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April 2013


 
Ein Offizier:

Gefreiter, Sie können nicht einfach hier Geschichten erzählen über den Herrn General. Das ist Wehrkraftzersetzung, das ist üble Nachrede, das geht überhaupt nicht. Ach, Sie beharren aber darauf, weil das alles wahr ist? Wissen Sie was, wenn sie sich beschweren wollen – und das ist wohl mindestens eine Beschwerde, das ist geeignet, die Truppe in Aufruhr zu versetzen und um ganz ehrlich zu sein: ich kann mir das gar nicht vorstellen, das hätte man doch schon vorher mal gehört, wenn der Herr General Sie wissen schon – also dann gehen Sie den Weg der offiziellen Beschwerde und melden Sie das beim Major, wie sich das gehört.

Ein Adjutant:

Nein, ich kann Sie nicht einfach zum Major vorlassen, wie stellen Sie sich das vor? Sie müssen schon den Antrag ausfüllen, Ihren Beweggrund schildern, um einen Termin anhalten, dann werde ich sehen, was ich für Sie tun kann.
… Nein, ich kann Sie leider nicht vorlassen, Ihrem Antrag wurde nicht stattgegeben.

Ein Berater:

Nein, Sie können das so natürlich nicht machen. Hier steht “Angriff”, das ist äußerst missverständlich. “Demütigung” kann man so auch nicht stehen lassen. Schreiben Sie “Zurechtweisung” und “möglicherweise nicht ordnungsgemäß” und dann hier “zur Überprüfung”, dann sollte das kein Problem sein.

Ein Adjutant:

Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann …
Nein, ich kann Sie leider nicht vorlassen, Ihrem Antrag wurde nicht stattgegeben, weil die Sache belanglos ist.

Einige Kameraden:

Wir haben uns entschlossen, dich zu unterstützen. Schreib’ uns mit auf die Beschwerde, dann können die das unmöglich unter den Tisch kehren.

Ein Adjutant:

Nein, ich kann Sie leider nicht vorlassen, Ihrem Antrag wurde nicht stattgegeben, weil Sammelbeschwerden nicht zulässig sind.

Ein Offizier:

Sie wurden zum Major gerufen, begeben Sie sich unverzüglich dorthin, die Sache ist dringend.

Der Major:

Warum haben Sie das nicht vorher gesagt? Dieser Vorgang ist seit Tagen in aller Munde und zieht Kreise, das kann sich die Armee nicht leisten. Das ist geeignet, die Truppe in Aufruhr zu versetzen. Sie hätten das verhindern können, warum haben Sie nicht den nötigen Einsatz gezeigt? Das ist doch ein handfester Skandal, da werden immer üblere Details bekannt!

Auf dem Schreibtisch steht sein Namensschild: “Major C. Narrative, Leiter des Presse- und Informationszentrums“.

 
Dass Kapitalismus, vor allem in seiner neoliberalen Ausprägung, religiöse Züge trägt, ist nichts Neues. Damit verbunden ist aber etwas noch Wichtigeres, nämlich die Erzählung, die dahinter steht. Es gibt einen schönen Begriff, der für wissenschaftsferne Menschen vielleicht abschreckend klingt, den man sich aber einprägen sollte: Das “Narrativ”, was eigentlich nichts anderes bedeutet als “Erzählung”. Es handelt sich dabei um die herrschende, die gängige Erzählung von den Dingen und wie sie angeblich seien. Wer zu weit davon abweicht, dringt nicht durch.

Als Jesus einmal schwer betrunken und bekifft aus dem Bordell kam, war er so high, dass er auf der Straße einen Penner zusammentrat. Zwar entschuldigte er sich am nächsten Tag, warnte aber seine Jünger davor, sich im Rotlichtviertel auf die Straße zu legen. Das sei einfach dämlich. Dann bestieg er ein Taxi.

