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2006


Sie bleibt nervig: Werbung im Internet. In der Tat gibt es viele Möglichkeiten, sich durch technische Vorrichtungen den Werbekrempel aus den Augen zu halten. Völlig selbstverständlich schalte ich außerdem längst den Lautsprecher ab, wenn ich surfe. Nun haben aber einige aufwendigere Abwehrmaßnahmen ihre Nachteile, und sie wirken auch nicht immer. Schließlich gibt es immer neue Methoden, die bekannten Schutzwälle zu durchbrechen.
Es ist nichts anderes als Spam. Öffne ich je eine Mail, die ich nicht zuordnen kannn? Kaufe ich irgend einen Mist, weil mir jemand schreibt, ich solle das tun? Fällt mir ein Produkt in positiver Weise auf, indem man es mir multimedial in den Schädel prügelt? Wohl kaum. Die Anbieter müssen umdenken: Niemand hat etwas gegen gute Unterhaltung oder wertvolle Information. In diese Form gegossen, stört Werbung dann auch nicht, sondern wird ggf. sogar als angenehm empfunden.
Unerträglich hingegen ist tumbes ideenloses Geschrei der Marke “Hier bin ich, und du willst mich.” So wie etwa alles, das derzeit mit Fußball daherkommt. Oder das ewige Vorzeigen entblößter Körperteile. Vor einigen Tagen fiel es mir auf: Ich besuchte eine Sportinformationsseite und wurde von einer barbusigen Dame empfangen. Routiniert ließ ich sie vom Bildschirm verschwinden und stellte einige Minuten später fest: Titten wirken nicht mehr. Wenn sie mir ein Schwein präsentiert hätten, wäre ich vielleicht eher aufmerksam geworden. Was lernen wir daraus? Daß Schweine ein supi Eyecatcher sind? Die “Kreativen” scheinen so zu denken, und genau darin besteht das Problem. Leider sind ihnen die Schweine nicht eingefallen, und so bleibt es wohl bei den Ferkeleien, die längst keine mehr sind.

Das neueste Kompromißgewurschtel der Merkeltruppe in den Bereichen Gesundheitswesen und Unternehmenssteuern mag ich kaum kommentieren, immerhin: Es war mit Schlimmerem zu rechnen. Es stimmt ja auch, daß man einer Regierung Zeit lassen muß, um große Reformen zu stemmen, aber sie sollte sich diese auch lassen und erst einmal etwas Vernünftiges aushandeln, anstatt schon einmal die Bürokraten an den Start zu bringen und nachher andere Bürokraten hinterher zu schicken, um die Reform zu reformieren.
Wenn denn die Richtung stimmte, man würde vieles verzeihen. Aber Sachverstand wird in den Mühlen der Regierung und unter Einfluß der unsäglichen Lobbyisten entweder zu Staub zerrieben, oder er schafft es erst gar nicht in den Konferenzraum. Oder, wie der sehr lesenswerte Artikel im Herdentrieb sagt: “Deutschlands Wirtschaftsberatung [ist] ein Sanierungsfall”. Was schade ist, denn so wird ratlos weiterregiert.

Eine unerträglich bigotte Szene hat sich heute selbst abgeschossen und Millionen Anhänger verloren. An der Inszenierung der Tour de Farce haben alle mitgewirkt: Depperte Funktionäre, übereifrige Ermittler, windige Trainer, abgezockte Ärzte, halbblinde Medien, doppelbödige Sponsoren und Sportler, die nicht den Mut hatten, “Nein” zu sagen. Das klingt wie eine Entschuldigung für diejenigen, die im Rampenlicht des Dopingskandals stehen, und es ist eine. Ullrich, Basso und Co werden sich ihrer Verantwortung stellen müssen, die Früchte ihrer unerhört harten Arbeit sind für sie verloren. Andere haben ihre Schäfchen längst im Trockenen oder profitieren vom Skandal mehr als vom Sport. Was aber hat die Verantwortlichen geritten, einen Tag vor der Tour diesen Dreck auszukippen? Wie kommt man auf die Idee, den “Beweis der Unschuld” zu fordern, zumal, wenn es dafür definitiv zu spät ist? Wer verfolgt mit diesem Schwachsinn welches Ziel?
Die Radsportfans, um es auf den Punkt zu bringen, hätten gern sauberen Sport, aber sie hätten eher Blutdoping akzeptiert und sich den Kampf der chemisch trainierten angeschaut, als sich das Ereignis des Jahres derart kaputtmachen zu lassen.
Schließlich: Das, was nach hartem Durchgreifen und konsequentem Kampf gegen Doping aussieht, ist dieselbe tumbe Gaukelei, die es schon in den vergangenen Jahren war. Dem Radsport aber hat dieses Fiasko den Dolchstoß versetzt.

