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Juni 2011


Während die EU zwar langsam und im Hintergrund, aber immerhin eindeutig Stellung bezieht zur Machtübernahme der Faschisten rund um Viktor Orbán, marschieren die stramm weiter. Historische Vergleiche sind nicht nötig. Einerseits geschieht genau dasselbe, andererseits ist die geschmeidige Einbettung in kapitalistische Verwertungszusammenhänge, das Aufgreifen der Arbeitsplatz-und Wachstumsmythologie, eine Basis, die derzeit in allen Industrieländern herrscht.

Man kann dort beobachten, wie eine neoliberale Ideologie fließend in Faschismus übergeht. Man kann ebenso beobachten, wie knirschend sich das Räderwerk in Bewegung setzt, wenn es auch nur um die Formulierung von Bedenken in den ‘demokratischen Partnerländern’ geht. Von Widerstand ganz zu schweigen. Die Ungarn, vor allem die Roma, haben das zweifelhafte Glück, dass für sie noch Reisefreiheit besteht. Der Rest der Welt darf sich freuen, dass Ungarn keine Großmacht ist. Pessimisten dürfen befürchten, dass dieses Vorbild Nachahmung findet.

Das Experiment

Ein weiterer Aspekt, den dieses Experiment beleuchtet, ist die Frage, ob die Befriedigung einer breiten Mehrheit auf Kosten von Minderheiten für die nötige Stabilität eines rassistischen Willkürregimes sorgt, das Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt. Während anderswo die Menschen auf die Straße gehen und Regierungen stürzen, könnte Ungarn ein Gegenpol werden. Es ist damit zu rechnen, dass Denunziation und die aktive Mithilfe der Volksgenossen bei der Umsetzung der Unterdrückungsmaßnahmen für die nötige Unterstützung sorgen werden.

Das Volk muss so geteilt werden, dass sich zwischen Tätern und Opfern eine Schicht der Ängstlichen und Resignierten bildet, aus der nach Bedarf die nächsten Opfer geschöpft werden können. Die Alternative wäre ein Bürgerkrieg. Ob sich das noch aufhalten lässt, ist fraglich. Mit jedem Tag, an dem Ungarns Faschisten sanktionsfrei weiter Minderheiten schikanieren dürfen, vermindert sich diese Chance. Wir schreiben das Jahr 2011 im friedlich vereinten Europa.

Es gab einmal Zeiten, da waren Künstler tendenziell kritisch und verstanden sich als außerhalb des Systems stehend. Ihre Wurzeln sind Philosophien, die von “Transzendenz” und “Aura” sprechen, ihnen wurde unterstellt, sie arbeiteten sich ab am “Nicht-Identischen”, dem, was nicht einfach zur Sprache kommt oder sich der Norm anpasst. Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts gab es immerhin noch eine gewisse Tendenz zur politischen Einmischung. Künstler hatten oft eine andere Vorstellung von Idealen wie Gerechtigkeit oder Frieden als das, was der Sachzwang davon übrig ließ.

Wie so vieles, was die Ökonomisierung der Lebensbereiche geschleift hat, ist auch die Kunst, sind die Künstler inzwischen ein hässlicher Abklatsch des einstigen Strebens nach Entfaltung und Ausdruck, eine unfreiwillige Karikatur, eine entstellte Fratze. Der Gipfel dessen, was sich in der gesellschaftlichen Nische für solche Gestalten tummelt, sind die Selbstdarsteller ohne Selbst, “Celebrities”, deren Aufgabe darin besteht, da zu sein und Geld zu haben. Einige mögen irgendwann irgendwer gewesen sein, ein Castingprodukt, eine Sportskanone. Andere sind einfach Tochter, Gattin, Vetter von.

