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Dezember 2009


Der Ex-Chefredakteur des Maanger-Magazins schreibt Sätze, die bis vor kurzem beim “Spiegel” noch mit Hausverbot sanktioniert worden wären, zum Beispiel:

Notwendig wäre: die gewaltigen Banken-Imperien zu zerschlagen, um die Risiken handhabbar zu machen (…);
Was derzeit bei den globalen Bemühungen um eine neue Finanzarchitektur passiert, ist die bevorstehende Kapitulation demokratischer Regierungen vor der Macht des Geldgewerbes.”

Bei einigen schlägt inzwischen die Erkenntnis zu, leider scheint dieses Phänomen zuallermeist von Altersweisheit geprägt zu sein. Was noch etwas zu sagen hat (nicht nur beim Spiegel, bei dem die Dilettanten-Elite durchaus noch das Zepter schwingt), schwebt hingegen noch immer in Blasen durch die Luft, bis sie halt platzen.
Nicht nur die Ackermänner, sondern ebenso schlecht die von ihnen gedungenen Haushaltsroboter der Leistungsträgergilde schwafeln und entscheiden uns nach wie vor um Kopf und Kragen – wobei es selbstredend zuerst diejenigen trifft, die wiederum gar nichts zu melden haben.

Die Bundesregierung verzichtet auf Steuereinnahmen vom Klientel der FDP, plant dafür aber Besteuerungen, Gebühren und Sozialabgaben, die bald den letzten Normalverdiener davon überzeugen werden, lieber zu Hause zu bleiben und sich in den Krieg mit der “Agentur”, den ARGEn und anderen Ärgernissen zu stürzen.
Ein sogenannter “Wirtschaftswissenschaftler”, der nichts weiß, keine Ahnung von Wirtschaft hat und nichts schafft außer regen Besuch in den Darmausgängen der Geldgewaltigen, bereichert die Welt um ein weiteres Glanzstück skurrilen Irrsinns.

Eine “Ethik-Steuer” will Ulrich Blum, den die Taz “Ökonom” nennt. Alle sollen Kirchensteuer zahlen, auch wenn sie gar nicht in der Kirche sind. Eine Steuer auf die Steuer, ohne Sinn und Verstand, hauptsache, Erbschaften und Vermögen bleiben unberührt. Mehr Bretter für die Nutten der Geldelite, die sie sich vor den Kopf nageln können! Solche Wissensabschaffer haben den Kehricht der neoliberalen Akademien so verinnerlicht, daß sie schon bei geschlossener Klappe unerträglich stinken – und wehe, wenn sie geöffnet wird!

Blum ist ein wütender Deregulierer, der ganz auf FDP-Linie liegt und ständig “weniger Staat” gefordert hat. Das hieß für seinen Klub übrigens nie, daß sie etwas gegen Steuern und Abgaben hätten. Es kommt ihnen nur darauf an, daß keine Umverteilung des Geldstroms stattfindet, der wie eine fröhliche Fontäne von unten nach oben zu sprudeln hat. Das Volk muß wissen, daß das gut für alle ist, und darum verbreiten solche Experten mithilfe freiheitlich-marktwirtschaftlicher Medien den Auswurf ihrer karg möblierten Schädelkammern emsig über Stadt und Land.

Das Ziel dieser Wissenschaft, die Züchtung menschlicher Champignons, die man in der Dunkelheit Scheiße fressen läßt, ist dann erreicht, wenn selbst die Unterschicht ihrer eigenen Knechtung zustimmt, die Eliten unterstützt und die FDP wählt.
Was sagt man dazu – das ist ja schon so weit!

avat
Gehet hin und sauget davon, es ist der Irrsinn, er hat es nicht besser verdient. Ich rede von diesem Film der Schlümpfe, den lächerlich geschminkten Kitschfiguren aus einem Ego-Shooter, die mir in sämtlichen Medien als Neuerfindung des Kinos untergejubelt wird.
Im Grunde interessiert mich dieser Streifen nicht. Und wäre nur die Gelegenheit geblieben, diesen überflüssigen Schmarrn zu ignorieren, ich hätte nicht einmal an der Obszönität Anstoß genommen, daß da jemand einen verzichtbaren Streifen für satte dreihundert millionen Dollar gedreht hat. Übrigens zum aktuellen Wert an den Devisenbörsen, nicht zu dessen realem Wert, das ginge ja noch.

