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August 2008


Wie das transatlantische Unsicherheitsbündnis Politik durch Krawall ersetzt und daß es dazu durchaus Alternativen gibt, reißt Hans-Jürgen Schlamp bei SpOn an. Ich kann mich sogar dem Lob für Frank-Walter* Steinmeier anschließen, der noch Diplomat ist – wenn er einmal darf. Der Aufmarsch der Brandstifter in der NATO, in der Bush und seine britischen und osteuropäischen Vasallen Politik als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zelebrieren, macht das ehemalige Verteidigungsbündnis zu einer größten anzunehmenden Friedensgefahr. Sollte sich unter Obama dieser Trend auch nur annähernd fortsetzen, muß der Austritt Deutschlands aus der NATO mit Nachdruck gefordert werden. Was soll überhaupt ein Militärbündnis, das sich krebsartig ausweitet, ohne einen gemeinsamen Verteidigungszweck auch nur sinnvoll definieren zu können?
Interessanterweise verläuft an dieser Stelle ein tiefer Graben zwischen der CDU/CSU und den anderen Parteien. Die Rest-SPD will Steinmeier zum starken Mann aufbauen. Davon kann man halten, was man will, aber wie soll das gehen, wenn eine Witzfigur wie von Klaeden in derselben Regierung ständig seine geballte Inkompetenz im sauren Parfumdunst der Kanzlerin in die Waagschale wirft? Was dieser Wadenbeißer vor sich hin knurrt, würde Merkel gern auch bellen. Den unverbindlichen Aufguß dieses hündischen Getröpfels im Beißbereich von Bush serviert die Kanzlerin auf ihren Welttourneen ungeniert all ihren gequälten Zuhörern. Daß der eigentliche Außenminister nicht energisch einschreitet und sein Revier mit deutlichen Gesten verteidigt, mag ästhetische Gründe haben. Es wäre dennoch sein verdammter Job.
Ich finde Gefallen an der Idee, daß die SPD Steinmeier zum Kanzlerkandidaten macht. Sollte danach die Koalition der Unsäglichen fortgesetzt werden, muß er sich entscheiden: Entweder er outet sich als Totalversager oder die SPD läßt die nächste Runde mit der CDU platzen, weil sie merkt, daß Neoliberalismus allein keine Große Koalition trägt. Mit dieser CDU geht gar nichts, egal wie sehr sich die Spezialdemokraten winden und verbiegen.

*Daß Frank-Walter Steinmeier nicht “Franz-Walter” heißt, wie ich hier regelmäßig gepostet habe, ist wohl niemandem aufgefallen? Ich bitte doch sehr darum, die Kommentarfuntkion zu nutzen, um meine peinlichen Bildungslücken zu schließen. ;-)

