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Januar 2008


Die TAZ erklärt, warum Monika Harms noch im Amt ist. Kalkül auf allen Seiten: Nur die Linkspartei macht sich für einen Rücktritt stark, weil sie sich mit den Verfolgten solidarisieren darf und muß. Gratis und frei Haus dazu ein erschütternd dummes Zitat von Wiefelspütz.

Die ZEIT befaßt sich mit Merkels absurden Wahlhilfemanövern. Auch sie opfert dem Machtkalkül jeden politischen Anstand.

Noch einmal die TAZ zu den Sympathien schwarzer Frauen für Clinton oder Obama. Sehr lesenwert.

Die Tagesschau über die dubiosen Datenspeicher deutscher Versicherer. Der Datenschutz wird mit Füßen getreten, wenn er dem Profit im Wege ist.

spislam
Auch im letzten Jahr des Aust flaniert der Spiegel auf dem Boulevard, torkelt von rechts nach ganz rechts und illustriert das Böse, von der die Politik der Panik lebt. Alles, was Schäuble, Koch, Bosbach, Jung, Beckstein und sonstige Menschenfresser an die Wand malen, erscheint prompt als Hochglanzbroschüre unter der Flagge “Der Spiegel” am Kiosk. Im Neuen sind es “Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt”, die uns das Gruseln lehren, Resultat der “Migration der Gewalt”. Neben dem Aufmacher darf Schäuble selbst seine Paranoia ausleben und – Proporz, Proporz! – Brigitte Zypries ablassen, was sie dazu denkt. Das Gute an dieser Verschärfung des Qualitätsjournalismus’ ist das, was wir schon von denen mit den großen Buchstaben kennen: Man kann sich das Lesen sparen. Und sei es, daß im Blatt alles ganz anders steht: Wie tief muß man im eigenen Morast versunken sein, wenn man solche Titel für verantwortbar hält? Wie funktioniert der Trick, mit dem man den Leuten so etwas noch als “Nachrichtenmagazin” andreht?
Ich habe mich neulich nicht zu einem “Artikel” von R. Mohr geäußert, der stilistisch, handwerklich und inhaltlich verstörend miserabel ist. Hokey hat en passant darauf aufmerksam gemacht, daß die Schelte gegen Hagen Rether, die dort fulminant deplaziert wurde, vermutlich eine Retourkutsche ist. In seinem geschwurbelten Schwachschrieb bedient Mohr ohne Sinn und Zusammenhang Ressentiments, mehr muß dazu nicht gesagt werden. Und dann erlaubt er es sich, einen Kabarettisten anzupinkeln, weil der laue Kritik am Mülljournalismus Austscher Prägung übt. So weit ist das dort schon verinnerlicht: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
Chat Atkins hält auch noch tapfer dagegen und erklärt den Kamerakindern vom Hamburger Studio Bizarr, daß “weder Alter noch Geschlecht eine ‘Spezies’ sind.” Macht nix, denken sich die Kampfblatthunde, hauptsache gefährlich, denn “Danger sells” in der Terrorrepublik, und wenn man so brav mitbellt in der Meute, kommt auch gern der große Innenminister zu Besuch.
Wundert sich noch irgendwer, daß da niemand, dem etwas an seinem Ruf liegt, den Job des Chefredakteurs haben will?

 

Das deutsche Jugendstrafrecht ist gut, ja: Es ist weltweit vorbildlich; aber seine Ausführung in der Praxis ist ein Desaster, vor allem deswegen, weil es kaputtgespart wird, auch und vor allem in Hessen.

