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Mai 2007


Beim G-8 Gipfel kommt nicht jeder rein. Die Bundesregierung überläßt offenbar dem BKA die Entscheidung darüber, wer eine Akkreditierung erhält und wer nicht. Das BKA wiederum geht dabei so transparent vor wie wir das von lupenreinen Demokraten kennen: Niemand erfährt, warum einige Journalisten nicht dabei sein dürfen, aber es ist offensichtlich. Von der TAZ etwa kann man keine Hofberichterstattung erwarten, darum wird sie zuerst ausgeladen.
Die perfide Provokation der permanenten Rechtsbeugung macht auch nicht vor der Pressefreiheit halt. Es wird denen da unten ganz deutlich gezeigt: Wenn wir wollen, habt ihr gar keine Rechte. Das kann auch heißen: Wenn ein Despot, den wir aus wirtschaftlichen Gründen als Gast begrüßen, keine schlechte Presse will, dann regeln wir das so. Versuchen kann man’s ja, wenn man mit Zweidrittelmehrheit regiert. Die CDU hatte schon immer einen Hang zum Autoritären, und ganz staatstragend machen auch die Sozialdemokraten das mit. Am Ende bleibt dabei dabei ganz viel Staat und furchtbar wenig Recht. Die Saat ist gesät, man schaut, wie weit man gehen kann. Und auf jeden Schritt folgt der nächste.

Das Interview des SPIEGEL mit der Generalbundesanwältin Harms ist schon einige Tage alt, und einige Passagen wurden schon häufig zitiert. Ich will mich mit dem Rest aber auch noch beschäftigen, weil es nicht nur ausnahmsweise zeigt, daß der SPIEGEL noch bissig fragen kann, sondern auch, weil es absolut entlarvend ist.

Harms: “Leute, die aus politischen Gründen den Staat in organisierter Weise mit Gewalt überziehen und seit Jahren Brandanschläge im Raum Hamburg und Berlin initiieren, sind nach dem Gesetz Mitglieder einer terroristischen Vereinigung.

Das ist die Grundlage für die Rechtfertigung aller folgenden Maßnahmen, von Durchsuchungen über Geruchsproben bis hin zur Postüberwachung. Die Unterscheidung zwischen überführten oder verurteilten Kriminellen und Verdächtigen ist Frau Harms wohl zu anstrengend.

Harms: “Es gibt Anleitungen für Brandanschläge und Camps, in denen Blockaden und militante Aktionen für Heiligendamm trainiert werden. Sollten wir im Hinblick auf die Serie von Brandanschlägen wirklich die Hände in den Schoß legen, obwohl wir dem Legalitätsprinzip verpflichtet sind?

Alles eine Pampe, die “es gibt” (wo eigentlich? von wem?). Oben noch Terroristen, hier schon die Planung von Blockaden. Soll man da die Hände in den Schoß legen? Nein, feste druff, irgendwas trifft man schon!

Harms:”In den Verfahren liegt zwar kein dringender Tatverdacht vor, aber ein Anfangsverdacht, und jetzt muss man abwarten, was bei der Auswertung herauskommt.

Aha, Anfangsverdacht auf Blockade. Vielleicht sollte Frau Harms doch besser die Hände in den Schoß legen. Oder noch besser: Vor den Mund.

Harms: “Die Gruppen, die so etwas machen, solidarisieren sich sowieso miteinander, auch ohne Durchsuchungen.

Nein, diese Gruppen! Was die sich immer am solidarisieren sind! Heißt was? Statt einer Analyse Stereotypen, statt Differenzierung naives Geplapper. Gefragt worden war eigentlich nach dem Effekt einer übereifrigen Exekutive. Die hat keinen Effekt, meint Frau Harms. Daß sie keine Ahnung hat, stellt sie noch deutlich unter Beweis.

Harms: “Ist Ihnen, als Sie jüngst über die RAF und vermeintliche Fehler des Staates berichtet haben, durch den Kopf gegangen, dass Sie dadurch eine Solidarisierung mit dem Gedankengut der RAF bewirken könnten?

Schenkelklopfer. Der SPIEGEL als Kaderschmiede der nächsten Stadtguerilla. Das meint die Frau ernst!

Harms: [zu der Abnahme von Duftproben] “Solche Proben haben wir nur bei fünf Beschuldigten genommen – und zwar aus einem konkreten Anlass. Wir haben es mit außerordentlich konspirativen Gruppen zu tun. Da müssen wir alle zur Verfügung stehenden legalen Ermittlungsmethoden nutzen.
Aus konkretem Anlaß, und nur fünf. Sehr gnädig, es hätten ja auch fünfzigtausend sein können, nur so aus Spaß. “Außerordentlich konspirativ” – welch ein leeres demagogisches Gefasel!

