Politik


 
eurofaschDie Griechen wollen einen Zaun bauen, damit aus der Türkei keine Flüchtlinge nach Europa kommen. Es ist zwar haarsträubend, und man versucht, sich die ganzen Inselchen vorzustellen mit den Zäunen am Strand, aber es wird etwas getan. Gegen die Menschenflut. Gegen Menschen, die hier keiner haben will. Wir haben nämlich sonst keine Probleme und müssen uns nicht vorwerfen lassen, woanders sei man humaner.

In Ungarn ist das System so rapide zu einer faschistischen Kulissendemokratie umgebaut worden, dass man sich wundert. Kritisiert wird daran nicht etwa der Abbau aller Bürgerrechte, die der Willkür überantwortet werden. Niemand schert sich über den Umgang mit Minderheiten, denen geht es in Frankreich oder Italien auch nicht besser. Nein, was Europa, seiner sogenannten “Union” und ihrer Kulturjournaille Sorgen macht, das sind die Wettbewerbsbedingungen für ihre Großkonzerne.

Wer die Einheit nicht gefährden will, deren Kern – der Euro – gerade fault, darf nicht so streng sein mit den Nachbarn. Wer Berlusconi aushält, hält auch Viktor Orbán aus. In der Folge macht man es auch Lukaschenko nicht gar so schwer. Das Leben geht weiter, in LettlandEstland wird der Euro eingeführt, ein Grund zu feiern.

Berlusconi, Orbán, Lukaschenko

Die Neujahrsansprache der Kanzlerin und die unfassbare Selbstbeweihräucherung deutscher Politiker bestätigen derweil einen Realitätsverlust, der es mit jeder gefestigten Diktatur aufnehmen kann. Man feiert “Beschäftigungsquoten”, die belegen, dass immer mehr Menschen unter immer schlechteren Bedingungen immer mehr arbeiten müssen. Den Zahlen aber geht es gut, das ist doch die Hauptsache.

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Quelle: Agência Brasil

Demenstprechend werden weitere Jahrespläne aufgelegt und deren Übererfüllung angestrebt. Die Zahl der Hartz IV-Empfänger ist zu reduzieren. Niemand spricht diesen Menschen irgend ein Recht zu. Ihr Wohlergehen hat keine Rolle zu spielen. Sie gelten als Belastung. Ein Artikel der Boulevardhetzer und eine wohlfeile Umfrage würden ausreichen, und die Zustimmung zur Erschießung dieser Überflüssigen wäre hergestellt. Das ist keine Dystopie.

Demokratie, was ist das? Ein Mann, Jahrgang 1920, der im Krieg in russischer Gefangenschaft gewesen war und das Land später noch oft bereiste, sagte einmal zu mir:
“Der Kommunismus ist die beste Staatsform, die man sich denken kann. Er ist bloß nicht für Menschen gemacht”.

Dasselbe muss man wohl von der Demokratie sagen. Deren Anspruch war nie so hoch, das Ziel nicht so konkret und der Weg dorthin breiter. Im Gegensatz zu der autoritären Herrschaft, auf die auch Europa wieder zusteuert, braucht sie aber demokratisch gesonnene und engagierte Bürger. Da hat man wohl verpasst, die Menschen ins System zu integrieren. Dabei kann es mir herzlich egal sein, ob irgendwer das so und nicht anders wollte. Die Chance war da.

Die Chance war da

Wir hätten es anders wollen müssen. Wenn Europa in einen neuen Faschismus marschiert, können sich die Bürger das selbst zugute halten. Sicher, es werden andere Schuldige gefunden werden, die üblichen Verdächtigen: Moslems, Zigeuner, Kommunisten. Die Feindbilder werden täglich von den Medien und aus den autoritären Regierungsbunkern genährt. Das ist jederzeit abrufbar.

Dass die Kanzlerin “die Krise” für überstanden erklärt, passt prima ins Bild. Hinter den Kulissen wird es andere Szenarien geben. Vorbei ist die Krise, die zumindest Deutschland noch nicht in der Substanz seines Alltags getroffen hat. Die nächste wird eine andere sein. Es wäre äußerst fahrlässig, dann auf einen gnädigen Gott zu setzen.

