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Juli 2013


 
daisy

Tatsächlich hat man im Bloggeralltag mit denen mehr zu tun, die versuchen einem den Nerv zu rauben. Das führt bedauerlicherweise dazu, dass man auf diese Herren und selten Damen fokussiert und manchmal glaubt, die Welt werde immer blöder, weil sich Trolle, Stalker und – Verzeihung – Arschlöcher eben in den Vordergrund zu spielen wissen. Sie machen die meiste Arbeit; bevor man zum Beispiel Kommentatoren bannt, fallen sie gemeinhin bereits unangenehm auf; man muss ihre Beiträge aufmerksam lesen, sie regelmäßig in die Schranken weisen und zusehen, dass die Diskussionen sich nicht nur um sie und die von ihnen gesetzten Themen drehen. Oft trübt das auch noch die Laune, weil man bei aller Abgebrühtheit lieber etwas anderes täte als sich mit Irren und zu groß geratenen Kleinkindern zu beschäftigen.

In einigen Nachbarblogs, deren Betreibern sowohl die Namen als auch die Techniken der Gemeinten bekannt sind, werden regelmäßig Diskussionsansätze zerstört, weil man dort wohl der Auffassung ist, es habe irgendetwas mit “Zensur” zu tun, wenn man Provokateure oder Rüpel vor die virtuelle Kneipentür setzt. Das Resultat ist nicht nur miese Stimmung, sondern vor allem der Rückzug zivilisierterer Menschen, die das nicht aushalten und es sich auch nicht antun müssen. Ich kann das nicht ganz verstehen, denn derart werden alle zu Opfern der Trolle, die sich freilich selbst als Opfer gerieren. Ich kann mich immer noch jedes Mal scheckig lachen, wenn einer betont, er sei ja nun schon in soundso vielen Blogs gesperrt, das liege an der bösen Verschwörung jener Blogger. Nein, ein freies Land braucht keine freien Geisterfahrer.

Freedom for …

Was dadurch zu kurz kommt, in letzter Zeit gehäuft, weil eben ein ganzer Haufen von Spacken hier aufgeschlagen ist, bei denen man sich fragt, ob sie für den Stunk, den sie verbreiten, bezahlt werden, ist die Freude an der Diskussion. Das macht sich auch sehr deutlich in der Beteiligung bemerkbar. Man kommt nicht so recht dazu, das Gute hervorzuheben, den Spaß, die Solidarität, den Ideenaustausch, das gemeinsame Bemühen, die Arbeit an Vorstellungen von einer anderen Zukunft, den Informationsaustausch und das ganz einfache Empfinden von menschlicher Zuneigung, mal mehr, mal weniger distanziert.

Ich befinde mich hier in einer Nische der Zivilisation, die mir Erfahrungen ermöglicht, auf die ich nicht verzichten möchte. Ich werde bestätigt, kritisiert, korrigiert, inspiriert, vorangetrieben, beschenkt, unterhalten und respektiert. Das alles trotz gewisser Launen, schroffer Kommentare, kapriziöser Texte und eines wenig gnädigen Blicks auf die bestehenden Verhältnisse. Das ist mehr als ich erwarten darf. Das macht ihr. Was ich schon lange mal wieder dazu sagen wollte:
Danke!

 
Nicht erst das scheinbare Desinteresse bezüglich der Totalberwachung oder die absurden Umfragewerte für Merkel (angeblich 2/3 Zustimmung) und ihre Regierung (angeblich 2/3 Ablehnung) machen deutlich, dass der wichtigste Teil der Demokratisierung in Deutschland nie stattgefunden hat. Das Volk, die Bürger, interessieren sich eigentlich nicht für Politik. Sie ordnen sich lieber Führern unter. Nie hätten sie den Anspruch, dass die Politik, der Staat, die Regierung, die Abgeordneten sich vor ihnen rechtfertigen. Ganz im Gegenteil ist eine mindestens latente Untertanenmentalität nach wie vor weit verbreitet. Demnach hätte sich jederzeit der Bürger vor der Obrigkeit zu verantworten, diese aber nicht vor dem Bürger. Das ist die elementare Verkehrung der demokratischen Gesellschaft zum autoritären Staat.

