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2007


Ach, herrlich, es gibt noch verlässliche Instanzen in dieser schnellebigen Welt. Wie etwa Reinhard Müller in der FAZ fabuliert, die “Macht der RAF” sei “ungebrochen”, das ist ganz großes Kino der alten Schule. Der Mann meint das ernst. Er sieht in der aktuellen Debatte die “Republik erzittern” vor der “Mörderbande”. Schon in den Siebzigern wiesen sich die mit der rechten Gesinnung dadurch aus, daß sie nicht “RAF” oder “Baader-Meinhof-Gruppe” sagten, sondern “Baader-Meinhof-Bande“. Der kompetente Kriminologe weiß also: Es handelt sich hier um Bandenkriminalität. Alles Müller oder was?
Aber es geht ja nicht um Kriminologie, es geht um Gerechtigkeit. Daher palavert Müller auch herum, was wohl wäre, wenn Peymann einem Säuglingsmörder eine Stelle angeboten hätte, räsoniert über “Mengenrabatt” für “Massenmörder”, vergleicht die RAF-Täter mit NS-Verbrechern und läßt “sogenannte Intellektuelle” auflaufen, die für die “monströsen Taten” “Verständnis” haben . Die Schreibe ist einfach geil, und ich werde demnächst öfter bei der FAZ vorbeischauen, denn dort bekommt man Geschichte live geboten von Leuten, in deren Köpfen sich seit Jahrzehnten nichts mehr bewegt hat. Lesenswert!

Die Menschheit wird einen zweiten Planeten besiedeln. Die erste Mission ist bereits geplant, dabei werden Russen, Amerikaner, Chinesen, Araber und Deutsche gemeinsam ins All starten. Während die Russen die Ausbeutung der Bodenschätze organisieren, wird der arabische Kollege das Magnetfeld der “Zwerde” gen Mekka ausrichten. Die Amerikaner beanspruchen vier der fünf Kontinente und werden erstmals ihre neue Fahne aufstellen, auf der sich ein Kreis zwischen den Sternen befindet. Die Chinesen schicken lediglich einen Beobachter mit, der für die vollständige Dokumentation verantwortlich ist.
Für Deutschland wird ein Mitarbeiter an Bord sein, der einen Überwachungssateliten in die Umlaufbahn der Zwerde bringt. Wir wünschen gutes Gelingen!

Wenn tausende Menschenleben gerettet werden können, muß die Freiheit eingeschränkt werden.
“Im März erwischte der Besitzer eines Internet-Cafés in Algerien einen Gast beim Surfen auf islamistischen Websites. Daraufhin sperrte er den Mann in sein Café ein und holte die Polizei. Es stellte sich nach Polizeiangaben heraus, dass es sich bei dem Mann um einen Dschihadistenführer handelte – in den folgenden Wochen nahm die Polizei 24 seiner Gefolgsleute fest.”
Ergo: Wer für ein freies Internet ist, unterstützt die Mörder.

