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2010


Ich schrieb einmal einem geschätzten Kollegen, der eine (stärkere) Vernetzung von Blogs vorschlug, daß Blogs durch gegenseitige Verlinkung bereits vernetzt seien. Darüberhinaus nannte ich mich selbst einen “Ego-Shooter” in bezug aufs Bloggen. Meine Befürchtung war und ist vor allem die, daß das Scheitern einer unstrukturierten Verquickung von Einzelautoren wahrscheinlicher ist als ein relevanter Vorteil durch eine Zusammenarbeit, die nicht die Qualität echter redaktioneller Arbeit hat.
Alternativ dazu habe ich in einer kleinen Serie von Artikeln die Frage aufgeworfen, ob und wie Blogger politische Relevanz erreichen können. In diesem Zusammenhang wurde auch die Möglichkeit diskutiert, eine professionelle Redaktion für mehrere Blogger zu verwirklichen. Der neue “Freitag” ließ die Hoffnung aufkommen, Ressourcen dafür zur Verfügung zu stellen, was als gescheitert betrachtet werden darf.

In den vergangenen Monaten haben sich einige zusammengefunden, die durch Crossblogging versuchen, ein gemeinsames Auftreten zu bewerkstelligen. Ich kann dem recht wenig abgewinnen.
Viele Blogger, deren Auftritte engmaschig verlinkt sind, posten inzwischen gleichzeitig dieselben Artikel. Deren Qualität ist höchst unterschiedlich und tun einigen vielleicht gut, im Gros verwässert das m.E. allerdings stark den zum Teil mühsam erarbeiteten Charakter einzelner Blogs. Ein Konzept kann ich nirgends erkennen, im Gegenteil erscheinen mir viele Artikel von Gastautoren deplaziert. Mich persönlich stört das wenig, ich lese die Originale beim Original, und es kostet mich kaum Zeit zu erfassen, ob ein Gastbeitrag für mich lesenswert ist.

Ich glaube allerdings, daß die betreffenden Blogs in der Summe unattraktiver werden, wenn die Wiedererkennbarkeit durch Fremdbeiträge gemindert wird. Die Stärke der (allermeisten) Blogs besteht in der Schreibe und dem Denken des Betreibers. Gute Blogs sind bei aller möglichen Professionalität und Virtuosität noch immer eine Art Tagebuch. Man stelle sich ein Tagebuch vor, in dem alle paar Tage eine andere Person ihre Gedanken ablegt. Das hat etwas von Psychose, mit dem dramaturgischen Nachteil, daß sich dort keine Person aufspaltet, sondern die Stimmen, die man da hört, tatsächlich für sich sprechen.

Der Vorteil des organisierten Journalismus liegt darin, daß er es eben ist. Ein halbwegs brauchbarer Chefredakteur reibt sich die gleitsichtbrillengestärkten Augen über die Amateure im Internet.
Will er politisch Einfluß nehmen, greift er auf Organisationsstrukturen zurück, die ihm Zutritt verschaffen. Will er Vielfalt abdecken, hat er für jedes annehmbare Leserinteresse Experten, von anerkannten Dampflauderern bis hin zu Fotographen, die wissen, wie man mit Kamera und Software direkten Zugang zur Hormonproduktion der Rezipienten findet. Was haben wir dem entgegenzusetzen?

Unsere bessere Einsicht in politische Zusammenhänge leider nicht. Nicht nur ist das Talent und das Wissen der Blogger normalverteilt, die Gemeinten sind obendrein nicht homogener als die Mitglieder der Parteien, die sie offen oder heimlich wählen oder eben nicht. Und schon wieder noch schlechter organisiert als, sagen wir mal die “Linke”. Einigkeit wird nie die Stärke von Blogs sein, allein schon, weil man sich einigen kann oder eine Meinung vertreten. Beides gleichzeitig geht nicht, und selbst nacheinander bedarf es einer Basis, die erst einmal geschaffen werden muß. Wir würden auch daran scheitern, jedenfalls in der Breite des Spektrums derer, die derzeit glauben, man könnte mal eben zusammenstehen und die Welt bewegen.

