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Juni 2011


brdgrausb
Wer muss eigentlich vor wem gerettet werden? Es ist nicht leicht, noch eine entschiedene Meinung zur Eurokrise zu haben. Das liegt daran, dass man sich inzwischen zuerst entscheiden muss, ob man noch ‘Informationen’ verarbeiten will oder den analytischen Blick beibehalten, sich von Zahlenspielchen blenden lässt oder hinter die Kulissen schaut. In der Tat eine gewöhnungsbedürftige Situation: Informieren oder denken – beides zusammen geht nicht.

Das liegt daran, dass das Spiel sich selbst erfüllender Prophezeiungen und Erwartungserwartungen denselben Regeln zu folgen scheint wie alles andere an den Finanzmärkten. Es gibt keine Rationalität, sondern bloß noch Stochastik. Wer sie beherrscht, macht Gewinn, die anderen zahlen drauf. Was die plappernden Diskutanten auf allen Kanälen darüber inzwischen völlig verdrängen: Griechenland ist kein Finanzmarkt, Griechenland ist real.

Real Ya

Das Motto der spanischen Leidensgenossen “Democracia Real Ya” heißt nicht nur “echte Demokratie jetzt”, es ist auch ein Ruf der Realität, der realen Menschen hinein in die losgelassene Welt der Zahlenvirtuosen. Hier und jetzt, zum Anfassen. Da ist nichts weg zu definieren oder bilanziell auszugleichen. Man kann die Leute erschießen oder ihnen weichen, man kann die Probleme lösen oder an ihnen scheitern. Menschen leiden darunter, und schon kurzfristig wird die Frage sein, wer genau und auf welche Weise.

Es wird immer noch diskutiert über Entschuldung, Sparprogramme oder Währungsaustritt, die Rolle der Ratingagenturen oder der Spekulanten. Natürlich sind die Ratingagenturen ein Teil des Problems, sie haben mehr Macht als Jochen Hoff oder Frank Lübberding einräumen. Das liegt aber daran, dass sie Teil einer virtuellen Geldwertproduktion sind, in der jeder seinen Vorteil sucht und nach seinen eigenen Regeln spielt.

Dass dieser Eigennutz eben keine Konstante ist, zeigt sich beispielhaft an den Ratingagenturen. Auch deren Bewertungen sind nachweisbar Einzelinteressen gefolgt. Hier geht die Stochastik dann unmittelbar in Betrug über. Dieser gelingt, weil die Ratingcodes sogleich in Parameter einfließen, die quasi automatisch zu Gewinnen und Verlusten führen. “Vertrauen” ist hier eine stochastische Größe neben anderen.

Wenn der Glaube weicht

Auch dies ist aber noch nicht des Pudels Kern, sondern höchstens eine ethische Betrachtung. Es entwickelt sich allmählich eine Entsprechung dieser Vorgänge in der sozialen Wirklichkeit. Auf der einen Seite kann man kaum mehr begreifen, was der Wert des Geldes eigentlich abbildet. Das Treiben an den Börsen und in den Banken hat nichts mehr mit Kaufkraft oder Warenwert zu tun. Eine völlig abgehobene Sphäre der Wertermittlung zeitigt Ergebnisse, die gewisse Machtverhältnisse andeutet. Die Milliardäre sind reich, einkaufen können sie mit ihrem Geld aber nicht. Immerhin glauben die Menschen noch, dass diese Leute eine Menge zu sagen haben – und kaufen könnten.

Da draußen aber geschieht der umgekehrte Prozess: Menschen machen nicht mehr mit, stellen sich real und physisch in den Weg und tun deutlich kund, dass sie nicht mehr glauben. Nicht an diese Zahlen, nicht an dieses Recht und nicht dass irgend etwas davon in ihrem Namen stattfindet. Da spielt es überhaupt keine Rolle mehr, ob Griechenland, Irland, Spanien, Portugal, Italien oder sonstwas noch zu “retten” ist, wie hoch die Schulden sind und ob sie steigen oder fallen. Niemand weiß, wie es real weitergehen soll. Offenbar kann alles Geld der Welt nicht die Wirklichkeit ändern. Das Spiel ist aus.

 
timegatesOppa ist ungehalten. Vor einigen Wochen habe ich mir einen fiesen Eindringling auf den Rechner geladen, dessen Machenschaften ich von Hand aus der Registry kratzen musste. Er kam vermutlich über ein Skript, das in einem Blog lief. Und Überhaupt: Skripte!

