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Januar 2013


 
Ich habe heute nach der Lektüre eines alten Beitrags sowie eines alten Forenbeitrags zum Thema darüber sinniert, wo Argumentieren eigentlich noch sinnvoll ist und wo nicht. Trifft man nämlich auf reaktionäre Strukturen, ist man selbst dann weitgehend zum Scheitern verurteilt, wenn man sich nicht in die Rolle desjenigen treiben lässt, der sich zu rechtfertigen hätte.

Der Reaktionär unterscheidet nicht zwischen dem Angenehmen und Unangenehmen des Neuen. Er hasst Veränderung generell. Natürlich passt auch der Reaktionär sich an. Ihm liegt neben der je bestehenden Ordnung vor allem diese als solche am Herzen. “Die Autorität hat immer recht”, ist sein Credo. Nach Kaiser und Führer wurde auch die jeweilige Kanzlerschaft eigentlich nie angezweifelt. So ist man mit der Regierung höchst unzufrieden, keineswegs aber mit der Kanzlerin.

Das Problem liegt tiefer als in sogenannten “Werten”, die der Konservativismus für sich beansprucht. Reaktion ist eine Abwehrhaltung, die sich aus vielen Quellen speist; nicht bloß aus dem autoritären Charakter, auch aus schnöder Phantasielosigkeit oder schlichter Konditionierung. Das, was “unmöglich ist zu denken” (Foucault) zwängt selbst Wissenschaft (und ich meine nicht nur die Astrologie sogenannter “Ökonomen”) in ein Korsett. Erst recht begrenzt es die intellektuelle Beweglichkeit des Bürgers. Ich greife den Vorschlag noch einmal auf, eine Erbschaftssteuer von 100% einzuführen und die Reaktionen darauf:

Darf nicht, kann nicht, ist nicht

Ein solcher Vorschlag ruft gern die auf den Plan, die schon mit der Vorstellung komplett überfordert sind. Sie sind diejenigen, die nicht auf einer bildlichen Ebene denken können, nicht trennen zwischen beispielhaft und konkret, metaphorisch und unmittelbar, Bezeichnung und Bedeutung. Gemeinhin verstehen sie übrigens auch keine Ironie. Sie lassen sich auf keine Zusammenhänge ein, die sie nicht schon kennen. Solche Reaktionäre gebärden sich regelmäßig als Trolle, berufen sich dabei stets auf das, was ‘gilt’ oder für sie gilt. Sie kramen alle ‘Widersprüche’ heraus zu dem, was sie noch zu verstehen bereit sind und hauen es dem Gegner um die Ohren. Sie diskutieren immer mit und lassen sich niemals ein. Ihr Ziel besteht darin, die Guten von den Bösen zu trennen, das Für oder Gegen uns. Die Sache machen sie nieder, weil sie nicht in ihr Weltbild passt. Dabei wissen sie nicht einmal, ob das Andere besser oder schlechter wäre. Es ist anders, und das geht eben nicht.

Die Erbschaftssteuer, so wissen die, die zuerst raus sind, kann nicht erhöht werden. Das sagen nämlich die Experten.
Als nächstes kommen die Zuschauer der Talkshows, die sich ‘Argumente’ gemerkt haben – also die wiederholten Propagandaschnipsel. Zum Beispiel das Argument mit den Firmen, die pleite gehen, weil sie die Erbschaftssteuer nicht zahlen können. Als hätte eine Firma, die nichts erwirtschaftet, einen Wert, der hoch besteuert würde. Als könnte eine Firma, die brummt, keine Steuern zahlen. Dumm genug. Vor allem aber: Als sei das Zahlen der Steuern ein Problem der Maschinen und nicht eines der Eigentümer. Es sind die Teilhaber, die zur Kasse gebeten werden. Wollen sie nicht zahlen, verkaufen oder verschenken sie meinetwegen. Niemals würde eine Firma deshalb dicht machen. Und was hat das gleich noch mit einer privaten Erbschaftssteuer zu tun? Nichts, die aber macht die Milliardäre alle obdachlos. Na klar.

Bei uns ist es am besten

Man braucht nicht einmal viel Phantasie. Ausgerechnet die Reaktionäre aber zerren dann die unwahrscheinlichsten Fälle ans Licht, um es nicht begreifen zu müssen: Da ist eine sinnvolle Veränderung möglich? Das sind gleich zwei Schocks: Erstens, dass sich etwas verändern könnte, zweitens, dass die Welt nicht in Ordnung sein könnte. Hätte man denn sonst nicht längst etwas in diese Richtung unternommen? Könnte man dann in den Talkshows so reden? Haben die Autoritäten uns derart belogen? Das wäre ja wohl wem aufgefallen. Kann also nicht.