Erbfolge und Verlagskonzept

Es ist ein Hofstaat, in dem selbst die Narren gottlos dämlich sind und ohne jeden Witz. Die dazugehören, bestimmen, wer noch rein darf. Und wo einst Kreativität und Originalität die Türen und Ohren öffneten, sorgt heute eine Martkmaschine dafür, dass man ins Verlagskonzept passt. Das heißt also im selteneren Fall, dass frau ein entsprechendes Fahrgestell hat und dem Chef gefällt. In aller Regel reicht aber auch das nicht. Das neue Feudalsystem ist auch bei den “Künstlern” angekommen, der Platz auf der Bühne wird schlicht vererbt. Nichts hat diesen Umstand in seiner ganzen Erbärmlichkeit so bloßgestellt wie der Fall Hegemann.

Andere können das genau so gut, kaum ein Prominentenkind, das keine Karriere macht, wenn es nur will. Die Journaille feiert das ab wie alles andere, das die Kulturkonzerne ihr lancieren und stellt die richtigen Fragen wie immer im falschen Kontext, als seien die armen Kinder, die im Schatten ihrer noblen Eltern stehen, ein Opfer solcher Umstände. Ein passendes Exempel gibt es aktuell in der Sueddeutschen: Die Tochter Westernhagen. Sie spricht Sätze wie:

Ich unterhielt mich auf einer Party mit dem Anwalt meiner deutschen Model-Agentur. Ich erzählte ihm, dass ich Songs schreibe.”

Vermutlich hat der Interviewer sie in diesem Augenblick zutiefst bewundert. Ich hätte spätestens an dieser Stelle einen Eimer gebraucht.

Obwohl mehr als 80 % der Hartz-IV-Empfänder das Bildungspaket nutzen oder sich dafür interessieren, will Ministerin Ursula von der Leyen Druck auf arbeitslose und gering verdienende Eltern ausüben, um auch die restlichen 19% dazu zu bewegen.”

Welches deutsche Medium schreibt das? Richtig: Keines. Dafür ist bei sämtlichen Ablegern von Print und TV zu lesen, dass “ein Fünftel” der Betroffenen “selbst auf Nachfrage kein Interesse” zeigt, in der FR wie bei vielen anderen unter dem Titel “Desinteresse am Bildungspaket” (877 Google-Treffer für diese Überschrift). Dieser Kampagnenjournalismus bedarf längst keiner Absprache mehr, es handelt sich keineswegs um eine Verschwörung.

Ruinenlandschaft

scherkopfDie Selektion in diesem ehemals ehrenwerten Berufsstand hat nur mehr Ruinen hinterlassen. In den Verlegerzimmern und Chefredaktionen herrscht ein ökonomisches Kalkül vor, in dem die Vorstellung von Lesern, denen Qualität, Kontext und Charakter zu bieten wäre, nicht mehr vorkommt. Wer überhaupt noch kauft, der kauft alles, scheint man dort zu denken. Die Rücksicht auf potente Anzeigenkunden hingegen ist stets inklusive. Denen darf gemeinhin betriebswirtschaftliches Denken in allen Bereichen des Lebens unterstellt werden. Folglich haben die Berichte und Kommentare sich am Neoliberalismus zu orientieren.

Dessen Werteschema und die Rolle des Prekariats darin wurde in diesem Blog mehr als hinreichend erläutert. Jetzt ist also ein weiterer Beleg gefunden: Selber schuld! Die Sozialschmarotzer und Einkommensversager wollen gar keine Bildung, schon gar nicht für ihre Kinder. Zwingen wir sie halt ein bisschen mehr. Das wird zwar auch nichts ändern, aber der “Chancengerechtigkeit” ist damit Genüge getan. Man muss sich das immer wieder deutlich machen: Diese Nachricht transportiert nicht die INSM oder die FDP, sondern die versammelte deutsche Medienmacht.

Dass es auch anders geht, zeigt zweimal mehr Al Jazeera. Deren Bericht über die Berichterstattung der Medien zur Krise in Griechenland ist vorbildhaft. Es wird deutlich gemacht, wer wie berichtet, es werden dazu Hintergrundinformationen geliefert und es kommen auch diejenigen zu Wort, die sonst nicht gehört werden. Auch das ist keine neutrale Berichterstattung, denn jede Redaktion trifft eine Auswahl, es wird immer entschieden, was veröffentlicht wird und was nicht.

