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Februar 2012


Auch ohne die Erkenntnis, dass neoliberaler Neusprech uns mit vorgeblich ‘positiv konnotierten’ Begriffen eindeckt, drängt sich mir eine Frage auf, zu deren Beantwortung ich nicht wirklich ein Buch schreiben möchte. Ich stelle sie daher in den Raum und möchte dazu anregen, sich vor der Antwort wenigstens einige Minuten des Nachdenkens zu gönnen.

Was ist eigentlich dieses “Wachstum“?

Und jetzt ihr!

 
byck

Mitunter gibt es Erfreuliches zu berichten. Gestern noch las ich Kommentare bei “Focus” und war deprimiert angesichts des Erfolgs der herrschenden Propaganda. Dass selbst ein auf Linie getrimmter Narr wie Dieter Nuhr den Leuten einbläut, alle Griechen würden Renten für Tote beziehen und leisteten nichts, weil sie höchstens in einer überflüssigen Verwaltung arbeiteten, trägt Früchte. Derweil ist fast jeder Zweite unter 24 Jahren dort arbeitslos, das Land in einer tiefen Depression. Von der nicht vorhandenen Wirtschaftsleistung sollen sie obendrein statt Brot U-Boote kaufen.

Immerhin gibt es inzwischen Stimmen, die mit der Vernunft im Bunde sind, und eine solche finde ich sogar in Steingarts Handelsblatt. *** Ich bin schockiert. Norbert Häring erläutert dort einige Zusammenhänge zwischen der Bankenkrise und den Staatsschulden, die er anhand einer Studie der EZB analysiert. Er kommt zu dem Urteil, dass einer der Effekte der sogenannten “Rettungsschirme” darin besteht, dass die Risiken der Bankgeschäfte auf die Staaten abgewälzt wurden. Hätten die Eurostaaten die Banken nicht rausgepaukt, wären die heute pleite und nicht Griechenland. Geschweige denn wären Italien, Portugal, Spanien und bald wohl alle Länder der Eurozone in Gefahr.

Deregulierung – der Anfang vom Ende

Der Fehler der Staaten liege vor allem in der Deregulierung von Bankgeschäften. Dazu muss ergänzt werden, dass insbesondere die noch immer nicht vorhandene Trennung von Kreditinstituten und Zockerbuden das Kernproblem bildet. Letztere könnte man nämlich eher pleite gehen lassen, wenn sie nicht als Banken auf “systemrelevant” machen könnten. Ebenso nicht erwähnt wurde ein Effekt, der noch eines eigenen Artikels wert ist, dass nämlich Konstrukte wie die Riesterrente staatliche Leistungen mit Spekulation verflochten haben. Immerhin: Der Tenor richtet sich frontal gegen die Segnungen der neoliberalen Rückwärts-”Reformen”.

Dazu passt auch, dass die für den Exportweltmeister aus Deutschland unangenehmen Wahrheiten auf allen Ebenen vertuscht werden, was die FTD ausdrücklich zur Sprache bringt. Leser der einschlägigen Blogs wissen das seit Jahren: Die wirtschaftliche Stärke des einen ist die Schwäche des anderen, wenn in einer Währungsunion sich die größte Volkswirtschaft erlaubt, die anderen in Grund und Boden zu konkurrieren. Das hat ja sogar die EU-Kommission ursprünglich erkannt. Doch wie schon in den Zeiten, als Deutschland die anderen Kriterien nicht einhalten konnte, wird das ignoriert oder einfach die Werte angepasst. Unsere Handelsbilanz weist einen Überschuss von 5,9% auf? Dann werden eben 6% erlaubt. Schaffen wir die 10%, werden sicher 11% erlaubt. Derweil ersticken unsere “Währungspartner” in Schulden, welch ein Zufall!

Beise bückt sich

Während die einen allmählich ins Licht kommen und erkennen, was eigentlich nicht mehr zu leugnen ist, krallen sich die eisernsten Reaktionäre in ihren dunklen Nischen fest. Wer wissen will, was ein gespreizter Kotau ist, dem sei die Süddeutsche empfohlen, in der Beise sich derart wollüstig im Staub windet, dass man es nicht erträgt. Müsste man den Mann eigentlich ignorieren, ist das künftig nicht mehr nötig, weil er gar nicht mehr stattfindet.

