Archiv

2007


findet sich in der unten verlinkten rtf-Datei. Eine unüberarbeitete philosophische Polemik über Wirtschaft und Gesellschaft anno 2005.

Wer sich das antun will (60 Manuskriptseiten), kann sich HIER einen runterladen.

Das Geschenk ist die Uridee der Investition. Zwar kann niemand darauf beharren, für ein Geschenk ein Gegengeschenk zu bekommen, und schon gar nicht ist damit ein Gewinnanspruch verbunden. Aber in Sozialen Systemen sind Geschenke Investitionen, die win-win-Situationen erzeugen können und Netzwerke entstehen lassen.
“Wirtschaft” ist ursprünglich soziales Handeln. Es handelt sich um die gemeinschaftliche Anpassung an die Umwelt, fürsorgliches Beschaffen und Überlebensstrategie für die Gemeinschaft.
Davon hat sich in den Restgemeinschaften, in denen ökonomischer Gewinn nicht unmittelbar die Beziehungen bestimmt, einiges Erhalten. Ein Grundelement solchen sozialen Wirtschaftens ist das Geschenk. Es stellt im Optimalfall den Beschenkten in den Mittelpunkt, seine Interessen, sein Wohlbefinden und seine Person. Schenken ist, wirtschaftlich betrachtet, purer Kundendienst. Und es zahlt sich aus, wenn es wirklich sozial ist. Jemand, der die Erfahrung gemacht hat, beschenkt worden zu sein, der daran gefallen findet, wird die schenkende Person schätzen. Es entsteht eine dauerhaft erinnerte Bindung zwischen Schenkendem und Beschenktem. Dies funktioniert freilich nicht, wenn die Schenkung ganz offensichtlich zweckgebunden ist oder eine Täuschung. Wird wertloser Plunder mit großer Geste verschenkt, womöglich im Anschein eines höheren Wertes, führt dies zur Verärgerung und zu nachhaltig erinnerter Ablehnung. Darin besteht der Unterschied zwischen Werbegeschenken oder “PR” und einer ehrlichen Gabe.
Im Wirtschaften kann dieser Sachverhalt noch heute eine Rolle spielen. Der Unterschied zwischen dem täuschenden Werbegeschenk, das auf Tausch und Gewinn aus ist, und dem echten Geschenk, liegt zuerst in der Absicht des Schenkenden. Genau diese Ebene der Absichten findet sich auch im wirtschaftlichen “Investieren”. Eine echte Investition wäre demnach ein wirtschaftlich-sozialer Akt, der darauf abzielt, nachhaltige Beziehungen zu etablieren, von denen ein möglichst stabiles Netzwerk profitiert. In Zeiten sogenannter “Globalisierung” bedeutet das immer öfter, daß ein Investor die Entwicklung der Weltwirtschaft und der Weltgemeinschaft im Blick haben sollte, wenn er die Entwicklung stabiler Strukturen im Sinn hat.
Dem diametral entgegensetzt ist das Handeln der Profiteure. Ihre Absichten gelten stets der Selbstsorge, der optimierten Aneignung. Ihre Sorge geht nicht dahin, daß stabile Netzwerke entstehen oder vergehen, sie zielen auf möglichst große Gewinne. Dadurch werden sie zu Getriebenen des Kapitals, denn mit dieser Zielsetzung geraten sie unmittelbar in den zeitlichen Druck stets aktueller Gewinne. Was heute nicht gewonnen wird, kann morgen nicht vermehrt werden.
Dem entsprechend wird der Sachzwang zur allein bestimmenden Handlungsanleitung. Soziales Handeln als solches wird zersetzt. Bindungen werden nur im Rahmen von Gewinnerwartungen eingegangen, Kommunikation vermittelt keine wahren Inhalte und zielt nicht mehr darauf ab, soziale Bindungen zu ermöglichen. Im Gegenteil ist”Wirtschaftskommunikation” PR. Sie ist ausschließlich auf Wirkung angelegt. Jeder Anspruch an soziale Kommunikation ist hier unerwünscht: Wahrhaftigkeit, Nachvollziehbarkeit, Zuverlässigkeit, Gelehrsamkeit etc. spielen keine Rolle.
Dem entspricht schließlich auch das “Menschenbild” dieser Sphäre. Es gibt keins. Man findet Konsumenten, Rezipienten, Produzenten, Auftraggeber, Human Ressources, Key ManagementAccountLoserAssistants, Shareholder, Wettbewerber und Raubkopierer, aber keine realen Menschen. Die sind immer nur bedauerliche Kollateralerscheinungen. Die Beziehung der Verantwortlichen zu solchen Individuen kennt nur zwei Formulierungen: “Mir sind die Hände gebunden” und “Mach ich’s nicht, macht’s ein anderer.”.
Der Sachzwang aber ist hausgemacht. Soziales Wirtschaften ist nach wie vor möglich, verspricht allerdings keine 25% Gewinnmarge. Jeder, der Geld “investiert” hat jederzeit die Möglichkeit zu entscheiden. Will er abgrasen oder säen? Und ist es nicht witzig: Dieselben Helden, die uns vormachen, eine Investition müßte sich mindesten soundsohoch amortisieren, stehen einmal im Jahr mit den teuren Blumen auf Mutters Türschwelle!

