Wirtschaft


Wie der SPIEGEL berichtet, hat der Bundesrechnungshof bei der Überprüfung der Arbeitsagenturen festgestellt, das “interne Controlling sei vollkommen unzureichend”. Was zunächst harmlos klingen mag, ist an der Front ein Desaster, denn es sieht so aus: “Die Behörde könne in keinster Weise nachvollziehen, ob ihre Weiterbildungsmaßnahmen überhaupt etwas bewirken”.
Tausende werden täglich mit solchen Maßnahmen überzogen, und zwar bei Androhung von Leistungsstreichungen für den Fall, daß sie nicht teilnehmen. Da werden dann arbeitslose Personalchefs zu Bewerbungstrainings geschickt und dergleichen. Das kostet Unsummen, dient hervorragend der Schikanierung von Arbeitlosen und bringt, wie jetzt ganz offiziell festgestellt wurde, nichts!
Aber es kommt noch besser:
“Mittlerweile werde überlegt, wie die Qualität der Weiterbildung überprüft und verbessert werden könne.” Das ist ja niedlich. Übersetzt heißt es: “Niemand fühlt sich für den Mist zuständig, und es wird sich in den nächsten hundert Jahren nichts daran ändern.” Aber selbst, wenn man es wörtlich nimmt, kommt einem das Grausen. “Mittlerweile”, also nicht etwa von vornherein. Jede Klitsche, in der auch nur ein Mitarbeiter seinen Dienst tut, muß sich ständig Gedanken machen, wie ihre Produkte ankommen und was noch zu verbessern wäre. Die AA muß darauf erst einmal aufmerksam gemacht werden.
Daß man “überlegt”, ist der nächste Kracher. Man sieht sie schon in den Büros sitzen und bis zur Mittagspause aus dem Fenster schauen. Fertig überlegt! Ist nur wieder nichts bei herausgekommen. Es ist allerhöchste Zeit, den Quatsch zu stoppen, das ganze System umzukrempeln und auf die Motivation der Leute zu setzen, anstatt sie zu unsinnigem Firlefanz zu zwingen. Da muß man nicht lange überlegen, da muß jemand kompetent und Zuständig sein und das anpacken. Aber wozu die Dinge überstürzen? Solange alles seine Ordnung hat…

In sechs Semstern zum Diplom und dann Unternehmensberater? Der “schnellste Student Deutchlands”, wie ihn nicht die BILD, sondern der SPIEGEL nennt, will seine Blitzkarriere so fortsetzen.
Er hat das “volle Studentenleben mitgenommen”, “war vom Bafög abhängig, [hat] Volleyball und Golf gespielt”. Aha. Ich wußte doch, daß mir zum vollen Studentenleben etwas fehlte: Golf spielen! Sicher hätte ich dann nicht so ewig für mein Laberfachstudium gebraucht. Was sage ich? – Ich hätte es gar nicht erst studiert.
Ich stelle mir vor, wie das, Verzeihung, Bürschchen mit seiner Beratertruppe in die Unternehmen einfällt und dort die krisengeschüttelten Angstschwitzer in den Ruin berät. Bei allem Respekt, junger Herr: Es ist zwar Usus, Unternehmensberatung von oben herab mit Golfspielermiene zu absolvieren, in dem Glauben, Kostensenkung sei das ganze Leben. Dennoch gebietet es der Anstand, wenigstens so zu tun, als wisse man, welche Folgen das haben kann. Und dazu muß man ein winziges bißchen Lebenserfahrung heucheln können. Dinge sagen wie: “Ich weiß, wie es Ihnen geht” oder “Vertrauen Sie mir”. Ein Jährchen Bumsurlaub auf den Philippinen und eine Tour durch Deutschlands mieseste Spelunken sollten dazu beitragen können. Am Handicapp können Sie dann immer noch arbeiten.

Unter den Titel “Gestalten statt Verwalten” haben sich Poliltik, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften zu einem Projekt zusammengeschlossen. Gemeinsames Ziel ist die Belebung von Kultur und Wirtschaft durch Investitionen in regionale Projekte.
Dabei werden die Investoren nicht den schnellen Profit, sondern stabile langfristige Gewinne anstreben, während es den Gewerkschaften nicht um höhere Löhne, sondern um die Möglichkeit zur selbstverwirklichenden Beschäftigung geht. Angestrebt wird ein Mix aus Erwerbsarbeit und ehrenamtlicher Betätigung. Unterstützt werden diese Projekte durch Mittel der Arbeitsagenturen. Nicht die Kontrolle von Arbeitswilligkeit steht mehr im Vordergrund, sondern der positive Anreiz zu freiwilliger Beschäftigung.
Leute, bleibt locker, das war natürlich ein Scherz! Wir sind immer noch in Deutschland!