Eine Gruppe rechtsradikaler Luxemburger, die der Regierung nahestehen sollen, haben einen Bundeswehrsoldaten entführt. Was ist die angemessene Reaktion darauf? Die Bundeswehr bombardiert das größte Elektrizitätswerk Luxemburgs und sprengt drei Brücken in die Luft. Kann man sich das vorstellen?
In Palästina ist das völlig normal, denkt jedenfalls Ehud Olmert, der aktuelle Chefkriegstreiber an der Spitze des Staates Israel. Was auch immer man gegen Hamas und sonstige Radikale, Vebrecher und Kindermörder auffahren mag, eines ist niemals gerechtfertigt: Ein Krieg gegen die ganze Bevölkerung. Genau das aber geschieht derzeit wieder, mit einer aufreizend provokativen Begründung. Die Entführung eines Einzelnen dient als Rechtfertigung für die Zerstörung der Lebensgrundlagen Zehntausender. Das ist purer Staatsterror.

Es ist nicht wirklich überraschend, daß die Bush-Administration nicht viel von Bankgeheimnis und Datenschutz hält, obwohl zumindest das Bankgeheimnis ein höheres Gut sein dürfte als etwa die Menschenrechte. Beinahe rührend aber ist Bushs Gezeter über Journalisten, die die Stirn haben, darüber zu berichten. Daß er sie für Abschaum und Landesverräter hält, ist zu erwarten. Daß er aber versucht, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, indem er sie öffentlich bloßstellt, ist ein Anzeichen echter Verzweiflung. Pressefreiheit hat selbstverständlich ihre Grenzen. Wo? Natürlich da, wo der Präsident sie gern hätte. Warum?
“Wir liegen mit einem Haufen von Leuten im Krieg, die den Vereinigten Staaten von Amerika schaden wollen”.
Ein Haufen von Leuten! Das ist natürlich etwas anderes. So ein Leutehaufen ist schon ein verdammt guter Grund, die öffentliche Kontrolle der Regierung zu unterlassen. Da aber die Spielregeln der öffentlichen Meinung so einfach nicht sind, wie Bush sie interpretiert, gibt sich die Öffentlichkeit eben uneinsichtig. Er sollte bei seinem Leisten bleiben und die schändlichen Schmierfinken mit seinen Mitteln bekämpfen. Verschleppen, Erpressen, Einsperren. Oder ist er etwa weich geworden?

Sie können es nicht lassen. “Geächtet werden” sollen “Hartz-IV-Betrüger”. Diese nicht enden wollende Hetzkampagne, die exakt das Niveau von “Kriminelle Ausländer raus!” hat, wird nach wie vor von denen betrieben, die mehrheitlich von den Opfern ihrer Beschimpfungen gewählt wurden. Wohin soll das führen? Gebt den Leuten doch gleich Geld dafür, daß sie die Radikalen wählen!
Dieser neuerliche Aufruf zu mittelalterlichen Betrachtungen geschieht zu einer Zeit, da deutlich wird, daß ein bürokratisches Monstrum dafür verantwortlich ist, daß in bestimmten Bereichen die Kosten explodieren und die Vermittlung von Arbeitslosen quasi nicht stattfindet. Die richtige Konsequenz wäre doch dem entsprechend die, jeden Mittwoch einen Innenpolitiker oder höheren Angestellten der Arbeitsagentur öffentlich auszupeitschen. Das wäre allemal feynsinniger.

Soso, die Steuern sollen erhöht werden. War das nicht ohnehin bereits beschlossen? Die Krankenkassen sollen entlastet werden. Heißt das, die Mehrwertsteuererhöhung wird doch zur Senkung der Lohnnebenkosten genutzt? Das wäre doch schön.
Worauf man sich aber wohl vielmehr einstellen muß, ist eine neue Dimension fiskalpolitischer Blödheit, in die nur eine große Koalition vordringen kann. Zu wenig Geld? Einfach mal die Steuern erhöhen! Sie brauchen einen neuen Fernseher? Stellen Sie sich ins Treppenhaus und verlangen Sie von jedem Passanten ein paar Euro! Sollten Sie ein Auto brauchen, nehmen Sie ein paar Euro mehr.
Unfaßbare Stümperei wird da im Halbschatten einer fußballbesoffenen Zeit betrieben. Es wird ernsthaft bewogen, die Einkommenssteuer zu erhöhen, um die maroden Kassen weiter zu finanzieren! Das hieße also, die Zeche zahlen wieder die Angestellten. Lediglich die Arbeitgeber wären fein raus. Es hieße, es gäbe keinen Veränderungsdruck im Gesundheitssystem. Und es hieße, daß die Mehrbelastung (!) der Angestellten den Binnenmarkt endgültig abwürgen würde. So dämlich ist diese Regierungspolitik.
Es ist ja vollkommen richtig, die Gesundheitssysteme aus Steuermitteln zu finanzieren. Aber es dürfen eben keine Einkommenssteuern sein, und mit der höheren Mehrwertsteuer ist längst genug Geld da. Im wahrsten Wortsinne: Es reicht!
Sollte diese Katastrophe wirklich übers Land rollen, hätten CDU und SPD eine Leistung erbracht, die man kaum für möglich gehalten hätte: Daß nämlich Sogar Linkspartei und F.D.P. bessere Konzepte zu bieten hätten.