 
Hoffnung? Die stirbt wie immer zuletzt. Ein bisschen kommt aus Frankreich. Deren Potentaten sind zwar ebenso denkwürdig deppert wie ihre Wähler. Immerhin überlassen die anderen das Denken aber nicht obendrein solchen Hanswursten wie Sloterdijk oder Sarrazin. Da gibt es immer noch welche, die nicht nur etwas zu sagen haben, sondern die auch gelesen werden. Es wird nicht reichen, um Europa oder auch nur Frankreich zu retten. Aber es ist ein Versuch.
 
 

Die Zitate der Woche:

Schwarz-Gelb ist die erfolgreichste Regierung Europas” (Horst Seehofer)

Westerwelle ist der erfolgreichste FDP-Chef aller Zeiten.” (Dirk Niebel)

Was will man dem noch hinzufügen? Fair is faul and foul is fair …

In einer großen Rede wird die Kanzlerin das alte Jahr verabschiedet haben. Die Krise ist vorüber. Die Banken vertrauen wieder ihren Bürgern.
Jetzt müssen wir noch solidarischer werden. Die Menschen in aller Welt brauchen unsere Hilfe. Die Bundeswehr ist bereit.
Solidarität heißt aber auch, zu geben. Die Reformen müssen weiter gehen. Noch leben zu viele Wirtschaftsflüchtlinge hier. Sie müssen sich besser integrieren, vor allem in ihre Heimatländer.
Noch leben zu viele auf Kosten anderer. Wir werden eine gewisse Tranche abschneiden müssen. Fordern wir ihre Solidarität!
Und schließlich: Wir brauchen “Menschen, die etwas besser machen wollen, die sagen: Geht nicht, gibt’s nicht, die eine Idee haben und den Mut, sie auch umzusetzen“.
Für diesen Vorschlag könnte Frau Merkel einiges an Post bekommen. Aus Griechenland zum Beispiel.

Sie bläst jetzt also zum semantischen Bombenanschlag auf den nächsten Begriff. “Solidarität”, so werden wir lernen, ist die Einsicht in die Notwendigkeit von Krieg und Sozialabbau.

Ich wünsche dagegen allenthalben gute Ideen und den Mut, sie umzusetzen. Kommt gut rüber!

 
grueneDaniel Cohn-Bendit, der Revolutionsführer von ’68, hat die Demokratie endlich von den Füßen auf den Kopf gestellt und ist vom Revoluzzer-Impetus über die Basisdemokratie schließlich bei der Verherrlichung der Obrigkeit angekommen. Wer seine Wurzeln verleugnet, ist nur ein Wurzelverleugner, das kann niemanden mehr beeindrucken. Leute wie Dandy le Rouge aber greifen auch noch nach dem Unkrautvernichter, damit nichts mehr dort wächst, wo sie herkommen. Was Schröder mit der Unterschicht gelungen ist, holen die Grünen Jungs jetzt mit den außerparlamentarischen Bewegungen nach: Diskriminieren, verleugnen, verleumden.

Im Interview mit dem Tagesanzeiger lässt er sich soufflieren:

Beobachten wir im Moment nicht das Gegenteil? Dass sich Bürger in sogenannte Wutbürger verwandeln und sich in Stuttgart, Gorleben oder an den Wahlurnen über demokratisch gefasste Entscheide oder das Völkerrecht hinwegsetzen?
Sie haben recht. Wir haben es im Moment mit den gefährlichsten populistischen Strömungen zu tun.”

“Wutbürger” am Werk

Zwar bezieht sich der ehemalige Revoluzzer hauptsächlich auf die politische Rechte und diskriminierende Volksabstimmungen gegen Ausländer, aber er hat auch gar kein Problem damit, dass deren Scharfmacher mit Protestlern aller Art in einen Topf geworfen werden. Gorleben, Stuttgart, das Minarettverbot – alles eine Pampe. Dort sind “Wutbürger” am Werk und machen “Stimmungsdemokratie”, dabei haben wir doch demokratisch legitimierte Instanzen, die das für uns alles viel besser machen.

Das Establishment nämlich hat die Rationalität auf seiner Seite, der Protest dagegen ist etwas für Doofe und Hysterische:

Es mag richtig sein, gegen dieses Projekt (S21) zu sein. Wenn ich aber sehe, dass in Stuttgart Menschen in hysterische Schreikrämpfe ausbrechen, wenn ein Baum gefällt wird, muss ich mich selbst fragen, ob wir mit unserer gefühls- und ichbezogenen Politik nicht der rationalen Politik den Teppich unter den Füssen weggezogen haben.”