Schließlich diejenigen, die den Blick aufs Ganze haben – vermeintlich. Die Hobbyjuristen und politischen Teilzeitexperten. “Verfassungswidrig” sagen sie vielleicht und haben gelegentlich recht. Nie nicht aber fiele ihnen ein, diese Erkenntnis in ihr Weltbild einzupflegen und sich zu fragen, was daraus folgt. Selbst wenn sie sich darauf einlassen können, dass es wohl nicht ganz demokratisch ist, wenn Familien seit Jahrhunderten steinreich sind und andere ebenso lange bettelarm und dass das quasi für immer so bleiben soll. Es gibt keinen Weg hinein, auf dem die realen Machtverhältnisse effektiv hinterfragt würden. Die letzte Bastion: Wo es denn besser sei? Selbst wenn man darauf Antworten hat, werden die sofort relativiert. Denn am besten ist es dort, wo wir es gemütlich haben.

Sie verlassen den sicheren Bereich

Der letzte Versuch ist der Sprung übern Zaun, wo die Welt dann doch nicht endet. Natürlich ist der Vorschlag nicht wörtlich zu nehmen. Wenn man sich das aber vorstellt, man ließe dieses eine Gesetz zu und malt sich aus, welche Folgen das hätte, kommt man zu radikalen Gedankengängen, die weder einer Diktatur zustreben noch die Welt schlechter machen würden. Im Gegenteil. Dass es in der wahren Wirklichkeit aber absolut nicht durchsetzbar ist, wirft ein helles Licht auf die Verhältnisse, die man nämlich tatsächlich ganz überwinden muss, um etwas zu verbessern.

Begleitend dazu empfiehlt sich ein Blick auf das, was uns bevorsteht mit dem, was wir haben. Ein Blick auf das, was längst geschieht um uns herum. Dass überhaupt nichts in Ordnung ist und die Gemütlichkeit akut bedroht. Da wird der Widerstand noch heftiger, weil verzweifelter. Die nicht ganz Dämlichen knabbern da zaghaft am Baum der Erkenntnis, wollen aber dennoch nicht wissen. 60% faule Jugendliche in Südeuropa, dass muss wohl so sein. Können halt nicht mit Geld umgehen. Wir haben doch gut gewirtschaftet, jetzt wollen die unser Geld!! Je weniger so einer sein eigenes Geschwätz glaubt, desto energischer trägt er es vor.

Inzwischen mache ich daher regelmäßig deutlich, dass ich eine linksradikale Sau bin und mich deshalb nicht recht verständlich machen kann. Ich mache hie und da darauf aufmerksam, wenn ein Problem, auf das mich jemand anspricht, ein Problem des Kapitalismus’ ist und erläutere kurz den Zusammenhang. “So darfst du natürlich nicht denken”, pflege ich dann zu sagen und versuche gar nicht erst, Recht zu bekommen. Das habe ich eh nur diesseits des Zauns. Rüberklettern muss jeder selbst.

 
manek

Die FAZ soll die Frankfurter Rundschau übernehmen, sobald das Kartellamt (Behörde für das Durchwinken von Fusionen aller Art) dem zustimmen wird. Aus der FR wird dann ein halbes Regionalblatt, der Rest der Redaktion wird freigesetzt oder in die Zentrale verschoben, von wo aus die glücklichen Lohnschreiber Berliner Zeitung, Kölner Stadtanzeiger und Mitteldeutsche Zeitung mit gepimpten Agenturmeldungen versorgen dürfen. DuMont Schauberg kommt das Verdienst zu, die FR binnen sechs Jahren komplett an die Wand gefahren zu haben. Dieser historischen Leistung verdankt der Verlag die Nominierung für den Grimme Offline Award.

Rückwärts nimmer

Wie getrommelt und gepfiffen wird, soll der Großaktionär SPD in Gestalt seines Vorsitzenden Sigmar Gabriel einen “Sozialplan” ausarbeiten lassen wollen. Wie es nicht heißt, sollen schon emsige Abstiegstrainer im Jobcenter Frankfurt-Sachsenhausen mit den Hufen scharren, um in zwölf Monaten Angebote zu unterbreiten, welche die Freigesetzten nicht werden ablehnen können. Auch für Journalisten gilt: Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen. Wie es ebenfalls nicht heißt, soll ein Beschäftigungsprogramm aufgelegt werden, in dessen Rahmen die Freisetzlinge sich für den ersten Arbeitsmarkt fit halten können – sofern sie nicht auf die Bezüge des Arbeitslosengeldes II zu verzichten gedenken.