Die Deutschen haben nie auch nur ansatzweise die Fähigkeit entwickelt, sich um ihre eigene Gesellschaft zu kümmern, sie sind nie Demokraten geworden, egal ob im staatssozialistischen Osten oder im kapitalistischen Westen. In letzterem haben sie sich mit einer vorläufigen monetären Beteiligung abspeisen lassen. Vom Wirtschaftswachstum floss ein wenig in die Haushaltskassen, das genügte soweit. Dafür durfte man zwischen zwei bis drei Parteien auswählen, die das Ganze organisierten. Im Osten gingen sie 1989 auf die Straße, um ihr verkalktes Regime gegen D-Mark und Konsumanschluss einzutauschen. Die große Mehrheit der Ossis hat sich mit demselben doofen Trick einlullen lassen wie zuvor die Wessis.

Teilhabe ist Konsum

In anderen Staaten sah und sieht es nicht viel besser aus. Fast überall, wo bis in die 80er Jahre vielleicht noch eine rege Streit- und Streikkultur herrschte (z.B. Großbritannien), hat sich der ‘Konsens’ durchgesetzt, was nichts anderes ist als das zumeist von korrumpierten Sozialdemokraten durchgesetzte Interesse des Kapitals. Dieses kann spätestens in der ‘Krise’ sowieso am besten mit Diktatoren, was es inzwischen auch freimütig sagt:

Jedoch wurde mit zunehmender Entfaltung der Krise offensichtlich, dass es in der Peripherie (i.e. den europäischen Krisenländern) tief verwurzelte Probleme gibt, die aus unserer Sicht abgeschafft gehören [...] Die politischen System der Peripherie wurden in einer Zeit beendigter Diktaturen etabliert und waren von dieser Erfahrung (der diktatorischen Regimes) definiert. [...] Politische Systeme in der Peripherie tragen typischerweise die folgenden Merkmale: schwache Führungskräfte; schwache Zentralregierungen im Verhältnis zu den Regionen; verfassungsmäßig geschützte Arbeitsrechte; auf Konsens gestützte Systeme, die politischen Klientilismus begünstigen; sowie das Recht auf Protest, falls am politischen Status quo unwillkommene Veränderungen vorgenommen werden.” (J.P. Morgan)
Es wird aber auch noch deutlicher, ganz anschaulich und am Beispiel:

Die Ägypter hätten Glück, wenn ihre neuen herrschenden Generäle sich als aus demselben Holz geschnitzte Führungsfiguren erweisen würden wie Chiles Augusto Pinochet, der seinerzeit inmitten von Chaos die Macht übernahm und Reformkräfte anheuerte, die dem freien Markt verpflichtet waren, und so zum Geburtshelfer eines Überganges zur Demokratie wurde“.
(Wall Street Journal)

Kapital und Diktatur

Das ist zwar immer noch dämlichster Zwiesprech der Sorte “Diktatur ist Demokratie”, aber es beinhaltet immerhin ein deutliches Bekenntnis zum Faschismus. Woher soll also der Widerstand gegen die notwendigen autoritären Maßnahmen des kapitalistischen Staates kommen? Die depperte Behauptung, “Marktwirtschaft” sei quasi an sich “demokratisch”, wird gerade ersichtlich nach Strich und Faden widerlegt, ist aber nach wie vor gängige Erzählung. Die Massen sind darauf trainiert, statt jeglicher Beteiligung an Politik lieber Geld zu fordern und lassen sich obendrein noch mit immer weniger abspeisen. Der Zugang zu politischer Macht ist derweil für jegliche Alternativen versperrt, weil alle Ressourcen in der Hand von Anhängern der sog. “Marktwirtschaft” liegen.

