gut, nicht zuletzt die Begründung. Drum wird auch nix daraus werden. Mehr darf ich dazu nicht sagen, sonst müßte doch wieder darüber spekulieren, was Golum wohl davon hält…
…und überhaupt frage ich mich ja, obes nicht auch etwas zu regieren gäbe dieser Tage. Gesundheitsreform? Armut? Bildunsgnotstand? Alles schon erledigt oder wie? Nein, aber Sie-kann-es-nicht hat Wichtigeres zu tun und muß sich mit einem tibetischen Popmönch treffen, um die Chinesen zu ärgern. Alles für die Menschenrechte, die findet sie nämlich gut – im Ausland.
Zu guter Letzt unser Schädel-Hirn-Trauma von der Wilhelmstraße: Ein neues Programm wollen sie sich geben, die modrigen Reste der Spezialdemokraten. Außer einem lauwarmen Passepartoutgeschwätz findet sich dort auch eine bemerkenswerte Floskel: Man beruft sich auf den “demokratischen Sozialismus”. Wenn das der Oskar hört! Nein wirklich, ich bin gerührt. Allerdings sollte man das Werk nach Vollendung nicht von Hubertus Heil vorstellen lassen. Der sieht schon so deprimierend aus! Warum nicht Hubertus Albers fragen? Der dürfte die Zielgruppe noch am besten ansprechen und findet sicher den passenden Ton.

Sie sind sich für keinen Schwachsinn zu schade: Die UCI erklärt Oscar Pereiro zum Sieger der Tour de France 2006. Sehr witzig. Ähnlich wie Ullrich wurde Pereiro von einer italienischen Zeitung in Verbindung zu dem Dopingmeister Fuentes gebracht. Er drohte der Zeitung daraufhin mit einer Klage und erklärte, er sei zu einer DNA-Probe bereit, würde aber seine Karriere sofort beenden, wenn er eine abgeben müßte. Solcher Unfug reicht in Spanien aus, um reingewaschen zu werden. In Deutschland und der Schweiz führt ein solcher Verdacht zum Ausschluß von allen Wettbewerben – ohne Verfahren, versteht sich.
Wie sehr der Sport durch die großartigen Ideen und Maßnahmen der Funktionäre gewinnt, zeigt sich jetzt daran, daß Pereiro Toursieger wird. Ihn hatte 2006 nämlich niemand ernstgenommen, und man ließ ihm bei einer Etappe eine halbe Stunde Vorsprung vor dem Feld mit den Favoriten. Davon nahm er ganze 32 Sekunden mit nach Paris – sein Vorsprung vor Andreas Klöden. Damit steht jetzt schon einer in der Siegerliste, den man mit Recht als “übriggeblieben” bezeichnen darf.
Aber auch das wird womöglich nicht lange halten, denn Pereiro steht selbst unter Verdacht. Als nächster wäre dann Andreas Klöden Toursieger, während Jan Ullrich womöglich mehr als 10 Jahre nach seinem Toursieg ebenfalls gestrichen wird. Selbst in die Vergangenheit hinein wirkt die Farce: Wer nicht verdächtigt wird, bleibt übrig. Am Ende werden wir einen 58-fachen Toursieger Lance Armstrong feiern, und Scharping läßt sich auch mal eintragen.

Mehr Feynsinn zum Thema gibt es hier.