Was den Unterschied ausmacht

Der Unterschied: Al Jazeera legt Widersprüche offen, die woanders verschleiert werden. Diese Art zu berichten ist eine Aufforderung zur Meinungsbildung unter Verwendung unterschiedlicher Quellen. Die deutsche Journaille hingegen verkündet und überrumpelt dabei Leser und Hörer. “Sie wollen nicht” ist die Nachricht im oben genannten Zusammenhang, obwohl auf beinahe alle Betroffenen das Gegenteil zutrifft. Ein Zweifel findet nicht statt.

Ein weiterer Beitrag von Al Jazeera sei den Freunden bissigen Humors empfohlen. Humor kann die Kunst sein, zwei Perpesktiven in einer Aussage zu verdichten. Gibt es Humor in deutschen Medien?
Einige kurze Sätze, die auch mit nicht gar so tiefen Kenntnissen der englischen Sprache zu verstehen sind: Das Wörterbuch der Mainstream-Medien, Buchstabe C.

Eine weitgehend zusammen kopierte Dissertation hatte sie nicht davon abgehalten, sich zum Mitglied des Forschungsausschusses bei der EU berufen zu fühlen. Geborene Führungskräfte wie Silvana Koch-Mehrin sind ganz generell zu Höherem Berufen. Es lässt sich nicht immer vermeiden, dass Berufene gänzlich unfähig sind, was an ihrer Berufenheit selbstverständlich nichts ändert. Darin liegt ein Grund, warum es Berufungshelfer für höhere Töchter und ihre Klassenkameraden gibt, die dafür sorgen, dass die akademischen Weihen nicht an Bagatellen wie Analphabetismus scheitern. Manchmal ist die Abstammung eben ein Handicap, wenn der Genpool allzu knapp wird. Das kann und darf nicht zur Benachteiligung von Leistungsträgern führen.

Nun ist es der Fluch der Zeit, dass gerade die Konsequenten unter den Oberklassensprechern, diejenigen, die ihre Ideale leben, nicht unnötig Geld fürs Personal verschleudern. Diese Rationalisierung des Ghostwritings führte zuletzt nicht selten zu unvermeidlichen Qualitätseinbußen bei den eingereichten Werken. Für die Sünden der Zulieferer, die sich als kostengünstige Autoren den entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschafft haben, müssen immer wieder die Auftraggeber büßen. Dass diese nicht sofort freiwillig die Bürde auf sich nehmen, sollte nur zu verständlich sein.

komenzzIn diesem Lichte betrachtet, war Koch-Mehrin kein Vorwurf zu machen, als sie ihrer Berufung eben standhaft folgte. Erst die massive Intervention akademischer Aufsteiger ließ sie Abstand nehmen von der Erfüllung der ihr eigentlich zugetragenen Aufgabe. Ohne die Option einer Befreiung von ihrer Berufenheit erklärt sie sich also bereit, in einem anderen Ausschuss zu denselben Bedingungen ihrem Stande zu dienen. Da gewisse Teile der Öffentlichkeit ihr offenbar auch dies noch neiden, hat sie sich zu einem sprichwörtlichen Akt der Gegenwehr entschlossen: Wie die NZZ meldet, wird sie ihr neues Amt hüllenlos antreten (siehe Screenshot).

Einsam, aber tapfer schwimmen die Headliner der Nachrichtenruine “Ohne Spieglein” gegen den Beckenrand, versuchten sie doch gestern noch, ausgerechnet die Grünen als “Dagegen-Partei” darzustellen. Jene Radikalopportunisten, die inzwischen allem zustimmen, was sie irgendwie mit Regierungsfähigkeit im Verbindung bringen können. In deren Spitzengremien werden inzwischen Hardrock- und Heavy Metal-Fans bevorzugt. Das ewige Abnicken dort ist nur noch geübten Headbangern zuzumuten.

Dies haben bis auf die Verkündungsjournalisten von der Brandstwiete – und übrigens der Jungen Union – alle anderen inzwischen erkannt. Die dpa-Meldung “Grüne als Dafür-Partei – auf Regierungskurs” wird derzeit abgeschrieben wie bei der Koalition die wissenschaftlichen Arbeiten. Das ist zwar auch noch kein Journalismus alter Schule, der Inhalt stimmt aber wenigstens.