Es stellt sich daher die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, auf Emanzipation zu hoffen, zu setzen, hinzuarbeiten oder ob es nicht besser wäre, den Pöbel zu führen. Man muss in diesen Tagen schon gesotten linksradikal sein, um dieser Versuchung nicht zu erliegen.

Es ist aber auch Licht am Ende des Tunnels: Wo die großen Themen, sobald es ein wenig abstrakter oder gar global wird, auf Lethargie treffen, ist das Handfeste, Regionale durchaus zu Besserem tauglich, das zeigt mustergültig etwa der Rumble um “Stuttgart21″. Deshalb sind den Freunden des Kapitaldiktats auch ausdrücklich “schwache Zentralregierungen im Verhältnis zu den Regionen” ein Dorn im Auge. Wenn die Demokratie eine Chance haben soll, ist diese Baustelle vermutlich die wichtigste: Wie schaffen wir es, überregional vernetzt Konzepte und Theorien zu entwickeln, die dann regional umgesetzt werden? Das kann der Schlüssel sein.

 
deaddog

Ich halte mein Wort. Eure nächste Chance: Anfang September in Berlin bei “Freiheit statt Angst”. Wenn eine “Demo” zwanzig Minuten vor Beginn so aussieht und wenn es dann regnet, sieht sie so aus; wenn zu Beginn dann ein paar Männekes (und dann auch noch welche mit den Fahnen von den “Grünen” Verrätern) aus dem Busch krabbeln und das hier der komplette Demo-Zug ist, dann habt ihr nicht verstanden, was ich meinte, als ich “hingehen” sagte. Was ich als nächstes erschießen werde, weiß ich noch nicht, aber es wird noch süßer sein, und ihr seid schuld!

Großartig übrigens die Argumentation eines Polizisten: Als der Marsch sich verzögerte, weil ein Generator nicht ansprang, drängte er zur Eile, weil die Straßen freigehalten werden mussten. Er habe die Interessen vieler Tausend (Verkehrsteilnehmer) ebenso zu berücksichtigen wie die der vielleicht zweihundert Demonstranten.

Man kommt nicht mehr nach

Update: Mir ist übrigens noch aufgefallen, dass einige zentrale Begrifflichkeiten und Abkürzungen des ganzen Überwachungsterrors bei weitem nicht allen bekannt sind – wohlgemerkt denen, die immerhin wissen, dass sie überwacht werden und das gar nicht komisch finden. Selbst ich hatte nicht auf Anhieb parat, was “BDA” bedeutet, nämlich “Bestandsdatenauskunft“; früher bekannt als “Vorratsdatenspeicherung”. Das ist zwar nicht ganz dasselbe, läuft aber eben darauf hinaus, dass verdachtsunabhängig Daten gesammelt werden, die dann abgegriffen werden können.

Selbst “Prism” und vor allem “Tempora” sind oft nicht bekannt. Dass Prism das US-Programm zur Totalüberwachung ist, wissen noch die meisten. Die Betreiberin ist die NSA (National Security Agency), der fleißigste Geheimdienst neben der CIA. “Tempora” ist das britische Programm, das auf dasselbe hinausläuft, unter der Kontrolle des GCHQ (Government Communications Headquarters). Ein echter Neusprech: “Regierungshauptquartier für Kommunikation” ist kurz vor “Minilieb”.

Manischer Neusprech

Ein ähnlicher Wortmüll ist “Indect“, ein Programm zur Überwachung draußen auf der Straße, mindestens so übel, allerdings eher zu bemerken. Verkauft wird dieser Marsch in den Faschismus als “smart” und “effizent”.

Aus allen Rohren werden also ständig neue Gruselmaßnahmen entworfen, vorgeschlagen, umgesetzt und durchgeführt. So viele, dass man sie sich kaum mehr merken kann. Wir sollten uns also entweder wirklich einprägen, was die Programme im einzelnen bedeuten oder zumindest das Gesamtpaket als Szenario parat haben, wenn jemand fragt. Wenn einer dann noch wissen will, was genauer dahintersteckt, verweist ihn auf diesen Artikel oder bessere, die sich sicher auch noch finden lassen. Hinweise dazu gern in den Kommentaren.