In der guten alten Zeit hatten die guten Leute, die eine Website bauten, gewisse Prinzipien. Übersichtlich sollte es sein, die Datenmengen klein halten und kompatibel mit den gängigen Browsern sein. Ich bin zwar bis heute kein Profi, aber gerade darum folgt daraus für mich, dass es möglichst einfach bleiben soll. Dummerweise ist diese Einstellung far out, und was da draußen los ist, macht mich zittern.

NoScript, no shit

Ich bin nur noch mit “NoScript” unterwegs. Das ist lustig. Nicht nur dass viele Seiten gleich dutzende Scripts laufen lassen, sie sind auch zunehmend gar nicht mehr zu nutzen, wenn man jene blockiert. Der User hat also nur die Wahl, solche Orte zu meiden oder sich in sein Schiksal zu fügen. Virenscanner meckern zwar meist, wenn man sich dann etwas fängt, aber sie können es oft nicht verhindern.
Mir doch egal, Hauptsache die Seite hat tausend “Features”?

Und wie das so ist, wenn DAUs und Deppdesigner sich ein heißes Rennen um den längsten Riss in der Fontanelle liefern, schaukelt sich das fein hoch: Hat man seine Plugins gerade organisiert und alles läuft, wie es soll, kommt das nächste “Update”, nach dem sie zum Teil wieder nicht funktionieren. Sie erzählen einem dann, das sei alles für die Sicherheit, tatsächlich aber geht es darum, ob der blöde Browser wieder 0,00004 Sekunden schneller lädt als die Konkurrenz. Dann muss man ganz schnell umrüsten, man ist ja kein Verlierer.

Kurzum: Die Welt ist schlecht und ihre Bewohner stinkende unterbelichtete Kreaturen, die einem das Leben schwer machen. Eine Lösung für solche Probleme ist nicht in Sicht. Alles, was einem bleibt, ist so lange wie möglich am laufenden System festzuhalten und die Mauern hochzuziehen. Burkhard Schröder hat vor einem halben Jahr eine nette Sammlung von Verteidigungsanlagen veröffentlicht. Kann ich nur empfehlen. Die Folter wieder einzuführen für Leute, die den Unterschied zwischen Surfen und Kinderbelustigung nicht begreifen, ist wohl leider nicht mehrheitsfähig.

 
udoDer Gewinner des Feynsinn Underdog Awards 2011 steht ziemlich fest.

Jetzt aber hurtig! Wer noch in die Jury möchte, sollte sich mit der Bestechung beeilen – oder wenigstens einen bestechenden Vorschlag haben. Anderenfalls, ihr wisst schon: Machen wir’s wieder wie bei Grimmes und bepreiseln einen von uns.

Ich nehme auch Naturalien an: Ländereien, Inseln, Plantagen. Mit oder ohne Sklaven. Das wird mein neutral poliertes und objektiv geeichtes Urteil natürlich nicht beeinflussen.
Ich gehe dann mal den Pokal wienern.

 
Sozialschmarotzer überall

Schon vor einigen Tagen ist mir ein hölzernes Stück Propaganda aufgefallen, die Denunziation selbständiger HartzIV-Empfänger nämlich. Davon kann ich ein Lied singen, ich habe u.a. eine von denen öfter zur ARGE begleitet. Meist sieht das so aus, dass Arbeitslose in eine aussichtslose Selbständigkeit gedrängt werden, damit die Agentur sie los wird. Das geht extrem häufig schief und scheitert oft spätestens an der Sozialversicherung. Dann geht ein Rennen los mit undurchschaubaren Bescheiden, Schulden bei der Krankenkasse, Gerangel zwischen Wohngeldkasse, ARGE und Agentur et ctetera et cetera. Eine äußerst missliche Situation für die Betroffenen. Die “Zeit” fabuliert sich hingegen lieber reiche Firmeninhaber herbei, die zusätzlich Stütze kassieren. Dann wundern sie sich noch, dass den Leuten das Geld für solche “Zeit” zu schade ist.

