Wirtschaft


Das “Unwort des Jahres” kommt wieder einmal aus dem Ökonomenkauderwelsch. Nachdem schon in 2004 “Humankapital” mit dem Preis für besondere Verdienste gegen die Sprache ausgezeichnet wurde, tummeln sich in diesem Jahr laut SPIEGEL gleich mehrere Begriffe aus der Kaderschmiede des Wortdesigns unter den häßlichsten des Jahres: “Smartsourcing”, “Qualitätsoffensive”, “unternehmerische Hygiene”. Nun fragt man sich, ob die Gesellschaft für deutsche Sprache ein Haufen stramm linker Marktwirtschaftshasser ist oder ob es wirklich eine Affinität der Wirtschaftssphäre zur Sprachvergewaltigung gibt. Wohlgemerkt: Es ist nicht die Werbebrache, die für ihre Hirngespinste abgemahnt wird, sondern die Chefetage des deutschen Managements. Was steckt dahinter? Ist es die Macht der Rhetorikkurse? Die “Sorge dich nicht – lebe” Mentalität? Oder doch “verdinglichtes Bewußtsein”?
Zum Begriff selbst muß allerdings festgestellt werden, daß er nicht einmal aussagt, was er sagt. Wenn “Entlassungsproduktivität” “gleichbleibende, wenn nicht gar gesteigerte Arbeits- und Produktionsleistung” meint, müßte es eigentlich “Nachentlassungsproduktivität” heißen. Konsequent gedacht, verbirgt sich hinter dem Unwort etwas anderes, nämlich die Produktivität von Entlassungen und von deren Ankündigung. Man kennt das: Ein Konzern kündigt Entlassungen an, und der Börsenkurs steigt. Das zusätzliche Kapital kann dann zur Steigerung der Produktivität genutzt werden. Das ist zwar auch etwas holprig, benennt aber einen Effekt, für den dringend ein Begriff nötig wäre. Warten wirs ab – das nächste Unwort kommt bestimmt!

Das Geldgeschäft ist ein gar lustiges Spiel. Nervöse Menschen sind wohl gar nicht schlecht beraten, wenn sie die Noten unter der Matratze horten, für alle anderen gilt: Ruhe bewahren! Ein bißchen Yoga, Atemübungen und eine gehörige Portion Ignoranz können da helfen.
Was wann warum passiert, ist eine Frage vor allem der Kommunikation. Es gibt nichts wirksameres, als ein falsches Wort zur falschen Zeit. Wie jetzt zum Beispiel eine Ratingagentur, die einen Immobilienfonds zum Verkauf empfohlen hat. Da geht also eine Truppe von Geldexperten hin, sagt: “Leute, das Zeug ist sein Geld nicht wert”, und schon ziehen die Anleger massenhaft ihr Geld heraus. Nachdem die Deutsche Bank schon einen Immobilienfonds geschlossen hat, kam die zweifelhafte Bewertung von Kan Am [FTD] zur Unzeit. Moral und Geldgeschäft: Man kann sich nicht recht des Eindrucks erwehren, daß die Mißachtung sozialer Kompetenzen im Management allmählich aufs Geschäft selbst durchschlägt. Man könnte meinen, es herrsche allenthalben Verantwortungslosigkeit. Diese wird massiv geschäftsschädigend und könnte bei glücklicher Fügung zu einer Rückkehr der Moral ins Geschäft führen.
Könnte!
Einstweilen ist business as usual, und der der Anleger wird zur Ruhe ermahnt. Als Kopper dereinst von den “Peanuts” sprach, meinte er übrigens nicht das Geld, ihr dummen Nüsse!