Heribert Prantl

Der Spruch des Tages kommt von Angela Merkel:
Es kann doch nicht sein, dass eine Minderheit von Menschen in unserem Land einer Mehrheit von Menschen Angst macht“.
Damit meint sie nicht die Paranoiker und Brandstifter aus ihrer Partei, sondern ernsthaft gewalttätige Jugendliche. Im Normalzustand hat Merkel keine Meinung. Daß sie eine der seltenen Gelegenheiten, bei der sie eine äußert, zu plattesten Kampfparolen nutzt, offenbart ihre wahren Qualitäten: Ignoranz, Dummheit, Unfähigkeit, eine völlige Respektlosigkeit vor ihrem Amt und den Bürgern sowie einen guten Machtinstinkt.
Daß sie die Tatsachen ignoriert, offenbar den Intellekt nicht hat, um zu sehen, was sie anrichtet und sich damit als unfähig für ihr Amt erweist, geht schon aus der “Position” hervor, die sie nunmehr selbst vertritt. Daß sie den ideologisch motivierten Müll in solche Worte kleidet, beleidigt ihr Amt, aber was interessiert es sie, solange sie sich damit schmücken kann? Wie aber kommt sie dazu, ihr Amt zu mißbrauchen, um einem Kollegen im Landtagswahlkampf zu helfen?
Da sind natürlich die immer gültigen Gründe: Die Macht für den Parteifreund sichern oder im Bundesrat die Konkurrenz nicht erstarken zu lassen. Würde sie nur dafür persönlich diese Blamage vor verstandbegabten Zuhörern wagen? Ich glaube nicht. Es droht ihr aber Schlimmeres als der Machtverlust der CDU in Hessen. Wenn Koch die Wahl verliert, kann ihm schnell langweilig werden. Er wird sich nicht mit der Rolle eines Fraktionsvorsitzenden im Landtag begnügen. Nein, er würde bei der nächsten Gelegenheit einen Kabinettsposten fordern und sich damit durchsetzen. Koch als Minister unter Merkel? Niemals! Das ist der Grund, warum sie sich so ins Zeug wirft.
Kommen wir zurück zu ihrem Spruch: “Die Mehrheit hat Angst”. Da hat sie recht. Die Mehrheit hat Angst, den Job zu verlieren, zu verarmen, keine Rente zu bekommen oder selbst mit einem Vollzeitjob nicht über die Runden zu kommen. Die Mehrheit hat Angst, chancenlos einer Zukunft entgegen zu gehen, in der die Minderheit sich auf ihre Kosten weiter bereichert. Die SPD hat, beinahe versehentlich, diese Angst zum Thema gemacht und mit dem “Mindestlohn” die Debatte darüber entfacht. Und da den Menschen das offenbar wichtiger ist als das Geleier über die bösen Terroristen, besetzt die CDU jetzt mithilfe ihrer Spezis von der Jounaille das Feld mit einer anderen Angst. Das ist der Plan. Dieser Plan zielt auf eine große und wachsende Wählergruppe ab, die einzig auf derart blöde Parolen ansprechen könnte: Die Alten. Omas, die die Haustür dreifach verriegeln. Opas, die sich nach den guten Zeiten zurücksehnen. Menschen, die nichts Gutes mehr erwarten und sich von einer Angst in die nächste quälen, weil ihnen der Lebensabend nichts zu bieten hat. In einem Aufwasch spricht sie das rechte und rechtsradikale Pack an, dessen Stimmen sie gern an die Partei bindet, egal, was daraus folgt. Das ist das Kalkül. Merkel hat kein Interesse daran, etwas für die Bürger zu tun. Sie will keine Probleme lösen, weil sie das nicht kann. Also lenkt sie im Sinne ihrer Partei davon ab und schürt Ängste, um sich im selben Atemzug als Retterin anzubieten. Widerwärtiger kann man Politik kaum machen. Aber vielleicht schafft sie ja auch das und umgarnt demnächst wachsame Jugendliche, die sich vor Ort um kriminelle Ausländer kümmern. Damit alle aufrechten Deutschen wieder ruhig schlafen können.

[update:] Zum Thema einige Artikel aus der Nachbarschaft. Und bei der Gelegenheit die Empfehlung, die Blogroll aufzusuchen.
Reflexionsschicht
Sozial-Gangbang
Oeffinger Freidenker
Kiesow
Hokey
Spiegelfechter
Sozial-Gangbang (2)
Vieldenker