Aber nein, TV, Print, Internet – überall leuchten einem diese putzigen Knopfaugen entgegen, die auf jedem zweitklassigen Kostümfest echt was hermachen würden. Und leck mich fett, das Ganze gibt’s sogar in Drei De! Diese Weisheit ist so ungemein wichtig, daß sie jedem Bürger der nördlichen Hemisphäre mindestens zwölf mal am Tag mitgeteilt werden muß. Allmählich beschleicht mich das Gefühl, daß mehr als die Hälfte des Budgets in die PR geflossen ist.

Nein, nein und auf gar keinen Fall! Ich werde mir diesen Film nicht anschauen. Jedenfalls keine auch nur halbwegs legale Kopie davon. Ich wünsche den Irren, die jetzt glauben, sie hätten ein Recht auf Amortisation, ein kleines Fünkchen Verstand. Ich wünsche ihnen das schon an dritter Stelle, gleich hinter dem Flop und der Pleite des Jahrhunderts. Vermutlich haben Cosa Nostra und Russen-Inkasso schon sämtliche Kritiker der Welt heimgesucht und auf Linie getrimmt. Wahrscheinlich predigen die Pfarrer von der Kanzel, daß es gottfällig sei, dafür ins Kino zu gehen. Vielleicht werde ich nach diesem Posting unauffällig von der Bildfläche verschwinden. Aber das alles wird nicht helfen.

Ganz nebenbei sei bemerkt, daß eine Story, deren Autoren so bescheuert sind, ein Land namens “Pandora” zum Ort des Geschehens zu machen, die Intelligenz selbst notdürftig Halbgebildeter beleidigt. Die Chefin von dem Laden heißt dann wohl “Colonia Agrippina” – oder was?
Sei’s drum. Es geht um höhere Werte. Das Geld muß wieder eingespielt werden. Überteuerte Kinos können das allein nicht schaffen. Mit Plastikfigürchen, Avatar-Limo, Avatar-Kaugummi und Avatar-Deo ist es auch nicht getan. Die Umbenennung des Reichtags in Avatar-Theater wird am Widerstand der CSU scheitern, und der DVD-Verleih reißt es erst recht nicht raus.

Da müssen dann wohl die Raubkopierer ran. Eine schwarz gebrannte Scheibe erzeugt einen Schadensersatz-Anspruch von ungefähr zehntausend Dollar, eine ins Netz gestellte Kopie kommt schon tief in den sechsstelligen Bereich. Die Filmindustrie braucht euch, Piraten. Wollt ihr, daß die Wirtschaftskrise das Kino ruiniert? Eine Säule der Kultur, zerstört und zertrümmert, Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet, weil es keine Solidarität mehr gibt mit Künstlern und Kreativen?
Das könnt ihr nicht zulassen, ihr Kriminellen und Gratiskultur-Junkies. Burn, Motherfuckers, burn!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und wie es der Lauf der Welt so will, wird sich im kommenden Jahr wahrscheinlich so einiges ändern in meinem merkwürdigen Freakadellendasein. Das muß sich nicht unmittelbar auf das Blog auswirken, aber wenn ich einmal dabei bin, denke ich auch über Veränderungen nach, die sich hier bemerkbar machen. Es soll sich ja auch entwickeln. Neben Ideen, die mit erheblichem Aufwand verbunden wären, spukt ein Gedanke in mir herum, den ich einmal zur Diskussion stellen möchte.

Einer der Unterschiede zwischen den meisten Blogs, zumal Feynsinn, und traditionellem Journalismus, ist das, was letzterer unter “Gatekeeping” vesteht. Dazu gehört nicht nur die Auswahl von Nachrichten und deren Präsentation nach Kategorien, sondern auch und gerade die Aufbereitung in einer allgemein verständlichen Weise. Darin kann eine Stärke des klassischen Journalismus liegen, und dies ist ganz sicher eine Schwäche von Blogs, die sich an eine gut informierte Leserschaft wenden.