 
Soso. Sie haben also noch nie ihren Partner betrogen, der Mutter etwas anderes erzählt als dem Vater, überhaupt je gelogen, geheime sexuelle Vorlieben, in der Vergangenheit peinlichen Unfug getrieben, etwas gestohlen, Fahrerflucht begangen, bei einer Prüfung geschummelt, die Versicherung betrogen, die Steuererklärung frisiert, schwarz gearbeitet, blau gemacht, jemanden angeschwärzt, einen dummen Streich gespielt, jemanden verleumdet, über Ihren Chef getratscht, die Zeche geprellt, etwas kaputtgemacht ohne sich zu melden …

Es ist Ihnen egal, was man von Ihnen weiß: Mit wem sie Kontakt haben, wie lange, wie oft, Ihre Schuh- und Kleidergröße, Aufenthaltsorte, Kontostand, Einkommen, Einkäufe, Vorlieben und Abneigungen jedweder Art, politische Einstellungen, Empfindlichkeiten, Ängste, Stärken und Schwächen, wem Sie sich anvertrauen und was, wen sie mögen und wen nicht, wie Sie zu wem stehen und was sie dazu öffentlich behaupten, Ihre gesundheitlichen Probleme, Medikamente, Alkohol- und Drogenkonsum, religiöse Einstellung, Ihr Gewaltpotential, Ihre Meinung, Ihr Sportverein, Freizeitinteressen, Lieblingsbücher- und Filme, Hobbys …

Das Ende der Unschuld

Sie lügen nie? Und wenn Sie es wollten, weil Ihnen jemand Fragen stellt, könnten Sie dann noch, zumal der mehr von Ihnen weiß als Sie selbst? Sind Sie sicher, dass die Menschen, mit denen Sie Kontakt haben – Freunde, Kollegen, Bekannte, Begegnungen – dass Sie die alle nicht verbergen wollen, wenn jemand danach fragt? Haben die auch alle nichts zu verbergen? Sind Sie wirklich sicher?

Das ist der entscheidende Punkt, liebe Schläfer: Sie haben reichlich zu verbergen, machen sich und anderen aber vor, Sie hätten nichts zu verbergen. So kann man das machen in einem Rechtsstaat, und das ist gut für Sie. Sie werden aber schon bald bemerken, dass sie anfangen, sich sehr wohl zu verbergen. Weil sie wissen, dass das nötig ist. Weil Sie die sehr berechtigte Angst haben, dass man Informationen über Sie sammelt und Ihnen nichts glauben wird,was nicht ins Bild dieser Informationen passt. So ist das nämlich nämlich in einem Überwachungsstaat.

Mehr Stoff zum Thema und ein 5-Minuten-Video, das manchen die Augen öffnen kann, gibt es hier.

 
Samstag, bei Euch um die Ecke. Hingehen, sonst erschieße ich diesen Hund.

bmhnd

 
Aus aktuellem Anlass ein kleiner Rückblick auf die Diskussion über “Internetsperren” vor vier Jahren. Wie in meiner Rumpelkammer bereits angemerkt, wärmen die Briten genau diese Nummer wieder auf, um die Totalüberwachung voranzutreiben.

sotp

Wer glaubt, es gehe bei der wahnwitzigen Stoppschild-Aktion der Bundesregierung um “Zensur”, hat nicht ganz begriffen, was da wirklich läuft. Es läuft nämlich darauf hinaus, dem BKA zu gestatten, fröhlich Nutzerdaten abzugreifen, um so am laufenden Band “Verdächtige” zu produzieren.