Stimmt ja gar nicht

Der Passus geht nicht in die Bibel, und selbst wenn irgendwer auf eine Quelle stieße, die diese Geschichte bestätigte, sie würde niemals in die Erzählung der christlichen Religion aufgenommen. Jedenfalls so lange nicht, wie die Kirchen noch einen Einfluss auf die Verwaltung der Geschichte ihres Gesalbten haben. Im Gegenteil gelingt es ihnen seit Jahrtausenden, ihren ausdrücklich als Schäfchen titulierten Anhängern weiszumachen, die (später heilige) Hure (“Sünderin”) Maria Magdalena habe vor Jesus gekniet, um ihm die Füße zu waschen. In jedem anderen Kontext taugt diese Darstellung nur zum Witz.

Kapitalismus als Narrativ hat die Beziehungen rund um Ware und Profit in eine Erzählstruktur eingewoben, die das, was Marx noch als “Fetisch” bezeichnet hat, längst als Naturgesetz erscheinen lässt. Der Klassiker: “Arbeitgeber” geben “”Arbeitnehmern” die Arbeit; letztere müssten also dankbar sein, weil die guten Eigentümer ihrem Leben einen Sinn geben. Dieses muss man sich schließlich “verdienen”, genau wie das Geld, das die “Arbeitgeber” ihrerseits für ihre “Verantwortung” bekommen und ihr “Risiko”. Ganz gleich welchen dieser Erzählstränge man analysiert, es kommt in der Wirklichkeit stets das Gegenteil dessen heraus, was das Narrativ behauptet. Allein: Es fehlen schon die Worte dazu. Ein “Arbeitgeber” nimmt doch nichts und sein “Arbeitnehmer” kann ihm nichts geben, per definitionem eben.

Das Narrativ steht natürlich in enger Beziehung zur Propaganda, aber es ist nicht dasselbe. Schon die oben genannten Beispiele zeigen, dass sich in der großen Erzählung die Darstellungen eingeschliffen haben – es sind ja die “Arbeitnehmer” selbst, die sich mit ihrer Rolle identifizieren, die vom “verdienen” reden und inmitten einer organisierten Enteignung der Massen so tun, als sei Eigentum das Resultat von Arbeit. Es sind die Arbeiter, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, als Aufrührer, “Kommunisten”, “Sozialisten”, “Marxisten” oder Schlimmeres zu gelten, die niemals “destruktiv” sein wollen, egal mit welcher Brutalität ihresgleichen behandelt wird.

Risse im Kitt

Andauernde Propaganda gestaltet das Narrativ, hat längst dafür gesorgt, dass Begriffe wie “Kapitalisten”, “Profite” und “Ausbeutung” tabuisiert wurden. Es werden “Gewinne” gemacht von “Unternehmern”, und das ist natürlich “sozial”. Es werden absurde Erzählstränge aufgebaut wie zum Beispiel das “Trickle down”, also die Behauptung, wenn die Reichen reicher würden, fiele für alle etwas davon ab. Dieser Akt der Propaganda verfängt freilich bislang nur bei den Idioten der “Tea-Party” in den USA. Interessanterweise führt aber ausgerechnet die Propaganda wieder die Fäden zusammen, die sie eigentlich getrennt haben will, weil sie sich nicht in ein Narrativ einpassen lassen:

So ist es der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” (INSM) zu verdanken, dass die Trennung von “Kapitalismus” und “Marktwirtschaft” wieder aufgehoben wird und hinter der Fassade der wahre Kern zum Vorschein kommt. Während eifrige Verfechter einer sogenannten “Marktwirtschaft” (nicht zuletzt Sozialdemokraten) versuchen, Kapitalismus einen hübschen Anstrich zu geben und sie gegen die bösartige Verlaufsform “Neoliberalismus” abzugrenzen, gehen ausgerechnet die knallharten Neolibs hin und nennen ihre Konzepte trotzig “soziale Marktwirtschaft”. Es sind diese Risse durch Narrativ und Propaganda, in die man Wasser gießen kann, um die Fassade aufzubrechen. Dazu muss man sich traurigerweise allerdings zuerst mit denen anlegen, die sich für die Freunde der “Arbeitnehmer” halten.