Wenn Sie in Berlin in den Ausstieg einsteigen …

schilfischDer Ausstieg aus dem Ausstieg als Einstieg in den Ausstieg oder auch der Konsens über Atomkraft als koalitionsfähige Alternative zum alten Atomkonsens, das ist das neue, bessere Konzept. Das Vertrauen ist groß, dass die Rücknahme des vorhandenen Ausstiegsgesetzes dem neuen Ausstiegsgesetz größte Autorität verschaffen wird. Dieses wird dann ganz sicher nicht mehr revidiert werden. Niemand hat die Absicht, neue AKW zu errichten.

Gegen diese überzeugende Strategie war wie so oft der lästige Prinzipienreiter und Grundsatzfreak Ströbele. In einer Koalition mit der CDU wird man ihn nicht gebrauchen können, und da er zuletzt dauernd Direktmandate geholt hat, drängt sich die Frage auf, wie lange er als Parteimitglied noch tragbar ist.

Der Rest der Partei ist etabliert und auf einem guten Weg, die Taktik der Totalumarmung ist durchaus raffiniert. Alle wollen “Mitte” sein, die Grünen hingegen sind einfach überall. Wo die Politik der anderen mit Lug und Trug assoziiert wird, verkörpern die Grünen Verlässlichkeit – sie machen einfach alles mit. Wo andere käuflich sind, haben die Grünen sich längst gratis angedient. Egal, auf welche Partei man einen Rochus hat, man kann statt ihrer auch die Grünen wählen. Das ergibt einen feinen Denkzettel bei unverändertem politischen Kurs. Allmählich beginne ich, diese konsequente und virtuose Umsetzung politischer Aerodynamik zu bewundern.

Bildquelle: Wikimedia Commons / Bundesarchiv

Chauvinismus ist schwer. Eine Ironie, die nur das Leben schreiben kann, macht Frauenfußball derzeit zur ultimativen Rache der Realität an der Ideologie. Alles fließt. Was dabei herauskommt, ist allerdings ein zäher unappetitlicher Käse.

Das beginnt damit, dass man sich entscheiden muss, ob man Nationalist sein will oder Frauenfeind. Keine leichte Entscheidung. Ähnlich geht es den Fußballfans, die genötigt werden, den schwarzrotgelben Sexersatz der vergangenen Jahre jetzt auf Weibergrätschen zu übertragen. Da gehen einem ja sämtliche Kategorien flöten.

frafubaAm schlimmsten toben die politisch Korrekten. Die Bigotterie kennt keine Grenzen. Neulich musste ich mir im Radio Hörer-Elogen auf den Frauenfußball anhören. Der sei, so der Tenor, besser als der der Männer. Um es der Wahrheit kurz zu machen: Die besten Frauenteams spielen ungefähr das, was die Kerle in den 70ern zelebriert haben. Die mittelguten von denen. Von modernem Kurzpaßspiel, dem Tempo und der technischen Qualität der Männer trennen sie Welten. Die wenigen Spitzenmannschaften der Frauen, wohlgemerkt. Der Rest kickt so grottig, dass sich passende Attribute schon aus Höflichkeit verbieten.

Drei Sorten Frauenfeinde

Nein, das will niemand toll finden müssen, der sich für Fußball interessiert. Da scheint einzig die schneidig ablehnende Haltung Linderung zu schaffen, der blanke Machismus. Es gibt diskriminierende Witze, die sind gut, weil sie so übel zulangen, dass sie die Diskriminierung selbst bloßstellen. Ich werde hier trotzdem keinen erzählen. So etwas macht man vor Leuten, von denen man weiß, wie sie es auffassen.