Ein höchst interessantes Thema schneidet Wolfgang Koydl bei Sueddeutsche.de an: Der britische Geheimdienst MI5 will gezielt bekennende Homososexuelle anwerben.
Zwei Gegensärtliche Aspekte spielen dabei angeblich eine Rolle:
- “Seit den Terroranschlägen auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005 hat sich die Zahl der MI5-Mitarbeiter mehr als verdoppelt. Vor allem britische Muslime und Kandidaten mit Kenntnissen orientalischer Sprachen wurden gezielt angeworben. Ben Summerskill, Vorsitzender von Stonewall ["Großbritanniens führende Homosexuellen-Lobby"], glaubt, dass der Geheimdienst nun Homosexuelle umwirbt, weil auch sie mehr “Erfahrung darin haben, mit Leuten umzugehen, die anders sind”, als die Mehrheit der Gesellschaft” und
- “Ein ungenannter Sprecher, der offenbar MI5 vertrat, stimmte zu: “Der Dienst strebt an, das ganze Spektrum der britischen Gesellschaft widerzuspiegeln, der er dient.” Auch Summerskill glaubt allerdings nicht an eine rasche Transformation. “Ich bin optimistisch, dass das Personalprofil von MI5 dem des modernen Britannien ähneln wird”, meinte er. Wann? “In zehn bis 15 Jahren.”
Wenn ein Inlandsgeheimdienst neben Muslimen auch Homosexuelle anwirbt, läßt das in Zeiten des Terrowahns und der Aufrüstung im Überwachungssektor nichts Gutes ahnen. Während Homosexuelle und andere diskriminierte Minderheiten sich organisieren und damit offener werden, mag dahinter die Furcht stecken, daß sich Netzwerke bilden, zu denen die Geheimdienste bislang keinen Zugang haben. Man traut ihnen nicht. Solange sie im Verborgenen ihren unmoralischen Neigungen nachgingen und als erpressbar galten, wähnte sich die staatliche Sicherheit sicher vor ihnen. Jetzt, da sie sich nicht mehr schämen und selbstbewußter leben, bilden sie eine offensive Subkultur. So etwas muß überwacht werden können.
Ein bißchen weniger Staat im Staate wäre andererseits eine Exekutive, die sich nicht mehr in einer Atmosphäre des Common-Sense, der schulterklopfenden Einheitsmeinung einbunkern könnte. Gerade in der neuen Blütezeit des Feindstrafrechts kann es den Bürgerrechten Vorschub leisten, wenn nicht des Spießers Abneigung unmittelbar in die Verfolgung der “Anderen” mündet – weil diese mit am Tisch sitzen.
Es wäre hilfreich gewesen, hier den Zusammenhang mit internationalen Überwachungsmaßnahmen herzustellen: “Zur Terrorabwehr sollen Deutschland und die USA künftig auch Informationen über das Sexualleben eines Verdächtigen oder seine Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft austauschen können“,heißt es in einer Meldung von April dieses Jahres. Wenn sich also “Verdachtsmomente” und Anwerbungskriterien von Geheimdiensten decken, kann ich darin nicht wirklich einen “Meinungsumschwung” entdecken. Das Gegenteil steht zu befürchten.

Sie weiß nicht, was sie tut. Georgien, ausdrücklich gar dem Hasardeur Saakaschwili weiterhin die NATO-Mitgliedschaft zu versprechen, ist weder zu verstehen noch zu verzeihen. Sie sollte sich dringend mit der Geschichte des ersten Weltkriegs beschäftigen, um zu sehen, wohin eine tumbe Bündnispolitik in ewigen Krisenregionen führt. Man stelle sich nur einmal vor, die NATO wäre verpflichtet gewesen, in Georgien einzugreifen. Sie hätte dann die Wahl gehabt, sich als Bündnis lächerlich zu machen oder den dritten Weltkrieg zu riskieren.
Die ganze Vorgeschichte der Georgien-Krise ist eine einziges Desaster für die Bush-Administration und den ihr Hörigen, zu denen offenbar auch Merkel gehört. Säbelrasseln, Großmannssucht, das Päppeln eines weiteren Nützlichen Idioten und die flankierende Provokation einer Anerkennung des Kosovo sind die großartigen Leistungen einer Politik, die “Diplomatie” nicht einmal mehr buchstabieren kann. Ausgerechnet Russland derart vors Schienbein zu treten, zeugt von Realitätsverlust und Größenwahn. Spätestens nach der zu erwartenden Reaktion der militätischen Weltmacht sollte deutlich geworden sein, daß dieser Weg in die Katastrophe führen muß.
Bush kann das egal sein, wenn er überhaupt noch ein Sensorium für die Welt hat, in der er lebt. Er wird bald nicht mehr Präsident sein, und es ist zu hoffen, daß es dann noch Luft gibt, die man beim Aufatmen einatmen kann.
Merkel wird dann noch immer im Amt sein. Ihre Vasallentreue zu Bush, den sie mit “Amerika” gleichsetzt, wird sie dann hoffentlich einholen. Vielleicht wird sie einem schwarzen Präsidenten nicht derart die Stiefel lecken, aber es ist zu erwarten, daß sie ihren fatalen Kurs dann nicht gegen Amerika, Russland und den Rest der Welt fortsetzen wird. Vernunft wird auch dann nicht bei ihr einkehren, sie darf aber einfach wieder tun, was alle anderen tun.
Ich halte nicht allzuviel von Franz Walter Steinmeier, aber ich frage mich schon, ob es nicht besser gewesen wäre, ihn selbst seinen Job machen zu lassen. Zwar schwadroniert auch er wider besseres Wissen von “territorialer Integrität”, die in der Kosovofrage völlig ohne Belang war, aber immerhin weiß er, mit wem er es zu tun hat. Wäre er wirklich Außenminister, würde er zurücktreten und seine Partei auffordern, diese Koalition zu beenden. Was Merkel da treibt, ist auf schrecklichste Weise lebensgefährlich.