Eine virtuelle Redaktion wartet auf sie, in der ihnen eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung geboten werden wird. Dort können sie für den Anfang Artikel von Marc Beise abschreiben oder wahlweise sogar selbst Texte verfassen, sobald sie eine Kompetenzprüfung durch einen Partner der Jobcenter bestanden haben. Diese Aufgabe, so verlautet aus nicht unterrichteten Kreisen, sollen Roland Berger, Bertelsmann und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft übernehmen. Titel des von den Sozialdemokraten mit großzügigen Mitteln ausgestatteten Magazins: “Vorwärts immer”. Parteichef Gabriel lobte das Projekt bereits vorab als “Meilenstein in der Geschichte des Beschäftigungspacks”.

 
weitoIch fühle mich derzeit häufig in die 80er Jahre zurückgeworfen. Ein Grund dafür sind Debatten, die beizeiten mit dem Label “Feminismus” behaftet wurden. Die Geschichte der Kärtchen auf dem CCC-Kongress ist so eine, die um die Zoten und Anzüglichkeiten Rainer Brüderles eine andere. Es scheint keinen Schritt vorwärts gegangen zu sein, das wundert mich auch überhaupt nicht. Dass die Reaktion ganze Arbeit geleistet hat, darf man wohl annehmen. Dass die publizistisch erfolgreiche Variante des “Feminismus” das ihre dazu tat, ist ebenso zu diagnostizieren.

Was zuletzt als postmoderner Feminismus die Runde machte, war noch reichlich blöder als das, was Alice Schwarzer verbockt hat. Der Spackenporno einer Charlotte Roche und ihre Begrenztheit höchstselbst durften in der Öffentlichkeit suggerieren, die Frauenbewegung würde endlich dafür sorgen, dass es nicht so öde ist beim Ficken. Ich bin zwar kein Feminismusfachexperte, aber es dürften fraglos diverse Schreie ungehört verhallt sein, die dieser finalen Demütigung nach dem Sieg der Reaktion folgten. Darf man deshalb dankbar sein, wenn jetzt immerhin wieder die halbhirnigen Symboldebatten losgetreten werden?

Nach dem Scheitern die Demütigung

Ein fröhlicher Schwätzer wie Brüderle ist ein Symptom für das völlige Scheitern der Attacken auf die Symbole des Patriarchats. Es half kein großes I, kein Kampf gegen den Chauvinismus der Stehpisser und keine Diskriminierung von Männern und Frauen. Wie denn auch? ‘Divide et impera’ heißt das Spiel. Was die Frauen unterdrückt, unterdrückt auch Männer. Der Kollateralschaden des Machogehabes uneingestanden selbst unterdrückter Wichshähnchen und die Zoten bierseliger Männerrunden sind vielleicht der Schokostreusel. Wir müssen aber den Kakao auslöffeln, durch den wir – Männer und Frauen – ständig gezogen werden.

Ja, schon wieder ist die Rede von dem K-Wort. Technisch betrachtet, müsste so etwas wie Feminismus eigentlich im Sinne der Männer sein. Technisch betrachtet, weil mindestens 80% der Menschen nichts zu sagen haben. Weil immer mehr in schiere Lebensnot geraten. Weil der Kapitalismus ein Regime führt, das immer mehr Menschen überrollt und zurücklässt. Was mag das mit einer Stärkung der Rechte, nein der Macht von Frauen zu tun haben? Ganz einfach: Wenn man Unterdrückung und Entrechtung beenden will, müssen die Unterdrückten sich holen, was ihnen zusteht. Bei aller grundgesetzlich ‘garantierten’ Gleichheit weiß aber jeder, dass die Frauen noch übler ausgebeutet werden als die Werktätigen insgesamt.

Wir sagen ja zu diesem System

Was läge also näher, als diese ‘Gruppe’ – Frauen, die nicht einmal eine Minderheit sind, sondern die Mehrheit – mit aller Macht zu unterstützen? Männer, die sich nicht länger herumschubsen lassen wollen, müssten geradezu fordern, dass Frauen sofort real gleichgestellt werden. Mindestens, denn sie haben einiges zu korrigieren, also müsste man die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau vielleicht sogar auf den Kopf stellen.