Ich stelle häufig fest – und bin fragenden Kommentatoren meist dankbar – daß ich Wissen voraussetze, welches nicht so selbstverständlich ist, wie ich es behandle. Das wird mich ganz sicher nicht davon abhalten, auch weiterhin einen Stil zu pflegen, der dieses Blog und seine Leserschaft zusammenhält. Andererseits sehe ich durchaus einen Sinn darin, zumindest gelegentlich und wenn es die Muße hergibt, Leser an die Hand zu nehmen, die nicht sofort wissen, worum es geht.

Stellt sich also die Frage nach dem “Ob” und “Wie”. Besteht das Bedürfnis nach mehr Erläuterung? Wie ist der Umgang mit Links? Reicht es aus, auf Quellen zu verlinken, in denen die Materie einfacher dargestellt wird? Folgt ihr solchen Links? Sollten Links unterschieden werden nach Relevanz für das Verständnis der Postings? Ist ein Tutorial sinnvoll, das den Umgang mit Blogs im allgemeinen und Feynsinn im besonderen beleuchtet? Ist eine grobe Einführung in die Hintergründe einzelner Artikel sinnvoll und erwünscht?

Ich würde mich über ein Feedback freuen, vor allem von Lesern und Leserinnen, die hier bislang noch nicht kommentiert haben. Bei der Gelegenheit weise ich noch einmal darauf hin, daß ich Erstkommentare freischalten muß und die Spamfilter gern einiges abfangen.
In der nächsten Stunde können wir dann erörtern, ob ich es mir erlauben darf, spendable Leser um kleine Geschenke zu bitten.

Allmählich wird das peinliche Getue des Barons von Blabla unerträglich. Es hat ja nicht lange gedauert, bis er begann, den Erfolg seiner geholzten Selbstdarstellung mit echter Großartigkeit zu verwechseln. Inzwischen läßt er die Maske fallen und geriert sich als abgehobener Feldherr einer kadavergehorsamen Truppe – und duldet folgerichtig keinen Widerspruch. Daß dieser vom Parlament kam, das die Einsätze beschließt und kontrolliert, muß den wehrmächtigen Kriegsminister schrecklich verwirren. Darum verbittet er sich jede Kritik – denn es ist ja kriegsähnlicher Krieg und er der Befehlshaber. So lange also deutsche Soldaten “verwundet und getötet” werden, soll der Souverän das Maul halten. Demokratie war gestern, hier regiert der KaTe!

Alles Inhaltliche versinkt bei ihm längst in einem Brei schneidigen Geschwafels. Die beinahe turnusgemäße Einsetzung des neuen Generalinspekteurs garniert Guttenberg mit dem Unwort “erstklassiger Soldat”. Jaja, guter Mann! Vorwärts, Kameraden, janz kolossal, erstklassig, hurra!
Daß der Generalinspekteur als bisheriger Generalleutnant schon einer der ranghöchsten Soldaten war, ist völlig normal und versteht sich von selbst. Gibt es unter diesen auch zweit- oder drittklassige? Und würde man das dann wohl zugeben?
Die Leerformel zeigt nur, daß Guttenberg sich selbst für ungemein soldatisch hält und die Generalität gern von oben herab betrachtet.

Wenn er nur ein “Soldat” ist, der Generalinspekteur, hätte ich übrigens gern einen anderen. Ich hätte gern einen vernünftigen Demokraten. Einen Bürger in Uniform, der sich darüber orientiert, welchem Souverän er dient. Einen Diplomaten, der auch einmal nachdenkt, ehe er schießen läßt. Und sogar einen, der “Nein” sagen kann zu sinnlosen Kriegen.