Aus ihm spricht heute ungefiltert ein zur Gottheit verklärter Demagoge der deutschen Industrie, Bosch-Chef Franz Fehrenbach. Der bräche ein Tabu, meint Beise, weil er Griechenland gleich ganz aus der EU werfen will. Diese Tabubrecher à la Sarrazin und Fehrenbach haben es den Rechten angetan. Hinfort mit politischem Bewusstsein, Anstand und Menschlichkeit. Immer her mit der Gnadenlosigkeit einer Verwertungsethik, die vor nichts Halt macht. Die Würde des Menschen hat einen Börsenwert.

Es reicht vollkommen aus, die Beschreibungen aufzuzählen, die Beise zur Vergötzung Fehrenbachs verwendet. Das sagt absolut alles. Da zieht sich ein Untertan auf offener Bühne selbst das Rückgrat:
Fehrenbachs Wort hat Gewicht (wiederholt), Angela Merkel sucht seinen Rat (wiederholt), Chef des größten unabhängigen Automobilzulieferers der Welt, nicht nur weltweit erfolgreich, sondern auch bodenständig und sozial engagiert – ein Vorzeigeunternehmen (dessen Chef Fehrenbach ist), Schon einmal hat Fehrenbach öffentlich Furore gemacht, dafür gab es ungewöhnlicherweise demonstrativ heftigen Applaus“.

Es geht auch anders

So einer hat natürlich Recht, immer. Da kann er noch so menschenverachtende Vorstellungen haben, da kann er noch so aggressiv katastrophale politische Maßnahmen aus Sicht einer losgelassenen ökonomischen Ideologie in die Welt posaunen. Das gefällt dem Beise. So einen lässt er sprechen ohne sich einzumischen und besorgt gleich noch den Applaus vom Band dazu.

Dass man auch ganz anders an die Sache herangehen kann und es eben gar kein Tabu ist, Griechenland aus dem Euro lösen zu wollen, liest man bei Frank Lübberding:
Man kann die Produktivitätsunterschiede zwischen Griechenland und Deutschland nicht einfach durch Strukturreformen aufheben. Diese Vorstellung ist lächerlich. [...]
Griechenland muss aus der Eurozone austreten. Für die Folgen sind übrigens nicht die Griechen verantwortlich, Frau Bundeskanzlerin. [...]
Die Griechen [sollten] endlich aufhören, sich weiterhin demütigen zu lassen
.”
Aber das ist wohl die große Verlockung für gewisse Charaktere: Nach Herzenslust auf Menschen herum zu trampeln, die schon am Boden liegen.

 
18In der moraltheologischen Betrachtung des Jugendschutzes, die zu den Altersstufen in der sogenannten “jugendschutzrechtlichen Bewertung” führt, kommen bekanntermaßen seltsame Kriterien zur Anwendung. Daraus resultiert u.a., dass der Anblick einer Möse oder eines Schwanzes erheblich größeres Gefahrenpotential berge als etwa Szenen, in denen beschleunigte Fäuste in Gesichter gesteckt werden. Den größten Spaß habe ich aber an der Kategorie “vulgäre oder obszöne Sprache bzw. Flüche“. Ich fühle mich diesbezüglich in der Tat von der Jugend gefährdet, denn je höher der Anteil Minderjähriger, desto vulgärer die Sprache. Insofern kann der kategorische Ausschluss von Minderjährigen durchaus zur Eindämmung verbaler Obszönitäten beitragen. Nur: Was tue ich, wenn sie einfach trotzdem hier aufkreuzen? Ich brauche einen Alarmknopf!

 
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In der FTD plädiert Frank Bremser für einen Schuldenschnitt Griechenlands, sie hätten “das Fallbeil verdient“, wie er meint. Zu Recht bezeichnet er das derzeit aufgelegte Programm als “absurd”. In einem kann ich ihm allerdings nicht zustimmen: Wenn er glaubt:
der Euro und auch die Europäische Union werden es überleben“,
hat er etwas Entscheidendes verpasst. Für den Euro mag das zutreffen. Ein Europa, das die Völker wenigstens einander näher bringt, hat den Termin für eine appetitliche Beerdigung schon verstreichen lassen. Es riecht nach Verwesung.

Für die TAZ bringt Dierk Hirschel die Sache auf die Formel: “Merkels Europa ist falsch“. Das ist sehr milde formuliert. Es ist eine Katastrophe, und wir können uns darauf einstellen, dass die Aufstände in Athen erst der Anfang sind. Man kann sich die Welt der hiesigen Nachrichten absurder nicht vorstellen. Während sogenannte “Demoskopen” den Rücklauf der Propaganda einholen und die bleierne Kanzlerin als unerhört beliebte Politikerin präsentieren, ist sie längst zur Symbolfigur des Hasses auf Deutschland und seine neoliberale ‘Elite’ geworden.