Wie irrsinnig das Vorhaben ist, muss man sich einmal deutlich machen: Da sollen die IPs von Nutzern registriert werden, die versuchen, eine Seite aufzurufen, von der sie dank des Stoppschildes gar nicht wissen, was sie beinhaltet. Werden diese Sperren umgangen, ist es zwar unwahrscheinlicher, “erwischt” zu werden, es wird aber unterstellt, dass wer so etwas tue, ja ganz sicher höchst verdächtig sei. Geht man also etwa davon aus, dass eine gesperrte Seite versehentlich gesperrt wurde (das dürften technisch bedingt die meisten sein) und will sich dessen vergewissern, macht man sich strafbar.

Drohen und erpressen

Das ist eben keine Zensur, denn die funktioniert ja gar nicht. Es ist vielmehr ein gigantisches Droh- und Erpressungspotential des BKA gegen die Bürger. Es kann jeden treffen, und der Verdacht allein wirkt wie ein Fallbeil: Das ist ein Pädophiler!
Ganz selbstverständlich geschieht dies alles im Dunkeln, kein Richter muss die Speicherung privater IPs genehmigen, kein Nutzer wird davon informiert. Die Stasi hätte sich die Finger geleckt nach solchen Möglichkeiten. Dass die Technik, einmal installiert, ganz sicher auch in bezug auf andere Delikte genutzt werden wird, sei bei dieser Gelegenheit noch einmal am Rande bemerkt.

Die zu erwartenden Zuwiderhandlungen vieler Internetnutzer und die riesige Zahl von Nutzern, die unfreiwillig solche Seiten aufrufen, werden überdies vor allem einen Effekt haben: Der Verdacht, Kinderpornographie zu konsumieren, trifft zukünftig nicht mehr erstrangig diejenigen, die sich diesen Dreck mit Vergnügen reinziehen. Diese werden gut geschützt in einem Heer unschuldig Verdächtiger verschwinden und nur mit noch mehr Aufwand zu überführen sein als ohne diese Schwachsinnsmaßnahme.

So weit, so schlecht. Wie immer wird aber auch dieser Stuss vor dem BVerfG scheitern. Diese Instanz ist längst der Gradmesser für die Restdemokratie in der Bundesbananenrepublik. Sollte sie eine Kehrtwende in ihrer Rechtsprechung vollziehen oder durch das neue Supergrundrecht entmachtet werden, ist es an der Zeit, die Koffer zu packen und den ‘Daumen’ raus zu halten. Vielleicht wird ja eine Hyperraum-Umgehungsstraße gebaut.

 
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Als ich Zivildienst leistete, meinte der sogenannte “Regionalbetreuer”, den ich mir ohne großen Zeitverlust zum Feind gemacht hatte, einmal zu mir: “Sie machen das doch freiwillig”. Der Typ – wie die meisten dieser Charge ein ehemaliger Soldat; die wurden damals halt Fahrlehrer oder triezten Zivis, weil das “Zivildienstgesetz” eine Abschrift vom Wehrdienstgesetz war – meinte das ernst. Ich hätte ja auch zum Bund gehen können und Männekes bauen. Da ich aber ja eine ‘Wahl’ getroffen hatte, war alles, was ich fortan in diesem Zusammenhang tat, freiwillig.

Diese Donnerbalkenlogik ist noch zu doof die Analogie zu erkennen zu der Wahl zwischen Todesspritze und Gaskammer. Der Delinquent stirbt dann doch freiwillig, sonst hätte er sich ja anders entschieden. Traurigerweise reicht diese Idiotenlogik für eine ganze Menge von Idioten. Womit wir beim Verhältnis der Journaille zu ihren Lesern sind.

Die allerhoheitlichsten Stellen

Zwar gibt es auch einige erfreulichere Tendenzen in diesen gleißend düsteren Zeiten, so stellt etwa auch Fefe fest, dass seit dem Abgang Mascolos der “Spiegel” auf dem Weg sei, beinahe wieder Journalismus nach alter Definition abzuliefern. Allerdings ist genau da auch ein fetter Schlagschatten, weil eben nicht ein Konzept und eine Haltung dahinter stehen, sondern Beliebigkeit. Burks hat heute ein Brechmittel gefunden, beruhend auf eben jener Strategie der falschen Alternativen, Propaganda von der Brechstange:

Wenn nämlich, so die Trommelschläger Stefan Heumann und Ben Scott, die totale Überwachung abgewendet werden soll, so brauchen wir wieder einen Führer, Pardon,Führung” von “ganz oben” für einen “nationalen Kraftakt“. Die Führer der Nation müssen das deutsche Internet in die Freiheit führen. No Shit, Watson, das erzählen sie da wirklich. Das gilt dort nämlich als Demokratie, wenn Superminister und Kanzler nationale Kraftakte begehen. So, Eimerpause, gleich wird’s besser.