Braune Kreme

“Kritische Faschisten verhindern Machtübernahme” könnte man auch titeln. Die Burschis haben also einen “liberalen” Flügel? “Liberal” ist also schon, wenn man ohne Ariernachweis mitmachen darf? “Liberal” wie Haider, Diepgen, Ramsauer oder Diekmann? Witzig ist auch die Vorstellung, diese analfixierte Crême deutscher Akademiker könne noch nach rechts rücken. Wo soll das denn bitte sein?

He’s a Terrorist

Emmanuel Goldstein hat sich reinkarniert. Irgendwie aber langweilig, dieser Sawahiri, null spooky. Immerhin hat Altkleider Al Kaida ihn “zum Anführer bestimmt”. Wie das jetzt? Per Urabstimmung? Tipp-Topp mit Füßen? Forsa-Umfrage? Zwar ist die “Echtheit nicht erwiesen” – die des Netzwerks, die von Sawahiri und die der zugrunde liegenden Informationen wohl. Das hält uns aber nicht davon ab, künftig wieder Angst zu haben. Vor Leuten, die Revolutionen loben wohlgemerkt, nicht etwa vor Ikea.

Schnösel abgezockt

Voll krass verarscht hat eine “Event-Agentur” die dekadenten Abischnösel, die zu doof zum selber feiern sind. Als Oppa damals Abi hatte, hat er mit ein paar Freunden die Schule künstlerisch umgestaltet und in Jeans und T-Shirt den Kofferträgern das Bier weggesoffen. Hatte Spaß gemacht. Die Elite-Pampersträger von heute lassen sich noch die Rotze anliefern, die sie auf dem Teppich lassen. Wundert mich nicht wirklich und hinterlässt mich köstlich amüsiert, dass sie jetzt heulend vor der Stretchlimo stehen und nicht wissen, wohin. Lernt leben oder geht sterben!

Alles eine Frage der Perspektive. Okay, das war der Matussek, aber an der Brandstwiete sitzen nicht nur mehr die reaktionären Alpträumer unter sich, sie geifern jetzt auch noch in die Hand, die ihren Extremismus füttert. Könnte einem glatt egal sein, zehrte dieses Finkenblatt nicht von ganz anderer Substanz. So müssen wir noch ein paar Jahre warten, bis es sich endlich selbst erledigt haben wird.

akw„Deckel“ will Tepco jetzt auf die Reaktorgebäude ihrer geplatzten Atomkochtöpfe drücken. Das ist angesichts der inzwischen trotz alledem bekannten Zustände beinahe amüsant. Waren da nicht mal welche drauf? Die chicen Kästen hatten doch ursprünglich nicht nur Decken, sondern sogar richtige Wände. Das hat bloß nichts genützt, als die strahlende Suppe explodiert ist.

Die bildliche Vorstellung davon, wie jemand einen Deckel auf eine brodelnde Ruine setzt, ist eine passende Allegorie auf das durchschaubare Bestreben so zu tun, als sei irgendwer noch Herr der Lage. Die Kernschmelzen haben schon vor Wochen die Böden der Reaktorkammern durchgebraten, da ist ein Deckel natürlich das Mittel der Wahl. Überdies ist die Umgegend weiträumig auf Jahrtausende verseucht, und das Gros des strahlenden Giftes wurde ohnehin im Pazifik verklappt oder in der Stratosphäre entsorgt. Da kommen dann auch überall Deckel drauf. Sobald wir so weit sind.

Aber eins ist sicher

Überhaupt wurde ein Deckel nach dem anderen in den Dampf geworfen, seit diese Tragikomödie von den Leuten in den ulkigen Trainingsanzügen gespielt wird. Es ließ sich dennoch nicht ganz drunter halten, was nicht heraus kommen sollte: Information, Verantwortung, Wahrheit. Es habe keine Kernschmelze stattgefunden, hieß es zuerst. Dann war es eine begrenzte, vielleicht eine, dann doch wieder nicht, dann eine, zwei, drei.

Die Katastrophe wurde als beherrschter Unfall einer Kategorie drei vier fünf sechs verkauft. Ein irgendwie dreivier-größter anzunehmender Unfall. Ach nein, doch ein Super größter anzunehmender Unfall. Okay, wir geben es ja zu. Und jetzt schnell wieder den Deckel drauf.

Wenn morgen Godzylla höchstselbst der Jauche vor Fukushima entsteigt, werden sie ihm ein Mützchen stricken und der Bevölkerung sogleich mitteilen, es sei wie immer alles unter Kontrolle. Die Medien werden das berichten, die Mehrheit der Japaner und der Rest der Jünger einer sicheren Technik ihnen das glauben.