Gegen Hilmar Kopper, Aufsichtsratschef von DaimlerChrysler, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft wegen eines Indsidergeschäfts SPIEGEL. Der Exchef der Deutschen Bank hat dieselbe vorab vom Rücktritt des Daimlerchefs Schrempp informiert. Die Deutsche Bank hat daraufhin flugs Aktien im Wert von 1,4 Milliarden Euro verkauft.
Es ist erstaunlich, daß es nicht nur ein Gesetz gegen Insiderhandel gibt, sondern daß immer wieder Verstöße dagegen aufgedeckt werden, vor allem bei prominenten Börsianern. Da soll mal einer sagen, das Geschäft mit dem großen Geld unterliege keinen Regeln! Da ruft der Hilmar seinen Freund Jo an, und schon steht er mit einem Fuß im Knast! Das ist weder sinnvoll noch gerecht. Höchste Zeit, das Spiel für Insidergeschäfte ganz zu öffnen – als ob irgendwer besser schliefe, wenn es verboten bleibt! Im Gegenteil könnte sich so mancher Lerneffekt ergeben, wenn sich die Konzernlenker durch taktisches Informationsmanagement ständig gegenseitig reinlegen würden. Womöglich ginge ihnen dann auf, daß Regeln gar nicht so schlecht sind und daß wir sogar noch einige mehr brauchen könnten.
Wie dem auch sei – was bringt es, jetzt gegen Kopper und Ackermann nachzukarten? Leute, im Grunde reden wir hier doch von Peanuts.

Das nächste Windows kommt bestimmt. Es heißt “vista” und verlangt alles von Mensch und Maschine.
Wenn man sich anschaut, welche Hardware Microsoft empfiehlt [ CHIP ], staunt man. Das alles für ein Betriebssystem?
Wie war das noch – die immer benutzerfreundlicheren Versionen von Linux hatten noch das Problem, das neuere Hardware oft nicht so leicht angesteuert werden konnte? Auch das Problem ist bei weitem nicht mehr so groß wie noch vor einigen Jahren. Und wenn Windows jetzt von uns verlangt, die alte Hardware wegzuschmeißen, fragt sich, wer noch das viele Geld dafür ausgeben soll?
Schauen sie dochmal rein, bei Ihrem Linux-Distributor, Sie werden erstaunt sein: Gutes muß gar nicht teuer sein. Achja: Und wenn Sie Sicherheitslücken brauchen, lassen Sie doch einfach die Haustür offen stehen!

Nichtwahr… wir müssen den Gürtel enger schnallen, uns nach der Decke strecken, und je nachdem, wohin es uns geworfen hat, damit rechnen, ermordet zu werden. TELEPOLIS befaßt sich heute mit den Morden an acht Gewerkschaftsmitgliedern in Kolumbien, die Coca-Cola, um deren Mitarbeiter es sich handelt, erst allmählich zu interessieren zu beginnen – weil der Imageschaden zu groß wird. Wenn man nicht davon ausgeht, daß es irgend eine Verstrickung des Konzerns mit den Mördern gibt, muß man sich doch sehr wundern. Man stelle sich vor, acht Leute einer Firma in Deutschland würden gefoltert und ermordert. Ein Volk liefe Amok! Nicht so in Kolumbien, dort, so nehmen es die Konzernchefs wohl an, gehört das zur Folklore. An diesen Aspekt sogenannter “Globalisierung” muß regelmäßig erinnert werden: die Ignoranz gegenüber Menschenrechtsverletzungen, von denen der Shareholder Value profitiert. Daß der Verdacht nahe liegt, der Konzern selbst ließe morden, ist ungeheuerlich. Daß eine Untersuchung dazu von außen erzwungen werden muß, zeigt, wie zivilisiert “Marktwirtschaft” dieser Ausprägung ist. Will man in Europa wirklich damit konkurrieren?

Der Vorstandschef der Axel Springer AG hat nach der Entscheidung gegen die Fusion mit Pro7/SAT1 festgestellt, das von der Kontrollkommission vorgeschlagene Kontrollgremium lasse “die DDR wie ein ordoliberales Wirtschaftsparadies erscheinen” [ Berliner Morgenpost ]. Er ist noch jung und hat nicht gelernt, sich dezent zu artikulieren, der Herr Döpfner. Er neigt wohl deshalb zu solchen Übertreibungen. Als ich noch zur Schule ging, war für mich auch jeder, dessen Meinung leicht ins Bürgerliche tendierte, ein Faschist. Mit größtem Vergnügen möchte man Döpfner jetzt hinter die Mauer schicken, um sich anzuschauen, wovon er redet. Zu spät, leider!

