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Juli 2010


Bei der Gelegenheit, die zu nutzen ich hiermit die Stirn habe, verweise ich noch einmal auf die Nutzungsbedingungen, die ich mir aus den Rippen geleiert habe, um den Lizenzquatsch abzuhaken und deutlich zu machen, wie ich mir das Geblogge und Gelese hier vorstelle. Ich bin immer dankbar für Feedback zu dem Eindruck, denn meine Postings und Kommentare hier hinterlassen. Und ja, ich kann bestätigen, daß das bis vor ein paar Tagen nicht immer entspannt war.

Das hat (meist) am Rande natürlich auch mit meiner privaten Situation zu tun, verdankt sich aber ebenso der Lage im allgemeinen und im besonderen. Das Allgemeine, eine politische Situation, über die noch zu lachen oft schwerfällt, können wir nicht beeinflussen. Das Besondere schon. Diesbezüglich hatten wir zuletzt häufiger ein Toleranzproblem. Intoleranz geht mir schwer auf den Wecker. Ich begegne dieser nicht nur mit pointierten Äußerungen, die gern aggressiv erscheinen und es auch sind, ich habe darüberhinaus auch beschlossen, ihr durch Reglementierung zu begegnen. Das ist nicht absurd oder paradox. Intoleranz zu begegnen, führt zu dem Dilemma, sie selbst nicht zu tolerieren.

Ich bin deutlich enstpannter, seitdem ich Kommentare häufiger lösche und ggf. zur Keule der Bannliste greife (was ich seit einigen Wochen freilich nicht mußte). Ich pflege in den Kommentaren gelegentlich darum zu bitten, gewisse Diskussionansätze oder “Argumente” zu unterlassen. Dies ist eine höfliche Art der Aufforderung, die dennoch keinen Zweifel dahingehend aufkommen läßt, was ich noch dulde und was nicht. Spätestens, wenn ich ausrücklich die Grenzen solcher Duldung ausspreche und jemand glaubt, dies ignorieren zu sollen, wird der enstprechende Kommentar gelöscht.

Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht insofern, als daß es mir erspart, jemanden hier lang zu machen. Ich versuche zu vermeiden, den Trollen zu zeigen, was gezielte rhetorische Granaten sind. Ist nicht mehr mein Stil, da ist eine beginnende Altersweisheit vor.

Es gab neulich beim Spiegelfechter – wenn auch nicht unprovoziert – ein Gewürge mit beinahe 1000 Kommentaren in unentspannter Atmosphäre. Das wird mir sicherlich nicht passieren, auch nicht auf dem Level meiner Leseranzahl. Wie ich bei anderer Gelegenheit deutlich gemacht habe, komme ich hier nicht weg. Daher muß im Zweifelsfall der Gast dran glauben. Das ist nicht immer gerecht, diesen Anspruch habe ich aber auch gar nicht.

Von daher nehmt es mit Humor oder sonstiger Größe, wenn meine Entspannungsübungen zu bewußter Moderation, vulgo “Zensur” führt. Es hilft niemandem, wenn ich mir mehr Geduld abverlange als ich habe. Ich bin weder ein Heiliger noch die Inquisition, ich bin Blogger.
Mancher täte gut daran, sich dies einmal in einer ruhigen Minute vor Augen zu führen.

Muuhaahaa! Ich muß nicht mehr staubsaugen, einmal umziehen genügt. Ich habe mich gerade ein Stündchen lang auf dem Boden gekringelt, die Fusseln aufgenommen und dabei gleich naß gewischt. Die bunten Kriminalgebeamten haben nämlich eine großartige Idee: Das Internet vom Kanzleramt aus resetten, wenn es zu böse wird [via].

Kinder, die meinen das ernst! Na dann wollen wir doch mal kreativ weiterdenken: Wenn der Tag so richtig scheiße war, einfach die Erde um eine Umdrehung zurückschrauben. Und wenn es ganz dicke kommt, ein paar Ründchen mehr. Huii, das wird eine lustige Zukunft.