Die ProSiebensat.1 Media AG verspricht höhere Gewinne. [via Dean] Und zwar eine Steigerung von 22,2 % auf demnächst 25 % EBITDA. Hintergrund ist die Übernahme der SBS Broadcasting Group für rund 3,3 milliarden Euro. ProsiebenSat1 “rückt damit auf Platz zwei unter allen TV-Anbietern in der EU.”
Eine weitere Konzentration auf dem Medienmarkt, da sollte doch durch Synergien und Abbau von Verwaltung schon einiges mehr an Gewinn drin sein, und davon ist durchaus auch die Rede. Dennoch reicht die Fusion allein nicht aus. Veränderungen im Programm, etwa das verschwinden der Sat.1-Nachrichten zugunsten von noch mehr Entertainment (und Werbung) sollen die Gewinne noch mehr steigern. Angekündigt ist das ja jetzt.
Fast kann man sich angesichts solch unfaßbarer Gier den Kommentar sparen, aber es gibt da einige Feinheiten, die genauerer Betrachtung würdig sind. Die angekündigten 25% sind nämlich reine Augenwischerei. Wer ernsthaft glaubt, durch den normalen Geschäftsbetrieb ließen sich derartige Margen erzielen, hat denn Knall nicht gehört. Der Blödsinn, einen schon fast unverschämten Gewinn noch überbieten zu wollen, entspringt den grottigen Köpfen von Managern, die keine Ahnung haben, was sie tun müssen, wenn das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Die Flucht nach vorn ist verständlich. Nach einem solchen Kauf ist Gähnen in der Kriegskasse. Wenn jetzt die Aktien sinken, ist Landunter. Also erstmal das Blaue vom Himmel versprechen, dann wird alles gut.
Mal sehen, was in einem Jahr ist. Wenn die Qualitätsoffensive flächendeckend so phantasievoll angegangen wird wie bei Sat.1, wird der ganze Laden nächstes ganz sicher weiter verramscht. Leute rausschmeißen, noch mehr vom Gleichen? Dumm nur, daß man den Zuschauer nicht zwingen kann, einzuschalten. Sicher, die Nachrichten der Privaten braucht nicht wirklich jemand. Aber die Mentalität, nur aufs Geld zu glotzen und die Zuschauer zu vergessen, wird nicht aufgehen. Selbst Unterhaltung ist mehr als lustige Filmchen zeigen und Werbeeinnahmen verbuchen. Von Respekt vor dem Kunden einmal ganz abgesehen. Am besten noch ein paar dieser preiswerten Call-In-Verarschungen ins Porgramm, das rechnet sich auf dem Papier ganz prima. Das böse Erwachen kommt dann mit den Bilanzen, die ganz anders ausfallen werden, als derzeit versprochen wird.
Von daher kann man heute schon darauf wetten, daß nächstes Jahr öffentlich erklärt werden wird, man habe das Planziel erreicht. Zauberei? Ja. Dahinter wird allerdings ein böser Hokuspokus stehen, denn wer solche Margen anpeilt, verpflichtet sich damit schon vorab zur Bilanzfälschung.