Die Fähigkeit zum Kompromiß, zuvörderst die Einsicht, daß es nur ein solcher ist, den man herstellen kann, ist die Grundbedingung für ein gemeinsames Auftreten. Das können Parteien und Zeitungsredaktionen so viel besser als meine mir durchaus lieben Nachbarn, daß ich in den Keller rennen und die Konservendosen zählen könnte, wenn da bloß welche wären.
Was sich da tut, ganz privat und eben nicht öffentlich, läuft auf Pathien hinaus. Sym- Anti- und Soziopathien, die im worst case dazu geeignet sind, eine Gegenöffentlichkeit in die Winde privater Flatulenzen zu zerstreuen. Wir sind uns meist nicht einig. Wir sind nicht einmal “wir”. Es gibt lediglich eine Riege unkorrumpierter Schreiberlinge, die sich ihre Meinung nicht abkaufen lassen. Sie sollten sich tunlichst nicht darauf einlassen, für ein paar Leser mehr ihre Unabhängigkeit zu opfern. Und schon gar nicht für die “gute Sache”, die schon immer der Titel der grausamsten Dummheit war.

p.s.: Wer sich bemüßigt fühlt, den Artikel zu kommentieren, möge höchst mögliche Contenance bewahren. Ich dulde keinerlei persönliche Angriffe, geschweige denn Veröffentlichungen privater Auseinandersetzungen.

Niemals zuvor hat ein Mitglied der Bundesregierung eine ähnlich schwerwiegende Attacke gegen die katholische Kirche geführt” wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, meint der deutsche Oberbischof unter dem Papsttum, Robert Zollitsch. Innerhalb von 24 Stunden hätte sie das zurückzunehmen, erkühnt sich ein Pfaffe gegenüber einer Bundesministerin.
Und wenn nicht? Wird dann zurückgeschossen? Woran erinnert mich das?

Kein Volk dieser Erde ist jemals in seiner eigenen Sprache so geschmäht worden wie das deutsche durch Tucholsky.

Es gibt Zeiten für “niemals zuvor”-Sätze von beleidigten Funktionären, und dies sind Zeiten, in denen Verbrechen vertuscht werden sollen – am Ende sogar legitmiert, weil die anderen Schuld sind und die Beleidigung der Obrigkeit schwerer wiegt als das Leben, der Körper und die Seele des Menschen. Erbärmlich.
Der Inhalt und die Beschuldigten sind Austauschbar, die Rhetorik des letzten Aufgebots bleibt dieselbe.
Der katholischen Kirche und ihren Trägern heimtückischer Entwürdigung ist mangels auch nur rudimentärer Einsicht anzuraten, sich an die eigenen Regeln zu halten und zur Hölle zu fahren.

Jürgen Rüttgers läßt einen gehen. Zuerst fiel mir auf, daß ich das nicht aufregend finde. Als nächstes dachte ich strategisch und stellte fest, daß die Strafe für eine Affäre im Wahlkampf sich womöglich ganz von selbst einstellt. Gefolgt wurde dieser Halbgedanke von einem zerebralen Schulterzucken – andere Amtsträger haben doch deutlich mehr Dreck am Stecken. An dieser Stelle habe ich mich der schmerzhaften Prozedur des vollständigen Gehirneinschaltens unterzogen und eine formidable Vollbremsung hingelegt.

Der Versuch einer Bewertung dieses Vorgangs ist auch nach längerem Abwägen der üblichen Kriterien kläglich gescheitert. Alle relevanten Fragen führen in die Leere einer Apathie, der kaum ein Trotz mehr beikommt:
Wozu das Opfern des Bauern, der doch stets für die dicksten Kartoffeln zuständig war? Soll oder muß Rüttgers zurücktreten? Gilt es, sich über die banalen Spielarten der Korruption zu empören, von der die nämliche eine harmlose ist? Ist eine Analyse der Details angezeigt, an deren Ende man sich klüger wähnt und zu einem ausgewogenen Urteil findet, das gleichwohl nichtssagend bleibt?