Was braucht ein Volk mehr? Härte hilft gegen alles Böse und bringt Sicherheit. Jede Verfehlung der Jugend erklärt sich aus mangelnder Härte. Auch gewalttätige Jugendliche brauchen mehr Härte, denn die hilft. Immer.
Abgesehen vom wahlkämpfenden Koch, der wie alle großmäuligen Unionisten ein windelweiches Placet von seiner Partei-und Regeierungschefin bekommen hat, tut sich einmal mehr Wolfgang Bosbach hervor, der Spezialist fürs Primitive. Ausgerechnet er wirft Brigitte Zypries vor, sie sei “ahnungslos”, bloß weil sie sich in einem Interview zu “Boot Camps” geäußert hat, die er so nicht gemeint haben will. Soll er doch mal Roland Koch fragen oder noch besser dessen potentielle Wähler, was die sich unter einem “Erziehungscamp” vorstellen. Er meint nämlich solche: “In diesen Erziehungscamps geht es nicht um einen menschenverachtenden Umgang mit jungen Straffälligen, sondern darum, ihrem Leben eine feste Struktur zu geben und um die Beachtung von Regeln, ohne deren Einhaltung eine Resozialisierung nicht möglich ist ” Was glaubt der Mann eigentlich, was die ganze gottverdammte Kinder- und Jugendhilfe von morgens bis abends tut? Was glauben er und ähnliche Experten seiner Gesinnung, was ein Jugendstrafrecht und pädagogische Ergänzungsmaßnahmen noch retten, wenn ein junger Erwachsener sich eine Identität als Schläger aufgebaut hat? Ernsthaft machen die Vetreter dieser Idiotenpädagogik eine “rotgrüne Kuschelpädgogik” für diese Existenzen verantwortlich. Ahnungsloser geht es nicht.
Und es geht auch nicht verlogener. Um Roland Koch im Sattel zu halten, wird pünktlich zum Wahlkampf jeder sensationell anmutende Fall ans trübe Tageslicht gezerrt, der Gnadenlosigkeit zum Verkaufschlager macht. Weil es dem sadomasochistischen Weltbild der verdummten Klientel so herrlich zupaß kommt.
Ein wunderbarer Einfall, Menschen mit Härte und Mißachtung umerziehen zu wollen, die durch Härte und Mißachtung zu dem geworden sind, was sie darstellen. Mißachtung ist hier übrigens nicht nur das Desinteresse von Eltern, Schule und Gesellschaft für den Nachwuchs, sondern auch und gerade Verwöhnung und Überbehütung als Begleiterscheinung von Gewalt im Alltag. Auf den Explosiven Mix weist zurecht Annette Ramelsberger in der Sueddeutschen hin:
“Besonders schwierig ist die Situation für Jugendliche aus Migrantenfamilien: Oft werden sie von ihren Müttern verwöhnt, von ihren Vätern mit viel zu hohen Ansprüchen belastet, sie erleben Gewalt als probates Mittel der Durchsetzung.”
Verhätschelung und Gewalt sind gleichermaßen Zeichen von Mißachtung. Ein geschlagenes Kind lernt, daß es keine Würde hat. Ein verhätscheltes Kind lernt, daß es nicht darauf ankommt, was es tut. So entstehen Charaktere, die nicht wissen, wer sie sind, die aber sehr wohl wissen, wie sie Wirkung erzielen und Beachtung erlangen: Durch Gewalt und andere Formen der Auffälligkeit, die Resonanz erzwingen. Wer zuschlägt, wird wahrgenommen und erkennt sich als Verursacher einer Situation wieder. Bis dahin sind viele dieser Meschen dem Rest der Welt schlicht egal.
Das ist dem CDU-Wähler aber zu kompliziert, daher kommt man ihm mit dem Umerziehungslager, das versteht er. Der Gipfel der Heuchelei besteht darin, dafür “mehr Geld” bereitstellen zu wollen. Kinder- und Jugendhilfe ist Sache der Kommunen. Sie ist und war in den vergangenen Jahren ein kaum zu beherrschendes finanzielles Problem der Städte und Gemeinden. Sie hat vor allem unter der grandiosen schröderschen “Reform” der Unternehmenssteuern zu leiden. Sie ist darüberhinaus ein gigantisches strukturelles Problem, das Politiker der CDU, durchaus auch der anderen Parteien, stets enorm forciert haben. Anstatt Jugendlichen Perspektiven zu bieten, anstatt ihnen in Schulen etwas zu bieten , wo die CDU allein auf Leistung und Selektion setzt, anstatt Kinder- und Jugendhilfe direkt an Schulen anzubinden, läßt man die einen wurschteln und die anderen reparieren. Das Ganze so billig wie möglich und ohne jede positive Aufmerksamkeit. Was Kinder und Jugendliche schaffen, was gute Jugendarbeit hervorbringt, zählt einen Dreck, spätestens, wenn die Kassen knapp sind. Daß Eltern erziehen müssen, daß sie dabei unterstützt werden müssen, spielt keine Rolle. Im Gegenteil fallen Talente durchs Raster, wenn sie der falschen Schicht angehören, und man gibt den Eltern nicht einmal annähernd genug Geld, um sich auch nur eine Grundausstattung für die Schule leisten zu können. Pervers.
Wenn ich einen solchen Mist höre, wie ihn die rechten Trommelschläger verbreiten, weil es gerade opportun erscheint, überlege ich mir ernsthaft, ob ich am nächsten Morgen noch zur Arbeit fahre. Dort darf ich den Dreck wegschaufeln, denn solche Armleuchter zu verantworten haben.