 
Ich wurde neulich dazu aufgefordert, mich zu wiederholen, als ich nörgelte, ich könne doch nicht zu jedem Mist immer wieder neu denselben Senf hinzu geben, zumal Mist mit Senf weder schmackhaft ist noch zur Metapher taugt. Es sei wichtig, sich zu wiederholen, meinte der Kollege, und er hat recht, denn dem Einträufeln der Propaganda durch Wiederkäuen ist nicht mit täglich Neuem beizukommen – zumal da draußen nichts Neues passiert. Ich habe also mal den April 2006 besucht und einige interessante Geschichten gefunden, die ich kurz vorstelle und kommentiere. Es gleicht weitgehend einem Dejà-vu, aber mit einem gewissen Entsetzen stelle ich fest, was sich in mir inzwischen hat ändern müssen.

22.04.2006:

Es ist nicht zu fassen, aber die Kanzlermimin plant schon wieder einen Gipfel. Diesmal sollen die größten deutschen Familienunternehmen über die “Erbschaft- und Unternehmensteuern” entscheiden. Eine große Koalition, die mit allen herumkuschelt, nichts mehr selbst entscheidet und die Reichen fragt, ob sie Steuern zahlen wollen, während sie das Arbeitslosengeld kürzt – wer braucht so etwas? Hast du das gewählt, Deutschland?
Das Bündnis für Currywurst muß also noch warten, erst einmal gibt es den Erbschaftssteuergipfel mit den Betroffenen. Der “Integrationsgipfel” müßte konsequenterweise unter Beteiligung führender Neonazis und angehender Selbstmordattentäter stattfinden, der “Rat für Innovation und Wachstum” mit der katholischen Kirche und der “IT-Gipfel” im Hause Microsoft.
Angesichts des Irrsinns, den sich diese Nichtregierung leistet, müßten die Straßen brennen und der Generalstreik ausgerufen werden. Was aber sagt Du-bist-Deutschland dazu? Alle finden das Merkel ganz prima. Allmählich mache ich mir ganz eigene Gedanken über Integration. Und darüber, auszuwandern.

Wer sich in diesen Tagen also über die Frechheit der FDP echauffiert, sollte nicht vergessen, wer das Netzwerk der Korruption verantwortlich installiert hat. Im Gefolge von Schröders Kumpelhaftigkeit hat die Bleierne sich zu Beginn ihrer Ägide alles an den Tisch geholt, mit dem sich kungeln ließ. Seitdem wird vom Kapital durchregiert.

07.04.2006:

Wenn eine öffentliche Debatte entsteht, schwärmen sofort die Clowns der Meinungsindustrie aus, um Erheiterung in Form bedeutungsloser Zahlen zu verbreiten. Ihr zweckfreies Spiel mit Fragen und Statistiken darf wohl als zeitgemäße Form der Kunst anerkannt werden.
So auch aktuell, da es um den Erhalt der Hauptschulen geht. Weiß der Volksmund sehr wohl um die Weisheit “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal das Maul halten”, ist Kompetenz für die Artisten der Demoskopie keine Größe, die man irgend berücksichtigen müßte. Eifrig fragen sie die Menschen nach deren “Meinung”, ob diese nun eine haben oder nicht.
Bezogen auf die Hauptschulen fragen sie ein Volk, das gar nichts anderes kennt als die Dreigliedrigkeit. Sie fragen ein Volk, das Gesamtschulen kennt als Hauptschulen mit Zusatzoption. Ein Volk, das sich in einer unsäglichen “Stop-Koop”-Kampagne hat vormachen lassen, integrative Beschulung sei kommunistische Gleichmacherei. Kurz: Das befragte Volk reagiert auf jede Alternative zum bestehenden Schulsystem mit Angst aus Unwissen.
Der besondere künstlerische Wert besteht nun darin, daß sich das Volk in seiner Inkompetenz nicht im mindesten von seinen verantwortlichen Vertretern unterscheidet. Das ist das eigentliche Ergebnis der Umfrage.