Gefühlsduselige Idioten

Wer glaubt, die Grünen seien auf Seiten protestierender Bürger, sollte diese Worte nicht vergessen. In guter sozialdemokratischer Manier steht bei den Grünen vor Ort einer, der sich als ‘Kämpfer für die Sache’ geriert, während oben schon der Rollback proklamiert wird, im Namen der “Vernunft”, die hier wohl synonym ist mit kalkulierendem Machtgebaren. Ausgerechnet die Gegner von Stuttgart 21, die das Projekt trocken in Grund und Boden argumentiert haben, führt Cohn-Bendit hier als einen Haufen gefühlsduseliger Idioten vor.

Die Frankfurter “Realos” der Grünen haben schon immer das Recht gepachtet und sich als inkarnierte Stimme der Vernunft aufgespielt, ganz gleich, was sie gerade für ihre Position hielten. Inzwischen wird dieses Gehabe zum letzten Inhalt. Zum politischen Establishment zu gehören, das ist rational. Alles andere eben nicht. Dabei kommt einem halbgare Medienschelte ganz zupass:

Schauen Sie: Die britischen Massenmedien haben die britische Politik kaputt gemacht, die «Bild»-Zeitung die deutsche Politik, und in Österreich wütet die «Kronen Zeitung». Was ich meine: Die Fähigkeit von Politikern, sich einem diffusen, immer wechselnden Angsttrend zu stellen, hat sich reduziert, weil sie befürchten, die nächsten Wahlen zu verlieren.

Ich bin jetzt hier oben

An dieser Stelle hätte ich gern etwas darüber erfahren, wer denn dieses oberflächlich richtig beobachtete Phänomen korrigieren soll. Ausdrücklich soll die Basis ja den Rand halten. Dass der Kapitalismus nicht nur aus Banken besteht, dass die öffentliche Meinung von Medienindustrie, Meinungsproduzenten und Politik Hand in Hand bestellt wird, hätte hier Erwähnung finden können. Dass sich daraus ein Hauptmotiv der als “Wutbürger” diffamierten Protestler ergibt. Das wäre rationale Kritik gewesen. Cohn-Bendit hält es allerdings lieber mit eitlen Urteilen über Menschen, die er nicht mehr versteht.

Deshalb gelingt es ihm auch so mühelos, engagierte Demokraten mit ausländerfeindlichen Deppen in einen Topf zu werfen. Dass die willig aufgehetzten Islamophobiker nämlich der Inhaltslosigkeit einer Politik von Herrenmenschen zu deren Machterhalt auf den Leim gehen, wäre die Diagnose. Das ist das Gegenteil dessen, was sich in Stuttgart und Gorleben abspielt. Dem Machtpolitiker sind Proteste ein Dorn im Auge, und das ist seine Message: Ich bin jetzt hier oben. Ihr da unten habt zu schweigen.

Nicht auszudenken, jemand sägte nicht Bäume ab, sondern den Ast, auf dem der Herr sitzt. Angesichts solcher Baumpflegearbeiten gäbe es sicher keine “Schreikrämpfe” mehr, sondern obendrein lauten Jubel. Das kann ja nur irrational sein.

Es ist nicht alles wahr, was schwer erträglich ist, aber die Wahrheit zu ertragen, ist schon ein hartes Brot. Daher ist es umso schwieriger, Menschen zu erreichen, die täglich umworben und belogen werden, denen von den gierigsten Blutsaugern und den verlogensten Politikern die schönsten Illusionen serviert werden. Die allgegenwärtige Lüge der Marketingwirtschaft zwingt geradezu in die Scheinwelt, die Rationalisierung oder, um es mit dem Modewort zu sagen, in die fatalsten Strategien zur Glättung der kognitiven Dissonanzen.

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Jeder weiß, dass Werbung lügt. Doch Werbung ist überall. Jeder weiß, dass man hereingelegt wird, wenn man nicht aufpasst, aber wer will schon jährlich tausende Seiten AGB, Vertragsbedingungen und Klauseln lesen?
Jeder weiß, dass Parteien und ihre Vertreter nicht halten, was sie versprechen. Aber was soll man tun, wenn man wirklich von allen betrogen wird? Das kann doch gar nicht sein. Irgendwie muss das alles schon einen Sinn haben. Sie sagen es ja auch: Das ist alternativlos.