Das aktuelle revolutionäre Subjekt, Prekariat oder auch schlicht die Unterschicht beschreibt Franz Walter in SpOn. Er stellt fest, daß im Pool der Abgehängten die Bereitschaft zur Gewalt steigt:
“Schon jetzt findet es ein Viertel der modernen Unterschichtangehörigen – im krassen Unterschied zu den eingehegten traditionellen Arbeiterschichten der altbundesdeutschen Industriegesellschaft – keineswegs verwerflich, Gewalt beim Verfolgen der eigenen Interessen einzusetzen.”
Die Warnung vor “Krawall” ist berechtigt, zumal auch in Deutschland bereits derartige Tendenzen deutlich sichtbar werden. Nicht nur in vereinzelten Pogromen, auch und gerade die vor allem von Jugendlichen gepflegten Revierbehauptungskämpfe in den Großstädten bringen ähnliche Verhaltensstrategien ans Zwielicht wie in den Banlieues, wenngleich bislang noch weniger nachhatig und öffentlichkeitswirksam. Was auffällt, ist, daß diese Menschen nicht nur zum Extremismus gedrängt werden, da ihnen von den etablierten Parteien (mit ausnahme der “Linken”) keine Angebote mehr gemacht werden, sondern, daß auch umgekehrt die politische Linke, so sie sich dieses Klientels annimmt, genau deshalb als “extremistisch” gebrandmarkt wird.
Es sieht auch sehr schwierig aus, und hier leistet die Soziologie gerade den Simpeln traurige Schützenhilfe, die sie hernach kritisert. Und das geht so:
Zur Underclass zählen sie diejenigen mit einem Nettoeinkommen unter 600 Euro, einer geringstufigen Schulbildung und der soziokulturellen Entkopplung von den Möglichkeiten der Mehrheitsgesellschaft.” (Franz Walter)
So sehr ich seine Artikel schätze, hier rutscht er auf der Prophezeiung aus, die er selbst aus der Schublade zieht. Diese Definition der “Underclass” ist nämlich Resultat einer ideologisch instrumentalisierten Statistik. Die “klassichen” Unterschichten hatten eine physikalische Realität. Sie fand man in Stadtteilen, sie repräsentierten sich in Parteien, man fand sie auf den Volks-und Hauptschulen, von wo aus sie sich aber immer noch aufmachen konnten, um die Welt zu erobern.
Heute geht das schon aus Gründen der Betrachtung nicht mehr. Wer aus einer Familie von asozialen Säufern kommt und trotzdem das Gymnasium schafft (das kann das System ja nicht immer verhindern), fällt aus der Statistik heraus. Wer gut verdient, weil er eine gewinnbringende Idee hat, für die kein höherer Schulabschluß nötig ist, ist ebenfalls aus dem Rennen. Wer unterschichtsuntypische Interessen hat und sich womöglich freiwillig bildet, gehört auch nicht mehr dazu. Als Definitionsmenge bleiben also nur die hochqualifiziert Faulen, die unbeirrbar Asozialen und die chancenlosen Habenichtse übrig. Diese nur in der Statistik existierende “Schicht” wiederum wird seit Schröder zum Adressaten gemacht für den Haß und die Angst der Aufgestiegenen vor denen, die sie zurücklassen mußten. Sie sind das Objekt der Verachtung jener, die es nicht nötig haben, sich um Fürsorge zu kümmern, weil sie sonst ihren Fetisch “Eigennutz” nicht mehr rechtfertigen können. So weit, so schlecht.
Aber selbst dort, wo sich “Unterschicht” ob fehlender Integration in die Gesellschaft des eigenen Landes (dessen “Volk” sie sind) und ob fehlender Infrastruktur wieder physikalisch bildet, macht sich niemand auf und versucht, diese Leute abzuholen. Sie werden vielmehr marginalisiert, ignoriert und vielleicht, als Gipfel der Aufmerksamkeit, überwacht.
Muß man Angst davor haben, daß diese Menschen gewalttätig werden? Als Blutsdeutscher nicht wirklich. Muß man überhaupt Angst vor ihnen haben? Ja. Denn sie könnten schon bei der nächsten Wahl das tun, was man ihnen am wenigsten zutraut: Wählen. Then panic!

Nur knapp ein Drittel der Wahlberechtigten haben bei den Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt ihre Stimme abgegeben. Damit haben unsere Brüder und Schwestern in der Zone belegt, daß Demokratie nichts ist für sie. Erst lassen sie sich vom Dicken einlullen und sich blühende Phantasielandschaften für die Wahrheit andrehen, und kaum bemerken sie, daß man sie verarscht hat, stellen sie auf “stur”. Ihr seid das Volk? Na großartig!

In dem Maße, wie der SPIEGEL die alten Qualitäten vermissen läßt, springt die Sueddeutsche in die Bresche, zuvorderst in Person von Heribert Prantl. Der Mann läßt nicht locker, und wenn den Leuten sein notwendiges Insistieren schon zu den Ohren herauskommt. Eine hervorragende Umschau auf die Welt der Sicherheitsgesetze liefert er aktuell, setzt die zur Debatte stehenden Maßnahmen in den gegebenen Kontext und schafft es dabei, nicht persönlich zu werden. Es ist zu hoffen, daß sein Artikel dazu beiträgt, die Verfolgungswahnsinnigen um den Minister des Terrors aufzuhalten. In diesen Tagen ist die Frage: “Schäuble oder der Rechtsstaat”. Mit jedem Tag, den dieser monströse Peiniger der Bürgerrechte weiterhin im Amt verbringt, wird die Frage lauter, ob die Kanzlerin selbst sich nach einer anderen Republik zurücksehnt.