Wer Arbeit will, findet auch welche: Die TAZ berichtet von illegalen Jobs in Callcentern, die Arbeitslosen “angeboten” werden. Halbseidene Ausbeuter werden von der “Arbeitsagentur” nicht nur subventioniert, die Mitarbeiter werden ihnen unter Druck und Zwang zugeführt. Während den Hartz-IV-Empfängern die sofortige Kürzung des Existenzminimums droht, schmeißt man auch den Betrügern aller Branchen das Geld und die Leute in den Rachen, kontrolliert wird – vielleicht – später:
Bei einer Überprüfung der Inserate sei man am Freitag auf rund 25 Angebote aus dem Bereich Lottowerbung und Kaltaquise gestoßen. Man sehe aber keine Möglichkeit, diese zu beseitigen, sagte ein Sprecher. Es müsse zunächst geprüft werden, ob tatsächlich “ein Rechtsverstoß vorliegt”. Dafür allerdings benötige man Einblick in die Unterlagen der Firmen, was ohne rechtliche Befugnis nicht möglich sei. [...]
Mit Blick auf Jobs bei Lotto-Call-Centern könnten sich Hartz-IV-Empfänger so in einer Notsituation befinden: Entweder arbeitet man für eine illegale Firma oder muss auf Geld verzichten
.”
Die rechtliche Befugnis zur Entlarvung von Abzockern ist nicht vorhanden, also werden alle als seriös eingestuft. Anders herum geht das bei den “Geforderten”. Hartz 2008: Zwangsarbeit in illegalen Callcentern, gefördert durch öffentliche Mittel und abgespart vom Mund der Ärmsten.
Eine weitere grandiose Idee aus demselben Irrenhaus ist die Vermittlung von tausenden Unqualifizierten in die Altenpflege. Vier Wochen durchlauferhitzt und gewissensgeprüft, will man Langzeitarbeitslose auf Pflegebedürftige loslassen. Die Qualität der Pflege kommt dabei ebenso unter die Räder, wie die schon heute miesen Bedingungen in Pflegeberufen noch verschlimmert werden. Was nämlich angeblich “entlasten” soll, führt nur dazu, daß der physisch und psychisch knallharte Knochenjob in Zukunft noch schlechter bezahlt wird. Der Kostendruck wird dazu führen, daß an ausgebildeten Pflegekräften gespart wird. Das betrifft Qualität wie Quantität. Die Situation in Pflegeberufen ist bereits unerträglich, die Entlohnung der Pflegenden ist ein Schlag ins Gesicht angesichts ihrer Belastung. Es wäre also dringend erforderlich, das Arbeitsumfeld zu verbessern, durch deutlich höhere Löhne, eine Aufwertung der Pflege gegenüber der Ärzteschaft und eine Entlastung der Pflegekräfte im beruflichen Alltag.
Die Zuführung von unausgebildeten Arbeitslosen, die sicher auch unter Zwang ablaufen würde, hätte zur Folge, daß die Struktur sich stattdessen noch einmal verschlechtert: Von unten nach oben gäbe es dann die Hartzer, die Pflegehelfer und die vollausgebildeten Pflegekräfte. Drei Stufen ganz unten, keiner hat etwas zu melden, alle werden miserabel bezahlt. Wünschenswert womöglich: Diese Hierarchie unter den Lohnsklaven sorgt dafür, daß sich das Prekariat gegenseitig die Augen auskratzt. Sie hätten ohnehin nicht die Zeit und die Kraft, sich solidarisch zu organisieren.
Damit ist noch kein Wort verloren über die anderen Opfer dieser Attacke auf die Menschlichkeit: Die Pflegebedürftigen. Auch sie sind nur Kostenfaktoren. Solche zu eliminieren, ist ja das Ziel neoliberaler Wirtschaftsorganisation. Es wird funktionieren.
Dazu paßt ganz vortrefflich, daß der große Betrieb zur Vermarktung des Lebens, vulgo “Politik”, ein Comeback eines Helden der Solidarität und des sozialen Miteinanders beschreit. Franz Münterfering, Ikone der heiligen Reformen, muß wieder ran, fordern aktuell u.a. Sigmar Gabriel und Daniel Cohn-Bendit. Das wäre achsogut für die SPD, ihre Wahlchancen, die Strategie, die Reformen, die Umfragen, die Glaubwürdigkeit, die Währungsstabilität, das Wachstum und sicher einige hundert weitere Substantive aus der Zwischenablage der einschlägigen Propagandisten. Zwei sind freilich nicht dabei: Solidarität und Menschlichkeit. Das ist halt der Preis, wie’s scheint, wenn die Freiheit gegen den Sozialismus verteidigt werden muß.