Was steht dem nun entgegen? Ach ja – die soziale Marktwirtschaft® ist ja unantastbar. Wer etwas anderes will, ist nämlich linksradikal. Das kann niemand wollen, darum bekommt es auch niemand zu hören, zu sehen oder zu lesen. Auch in dieser Hinsicht ist übrigens das Reaktionärste, was der Markt zu bieten hat, “grün”:

Zumindest uns als zweite Generation interessiert es nicht, wie ihr euren Frieden mit der sozialen Marktwirtschaft gemacht habt. Hauptsache, es ist so. Für uns stellte sich die Systemfrage nur kurz, dann war für uns klar, daß wir ja zu diesem System sagen, obwohl wir seine Fehler erkennen und beheben wollen.” [Man beachte die Unterzeichnerliste]

Das Falsche am Falschen zu erkennen und zu beheben, ohne es infrage zu stellen – höchste politische Kunst, für die man wahrhaft fest im Glauben sein muss. Das geht wiederum am besten, indem man sich ganz und gar in Symbolik versenkt und keinen Gedanken zulässt, der die Rituale durchbricht.

 
ausbeuWir kommen vom Begriff der Arbeit nicht los, also will ich mich dem auch nicht entziehen und einen weiteren Versuch wagen, ihn zu denken, und zwar von seinen Extremen her. Diese sind aus meiner Sicht: Arbeit als Vernichtungsprozess, Arbeit als Teil einer kapitalistischen Religion, insbesondere im Neoliberalismus, und drittens Arbeit an der Grenze zur bloßen Tätigkeit, wo der Begriff vielleicht überflüssig wird. Das Motiv, das solche Bemühungen trägt, ist immer noch die Frage, inwieweit eine andere Organisation von Arbeit möglich ist, was daraus folgt und wie man dorthin gelangen kann.

Arbeit als Vernichtungsprozess aufzufassen, erscheint extremistisch und klingt in der Erläuterung zunächst kompliziert. Der Gedanke lässt sich aber leicht illustrieren. Zunächst der komplizierte Einstieg:
Aus der “Dialektik der Aufklärung” und deren Gedanken der “Mimesis ans Tote” lässt sich ‘Arbeit’ als Motor des Todes beschreiben. Ist die “Mimesis” die Anpassungsleistung des Menschen und seiner Gesellschaft an die Kunstwelt der Produktion, so ist Arbeit darin dasjenige, was lebendige Natur in totes Material verwandelt. Alles wird umgewandelt, verwertet und in Stückzahlen erfasst. Daher der Gedanke, dass “Arbeit macht frei” die Menschheit in Stückgut und Arbeiter teilte, zwei Seiten desselben Prozesses.

Arbeit vernichtet zwangsläufig Natur, auch wo sie die Grenze zum kapitalistischen Kannibalismus nicht überschreitet. Nicht bloß die Fleischproduktion ist ein selbsterklärendes Beispiel dafür; vor der Arbeit waren die Natur und ihre Ressourcen, danach die Produkte und ihr Verbrauch. Nichtkapitalistische Arbeit kann sich davon unterscheiden, indem sie das Produkt nicht auch noch zur Ware macht, die nämlich gar nicht des Nutzens wegen geschaffen wird, sondern um eines jenseitigen Nutzens willen – dem des Profits.

Arbeit vernichtet

In der aktuellen Ideologie des Kapitalismus, der neoliberalen Religion, ist der Arbeitsbegriff losgelöst von jedem Inhalt, jedem historischen Kontext und der Wirklichkeit zum Dogma geworden, einem durch Wiederholung eingebläuten Glaubensinhalt. Er setzt dabei auf dem lutherschen Begriff der Arbeit auf, der den Grundstein für die Religiosität der Arbeit legte.

Der Begriff bedeutete seinem Ursprung nach Plage, Mühe, die Not eines Entwurzelten, sich durch Tätigkeit am Leben zu erhalten, kurzum: das nackte Sklavendasein. Dem entgegen stand der Begriff des Werkes, auch des Werkens, was die Erstellung eine Gegenstandes (Flechtwerk) durch Handanlegen meinte. Luther fokussierte auf die tätige Mühe als asketische gottgefällige Art zu leben. Dieser Ansatz war in der Tat alternativlos, denn wo immer Profiteure auf den Plan treten, haben sie ein Interesse an dieser unterwürfigen Grundhaltung. Wo “Gott” stand, fand sich alsbald ein Manufakturbesitzer, Fabrikant, “Arbeitgeber”. Die Kooperation zwischen Privateigentum und Religion funktioniert auf dieser Basis perfekt, sie ist das Resultat schierer Evolution.

Der Bezug auf das Werk hingegen musste fallen. Im Werk wird deutlich, dass es ein von Einzelnen oder Gruppen Geschaffenes ist. Es käme die Frage auf, wieso das dann “Eigentum” eines anderen ist. Der Begriff “Werktätige” war daher von der sozialistischen Ideologie klug gewählt.
Ist erst vom Werk nicht mehr die Rede, kann es gern noch abstrakter werden. “Arbeit” ist selbst Ware, übertragbar und mit einem Wert behaftet. Wenn man die Arbeiter also endgültig enteignen will, was ist dann das Ziel? Man nimmt ihnen das Verdienst um das Produzieren und macht ihr Werken zum Abfallprodukt einer fremden Macht.