Als ich jüngst auf die Eintrübung der Freude über die Erfolge der Steinbrück-SPD hinwies, habe ich das vor allem auf den Meinungsschmied Güllner (Forsa/SPD) bezogen. Man müsste aber eigentlich ins tägliche Mantra einbinden, wie unqualifiziert die Settings der meisten “Erhebungen” sind. So etwas hätte ich im zweiten Semester Sozialwissenschaften um die Ohren gehauen bekommen. Macht aber nix, ist ja nur für die ‘politische Meinungsbildung’.

02.04.2006:

Die Nichtwählerschaft besteht zu immer größeren Teilen aus ärmeren und weniger gebildeten Menschen. Der Hartz IVer geht nicht hin, er hat die Hoffnung aufgegeben. Dieser Effekt, den man oberflächlich betrachtet als “Nebenprodukt” der Politik Schröders und seiner Nachfolger bezeichnen kann, weist auf die eigentliche Erosion sozialdemokratischer Politik hin. War es schon immer ein Fehler, Fürsorge in der Sozialpolitik auf finanzielle Hilfen zum Lebensunterhalt zu reduzieren, so schlägt nunmehr die Entwürdigung der Abhängigen voll durch und führt sie in die Depression. Der Skandal des Schröderismus besteht nicht in der Kürzung von Mitteln. Er manifestiert sich in der schikanösen Behandlung von Empfängern staatlicher “Almosen” und dem gegen sie ausgesprochenen Generalverdacht, sie seien faule Säcke und selbst schuld an ihrem Elend. Dieser fatale Trend bedeutet das (hoffentlich nur vorläufige) Ende der Sozialdemokratie in Deutschland.

Bis zur Schuld am Elend nichts Neues, das kann man allerdings auch gern öfter wiederholen, wer die letzte Stufe der Propaganda gegen Lohnabhängige – denn die sollen getroffen werden, ganz gleich ob sie noch lohnarbeiten dürfen oder nicht – gezündet hat. Inzwischen sind ja bald die meisten Europäer faul. Dann aber komm die Stelle, an der ich in der Magengrube erbleiche. Das steht da wirklich: Ich hoffte darauf, es möge wieder eine Sozialdemokratie entstehen, die sich um die Belange der Lohnabhängigen kümmert. Heute betrachte ich das als unerhört naiv und jenseits aller Erkenntnisse, die über den Sozialdemokratismus herrschen. Schmerzen!

 
schoibagol2Schäuble fordert Portugal zum Sparen auf. Das ist so unsagbar dämlich, dass es allein deshalb schon ungeheuer provoziert. Solche Kommunikationsbeiträge sind inhaltlich nicht mehr verwertbar, weil sie sich zu allen Grundlagen der Vernunft konträr verhalten. Sie verstoßen gegen die Logik, jede Erfahrung und die Gesetze der Sprache, in denen sie formuliert werden. Dem Troll ist damit Aufmerksamkeit sicher – die der empörten Gegner, die ein Dutzend Anlässe finden, sich zu echauffieren und die derer, welche einfach Freude daran finden, anderen eins auszuwischen. Kaum nötig darauf hinzuweisen, dass Macht und Ohnmacht hier allerdings sehr real sind und die Konsequenzen ebenfalls.

Südeuropa ist an der Austerität bereits zu Boden gegangen, jetzt wird ihr von den Zuchtmeistern aus Deutschland noch mehr davon verordnet, auf die am Boden Liegenden noch eingetreten. Die sperrige Vokabel “Austerität” hat sich übrigens durchgesetzt, weil es kompletter Unfug ist, von “Sparen” zu reden, wenn einer nichts hat. Die Propaganda aber suggeriert, diese Portugiesen, Griechen, Spanier wollten unsere Reichtümer verprassen. So hat früher nicht ganz zufällig Kriegspropaganda geklungen, das Niveau liegt daher auch ziemlich genau auf dem der nordkoreanischen Diplomatie.