Korruption: Internationale Entsolidarisierung

Ich war 1987 in Griechenland, mit langer Mähne und Rucksack. Als wir damals zu viert quer über ein Privatgrundstück laufen mussten und der Hausbesitzer uns dabei erwischte, haben wir mit Ärger gerechnet. Stattdessen lud der Mann uns zu Gemüseauflauf und Bier ein und berichtete von seiner Zeit in Deutschland. 25 Jahre später hat Merkels Ausschlachten von Kohls Europa dafür gesorgt, dass man als Deutscher vorläufig nicht mehr dorthin reisen kann. Eine grandiose Leistung.

Aber wir wollen es nicht allein der Puppe auf der Bühne ankreiden. Fraglos sind es die Lobbyisten und Profiteure, deren irres Programm da durchgezogen wird. Und fraglos sind es nicht zuletzt die Gewerkschaften, deren bittere Rolle in diesem Spiel erst für ein tragfähiges Fundament sorgt. Schrieb ich dieser Tage noch: “Die FAZ spekuliert jetzt darüber, ob Massenentlassungen und Hungerlöhne dann halt durch die Zustimmung der Sozialisten durchgebracht werden würden. Solche “Sozialisten” möchte ich kennenlernen“, so lerne ich sie gerade kennen. Die Sogenannten werfen diejenigen aus ihrer Fraktion, die noch die Interessen des gebeutelten Volkes vertreten. Der Schröderismus, der Blairism ist überall.

Die griechischen Gewerkschaften hat er noch nicht durchseucht, die gehen immerhin auf die Straße. Angesichts dessen, was den Arbeitnehmern dort abverlangt und angetan wird, wäre internationale Solidarität, einst der Schlachtruf auch der “gemäßigten” Linken, schwer vonnöten. Pustekuchen. In Deutschland freuen sich die Gewerkschaftsfunktionäre auf ein Leben nach der “Arbeitnehmervertretung”, in Aufsichtsräten und im Management.

Der ‘Jeder gegen jeden’-Friede

Daher hat der Deutsche Gewerkschaftsbund nun einen Vierpunkteplan zur Überwindung der Krise vorgelegt.” lese ich und weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Hierschel, “Ver.di -Betriebsleiter Wirtschaftspolitik” behelligt uns konsequenter Weise auch gar nicht erst mit dessen Inhalt. Was man dazu findet, beginnt mit der Forderung, den EFSF/ESM mit einer Banklizenz auszustatten. Das Ganze ist ein Wünschdirwas, das sich an diejenigen richtet, die gerade Europa in den Ruin führen. Sinnfreie Appelle statt Solidarität.

Dass die Integration der Arbeitnehmervertreter durch Korruption und lasche Zugeständnisse in Deutschland hervorragend funktioniert, wissen wir. Dass ‘sozialdemokratische’ Parteien, die sich gar “sozialistisch” nennen, inzwischen europaweit derart mit dem System verfilzt sind, dass sie die Geldsäcke auch dann noch ‘retten’, wenn daneben ein Genosse ersäuft, nehmen wir zur Kenntnis. Aber wer hat darauf gebaut, dass die Opfer dieser alternativlosen Maßnahmen ewig in Apathie verharren? Erstaunlich, dass nach den Krawallen in Athen nicht wie üblich von “Chaoten” und “Extremisten” die Rede ist. Setzt sich da Erkenntnis durch?

Deutschland, das ach so umsichtig auf die europäische Integration bedacht ist, hat vollkommen versagt. “Politik” und “Wirtschaft” ohnehin, und die Arbeitnehmerschaft obendrein. Immerhin darf man sich auf das Wirken der Dummheit verlassen, das eine letzte Hoffnung lässt: Wer hat denn bitteschön geglaubt, dass die Spaltung der Völker in Klassen, Nationen, Erfolgreiche und Versager, Selbständige und Abhängige, Arbeiter und Leistungsempfänger etcetera zu einem friedlichen einigen Europa führt? Die Entsolidarisierung der Menschen hat erfolgreich dazu geführt, dass sie nicht gemeinsam kämpfen. Wenn man sie dennoch zwingt, alle für sich zu kämpfen, wird es keineswegs gemütlicher. Athen brennt wieder und alle brutzeln mit.