Kapitalistische Religionslehre

Daher rührt schon der Begriff “Arbeitgeber”. Es gäbe die Arbeit nicht ohne diesen, wird suggeriert. Er “macht” sie, die anderen führen sie nur aus. Das Arbeiten selbst hat überhaupt keinen Wert. Nehmen wir an, Arbeit sei grundsätzlich sozial (was schon nicht der Fall ist), wie kommt dann einer darauf zu behaupten: “Sozial ist, was Arbeit schafft“? Er hat sich an die Stelle des (göttlichen) Schöpfers gesetzt. Alles Gute kommt eben von oben. Der Arbeiter muss nur eines wissen von seiner Arbeit: Sie definiert ihn. Er ist einer, weil er sich unterwirft und die Mühe auf sich nimmt. Der Ratschluss der höheren Macht ist dabei nicht in Zweifel zu ziehen, das wäre Blasphemie. Die Pfaffen dieser Religion sind die PR-Experten und die ihnen zuarbeitenden “Journalisten”.

Wer also die Arbeit verändern will, legt sich mit der Kirche an und gerät zwangsläufig in die Mühlen der Inquisition. Wenn er Glück hat, wird er dabei lediglich dem öffentlichen Diskurs entzogen; hat er Pech, wird er hingerichtet.

Die Konzepte alternativer Gesellschaften müssen sich aufs Werken wie auf die Arbeit beziehen. Sie kommen nicht umhin, auch “Arbeit” einzubeziehen, die aus lebendiger Natur Gebrauchsgegenstände macht und muss Grenzen ziehen, um nicht in der modernen Barbarei zu enden. Sie wird auf der anderen Seite auch nicht umhin kommen, sich vom Arbeitsbegriff abzugrenzen, wie er sich in den vergangenen Jahrhunderten eingeprägt hat. Nach wie vor wird es aber keine Option sein, sich unreflektiert als “Arbeiter” zu gerieren und zu glauben, derart wäre es auch nur möglich, sich von der kapitalistischen Produktion frei zu machen. Wenn das Denken sich schon so verstricken lässt, wird das Handeln nämlich nichts Gutes bewirken.

 
Ja, es geht noch blöder. Die Hände fallen leider immer noch nicht ab, wenn ein Lohnschreiber einen Mist wie “Merkel fordert Pakt für Wettbewerbsfähigkeit®” in die Headline schmiert, natürlich ohne Hinweis auf die Marke “Neusprech” und ihre neoliberalen Inhaber.

Das bedeutet: “Bundeskanzlerin will noch mehr Lohndumping“. Nichts. Anderes.

Geht pleite!

 
Was ein Abschied vom “menschenrechtlichen Überschwang” bedeutet, kann wer es wissen will aus Afghanistan erfahren. Dort waren wir zunächst “uneingeschränkt solidarisch”, dann halfen unsere Truppen bekanntlich beim Brunnenbau und verteidigten anschließend “unsere Freiheit am Hindukusch”. Die Aufgabe, die höchste Priorität hatte und auch in Mali wahrgenommen werden soll, ist die Ausbildung der Sicherheitskräfte. Was machen sie denn so, die Polizei und die Sicherheitsdienste? Bereits 2011 wurde berichtet von systematischen Folterungen, und sexuellem Missbrauch in afghanischen Gefangenenlagern.

Der aktuelle Bericht der UN-Mission in Afghanistan zeugt von keiner Verbesserung:

Die UNAMA hat festgestellt, dass die Hälfte (326) von 635 interviewten Gefangenen Misshandlungen und Folter erlebt haben, in 34 Einrichtungen der Afghanischen Nationalpolizei (ANP) und der Nationalen Abteilung für Sicherheit (NDS) zwischen Oktober 2011 und Oktober 2012. Folter, wie sie nach afghanischem und internationalem Recht verboten ist, in Form missbräuchlicher Verhörtechniken, in denen afghanische Beamte schwere Schmerzen und Qualen eingesetzt haben, um Geständnisse oder Informationen zu erzwingen. 14 Methoden von Folter und Misshandlung wurden beschrieben, ähnlich den Praktiken, die bereits zuvor von der UNAMA dokumentiert worden waren.” (Übersetzung von mir)

Ende des Überschwangs

Da ist der Überschwang wohl im Blut ersoffen. Seltsam, und wir dachten, unsere “Hilfe” würde zu blühenden Landschaften führen. Hatten am Ende doch diejenigen Recht, die davon überzeugt waren, dass Krieg nicht zu Frieden und Freiheit führt, sondern zu … Krieg?