Derweil wird innenpolitisch dasselbe getrieben, auch hier sind die Ärmsten der Feind. Es war in der Kriegspropaganda des zwanzigsten Jahrhunderts üblich, den Feind als Tier darzustellen, als Monster, das seine Krallen gegen das Vaterland ausgefahren hatte und zu bekämpfen war. Diese Darstellungsweise hatte vor allen zwei Ziele: Die Gefahr sollte betont werden und die Leute, die es zu vernichten galt, ihrer Menschlichkeit beraubt. Da die Nazis es damit dezent übertrieben hatten, ist dergleichen inzwischen nicht mehr das Mittel der Wahl. Trotzdem werden die europäischen Staaten, die am meisten unter der Krise des Kapitalismus leiden, als “PIGS” bezeichnet.

Der Krieg und seine Sprache

Entwürdigung geht heute anders. Man wiederholt endlos, ein Leben müsse sich durch Arbeit verdient werden, um den Umkehrschluss zu etablieren: Wer nicht arbeitet, soll verhungern (“muss auch nicht essen”). Trotz einer Arbeitslosigkeit, die regional einen regelrechten Kahlschlag bedeutet, werden nach wie vor die Opfer der Flaute zu Tätern erklärt. Dabei bleibt es freilich nicht, zumal in Deutschland, wo dem Urteil die Vollstreckung folgt, weil das eben Vorschrift ist. Die faulen Arbeitslosen müssen nahtlos überwacht werden und ihnen unverzüglich ihr Unwert nachgewiesen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wer sich von denen krank meldet, kann ja nur der Faulpelz der Faulpelze sein. So etwas gehört sanktioniert, denen wird “zu Leibe gerückt“.

Auch hier dasselbe Resultat: Während die einen sich fragen, warum der Verlust der Arbeitsstelle ein so schweres Verbrechen darstellt, dass den Betroffenen nachgestellt wird wie gefährlichen Kriminellen, dröhnt von der anderen Seite der Applaus derer, die noch nicht so tief gefallen sind – umso lauter, je größer ihre Angst ist. Dahinter stehen dann die bezahlten Claqeure derjenigen, in deren Interesse die Verschleierung der wahren Ursachen liegt. Eine beachtliche kritische Masse an Lügnern, die einheizt. Dabei sparen sie an keiner Projektion und werfen alles, was sie an sich und ihrer Situation hassen, dem Feind vor.

Wie gesagt: Solcher Techniken bedienen sich Trolle, wenn man sie lässt. Sitzen solche Trolle in der Regierung, bewegen wir uns allerdings auf einem anderen Terrain. Das ist jener Weg, den wir angeblich nie wieder gehen wollten. Da sind Nazivergleiche vollkommen unangebracht.

 
Diesmal nicht, trotz gut gebrüllt: ‘Europa’ – Sie wissen schon, das ach so geeinte, weil nicht ‘sozialistische’, war immer “Marktwirtschaft”, also immer Kapitaleuropa. “Kein Freizeitpark für Finanzfaschos“? Dieser Analyse kann ich mich nicht anschließen. Sagen wir einmal so: Ein Spielplatz fürs Kapital war es, das Westeuropa, dem die “Union” folgte und selbige schon ein Vehikel der Finanzmarktfachexperten, zumal die “Zone”, in der der Euro die Wirkung seiner bizarren Konstruktionslöcher entfaltet. Sie wissen schon, die Hohlräume, in denen sich oh Wunder der ganze Sprengstoff angesammelt hat, der gerade detoniert. Die Finanzfaschos – und nicht nur die der Finanz – werden dabei wie von selbst losgelassen, das sind halt die ökonomischen und politischen Aasgeier, die kommen in dieser Phase immer angeflattert.

Frieden kann nicht an die Börse gehen“, fast richtig. Denn er hat seinen Preis, der Frieden, und wenn er an den Börsen zu teuer wird, wird er eben abgestoßen. Börsen können Frieden weder bringen noch erhalten. Sie sind der Freizeitpark des Kapitals, das nichts Vernünftiges zu tun hat. Unterstellen wir einmal , es gäbe das: Kapital, das sich vernünftig verhält. Dann ist das halt so, dass es zwangsläufig auch das Gegenteil tut. Zunächst vielleicht nur so zum Spaß. Spätestens aber, wenn es sich partout nicht mehr ‘vernünftig’ vermehren lässt, also durch Produktion und Konsum, beschäftigt es sich halt anders, und zwar verbrecherisch. Das geht legal und illegal, und so wird es dann auch gemacht. Legal wie illegal. Das ist keine Idee von “Finanzfaschos”, sondern die Dynamik des Kapitals. Die Arschgeigen, von denen Sie da sprechen, finden sich von ganz allein, wenn es soweit ist. Sie sind austauschbar. Es gibt sie immer und überall, und das Kapital lockt sie an wie das andere Zeugs die anderen Fliegen.