Die letzte Diva” titelt die FAZ heute und meint Whitney Houston. Es mag ja kleinlich klingen, aber eine phantasielose und unstimmige Überschrift ist besonders schlecht, wenn sie ein Extrem behauptet, das keines ist. Noch peinlicher wird es, wenn der abgedroschene Slogan bereits tausendfach Verwendung fand. Das ist dann nicht einmal mehr boulevardtauglich. Eine Schnellrecherche (vulgo: Googelei) ergab allein fast 60000 Treffer für Elizabeth Taylor in Kombination mit “die letzte Diva”. Außerdem laufen auf: Dezember 2011 Marianne Faithfull, April 2011 Angelica Domröse, März 2011 Liz Taylor, Februar 2010 Montserrat Caballé, August 2008 Maria Callas, Dezember 2005 Hildegard Knef. Also bitte: Ehe die letzte Federboa eingesammelt ist, will ich diesen Quatsch nicht mehr lesen.

Wer das eine beim ‘Namen’ nennt ist noch lange nicht das andere. Der Schockenwellenreiter also bringt nicht einmal eine zünftige Gotteslästerung zustande, obwohl er seinen Schwinger gegen die klingelgebeutelten Kuttenträger des Grauens aus der untersten Schublade hochzieht. Das muss besser werden.

 

fonrep

Ich hatte in dem Kommentaren zum Eifon-Artikel berichtet, dass mein Schnurloses zickt, weil der Einschaltknopf nicht richtig funktioniert. Nun, inzwischen hatte er ganz den Dienst versagt, was dumm ist, weil das mein einziges Funkiges ist, an das ich ein Headset anschließen kann. Den Tip mit dem Graphit (siehe unten “@Jo”) konnte ich nicht umsetzen, weil mein Kleber offenbar nicht dazu taugte. Ich lasse mich davon aber nicht beirren, wenn ich einmal beschlossen habe, dass etwas wenigstens provisorisch laufen soll. Daher habe ich den Kontakt ganz entfernt, die Taste mit einer Ledernadel durchgestochen und eine Büroklammer eingeführt. Am anderen Ende hat sie eine leichte Krümmung. Dass das funzt, konnte ich bei ausgebauter Tastenmatte testen.
Es wäre natürlich auch ganz schön, wenn man Ersatzteile bekäme.

 
Was treiben die da? Ich habe dieser Tage über das Komplettversagen der Medien sinniert, die seit mindestens vier Jahren von einer manifesten Krise wissen, die sie ihren Konsumenten bis heute nicht erklären. Immer wenn es einen Beitrag gibt, der ein wenig Licht in die Sache bringt, springen drei Propagandisten aus dem Gebüsch, die Verwirrung stiften und Unsinn verbreiten. Zwei Beispiele aus den letzten Tagen:

Bei Burks gibt es den Hinweis auf einen unerhört dümmlichen Satz auf SpOn:

Der Mindestlohn sinkt von 751 Euro auf 586 Euro brutto monatlich. Die Löhne im privaten Sektor werden eingefroren, bis die Arbeitslosigkeit von 19 auf zehn Prozent gefallen ist.

Übersetzt heißt das: Wir sparen so lange, bis die Leute genug Geld ausgeben, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Ich habe darunter einen Kommentar von mir zitiert, den ich noch einmal hier hoch hole, um ein weiteres Beispiel zu bringen:

merkgre[Vorgestern] war bei “heute” so ein Männlein drin, das machte sich gerade nass, als es von “milliardenschwere Brandmauer” [Auch "Rettungsschirm" genannt, der sichere Schutz gegen die Folgen der Finanzkrise eben] schwärmte, und ich musste unwillkürlich an die Orgasmen jenes embedded moron denken, der mit in den Irak einmarschieren durfte und unter Tränen die mächtigste Militärmaschine der Welt nachgerade anbetete.
Ich lache jetzt schon, wenn das Euro-Fukushima zuschlägt und die Billionen über die “Brandmauer” rollen. Wie viele Chips muss man sich ins Hirn schieben, um sich von solch plumper Propaganda einlullen zu lassen? Denen geht der Arsch auf Grundeis und dem Riesterrentner kommen sie mit “Brandmauer”, diese Flakhelfer der Demokratur.