Die Kategorien gehen verloren. Ob man es für einen furchtbaren Skandal hält, daß die rechte Hand des Ministerpräsidenten es völlig normal findet, denselben zu vermieten, ob man nach der Verantwortung sucht, womöglich individuelle Schuld feststellt, ob man moralische Standards anlegt oder die Kompetenz eines Regierungschefs anzweifelt, der nicht wissen will, von wem er für was bezahlt wird, es drängt sich aus jeder Perspektive ein dumpfes Unbehagen auf. Sie sind alle korrupt. So ist das eben in der Politik und ihrer Verflechtung mit dem großen Geld. Das ändert doch nichts. So schlimm ist das alles nicht. Sollte es aber sein. Was ist eigentlich noch ein Rücktrittsgrund? Wie viele Wähler werden das der CDU übelnehmen? Interessiert sie das überhaupt noch?

Nüchternes Denken scheitert. Lautstarke Empörung hat jedes Recht auf Äußerung, erscheint aber beinahe naiv. Ich weiß tatsächlich nicht, was ich davon noch halten soll.
Gut, daß andere es besser können. Putzig die Freunde schwarzer Politik ohne den gleichnamigen Humor, die es noch ein bißchen in Ordnung finden wollen:

Die “Welt” schreibt von Kontakten zur Wirtschaft, “die per [s]e ja nicht ehrenrührig sind“.
Eine hervorragende Orientierunghilfe, weist dies doch darauf hin, daß solche Kontakte längst den Mehltau darstellen, der mit “Ehre” soviel zu tun hat wie Radprofis mit “sauberem” Sport. Es ist auch per se nicht ehrenrührig, einen Tresor auszuräumen.

Die “Zeit” erklärt:

Mit dem Rücktritt ihres Generalsekretärs signalisiert die nordrhein-westfälische CDU reumütig, dass sie erkannt hat, einen gravierenden Fehler begangen zu haben.
Reue und Sühne wie wir sie von “Steuersündern” kennen. Andere erkennen hier das Minimum einer Einsicht in schiere Schadensbegrenzung. Wer das schon “reumütig” nennt, sollte vor Gericht tunlichst von seinem Recht auf Schweigen Gebrauch machen.

Der “Tagesspiegel” findet den Mut zu einem Vergleich, der die unerträgliche Doppelmoral der Leistungsträger-Gesellschaft ein wenig zurecht rückt:

Denn während inzwischen vor allem darüber diskutiert wird, wie am unteren Ende der Gesellschaft Kontrolle und Druck erhöht werden können, scheinen in der Politik immer mehr Sicherungen durchzubrennen.

SpOn liefert einige Zitate und Hintergrundinformationen, die darauf hinauslaufen, daß Hendrik Wüst eine Fehlbesetzung ersten Ranges war und entblößt kommentarlos die CDU als moralisch schmerzfreie Truppe von zu spät gekommenen Strategen. Norbert Lammert findet das alles “selten dämlich” und weist immerhin im Konjunktiv darauf hin, daß Rüttgers untragbar sein könnte.
Ganz selbstverständlich meint der Chefdemokrator der Union, Roland Koch:
Ich glaube, dass er da die richtigen Antworten gegeben hat.”
Ausnahmsweise wird er von Christian Wulff souverän überholt, der sich erblödet zu erklären, es handele sich um einen “kleinen Fehler, der zu einer Affäre aufgebauscht wird” und appelliert an die Kompetenz qua Sitzfleisch:
Da sage ich, dass wir noch viele Rücktritte erleben werden, wenn wir diese Maßstäbe weiter durchhalten.”

Um Gottes Willen, wo kämen wir hin, wenn an die Repräsentanten der Demokratie Maßstäbe angelegt würden – womöglich nachhaltig!
Das, liebe Wähler, sind die Kandidaten, die zur Wahl stehen. Und die du dir immer wieder so zurecht schminken läßt, daß sie dich doch irgendwie würdig vertreten. Und wenn einer wie ich daher kommt und eigentlich sprachlos ist, entstehen lange Artikel, an deren Ende alles Wichtige besprochen und doch nichts gesagt wurde. Bloß weil Schweigen die schlechteste aller Alternativen ist.