Jan Schejbal argumentiert, das Widerstandsrecht sei “wertlos”, weil es de facto vor Gericht keinen Bestand hätte. Diese Perspektive halte ich für kritikwürdig. Sie blendet einen Aspekt des Grundgesetzes aus, den auch Schäuble stets außer acht läßt: Den “Geist” des Grundgesetzes.
Es mag richtig sein, daß man sich auf das Recht auf Widerstand dann nicht berufen kann, wenn es zur Anwendung kommt. Es ist aber dennoch Recht und Gesetz, und wer sich mit dem Grundgesetz auseinandersetzt, muß das berücksichtigen. Gerade das Recht auf Widerstand und gerade die fehlende Möglichkeit, es einzuklagen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß das Grundgesetz weder Dispositionsmasse noch konkrete Handlungsanleitung ist. Es ist ein Leitfaden, zum Teil aus gutem Grund unveränderlich und zum Teil nur im Konsens und mit 2/3-Mehrheiten zu verändern.
Dies alles schert Schäuble einen Kehricht. Er betrachtet das Grundgesetz eben nicht als das, was es ist, den übergeordneten gesetzlichen Rahmen eines demokratischen Rechtsstaates, sonders als Handlungsanweisung zur Durchsetzung der staatlichen Ordnung per se. Es kratzt ihn dabei nicht, ob er ganz allein dasteht mit seiner Meinung oder wer aus welchen Gründen wie dazu steht. Ihm gilt eine demokratische Mehrheit, zumal der Konsens der Demokraten, nichts. Er wähnt sich im Recht und glaubt, das reiche aus, um am Grundgesetz herumzupfuschen.
Gerade das aber ist die Art des Angriffs auf die Verfassung, die das Recht auf Widerstand meint. Würde sich eine Regierung mit einer solchen Haltung durchsetzen, könnte sie sich nicht mehr auf das Grundgesetz berufen. Sie wäre vielleicht noch an der Macht, sie wäre aber nicht mehr legitimiert. Der Sinn des Grundgesetzes besteht darin, die Freiheit zu schützen, nicht den Staat. Wer das ändert will, will eine andere Staatsordnung. Das ist die unmittelbare Konsequenz aus § 20 GG.

kies
Herzlichen Glückwunsch!

Muß die Jury ihre Entscheidung noch weiter begründen? Ich glaube nicht.

kleinhund Der Preisträger steht fest. Er wird sich wahrscheinlich nichts daraus machen, von einem echten Underdog ausgezeichnet zu werden, aber es läßt sich nicht vermeiden.
Er ist A-Blogger. Seit Jahren dabei, immer aktuell. Wie es sich für ein gutes Blog gehört, geht es vor allem um Politik und die Netzwelt. Allerdings nicht um die Selbstreferenz der Blogger, Anfeindungen, Beweihräucherungen und Cliquengehabe, sondern um Nützliches und Wissenswertes. Ab und an etwas über Bücher und dies und das, aber im Ganzen politisch. A-Blogger, wie gesagt, aber bei Technorati weit abgeschlagen zwischen Hunde- und Katzenblogs. Er macht sich nichts aus “Awareness”. Nicht zu fassen! Das meist unterschätzte Blog des Jahres 2007: Demnächst in diesem Kino!

Wer immer über Technorati schimpft, hat wohl Glück im Spiel bei Google. Deren Blogsearch findet mich seit über einem halben Jahr nicht. Die üblichen Erklärungen zu diesem Phänomen greifen leider nicht, zumal die Google Suchmaschine mein Blog ja problemlos findet. Mails werden natürlich auch nicht beantwortet.
Daraus sollte Technorati lernen: Einfach “BETA” draufschreiiben, und alle finden’s toll.

atom
Mit alten Kernreaktoren läßt sich vortrefflich Geld verdienen. Während die Betreiber die Gewinne einstreichen, trägt der Steuerzahler das Gros der Kosten. Die staatlichen Mittel für Bau und Betrieb von Atomanlagen in Deutschland, also die Kosten für den Bau von Forschungsreaktoren, Castortransporte und Atomanlagen, die nie in Betrieb gingen, belaufen sich laut Eurosolar allein auf 32 Milliarden Euro. Die Aufwendungen für Zwischen- und Endlagerung sind überhaupt nicht abzusehen. Je nach Material muß der radioaktive Abfall für Jahrtausende gelagert werden. Gerade diejenigen, die gern so panisch mögliche Terroranschläge beschreien, verschleiern die Kosten der Bewachung von Material, das zumindest zum Bau einer verdammt schmutzigen Bombe geeignet ist. Wirtschaftlich disqualifizieren diese Kosten den Betrieb von Kernanlagen daher vollkommen. Da aber die Arbeitsteilung eben so läuft, daß die Betreiber für einige Jahrzehnte die Anlagen betreiben und kräftig kassieren, während der Steuerzahler für alles aufkommt, das außergwöhnliche Kosten verursacht, wird Atomkraft noch immer als brauchbare Energie angepriesen. Tatsächlich ist sie ein Vehikel, um Steuergelder in private Taschen umzuleiten. Im Grunde sind Energiegewinnung und Störfallrisiken nur Kollateralerscheinungen des Kernkraftkreislaufs.
Wenn der Umweltminister sich also derzeit vehement für den Atomausstieg stark macht, dann auch deshalb, weil er weiß, wer die Kosten trägt. Und daß sein Klientel eben nicht davon profitiert.