Bis heute weiß eigentlich niemand, was die Bundeswehr seit zwölf Jahren dort macht und vor allem wozu. Damit auch gar nicht erst dumm gefragt wird, marschiert sie also bald nach Mali. Das liegt wie der Rest der Welt bekanntlich “vor der europäischen Haustür” und darf kein Rückzugsraum für Terroristen® werden. Daher helfen wir auch dort. Warum? Weil der Islamterrorist Leute erschießt. “Per Kopfschuss”, wie der SpOn heute berichtet. Schrecklich! Zum 50. Jahrestag des Élysée-Vertrages wollen wir daher Seit’ an Seit’ mit dem Franzosen Krieg führen. Ohne Krieg können wir nämlich nicht, also besser miteinander, damit die Kämpfe in den Kolonien nicht zu innereuropäischen Spannungen führen.

Grün ist der Krieg

Der Terrorist ist Islam und Islam der Terrorist. So wie der Taliban, auch ein Islam. Den übrigens müssen wir natürlich töten. Allerdings nicht grausam per Kopfschuss, sondern aus dem königlichen Hubschrauber. Das ist gut und gerecht. Sobald wir dann den Islam zurückgedrängt haben, bilden wir die Guten wieder aus und ziehen ins nächste Gefecht. Ohne Überschwang und Menschenrechte, aber in Verantwortung®. Für die europäischen Handelswege.

kaaditDie Schlüsselposition der Militarisierung deutscher Politik haben übrigens die Grünen inne. Sie sind der Kitt der neoliberalen Front und haben äußerst erfolgreich auf dem Ticket vom Pazifisten den Angriffskrieg als Mittel der Politik wieder eingeführt. Ich rate dazu, jedem dieser Förderer von Folter und Mord genau zuzuhören. Was sie sagen, was sie nicht sagen und was sie tun. Bei der Gelegenheit empfehle ich sehr die Lektüre von Jutta Ditfurths Buch. Die Dame ist nicht jedem sympathisch und nicht unumstritten, aber sie weiß, wovon sie redet und belegt die allermeisten ihrer Aussagen akribisch. Wer wissen will, wie es wieder dazu kommen konnte, erhält einen tiefen Einblick. Geht dazu bitte in den nächsten Buchladen um die Ecke oder ruft einfach dort an. In der Regel ist das Buch am nächsten Tag da. Es gibt keinen Grund, bei Ausbeutern zu bestellen.

Vorab bin ich nicht unerstaunt, dass die Reaktion auf das Gewähle am Sonntag reichlich desillusioniert ist. Wenn es überhaupt Kommentare gibt, dann gern solche wie hier, bei Burks oder bei Klaus. Gar lustig ist das Journalistenleben, aus dem mir gestern vermeldet wurde, es sei eine tolle hohe Wahlbeteiligung. Erst wenn weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten hingeht, sprechen wir also von einer nur mehr “hohen Wahlbeteiligung”. Eine “sehr niedrige Wahlbeteiligung” dürfte erreicht sein, wenn nur noch die von der Jungen Union entführten und zum Kreuz gezwungenen Rentner teilnehmen.

Das Event hatte aber noch mehr zum Amüsement beizutragen – an dem die Journaille ebenfalls nicht ganz unbeteiligt ist. Heißt bei ihr doch ebenso selbstverständlich wie Ausbeuter “Arbeitgeber” genannt werden, die entscheidende Stimme bei Wahlen gern völlig unkritisch “Zweitstimme”. Der Mix aus Verhältnis- und Mehrheitswahlrecht ist nicht jedermanns Sache. Fragen Sie mal wen, wie das am Ende ausgewertet wird. Aha, keine Ahnung? Ganz fulminant. Um das zu vereinfachen, habe ich einmal etwas vorbereitet. Multiple Choice, ganz einfach ein Kreuzchen machen, wir werten das dann aus. Der Vertrag verlängert sich automatisch, wenn Sie ihn nicht schriftlich bis zum 31.12. des Vorjahres gekündigt haben werden.

Was ist die Zweitstimme?

[] Die Zweitstimme ist die Ersatzstimme.

Erläuterung: Wenn die Erststimme verloren geht, unleserlich wird oder aus anderen Gründen nicht gewertet werden kann, insbesondere aufgrund höherer Gewalt, klimatischer Störungen oder eines schweren Ausnahmefehlers, kommt die Zweitstimme zum Einsatz. Sie muss anders sein als die Erststimme, denn wenn die gewählte Partei selbst ausfällt (zum Beispiel durch Verbot oder Sterbefall), muss eine Vertretung gewährleistet sein.

[] Mit der Zweitstimme wird die Partei gewählt.