Harms: “Hier geht es doch nicht um Oppositionelle wie einst in der DDR, sondern um Straftäter, die nach Brandanschlägen Bekennerschreiben verschicken. Wenn diese Briefe besonders duften, ist das ein Ermittlungsansatz, dem wir nachgehen müssen.

Wenn Straftäter duftende Bekennerbriefe schicken, ist es um dieses Land geschehen. Und dem Ermittlungsansatz muss man nachgehen? Weil er einer ist? Dann kann das BKA sicher noch eine Menge von der Stasi lernen.

Harms: Einen Computer sollten wir im Einzelfall und unter engen Voraussetzungen auch einmal heimlich durchsuchen dürfen, weil in dem Moment, in dem man eine Festplatte offen durchsucht, der Beschuldigte und mögliche Mittäter gewarnt sind.”
SPIEGEL: Das gilt doch für Hausdurchsuchungen ebenso. Wollen Sie die künftig ebenfalls heimlich gestalten?
Harms: Nein, das sieht das Gesetz nicht vor.

Gut gefragt! Und was fällt der Generalinquisitorin ein? Daß es das Gesetz nicht vorsieht. Sie hat nicht etwa jedwede Einwände gegen heimliche Hausdurchsuchungen, es ist nur noch nicht soweit.

Wir werden doch schon jetzt überall erfasst: mit der Kreditkarte oder der Versicherungsnummer, etwa beim Arzt. Wir sind auf dem Weg zum gläsernen Menschen.

Ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist die Welt der Monika Harms. Das ist das postdemokratische Überwachungsparadies, und sie ist die Chefanklägerin. Dieser politisch unterbelichtete GAU einer Beamtenseele marschiert wie ein Zombie durch den Rechtsstaat und wartet nur auf weitere wahnsinnige Ideen, die sie exekutieren lassen kann. Etwas besseres konnte Schäuble nicht passieren. Der einzige Trost: Sie hat keinen Plan, was in ihrem Stall vorgeht, wer sie ist und welchen Job sie da eigentlich tut:

SPIEGEL: Ihr Haus kennt die Aussagen doch schon seit 1982.
Harms: Das sagen Sie.
SPIEGEL: Das sagt die Bundesregierung.

Geht’s noch peinlicher? Man muß ja nicht alles wissen, aber nix ist mager. Einen noch: Zum Komplex RAF gibt es Fragen, und der SPIEGEL fragt. Harms antwortet nicht, bzw.:

Harms: “Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich es nicht weiß.”
Harms: “Ich weiß das nicht,[...]
Harms: “Auch das weiß ich nicht. Ich war damals nicht dabei.
Harms: “Die historische Wahrheit interessiert Historiker [...]

Sie selbst interessiert es nicht. Nicht, was aus den Aktionen der Behörden folgt, nicht, was aus der Vergangenheit zu lernen wäre, nicht, welche Methoden einer Diktatur entstammen. Gesetz ist Gesetz, alle Mittel werden eingesetzt, und man läßt die Hände nicht im Schoß liegen, wenn es Verdächtige gibt. Die Eichmänner sind auch im Jahr 2007 nicht ausgestorben, und manchmal sind sie eben Frauen.

Ein Artikel der TAZ berichtet u.a. über die Abwicklung von BenQ, und daß ehemalige Mitarbeiter Gehalt in Form von Sonderzahlungen zurückerstatten müssen, um die Ansprüche der Gläubiger zu befriedigen. Darunter sei übrigens so ein armer Schlucker wie der Ballzauberer Ronaldo. Wirklich nett fand ich die Idee, darin die Werbung von Siemens zu plazieren. Ich habe das sofort per Screenshot verhaftet. Inzwischen ist das Banner leider verschwunden.