Was die Deutsche Bank unter “Volkswirtschaft” versteht, wird immer dümmer, die Linie bleibt allerdings erkennbar: Arbeit soll sich nur für eine kleine Kaste höherer Angestellter lohnen – und natürlich für Kapitaleigner. Für den großen Bodensatz gilt: Viel arbeiten, wenig verdienen. Unproduktive Jobs fordert der Herr Mayer von der Deutschen Bank. Irgendwer in Deutschland soll sich Leute leisten können, die den Rasen mähen. Derweil sollen die anderen Europäer, vor allem die, denen eh nicht mehr zu helfen ist, produktiver werden und auf Export setzen. Natürlich mit niedrigen Löhnen, so wie Deutschland das vorgemacht hat. Man möchte sich die Stirn in Scheiben hauen.

Die Vorlage der Interviewer, die Löhne um fette zwei bis drei Prozent zu erhöhen, ist ihm “zu einfach”. Warum, das verrät er nicht. Und wird auch nicht danach gefragt. Überhaupt ist da ein kondebiles Gespann am Werk, das weder Probleme definiert noch ernsthaft Lösungen erörtert. Robert von Heusinger, den ich sonst durchaus schätze, macht sich zum Deppen vor einem vermeintlich unantastbaren Experten. Wenn er das nicht besser kann, sollte er keine Interviews mehr führen. Seine neue Rolle in der Zentralredaktion der du Monts könnte in einer Selbstdemontage enden.

Die armselige Veranstaltung dieses “Interviews” ist der FR nicht würdig, es ist eine Orgie neoliberaler Plattitüden.
Ja, die Arbeitsmarktreformen waren erfolgreich“; “Ich habe überhaupt nichts gegen Kombi-Lohnmodelle und bessere Zuverdienstmöglichkeiten“; “Die Wettbewerbsfähigkeit kann man in einer Währungsunion nur verbessern, indem man die Produktivität steigert, oder die Nominallöhne senkt.
Zum Teil sind die Äußerungen Mayers widersprüchlich, zumal niemand ihn fragt, wie eine Binnennachfrage mit “Kombilöhnen” auf die Füße kommen soll. Die Frage nach einer Erklärung für die “Saldenmechanik” wird mit zwei Sätzen abgefrühstückt:
Wenn ein Land einen Exportüberschuss aufweist, muss der Rest der Welt ein Handelsbilanzdefizit haben. Denn der Saldo aller grenzüberschreitenden Transaktionen ist immer null.
Ganz großes Expertenwissen!

Mayers Eingeständnis zum Auftakt, daß die Fixierung der deutschen Wirtschaft auf den Export nicht richtig war, ist wohl das Zückerchen, mit dem sich Heusinger und Roth haben abspeisen lassen, sodaß es für den Rest halt nur noch Kamelle aus dem Phrasensack gibt. Es kommt nicht einmal das Bemühen um ein Verständnis der Lage auf, geschweige denn ein kritisches Nachhaken. Wie zum Beispiel das gescheiterte Exportmodell überhaupt funktionieren soll in Ländern, die gar keine Infrastruktur dafür haben, wäre wohl das Mindeste, das hätte geklärt werden müssen.

So endet das Spiel “Frag mich nichts, dann sag ich nichts” denn auch als Cliffhanger, dessen marktwirtschaftlich freier Fall den Zuschauern nicht mehr zugemutet wird:
Die Staatsknete sei verschossen und wir könnten nicht noch einmal das Defizit verdoppeln, erklärt Mayer. Dazu die Qualitätsjournalisten:

Weil wir das Geld den Banken geben mussten.

Hier schweige ich besser“, ist die zynische Abfuhr des Leistungsträgers, der weiß, daß er sich vor diesen sportinvaliden Sparringspartnern nicht verantworten muß. Sie wollen schließlich gar nicht, daß ihre Leser auch nur der Hauch einer Erkenntnis anweht.
Solche geistige Windstille bildet also die öffentliche Meinung. Für eine Zeitung, die sich jüngst als ein rarer Lichtblick im unkritischen Medienzirkus erwiesen hat, eine einzige Schande.