Anders zum Beispiel Speichel Online, das Organ für den gepflegten Griff in die publizistische Güllegrube. Dass die Herrenreiter dort ihren Spaß an der billigen Zote nicht verbergen können, geht in Ordnung. Die Verpackung in Form peinlich gespielter Empörung aber macht es nur noch widerlicher. Als “schlimmste” Chauvisprüche zum Frauenfußball wurde dieser Tage eine Klickstrecke annonciert, ein Trojanisches Pferd, aus dem man scheinbar ungestraft die Sau rauslassen konnte. Das ist das Niveau des “Spiegel”: Keine Meinung, dennoch allzeit stammtischtauglich.

Der Sommeralbtraum der Journaille und ihrer Leser hat also begonnen. Selbst wer keine Lust auf Fußball hat, keine Lust auf äußerst mäßigen Fußball oder auf patriotische Attitüde, wird in den kommenden Wochen bis aufs Blut gequält werden, mit überflüssigen verlogenen ‘Berichten’ über einen irrelevanten Sport und einer hinterfotzigen Frauenverachtung, gegen die der echte Chauvinismus eine Wohltat war. Was soll’s? Das dient schließlich alles Wachstum und Beschäftigung.

udokbNee, was hab ich heute wieder überfliegend gelesen von diesem Grimmsen online achwat. Es hätte schlimmer kommen können, aber dieser Populismus, gepaart mit der Bevorzugung von Journalisten und Etablierten, Kumpels und Kollegen, das kann man besser machen. Obendrein ist es schon übermütig, wenn etwa die FR von einem “renommierten Award” schreibt. Ich habe zwar nichts gegen die Sieger, aber so wie ich das sehe, haben die Grimme-Jurys keinen Schimmer von all dem Guten hier draußen.

Darum tue ichs wie sie, nur besser. Wie schon angekündigt, ist der diesjährige Preisträger einer von uns, und zwar der, der es schon seit Jahren verdient hat und bislang der Running Gag auf dem zweiten Platz war. Frisch zum Umzug will ich ihm einen mitgeben, auf dass er uns weiter so schöne Texte und Bilder liefere. Die “Notizen” sind eines meiner absoluten Lieblingsblogs, und ich habe Grund zu der Belobigung, dass Klaus Baum immer besser wird. Der Köter ist auch nicht mehr so schnell wie früher, empfindlich an den Ohren, aber immer noch eine Schönheit. Passt doch.

 
strafObdachlose, Zigeuner, Nomaden, keiner will sie haben. Man kennt sie nicht, man will sie nicht kennen, sie gehören nicht dazu. Sie sind verdächtig. Sicher darf man ihnen ein unstetes Verhältnis zu Recht und Eigentum unterstellen. Nicht zufällig wurden und werden sie in unterschiedlichsten Gesellschaften stigmatisiert und oft schon präventiv und für die Sünde ihrer Existenz bestraft. Landstreicherei ist keine Bagatelle.

Nils Minkmar rezensiert bei FAZ.net das Buch von Katja Kullmann: “Echtleben” unter dem gelungenen Titel “Es lohnt sich nicht, fleißig und gebildet zu sein“. Das “kreative Prekariat” schildert die Autorin als ein ebenso rastloses wie oft gescheitertes Strebertum in einem brutalen Kampf um die wenigen Plätze an den Futtertrögen. Hier wird unter anderem ein völlig anderes Bild gezeichnet von selbständigen “Aufstockern” als in der obskuren Kampagne der letzten Woche.

Kreativ, flexibel, arm

Studiert, kreativ, flexibel, arm. Das ist immer öfter das Schicksal jener, die eigentlich allen Anforderungen der angeblichen Leistungsgesellschaft entsprechen. Personal ist halt teuer, ganz allgemein zu teuer. Man kann sich heute kaum mehr etwas anderes leisten als Praktikanten, Leih- Kurz- und Billigarbeiter. Die wissen daher nie, wieviel Monat am Ende des Geldes noch übrig ist. Frau Kullmann schildert ihre Geschichte bis zur finalen Verweigerung und hat sich dafür just den richtigen Verlag gewählt: Eichborn, frisch in Konkurs gegangen.