[update:] Dazu ebenfalls lesenswert:
- Ein Schmarotzer tot, der andere obdachlos (via Amok Koma)
- Leistungsträger, ihre Krawatten und sonstige Leistungen

Die Bush-Administration versucht, mit olivgrünen Hilfsgütern “Vertrauen zu schaffen“, meint der “Focus”. Daß dahinter eine weitere irrwitzige Provokation der kalten Krieger aus der Bush-Truppe steckt, kommt ihnen nicht in den Sinn.
Hätten die Russen Humor, würden sie Cuba fix hochrüsten und sie animieren, in Puerto Rico einzumarschieren. Kost’ ja nix. Sicher hätten die westlichen Medien vollstes Verständnis dafür und würden eine Intervention der USA als brutalen Akt der Aggression brandmarken.
Derweil deutet sich eine Lösung des Georgien-Problems an. Saakaschwili verzichtet auf Abchasien und Südossetien, dafür bekommt sein stolzes Land einen neuen Namen und wird US-Bundesstaat. Georgewia ist damit automatisch in der NATO – und endlich sicher vor den russischen Kriegstreibern.

In der Frage um ein sogenanntes “Linksbündnis”, die schon falsch gestellt ist, weil der Begriff von der Agenda-Presse eine Art Ersatz für “Volksfront” darstellt, fällt auf, daß Blockaden, die früher von anderen gegen die SPD errichtet wurden, inzwischen von der Partei selbst betrieben werden. Es ist eigentlich ganz einfach, auf Vorwürfe der Rechten oder Neoliberalen zu reagieren. Mit der Frage nämlich: “Warum nicht?”. Damit wäre nicht nur ein unsinniges Tabu abgetan, sondern es wäre eine Diskussion eröffnet, an deren Ende eine vernünftige Entscheidung stehen könnte. Daß diese Dikskussion nicht soll stattfinden dürfen, führt unter anderem dazu, daß die womöglich vernünftigen Gründe gegen eine Koalition von SPD und LINKEn ebensowenig zum Zuge kommen wie vernünftige Gründe dafür. Das Ganze wird stattdessen als Konfrontation ideologischer Blöcke aufgeführt, deren “Argumente” sich in Machtperspektiven und faden moralischen Appellen bescheiden. Ein Exempel für solche Machtkalkulationen und deren Absurdität bringt aktuell die Sueddeutsche. Zu den Aussichten eines Versuches, Ypsilanti zur Ministerpräsidentin in Hessen wählen zu lassen, erklärt Thorsten Denkler:
Die Bundesspitze der Partei liegt ihr weiter im Nacken, die Idee fallenzulassen. Sie befürchtet negative Wirkungen für die anstehenden Wahlkämpfe, vor allem den Bundestagswahlkampf 2009. Offizielle Linie ist: Die SPD-Landesverbände dürfen selbst entscheiden, mit wem sie Koalitionen eingehen. Im Bund aber werde es aber kein Bündnis mit den Linken geben.
Damit die Wähler das auch glauben, wäre es jedoch kontraproduktiv, wenn es in Hessen zu Bündnisabsprachen zwischen Linken und SPD kommen würde.”