In der TAZ findet sich ein Artikel, der ein wenig mit der Ideologie aufräumt, die den Sozialstaat als Untergang des Abendlandes betrachtet. Man fragt sich, ob solche Freiheit von zeitgemäßer Verblendung schon ein Indikator für Linksradikalismus ist oder doch einfach besserer Journalismus. Es sind traurige Zeiten, in denen der gröbste Unsinn schon als Wahrheit gilt, weil er so oft wiederholt wurde. Fast ist man geneigt, mit einem Schild spazieren zu gehen, Aufschrift: “Kostensenkung ist Mord”.
Fraglich ist außerdem aber, ob die Bezeichnung “Neoliberalismus” wirklich zutreffend ist, bzw. ob nicht auch diese schon so abgedroschen ist, daß man sie eben nicht wiederholen sollte. “Liberal” ist eine Vokabel, die hier völlig fehl geht und überdies eine krasse Beschönigung. Schließlich geht es den Ökonomisten nicht um Freiheit, sondern um die Verbreitung nahezu religiöser Glaubenssätze. Sie haben keine Ahnung vom Wirtschaften und sind aus Überzeugung blind in bezug auf die simpelsten menschlichen Bedürfnisse. Solche Propheten des Vulgärdarwinismus’ als “liberal” zu bezeichnen, erfüllt den Tatbestand der Verleumdung. John Stuart Mill, auf den sie sich gern berufen, hatte andere Ziele: Nämlich, daß “keiner arm ist, niemand reicher zu sein wünscht, und niemand Grund zu der Furcht hat, dass er durch die Anstrengungen anderer, die sich selbst vorwärts drängen, zurückgestoßen werde”. Heute würde man ihn dafür als sozialistischen Träumer brandmarken.

Die Kaufkraft schrumpft -> SPIEGEL. Das ist nicht weiter überraschend, werden doch seit Jahren die Löhne knapp gehalten und unter ideologischem Dauerfeuer als reiner “Kostenfaktor” betrachtet. Während die Exporte nach wie vor explodieren, fällt dem politischen Management nicht ein, daß der Stärkung der Binnennachfrage oberste Priorität eingeräumt werden müßte, wollte man den Laden wieder in Schwung bringen. Aber Nein: Die Belastung der Löhne durch Abgaben wird auf Arbeitnehmerseite eher größer, denn unter “Subventionsabbau” verstehen die Genies in Berlin die Kürzung der Pendlerpauschale! Schuld an der Misere sind indes die faulen Parasiten, die millionenfach nicht arbeiten wollen.
Kein Thema mehr ist die Gerechtigkeit bei der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Damit ist gemeint: Die größt mögliche Ungerechtigkeit wird hingenommen, und die desaströsen sozialen Folgen, die allmählich zu einer Volksdepression inmitten unerhörten Reichtums führen, gelten als unabwendbar.
Daß man Zivilisation unter den gegebenen Bedingungen auch anders entwerfen kann, zeigt das “Netzwerk Grundeinkommen”. Die Idee ist so simpel wie schmerzhaft für den deutschen Spießer: Unabhängig von der Aufnahme einer Arbeit steht allen ein Grundeinkommen zu. Die Automation bzw. “Rationalisierung” wäre kein Problem mehr, sondern ein Segen -> TELEPOLIS. Anstatt Angst vor dem Fall in diskriminierte Abhängigkeit und Selbstwertverlust würde ein positiver Impuls zur Erwerbsarbeit motivieren.
Das Argument dagegen, daß dann ja keiner mehr arbeiten ginge, weil es keiner mehr nötig hätte, ist so absurd wie nur möglich. Oder sitzen die Herren Millionäre, die nun wirklich nicht mehr arbeiten müssen, alle nur noch in ihren Sesseln und drehen Däumchen?
Nein, für die Vermehrung ihres “Eigentums” tun sie alles. Grundlegende Gedanken zur Lösung der sozialen Krise gehören leider nicht dazu.

Da waren wir ja ganz visionär beim Thema: 8000 Jobs will die Mercedes-Gruppe “abbauen”. Die Gazetten nennen das einhellig “Sparpläne”, vermutlich, weil eine Nachrichtenagentur so frei war und sich solch alberner Terminologie bedient hat.

“Sparpläne” kenne ich noch als als Konzepte zur Erreichung eines Sparziels, will heißen: Man nahm sich vor, innerhalb einer gewissen Frist einen gewissen Betrag beiseite gelegt zu haben, um damit Waren zu erwerben.
Der Dummquatsch dieser Tage aber verkauft immer wieder Kostenminderung als “Sparen”. Stellen Sie sich vor, wie herrlcih es sein muß, alle Mitarbeiter zu entlassen! Was könnte man damit sparen! Nichts, denke ich Naivling, hege ich doch die Vorstellung, Mitarbeiter hätten die Aufgabe, durch ihr Wirken Produkte herzustellen, mir denen erst Gewinne erzielt werden können, mit denen man dann erst das Sparschwein füllen könnte. Aber es ist wohl anders. Die globalen Sitten werden rauher, und offenbar werden zunehmend Menschen in Schweine gesteckt. Mal sehen, was passiert, wenn man sie da wieder herausholt.

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