In der ZEIT belehrt uns Wolfgang Uchatius, daß Arbeiter keine Artischocken sind. Er meint damit, daß Arbeit am Markt kein Produkt ist wie alle anderen und der Wert der Arbeit daher auch nicht über die Proportionen von Angebot und Nachfrage berechnet werden kann. U. a. argumentiert er dabei so:
“Gemüse hat keinen Stolz. Es will sich nicht selbst verwirklichen. Es muss auch keine Familie ernähren”.
Daß solche Aspekte in der Arbeitswerttheorie heute kaum eine Rolle spielen, ist traurig genug. Nicht weniger traurig ist darum, daß Marx noch immer aktueller ist als so mancher Ökonom, der uns das Lied von der Kostensenkung singt. Aber es ist die Arbeitswerttheorie selbst, am Ende die auf ökonomische Werte reduzierte Theorie, die nicht mehr imstande ist, die Wirtschaft zu erklären. Man kommt ins Gähnen, wenn man ernsthaft noch erwähnen muß, daß eine Theroie des Konsums, dem die Produktion folgt (und nicht umgekehrt, wie in der Mangelwirtschaft) selbstverständlich die Bedingungen der Konsumfähigkeit, vulgo “Kaufkraft” ins Zentrum stellen muß. Damit allein schiebt sich der Faktor “Mensch” in den Vordergrund, der bei den nur bilanzierenden Theorien völlig in Vergessenheit gerät. Hier spielt er sich ab, der Konflikt zwischen Plünderung und Nachhaltigkeit, sozialen und ökonomistischen Interessen. Eine Theorie des Arbeitswertes kann das nicht mehr leisten. Denn merke: Alle Börsen stehen will, wenn der Hans nichts kaufen will.

Zitat des Tages:
“Die soziale Marktwirtschaft kannte aber den geordneten Wettbewerb. Wir haben in der Weltwirtschaft keine Ordnung mehr, sie ist vielmehr eine Welt der Anarchie. Es gibt keine Gesetze, keine Regeln, keine sozialen Übereinkünfte. Von diesem System profitieren sowohl die Mafia und die Drogendealer als auch der Terrorismus, weil bei diesem System nur noch ein Gesichtspunkt eine Rolle spielt, nämlich das Interesse des Kapitals.”
Pfui Spinne, sollte man denken, welcher unverbesserliche Altkommunist wirft sich denn hier ins Zeug? Es ist Heiner Geißler, der in einem wirklich interessanten ZEIT- Gespräch mit Norbert Röttgen (Fraktionsgeschäftführer der CDU im Bundestag) zu dem Schluß kommt:
“Die CDU muss erkennen, dass der pure Kapitalismus genauso falsch ist wie der Kommunismus.”
Die Herren sind sich nicht immer einig, und sie bringen das Dilemma auf den Punkt:
“Warum sollen etwa Spekulanten, Fondsvertreter, die nur in Quartalsabschnitten denken und innerhalb von drei Monaten nur Rendite erzielen wollen und am Unternehmen selber überhaupt kein Interesse haben, auf der Aktionärsversammlung ein Stimmrecht haben?” fragt Geißler.
Röttgens Antwort:
“Entschuldigung, Heiner, dazu hat der Staat doch gar nicht das Recht. Er kann doch dem Eigentümer nicht sagen, er dürfe kein Interesse an der Rendite seines Unternehmens haben, weil er sonst ein Spekulant sei.”
Abgesehen von der rhetorischen Übung, das Augemnerk auf das Interesse des Spekulanten zu richten, obwohl es um die Wirkung seines Handelns geht, zeigt sich hier klar, wie Ökonomismus funktioniert: Dem “Staat” wird ein Recht abgesprochen, während der “Eigentümer” geschützt werden muß. Diese Umkehrung der Sozialbindung des Eigentums geistert unter dem (falschen) begriff “Neoliberalismus” durch die Debatten. Dazu gehört selbstverständlich, daß “staatliche Eingriffe in die Wirtschaft” böse, falsch und fatal seien.
Wer aber soll die Menschen vor den katastrophalen Entscheidungen der Verwalter von Geldlawinen schützen, wenn nicht der Gesetzgeber? Soziale Marktwirtschaft ist staatlich kontrollierte Marktwirtschaft. Schade, daß die regierende Generation das nicht kapiert.

