ausbisrIsrael ist ein ganz normales Land, in dem ganz normal der Kapitalismus wütet. Ganz ähnlich wie in Deutschland, steigen Armut und Bruttoinlandsprodukt parallel, die Kinderarmut ist beschämend hoch (über 35%) und die Löhne ebenso niedrig. Und obwohl Israels Regierung in der komfortablen Situation ist, einen stets präsenten äußeren Feind (alle Nachbarländer) zu haben, gehen ihr die Bürger von der Fahne.

Das hat in seiner aktuellen Ausweitung zwar auch damit zu tun, dass unter den Protestierenden endlich auch die Gewerkschaften sind (die ähnlich wach und engagiert zu sein scheinen wie hierzulande) und rechte Landdiebe (“Siedler”), die den Raum im Osten annektieren möchten. Dennoch ist der Kern und das Gros der Aufständischen das Durchschnittsvolk, das sich nach der Decke streckt, während ihm der Boden unter den Füßen ständig abgesenkt wird.

Das böse G-Wort

Der aus der FR zitierte Satz “Das Volk will soziale Gerechtigkeit” hatte einst etwa so viel Bedeutung wie “Meerwasser ist salzig”, dennoch muss es die Entscheider von heute aufs Äußerste beunruhigen, dass derlei wieder öffentlich kommuniziert wird. Hierzulande schleicht sich das böse G-Wort in einen Artikel über das ferne Ausland ein, in inneren Angelegenheiten überlässt man ihn den ‘Kommunisten’, was in Ordnung geht, solange die keinen Einfluss haben.

“Leistungsgerechtigkeit” ist die hässliche Chimäre, deren Brüllen anstelle jeder Diskussion über die Verteilung von Eigentum und Einkommen die Talkshows beherrscht. Dieses erzdumme Konstrukt, das wie fast alle neoliberalen Symptome auf Hayek zurückgeht, hält sich durch propagandistische Wiederholung tapfer in den Medien, geht aber an jeder Realität vorbei. Fleiß, Talent, Intelligenz, Kreativität sind Ressourcen, die Leistung hervorrufen. Wer diese mitbringt, wird genau so ausgebeutet wie jeder andere, der nicht Glück hat oder reiche Eltern.

Diagnose: Hayek

Herkunft, Gier und Rücksichtslosigkeit sind die Bedingungen für einen guten Start im Rennen um Reichtum. Wäre also wenigstens ein Minimum an “Gerechtigkeit” in puncto “Leistung”, müsste man schon dringend andere Wege finden, den Kuchen zu verteilen. Wie aber soll je etwas anderes als Ungerechtigkeit auf allen Ebenen eintreten, wenn am Lohn gespart wird? Egal ob “Lohnnebenkosten”, die nichts anderes sind als ein Teil des Lohns, oder die Einkommen selbst – den Neoliberalen kann kein Lohn je niedrig genug sein.

Jetzt wundern sie sich, wenn ihnen ihre Frechheit um die Ohren gehauen wird. Selbstverständlich wird das nicht zu der Erkenntnis führen, dass “das Volk”, der Plebs, die Verfügungsmasse, Human Ressources, Sklaven, sich niemals eintrichtern lassen, ihre Ausbeutung sei eine Form von Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist immer auch ein Gefühl, das sich nicht so leicht betrügen lässt wie ein manipulierter Verstand. Je gröber die Widersprüche gestrickt sind, desto weniger lässt es sich beruhigen. Der Michel, schon traditionell immer ein kalter tumber Roboter, ist deshalb auch der Letzte, der es merkt. Alle anderen sind da schon weiter, wie es scheint.