Das ist ja auch die Hauptsache, denn bei der Kernkraft wie an den Finanzmärkten ist Vertrauen das Wichtigste. Der unerschütterliche Glaube, dass sich alles stets zum Besten wendet, wenn der Mensch nur beharrlich nach dem Höchsten strebt: Der Rendite.

 
gaddafi
 
Während es überall brennt, von Jemen bis Syrien und von Ägypten bis Westsahara alles im Umbruch ist, bombt die NATO in Libyen einen Diktator in die Flucht. Man soll glauben, das habe nichts mit Öl zu tun. Womit aber dann? Der deutsche Außenminister, von dem man nicht weiß, was er sonst eigentlich für seinen Job hält, hat der militärischen Intervention zunächst nicht zugestimmt. Jetzt aber, nachdem deutlich wird, dass das Mandat der Durchsetzung eines Flugverbots weit überschritten wird, schreitet er eifrig zur Tat: Der Rebellenrat sei die “legitime Vertretung” des Volkes. Den will er also “anerkennen”.

Was hat das Volk zu sagen

Legitimiert wodurch? Durch eine große Klappe? Fette Waffen? Kriegsglück? Wer sind diese Leute überhaupt? Sicher weiß auch Westerwelle das nicht, genauso wenig wie er sich je Gedanken machte darüber, was ein Volk zu sagen hat, wenn ein solcher “Rat” zusammen findet. Hauptsache man hat wieder wen, der womöglich Macht ausüben kann. Und vielleicht Öl verkaufen?

Deutschland hat wie alle anderen im Westen Gaddafi aus der Hand gefressen, egal wieviel Terror er und seine Familie über andere gebracht haben. Selbst das haarsträubende Todesurteil gegen bulgarische Krankenschwestern oder die Privatfehde gegen die Schweiz haben nichts daran geändert, dass der Diktator als ‘legitim’ betrachtet wurde. Es wurde ihm dafür sogar ein AKW versprochen.

Was hat sich an der Legitimität dieses handelsüblich irren Diktators geändert? Was unterscheidet sein Regime von dem Assads oder dem von Hamad bin Isa Al Chalifa? Marschieren wir da jetzt überall ein? Oder gibt es bei denen keine legitimen Rebellen?

Narren und Trittbrettfahrer

Die Strategie ist ebenso durchschaubar wie die Absichten. Der billige Versuch Westerwelles, sich bei potentiellen Kriegsgewinnlern einzuschmeicheln, entspricht allerdings seiner Kompetenz in außenpolitischen Fragen. Nicht nur, dass er nichts aus dem Balkankrieg gelernt hat. Nicht nur, dass er sich mit solchen Winkelzügen möglicherweise bei den Verbündeten unbeliebt macht. Es ist auch alles andere als klar, wie das Rennen ausgeht. Selbst wer sicher zu sein glaubt, dass Gaddafis Zeit abgelaufen ist, kann kaum vorhersagen, wer ihm nachfolgt. Die “Legitimen”, die sich der Guy d’Eau da ausgesucht hat, können dann schon wieder Geschichte sein.

Sollen also fortan alle selbst ernannten Räte und Heerführer anerkannt werden? Womöglich solche, die zerstritten sind und gänzlich unterschiedliche Interessen verfolgen? Gibt es überhaupt irgendwelche Richtlinien dafür, was der Herr Außenminister als legitim betrachtet und was nicht?
Am Ende wird man sich darauf verlassen können, dass er diese Entscheidung ohnehin nicht trifft. Er ist der nützliche Tor, der solche Spielchen spielen und sich dabei die Finger verbrennen darf. Wenn dann ganz woanders alles entschieden worden ist, wird die Kanzlerin das zu ihrer ganz persönlichen Linie machen und ihren Hofnarren zurechtweisen. Die Frage stellt sich allerdings, wozu wir den dann überhaupt brauchen.

rafmusicWir haben alles unter Kontrolle, nur keine Aufregung. Zwar explodieren derzeit andauernd Sprengsätze in IKEA-Konsumtempeln und es sind auch schon Menschen zu Schaden gekommen, das ist aber keine größeren Schlagzeilen wert. Es ist wohl nur die Mafia oder ein handelsüblicher Erpresser? Die Gefahr für Unbeteiligte und der durch Bomben angerichtete Schaden waren vermutlich seit Jahren nicht hoch, dennoch springt keine Heimatschutzbehörde aus dem Helikopter und riegelt Europa ab. Sogar die Möbelmärkte haben noch auf.