Kühle Keramik kann eine große Erleichterung sein, nicht wahr? Kommen wir mal zu echten Alternativen, einer echten Bedrohung freilich auch für Ganz Oben®, wie das eben so ist, wenn Menschen sich erkühnen selbst zu bestimmen, was sie wollen [via daMax]. In Finnland geben sich Bürger jetzt womöglich ihr eigenes Urheberrecht. Selbst wenn`s nix wird mit dem Versuch, aber so geht Demokratie, nicht von oben herab.

 
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Quelle rechtes Bild: Wikimedia Commons

Aus aktuellem Anlass – kürzlich wurde in den Kommentaren über angemessene Bewaffnung in Beruf und Freizeit diskutiert – habe ich mich entschlossen, ein Vorhaben umzusetzen, dass mir ohnehin schon länger vorschwob. Periodisch werde ich hier Produkte vorstellen, zumal solche, deren Hersteller dafür bekannt sind, dass sie gut und diskret zahlen, wenn man ihnen die wohlverdiente publizistsiche Unterstützung zukommen lässt. Dem Standort® kann es überdies nur guttun. Bislang wurde mir von den Firmen der hier und jetzt vorgestellten Waren noch kein Obolus entrichtet, aber man darf ja hoffen.

Zur Linken die allseits beliebte BFG10K von IDsoft; einige Daten: Schaden pro Treffer 100; Maximum Munition: 200 Ladungen; Feuermodus: Halbautomatik; 120 Einheiten ‘Splash Damage’-Radius; 5 BFG Schüsse pro Sekunde/10 pro 3 Sekunden (300 Millisekunden Ladezeit).

Zur Rechten der Dirt Devil von Dirt Devil, aktuelles Modell (nicht im Bild) mit 15,6 Volt Motorspannung, 25,4 mm Düsenbreite, F4 HEPA Filter, Nickel-Cadmium Batterie und 1,5 kg Gesamtgewicht.

Ungleiches Rennen

Im Test liegt die BFG ganz klar vorn in den Disziplinen Plattmachen, Löchern, Fraggen, Shock and Awe, und eigentlich könnte man an dieser Stelle den Test auch gleich beenden. Hallo, das ist die BFG! Die leuchtet nicht ganz zufällig blau, auch ohne Quad Damage, da heißt es abhauen oder sterben, wobei es mit den Abhauen gemeinhin zu spät ist, wenn man wie eine Kuh vor dem Bus in ihren Mündungsrachen glotzt. Für alle Waffennarren, Kellerbewohner und Anhänger von Allmachts- oder Vernichtungsphantasien ist der Zwischenstand also wie folgt: Dirt Devil: Null, BFG: 10K!

So leicht lässt sich aber aber der süße kleine rote Schmutzteufel nicht aus der Arena ballern. Juckt es ihn denn, wenn irgendein sabbernder Ego-Shooter sich an ihm reibt? Nein! Kommen wir also zu den Stärken dieses ungemein praktischen und handlichen Gerätes für den Alltag und die besonderen Stunden: Seine Domäne ist die heiße Luft. Was andere auswerfen, zieht er sich rein, und zwar mit demselben Mittel. Egal welcher Dreck einer Schleuder entfleucht, er nimmt ihn freundlich schnurrend in sich auf und rülpst nicht einmal, wo andere längst das Kotzen kriegen.