Das Bild, das sie zeichnet, wird andernorts ergänzt durch eine Studie, die sich mit Menschen befasst, die bereits auf dem Boden aufgeschlagen sind und denen man dasselbe abverlangt wie jenen, die noch fallen: Arbeitslose. Die sollen bekanntlich auf alles verzichten, was die “soziale Hängematte” eben nicht zu bieten hat.

Sie sollen jederzeit überall zu allem bereit sein – und das ohne die Aussicht, ihre Lage könnte sich realistisch bessern. Im Gegenteil befördert aber die erzwungene Unsicherheit dauerhaft Krankheit, Rückzug und weitere Unsicherheit. Die Prozesse werden zwanghaft beschleunigt, was voll zu Lasten nachhaltiger Beschäftigung geht. Der Druck auf Arbeitslose dürfte derart Arbeitslosigkeit sogar schaffen anstatt sie zu mindern.

Landstreicherei, neu definiert

So teilt sich die Gesellschaft der “Leistungsträger” zunehmend in erschöpfte Versager, die ihre noch vorhandene Kraft einsetzen, um die damit verbundenen Demütigungen zu ertragen und gehetzte Jobzigeuner, die sich in der Konkurrenz durchsetzen, eine Weile bleiben und dann weiterziehen, um woanders die Ellbogen auszufahren. Eine Klasse, die wenig Menschliches mehr erkennen lässt. Entwurzelte Leistungsroboter vs. faule Sozialschmarotzer. Darüber erhaben ist nur, wer als unverzichtbar gilt oder das Ganze finanziert.

Konsequent wäre es doch daher, die neoliberale Doktrin vom allseits bereiten Niedriglöhner durch eine strafgesetzliche Regelung zu ergänzen. Anstatt bloß sogenannte “Sanktionen” in Form von Leistungskürzungen auszusprechen, könnte man Landstreicherei neu definieren. Wer arbeitslos ist und kein Land besitzt, macht sich schuldig im Sinne des StGB. Sollte dieser Anreiz durch Freiheitsstrafen allein nicht effizient genug sein, wird man auch das Strafrecht flexibilisieren müssen. In einem globalisierten Wettbewerb ist das alternativlos.

 
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Wann immer im TV etwas geplant ist, bei dem es ums Internet geht, fängt das in der Redaktion vermutlich so an: “Internet? Da gibt es doch den mit dem roten Kamm auf der Glatze. Den laden wir mal ein!”
Das nervt. Es gibt für jedes Thema, zu dem Lobo bislang gesprochen hat (wenn er einmal nicht von Lobo sprach) Leute, denen ich mehr Kompetenz zutraue. Insofern ist es vielleicht wieder konsequent, wenn Journalisten keinen anderen kennen – oder bestenfalls dann die drei anderen seit 1990 üblichen Verdächtigen.

Gestern hat er sich öffentlich mit Ingo Lenßen gezankt, dem Darsteller von Ingo Lenßen. Dessen Frisur ist leidlich chicer als die von Lobo, dafür hat er einen preisgekrönten Kleiderbügel an der Stelle, wo Lobo den einfachen Pornobalken trägt. Was Lenßen zum Thema “Das Internet ist böse” zu sagen hat, ist irrelevanter Blödsinn, dagegen macht Lobo eine relativ gute Figur. Relativ, denn Herrn Lenßen hätte man dessen Inkompetenz kühl und beharrlich so lange in die Goschn stopfen können, bis der sich freiwillig (üb)ergeben hätte. Sei’s drum. Das ist alles kein Anlass zur Stellungnahme. Schlimmer noch macht es aber die FR in ihrem bedauernswerten Artikel dazu.

Erziehung ist illiberal

Der entscheidende Absatz:
Lenßen sagt, aus dem Internet dringen Straftaten in den privaten Raum. Eltern könnten nicht jede Sekunde auf ihre Kinder achten. Lobo glaubt hingegen an die Vernunft der Jugendlichen und nimmt immer wieder die Eltern in die Pflicht. Sieh an: Gerade der liberale Lobo, der vermutlich auch nicht dagegen ist, dass beide Eltern arbeiten gehen, fordert, dass diese Eltern immer neben ihren Kinder stehen und sie schützen, wenn die im Netz sind.”