Mutti, Gutti und die gelbe Schwester erfreuen sich des Lebens, während die schwarzen Statthalter reihenweise das Weite suchen. Wundern muß man sich nicht, wenn die Kinder ausziehen, denn Muttis Gesinde nervt, schlimmer noch als die Alte selbst. Kaum ist Ole von Beust mit seiner Schulreform gescheitert, gibt Hauslehrerin Schavan ihm auch noch eine mit dem Rohrstock: Sie “begrüßt” das nämlich. Sie mag das Gymnasium, jene schulpolitische Enklave, in der das Wasser erst im Erdgeschoß steht und wo die Hausmeister noch den Aufnehmer schwingen.

Die Rotznasen des Prekariats siechen derweil woanders und infizieren die Elite-Schüler nicht mit ihren ekligen Malaisen. Das ist also die Strategie der Bundesregierung im Bildungsbürgerkrieg. Wer weiß, vielleicht hat so mancher aus der Riege der segensreichen Beschützer unseres oberen Mittelstandes in Berlin die Gegner der Schulreform unterstützt – heimlich oder unheimlich. “Volksentscheid”, so lernen wir bei dieser Gelegenheit einmal mehr, bedeutet nicht, daß das Volk entscheidet, sondern daß das Volk entschieden wird. Da gibt es eben die in der Loge und die auf den Stehplätzen. Man ist halt gern unter sich.

Ole von Beust hat fertig, wie es heißt. Die CDU wird’s verkraften können, eine große Karriere stand ihm trotz des Zerfalls der Bundespartei nicht bevor.

Bemerkenswert ist aber die Erfolgsaussicht der reaktionären Front, die auf der unveränderten Beibehaltung des schlechtesten Schulsystems Europas besteht. Denn das Gymnasium ist ja eine Super-Schulform, werden die Kinder des Prekariats doch äußerst erfolgreich schon im Alter von zehn Jahren auf die Resterampe geleitet. Das soll mal so bleiben.

Was heißt hier eigentlich “direkte Demokratie”? Die Hürden für solche Karnevalsumfragen sind viel zu niedrig, um von einem Element der “Demokratie” zu sprechen. Jeder, der das Kleingeld für die nötige Rumpelpropaganda hat, kann damit Gesetze kippen und beeinflussen. Das ist nicht mehr Demokratie, das ist am Ende noch mehr Kapitalismus.

Wenn ein gewählter Senat oder ein anderes Parlament vom “Volk” per Abstimmung in die Knie gezwungen werden soll, dann kann man doch wohl verlangen, daß mindestens so viele Bürger abstimmen wie bei der Parlamentswahl selbst. Sonst kann man sich die nämlich in Zukunft sparen. Was ist das überhaupt für eine Idee von Demokratie, in der medial befeuerte Kleingeistigkeit auf Ja/Nein-Fragen reduziert wird?

Traurig genug übrigens, daß die Betroffenen meist blöd genug sind, ihre Interessen nicht wahrzunehmen und dem Kreuzchenmachen fernbleiben. Andererseits ist diese Abstimmung per Abwesenheit auch eine klare Aussage. Als “direkte Demokratie” wird das offenbar nicht empfunden. Eher als ein Hohn auf die tatsächlichen Machtverhältnisse. Und da ist dann wieder durchaus etwas dran.

Gehen die Weimarer Verhältnisse dem Ende zu? Die mafiösen Vorgänge unter dem Regime Koch/Weimar sind noch lange nicht aufgeklärt, die Presse versuchte sich noch Anfang dieses Jahres in komplizenhafter Vernebelung, obwohl die FR längst dafür gesorgt hat, daß die Skandale nicht mehr zu vertuschen sind.

Es dürfen noch Wetten abgeschlossen werden, wohin es die Betreiber treibt. Fraport? Energiewirtschaft? Banken? Es gibt so viele Männer in der ehrenwerten Gesellschaft, die ihnen zur Dankbarkeit verpflichtet sind. Vielleicht auch ein nettes Asyl unter Palmen, in den unendlichen Weiten, wo noch nie ein Mensch ein Auslieferungsersuchen zugestellt hat.

Auf den Unterschied zwischen der Innen-und Außenwahrnehmung Deutschlands bzw. der Selbst- und Fremdwahrnehmung seiner Bewohner weist Claire-Lise Buis beim dradio hin. Wie gut, daß sie nicht nach der aktiven Fremdwahrnehmung der Deutschen gefragt hat, sie hätte vermutlich Ohrstöpsel und Scheuklappen vorgefunden.