Eine sich nicht wirklich einige Bundesspitze aus Parteivorstand und Bundestagsfraktion gibt eine “Linie” vor. Quintessenz: Wir sind uns nicht einig, entscheidet ihr das. Daraus soll nun aus Rücksicht auf eine Bundestagswahl folgen, daß die 16 Landesverbände trotzdem allesamt lieber die CDU an der Regierung halten sollen, anstatt Alternativen auszuloten?
Der Grund sei, daß man “im Bund” “glaubwürdig” bleiben wolle. Das sagen außerhalb der SPD diejenigen, die ihr jede Machtperspektive rauben wollen und sie auf einen neoliberalen Kurs festlegen. Ein Sozialdemokrat, der auch nur den Ansatz von Eiern in der Hose hätte, würde sich das selbst dann verbitten, wenn er gar nicht die Absicht hätte, mit der LINKEn zu koalieren. Tatsächlich aber läßt sich die Rest-SPD von der Minderheit ihrer neoliberalen U-Boote denselben Unsinn aufdrängen. Die Causa Clement hat erfrischend deutlich gezeigt, wer da mit wem im Clinch liegt, aber anstatt das auszutragen, wird so getan, als sei der antilinke Kurs Konsens. Nonsens. Wer das als “Glaubwürdigkeit” verkauft und verlangt, alle Sozialdemokraten Deutschlands sollten sich dem anschließen, hat sie nicht mehr alle.
Man muß kein Historiker sein, um den Niedergang der SPD, den Verzicht auf Sachdiskussionen und die Zerrissenheit der SPD nach Schröder zu verstehen. 1999, Schröder war gerade gewählt, hat Herrmann Scheer dem “Freitag” ein vielsagendes Interview gegeben. Schon damals war ein Problem ersichtlich, das sich inzwischen zum Desaster ausgewachsen hat. Die Perspektiven für ein rot-grünes Projekt waren gut, der Eishauch des Neoliberalismus lähmte aber bereits die Politik. Zwar hatte die SPD vollständig darauf verzichtet, sozialdemokratische Reste der SED/PDS zu integrieren, dennoch ließ sie sich von einem pseudomoralischen Dilemma ins nächste treiben. Als Lafontaine 1990 die politische Vereinigung der wirtschaftlichen vorziehen wollte, wurde er als “Vaterlandsverräter” gegeißelt. Schon die Möglichkeit von rot-grünen Koalitionen war zuvor als kommunistische Machtübernahme diskreditiert worden, und überhaupt ließ sich die damals noch durchaus sozialdemokratische Partei ständig vormachen, sie sei nur staatstragend genug, wenn sie Politik machen würde, die auch von der Springerpresse sanktioniert wurde. Scheer brachte das treffend zum Ausdruck:
Das ist das klassische Problem der SPD. Sie hat ihre größten Fehler immer aus mangelndem Selbstbewusstsein gemacht. Das ist das alte Bismarck-Syndrom. Es wirkt bis heute. Ein nationaler Inferioritätskomplex, der mit den “vaterlandslosen Gesellen” beginnt. Eigentlich ein Trick Bismarcks: der wusste, Fürstenherrschaft lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn man sich an die Spitze der Bewegung zur Reichseinigung setzt und sie konservativ formt. Die demokratische Opposition der jungen SPD war gegen die Fürstenherrschaft und auch gegen eine kleindeutsche Lösung, und wurde als vaterlandslos denunziert, obwohl sie die demokratische, aber eben nicht die Bismarcksche Lösung wollte. Dann kamen Dolchstoßlegende, Notverordnungstrauma – die deutschen Konservativen haben immer mit psychologischen Waffen in dieser Wunde gebohrt, die eigentlich eine Bismarcksche Erfindung war.
Die neoliberale Propaganda traf die SPD daher dreifach.
- Der zahnlose Staat, der als Zuträger der Konzerne nur noch für “gute wirtschaftliche Bedingungen” zu sorgen hat, verliert jedes Selbstbewußtsein, wenn er sich darauf einläßt.
- Die SPD als Partei, die für eine kontrollierte Wirtschaft eintritt, mußte sich demnach also gegen “gute wirtschaftliche Bedingungen” stellen, wenn sie ihre Positionen aufrechterhalten wollte. Sie durfte nicht “den Staat” gegen “die Wirtschaft” schützen. Aus diesem Dilemma hätte es nur einen Ausweg gegeben, nämlich die selbstbewußte Positionierung gegen eine Ideologie, die ihr diese Probleme aufhalst.
- Mit Schröder wurde aber ein SPD-Mitglied Kanzler, der diese neoliberale Ideologie in die Partei selbst hineintrug.
Von da an gab es keine eigenständige sozialdemokratische Politik mehr. Der plumpe Trick, mit dem die Agenda-Sozen ihren Kurs immer weiter radikalisierten, war die Drohung mit dem Machtverlust. Schröders Kurs sei erfolgreich gewesen, er habe schließlich zwei Wahlen gewonnen. Das aber ist schlicht gelogen.
An die Macht kam der Genossenboß in einer Situation, in der die deutschen die Nase voll hatten von Kohls selbstgefälliger Politik der Machtworte und Geldkoffer. Daß die SPD die Wahl 1998 gewinnen konnte, verdankt sie einem Vorsitzenden, der die Sozialdemokraten nach dem Scharping-Elend daran erinnert hatte, daß sie noch eine starke Partei waren. Wie sehr sich Lafontaine verkalkuliert hatte, wurde kurz darauf deutlich. Der Mohr konnte gehen.
Die folgende Bundestagswahl hätte Schröder beinahe verloren. Die Oderflut, der Irakkrieg und die Verheimlichung der Wahrheit hinter der “Agenda” führten zum knappen Wahlsieg. Hartz hatte im Auftrag Schröders Wunder versprochen, die sich nicht erfüllten. Zwar sank die Zahl der Arbeitslosen nicht, geschweige denn hätte es das große Jobwunder gegeben, aber dafür wurde recht schnell klar, auf wessen Kosten da “reformiert” wurde. Es wollte trotzdem niemand Frau Merkel im Amt sehen. Dennoch gelang es dem offenbar bereits von Gazprom eingekauften Schröder, die Wahl zu verlieren. So viel zum Erfolg des großen Armani und seiner Agenda-Politik.
Was sich allerdings als äußerst erfolgreich erwiesen hat, ist das Netzwerk der Neoliberalen in Politik und Medien. Eine Kursbestimmung sozialdemokratischer Politik außerhalb der LINKEn ist unmöglich geworden. Die Schröderaner, Seeheimer und Netzwerker bestimmen die öffentliche Debatte um die SPD. Die Große Koalition hemmt jede Entfaltung genuin sozialdemokratischer Positionen. Es wurde ein Parteiprogramm verabschiedet, das nicht ein Blatt Papier wert ist. Von “demokratischem Sozialismus” wird dort schwadroniert, was die Journaille prompt als “Linksruck” verkauft hat. Es wäre vielleicht einer, aber wen in der SPD interessiert schon das Parteiprogramm?
Die LINKE wird derweil aggressiv tabuiert, obwohl es seit Jahren Koalitionen mit der SPD gibt. Eine halbwegs sachliche Diskussion des Vereinigungsprozesses findet nicht statt, die LINKE ist DDR und Schießbefehl, Lafontaine wird permanent mit Honecker assoziiert und als “Demagoge” gefeiert. Dies ist übrigens auch Georg Diez in der Sueddeutschen aufgefallen, der gegen den Muff im eigenen Haus mehr Kritikfähigkeit einfordert.
Das aber ist des Pudels Kern: Kritik und Debatte sind nicht gefragt. Führen und Folgen, Dekretieren und Abnicken sind die Pfeiler der Macht, um die alles sich drehen soll. Daß das nicht funktionieren kann in einer Demokratie, schon gar nicht bei der Sozialdemokratie, wollen zu viele noch immer nicht wahrhaben. Es ist eine Frage der Zeit, eher über kurz als lang, bis sich diese Erkenntnis durchsetzen wird. Das, was von der Sozialdemokratsichen Partei dann noch übrig ist, wird mit viel Glück wieder singen dürfen, wenngleich Sonne und Freiheit in weiter Ferne sind. Der neue Titel ist längst geschrieben: “Auferstanden aus Ruinen”.