Man stelle sich vor, die Ischlamischte hätten ein Bekennerschreiben hinterlassen oder wenigstens eine revolutionäre Zelle. Die Panik wäre entsetzlich, denn die dann anstehenden Hamsterkäufe angesichts des Ausbruchs von Armageddon trieben das verfolgte Volk ausgerechnet dorthin, wo es am gefährlichsten wäre: in die Kaufhäuser.

Einer von uns

“Burn warehouse, burn!” hieß es auch damals, als die Baader-Meinhof-Bande beinahe für eine Renaissance der Todesstrafe gesorgt hätte. Gar nicht auszudenken, fände man den roten Stern oder – das Ende der Welt! – ein Turban schmückte den Elch der schwedischen Dünnbrettbohrer-Gemeinde. Der Sturm auf den nächsten Atombunker wäre unvermeidlich.

Können wir uns das mal merken? Dass wir so gelassen umgehen können mit einer Gefahr, die eben so real ist wie unvermeidlich, die halt mal jemanden trifft, aber eben mit der angemessenen Unwahrscheinlichkeit? Das ist eine rhetorische Frage, richtig. Denn wir waren ja eben noch mit dem Zittern und Beten wegens tödlicher Gurken beschäftigt und haben uns vielleicht nur deshalb nicht in die Hosen gepisst, weil die schon voll und wir schon leer waren.

Andererseits ist es bemerkenswert, wie der Kapitalist die Gefahr sogleich herabstuft, wenn er das Treiben von Seinesgleichen erkennt. Da geht es scheinbar nur um Geld. Dass dabei Köpfe rollen und Bomben hochgehen, das kennt er. Beunruhigend ist schließlich nicht, dass etwas Schlimmes passiert. Beunruhigend ist, wenn es der Fremde verursacht, den wir nicht verstehen. Aus niederen Motiven hingegen, das geht in Ordnung. Das ist kein Terror. Das ist einer von uns.

Erst geht es jetzt erst mal nach Tripolis, dem Libyer in den Arsch treten. Der Deutsche stellt sich da etwas sperrig an und ist nicht immer zufrieden damit, irgendwen zu erschießen, weshalb er noch immer den Ami vorschickt, der ihm dann konkrete Ziele vorgibt.

tacdroneDas spart dann eigentlich auch Munition, was der NATO doch entgegenkommen sollte. Der Ami aber weiß: Kann man nicht genug von haben, dem enstprechend ist sein Schussverlauf wie beim Schlussverkauf: “Alles muss raus”, danach gibt’s neu. Neue Munition, neue Ziele und immer das eine: Freiheit! Freiheit von dem Feind, dem heidnischen. Jeder kann mitmachen.

Jeder? Im Prinzip ja. Der Heide muss, wenngleich selten so recht klar ist, ob als Ziel oder Schütze. Ziel muss er sein, Schütze kann er sein, wenn’s ein guter Hurensohn ist.

Vor dem Gefecht ist vor dem Geschäft

Der Christenmensch wiederum muss können, da wird jetzt differenziert. Wer sein Arbeitszeug in Ordnung hält und genügend davon vorhält, ist Vollmitglied, die anderen können zwar auch müssen, dürfen aber künftig nur, wenn sie auch können wollen. Der Rest geht in die zweite Liga. Wie bei Euro Nord und Euro Süd gibt es dann NATO Mord und NATO müd. Für alle gilt dann: Dabeisein ist alles, aber Mitreden darf nur, wer können kann. Das Nähere regelt der Commander in Chief.

Internationale Verantwortung übernehmen, für die Freiheit einstehen, die Handelswege sichern. Wer kann dazu schon nein sagen? Der Demokrat in Uniform weiß: Vor dem Gefecht ist vor dem Geschäft. Afghanistan war nur keine Übung, der Ernstfall kommt jetzt erst. Da machen wir mit, da müssen wir hin, das wollen wir auch. Wir sind nämlich nicht nur Papst, wir sind jetzt auch Freiheitsmedaille. Und das mit Recht, denn alles, was zugrunde geht, ist wert, dass das, was hier entsteht, auch stets an alle Fronten geht.