In ihrer Betrachtung schleift sie dann allerdings selbst die Differenz zwischen dem, was relevant ist und dem Restkarneval. Ein paar schöne Fußballspiele, die Konfetti über einem Trällermädchen oder wohlklingende Exportzahlen helfen nämlich niemandem, oder altmodisch ausgedrückt: Das kann man alles nicht essen. Als Innenansichtler stelle ich daher fest, daß die Propaganda nicht hängenbleibt. Im Grunde sollte doch niemand bemerken, daß die Bundesregierung ein Haufen planloser Stümper ist, denn dort tun sie nichts anderes als sie angekündigt hatten. Auch der Umgang mit den Griechen entspricht exakt dem, was sie können und der Essenz ihrer Ideologie. Daß die in der Praxis umso weniger taugt, je radikaler sie umgesetzt wird, das wußten die Auguren.

Auf vermeintliche “Strapazen der Wiedervereinigung” hinzuweisen, erklärt im übrigen gar nichts. Na gut, der Westler hat den “Soli” an der Backe, und die atemberaubende Lüge der “blühenden Landschaften” mußte auch erst einmal verdaut werden. “Strapaziös” war das aber weder für die Konzerne noch für die Deutschen. Strapaziös waren und sind die Plünderung der Menschen zugunsten der Großindustrie, der Niedriglohnwahn und das Austrocknen des Binnenmarktes.

Die Deutschen sind zwar beeinflußbar, und wer die hieisigen Medien kennt, weiß, daß davon reichlich Gebrauch gemacht wird. Die neoliberalen Helden und ihre Sprüche sind bekannt, und wenn man den Michel fragt, er wird Käptn Iglo, den Hans-Werner, brav für “Deutschlands klügsten Professor” halten. Das wurde ihm so eingebläut, das kann er dann. Wenn es aber darum geht, mehr als die bleichen Gesichter der “Experten” zu erkennen und selbst erklären zu müssen, warum neoliberale Politik und Wirtschaft gut seien, versagt er kläglich, da gleitet das Geschwätz an ihm ab wie an Teflon.

Stellt sich die akademische Frage nach dem Subjekt der Dummheit: Wer oder was ist hier zu doof? Die Propaganda, weil sie für nicht mehr taugt als das Geplapper von Papageien mit anhaltendem Gedächtnisverlust, oder die Bürger, weil sie die einfachsten Zusammenhänge nicht verarbeiten können? Es wird wohl von beidem etwas sein, und von allem genug.

underdog Feynsinn wurde in den vergangenen Tagen und Wochen zurecht entlarvt als ein fußball- und regierungsfreundliches U-Boot, Kaderschmiede der Konterrevolution und Boulevardblatt der Blogsphäre. Manche, die sich von dem einen oder anderen Artikel haben blenden lassen, wissen noch gar nicht, daß sie sich von Dieter Bohlen 2.0 haben blenden lassen, denn das Niveau wird wieder einmal tiefergelegt, durch die schon traditionelle alberne Castingshow:

Auch dieses Jahr wird der hiesige Demokrator wieder ein Blog auszeichnen, das ein wenig mehr Publizität verdient hat, als es bekommt. Die Jury hat beschlossen, daß in diesem Jahr auch Newcomer zugelassen sind. Wer also eher unbekannte oder nicht genügend bekannte Blogs kennt, sich verschafft oder im Umlauf bringt, ist aufgefordert, dies hier kundzutun. Der Gewinner steht zwar fast schon fest, aber die Verkündung macht ja keinen Spaß, wenn es keine Nominierungen gibt. Das ist hier nicht anders als bei Grimmes. Wohlan!