Jeder hat von ihr gehört, keiner kennt sie – die WTO (World Trade Organsiation) . Die Organisation, die dafür geschaffen wurde, den Welthandel zu regeln, wird immer gern genutzt, um mit der Macht einer regionalen (EU) oder nationalen (USA) Industrie die jeweiligen Interessen in Abkommen durchzusetzen. Offiziell sieht das zwar ganz anders aus, aber die WTO ist als Paradoxon der Welthandelspolitik ein gutes Lehrbeispiel für die Verlogenheit der Ideologen der Marktwirtschaft, insbesondere in den U.S.A..
Allein die Existenz einer Organisation, die den Markt regelt, mutet seltsam an, heißt es doch, der Markt regle sich am besten selbst. Aber wie man weiß, sieht die Praxis völlig anders aus. So halten sich die U.S.A. etwa nicht an Vereinbarungen, wenn sie ihnen nicht mehr passen, so etwa in der Frage der Einfuhrzölle auf Stahl. [hier] Wenn die dortige Industrie zu stark unter Konkurrenzdruck kommt, hilft die Regierung flugs durch illegale Maßnahmen. Der freie Welthandel spielt dann plötzlich keine Rolle mehr.
Genau so sieht es mit den Subventionen aus. Das kann nicht nur die EU, die U.S.A. tun sich auch in dieser Frage als besonders martkfeindlich hervor. Aktuell führt das zu einem Desaster für die afrikansiche Baumwollproduktion. Durch gigantische Subventionen drücken die U.S.A. die Baumwollpreise derart, daß zwar die EU noch mithalten kann, indem sie ebenfalls subventioniert, die wirklich freien Anbieter von Baumwolle aber auf der Strecke bleiben. Da es Afrika trifft, sind davon nicht nur sogenannte “Existenzen” bedroht, sondern das nackte Leben ausgrechnet der Menschen, die eigentlich aus eingener Kraft für ihren Unterhalt sorgen könnten. Hier wäre die WTO der Ort, um diesem Elend abzuhelfen. Aber wie es aussieht, wird es dazu nicht kommen. Baumwollfarmer sind schließlich nur dann Wähler, wenn sie Amerikaner sind.
Ein Gutes hat es: T-Shirts bleiben billig. Von dem, was wir sparen, hauen wir dann an Heiligabend großzügig einen Fünfer in den Klingelbeutel. Für Afrika.

In der ZEIT findet sich heute ein bemerkenswerter Artikel zum Hintergrund der Marktideologie, der bei der Managerausbildung ansetzt. Im Gegensatz zur gängigen Heilslehre kommt F. Malik dort zu der Einsicht: “Management wird dort überhaupt erst gebraucht, wo man nicht mehr quantifizieren kann – und dennoch handeln muss.”
Während jeder Depp nämlich errechnen kann, wie sich ein Gewinn durch Kostensenkungen steigern läßt, sind weder der Erfolg kluger Investitionen noch die politisch/ökonomischen Folgekosten von Unternehmensentscheidungen vorab quantifizierbar. Dem gegenüber steht aber in diesen Zeiten die “Geldgetriebenheit” als Motor des Managments, mithin eine äußerst reduzierte Weltsicht als Credo der Ökonomen.
Nachgerade belustigend klingt die These, daß die herrschenden Glaubenssätze “die einzigen Managementtheorien waren, die auf Englisch verfügbar waren” und sich deshalb durchgesetzt haben. Vielleicht sind sie aber auch deshalb so erfolgreich, weil die Erbengeneration, die sich in den Wirtschaftsseminaren herumtreibt, für komplexere Theorien nicht helle genug ist?
So zählen sie denn ihre Erbsen, und wer von ihnen dem Gemüse die tollsten Kunsstücke beibringt, darf endlich mit den Großen Monopoly spielen.

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