Erläuterung: Die Erststimme ist für das Ergebnis der gewählten Partei unerheblich, sobald das Wahlrecht nicht mehr gegen das Grundgesetz verstößt. Die Zweitstimme bestimmt die Anzahl der Mitglieder einer Fraktion.

[] Die Zweitstimme wählt eine zweite Partei.

Erläuterung: Wenn für die erste Partei kein Platz mehr ist und eine weitere Partei an die Regierung kommt, zählt die Zweitstimme.

[] Die Zweitstimme ist nur geliehen.

Erläuterung: Wenn die gewählte Partei nicht ins Parlament einzieht oder nicht gebraucht wird, entfällt sie.

[] Die Zweitstimme wählt den Koalitionspartner.

Erläuterung: Wenn es zu einer absoluten Mehrheit nicht reicht, werden die Zweitstimmen den Erststimmen hinzugerechnet.

[] Die Zweitstimme wählt den Außenminister, Mutti und Gutti.

Erläuterung: Die kommt immer bei die Guten.

Vermutlich fehlt die häufigste von den Probanden selbst formulierte Antwort. Die skurrilsten fallen mir sicher nicht ein. Gehet hin und fraget sie!

 
feyglobZum Warmlaufen will ich die jährliche Danksagung samt Offenlegung meiner Nebeneinkünfte ablegen. Dankefeyn für alle großen und kleinen Spenden 2012! An direkten Spenden haben mir gewogene Leser und Leserinnen dieses Jahr wieder 1586,70 Euro zukommen lassen. Zum Vergleich: In 2011 waren es 1539,33 und 323,27 Euro über flattr. Ich habe inzwischen PayPal und flattr abgeschaltet, letzteres vor allem, weil das de facto ein Parkplatz von PayPal war. Der Verlust ist zu verkraften, wenn auch spürbar. Auffällig ist, dass 3/4 der Spenden in der ersten Jahreshälfte aufliefen. Ich erlaube mir bei der Gelegenheit noch einmal auf “Klick da Button” in der Sidebar aufmerksam zu machen, wenn ihr die Welt effektiv verbessern wollt.

Die Leserzahlen haben sich recht ordentlich entwickelt, schwanken um gut 2500 echte Leser pro Tag, Tendenz leicht steigend. Die Kommentarquote war in 2012 noch höher als zuvor, derzeit ist ein deutliches Down, was aber regelmäßig unregelmäßig vorkommt. Ich finde die Entwicklung recht spannend; in den Jahren seit dem Anfang von Feynsinn hat sich die Zusammensetzung der Stammkommentatoren laufend verändert. Einige sind geblieben, andere haben sich zurückgezogen. Das zeigt mir, dass sowohl Kontinuität herrscht als auch Veränderungen stattfinden. Ein Mix, den ich generell gut finde.

Major Tom to Ground Control

Die Schwerpunkte und auch meine Ansichten haben sich mit den Jahren deutlich verändert. Nicht nur, dass ich immer weniger auf den tagespolitischen Murks eingehen will. Ich mache das nach wie vor, aber es schmerzt beinahe physisch, und ich kann den Quatsch eigentlich nicht mehr ernst nehmen (siehe unten). Berichte über das Gehampel da draußen fokussieren also eher auf neue Tiefpunkte, Stilübungen und Gelegenheiten, bei denen ich mich warum auch immer trotzdem aufrege.

Mein Blick auf die Welt der Wirtschaft hat sich nicht nur während der “Finanzkrise” verändert. War ich anfangs noch so etwas wie ein Linkskeynesianer, bin ich inzwischen zum Teilzeitmarxisten mutiert. (Los, sag’, dass es dir Spaß macht in deiner Schublade!) Bei aller unangenehmer Erfahrung mit dogmatischen Marxisten kommt man ja am Ende doch nicht umhin. Was willste machen?

Ich frage mich derzeit, wohin die Reise geht und wie ich die letzten Jahre einschätzen soll. Ist es vielleicht ein großer Fehler, sich zu weit vom politischen Alltagsgeschäft zu entfernen? Werde ich irgendwann stumm oder lasse nur noch surreale Texte ab, weil Wirklichkeit eh keine Rolle mehr spielt in Spätkapitalismus? Werde ich Rennfahrer, Astronaut oder Filmstar? Die Mitreisenden sind gefragt. What say you? Was ist das nächste Reiseziel?

p.s.: Wer unbedingt meint, sich zu dieser Simulation eines relevanten politischen Ereignisses im Flachpfeifenland äußern zu müssen, möge auch das hier tun. Kost’ ja nix. Ich selbst poliere derweil den Mond in meinem Paralleluniversum und mache mich über den Fisch her.