So macht man den Wahlzettel zum Denkzettel, wohl wissend, dass man sein Kreuz gerade bei denen macht, die einen zuletzt auch belogen haben. So zahlt man zähneknirschend die Rechnungen, obwohl man sich übers Ohr gehauen fühlt. Am liebsten würde man aber den Briefkasten zunageln.
Die Werbung zeigt einem glückliche Menschen, alle Konzerne umlullen uns, sie täten alles für “zufriedene Kunden”. Dennoch weiß jeder, was passiert, wenn man ein Problem hat. Man wird in einer Hotline behandelt wie Stückgut, und niemand schert sich einen Dreck um “Zufriedenheit”.

Wer will das schon wissen?

Selbst die Energiemonopolisten lassen stets verlautbaren, sie kämpften für eine saubere Umwelt und hätten nur unsere Zukunft, unsere Sicherheit und eine bessere Welt im Sinn. Derweil verpesten und verstahlen sie die Umwelt, plündern ihre Kunden und bestechen Politiker. Wer will das schon wissen?

Nein, wer Erfolg haben will, muss dem Menschen eine schöne, warme, herzliche Welt vorgaukeln. Und das Paradoxon wirkt, denn gerade, weil die Leute wissen, dass da draußen das Gegenteil an jeder Ecke lauert, hören sie sich das gern an. Da brauchen wir nicht auch noch Nörgler, die einem den Feierabend versauen.

Was haben wir diesen Leuten zu bieten? Wäre ich Optimist, ich ließe sie lustwandeln durch meine feine kleine Welt, in der die Lügen ein Ende haben. In der es eine Gemeinschaft gibt, die für die Versorgung aller arbeitet. Die wirklich erst alle warm, satt und trocken sehen will, ehe sie sich Statussymbolen und Eigennutz zuwendet. Wo man sich das, was man zum Leben braucht, nicht durch Zwangsarbeit “verdienen” muss. Wo es ein Recht gäbe, das Vertragspartner gleichstellt, eine Justiz, die sich jeder leisten kann und die man noch mit etwas Mühe versteht. Wo Korruption auf ein Mindestmaß begrenzt würde, weil sie nicht erlaubt wäre.

Keine Angst

Niemand müsste Angst haben, obdachlos zu werden oder zu hungern, für Verträge vor Gericht gezerrt zu werden, von denen man gar nicht wusste, dass man sie abgeschlossen hatte. Man wüsste, dass sich auch im Alter noch jemand kümmert, ohne dass man dafür reich sein muss.

Statt hektischer Konkurrenz herrschte entspannte Kooperation. Man flöge zwar nur noch alle drei Jahre in Urlaub und australischer Wein bliebe echten Liebhabern vorenthalten. Man hätte dafür aber die Zeiten endgültig hinter sich gelassen, in denen man befürchten muss, hinter der Grußformel “Guten Tag” versteckte sich bereits ein kostenpflichtiges Abonnement.

Da sind wir noch lange nicht, und weil die Hoffnung eben sehr vage ist, dass wir je dorthin gelangen, gebietet es die Ehrlichkeit – sich selbst und anderen gegenüber – nicht so zu tun, als wären wir auf dem besten Wege. Eines aber darf ich bei allem Realismus feststellen:
Schön wär’s schon.

Eine hervorragende Zustandsanalyse des deutschen Bürgertums hat Christian Schlüter in der FR hingelegt. Ich könnte gleich mehrere Absätze ztieren, einer aber hat es mir besonders angetan, weil er sich deckt mit meinen aktuellen Beobachtungen aus dem Polit- und Talkshowgeschäft:

Kennzeichnend ist dabei die zunehmende Unverschämtheit. Es wird beleidigt und verunglimpft, verkürzt und betrogen, vor allem aber: keine Rücksicht mehr genommen. Die Regeln des Anstands sind genauso außer Kraft gesetzt wie die elementaren Prinzipien intellektueller Redlichkeit.”

brainpipeVor allem letzteres hat deprimierende Züge angenommen. Man fragt sich, wo sie denn sind, die Intellektuellen, die noch mehr zu tun imstande sind als Phrasen und Parolen in affektiert genäselte Vorträge zu verpacken. Man fragt sich, wie eine Riege von untalentierten Schönschreibern die Redaktionen stürmen konnten und wieso derlei Dilettanten auch noch herumgereicht werden. Schlüter selbst nennt Broder, und allein die aktuellen und ehemaligen “Spiegel”-Redakteure, aber auch die ‘Spitzenkräfte’ von “Zeit”, FAZ, SZ usf. bestechen nicht mehr durch Recherche oder Analyse, sondern nur mehr durch ressentimentgeladenes Geschwurbel und auf Parolen gekürzte Scheinargumente.