Der 10.08. 2008 war ein besonderer Tag für Hans-Jürgen Jakobs, den “Spiegel” und das doofe Internet.
Jakobs reicht dem Spiegel genüsslich und mit Recht einen rein, ist dessen Holzausgabe mit dem quasi abkekupferten Titel doch ein erfrischendes Beispiel für das, was die Geisterfahrer aus dem Elbtunnel selbst anprangern: “Copy & Paste”-Getexte. Ein gelungener Punch, sollte man meinen.
Schmerzhaft für den aufmerksamen Chefredakteur der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung ist allerdings der Leberhaken, den ihm eine simple Google-Abfrage versetzt. Stefan Niggemeier hat ihn bereits im November 2006 dabei erwischt, wie er drei Artikel mit dem gleichen Versatzstück einer müden Rhetorik beginnt. Si tacuisses [Wenn du geschwiegen hättest]… ?
Nein, es ist gut, daß er nicht geschwiegen hat. Er hat ja recht, in bezug auf den Spiegel, auf sich selbst und das doofe verblödende Internet. Das Netz, sein Gedächtnis und diejenigen, die damit umgehen können, sind das Potenzial eines Fortschritts, der durch Versuch, Irrtum und Korrektur die Kommunikation voranbringt. Wenn man denn bereit ist, zu lernen. Eine gute Gelegenheit für den Journalismus, denen ein bißchen Respekt zu zollen, die das große Netz bevölkern – und sich jederzeit an ihr Geschwätz von gestern erinnern lassen.