Vor allem in Zeiten von Regierungsansprachen, Ministerinterviews und sonstigen Neusprechattacken ein unverzichtbares Accessoire auf allen Wegen. Allemal effektiver als virtuelle und sogar reale Waffen, dürfte das Aufsetzen des Saugstutzens auf die verursachende Fressluke in der Wirkung keine Wünsche offenlassen, Motto: “You suck. Me too”. Selbst fürs kleine Martyrium zwischendurch sollte er seinen Dienst hinreichend tun: Wer mit so einem Ding auf Sicherheitskräfte® jedweder Art losgeht, dürfte so sicher erschossen werden wie ein nackter Mann im Brunnen. Über Spielzeuge wie Kleinkaliberspuckwerk oder Jagdwaffeln kann er nur sanft summend kichern.

Friss das, BFG, Endstand: Dirt Devil:10k! BFG: 10k! Beides jetzt zum günstigen Heiße Luft Tarif in ihrem Terrorism Bomb and Headshot Shop.

 
orwell2Das Bundeswirtschaftsministerium hat heute vom Verfassungsschutz erfahren wie Mobilität über Straßen verläuft, wie sich Güter von einem verarbeitenden Betrieb zum anderen bewegen. So erfuhren die Experten zum Beispiel, dass es ganz unterschiedliche Routen gibt, die je nach Verkehrslage benutzt werden können. Entscheidend für diese Routen ist nicht die Länge der Strecke, sondern die insgesamt aufgewendete Zeit.

Sogar Kostenfaktoren werden in die Planung einbezogen. Weiterhin konnte der Verfassungsschutz recherchieren, dass sehr große Lasten oft eher per Bahn und auf der Schiene transportiert werden. Allerdings sind dort die Ausweichmöglichkeiten geringer. Die Kanzlerin sagte etwas, für das sie belächelt und verspottet wurde: Die Straße ist noch Neuland. Und jetzt dämmert es immer mehr Leuten, was sie damit gemeint hat.

Das Recht auf Freizügigkeit ist unter diesen Bedingungen natürlich nicht aufrecht zu erhalten. Wenn sich Züge an bestimmte Strecken und Fahrzeiten halten müssen, kann nicht jeder jederzeit überall hin fahren. Das Bundesverfassungsgericht hat da illusorische Vorstellungen gefördert. Dasselbe gilt für die Freiheit der Meinungsäußerung.

Die Sicherheit der Freiheit ist nicht sicher

Wie der BND von amerikanischen Kollegen erfahren hat, sind etwa Zeitungen an Redaktionsschlusstermine und vorherige Absprachen gebunden. Für das Fernsehen (sog. “Livesendungen”) sind die Einschränkungen noch drastischer. Hier kann manchmal nur geäußert werden, was zur Zeit der Ausstrahlung bekannt und verfügbar ist. Selbstverständlich ist da der Einzelne in keiner besseren Position; seine Freiheit steht nicht über der der Presse und des Rundfunks.

Wer schon einmal in einem Stau gestanden hat, der weiß, dass es totale Bewegungsfreiheit nicht geben kann. Was der ADAC nicht schafft, kann der Bürger – mit Auto oder ohne – sicher nicht besser. Vor allem hilft es bei der Mobilität oft, wenn Regeln aufgestellt werden und der Verkehr geleitet wird. Ebenso ist die redaktionelle Bearbeitung von Texten und anderen Äußerungen die Grundbedingung für verständliche Kommunikation. Es dient also unmittelbar der Freiheit der Bewegung und der Meinungsäußerung, wenn man beides im Sinne demokratischer Abläufe reglementiert. Wer die totale Freiheit will, schafft hingegen nur Unfreiheit.