Österreichs Bundeskanzler Schüssel, derzeit EU-Ratsvorsitzender, hat mit seinem Kotau vor dem US-Präsidenten hoffentlich nicht die neue Linie der EU in transatlantischen Angelegenheiten gezeichnet, sondern lediglich seinen schon immer starken Charakter ein weiteres Mal unter Beweis gestellt. Der Mann, der mit jedem ins Bett geht, der ihm ein bißchen Macht oder Glanz verleiht, erinnert oft an einen, der sein großes Vorbild sein könnte: Kurt Waldheim. Schwamm drüber!
Daß Bush beteuert, er wolle Guantanamo so bald wie möglich schließen, paßt ins Bild der aalglatten Eierlikördiplomatie im Wiener Staatstheater. Das Problem mit den Gefangenen auf Guantanamo sei, daß keiner sie haben wolle. Man könne sie nicht in die Herkunftsländer zurückschicken. Außerdem müsse man noch die Mörder vor Amerikansiche Gerichte stellen. Na klar, man hält Menschen erst einmal rechtlos jahrelang Gefangen, behauptet, sie unterstünden werder Straf- noch Kriegsrecht, aber dann stellt man sie vor Gericht. Was sollen das eigentlich für Gerichte sein, die unter solchen Bedingungen überhaupt eine Beweisaufnahme eröffnen? Aber Solche Fragen stellt man derzeit nicht. Schon gar nicht in Wien.

Rauchen kann tödlich sein. Nichtraucherkampagnen können einem den letzten Nerv rauben. Allein die allgemeine Bigotterie ist kaum auszuhalten. Für einen differenzierten Umgang mit dem Thema wirbt die TAZ, die unter anderem feststellt, daß etwa die meisten Krankenhäuser sachlicher damit umgehen.
Es scheint, als würden Raucher jetzt zum Abschuß freigegeben. Da das Tabakwerbeverbot wohl nicht mehr zu verhindern ist und ein Einbruch in diesem Sektor womöglich folgen wird, kann man sich jetzt ungebremste gesundheitsapostolische Moral leisten. Da man sie nicht mehr zugunsten des Haushalts ausquetschen kann, gibt es keinen Grund mehr, Raucher nicht anzuprangern.
Schon immer hat man in Deutschland so getan, als gäbe es Drogen, weil es Süchtige gibt. Die sind selber Schuld, und zwar an ihrer eigenen Misere, der Verrohung der Jugend und der Klimakatastrophe. Raucher sind Asoziale, behandeln wir sie so!
In Gewissensnöte kommt da höchstens noch der nichtrauchende Säufer. Für die Produkte, die dieser verköstigt, wird weiterhin Werbung gemacht – dieser Verkehrsunfall wurde ihnen präsentiert von Krombacher. Saufen kann genau so tödlich sein, aber dieser Markt ist derart einträglich, daß nicht einmal ein Werbeverbot im Gespräch ist. Und nach den Erfahrungen mit der Prohibition verlangt auch niemand ernsthaft ein totales Alkoholverbot.
Das ist aber auch alles, was die Pharisäer und Plünderer der Süchtigen gelernt haben. Das Dumme an der Sache ist: Es gibt verdammt gute Gründe, nicht zu rauchen, aber sie werden einem verkauft, als müßte man quasi schon aus Protest gegen die Dummheit zum Glimmstengel greifen.

Prinz oder Erbsensuppenkasper? Beides wohl, und jetzt wird zurückgeschossen, nachdem die ARD bzw. ihr Sender “Einslive” sich der Majestätbeleidigung schuldig gemacht hat. Den noblen Herrn Podolski verballhornen? Das kann man mit Staatspräsidenten machen, aber nicht mit den hochwohlgelackten Stars vom FC Bayern! Rückendeckung erhält das nuscheldne Weichei obendrein von den Stiefelhaltern der geldadeligen Jugend aus dem DFB. Sie wissen, an wessen Tropf sie hängen.
Was sagt Ihrognaden Lukas der Geschmierte selbst dazu? “Isch verschtehe natürlisch Schpass”. Jaja, so ein zünftiger Kanackenwitz ist schon in Ordnung. Aber doch keine Gags über Millionäre, deren Bildungshorizont in Höhe der Kniescheibe liegt!
Verdammt schlechte Berater hat der unsympathische Tor des Monats da. So etwas sitzt man aus, und wenn es wirklich wehtut, weil die Satire die Wirklichkeit zu unsanft streift, gibt es immer noch die Möglichkeit, an sich zu arbeiten. Aber erklären Sie das mal einem Teenager, der schon morgen Ihr Vermieter sein könnte!

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