Nachdem ich heute einen weiteren Kommentar des Seeheimer-Fanblogs nach devnull gespült habe, fiel mir auf, daß Lana Still in der TAZ vor einem guten Monat über eben dieses ein Artikelchen veröffentlicht hat. Es ist erkennbar, daß sich die Autorin nicht lange mit Lesen aufhält und auch keinen Plan hat, was ein politisches Blog ausmacht. Derselbe Müll, den man in allen Holzmedien und ihren Ablegern aufgetischt bekommt: Ein paar unqualifizierte Bemerkungen werden mit Zitaten eines A-Bloggers (Markus Beckedahl von netzpolitik.org) garniert. Kuhjournalismus halt: Fressen, was alle fressen, hochwürgen und wieder schlucken, was dabei nicht zufällig zurück auf die Wiese sabbert. Die Ignoranz, mit der diese Pfeifen ihre Ahnungslosigkeit zelebrieren, ist flächendeckend preiswürdig. Wellcome to the club, TAZ!
Das angebliche “Watchblog” reiht stramm agendasoldatische Texte über die SPD aneinander und verlinkt außer sich selbst nur die Mainstream-Medien, eine Blogroll gibt es ebensowenig wie eine Kommentarfunktion. Von daher kann sich der bemühte Betreiber auch die Anstrengung sparen, hier seine dümmlichen Zweisatzkommtare abzuseilen.

Ein “NATO-Partner” sollte Georgien werden, eine völlig absurde Idee, wie sich jetzt in entsetzlicher Deutlichkeit zeigt. Ich finde dafür keine passenden Worte, was daran liegen mag, daß mir immer klar war, was “Krieg” bedeutet.
Worum es geht, sagt der Spiegelfechter.

SpOn titelt ohne jede erkennbare Ironie:

Bush fordert von China Achtung der Menschenrechte

Bush! Menschenrechte! Schönen Tag noch!

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