kinderarm
Schöne Nachrichten gibt es heute. Zum Beispiel sind “Kinder” nicht etwa Schokoladenprodukte, sondern minderjährige Menschen, wie der BGH festgestellt hat.
Das ist auch gut so, denn die lieben Kleinen kann man mit Sachleistungen beglücken, sagt der Münte. Ein Päckchen zu Weihnachten, ein paar Schuhe für die kalte Jahreszeit, das ist besser als den Eltern vom FaulesPack© mehr Sozialleistungen zu zahlen. Die kaufen eh nur Kippen dafür.
Und wenn es dann immer noch nicht reicht, gibt es ja die “Tafeln”, die auch nix mit Schokolade zu tun haben. Ob die auch die Reste aus Tim Mälzers Restaurant bekommen? Der betreibt nämlich ein “Feinschmeckerrestaurant”, meldet die RP. Das hat mich sehr überrascht. Ich hätte gewettet, er betreibt eine Frittenbude für Zungenamputierte.
Last, not least, erklärt Bin Laden Pakistan den Krieg. Das ist mutig von ihm, aber keine Meldung wert. Mich würde vielmehr interessieren, wem er derart noch nicht den Krieg erklärt hat. Jemand, dem nicht mal Bin Laden den Krieg erklärt, muß ja wohl so furzlangweilig sein, daß man ihm auch mit Sachleistungen nicht mehr helfen kann. Oder tot. Aber auch damit ist sicher zu rechnen: Daß Bin Laden nach erfolgreichem Dschihad und der Vernichtung aller Gottlosen auch noch den Toten den Krieg erklärt. Da komme ich ihm jetzt aber mal ganz fix zuvor (erster alles!): Hiermit erkläre ich den Toten den Krieg. Wer es wagen sollte, einfach dahinzusterben, kriegt es ab sofort mit mir zu tun. Freiwillige Kämpfer meiner unchristlichen Respirationsbrigaden mögen sich per Fax, Film oder Fernsehen bewerben.
War sonst noch was los?

Während sich anderswo Alphablogger mit lautem Getöse von ihren Lesern verabschieden, weil ihnen die verfickten Linkhuren und spermarülpsenden Clickjazzer mit ihrem verschissenen Gecheate die Rankings versauen und dieser Satz sich allmählich der Grenze nähert, wo die Luft fürs laute Lesen nicht mehr ausreicht…
…atme ich durch. Ich habe vorgestern beschlossen, eine Insifreie Woche einzulegen. “Insi”, das werde ich mir noch schützen lassen, ist der ein wenig aufgesexte neue Kurzbegriff für “innere Sicherheit”. Viel smoother, hype, hip und übelst cool kommuniziert er, daß man die Sache nicht ganz so ernst nehmen soll. It’s only Politics, Stupid! Nu laßt die da mal machen, holt euch ein Bier und relaxt!
Im Ernst: Ich habe den Namen von Ihr-wißt-schon-wer in meine Archivsuche eingegeben, und es wurden 64 Artikel aus den letzten knapp zwei Jahren ausgespuckt, in denen der Herr Innenminister erwähnt wird. Da frage ich mich langsam, ob es nicht für eine Weile reicht. Ich kann es selbst nicht mehr lesen. Derzeit stürzen die Publizisten sich ja eh wie die Geier auf das Thema. Da lehne ich mich doch genüßlich zurück und bilde mir ein, ich hätte etwas damit zu tun. War ich doch einer von denen, die nie lockergelassen haben. Das ist zwar lächerlich, aber es reicht für ein gewisses autoerotisches Gammabloggervergnügen.