Prinzipen intellektueller Redlichkeit

Mohr, Mahlzahn, Joffe, Schirrmacher, Beise, Steingart, Matussek – man weiß nicht wo man anfangen und aufhören soll bei der Aufzählung hochbezahlter Flachverblender. Gerade gestern noch entblößte der sogenannte “Kulturjournalist” Matussek seine ganze intellektuelle Erbärmlichkeit, indem er feststellte, in den 50er und frühen 60er Jahren habe es in katholischen Internaten keinem Kindesmissbrauch gegeben. Sein Beleg: Er und Heiner Geißler waren Internatsschüler und wurden nicht damit konfrontiert. Diesen gröbsten annehmbaren Unfug stellte er in die Nähe von Mixas unfassbarer Lüge, “die 68er” seien schuld daran, dass Pfaffen Kinder vergewaltigt haben.

Jemand, der so argumentiert, tritt in der Tat die “elementaren Prinzipien intellektueller Redlichkeit” mit Füßen. Dazu muss man Matussek übrigens nie für einen Intellektuellen gehalten haben. Er mag nicht besonders klug sein, aber er weiß, dass er lügt. Was will ich mit so einem? Was ist das für ein kognitiv verkommenes Bürgertum, das sich von solchen Leuten die Welt erklären lässt?

Ich glaube, was mir die größten Sorgen bereitet derzeit, ist dass die Verblödung derart durch alle Schichten geht, dass auf keiner Seite mehr relevante Kräfte stehen, die irgend eine Idee haben, die auch nur wissen wollen, was sie tun. Wer ein ‘revolutionäres Subjekt’ sucht, macht sich ohnehin lächerlich, aber selbst die Reaktion ist auf den reinen Reflex zusammengeschrumpft. Was bleibt, ist das ‘System’, eine formlose anonyme Kraft, deren Zwänge Gesetz sind. Dass “alternativlos” offenbar zum Unwort des Jahres gewählt werden soll, kommt insofern um Jahre zu spät, wenn nicht um Jahrzehnte. Die Alternativen nämlich scheinen erfolgreich ausgemerzt worden zu sein.

Die Deutsche Bank zahle 553,6 Millionen Dollar. Dafür würden alle Ermittlungen eingestellt, die es im Zusammenhang mit steuerbezogenen Geschäften für Kunden aus den Jahren 1996 bis 2002 gegeben habe”,

zitiert die Frankfurter Rundschau, und weiter:

Die US-Behörden gehen davon aus, dass ihnen durch die Steuerhinterziehung der Deutsche-Bank-Kunden in den Jahren 1996 bis 2002 Einnahmen in Milliardenhöhe entgangen sind.”

Der Staat, die Steuerzahler, werden durch die Bank um Milliarden geprellt, und als “Strafe” wird ein Bruchteil des Schadens festegelegt. Dafür darf der marode Haushalt dann auch noch Ihro Systemrelevanz aus faulen Krediten herauskaufen. Das ist schon keine Klassenjustiz mehr, das ist Beihilfe zur Plünderung.

 
eiszeit
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Da wächst zusammen, was zusammen gehört. Ein SPD-Bürgermeister kandidiert für die NPD. Ich muss gestehen, irgendwo in mir sitzt immer noch ein kleiner “Sozi” aus der Ära Willy Brandts und heult. Der Rest kriegt das kalte Kotzen.

Heißen Dank für das Bild an Bernd S.

 

Klaus Baum hat ein wichtiges Anliegen. Es ist zwar ‘privat’ motiviert, weist aber auf ein allgemeines Problem hin, zu dessen Lösung viele von uns beitragen können. Einfach mal auf einen Zettel schreiben und den so lange hängen lassen, bis eine Entscheidug getroffen ist.

