Kultur


Der unsägliche Medienhype um den Turban des Propheten wird immer schlimmer, und auch der SPIEGEL
schreckt nicht mehr vor offenem Schwachsinn zurück. Titel des Trauerspiels:
“Iraner stecken deutsche Fahne in Brand”.

Jaja, und in China fällt ein Sack Reis um.
Auch sehr feynsinnig:
“Pakistanische Ärzte wollen wegen der Mohammed-Karikaturen Medikamente aus europäischen Staaten boykottieren. Die Entscheidung werde mit sofortiger Wirkung umgesetzt, sie richte sich gegen Dänemark, Norwegen, Deutschland, Frankreich und die Schweiz, teilte der Generalsekretär der pakistanischen Ärzte-Vereinigung in der Provinz Punjab, Shahid Rao, heute in Multan mit. Die Entscheidung sei einstimmig getroffen worden.”
Erschütternd. Kaum treffen sich einige provinzielle Verbandstrottel im Himalaya und beschließen einen Schmarrn, schon wird der Mist zehntausend Kilometer weiter abgedruckt. Was soll man tun? Ich bin dafür, daß der Hartmannbund Niedersachsen jetzt Indonesien den Krieg erklärt, und zwar einstimmig. Mal sehen, ob sich in Syrien irgendwer drüber aufregt!

Macht es einen Bericht wirklich interessanter, wenn man permanent darauf hinweist, was im schlimmsten Fall passieren kann? Der SPIEGEL scheint dieser Meinung zu sein. Das Getratsche über die zwei (!) Agenten des BND in Bagdad hat diesen Effekt schon weidlich ausgekostet, aber es scheint noch nicht genug zu sein:
“Auch könnten politische Gruppen die beiden Männer für Agenten halten, nachdem sie die Berichte über die BND-Mission im Irak-Krieg mitbekommen haben.”
Das ist wüste Spekulation. Wer behauptet denn, daß sie irgend etwas davon gehört haben? Wo außer in Deutschland wird die BND-Geschichte derart hysterisch aufgeblasen? Warum sollten ausgerechnet Deutsche nicht entführt werden? Und gerade wenn die Berichterstattung dazu beitragen kann, daß es gefährlicher wird, wäre es dann nicht an der Zeit, sich auf Fakten zu beschränken und ggf. zu schweigen?
Aber es ist ja viel spannender, zu fragen, was alles passieren kann und wer schuld ist, so schließt denn der Artikel auch mit der Hoffnung auf den worst case, der weitere spannende ‘Nachrichten’ verspräche:
Im schlimmsten Fall würde dann der Krisenstab im Auswärtigen Amt langsam zur Dauereinrichtung.
Wenn ich solchen Blödsinn lesen will, kann ich gleich die Vierbuchstabenzeitung kaufen.

Man könnte es auch “Zitat des Tages” nennen. Frech will ich dieses sonst so bescheidene Blog mit fremden Federn schmücken, hier einem Satz von
Wiglaf Droste (TAZ)
über die Enzyklika des Wirsindpapstes:

“Von der zwanghaften, unappetitlichen Blutsäuferrhetorik abgesehen: Klar, warum nicht bei Jesus die Liebe suchen? Abgefuckter als eine Internet-Partnerbörse ist der Tempelkrempel auch nicht”.

P.S.: Wiglaf darf mich dann natürlich auch zitieren.

Die Zeit der Jahresrückblicke und Nachrichtenarmut ist mit einigem Aufwand verbunden, wenn man versucht, aktuelle Meldungen zu finden, um sie mit Blogsenf zu bestreichen. Heute fand ich nichts, das in meiner knappen Zeit angemessen kommentierbar wäre. So groß war die Verzweiflung, daß ich gar bei der nur sogenannten “Zeitung” vorbeischaute. Dort sind sie wieder auf der Jagd nach Schmarotzern, und so sehr ich mich derartiger Vergleiche scheue, muß festgehalten werden, daß dort nach purer Stürmermethode vorgegangen wird. Als jemand, der sich das nicht einmal für 30 Pfennig gibt, stelle ich fest: Widerwärtiger geht es nicht, und so tief schieße ich nicht. Die hier zitieren, womöglich mit Link auf das Gehetze?
Ich werde mir mal einen Klammerbeutel besorgen und mich damit pudern.