Wie sich nicht nur in der Reaktion auf meinen Artikel über sinnlose Verbote zeigte, der zu einer unsinnigen Debatte übers Rauchen führte, ist eine der erfolgreichsten Strategien zur Aushöhlung des politischen Diskurses nach wie vor eine heuchlerische Moralität, die ganz auf Affekte setzt. Vor allem auf solche, bei denen man sicher sein kann, daß sich tiefe Gräben ziehen durch ein Volk einig dumm gehaltener Bürger, die gern ihre Reflexe pflegen und dabei immer fix das Ganze aus den Augen verlieren. Da wird dem Nachbarn sofort der Krieg erklärt, weil der nämlich ein potentieller Gewalttäter ist.

ouchnGehen wir einige Schritte zurück: In “Triebstruktur und Gesellschaft” befaßte sich Herbert Marcuse 1957 am Rande mit den Begriff “obszön”, dem zeitgenössischen Urteil über alles Sexuelle, Nacktheit und körperliche Liebe. Obszön fand er erklärtermaßen hingegen das Auftreten eines Generals, der sich “im vollen Wichs und Ornat” (aus dem Gedächtnis zitiert) stolz der Öffentlichkeit präsentierte, ein Mann, der fürs massenhafte Abschlachten von Zivilisten zuständig war. “Unmoralisch” aber war schon ein Kuß in der Öffentlichkeit.

Diesbezüglich haben sich die Symptome geändert. Aber mit der Knechtung des Eros durch Marktwirtschaft und Pornographie sind die Ursachen nicht beseitigt, und die “Sublimierung” hat eben nicht eine neue Kultur auf Basis der (freien) Liebe geschaffen. Sie ist vielmehr eine Moral als Tagesgeschäft, die auf keiner Ethik beruht oder eine nachvollziehbare Vorstellung von ‘richtig’ und ‘falsch’ vermittelt. Das Moralisieren dient schlicht der Entfachung von Affekt und Eifer, wie ein Knochen, der in einem Haufen hungriger Hunde geworfen wird.

Es braucht einen Anlaß, der Emotionen weckt. Die ‘Kommunikation’ darüber muß möglichst polemisch sein, die zu erwartenden Standpunkte möglichst extrem und unversöhnlich. Was dem entgegensteht, sind Toleranz, Vernunft und Besonnenheit, die Fähigkeit, von der eingenen Sicht zu abstrahieren und den Gegner als grundsätzlich gleichwertig anzuerkennen. Wie bewerkstelligt man das? Im folgenden einige der wichtigsten Elemente der Strategie zur Spaltung einer Gruppe oder Bevölkerung:

- Die Wertigkeit muß von vornherein feststehen. Das moralische Vorurteil teilt ganz klar in Schuldige/Täter und Unschuldige/Opfer. Die Täter sind minderwertig. Ihre Argumente zur vermeintlichen Sache gelten allesamt als Rechtfertigungen für etwas, das gar nicht zu rechtfertigen ist. Im Gegenteil gilt dies als mangelnde Reue, Verweigerung der Läuterung, Starrsinn, Dummheit und Sünde.
- Die Minderwertigen sollen möglichst Angst haben. Man muß ihnen etwas nehmen oder damit wenigstens drohen.
- Die Höherwertigen sollten möglichst Angst haben. Sie könnten infiziert werden, ihre Kultur, ihre Kinder, ihre Gesundheit oder ihr Leben muß vermeintlich in Gefahr sein.
- Zur Abwendung des Problems müssen möglichst rigorose Maßnahmen proklamiert werden. Verbote, Nulltoleranz, Übergriffe in die Intimsphäre, Zwang und Entrechtung.

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- Der Empörungslevel ist möglichst hochzuhalten. Moderate Argumente, Kompromisse, Aufrufe zur Toleranz, Humor und Relativierungen sollten nicht zuviel Raum gewinnen. Aggressive Anfeindungen, Übergriffe, Wutausbrüche, Drohungen und Gewalt sind gute Aufhänger für weitere Eskalationen.
- (Lebens-)Gefahr durch Deeskalation. Wer abwiegelt, relativiert oder nach moderaten Lösungen sucht, macht sich an jedem weiteren Schaden mitschuldig. Meist an Todesopfern.
- Totalitärer Ansatz. Ein Fall ist schon zuviel und birgt die Gefahr der Epidemie. Ausnahmen sind nicht zuzulassen.
- Moralische Feedbackschleife. Daß es überhaupt zu einer eskalierenden Auseinandersetzung kommt, ist der ‘unmoralischen’ Partei anzulasten als weiteres Übel, das durch ihre Verwerflichkeit über die Welt kommt.