Achtfach Antiasilaling an Pizza und Bier. Man hätte es ahnen können. Sitzt den ganzen Tag am Rechner und daddelt. Und morgen erzäht er uns wieder was von Wirtschaftspolitik!

lan10

Es geht meilenweit am Problem vorbei, wenn man nur die falschen Zahlen vieler Neoliberaler korrigiert, mit denen sie ihre Diskriminierung sogenannter “Leistungsempfänger” untermauern. Es muß leider, quasi als Gegenfeuer, dauernd wiederholt werden, daß niemand “enteignet” wird, wenn Menschen, die nicht die Möglichkeit finden, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, alimentiert werden. Es muß wiederholt werden, wie infam es ist, mit Stereotypen von faulen versoffenen Nichtsnutzen die Lage der Verlierer in der “Marktwirtschaft” ihnen selbst als Schuld anzulasten, die sie zu büßen hätten.

Die Hauptaufgabe besteht viemehr darin, deutlich zu machen, daß der Reichtum, den die Menschheit durch die Unterwerfung der Natur errungen hat, zumindest soweit gerecht verteilt werden muß, daß ein Leben ohne Hunger und Depression für alle möglich wird. Die Frage, wie möglichst viele ihren Beitrag zum Aufbau und Erhalt der Zivilisation leisten können, ist in diesem Zusammenhang völlig nachrangig. Die Technik ist längst so weit fortgeschritten, daß Erwerbsarbeit für alle unmöglich geworden ist. Dabei ist die Automation noch lange nicht an ihrem Ende angelangt. Wie sollte wohl der Reichtum verteilt werden, wenn es eines Tages nur noch eines kleinen Bruchteils der Menschheit bedarf, um ein gutes Auskommen zu haben? Sicher nicht durch eine “Freiheit”, die in schierem Eigentum besteht.

Der ungleiche Meinungskrieg darum, wer sein Leben “verdient” und wer nicht, ist alles andere als neu. Ein Blick in die junge Vergangenheit zeigt, was dabei herauskäme, wenn die Blütenträume derer, die den Faulpelzen Beine machen wollen, wahr würde. Das gab es nämlich schon.
John Steinbeck etwa hat in “Früchte des Zorns” beschrieben, wie zwischen den Weltkriegen in den USA Millionen auf der Suche nach Arbeit gestrandet sind, wie die verzweifelt Fleißigen aufgenommen wurden und als menschlicher Dreck behandelt wurden.

Hoovervilles hießen die Siedlungen, in denen sich die Vertriebenen sammelten, die ihr Land nicht mehr bewirtschaften konnten, weil es nichts mehr hergab oder von denen okkupiert wurden, die sich große Landmaschinen leisten konnten. Sie hausten dort neben Wanderarbeitern, die fernab der Heimat zu überleben versuchten.

Diese Hoovervilles wurden regelmäßig in Brand gesteckt, um die “Parasiten” loszuwerden, die am Reichtum der Landstriche teilhaben wollten, in denen es noch etwas Besseres gab als den Tod. Die Eigentumsstrukturen waren durchaus vergleichbar mit den heutigen, die Mittel zu deren Sicherung freilich durchaus brutaler.
Die wandernden Hungerleider, die sich organisieren wollten, galten allesamt als “Rote”, “Kommunisten” und “Aufwiegler”. Die Staatsmacht und private Schlägertrupps setzten Hand in Hand alles daran, daß das Elend nicht zu gravierenden Veränderungen der Gesellschaftsstrukturen führte – oben, versteht sich, denn der weiße Unterschichts-Amerikaner sah sich längst in einer Lage, in der von “Gesellschaftsstruktur” kaum mehr die Rede sein konnte.