Malzahn hat im SPIEGEL ein Beispiel dafür gegeben, wie man sich durch “Stil” disqualifizieren
kann. Im Dienste einer weichgespülten Aufklärung versucht er, kein
Atheist zu sein und doch ach so kritisch. Der Etikettenschwindel der
Überschirft (“Stammt Gott von Darwin ab?” – Max Weber, wo bist du?) ist schon unerträglich, aber was dann kommt, zieht einem die Schuhe aus:

- “Die Kriegserklärung fundamentalistischer Muslime an die westliche Welt vom 11. September 2001

So einfach ist das?

- “Genom-Forscher haben den Mythos Mensch bald entschlüsselt wie ein Kreuzworträtsel

Konsalik, ick hör dir trapsen!

- “Wir wissen heute, wie der Mensch
gemacht ist. Wir sind inzwischen selbst in der Lage, dort Hand
anzulegen, was man einst für die exklusive Baustelle Gottes gehalten hat
.”

Wenn ich schon selbst Hand anlege, dann sicher nicht an der Baustelle, wo Menschen gemacht werden.

- “Da ist, immer noch, der liebe Gott
vor – selbst wenn er inzwischen nur noch eine steile These der
Religionsphilosophie sein sollte. (Aber wer glaubt schon sowas.)

Steile Thesen, was immer das sein mag!

Wo Gott vor ist, weiß ich jetzt auch nicht. Hauptsache, man steht nicht dahinter. Wer weiß, ob Nietzsche kommt und ihn umkippt.

Es gibt einen ersten Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die Klingeltonmafia. U.a. der SPIEGEL meldet: “in Großbritannien müssen Anbieter ihrer ausgetricksten Kinder-Klientel das Abo-Geld zurückzahlen.”
Ob wir in Deutschland je so weit kommen werden? Bislang gilt ja, daß wer sich ins Netz begibt, darin umkommt – und sei es per Handy. Vielleicht werden ja die Genies am Hamburger Landgericht und ihre wackeren Kollegen über den Umweg durch den Europäischen Gerichtshof dazu animiert, sich das Geschäftsgebaren gewissenloser Plünderer genauer anzuschauen.
Der Petitionsausschuß könnte sich derweil mit dem Entwurf eines Gesetztes zur Ästhetischen Notwehr befassen, um dem Elend solcher Proudukte beizukommen.

Es tut weh, wenn der Rechtschreibrat tagt. Man kann ja zu den sogenannten “Reformen” und der “Revision” stehen, wie man will, aber wie soll eine Rechtschreibung zustande kommen, wenn man inzwischen alle paar Jahre die Regeln ändert, ohne je den Verdacht ausräumen zu können, es regiere der Knüppel der Willkür? Die simple Einsicht, daß kein Dekret über die Evolution der Sprache obsiegen kann, ist den Oberdeutschen des Sprachzwangs offenbar nicht beizubiegen. Daß der Duden über 100 Jahre der Leitfaden für die deutsche Rechtschreibung bleiben konnte, lag gerade daran, daß er nicht Verhandlungsmasse war, sondern, bei aller Kritikwürdigkeit, Einheit und Bezugsquelle. Was jetzt gemacht wird, ist, als würde man den Normmeter ständig anders dimensionieren.
Die Gründe für eine Neufestlegung der verbindlichen Rechtschreibregeln hätten ebenso überzeugend sein müssen wie die Regeln, auf die man sich einigt. Statt dessen stellt etwa die FR fest: “Der Rat bleibt zurück hinter den Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts.” Die Experten benehmen sich, als hätte das, was sie beschließen, nichts mit Kommunikation zu tun.
Der einzige Weg aus dem Dilemma wird nicht gegangen, weil das 21. Jahrhundert sich partout nicht dem Deutschtum anpassen will. Die weitgehende Freigabe der Rechtschreibung, die Duldung von Varianten, denen man eine Existenz erlauben würde, hätte alle Vorteile auf ihrer Seite. Rechtschreibung wäre dann keine Wand, von der die Unwissenden abprallen, man würde ihnen nicht dauernd blutrot ihre Unfähigkeit bescheinigen, die herrschaftlichen Regeln zu verinnerlichen. Man könnte sich einige Jahre oder Jahrzehnte Zeit lassen, um zu schauen, was sich aus dieser Freiheit entwickelt und so zu echten Übereinkünften kommen. Aber es heißt ja nicht “Regeln zur schriftlichen Kommunikation”, sondern “Rechtschreibung”. Und wißt ihr was? Ich pfeif’ drauf! 