Die sozialen Klassen wurdenin unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich beschrieben, ihnen wurden unterschiedliche Eigenschaften unterstellt oder nachgewiesen. Die gesellschaftliche “Elite”von heute scheint unter anderem eine Haltung auszuzeichnen, die ihr ein Privilieg und einen Vorteil nimmt: Die Ablehnung des Internets, wodurch ihr eine ganze Qualität von Bildung fehlt. Zwar ist es den besser Betuchten bis heute gelungen (sei es gewollt oder nicht), daß ihre Klasse besser gebildet blieb als die unteren, aber sie haben eine mediale Wende verschlafen, die neue Verwerfungen im Wissen und Anwenden mit sich bringt. Nur das Internet bietet, bei kluger Nutzung, Wissensinhalte in Echtzeit und in einer solchen Masse, daß Bildungsprozesse, die früher Jahre dauerten, heute in einigen Tagen zu bewerkstelligen sind. Das hat soziale Konsequenzen, die heute kaum diskutiert werden.
- Ehemals gebildete Schichten bzw. deren Angehörige können sich dem Tempo nicht anpassen, das das Internet mit sich bringt. Ihnen fehlt die Orientierung. Die Filterungsvorgänge, derer es bedarf, um an relevante und zuverlässige Informationen zu kommen, kennen sie nicht. Das Entertainment und der Schacher, der allgegenwärtige Reiz, ist ihnen überdies privat zuwider. Für sie ist das Internet der Vorhof zur Hölle.
- Menschen, die die Gelegenheit hatten, das Internet als Herausforderung und Möglichkeit kennzulernen, bedürfen eines fundierten Bildungshintergrundes, um es effektiv nutzen zu können. Dazu gehört nicht zuletzt eine Gewisse Disziplin, um sich nämlich auf Inhalte zu konzentrieren und sich nicht dauernd den Verlockungen der Unterhaltung hinzugeben. Außerdem müssen sie wissen, was sie suchen und wie sie es finden. Wer das gelernt hat, ist Informationselite. Solche Menschen können sich oft nicht vorstellen, wie jemand dazu kommt, das Medium zu verteufeln. Für ungebildete User haben sie kaum mehr als Verachtung übrig.
- Menschen, die das Internet völlig unbedarft zu nutzen gelernt haben, aber keine Vorbildung oder klare Vorstellungen von der Nutzung des Mediums mitbringen, laufen Gefahr, inmitten eines gigantischen Wissensfundus’ zu verblöden. Selbst, wer etwas wissen will, läuft Gefahr, sich der ersten Information hinzugeben und dann lieber noch ein bißchen zu zocken, als weitere Quellen zu suchen. Wikipedia weiß ja alles. Und wer schon in frühen Jahren das Netz entdeckt und sich keine großen Gedanken macht, findet hier sein second life: Sex, “Freundschaften”, Kommunikation – das findet man in dieser Reihenfolge im Netz und verwechselt es leicht mit einer realen Erfahrung. Die Sinnlichkeit des Internets ist seine große Verlockung, obwohl es doch nur Prothesen bietet. Die Buddies kann man finden und verlieren, schnell wieder vergessen und sich neue Suchen. Kommunikation bedarf keiner Rechtschreibung. Konflikte können rücksichtslos ausgetragen werden, es sieht einen ja niemand. Wer damit regulär aufwächst, ist aus Sicht der Real-Life Mumien sozial behindert.
Hier tun sich völlig unterschiedliche Erfahrungswelten auf, die einander nur schwer zugänglich sind. Und diese Verwerfungen sind schon heute, das ist das Neue, kein echter Generationenkonflikt mehr. Es bilden sich Kommunikationsklassen, deren Sprachen füreinander übersetzt werden müssen.
Das Ganze ist eine Riesenaufgabe, der sich die Kultur stellen muß. Das Allerletzte, was man dazu braucht, sind politische “Eliten”, die keinen Toaster bedienen können und dem Plebs etwas über das böse Internet erzählen.