Was geschieht, wenn ein Markt sich selbst regelt, kann man sich täglich auf 100 Kanälen oder auf tausenden DVDs anschauen: Der pure Horror. Guselig ist aber leider nicht die Handlung des Trashs, der vor allem in den USA massenhaft produziert wird, sondern die Qualität. Erschreckend ist die Ignoranz der Macher, denen ihre Kunden offenbar als Idioten gelten, die keiner Handlung folgen können und deshalb mit Effekten vollgeknallt werden, daß die Retina raucht. Ich hatte über die Feiertage das Mißvergnügen, einige Filme auf DVD anzuschauen. Daß einige kundenhassende Medienfirmen nicht die Möglichkeit bieten, die Vorschauen zu überspringen, ist eine Zumutung, für die man sein Geld zurück verlangen sollte.
Ich habe zehn Vorschauen über mich ergehen lassen, von denen neun Filme betrafen, die offenbar nichts anderes sind als möglichst monströse Aneinanderreihungen von Gewaltszenen. Solcher Szenen, die nicht pervers genug sein können. Das Blut muß eimerweise spritzen, es müssen alle Körperteile zerstört werden, die die Anatomie kennt. Es wird nicht einfach getötet, sondern in einen grauenhaften Tod gefoltert. Das Ganze mit den immergleichen Knallbumzischeffekten, effektverzerrten Schreien sowie anderen billigen Licht-und Toneffekten. Und es wird erst dadurch richtig geil, daß aus allen Einzelbildern dröhende Sinnlosigkeit pulsiert. Gewalt soll schließlich nicht dargestellt werden, sondern zelebriert.
Wer produziert so einen Dreck und wozu? Liegt es daran, daß das führende Filmvolk es für angebracht hält, in jedem Haushalt einen geladenen Revolver zu lagern? Ist es die Faszination des immer drohenden gewaltsamen Todes?
Das allein reicht nicht aus für den Trend zum Gewaltexzess. Eher wäre es schon eine mögliche Erklärung, daß Gewalt sich stets selbst neu erschafft, Effekte sich abnutzen, und also zu ihrer Steigerung zwingen.
Wo aber ist der Punkt erreicht, an dem eine Steigerung vollends sinnlos wird? Spätestens seit den 80er Jahren gibt es Filme, durchaus auch fürs Massenpublikum, deren gewaltanbetende Dummheit nicht mehr gesteigert werden kann. Niemand, der sie noch halbwegs beisammen hat, findet es amüsant, wenn Menschen sinnlos gefoltert oder brutal zu Tode gebracht werden. Kein solcher Film hat jemals Erfolg gehabt. Was also soll der Scheiß? Gibt es nur noch miserable Drehbücher? Gibt es nur noch ahnungslose Produzenten, die am Publikum vorbei einen Müll drehen lassen, bei dem einem der Kakao hochkommt?
Oder ist das die Rache für aktuelle deutsche “Kommödien”, deren Niveau man aufrecht unter der Tür von Georg Thomalla durchschieben kann? Dafür hätte ich noch einen Hauch von Verständnis.

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