Journalismus


Aber das Risiko, dass man einen Journalisten nicht so ernst nimmt, ist größer, wenn er in der Politik arbeitet. Und dann ist eine Zeitung wertlos. So ist es doch auch in der DDR mit den Zeitungen gewesen. Der Otto Normalverbraucher hat hinten die Artikel im Bereich Sport und Kommunales gelesen, und das Erste vorne hat er sich nicht angeguckt, weil er wusste, das stimmt doch eh nicht. Das ist doch tödlich für eine Zeitung.”
Was Rainer Eppelmann da im Interview mit der TAZ sagt, bezieht er auf ehemalige Stasi-Mitarbeiter, die in der DDR SED-Propaganda in den Zeitungen verbreitet haben und heute wieder in Politikredaktionen sitzen. Ein Schelm, wer Hofberichterstattung in der Gegenwart damit vergleicht. Pfui Spinne, als sei der Springer-Verlag nicht unabhängig und überparteilich!
Ich lese die BZBerliner Zeitung nicht und leider bringt eine Fixrecherche zum Namen “Thomas Leinkauf” nur die Stasi-Geschichte. Wer mir Links auf von ihm produzierte Artikel liefert, erhält einen Ehrenplatz in meinem Kommentararchiv.

[update]: Tatsächlich war mir entfallen, daß die BZ und die Berliner Zeitung verschiedene Zeitungen sind. Ausnahmsweise kann Springer mal nix dafür. Die “Berliner Zeitung”und ihr Verlag sind vielmehr Objekt diverser Verkäufe und Begehrlichkeiten(u.a. Gruner+Jahr, Bertelsmann) gewesen. Eine andere Art der “Unabhängigkeit”.
Herrn Leinkauf betreffend, bin ich weiter auf der Suche nach politischen Aussagen.

Es ist schon tragikomisch: Im Trailer eines Print-Artikels bei Zeit.de wird ein “Werbeexperte Sebastian Turner” zitiert, der in einigen wenigen Sätzen mehr zum Verhältnis von Schein und Sein sagt, als die Agenda-Journaille je zu leisten vermag. Wie Kurt Becks Verhalten bei den Leuten ankommt und worin sein größtes Problem besteht, kann man da lesen und staunt nicht schlecht: Nicht seine Art sei das Problem (im Gegenteil), sondern die Inhalte, die eine Zerrissene SPD produziert bzw. nicht zustande bringt. Steinmeier werde dementgegen mehr verlieren als gewinnen, weil er nur bei dem Klientel punkten kann, das eigentlich nicht das der SPD ist. Wenn schon ein PR-Mann klüger ist als unsere politischen Torhüter von der Presse, ist das beinahe beruhigend. Da erledigt eine besoffen dilettierende Zunft sich selbst.
Beispiel gefällig?
Auch die FR ist so heruntergekommen, daß sie drei Autoren braucht, um einen Mist zu wiederholen, der beinahe von allen deutschen Großmedien ausgekübelt wird: Da wird die mögliche Wahl einer Minsterpräsidentin Ypsilanti einmal mehr als “Machtübernahme” bezeichnet. So sind sie halt: Mit der Stalinorgel herumballern und sich dann echauffieren, wenn ihnen eine Mörsergranate mit der Aufschrift “Arschlöcher” in die Mailbox kullert.