Schließlich zu Ihrem wichtigsten Halbsatz:”[...] statt über Banken, über alternative Finanzkreisläufe und neue Formen Geld anzulegen zu sprechen [...]“.
Neue Formen Geld anzulegen? Aus Geld mehr Geld machen, es quasi “arbeiten lassen”? Das tut weh. Genau das wollen sie doch alle, die Finanzfaschos, und hätten sie nur eine Idee, wäre eine Idee auch nur entfernt möglich, wie das Spiel weiterginge, man würde sie nur zu gern umsetzen. Aber es gibt diese Idee nicht, weil es sie nicht geben kann. Das Spiel ist aus, Frau Kiyak. Es braucht etwas völlig anderes. Trauen Sie sich, das zu denken. Und dann sagen Sie es!

 
fuboRoberto schreibt heute über Privatsphäre und die merkwürdigen Ansätze, die der Nutzung des Internets entspringen. Ich traf einmal eine Dame, die beinahe stolz verkündete, sie sei “post privacy” und ob ich wohl noch “privacy” wäre. Ich musste die Frage erst einmal mechanisch verarbeiten, fehlte mir doch spontan die Einsicht in deren Sinn. Dann fielen die Schuppen: Ach ja, Generation Facebook (die ist übrigens altersunabhängig) hat sich ein Label verpasst, um darunter jede Entwürdigung für cool zu verkaufen, die man da im Interesse geschäftseifriger Anbieter mitmacht.

Ein Musterbeispiel für das Management kognitiver Dissonanzen, zumal sich damit obendrein stumpfes Desinteresse, wahlweise völlige Inkompetenz, als fortschrittliche Einstellung zu Markte tragen lässt. Dass es gleich mit “Ich bin” eingeläutet werden muss, spricht Bände: Die postmoderne Lüge ist das “Ich”, weiter kommt das Subjekt gar nicht mehr, um sich vollständig in seinen marktkonformen Untergang einzukuscheln. Früher nannte man das “Verdinglichung”, heute wäre selbst das eine Verharmlosung. Wofür Generationen gekämpft haben – den Schutz der Privatsphäre vor der Macht des Staates – das opfern die Zombies des Kapitalismus willig der Markenbindung.

Stolz auf die eigene Entrechtung

Sie blicken nicht, welche Konsequenzen das hat. Teils reicht ihr Halbwissen dazu nicht, teils verschließen sie willentlich ihre Augen davor. Die Macht der Konzerne über die privatesten Belange der Massen birgt ein Potenzial, mit dem verglichen die Geheimpolizeien autoritärer Staaten Amateurclubs waren. Wie können sie ernsthaft glauben, auf lange Sicht bezweckten die Datenhehler damit etwas anderes als Erpressung? Ist Zuckerberg vielleicht einer von den Guten, ‘einer von uns’? Ist Google eine karitative Einrichtung und Payback der Weihnachtsmann?

Was das große Ganze bislang noch halbwegs rettet, ist die Flut der Daten. So viel kann noch kein Mensch auswerten. Dies ändert aber nichts daran, dass Massen von Einzelnen gläserne Bürger sind, jeder von ihnen berechenbar, erpressbar, manipulierbar. Dass so etwas möglich ist, dagegen haben wir auch in den letzten Jahrzehnten gekämpft, zum Beispiel gegen die Volkszählungen oder die Vorratsdatenspeicherung. Aber wir sind ja “privacy”, was so viel heißt wie gestrig, öde, spießig. Mir kommen diese psychedelischen Narren vor wie Leute, die T-Shirts mit dem Namen des Mafiosos tragen, der von ihnen Schutzgeld erpresst. “Ich bin post legality” ist das Motto. Wenn solche Leute dann auf irgendwelche Rechte pochen, wundern sie sich noch, dass die Antwort ein Stiefeltritt ist.