Denn bei aller Freundschaft zu grundgesetzwidrigen Angriffskriegen, bei denen Deutschland auch weiterhin gern symbolisch mitkämpfen wird, weiß auch der Freiheitsnobelpreisträger: Wenn die NATO bombt, muss die Bundeswehr nicht viel deutsches Kriegsmaterial mitbringen. Das haben wir längst voraus exportiert. Unsere Handelswege sind eurer Nachschub. Also Ball flach halten, Mr. President!

Schwarzfahren ist ein Delikt. Im Jahr 2009 wurden 50000 Deutsche wegen “Erschleichung von Leistungen” verurteilt, während in demselben Zeitraum 10000 wegen Steuer-und Zollzuwiderhandlungen verurteilt wurden. (Ich beschränke mich auf Deutsche, da Ausländer bei Zollzuwiderhandlungen aus naheliegenden Gründen die Statistik verzerren).

istfMan mag zwar meinen, angesichts der zu erwarten höheren Zahl von Schwarzfahrern sei das normal, allerdings geht es hier nicht um alle, sondern nur um solche, die von einem Gericht verurteilt wurden. Es gibt fünf mal so viele verurteilte kriminelle Schwarzfahrer wie Schmuggler und Steuerhinterzieher in diesem Land. Das spricht schon für gewisse Prioritäten. Wenn man dann noch weiß, dass der gemeine Hinterzieher sich durch Selbstanzeige und Nachzahlung seiner einfachen Steuerschuld reinwaschen kann, wird klar, dass der Schwarzfahrer eben ein vergleichsweise besonders schändlicher Mensch sein muss.

Eine Frage der Klasse

Noch deutlicher wird das, was man “Klassenjustiz” zu nennen nicht umhin kommt, wenn man auf den Umgang mit Korruption schaut. Die Anzahl der Verurteilten bei den Delikten “Vorteilsannahme”, “Bestechlichkeit”, “Vorteilsgewährung”, “Bestechung” und “Bestechlichkeit und Bestechung in Besonders schweren Fällen” betrug 2009 insgesamt 248! Davon ist Bestechung mit 129 Fällen die häufigste Straftat. Auf der anderen Seite – dort wo sich der Einfluss auswirkt, gibt es quasi keine Kriminalität.

Wir kennen hinlänglich die Kampagnen unter dem Motto: “Schwarzfahren ist kein Kavaliersdelikt“. Noch besser kennen wir allerdings diejenigen, die stets suggerieren, wer in Deutschland etwas leiste, werde durch viel zu hohe Steuern bestraft. Jeder weiß, was Maschmeyers, Ackermanns und Rürups aus der deutschen Politik gemacht haben, jeder kennt die Käufer der Schröders, Riesters und Clements. Was diese Herren treiben, um Steuermittel in Gewinne von Finanzinstitute zu verzaubern, ist auch kein Kavaliersdelikt. Es ist nämlich gar keines.

Legal, illegal …

Und dort, wo dann dennoch gegen geltendes Recht verstoßen wird, wo Millionen hinterzogen und ins Ausland verschoben werden, steht er: der gemeine Steuerfahnder, der rettet, was zu retten ist. Oder vielmehr: Dort stand er, denn wie die Leser der Frankfurter Rundschau oder dieses Blogs wissen, ist es nicht willkommen, dass effiziente Steuerfahnder in deutschen Großbanken herumschnüffeln. Frank Wehrheim hat darüber ein Buch geschrieben, das Jens Berger rezensiert. Ich hatte einmal das Vergnügen, mit Frank Wehrheim zu plaudern, und wenn sein Buch so kurzweilig ist wie seine Erzählungen, ist es schon allein deshalb lesenswert.

Darüber hinaus ist es – in dem Rahmen, den die Praxis der deutschen Justiz zulässt – ein Teilbericht über einen der größten Skandale in der Geschichte der BRD. Ein Skandal, der Dauerzustand geworden ist und noch immer kaum wahrgenommen wird.
Dass jetzt einige Richter nicht mehr über Schwarzfahrer verhandeln wollen, dass in Zukunft nicht mehr hunderte Beförderungserschleicher die Knäste füllen, darüber ist hingegen noch nicht das letzte Wort gesprochen. Es geht um Schäden in Milliardenhöhe. Die öffentliche Ordnung und Moral ist in Gefahr!

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