Mein Generalinspekteur wäre einer, der einen Anfall bekommt, wenn er erfährt, daß ein Vorgesetzter, der völkerrechtswidrige Befehle gibt und dabei falsche Tatsachen vorspiegelt, sich des Gehorsams untergebener Offiziere sicher sein kann. Einer, der sich fragt, wieso Offiziere in einem echten Krieg Kindergarten-Codenamen wie “Red Baron 20″ tragen und welche Mentalität dahinter steht.
Ganz sicher ist er keiner, der das Töten und Sterben in aller Ruhe organisieren will. Er würde vielmehr seinen Verteidigungsminister stets daran erinnern, wem sie beide Rechenschaft schulden.

Kinder, was verlangt ihr denn? Bush ist weg, womit eure wichtigste Forderung längst erfüllt ist. Obama kündigt große Taten an und macht zaghafte Bewegungen, die den Eindruck hinterlassen, er wolle sie gar umsetzen. Er legt sich sogar mit den Banken an und versucht sich an einem Regulierungskonzept, das etwa die Bemühungen der Kanzlerin um Längen hinter sich läßt.
Er ist so nah dran wie keiner vor ihm, was die Einführung eines Gesundheitssystems in die mächtigste Wirtschaftsnation der Welt anbetrifft. Das sind Leistungen, die man anerkennen kann, schon weil er von geifernden “Republikanern” umringt ist, denen noch immer auch “Demokraten” zustimmen. Die Amis sind nicht von heute auf morgen klug geworden, bloß weil ihr Präsident lesen, schreiben und reden kann.

Und es ist Krise. Die USA sind ganz vorn dabei, im Vergleich zu den Dimensionen ihrer Probleme geht es den Griechen regulär gut. Wer soll den konsumsüchtigen ignoranten amerikanischen Wählern in diesen Zeiten auch noch beibiegen, daß sie fürs Klima Verzicht üben müssen?
Die “Schwellenländer” lassen sich natürlich erst recht nicht vorschreiben, unter solchen Bedingungen auf den Anschluß an die Weltwirtschaft zu verzichten. Allein Indien und China haben zwei Milliarden Menschen bei der Stange zu halten. Auch eine Diktatur braucht für so viele Leute eine Menge Zeugs, damit die nicht alle erschossen werden müssen.
Daß die Entwicklungsländer nicht ernsthaft zum Sparen animiert werden können, versteht sich schließlich von selbst. Die einen wollen leben, die anderen ihre Palastwachen bezahlen können.

Ob die Europäer sich dazu aufraffen können, ein paar Mittel umzuwidmen, damit Golf- und Atomsstrom weiter für wohlige Wärme sorgen, ist da völlig unerheblich. Der Kontinent, der schon so lange den Rest der Welt ausgebeutet hat, daß ein Krieg zwischen seinen Staaten derzeit undenkbar ist, wird weiterhin ein leuchtendes Vorbild abgeben. Hier werden die großen Ideen entwickelt und in einem Maße verwirklicht, das anderswo schlicht undenkbar ist. Wir werden unsere Bemühungen in Zukunft sogar verdoppeln. Dabei werden wir für keinen Wimpernschlag aus den Augen verlieren, was Freiheit, Demokratie und Wohlstand im Innersten zusammenhält:
Der Schutz des Eigentums.

Man kann alles in Kategorien packen. Kant etwa wußte das und hat sich halbtot kategorisiert. Das war zu seiner Zeit hip, wie Foucault in “Die Ordnung der Dinge” schön aufs Tableau schmiert. Aber das ist alles viel zu kompliziert. Man kann das Leben mühelos in lediglich zwei Kategorien packen, und die sind quasi beliebig wählbar. Das hat übrigens Luhmann exerziert, er wußte bloß nix davon und hat das Ganze noch zwanghafter und daher am Ende noch komplizierter ausgewalzt.

Nehmen wir mal etwas Einfaches: Hitler und Sex. Man kann alles entweder bei “Hitler” oder bei “Sex” einsortieren. Versucht das mal, das geht vorzüglich und paßt auch fein zum Tourette-Syndrom, welches wiederum hervorragend geeignet ist, Aufmerksamkeit zu erregen, obwohl es ganz und gar sinnfreie Texte produziert, die gar nicht so gemeint sind, wie sie allgemein ankommen.