In aktuellen Umfragen kriegt’s die SPD derzeit knüppeldick, sie liegt noch bei gerade 24%, während die Union auf 39% kommt. Damit hätte Schwarzgelb derzeit die Nase vorn. Hätte, denn bei einer Wahl kommt es bekanntlich anders. Dennoch ist dieses historische Tief der Spezialdemokraten ein Zeichen, und wie ich finde, kein schlechtes.
Daß die Union trotz oder gerade wegen des Raubbaus am Grundgesetz, den ihr Innenminister mit Zustimmung der Kanzlerin treibt, sich recht gut hält, zeigt zweierlei: Erstens ist das Klientel nicht unzufrieden, ihnen geht Sicherheit vor Recht. Zweitens: Es ist nützlich, ein Freak zu sein. Besser unangenehem auffallen und sich überall Feinde machen, als aalglatt jeden Blödsinn abzunicken und es nachher als Erfolg zu verkaufen.
Genau das ist nämlich derzeit die Strategie der SPD, und sie fährt damit von Wand zu Wand. Man wundert sich, daß von der alten Mühle überhaupt noch etwas übrig ist und wäre nicht überrascht, wenn sie demnächst drittstärkste Kraft im Bund wäre.
Kurz zu den anderen: Die “Linke” ist schwer im Aufwind, ihre Anhänger sind entsprechend begeistert, und Zulauf sorgt für Zulauf. Das wird sich wieder einpendeln, aber sicher deutlich über fünf Prozent. Mit ihnen muß in den nächsten Jahren gerechnet werden.
Die F.D.P. hat ihr Stammklientel, das sich von der Koalition am schlechtesten regiert fühlt. Ihre Anhänger stehen Gewehr bei Fuß, und wer etwas anderes will als die GroKo, ist bei ihr gut aufgehoben. Nichts Neues von daher. Strukturell hat die F.D.P. einen so guten Stand, daß sie auch ohne fähiges Personal zurechtkommt. Das ist sehr bedauerlich, denn sie hätte eine Erneuerung dringend nötig. Wobei “Erneuerung” vor allem hieße, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen. Die schwache Stimme der Brürgerrechtler wird bei ihnen nur von denen erhoben, die in der Partei wenig bis gar nichts zu sagen haben: Leutheuser-Schnarrenberger, Baum, Hirsch. Aber auch hier zeigt sich deutlich: Charakter wird von der Öffentlichkeit honoriert.
Ähnlich sieht es bei den Grünen aus, mit dem Unterschied, daß sie zwar nicht immer schreien, aber doch immer die Bürgerrechte verteidigen. Nur konsequent ist es daher, daß Claudia Roth als erste den Rücktritt Schäubles gefordert hat. Mit Christian Ströbele haben sie, quasi gegen ihren Willen, ein Aushängeschild, das sich durch einen eigenen Kopf sehr hervorgetan hat. Nach Joschka Fischer fehlt es hier an einem kantigen Charakter, der von der Partei auch getragen wird. Insgesamt aber sind die Grünen eine recht agile Truppe, der man nicht vorwerfen kann, sie bringe nur Funktionäre hervor. Auch das honoriert der Wähler nachhaltig.
Sie werden nicht vom Himmel fallen, die Querdenker, die Unangepaßten und Unbequemen. Im Gegenteil ist die Binnenstruktur der politischen Organisationen ja längst so bürokratisch, daß sie seelenlose Roboter fördert und Menschen mit einer echten Meinung abschreckt. Allerdings wird diese Struktur zunehmend zu einem Hemmnis für den Erfolg beim Volk. Lafontaine wird nicht zuletzt deshalb so angefeindet, weil er ein leidenschaftlicher Politiker ist. Und die Leute haben derart dem Kaffee auf von rhetorisch unterbelichteten Funktionsmöbeln, daß ihnen ein überzeugter Demagoge lieber ist als ein zurechtgebogener staatstragender Schwätzer. Die etablierten Parteien haben daher zwei Möglichkeiten: Entweder sie öffnen sich und lassen den Streit um die besten Ideen wieder zu oder sie setzen weiter auf Parteiräson und Fraktionszwang. Letzteres kann zu erschreckender Erosion führen.

Ich komme zu nichts, ich habe Urlaub. Mehrere Artikel spuken in mir und drohen mit Überlänge, mein nächstes unveröffentlichtes Buch ruft mich vergeblich, und die Späße in der Blogosphäre bescheren mir Besucherrekorde. Ich danke euch für eure Geduld! Daher wieder nur ein Häppchen, damit ihr mir nicht vom Fleisch fallt:

Hochkonzentriert an meinem Wasser saugend hing ich heute (also quasi gestern) vor der Glotze und hörte mir an, wie ein berufsjugendlicher “Personal Trainer” faselte, Buddhismus fände er ganz Klasse, aber nur ein bißchen, nicht zu streng, versteht sich. Da kann die PR-Brangsche noch ein weites Feld besetzen: Religion als Accessoir – der Personal Style Hype im nächsten Jahr?

« Vorherige SeiteNächste Seite »