Während die Extremisten in den westlichen Regierungen Deutschland darauf vorbereiten, daß der Muslim das Tor zur Hölle aufstößt (oder zumindest das einer US-Botschaft), befassen sich die Hüter der Christenheit ganz akademisch mit dem Highway to Hell: Sie haben nunmehr beschlossen, selbst nicht mehr ans Fegefeuer zu glauben. Ungetaufte Kinder dürfen jetzt aufatmen, ehe sie sterben, und auch der Ablaßhandel hat sich damit wohl endgültig erledigt. Wo wären wir heute, hätte es diesen nicht gegeben? Gutenberg, Fugger, Medici, die Säulen der Wall Street quasi, sie wären ohne Fegefeuer nicht errichtet worden. Das alles wurde schmählich der Vergessenheit überantwortet. Sic transit gloria mundi!

Wie die WAZ meldet, hat die deutsche Versicherung “Extremus”, die gegen die Folgen von terroristischen Anschlägen versichert, die “Trendwende geschafft” und 2006 nach vier mageren Jahren erstmals wieder steigende Einnahmen verzeichnet.
Zu den Gründen für die erfreuliche Entwicklung gehöre auch ein gestiegenes Bewusstsein der Terrorbedrohung“, heißt es. Daß es sich dabei um “Bewußtsein” handelt, darf bezweifelt werden. Brennend interessiert mich nun die Frage, wer bei der “Extremus” (welch ein selten dämlicher Name btw) Beraterverträge hat oder nach dem Ausscheiden aus dem Amt einen hochdotierten Posten beziehen wird.
Wir werden das beobachten!

mutant
Entschuldigt, wenn ich euch langweile, aber der Schäuble *WUFF* tut’s schon wieder, und ich kann nicht anders.
Heute legt er wieder einmal an und feuert eine Salve ins Herz des Rechtsstaats:
Wäre es richtig zu sagen: Lieber lasse ich zehn Anschläge passieren, als dass ich jemanden, der vielleicht keinen Anschlag begehen will, daran zu hindern versuche?“, fragte der Minister und gab darauf selbst die Antwort: “Nach meiner Auffassung wäre das falsch.” [Zitat Sueddeutsche]
Mit diesem Dreh rechtfertigt er erpreßte Geständnisse und macht deutlich, daß er die Unschuldsvermutung außer Kraft setzen will. Der Satz klingt plausibel, wenngleich er komplett sinnfrei ist, denn
erstens gilt die Unschuldsvermutung, auch wenn das dem Terrorpapst nicht gefällt,
zweitens steckt hinter der seichten Formulierung “zu hindern versuche” nicht der Versuch, sondern die Heiligung aller Mittel, was der Demagoge freilich bewußt verschleiert und
drittens involviert der Satz die Behauptung, man könne derart (sicher) Anschläge verhindern, was schlicht unsinnig ist.
Was ist nun das Besondere an diesem rhetorischen Angriff auf die Verfassungsrechte? Es ist nicht nur die Fortsetzung des Kampfes gegen das Grundgesetz durch ein Regierungsmitglied, sondern, da Schäuble als Innenminister für die Leitlinien der Exekutive zuständig ist, eine Aufforderung zur Anwendung illegaler Ermittlungsmethoden bis hin zur Folter, und zwar mit der generell wirksamen Begründung, es könnten eventuell dadurch Anschläge verhindert werden.
Daß diesem Extremisten im Bundeskabinett diesmal immerhin von fast allen Seiten der Wind ins Gesicht bläst, ist ein wenig tröstlich. Daß die Verantwortliche Kanzlerin, die zuletzt für ihre billige Zurechtweisung Oettingers als “führungsstark” dargestellt wurde, dazu nichts zu sagen hat, läßt hingegen nichts Gutes vermuten. Es scheint ihr zu gefallen, daß ihre rechte Hand den Rechtsstaat sturmreif schießt, sonst hätte sie ihn längst entlassen.

Ich dachte so bei mir: Um die Standardreaktionen einmal zu konterkarieren, könnte man doch sofort mit der MP ins Haus fallen und den Leuten die These vor die Füße klatschen, daß am besten alle ständig bewaffnet herumlaufen sollten, um Schießwütige aufzuhalten. Mir war das nicht Satire genug. Die Reaktionen routinierter US-Bürger haben mich mehr als bestätigt: Die irren Waffenfetischisten sagen das nicht nur, sie meinen es ernst. Der Oberirre im Weißen Haus setzt dem die Krone auf, hält sich nicht allzulange mit Beileidsheuchelei auf und kommt direkt zur Sache: Das Waffengesetz wird nicht geändert. Gut aufgepaßt, die paar Opfer sollen das Geschäft nicht stören! Was soll man dazu noch sagen? Fragen wir einfach den Schäuble:
Schäuble, was machen wir da?
“Verbieten”!
Na also, geht doch!

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