Wer so weit gesunken war und das nicht als gottgegebenes Schicksal hinnahm, hatte nicht nur Hunger und Krankheit zum Feind, sondern auch die (un)menschliche Gesellschaft. Selbst die Leidensgenossen waren sehr darauf bedacht, nicht zurecht als revolutionäres Pack identifiziert zu werden. Sie wollten nicht die Schuld auf sich laden, Umstürzler zu sein und dafür bestraft zu werden. Daher richtete sich ihr Zorn ausgerechnet gegen diejenigen, die für ihre ureigene Sache kämpften, und sei es noch so zaghaft gewesen.

Die Analogien sind zu offenbar, selbst in einem Land, das vor Reichtum kaum laufen kann. Man sollte beinahe befürworten, was die widerlichsten Propagandisten des Neoliberalismus fordern:
Schickt die Arbeitslosen auf die Reise durch die Republik, setzt sie alle in Bewegung. Schaut euch an, was dabei herauskommt, wenn sie alle sich eine Arbeit suchen müssen, weil sie sonst nichts mehr zu beißen haben. Wenn sie nicht mehr in Depression und falschem Unterschichts-Stolz daheim hocken und sich am Kiosk laut lamentierend die Birne weg saufen. Ihr würdet euch nach den Zeiten zurücksehnen, in denen sie euch friedlich auf der Tasche lagen – und würdet immer noch nichts gelernt haben.

Er trägt Mantel und Anzug von Hugo Boss. Seine leichte Champagnerfahne mischt sich mit dem Geruch schweren Parfums. Als er von der Willy-Brandt-Straße in die Brandstwiete einbiegt, sieht er die junge Frau mit den grell gefärbten Haaren und dem Piercing. Wie aufgescheucht rennt er auf sie zu, schlägt ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Der Siegelring hinterläßt tiefe Striemen.
“Du Scheißschlampe”, brüllt er, “es ist elf Uhr. Hast du keine Arbeit oder was? Wie du schon aussiehst! Kein Wunder, wenn du keinen Job findest. Früher hätten wir dich…”

Die sogenannten “Streifenbeamten” erleben das immer wieder hier, rund um das Verlagshaus des “Spiegel”:
“Die Redakteure dort sind sehr engagiert für den Sozialsstaat. Da gehen die Pferde mit ihnen öfter schon mal durch, wenn sie auf Leute treffen, die arbeitslos sein könnten.”
Die junge Frau hält sich ein Taschentuch vors Gesicht. “Ich bin doch gar nicht arbeitslos”, stammelt sie entsetzt.
“Dann sollten Sie besser nicht so herumlaufen wie die Asozialen”, rät die Beamtin, “nicht in dieser Gegend!”

Was man so hört von den entschlossenen Wachstumsmagiern der Eigenbedarfsliberalen ist eine Sache. Während die Hetze gegen hiesige Wohlstandsverweigerer aufgeregt kommentiert wird, als gelte es, “den Sozialstaat zu retten”, wird mit der wirklich bitteren Armut ein stilles Geschäft gemacht, das die ganze Herzlichkeit des endliberalen Menschenbildes offenbart. Ein großes Herz für Vettern haben sie und zeigen den blöden Gutmenschen, die partout nicht kapieren wollen, worauf es ankommt in der Politik, die lodernde Arschkarte.

Nachgerade rührend ist es, von jemandem wie Dirk Niebel “ein Gesamtkonzept” zu fordern. Er hat es lange vor der Wahl offengelegt, nur in der Durchführung gestaltet sich das überraschend anders als vermutet. Er wollte das Entwicklunsghilfeministerium abschaffen. Daß er nun selbst dessen Chef geworden ist, ist nur seiner Bemühung um Nachhaltigkeit geschuldet – die ja gute Entwicklungspolitik auszeichnet. Er will und wird sie vollständig ruinieren. Und ganz nebenbei für Wachstum in den Haushaltskassen seiner Parteifreunde sorgen. Wenn der Laden schon einmal da ist, ist es nur opportun, ihn als Versorgungspiste zu nutzen. Ein rundum gelungener Coup der Partei freier Plünderer, denen der Staat noch nie zuviel war, wenn er die Richtigen überbezahlt hat.