Und jetzt? Gab es eine Meinung dazu? Vor allem: Hat die FR eine? Hätte ich gern gewusst, aber schon die Kategorien dieser rührenden Zusammenfassung sind ein einziger Kopfschmerz. “Aus dem Internet dringen Straftaten”. Genau. So wie sonst nur aus Häusern, Messern, Kiosken und Briefen. Wie dumm muss man eigentlich sein – zumal als Journalist – wenn man im Jahr 2011 immer noch nicht gerafft hat, dass “das Internet” kein Ort ist, kein Sumpf oder Wald, in dem die Räuber lauern? Und allein schon die Bezeichnung “Internetnutzer und Informatikstudent” wäre ein Brüller, verursachte er nicht diese grausame Pein rund um die Hirnrinde.

Und – na klar, die Jugend ist gefährdet. So wie schon im Mittelalter durch die Schriften des Aristoteles. Sie begeht Selbstmord wegen Mobbing im Internet und wird mit neun Jahren schon durch aufpoppenden Porno in ihrer Entwicklung geschädigt. Argh! Das Internet hat noch nie jemanden gemobbt. Das sind Menschen. Das sind dieselben Arschkrampen, die einem in der Schule zusetzen. Das entfaltet erst Wirkung, wenn man sie kennt. Ein Schulwechsel ist da ein probates Mittel, ein neuer Router hilft hingegen nicht wirklich.

Zwischen Kindermord und Aufpoppen

Wo Lobo recht hat, hat er dann wieder recht: Ein Neunjähriger soll allein surfen? Eine blöde Idee. Ich lasse einen Neunjährigen auch nicht allein sein Fernsehprogramm wählen. Wenn beide Eltern arbeiten gehen und das Kind allein lassen, sind sie unverantwortliche Deppen – und brauchen sich über “Internet” wahrlich keine Gedanken mehr zu machen. Was soll der Blödsinn? Ist Lobo jetzt ein Überwachungsfreak? Weil er für Erziehung ist? Nehmt endlich die Nadeln aus meinem Schädel!

Dieselbe Fraktion, die es zuletzt nicht ohne das hysterische Beschreien vergewaltigter Säuglinge und Morde “im Internet” getan haben, schickt jetzt einen vor, dem Erziehung zwar zu anstrengend ist, der aber glaubt, wenn Kinder für einige Sekunden Bilder von Genitalien sehen, sei ihre Entwicklung unwiderruflich gestört. Die FR assistiert diesem Hirnporno auch noch, indem sie jede Logik massakriert und jemanden als illiberal oder inkonsequent darstellt, der sich eventuell arbeitende Eltern vorstellen kann, ohne dafür Kinder im Grundschulalter schon unbeaufsichtigt lassen zu wollen.

Das sind sie also, die Internetkritiker. Sie befinden sich auf einem Niveau mit Islamkritikern und Wetterkritikern. So lange derart der kognitive Kahlschlag regiert, wo Holzmedien und Moralchristen den Doppelklick üben, kann man froh sein, wenn Sascha Lobo sich um diese Leute kümmert. Einem weniger promiskuitiven Internetpromi würde man das nicht zumuten wollen.

Es ist nicht einfach, als Deutscher zum Nahostkonflikt Stellung zu nehmen. Es ist hingegen sehr einfach, sich dabei zum Deppen zu machen. Am einfachsten ist es freilich, Leute zu finden, die sich zum Deppen machen und ihnen “Antisemitismus” vorzuwerfen. Das kann man wohlfeil ausnützen, und derzeit wird, womöglich mangels Talent zur politischen Auseinandersetzung, mit der Linken dieses Spiel getrieben.

Ich halte mich hier mit Äußerungen zu Israel zurück, aus guten Gründen. Vor allem Prinzipielles habe ich nicht dazu zu sagen. Als Europäer kann man sich die Haare raufen, wenn man sich anschaut, was die fehlende Trennung von Staat und Religion an Konflikten hervorruft. Als friedliebender Mensch kann sich an den Kopf fassen angesichts der Außen- und Sicherheitspolitik von Leuten wie Scharon oder Netanjahu. Religiöser Fundamentalismus und Gnadenlosigkeit auf allen Seiten, Waffennarren und Falken, das kennt man auch aus anderen Konflikten, die eben darum keine Lösung und kein Ende finden.