Das klingt albern? Ihr findet diesen zusammengestanzten Zwiesprech übertrieben? Dann lest dieses Attentat auf Sinn, Verstand und Sprache, begangen von Hans-Peter Uhl.

 
nokiaIn meinen Job bin Chef. Eine Bürde und eine Ehre. Ich werde von meinen Mitarbeitern respektiert, weil sie meine Führungsqualitäten täglich erleben. Es gibt keine Diskussionen, wenn ich Anweisungen gebe. Alle meine Untergebenen bemühen sich immer sofort, meine Aufträge auszuführen und lassen sich auch gern zurechtweisen, wenn ich nicht ganz zufrieden bin mit ihnen. Ich mache ihnen deutlich, dass meine Autorität Hand und Fuß hat und dass sie sich glücklich schätzen können, einen so toleranten Chef zu haben. Einige Beispiele dafür:

Nach meinem Arbeitsvertrag darf ich mich unentgeltlich in der Kantine verpflegen. Regelmäßig biete ich neuen Mitarbeitern meinen Teller an, auf dem noch einige Krümel liegen. Ich argumentiere, dass man ja die Energie nicht verschwenden muss, um zwei Teller zu spülen. Wer sich weigert, kann sicher sein, dass ich ihn im Auge behalte. Wer mein Angebot annimmt, hat freilich das Problem, dass er die Krümel annimmt, die sich auf dem Teller befinden. Ein klarer Fall von Untreue, denn diese sind Betriebseigentum.

Alles hat Konsequenzen

Es ist oft notwendig, Anweisungen in Schriftform zu erteilen, um sich zu versichern, dass die Zuarbeiter exakt wissen, was von ihnen verlangt wird. Selbstverständlich belaste ich weder mich noch meine Sekretärin mit dem Verfassen solcher Schriftstücke. Das können die Untergebenen selbst. Ich lasse also immer mindestens einen mitschreiben. Häufig kommt es vor, dass der betreffende Mitarbeiter seine Mitschrift dann für die Kollegen kopiert. Ich habe nicht erst einem wegen solcher Urheberrechtsverletzung gekündigt.

Es gab bei uns im Betrieb Leute, die glaubten, sie seien zu hause. Der eine kommt mit einer Kaffeemaschine an, der andere bringt ein Radio mit, und was sich sonst noch für dreiste Ideen finden, auf meine Kosten die Arbeitsstätte in einen Vergnügungspark umzuwandeln. Das macht längst keiner mehr, meine Leute kennen mich und wissen, dass sie ihr Gehalt fürs Arbeiten bekommen. Das macht schon einer dem anderen klar, dafür muss ich gar nichts mehr tun.

Das letzte Mal, dass ich durchgreifen musste, war der Fall eines Mitarbeiters, der sich auf der Betriebstoilette die Zähne geputzt hat, weil er anschließend einen Zahnarzttermin hatte. Nun kann ich ja leider schon nicht unterbinden, dass unser teures Wasser für die Beseitigung von Fäkalien und oft übertriebenes Händewaschen verschwendet wird. Bei jenem war der Fall aber klar. Seine Zähne, unser Wasser – das ist Diebstahl.

Ausnahmen machen

Meine Unterarbeiter wissen also, dass ich aufpasse. Und ich weiß, dass sie es wissen. Häufig gebe ich ihnen zu verstehen, dass ich wohl weiß, welcher Vergehen sie sich schuldig gemacht haben. Es geht doch nichts über dankbare reuige Seelen in der Brigade, die sich meine Gnade verdienen müssen. Selbstverständlich wird nicht jeder Delinquent sofort entlassen. Alle, die bleiben dürfen, sind dadurch dankbar und vorauseilend.

Das Resultat: Klare Führung, geschmeidiges Folgen Es gibt natürlich immer welche, deren Frechheit keine Grenzen kennt. Einer zum Beispiel lädt sein Handy mit meinem Strom auf. Unfassbar! Solche Schmarotzer kann natürlich auch der gnädigste Chef nicht mehr dulden, und kommen Sie mir jetzt nicht mit “Bagatelle”! Man verliert seine Autorität nur einmal, und mir wird das garantiert nicht passieren.

[2009; Die SZ scheint ihren Artikel auch zweitverwertet zu haben oder deren Datenbank ist ein wenig verrutscht.]

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