Es ist der Morgen des 14. Februar 1945. Alliierte Bomber röhren über Hitlers Land. Die Hitlerstadt Dresden soll soll dem Edrboden gleich gemacht werden. Jene Stadt, die später fast die Stadt werden soll, in der Hitlers Nachfolgerin geboren werden wird.
So ungefähr könnte ein Beitrag von Guido Knopp beginnen, in dem er nach neunzig Minuten auf den Punkt kommt und uns mitteilt, daß Angela Merkel heute zur Bundeskanzlerin gewählt wurde. Der ungemein investigative und an wissenschaflicher Gründlichkeit nicht zu überbietende History-Entertainer (“I faked it my Way”) hat einen “Emmy” gewonnen SPIEGEL . Der Autor ausgezeichneter Forschungsarbeiten wie “Hitlers Helfer”, Hitlers Lieblingshits” und “Hitlers Oma ihr Gärtner seine Schwester” hat es sich verdient, verquast er doch Geschichte zum Mitschunkeln, wo andere nur mit drögen Fakten öden. Und was fällt ihm ein zu seiner Auszeichnung? Dies hier: ” “Ich sage allen Jurys der Welt: Jetzt gebt den Jüngeren die Preise.” Allen Jurys der Welt, denn Knopp ist ein Weltmeister aus Deutschland.

TAZ Was sich vor Gericht abspielt, wenn eine braune Dumpfbacke sich für ihr hetzerisches Gequatsche verantworten muß, ist reif fürs Mittagsfernsehen. Die teutonischen Helden machen sich verdient um die völkische Bewußtseinsbildung, stellen sie doch unter Beweis: Gerichtsshows übertreiben gar nicht. Es ist schon sehr skurril, was entsteht, wenn hirnlose Verschwörungstheoretiker sich organisieren und aus ihrer Wirklichkeit plaudern. Dem kommt man mit aller Pädagogik nicht bei, und so bleibt für den einen oder anderen eben nur der Laufstall.
Mein Mitgefühl gilt dem genervten Richter.

In Paris brennen Autos. Der SPIEGEL hat sie gezählt! Wirklich belustigend is die Perspektive, die Ausschreitungen aus dem Autowrack zu betrachten.
Nun kommen sie wieder mit ihren grandiosen Theorien: Guerilla sei das, von bösen Islamisten gesteuert. Und wenn die Mullahs abwiegeln, ist das nur der nächste Hinterhalt! Nicht alle sind so dumm wie die Verschwörungstheoretiker, und die Klügeren sind sich einig: Integration tut not! Die Jugendarbeitslosigkeit ist zu hoch, und es haben sich Ghettos gebildet, in denen “die Gesellschaft” keinen Einfluß mehr hat.
Nur geht das immer noch in die falsche Richtung. Die Ghettos sind nämlich keine, in denen sich Zuwanderer abkapseln. Es sind solche, in denen sich die Verlierer einigeln. Es sind nicht allein die Ausländerkinder “in dritter Generation”, die nicht mehr lesen und schreiben lernen. Es sind genau so die europäischen Inländer, die ihre eigene Sprache sprechen und keinen Bezug mehr zur “Leitkultur” haben. Es werden genau so in Deutschland die Verlierer in die Randgebiete gedrängt, in denen Wohnraum nicht zu groß ist und nicht zu teuer, um staatlich finanziert zu werden. Und genau so wie “die Ausländer” fühlen sich ganze einheimische Bevölkerungsgruppen inzwischen ausgeschlossen. Mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum haben sie auch die Anbindung an das Gemeinwesen verloren. Sie sind definitiv nicht Deutschalnd. Oder eben Frankreich. Es ist die Welt der Autofahrer, der Mobilen und Versorgten, zu der sie nicht mehr gehören.
“Was ist das für ein Land, in dem in einer Nacht über 300 Autos in Brand gesteckt werden?” fragt ein französicher Journalist. Offenbar eines, das sich mehr für die Dinge interessiert als für die Menschen.

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