Deutsch Nahost?

Im Fall Israels steht im Mittelpunkt des Konflikts dessen Existenzrecht. Die Araber erkennen dieses auf breiter Front nicht an. Israel definiert seine Politik weitgehend über die Sicherung dieser Existenz, wobei man durchaus der Ansicht sein darf, dass die konkrete Politik eher das Gegenteil befördert.
Bei der Frage um das Existenzrecht des Staates, der als unmittelbare Folge des Holocaust entstanden ist, kann man als Deutscher nur den Rand halten. Niemand braucht die Meinung der Deutschen zu diesem Thema. Es gibt noch 190 andere Staaten in der UNO, deren Bürger das diskutieren können.

Das bedeutet keineswegs, dass man sich nicht zur Politik Israels äußern darf. Wenn man sich aber dazu gedrängt fühlt, sollte man sich auf konkrete Ereignisse und das Handeln konkreter Personen beziehen. Ist Netanjahu ein Kriegstreiber? Kann man fallweise diskutieren. Die Mauer von Gaza ein Schandmal? Ein naheliegender Gedanke. Das ändert nichts daran, dass die Bürger Israels sich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass sie dort leben. Man muss Israel nicht unterstützen, wenn es das Völkerrecht verletzt oder Unsinn veranstaltet. Man kann das auch kritisieren. Viel dürfte das allerdings nicht bringen. Der Bundesregierung sei angeraten, Israel zu unterstützen, ohne den Palästinensern zu schaden. Schwierig genug und kein Thema für den Stammtisch.

Manche kapieren das nicht, zumal solche, deren Gerechtigkeitsempfinden mangels geschichtlicher Orientierung auf Alarm getrimmt ist. Diese findet man durchaus im linken Spektrum. Und selbstverständlich gibt es auch unter denen Lautsprecher, Provokateure und Trolle. Darüber mag sich der Zentralrat der Juden echauffieren, wenngleich das schon nicht besonders klug ist.
Wenn aber die Medien und die bürgerlichen Restparteien das ausnützen, um eine dümmliche Kampagne zu fahren, ist das etwas anderes. So wie sich das gestaltet, hat es die Grenzen der Infamie überschritten.

Wem nützt es?

Es gibt zwei mehr oder weniger empörungsfähige Details, die seit Wochen immer wieder erwähnt werden, so als seien alle Linken verkappte Judenfeinde. Vor allem ist da natürlich dieses schwachmatische Machwerk, das grafisch den Davidstern mit dem Hakenkreuz verbindet. Die Vollidioten, die dafür verantwortlich sind, mit der Linken zu identifizieren, ist nicht nur verlogen und dumm, sondern auch absurd. Wäre die Partei so blöd, dergleichen zu befürworten oder auch nur zu dulden, wäre sie kein Gegner mehr für irgendwen. Wieder einmal aber tut sich u.a. “Spiegel Online” damit hervor, diesem Getrolle zum Erfolg zu verhelfen.

Die Ironie dieser Propaganda liegt vor allem darin, dass der unzweifelhaft antisemitische Urheber mithilfe der antilinken Propagandisten ein Zeichen setzen konnte: Wenn der Judenhass sich nur obszön genug äußert, ist er es wert, verbreitet zu werden. Und da man solche Äußerungen nur zu gern opportunistisch auf Gruppen zurückführt, anstatt sie den verantwortlichen Personen zuzuordnen, findet sich auch garantiert jemand, dem an Kollektivbeschuldigungen liegt. Das sorgt dann auch gleich für eine tolle “Debatte”. Das perverse Spiel mit der Öffentlichkeit folgt dabei nicht zuletzt den Regeln, denen fast alles folgt: Antisemitismus ist ein Geschäft. Am Montag am Kiosk.

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