Es gibt noch so etwas wie Journalismus im deutschen Fernsehen, an einem Dienstag zwischen 23 und 24 Uhr. Bei Maischberger (in der Mediathek [noch?] nicht zu finden) traf sich heute eine Runde von Gästen, die mehr zur Krise um Georgien beitrugen als hunderte Beiträge der Mainstream-Journaille. Die Besetzung: Hans-Dietrich Genscher, Peter Scholl-Latour, Lothar Loewe, Erhard Eppler und Gabriele Krone-Schmalz. Zugeschaltet war kurz auch Eduard Schewardnadse, der freilich wenig zur Diskussion beitragen konnte.
Die Anwesenden beleuchteten aus sehr unterschiedlichen persönlichen Perspektiven den Hintergrund und die möglichen Folgen der Lage im Kaukasus. Trotz aller Unterschiede herrschte Einigkeit über die wichtigsten Punkte, hier in aller Kürze:
Die Krise ist nicht den Russen anzulasten, wenngleich sie klar “überreagiert” haben. Sie ging aus einer Aggression Georgiens gegen Südossetien hervor. Im Vorfeld sind schon die Fehler der NATO nach dem Ende des Kalten Krieges für die Lage mitverantwortlich sowie eine aggressive und mit niemandem abgestimmte Politik der Bush-Administration. Die NATO hat keine Zukunft, wenn sie ihren Mitgliedern gestattet, ihre Eigeninteressen auf das Bündnis abzuwälzen. Eine Aufnahme Georgien ins die NATO wäre fatal und hätte bereits zu einem Weltkrieg führen können. Geisterfahrten wie die Stationierung von Raketen an der Grenze zu Russland kann sich ein westliches Bündnis nicht leisten. Die bewußte Isolation Russland, vom Westen betrieben, wäre ein GAU für Europa. Die derzeitige Lage ist vor dem Hintergrund des amerikanischen Wahlkampfs äußerst nützlich für die Republikaner, eine Entspannung würde hingegen Obama nützen.
Hervorzuheben ist überdies die Leistung von Gabriele Krone-Schmalz, die hellwach dafür sorgte, daß die recht überflüssig eingestreute “Parallele” (die eben keine ist) zum Prager Frühling nicht in einem Bild von bösen Russen mündete, wie es derzeit von Merkel und den ihr angeschlossenen Medien aufgebaut wird.
Die Menschen, die hier ihr Hintergrundwissen und ihre ganze Erfahrung einbrachten, um zu einer klugen Einschätzung der Situation zu gelangen, sind recht unverdächtig, eine Bande linker Spinner zu sein, dennoch stehen sie mit ihren Meinungen auf einem völlig anderen Planeten als diejenigen, die derzeit das entscheiden, was in Deutschland eine “Außenpolitik” sein soll. Man vergleiche das nur mit dem unsäglichen Getrommel, das etwa bei SpOn und Sueddeutsche.de zu lesen ist:
- Merkel verspricht härtere Gangart gegenüber Russland und
- Russlands Präsident Dimitri Medwedjew führt sein Land in eine selbstzerstörerische politische Isolation.
Das Volk soll nicht wissen, es soll mitmarschieren. Daß es noch Journalisten gibt, die dagegen halten, hinterläßt mich ratlos. War das nun eine Sternstunde in schwierigsten Zeiten oder der Abgesang auf einen Journalismus, der niemanden mehr erreicht?

Patrick Bahners berichtet in der FAZ von einem weiteren Rechtsstreit unter Beteiligung von Henryk M. Broder. Evelyn Hecht-Galinski klagt dort gegen seine Vorwürfe, “antisemitische und antizionistische Aussagen” seien „ihre Spezialität”.
Bahners weist ebenfalls auf merkwürdige und tendenziöse Aussagen des Zentralsrats der Juden in Deutschland hin, gegen den Frau Hecht-Galinski polemisiert hatte. Sein Fazit: Es sei richtig, dagegen vorzugehen, daß Broder und Co. sich solche Denunziationen erlauben. Die “Debatte” um den Vorwurf des Antisemitismus gegen Juden ist bizarr. Immer wieder gelingt es Broder, seine dummen Pöbeleien mit aller Gewalt in die Öffentlichkeit zu bringen, und es ist ein Fehler, diesen Troll zu füttern. Sollte ihm tatsächlich untersagt werden, seine ewige Pubertät in Begriffen wie “antisemitisch” auszuleben, wird er nur wieder behaupten, er sei ein Verfolgter, der seine Meinung nicht sagen dürfe. Es ist doch immer dasselbe Spiel.
Daher kann ich Patrick Bahners auch nicht zustimmen, wenn er meint:
Der Antisemitismusvorwurf eignet sich zum moralischen Totschlag. Wer die Beschreibung “einen Gegners als eines Antisemiten durchsetzen kann, hat ihn aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen.
Wenn Broder einen Gegner als “Antisemiten” beschreibt, ist das seine Art, “Guten Tag” zu sagen, seine Welt ist einfach: Amerika und Israel sind gut, wer etwas anderes sagt, ist “Anti”. Antiamerikanist, Antisemit, Antizionist und Antidemokrat. Bei dem Stuß, den Herr Broder täglich absondert, bleibt einem vernunftbegabten Menschen aber gar nichts anderes übrig, als sein Gegner zu sein. Sobald Hanswurst M. Broder also auf jemanden aufmerksam wird, ist dieser eben ein Anti. In diesem possierlichen Irrsinn ein “moralischen Totschlag” zu sehen, ist eine Überschätzung, die sonst nur ihm selbst gelingt. Sollte der Herr jemals Kenntnis von meiner Person nehmen, hätte er bei mir einen frei. Ich ein Faschistenschwein? Na klar!
Broder ist ein Ärgernis, aber nicht etwa, weil seine Angriffe einer Erwähnung wert wären. Ärgerlich ist vielmehr, daß man sie noch immer regelmäßig im “Spiegel” lesen muß.