Der Neger und die anderen Lumpenträger in den unsicheren Reiseländern wissen es eh nicht zu schätzen, wenn man ihnen das Schicksal der Unfitten in der Evolution erspart. Wenn sie wirklich wollten, fänden sie auch Arbeit und würden nicht den ganzen Tag rumhängen und darauf warten, daß jemand sie abholt. Angewandte Eigenverantwortung ist das Konzept. Je weniger jemand vom Helfen weiß und je weniger er sich vom Gutmenschentum in seinen ökonomisch orientierten Entscheidungen beeinflussen läßt, desto professioneller wird er handeln. Daher ist Niebels Personalpolitik, die im Jenseits aller bisherigen Vorstellungen von Kompetenz angesiedelt ist, nur konsequent. Es wird Platz geschaffen für die Überlebenden. Denn auch in der Dritten Welt gilt: “Wer den Sozialstaat überfordert, zerstört ihn“‎.

Der Mißbrauch von Kindern durch katholische Priester ist aufgeklärt. Es war der Antichrist. Er hat die sexuelle Revolution über die Erde gebracht, in deren Zug auch Geistliche kontaminiert wurden. Satan ist mächtig. Nicht nur, daß seine Ideen bei denen auf besonders fruchtbaren Boden fielen, die sie rundherum ablehnen – sie wurden gerade von diesen in besonders abartiger Weise und rückwirkend in Schandtaten umgemünzt. Waren womöglich gar die Klosterschulen und Stifte die Brutstätten der 68er? Hier, wo die Perversion schon immer zuhause war, heimlich und still?

Was Mixa deliriert, zeugt von einem derart zerstörten Intellekt, daß man sich nicht lange mit dem Inhalt seines Lamentos befassen muß oder dem ernsthaft entgegentreten. Interessanter ist schon die Frage, wie halbdebile Zwangsopfer in ein höheres Management, hier das der katholischen Kirche aufsteigen können. Was muß jemand leisten, um an einen solchen Posten zu kommen? Und wenn man sich die Frage ehrlich beantwortet hat, bleibt noch die, wer die Träger solcher “Würde” noch öffentlich zitiert. Wenn das die Vertreter Gottes auf Erden sind, dann ist eines schon mal geklärt: Er muß hirntot sein.

Ein wenig kann man dennoch darüber spekulieren, wie die bunte Tante Mixa auf seine Idee kommt. Ganz offensichtlich ist natürlich die Sündenbockfunktion: “Ganz sicher nicht unschuldig” sei die “sexuelle Revolution”. Irgendwer ist immer schuld, und man sieht sie schon brennen, die linken Ketzer und Lüstlinge. Politisch paßt’s auch, schließlich sind sie, das ist auch Konsens der Neoliberalen und Konservativen, für alles Schlechte verantwortlich, die “Linken und 68er”, expressis verbis.

Tief hinein in den Schlund der katholischen Hölle zeigen aber die drei Finger des Vorwärtsverteidigers, die nicht auf andere weisen. Wenn in Sachen Sex sich rund um ’68 eines geändert hat, dann ist es Öffentlichkeit. Selbst die Kinderschänder, die sich ermutigt fühlten, ihre Opfer auch noch zu Tätern zu machen, indem sie von “kindlicher Lust” schwadronierten, haben dazu beigetragen, daß über Mißbrauch gesprochen wird. Das ist es, was dem Moralzombie so gar nicht in den Kram paßt: Er kriegt den Deckel nicht mehr drauf.

Jakob Augstein äußerst sich zum Journalismus, wie er sein sollte und nimmt eine äußerst sympathische Haltung ein, von der ich hoffe, daß er sie beim “Freitag” auf lange Sicht etablieren kann. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis der Journalisten zu Politikern, von dem Augstein sagt, es sei am besten gar keins, man sollte “Fremder” bleiben. Andere sehen das nicht nur anders, die hauptstädtische Realität des Schulterklopfens wird vielmehr gepflegt und verteidigt von Elitejournalisten, die sich in einer “win-win” Situation wähnen. Das kann man so sehen, denn die einen werden mit Exklusivinformationen versorgt, die bares Geld wert sind, die anderen müssem Kritik nicht wirklich fürchten, weil sie sich erfolgreich dagegen abschirmen.