Es besteht nicht wirklich ein Mangel an Auseinandersetzung mit der neoliberalen Kampfparole No.1, aber von Zeit zu Zeit ist es sinnvoll, noch einmal Stellung zu beziehen – vor allem, wenn das Dauerfeuer weitergeht.

hugenbergWas “sozial” ist, möchte uns die INSM gern so lange vorkauen lassen, bis wir nur noch aufspringen und anfügen “Sir, was Arbeit schafft, Sir!”. Der Slogan des neoliberalen Lobbyverbandes ist mit 379.000 Google-Treffern einer der erfolgreichsten der letzten Jahre – wenn es um seine Verbreitung geht. Besonders erfolgreich ist er aber, weil er von den neoliberalen Politikern und den aktuellen Regierungsparteien willig übernommen wurde. Zu denen, die den Slogan wörtlich in ihre Reden einflochten, gehören die prominentesten Vertreter der Parteien: Angela Merkel, Guido Westerwelle, Edmund Stoiber, Franz Josef Jung, Jürgen Rüttgers, Günter Oettinger, Kristina Schröder (Köhler), Roland Pofalla, Dirk Niebel und Wolfang Clement.

Die CSU machte den Satz zu ihrem Wahlkampfslogan in 2002, er überschrieb ein “Reformpapier der Union” in 2004. CDU-Generalsekretär Pofalla sagte am 01.Mai 2008, “Sozial ist was Arbeit schafft” sei “zentrales Leitbild der CDU“, Kollege Niebel (FDP) bezeichnete das Motto als “unseren Grundansatz“. Franz Josef Jung hat es in seiner Antrittsrede als Arbeitsminister zitiert.

Zentrales Leitbild, Grundansatz

Auch die SPD bediente sich des Spruchs, und zwar in Person des INSM-Kurators Wolfgang Clement, seinerzeit ‘Superminister’ für Arbeit und Wirtschaft unter Gerhard Schröder. Seit dessen Wahlniederlage geht die Partei ein wenig auf Distanz zu dieser Weisheit und variiert sie im Einklang mit den Gewerkschaften zu Vehikeln wie “Sozial ist, was gute Arbeit schafft” oder “Sozial ist, was Arbeit schafft, von der man leben kann”.

swrfrontAlfred Hugenberg, seines Zeichens Medienmogul der 30er Jahre, machte für seine “Kampffront Schwarz-Weiß-Rot” Werbung mit dem Slogan “Sozial ist, wer Arbeit schafft”. Hugenberg wurde 1933 Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung unter Hitler. Ein Schelm, wer hier nicht bloß zufällige Übereinstimmung feststellt.

Aber auch, was nur blöde daher gebetet wird, sollte gelegentlich auf seinen Inhalt überprüft werden. Es ist zwar klar, dass die ‘Message’, die da gefälligst zur Kenntnis zu nehmen ist, eine andere sein soll und ohnehin ja der Sinn der Übung in einer gefälligen Umdeutungen des Begriffs “sozial” liegt. Dies ist aber nicht ohne weitere Schäden möglich.

Symbol der politischen Verhältnisse

Was wäre demnach sozial? Autounfälle zum Beispiel. Kriege, Sklavenhalter und Konzentrationslager, Naturkatastrophen und schwedische Möbelbausätze. Das alles wäre “sozial”, wäre der Satz wahr. Wie kann ein solcher Unfug zum politischen Leitspruch des Jahrzehnts werden?

Das fragen sich in der Tat auch die Menschen, denen das eingetrichtert werden soll. Sie wissen zwar, dass sie denken sollen, jede Form von Arbeit sei denen zu danken, die sie “geben”, ihre Dankbarkeit hält sich aber arg in Grenzen. Sie wissen nämlich, dass es darum geht, möglichst geringe Löhne zu zahlen und möglichst viel daran zu verdienen. Dass das nicht “sozial” ist, weiß jeder, der auch nur fürchten muss, sich mit Niedriglohn oder Minijob durchschlagen zu müssen. In Foren und Blogs wird er deshalb auch nach Strich und Faden auseinander genommen.

Es ist ein Symbol der politischen Verhältnisse, dass ein wirklich dummer Spruch zum Leitmotiv der Funktionäre wird, während die Bürger sich davon eher verhöhnt fühlen. Ungehemmt werden derlei Parolen zwischen Geldgebern, PR-Agenturen und einer abgehobenen ‘Elite’ ausgebrütet und in die Medien gespeist. Die Wirklichkeit der Menschen, was sie denken und erleben, spielt keine Rolle. Einzig, was sie denken sollen, zählt. Das ist in der BRD im Jahr 2010 nicht anders als in der DDR Anno 1989.

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