Der 10.08. 2008 war ein besonderer Tag für Hans-Jürgen Jakobs, den “Spiegel” und das doofe Internet.
Jakobs reicht dem Spiegel genüsslich und mit Recht einen rein, ist dessen Holzausgabe mit dem quasi abkekupferten Titel doch ein erfrischendes Beispiel für das, was die Geisterfahrer aus dem Elbtunnel selbst anprangern: “Copy & Paste”-Getexte. Ein gelungener Punch, sollte man meinen.
Schmerzhaft für den aufmerksamen Chefredakteur der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung ist allerdings der Leberhaken, den ihm eine simple Google-Abfrage versetzt. Stefan Niggemeier hat ihn bereits im November 2006 dabei erwischt, wie er drei Artikel mit dem gleichen Versatzstück einer müden Rhetorik beginnt. Si tacuisses [Wenn du geschwiegen hättest]… ?
Nein, es ist gut, daß er nicht geschwiegen hat. Er hat ja recht, in bezug auf den Spiegel, auf sich selbst und das doofe verblödende Internet. Das Netz, sein Gedächtnis und diejenigen, die damit umgehen können, sind das Potenzial eines Fortschritts, der durch Versuch, Irrtum und Korrektur die Kommunikation voranbringt. Wenn man denn bereit ist, zu lernen. Eine gute Gelegenheit für den Journalismus, denen ein bißchen Respekt zu zollen, die das große Netz bevölkern – und sich jederzeit an ihr Geschwätz von gestern erinnern lassen.

Nachdem ich heute einen weiteren Kommentar des Seeheimer-Fanblogs nach devnull gespült habe, fiel mir auf, daß Lana Still in der TAZ vor einem guten Monat über eben dieses ein Artikelchen veröffentlicht hat. Es ist erkennbar, daß sich die Autorin nicht lange mit Lesen aufhält und auch keinen Plan hat, was ein politisches Blog ausmacht. Derselbe Müll, den man in allen Holzmedien und ihren Ablegern aufgetischt bekommt: Ein paar unqualifizierte Bemerkungen werden mit Zitaten eines A-Bloggers (Markus Beckedahl von netzpolitik.org) garniert. Kuhjournalismus halt: Fressen, was alle fressen, hochwürgen und wieder schlucken, was dabei nicht zufällig zurück auf die Wiese sabbert. Die Ignoranz, mit der diese Pfeifen ihre Ahnungslosigkeit zelebrieren, ist flächendeckend preiswürdig. Wellcome to the club, TAZ!
Das angebliche “Watchblog” reiht stramm agendasoldatische Texte über die SPD aneinander und verlinkt außer sich selbst nur die Mainstream-Medien, eine Blogroll gibt es ebensowenig wie eine Kommentarfunktion. Von daher kann sich der bemühte Betreiber auch die Anstrengung sparen, hier seine dümmlichen Zweisatzkommtare abzuseilen.

« Vorherige Seite