Das viertel vor Nachrichten-Magazin “Spiegel” und sein SpOnheimer Ableger haben sich sehr erfolgreich diese Erkenntnis zunutze gemacht und praktizieren die Hitler/Sex-Kodierung als “Qualitätsjournalismus”.
Mein Lieblingspolitiker unter den Lieblingspolitikern, der übrigens glasklar “Hitler” ist, obwohl er von sich selbt und anderen als “Sex” verkauft wird, hat auch einfache Kategorien, die sich mit “Nobel” versus “Pöbel” benennen lassen, psychologisch sagt der Fachmann auch “ego” vs. “alter”.

“Wüstes Geschrei” nennt er Kritik an seiner Maßanzüglichkeit oder auch “Klamauk”. Der Ernst, die Standeswürde, Adel und Benimm, das ist es doch, was zählt und nicht kleinkarierte Inhalte, Verantwortung und politische Entscheidungen. Dementsprechend wirft er dem demokratischen Bodensatz aus adelsfernen Parteien vor, sie hätten auch wissen können, was er wußte. Die unerheblichen Details, daß die anderen weder Verteidigungsminister sind, noch vom “militärisch angemessenen” Liquidieren gefaselt haben, wird nicht einmal in den Medien diskutiert. Was wissen Leute, die ihre Klamotten von der Stange kaufen, schon von “Anmessen”?

Die Kategorisierung politischen Handelns in “zuständig” oder “verantwortlich” erweist sich derweil als Rückfall in die Moderne, überkommen-romantische Vorstellung des Fußvolks, das noch glaubt, mit seiner “Wahl” von Parlamentariern das Recht behalten zu können, die Regierung zu beurteilen. Hier ist die Kanzlerin aller Regierungsbeamten das Vorbild für das Scheitern jeder Rationalität, für die es noch Kategorien oder eine Sprache gäbe. Im Zweifelsfall ist immer jemand verantwortlich, der nicht zuständig ist oder andersherum. Darüber spricht man dann auch nicht mehr. Kein Subjekt, kein Objekt, ein Adelsprädikat. Die postmoderne Demokratie ist feudal und entzieht sich. Wer das dekonstruieren will, möge sich für einen Promotionsstudiengang “Philosophie” einschreiben – im möglichst weit entfernten Ausland, versteht sich.

Patrick Bahners (FAZ) glaubt, er habe jetzt den Überblick über Guttenbergs Informationspolitik. Leider bin ich nach Lektüre seines Artikels eher noch verwirrter bezüglich der Abläufe nach dem Bombardement. Immerhin bestätigt sich aufs Deutlichste, was ich bereits resümmiert hatte: Es geht ums Töten, wie das in einem Krieg eben üblich ist.

Dazu paßt auch die zeitlich sehr deplazierte Nachricht über den General des Friedens-Nobelpreisträgers. Ein wenig tendenziös formuliert, weil etwa nicht erkennbar ist, von wem das Zitat
Wenn einer der von uns gesuchten Typen in einem Gebäude ist – und mit ihm 34 Zivilisten, dann sterben an diesem Tag eben 35 Leute.” stammt, aber wenn McChrystal mit dieser Mentalität unmittelbar in Zusammenhang zu bringen ist, ist er wohl ein rechter Bluthund. Der Mann ist nicht erst seit gestern Chef im Afghanischen Krieg, ich hätte dergleichen gern früher erfahren – und vor allem differenzierter.

Derweil steigt nicht nur das Militärbudget des Bundeshaushalts unentwegt, seitdem Deutschland von Freunden umzingelt ist, auch die Rüstungsexporte stemmen sich tapfer dem wirtschaftlichen Krisentrend entgegen. Daß es offiziell noch immer eine Exportkontrolle für Rüstungsgüter gibt, im Wirtschaftsministerium nämlich, das Brüderle jüngst von zu Guttenberg übernommen hat, ist wohl eher formeller Natur. Dort hat niemand Bedenken, fröhlich Waffen nach Pakistan und sonstwohin zu liefern, wo man offenbar keine Krisengebiete mehr sieht. Krise ist halt überall und nirgends, je nach Bedarf und wenn’s dem kurzfristigen Wachstum dient.