Abb.: Ausschnitt aus der griechischen “Demokratia”, via Klaus Baum

Dummheit oder Absicht

Am Ende frage ich mich dann, ob die Verweser Griechenlands so dumm sind oder Absicht dahinter steckt. Letzteres würfe die Frage auf, wozu.
Ganz nebenbei hat die braune Bande der Junta-Liebhaber in der Regierung Papademos die Lage genutzt und sichert sich Popularität durch Querstellen. Die FAZ spekuliert jetzt darüber, ob Massenentlassungen und Hungerlöhne dann halt durch die Zustimmung der Sozialisten durchgebracht werden würden. Solche “Sozialisten” möchte ich kennenlernen. Derweil heißt es, die Polizeigewerkschaft dort wolle die “Finanzkontrolleure per Haftbefehl suchen zu lassen – unter anderem wegen Gefährdung der Demokratie“.

Was soll der Zauber? Da alle Maßnahmen, die derzeit getroffen werden, vollkommen sinnlos sind zur Erreichung der vorgeblichen Ziele, liegt eine Spekulation über die tatsächlichen Absichten nahe. Ein schleichender Putsch gegen die Reste demokratischer Strukturen wäre eine. Hayeks “Rat der Weisen” lässt grüßen. Griechenland als ‘kleine’ Volkswirtschaft eignet sich da gut für ein Experiment. Aber auch das ist nicht wirklich sinnvoll. Wir hatten das alles schon in Südamerika, und auch das Brüningsche Original ist eine gute Datenbasis. Obendrein ist eh schon der Teufel los in Hellas. Soll dort womöglich ein Bürgerkrieg entfacht werden, um zu schauen, ob man den in den Griff bekommt?

Ich begreife das nicht mehr. Unfassbare Dimensionen der Dummheit oder ein strammer Marsch in den Faschismus, aber die Frisur der Tagesschausprecher sitzt. Kein Problem, alles zivilisiert und demokratisch oder wie? Wo bleibt der Aufschrei – oder wenigstens die öffentliche Debatte über den Sinn des Manövers?

 
jangelb

Ich habe vor einigen Jahren eine kleine Serie von Artikeln zum Doping im Radsport (siehe u.a. hier) geschrieben und schließe das Kapitel hiermit ab. Anlass ist das lächerliche, quasi posthum gesprochene Urteil eines sogenannten “Sportgerichtshofs”, das nach der Vernichtung von Jan Ullrichs Karriere im Jahr 2006 immerhin sechs Jahre später feststellt, dass er gegen die Regeln verstoßen hat und ihn jetzt dafür verurteilt. Obendrein werden einige Zahlen und Namen aus Datenbanken gestrichen. Dass Ullrich seinerzeit besser war als die Konkurrenz, gilt daher nicht mehr. Es gilt die Wirklichkeit der Pharisäer – bis sie eine neue auswürfeln.

Ich greife das Thema aus zwei Gründen auf: Erstens bin ich selbst dem Radsport verbunden und zweitens ist der himmelschreiend dumme und heuchlerische Umgang damit ein Paradebeispiel für die Verteilung von Verantwortung im Kapitalismus. Eins nach dem anderen:

Die Droge, die das Bild prägt, ist seit Mitte der 90er Jahre EPO, ein Mittel, das die Sauerstoffaufnahme im Blut extrem erhöht und eine derartige Leistungssteigerung ermöglicht, dass die ‘ohne’ gegen die ‘mit’ schlicht chancenlos sind. Doping beginnt dabei keineswegs erst bei der Tour de France. Jeder ambitionierte Amateurfahrer dopt. Wäre ich nicht schon zu alt gewesen für derartige Experimente, ich mache keinen Hehl daraus: Ich hätte das Zeug auch ausprobiert. Wer den Unterschied kennt zwischen den ersten Touren im Frühjahr und der Topform im Spätsommer, den reizt es enorm, das Ganze aus der Dose noch einmal oben drauf zu packen.

EPO – Friss oder stirb

Für die Profis sieht die Geschichte noch einmal anders aus. Wie bereits geschildert, haben sie die Wahl: Entweder du verlierst deinen Job oder du machst dich schneller. Jeder weiß das. Die Fahrer, die Trainer, das Management, die Funktionäre, die Sponsoren und die Informierten darum herum. Nicht nur, dass es jahrelang sehr einfach war, die “Kontrollen” zu manipulieren, das System hatte längst dazu geführt, dass der Verzicht auf das Dope viel riskanter war als die Einnahme. Deshalb konnte es sich ein Lance Armstrong auch leisten, seine Kritiker unter den Kollegen zu isolieren. Die paar Bekloppten, die einen auf “sauberen Sport” gemacht haben, brauchte im Feld niemand.