Diese Elemente finden sich alle oder teilweise in moralisch vorgeprägten Debatten, die nichts anderes im Sinn haben als Diskriminierung – und zwar nicht nur die der ‘Minderwertigen’, sondern in der logischen Folge aller Beteiligten. “Diskriminieren” bedeutet abtrennen. Solche Diskriminierung ist Kern und tragende Säule des “divide et impera”-Prinzips. Solage das Pack sich untereinander schlägt, wird es keine Kritik an der Herrschaft üben.

Einige Beispiele aus diesem Land für solche Diskussionen sind die moralische Abwertung von Arbeitslosen, Muslimen, Hippies, Kiffern, Schwulen, Trinkern, Dicken, Linken, Rauchern, Raubkopierern, Pornokonsumenten, (“kriminellen”) Ausländern. Wer weiß, was morgen kommt? Sollte also jemandem auffallen, daß er sich in einer Debatte befindet, die die genannten Merkmale trägt, sei ihm/ihr an dieser Stelle wärmstens ans Herz gelegt, darüber nachzudenken, wem das ganze Gewese dient. Und ob es nicht Diskussionen gibt, die wichtiger wären.

Nein, nicht damals, auch nicht generell gegen politischen Irrsinn. Aber wenn es sie betrifft. Nun bin ich erstens nicht der Meinung, Hausärzte – zumal auf dem Land – gehörten zu den Großverdienern, zweitens möchte ich nicht dem Prinzip zuarbeiten, das uns in “die” und “wir anderen” zu teilen pflegt. Ärzte jammern zwar oft auf hohem Niveau, ihr Gejammer ist aber manchmal durchaus berechtigt.

Obwohl sie ja zur Stammklientel gehören, trampelt Dauergrinser Rösler ihnen gewaltig auf die Füße mit seinem stümperhaften Reförmchen. Eine der letzten Bastionen sinnig liberaler Wirtschaftsethik, die Vertragsfreiheit und -sicherheit, weicht der kopflos pauschalen Krankenverunsicherung ebenso wie alles andere, was mit Verstand in Verbindung gebracht werden könnte. Die Bayrischen Ärzte rotten sich daher zusammen, um die Vereinbarungen ihrer Landversorger mit den Kassen zu retten – oder das ganze System abzufackeln.

Das können die. Sie erkennen, daß sie verschaukelt werden von jemandem, der seine geringe Sachkenntnis durch erhöhte Arroganz kompensiert. Sie wissen, daß er ein Schwächling ist, wenn’s ans Überzeugen geht, daß sein Programm für den Eimer ist und dem Ganzen schadet. Und sie sind natürlich angefressen, weil der Blödsinn auf ihre Kosten geht.

Woran erinnert mich das? Geltende Vereinbarungen, geltendes Recht gar, wird mit Füßen getreten unter fadenscheinigen Begründungen, zum Schaden des Gemeinwesens und auf Kosten einzelner Gruppen?
Wo seid ihr, Arbeitslose, Krankenschwestern, Zeitarbeiter, Patienten, Rentner, Selbständige? Ach ja, ihr müßt arbeiten. Zur Mittelschicht aufrücken. Und dann wieder FDP wählen. Verstehe!

Bayern hat volksabgestimmt und läßt feststellen, daß Raucher unter sich nicht mehr rauchen dürfen. Auch nicht in eigens dafür abgeteilten und mit Extralüftung versehenen Räumen. Auch nicht, wenn kein Nichtraucher die Raucher bedienen müßte. Schon gar nicht in kleineren Kneipen, in denen seit Jahrhunderten zu Bier und Wein auch eine Zigarette gehört. Das ist jetzt verboten. Ein für allemal.

Dieser wunderbare Erfolg eines rigorosen Verbots, der gelebten Nulltoleranz gegen Menschen, denen die Organsiatoren und Befürworter vermutlich niemals begegnet, deren Stätten gesundheitschädlichen Genusses sie nie aufgesucht hätten, soll als vorbildlich gelten. Zum Beispiel findet SPD – Gabriel Volksentscheide ganz prima. Das hat er zwar auch schon vorher einmal erklärt, aber im Zusammenhang mit der bayrischen Mißgunstentscheidung bekommt das einen reichlichen schalen Geschmack.

kippeWomit wir noch immer beim Thema sind: Diese Raucher und Biertrinker! Rauchen und trinken, anstatt zu arbeiten. Kommen deshalb nicht mit dem Geld aus. Sind krank, belasten die Kassen. Der deutsche Normdemokrat aber steht früh auf, ißt und trinkt nur Gesundes und geht früh wieder zu Bett. Und weil er eben Demokrat ist, will er, daß alle das so machen. Muß man rauchen? Nein. Muß man Alkohol trinken? Nein. Also kann man das auch verbieten.