 
gauswester

Links: Das findet der Kommunist Gauß “normal”. Rechts: Die Korrektur durch den Bundesaußenminister

Was in gewissen Kreisen, zumal im Netz, als “Neusprech” bezeichnet wird, ist längst nichts Neues mehr, im Gegenteil: Es ist die völlig verkrustete Sprachverwaltung einer Ideologie, die sich seit Jahrzehnten der Realität verweigert. Daher sucht sie ständig Deckung vor dem Licht der Wahrheit und flüchtet sich in ihren absurden Code. Ihre eifrigen Anwender sowie deren Zulieferer aus den PR-Bordellen bewegen sich dabei in so engen Bahnen, dass ihnen bestenfalls Varianten des immer Gleichen einfallen. Die DDR wurde gut 40 Jahre alt. Das Geschwätz der Lambsdorff-Schröder-Westerwelles herrscht seit mehr als 30 Jahren. Ist das ein Zeichen?

Die Journaille assistiert nicht mehr bloß, sie ist eingebettet in die Produktion der Lüge, die natürlich nicht so heißen darf. Eines der skurrilen Tabus in der öffentlichen Debatte ist ausgerechnet das, einen Lügner “Lügner” zu nennen. Das heißt dann höflich-infantil “Unwahrheit”. Die hat sprachlich keinen Akteur, es gibt keinen “Unwahrheiter”. Wie praktisch!

So kommt es dann, dass ein Magazin unbeschadet behaupten darf, die FDP nehme eine “Debatte über soziale Gerechtigkeit an“. Das geschieht in der Form, dass die Sprechpuppe Westerwelle knarzt, es gehe um “Chancengerechtigkeit”, die “Mittelschicht” und nicht um “Umverteilung”. Dies – in Form von Steuererleichterungen – wiederum sei deren “Alternative”. Das Artikelchen hat kaum 20 schmale Spalten und doch geht so viel Lüge hinein. Wo soll man da anfangen?

Einfacher, niedriger, gerechter

Dieser Maximalblödsinn trifft auf eine halbgare Debatte über Armut und Reichtum, wobei die Faktenbasis längst unbestritten ist: selbst fast 80% der FDP-Anhänger wissen demnach, dass Reiche immer Reicher und Arme immer ärmer werden. Selbst die sind nicht so doof, das zu leugnen; warum dann die Funktionäre? Sie müssen Gauß für einen Kommunisten halten, der mit marxistischer Mathematik das Volk aufstachelt. Verteilung, so lernen wir, ist genau die Dynamik der Akkumulation. Jede Form von Ausgleich wäre “Umverteilung”. Allein die Röslers, Westerwelles und ihre kondebilen Trommelschläger leugnen den Klassenkampf und wollen das noch irgendwie “gerecht” finden.

Zu denen gehört selbstverständlich auch das Mastermind Günther Oettinger, der nicht mal den Flassbeck versteht und daher als EU-Bürokrat ausgerechnet die “Wettbewerbsfähigkeit” Deutschlands in Gefahr sieht. Man weiß es nicht: Ist das intellektuelles Versagen interstellaren Ausmaßes oder ebensolche Frechheit?

Ganz Gallien aber glaubt diesen fetten Pfaffen, und die journalistischen Ministranten gehen bei Fuß. Ganz Gallien? Nein. Stephan Hebel zum Beispiel bleibt standhaft und vergleicht den Austeritäts-Schäuble mit einem Mafiaboss. Warum zweifelt er bloß und stimmt nicht ein in die große Erzählung von der Chancengerechtigkeit, die da sagt: Wer arm ist, wird eines Tages die Reichen überholen. Er muss dazu die Reicheren nicht einholen. Er muss nur fest stehen im Glauben an die soziale Marktwirtschaft® und die demokratische deutsche Republik.

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