Das hätte so weit alles funktioniert, zumal mit der Hauptdroge EPO und den dazugehörigen Techniken ein Mittel Verbreitung fand, das jahrelang erprobt war und bei herausragender Wirkung weitgehend ungefährlich, zumal unter ärztlicher Anleitung. Gäbe es da nicht ein paar ehrgeizige Pharisäer, die ihre krude Vorstellung von Gerechtigkeit durchprügeln mussten, willfährige Medien, die sich wie immer doof gestellt und einer Idiotenmoral das Wort gesprochen haben und andere Konzerne, die einerseits mit dem Sport, andererseits mit dem “Skandal” Kasse gemacht haben.

radspritzeDen Heuchlern in den Redaktionen ist es gelungen, über Jahrzehnte so zu tun, als sei jeder endgültig nachgewiesene Fall ein Einzelfall. Die “Neutralität” der Berichterstattung erfordert halt die fortgesetzte Lüge, wenn man den Zeitpunkt nur lange genug verpasst, sich eine Meinung zu erlauben. Es galt für alle: Der Sport ist sauber, nur die “Sünder” sind es nicht. Gedeckt wurde damit eben ein Business, das denen am Ende der Nahrungskette Leistungsvorgaben macht, den Mehrwert abschöpft und sich neue Sklaven kauft, wenn es mit den alten Ärger gibt. Dass es einigen wenigen Fahrern gelungen ist, dabei selbst zu Geld zu kommen, verleitet zu einem falschen Eindruck. Die große Kohle macht die Industrie, und wer nicht zur Weltelite gehört, wird für die Schufterei äußerst mäßig bezahlt.

Wenn der Sklave Ärger macht

Eine wahre Weltklasseleistung haben einige Sponsoren erbracht wie zum Beispiel die Deutsche Telekom bzw. T-Mobile. Mit Fahrern wie Jan Ullrich, der ungemein beliebt war, sich das Image aufzupolieren, war ihnen sehr genehm. Wie dessen Leistung zustande kam, haben sie wohl gewusst – es sei denn, sie wären wirklich so unfassbar inkompetent gewesen, etwas anderes anzunehmen. Ich schreibe diese Einschränkung hierher, damit man mir keine “Tatsachenbehauptung” unterstellt. Nein, vielleicht ist das T-Management ja auch nur in ein Rettungsboot gefallen.

Als dann allmählich deutlich wurde, dass nicht nur jeder Profi verbotene Substanzen zu sich nimmt, sondern auch die Kontrollen deutlich effizienter wurden, ließ man alle Fahrer eine “Ehrenerklärung” unterschreiben. So wuschen sich also die Befehlshaber rein, während die an der Front jederzeit vor dem Richter landen konnten.

Heute hat diese Farce für Jan Ullrich einen Abschluss gefunden, indem man dem Sportrentner die Teilnahme an Wettbewerben verbietet. Nur die unheilbar Doofen unter den Pharisäern werden dabei hoffen dürfen, dass auch nur eine Pille weniger geschluckt wird. Klar: Man muss schon schwer vor den Schrank gelaufen sein, wenn man heute noch eine Karriere als Radprofi anfängt. Aber man kann ja auch dopen, ohne nachher in einen Becher zu pinkeln. Da, wo alle nehmen dürfen, was sie wollen. Das nämlich ist ehrlicher Sport.

Der nach wie vor aussichtsreiche Kandidat der US-Republikaner, Mitt Romney, erzielt Millioneneinkünfte und zahlt davon 14-15 % an Steuern. Er ist “Partner” einer “Beteiligungsgesellschaft”. Derart hat er ein Vermögen von 290 Millionen Dollar zusammen gerafft. Die Begründung für die niedrige Besteuerung:

Befürworter der Regel betonen, dass die niedrigere Besteuerung unternehmerisches Engagement und Risiko, Investitionen und Sparsamkeit fördere. Die Steuerlast an die Partner durchzureichen, verhindert ferner, dass Gewinne doppelt besteuert werden – erst von der Partnerschaft, dann von den Partnern.”

Genau. Alles andere wäre Enteignung, das muss man nur führende deutsche Philosophen fragen. Dass es Amerika nicht besser geht, liegt an der Strafe von 15%, mit der unternehmerisches Risiko® von Investoren® immer noch belegt wird.

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