Es gibt gute Anzeichen. Wieder einmal hat Farlion recht, wenn er diejenigen, die monatelang nur Hysterie geschürt haben und sich jetzt plötzlich auf V-Minister Jung stürzen, “Heuchler” nennt. Aber die Sache ist einen zweiten Blick wert. Der Schwarm scheint sich zu wenden, und ich kann mir auch nicht recht erklären, woran es liegen mag. Vielleicht ist Jungs Ankündigung des Verfassungsbruchs im Juni 2006 einfach untergegangen. Vielleicht hat es niemand ernstgenommen. Vielleicht hielt man den erklärten Widerstand der Soldaten für hinreichend, um nicht weiter davon zu berichten.
Möglicherweise gab es aber auch ein noch nicht identifiziertes Initial, oder die Panikmacher der Union haben den Bogen inzwischen derart überspannt, daß es sogar der tranigen deutschen Medienlandschaft reicht.
Wer hat sich in den letzten Wochen schon getraut, gegen den Sicherheitswahn anzuschreiben? Es war nicht Common Sense. Einige Aufrechte wie Heribert Prantl haben sich nicht unterbuttern lassen und die Fahne der Vernunft getragen, während der Mainstream, allen voran der Spiegel, den Bürgerkrieg herbeizuschreiben schien.
Plötzlich ist alles anders, und Kritik regt sich. Plötzlich werden Artikel veröffentlicht, die zuvor nur in Blogs zu lesen waren. Plötzlich macht nicht mehr Gabor Steingart den Erklärschäuble, sondern sein Erzfeind Thomas Darnstädt haut auf den Tisch. Sollte die Auflage derart bröckeln, daß man wieder Leute ranläßt, die nicht nur katzbuckeln? Es wäre zu begrüßen.
Und auch wenn ich mir nicht erklären kann, woher das Zucken kam und kaum mehr als Hoffnung daraus schöpfe, muß ich doch mit Freude zur Kenntnis nehmen, daß es noch etwas zu hoffen gibt.

Könnte so aussehen, daß sich nur noch eine Meinung verkaufen läßt. Allein, weil die Meldung schnell raus muß, bedienen sich die Gazetten der Nachrichtenagenturen und verbreiten das, was zuerst geschrieben wird. Bei einer Regierung, die sich auf fast 80% der Wählerstimmen stützt, ist es zu riskant, sich gegen den Common Sense zu stemmen. Was dabei herauskommt, sieht dann zum Beispiel so aus. Allen voran das ehemalige Nachrichtenmagazin zitiert alles und jeden, das von der abweichenden Meinung der Grünen zum Afghanistan-Einsatz abweicht. Die ZEIT bringt derweil auf den Punkt, was weder sie noch die anderen begriffen haben: Daß Demokratie kein Verwaltungsvorgang ist, sondern die Bildung und Gestaltung des Willens von Mehrheiten. Daß die Mehrheit der Grünen, die sicher nicht dümmer ist als die Mehrheit anderer Parteien, so entschieden hat, findet keinerlei Respekt. Man macht sich vielmehr Sorgen, warum dort plötzlich nicht mehr kritiklos der Vorstandswille abgenickt wird. Erbärmlich.
Dahinter steht natürlich auch die Sorge, daß eine weitere demokratische Partei den Gleichschritt verläßt. Der Militarisierung der deutschen Politik im Inneren und Äußeren, das haben die Grünen erkannt, muß dringend Widerstand entgegegesetzt werden.
Wer noch einen Beleg dafür brauchte, dürfte von Kriegsminister Jung überzeugt worden sein. Obwohl das Verfassungsgericht eindeutig eine solche Handlung verboten hat, will er Linienmaschinen abschießen lassen, wenn es ihm gefällt, und gleich auch noch die Truppe auf den offenen Verfasssungsbruch vorbereiten. Dies ist nicht weniger als ein Putsch gegen das Grundgesetz! Jung mit Gewalt aus dem Amt zu entfernen, wäre damit durch Artikel 20 des Grundgesetzes gedeckt. Es sei denn, Frau Merkel schaffte Abhilfe und entfernte diesen Kriminellen ihrerseits aus seinem Amt. Der Koalitionspartner hätte gleichermaßen die Möglichkeit, dies zu verlangen. Sollte all dies nicht geschehen, wäre “andere Abhilfe nicht möglich”.

p.s.: Zwar weist Farlion darauf hin, daß Jung nicht zum ersten Mal seine verfassungsfeindliche Meinung zu dem Thema kundtut. Eine entscheidende Neuigkeit versteckt sich gleichwohl in der neuerlichen Ankündigung des Verfassungsbruchs: Daß er nämlich die Befehlskette in der Bundeswehr so präparieren will, daß es “keine Diskussion” mehr gibt. Er kündigt also nicht mehr nur an, sondern er schreitet zur Tat.

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