Was dabei verliert, sind Wahrheit, Transparenz, Demokratie. Und ganz en passant natürlich ein Journalismus, der seine Qualität in gerade diesen Bereichen einmal gefunden hatte. Augstein Senior stand protoypisch für diesen, der noch von Journalisten und Demokraten geprägt wurde, nicht von Parteigängern und Umsatzzielen. Das hat sich gründlich geändert, und wie dumm eindimensionales Gewinnstreben sein kann, zeigt sich nirgends so deutlich wie hier. Die Qualität der Springerpresse lag noch nie in dem, was sie “Berichterstattung” oder “Kommentar” nennt. Verkaufen lassen sich ihre Produkte gleichwohl. Wenn inzwischen beinahe alle diesen Antijournalismus für seligmachend halten, bleibt nach dem Ethos auch noch die wirtschaftliche Substanz auf der Strecke. Das hat mit einer Online-Revolution herzlich wenig zu tun.

Eine Lösung ist vor allem deshalb nicht in Sicht, weil die Medien von selbsternannten Leistungträgern für vermeintlich Ihresgleichen gemacht werden. Jakob Augstein bringt das auf die Formel:
Der soziale Aufstieg hat die Journalisten selber in die herrschende Klasse gespült: Ihre Kinder besuchen die selben Schulen, sie wohnen in den selben Vierteln, sie gehören zu den selben Clubs“.
Und sie behandeln ihr Fußvolk dementsprechend: Als Kostenfaktoren, Befehlsempfänger und Contentarbeiter. Sie betrachten Absatzeinbrüche als Kostendruck, anstatt sich um höhere Qualität zu bemühen. Sie halten sich für unangefochtene “Gatekeeper”, die ihre unmündigen Leser mit preiswerten Informationshäppchen versorgen. Ihre Werbung sagt, das sei schmackhaft und gesund, und wenn der widerspenstige Kunde das nicht goutiert, dreht man ihm dasselbe in einer neuen Verpackung an. An dem Zutaten muß dafür noch ein wenig mehr gespart werden.

Die Meinungsbürokratie der Karrieristen ist nicht nur undemokratisch und der Tod jeder relevanten Kritik, sie ist obendrein auch muffig wie das Aktenarchiv im Finanzamt. Bezeichnender Weise werden Skandale nicht mehr von Journalisten aufgedeckt, sondern von Politikern ganz offen produziert. Es wird nicht mehr mühsam ans Tageslicht gefördert, was die Herrschaft verschämt in ihren Kellern versteckt, sondern eifrig mitgeschrieben, was sie ungehemmt verkündet.

Wo sind Mut und Lust, die Suche nach der Wahrheit, die Idee von einer besseren Welt geblieben? Wen soll dieser Betrieb zum Lesen animieren? Ein böser Demagoge sagte einmal:
Wenn wir uns selbst begeistern, dann können wir auch andere begeistern.” Damit meinte er freilich nicht eine losgelassene Eitelkeit, die in arroganter Verachtung endet, verendet sind dennoch seine Partei und die schreibende Zunft gleichermaßen. Daß ihm längst der blanke Hass des Establishments aus Politik und Medien entgegen schlägt, ist die Ironie des gegebenen Zustands.

Wer Journalist werden will, sollte sich Kurt Kister oder Diogenes von Sinope zum Vorbild nehmen. Wem die Majestät die Hand reicht, der sollte noch den kleinen Finger ausschlagen. Wer will, daß dieser Beruf ernstgenommen wird, muß Unabhängigkeit fördern und leben. Und wer nicht völlig der Idiotie des selbstverschuldeten Sachzwangs erlegen ist, sollte erkennen, daß die Zukunft der Zeitung in solcher Unabhängigkeit liegt.
Sollte, könnte, müßte. Es wird wohl anders kommen. Die Schuldigen wird man schon irgendwo finden.

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