Ausnahmsweise erlaubt, denn wir sind ja Demokraten, ist die Verköstigung dieser Drogen allein hart arbeitenden Menschen, die sich das leisten können. Und dann in Maßen. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Was so beginnt, darf Kreise ziehen. Es zählen nicht rationale Beweggründe, sondern die jeweils aktuelle Meinungslage zu einer organisierten Abstimmungsfrage.
Der Gesetzgeber ist aber ebenfalls aktiv, so etwa in Baden-Württemberg, wo ab 22 Uhr kein Alkohol mehr verkauft werden darf, was sogar vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde. Bei Genußmitteln, den legalen Drogen, steht die moralische Front wie ein Mann. Jede noch so abstrakte Gefahr berechtigt zu Verboten, die möglichst uneingeschränkte Geltung haben. Vor allem eine Einschränkung durch Vernunft und ihren Gebrauch will sich die moralische Mehrheit nicht bieten lassen.

Nulltoleranz ist machbar. Auf dem Weg dorthin entfaltet sich der neue Geist der Demokratie, der im Sog der neoliberalen Okkupation nicht nur der Politik, sondern des gesamten (vorerst) öffentlichen Lebens herrscht. Demokratie ist die Freiheit, alles zu verbieten, was nicht der neumittigen Arbeitsethik folgt. Der gute Bürger arbeitet immer. Dazu hat er gesund zu sein und jeglichem Laster abzuschwören. Müßiggang ist inakzetabel. Zwar ist es noch nicht möglich, die Gemütlichkeit mit letzter Konsequenz auszumerzen oder in die Reservate Karneval und Weihnachten zu pferchen, aber man muß halt einen Schritt nach dem anderen gehen.

Nachdem durch sozialdemokratische Leistungsträger und ihre befreundete Arbeitgeberlobby sehr erfolgreich die “Kippen und Bier”-Keule gegen die Nutzlosen und Halbnützigen geschwungen wurde, wird jetzt das von Unmoral bedrohte Arbeitsvolk auf Linie reglementiert. Kneipen sind Feindesland, das gehört ausgeschaltet.

budAbsehbar ist ebenfalls ein rigoroses Einschreiten gegen Zeitverschwendung, Aufruhr und Pornokonsum im Internet. Die propagandistische Stalinorgel gegen “Kinderpornographie” kann jederzeit wieder angeworfen werden. Und machen wir uns nichts vor, einen echten Schutz kann es nur geben, wenn Porno ganz verboten wird. Es gibt eine breite Mehrheit, die dem zustimmen wird. Porno ist Schmutz, bedroht die Familien und vor allem den Nachwuchs. Wie könnte man je verhindern, daß Jugendliche durch Darstellungen perverser Sexualpraktiken im Internet verdorben werden, solange es jene gibt?

Unsere Kultur, unsere Demokratie und unsere Freiheit sind bedroht. Nur durch konsequente Einschränkungen kann eine Moral durchgesetzt werden, die den Mißbrauch der Freiheit verhindert. Falsch verstandene Toleranz würde auf lange Sicht dazu führen, daß die Verfechter der Unmoral, die arbeitsscheuen Lebemänner und disziplinlosen Verführten dem Bund der Fleißigen und Anständigen endgültig den Rücken kehren. Die kleinen Freiheiten hat man sich zu verdienen, die großen stehen demenstprechend nur Großverdienern zu. Was geschieht, wenn man die Zügel zu sehr schleifen läßt, zeigt die Finanzkrise, ausgelöst durch Einzelfälle wirtschaftlicher Unmoral. Der Bürger aber muß davor beschützt werden, ehe die Masse der Lasterhaften auch noch systemrelevant wird.

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