Deutschland entwickelt sich rasant zur Kriegsnation. Dabei sollte niemand glauben, es sei noch lange keine Militärmacht. Was andere mit Soldaten erledigen, besorgt hier der Exportapparat. Dem stand in der Bundesrepublik traditionell eine gewisse Zurückhaltung entgegen, was die direkte Unterstützung von Kriegsparteien anbetraf. Der Lack ist ab, und daß deutsche Militärs sich nunmehr ohne jede Scham am Töten beteiligen, ist ein Paradigmenwechsel, der die Welt noch weniger friedlich macht. In der Tat stehen wir vor der Entscheidung, ob Deutschland sich zur aggressiven Großmacht entwickeln soll, auch wenn es dabei zugeht wie bei der Echternacher Springprozession.

Völlig absurd ist dabei das ewige Totschlagargument, man müsse den neuen Hitler da und und das nächste Auschwitz dort verhindern, indem man Menschen tötet. Darauf haben wir noch immer sämtliche Urheberrechte, und wenn es ein Volk gibt, das ich nicht im Krieg sehen will, ist es das deutsche. Die ultima ratio in jeder Wirtschaftskrise, das Volk zu den Waffen zu rufen, würde der Welt beizeiten nur wieder vor Augen halten, wer der Meister aus Deutschland ist. Davor bewahre uns, wer immer dann noch dazu in der Lage sein wird.

Was wäre er für eine öde Veranstaltung!
Thomas Fricke macht in der FTD auf das Problem manipulierter Wechselkurse aufmerksam, die er treffend ein “Desaster” nennt. Je nach Perspektive mag man das als ein Detail des organisierten Wahnsinns betrachten oder als hinreichenden Grund für eine radikale Abkehr vom Kapitalismus. Es ist ja kein Zufall, daß Oskar Lafontaine als “gefährlichster Mann Europas” schon vor vielen Jahren und immer wieder feste Wechselkurse gefordert hat. Er ist auch deshalb persona non grata in der öffentlichen Diskussion. Kritik an seiner Position hat nie stattgefunden, die Propaganda hat vielmehr aus allen Rohren gegen einen der wenigen Vorschläge für eine andere Finanzmarktpolitik geschossen. Dabei kam es ihr zupass, daß es eben vom bösen Linken kam. Ansonsten hätte zumindest eine bessere Lösung gesucht werden müssen.

Westerwelle will derweil nichts Anderes als das “Weiter so“, weil seine Klientel davon kurzfristig profitiert. Eine Krise, gegen die dringend etwas getan werden müßte, sehen seine neoliberalen Experten nämlich nicht.
Er erhält in seiner Abneigung gegen eine Finanzmarktsteuer Unterstützung von einem, der auch nichts kapiert hat:

Nach dem G-20-Gipfel in den USA Ende September sagte IWF-Chef Dominique-Strauss-Kahn, die Tobin-Steuer sei eine sehr alte Idee, die heute nicht mehr wirklich praktikabel sei. Seit Tobin vor über drei Jahrzehnten die Steuer vorschlug, hätten sich die Märkte stark verändert, so der IWF-Boss. Er warnte, die Finanzmarktakteure würden sich einfach innovative Instrumente einfallen lassen, um die Steuer zu umgehen.”

Eine mehr als dreißig Jahre alte Idee ist also übers Haltbarkeitsdatum. Ich verweise immer wieder auf das Lambsdorff-Papier, die Blaupause für den deutschen Neoliberalismus, die es immerhin auf stolze 27 Jahre bringt. Diese wird allerdings seitdem in der Praxis von einer Krise in die nächste gejagt, während die Tobin-Steuer nie umgesetzt wurde, geschweige denn weiter entwickelt.
Das sind die Argumente der Genies, die schon so oft den Kopf in den Sand gesteckt haben, daß sie längst nur noch paniert durch die Landschaft marodieren.