 
Lebensmittel verteuern sich, der Preisanstieg, so schreibt die FR, sei “stärker als die Inflationsrate”. Nun ist das mit der Inflation so eine Sache. Selbst wenn man den für die Wirklichkeit der Menschen eher unerheblichen Außenwert einer Währung und das Gewese um die Geldmenge nicht mit “Inflation” gleichsetzt, sondern nur die Preisentwicklung in Betracht zieht, ist der Wert noch verwässert. Die Verteuerung von Smartphones und Motorrädern ist schließlich relativ irrelevant, während die Nahrungsmittelpreise einen ganz anderen Stellenwert haben.

qaedaEs wäre übrigens grundfalsch, an dieser Stelle zu behaupten, sie seien stärker relevant. Hier zeigt sich vielmehr, dass die Zahlen, mit denen sogenannte “Wirtschaftswissenschaft” hantiert, schon bündig in den Klassenkampf eingebettet sind. Der Oberschicht, der Klasse der Eigentümer, kann es nämlich vollkommen egal sein, welchen Bruchteil eines Promilles sie für das tägliche Brot oder meinetwegen den Kaviar auslegt. Die Mittelschicht – jene höher bezahlten Angestellten, die eigentlich lohnabhängig sind, sich aber stets mit der Upperclass identifizieren, wird’s auch locker verkraften. Denen aber, die schon heute reichlich Monat übrig haben am Ende des Geldes, werden in Zeiten zurückgeworfen, die man noch vor kurzem für finsteres Mittelalter gehalten hat.

Obendrein sitzt die neoliberale Konfession der kapitalistischen Religion der Unterschicht wie die Bluthunde im Nacken. Die freundliche Staatsregierung der Einheitsfront Wachstum und Wohlstand® hat in Person ihres Finanzministers jüngst verlauten lassen, auch Nahrungsmittel mit der allgemeinen Mehrwertsteuer zu belasten. Dies würde Lebensmittel um weitere 11% verteuern. Allerdings nicht nur die, sondern ebenso u.a. Wasser, Miete, Gesundheitskosten und Bücher. Letztere mag man dem Plebs ohnehin nicht zubilligen und darf damit rechnen, dass der deshalb nicht aufbegehrt. Auf die anderen Waren allerdings kann er nicht verzichten.

Am Ende der Krise

Dieses irrsinnige Konzept ist die Verzweiflungstat am Ende der Krise, wo auch Keynes nicht weiterhilft. Für die Profite wird geschröpft und gewrungen, ausgequetscht und in die Verschuldung getrieben, was noch irgendwie Geld auftreiben kann. Der Rest muss halt klauen, betteln oder hungern. Ganz nebenbei wird allerdings die Inflation ordentlich angeheizt. Zwar kann man damit rechnen, dass die Sozialausgaben durch weitere Tricks und Streichungen nicht im gleichen Maße steigen. Man wird sie aber dennoch nicht stabil halten. Spannend ist die Frage, ob bzw. wann die Löhne steigen. Da die Gewerkschaften in den neoliberalen Korruptionskonsens einbezogen sind, dürfte erst nach deren Zerfall Druck von den Lohnabhängigen kommen. Bis dahin wird jede Karte ausgespielt werden, die zur Verfügung steht, um die Armen zu diskriminieren.

Es bildet sich also inmitten unfassbarer Produktivität ein neues Proletariat klassischen Schlages. Ungebildet, abgehängt, rechtlos und zunehmend mit der Sorge ums tägliche Brot befasst. Gleichzeitig findet eine Militarisierung der Innen- und Außenpolitik statt, die jeglichen Sinns entbehrt und mit einem eindimensionalen Feindbild ‘legitimiert’ wird, dem des islamistischen Terroristen®, der überall in Städten, Steppen und Wüsten auftaucht und eine Bedrohungslage® erzeugt. Egal, wo auf der Welt tatsächlich oder angeblich der Feind auftaucht, muss darauf militärisch reagiert werden. Es ist dabei absolut nicht zu ersehen, wo die ‘Bedrohung’ als nächstes auftaucht, nach welchen Kriterien sie beurteilt wird und daher wo der nächste Einsatzort einer Angriffsarmee sein wird. Im Inneren muss das Volk immer strenger überwacht werden, um etwas zu verhindern, was noch nie passiert ist.

Politisch-ökonomisch erfüllt sich damit einmal mehr das Schicksal jedes kapitalistischen Experiments, wie es Marx bereits im 19. Jahrhundert analysiert hat. Es nimmt dabei beinahe exakt die Form an, die George Orwell in “1984″ beschrieb.

 

Ich brauche keinen Sex. Das Leben fickt mich jeden Tag.

 

[Von Beileidsbekundungen bitten wir Abstand zu nehmen. Der Autor besteht nach wie vor darauf zu erzählen, nicht zu berichten.]

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