Ein wenig kritischer äußert sich Rudolf Maresch bei Telepolis, der einige Ursachen der Dauerkrise benennt, aber einen grundsätzlichen Fehler nicht recht beleuchtet, der aus dem engstirnigen Blick auf angebliche Erfolge des Kapitalismus resultiert. In dem Satz:
Technologie und Kapitalismus hätten zwar den Handel ausgeweitet, die Politik werde aber weiter national betrieben“, klingt das nur kurz an.
Gemeinhin wird nämlich der technische Fortschritt dem Kapitalismus zugute gehalten, als hätte es jenen ohne diesen nicht gegeben, und als sei es nicht die wichtigste Aufgabe einer Wirtschaft der Zukunft, Fortschritt endlich von ungebremster Aneignung abzukoppeln.

Es sind schließlich nicht die Profiteure, die den Reichtum an Erfindungen und Möglichkeiten hervorbringen, sondern die Menschen, die nicht dafür arbeiten wollen, daß wenige davon reich werden. Die Abtrennung fruchtbarer Tätigkeit von jeder Solidarität, wie sie der Kapitalismus so fatal vorangebracht hat, ist ein Problem. Das andere ist die Frage, wie weltweit Menschen in organisierter Weise dazu gebracht werden können, ihr Denken und Schaffen für etwas Anderes einzusetzen als Geld.
Die Frage ist nicht, ob der Kapitalismus zugrunde geht, sondern wie und wann. Und ob es danach noch Menschen gibt, die aus diesen Wimpernschlag der Geschichte etwas lernen können.

Stefan Kornelius stellt für die Sueddeutsche ein Sammelsurium von Hintergründen und Bewertungen über den Bombenangriff auf Menschen zusammen, die sich um die gestrandeten Tanklaster bei Kundus befanden.

Ich hatte unmittelbar nachdem die Nachricht vom Ereignis eintraf eine kurze Debatte mit jemandem, der sofort davon überzeugt war, daß “wir”, die Guten, damit einen schrecklichen Terrorangriff verhindert hätten. Ich gab zu bedenken, daß diese Einschätzung offenbar von eingeübter Lektüre nicht ganz neutraler Berichterstattung herrühre und stellte die Frage, wie gefährlich denn wohl Tankwagen seien, die in einer Sandbank feststecken. Die Antwort war unbefriedigend: Ich könne meine Zweifel ja wohl nicht begründen. Putzig.

Ich habe mich sogar gefragt, ob da nicht einfach bei einer günstigen Gelegenheit jemand Sprit geklaut hätte – wofür auch immer. Es erscheint mir logisch, daß die Ladung besserem Gebrauch zugeführt werden kann, als ineffektive Brandbomben daraus zu basteln. Selbst für einen Anschlag taugen nur fast leere Tanks. Muß ich das jetzt auch begründen? Schwamm drüber.

Wir werden immer klüger. Jetzt wird es offenbar, daß niemand die Absicht hatte, auf Lastwagen zu schießen. Ein Oberst, der nicht durfte, was er tat, eine Flugleitstelle, die nicht wußte, was sie tat, bemerkenswert zurückhaltende Bomberpiloten, ein paar Lügen und eine vermeintlich gute Gelegenheit, Gegner zu töten. Die treibende Kraft, das kann man drehen und wenden, bis bis der Groschen aus der Parkuhr fällt, war ein deutscher Oberst im Krieg. Ein taktischer Vorteil wollte genutzt werden, den sich kein Militär entgehen läßt, um die Hunde in den Hades zu schicken, die einem sonst zuvorkommen.

Mir ist vollkommen egal, wann Herr zu von Guttenberg welches Detail dieser Vorgänge kannte. Von mir aus kann er auch im Amt bleiben oder Bundeskanzler werden. Frau Merkel wird ebensowenig zurücktreten wie die versammelte politisch-mediale Mischpoke, die uns diesen Krieg seit Jahren als friedliche Aufbaumaßnahme zur Verteidigung von Köln-Nippes gegen islamistische Berserker verkauft. Ein Problem haben sie allerdings inzwischen: Die Propaganda zu Sinn und Zweck dieses Krieges wird bald ähnlich erfolgreich sein wie die zur Impfung gegen den Schweineschnupfen. Das ist die gute Nachricht.

p.s.: Ich habe die Besprechung einiger Details des Artikels ausgelassen, die irrelevant, unlogisch und verwirrend erscheinen. Er verliert dadurch zwar immens an aufklärerischer Wirkung, da aber inzwischen aus den Recherchen der SZ fleißig zitiert wird, regelt sich das von selbst.

Barack Obama erinnert mich immer mehr an Gerhard Schröder, und das nicht etwa, weil ich in letzterem den besseren Preisträger sähe. Diese originelle Ansicht vertritt übrigens Gabor Steingart, der nur deshalb kein Geisterfahrer ist, weil er mit einer Fahrtrichtung nicht auskommt und stets ohne Sicht und Gehör von Planke zu Planke schrotet.
Nein, es ist die vage Hoffnung, die man in einen setzt, von dem man meint, er könnte es können und von dem man glaubt, er sei schon deshalb gut, weil sein Vorgänger unerträglich war.

Dabei ist die Rhetorik gerade deshalb verräterisch, weil sie so vernünftig klingt. Realistisch, doch in guter Absicht, macht sie den Menschen Hoffnung und appelliert doch an deren Geduld und Opferbereitschaft. Es sind schwierige Zeiten, und was muß, das muß eben.
Schröder hat nicht nur jeden Kredit verspielt, sondern alle, die ihm Glauben geschenkt haben, enttäuscht, verkaspert und im Regen stehen lassen.
Obwohl Obama von einem anderen Format ist und andere Probleme zu bewältigen hat als Armani-Acker, ist die Lehre zu ziehen, daß spätestens nach der heutigen Rede nichts Gutes mehr erwartet werden darf.

Nicht zufällig bejubelt Springers Welt in einer öligen Predigt den Zwiesprech des US-Präsidenten, der vom Frieden durch Krieg und der furchtbaren Bedrohung Al Qaida salbadert.
Natürlich hinkt der Vergleich. Obama hat die Diplomatie in die Außenpolitik zurückgeholt. Er spricht sich für eine atomwaffenfreie Welt aus. Er will Guantanamo schließen und ein Ende der aktuellen Kriege herbeiführen. Er hat manche Kehrtwende vollzogen der Politik, für die George W. Bush als Verbrecher in die Geschichte eingehen wird.

Ehe Bush nationales wie internationales Recht ignorierte, zertrat und zerbombte, war das, was Obamas Außen-und Sicherheitspolitik ausmacht, aber die Regel und der Konsens zwischen zivilisierten Staaten. Folterlager, Angriffskriege auf der Basis unfassbarer Lügen und sinnlose Rachefeldzüge galten bis dahin als Unrecht und Skandal.
Wenn jetzt nicht von heute auf morgen alles besser wird, dann ist das nicht unbedingt der Obama-Administration anzulasten. Es sind nicht seine Kriege und nicht seine Menschenrechtsverletzungen, so lange er nur ernsthaft nach Lösungen strebt, die er in seinem Amt durchsetzen kann. Dabei ist auch nicht zu vergessen, daß er US-Präsident ist und sicher eine zweite Amtsperiode benötigt, um wirklich die Visionen umzusetzen, die er dem Grauen der Bush-Ära entgegengesetzt hat.

Es mag sein, daß seine teils doppeldeutigen, teils abgedroschenen Einlassungen anläßlich der Verleihung des Friedens-Nobelpreises den Zuhörern in den USA geschuldet sind.
Es ist aber klüger, darauf nicht hereinzufallen wie hiesige Sozialdemokraten auf die Versprechungen eines Gerhard Schröder. Machen wir uns darauf gefaßt, daß die Wende ausbleibt und der neue Kennedy sich als Hund im Schafspelz erweist. Frieden ist weit und breit noch nicht in Sicht, und wenn er dann doch kommt, wird es eine große Freude sein. Bis dahin ist jener Realismus gefordert, den Obama heute selbst eingefordert hat. Demnach gilt:
Wer sich zu früh freut, den bestraft der furchtbarste Militärapparat in der Geschichte der Menschheit.

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