siemens

Wie man nicht nur sein Gewissen, sondern auch seinen Verstand einsetzen und infolge dessen gegen die eigene Regierung stimmen kann, demonstriert Jörg Tauss (MdB, SPD), der sich mit dem “Strafrechtsänderungsgesetz zur Bekämpfung der Computerkriminalität” so gar nicht anfreunden konnte [via SD&CC]. Obwohl es sich nur um eine “politische Sachfrage” handelte, konnte Herr Tauss sich also von der Koalitionsdisziplin freimachen, weil er nicht einem Schmarrn zustimmen wollte, der vermutlich eh wieder vom BVG kassiert werden wird. Da ich prima meckern kann, wenn Abgeordnete stumpf jeden Mist abnicken, der ihnen von den Granden vorgesetzt wird, will ich daher den Abgeordneten Tauss hiermit ausdrücklich loben. Leider wird aus dem jetzt nix mehr, schade.
Selbstverständlich wurde das Gesetz trotzdem durchgewinkt. Die Folge: Wer demnächst etwas programmiert, das sich irgendwie als “Schadsoftware” nutzen läßt, macht sich strafbar. Dabei steht der “Zweck” der Software im Mittelpunkt. Ist der Zweck illegal, so ist das Programmieren strafbar:
Wer eine Straftat nach § 202a oder § 202b vorbereitet, indem er
1. Passworte oder sonstige Sicherungscodes, die den Zugang zu Daten (§ 202a
Abs. 2) ermöglichen, oder
2. Computerprogramme, deren Zweck die Begehung einer solchen Tat ist,
herstellt, sich oder einem anderen verschafft, verkauft, einem anderen überlässt, verbreitet
oder sonst zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit
Geldstrafe bestraft.
Hier wird also vom Programmierer verlangt, die Absichten seines Auftraggebers zu prüfen und zu bewerten bzw. im Zweifelsfall die Arbeit zu veweigern. Ebenso ergeht es einem Händler, der dem Bösen das gefährliche Werkzeug verkauft. Würde man dergleichen etwa auf Werkzeuge ausdehnen, die geeignet sind, Einbrüche zu begehen, müßte man morgen jeden Baumarktleiter verhaften und natürlich alle, die Seitenschneider, Brecheisen und dergleichen herstellen. Alles für die Sicherheit!

Zum vorläufigen Abschluß der Doping-Serie in diesem Blog zunächst eine Erklärung für diejenigen, die Radsport für irrelevant halten und sich fragen, was Feynsinn damit zu tun hat: Der Grund liegt in dem unerträglichen Blödsinn, der durch die Medien “kommuniziert” wird. Dem muß einfach widersprochen werden.
Heute komme ich zu der Konsequenz, die m.E. aus den gegenwärtigen Zuständen folgen sollte: EPO muß freigegeben werden. Dazu betrachte man zunächst das bisherige Vorgehen in Sachen “Doping”:
Es gibt allerlei erlaubte Substanzen wie Vitamin-und Nahrungskonzentrate, Kortison und Asthmamittel (diese nur in “Einzelfällen” auf Rezept, allerdings sind die meisten Radprofis merkwürdigerweise Asthmatiker). Darüber hinaus gibt es Mittel, die nur in einer bestimmten Konzentration erlaubt sind wie etwa Koffein. Eine Tasse Kaffee etwa ist erlaubt, aber Koffeindoping mit entsprechend hohen Konzentrationen eben nicht. Verboten sind auch andere Substanzen wie zum Besispiel THC (Cannabis), von denen man nicht wirklich eine leistungssteigernde Wirkung erwarten darf.
Unbekannte Substanzen sind nicht unbedingt verboten, aber auch nicht erlaubt. Da sie in der Regel aber nicht nachgewiesen werden können, ist es natürlich entsprechend reizvoll, damit zu experimentieren. Wird jemand beim Dopen erwischt, gibt es zunächst meist eine einjährige Sperrre, danach eine zweijährige oder gar lebenslänglich. Der Fleiß bei der Recherche nach den Wegen des Dopes zum Sportler hielt sich bislang eher in Grenzen. Der Fahrer wurde gehängt, und gut war’s. Erst die (über-)eifrigen spanischen Behörden haben daran etwas geändert. Danach haben sich die Teams, allen voran die Telekom, gegen die Fahrer versichert. Diese mußten unterschreiben, die Drogen nicht genommen zu haben, die das Team ihnen zuvor verabreicht hatte.
Derzeit outen sich viele ehemalige Fahrer, womit die Absicht des Auslösers, Bert Dietz, beinahe erfüllt wird: Das System fliegt als solches auf. Aber selbst im Angesicht der unumgänglichen Wahrheit mauern noch immer die allermeisten. Jenseits der deutschen Grenzen schweigt man noch immer eisern. Mitnichten wäre die Rede von flächendeckendem Doping, die Wirklichkeit hat noch immer keine Chance, Wahrheit zu werden.
Unter diesen Bedingungen geht es also weiter, wie zuvor schon: Doping ist Alltag, und die Fahrer haben zwei Möglichkeiten: Sie riskieren ihren Job, indem sie weiter dopen und vielleicht nicht geschickt genug vertuschen. Oder sie riskieren ihren Job, indem sie den weiterhin gedopten Konkurrenten das Siegen überlassen.
Das Ende dieses Systems wäre das Bröckeln der Mauer. Einzelne werden erwischt werden, einzelne werden ihr Schweigen brechen. Es werden diejenigen bestraft, die auffallen, der Rest bleibt unbehelligt. Der best mögliche Effekt wird der sein, daß EPO zu heiß wird und nicht mehr in dem Maße zum Einsatz kommt.
Und dann? Womöglich führen wir hier eine Diskussion, die längst überkommen ist, und eine andere Substanz steht oben auf der Hitliste. Womit das Spiel von vorn losgeht. Daß sich eine Alternative zu EPO findet, ist bestenfalls eine Frage der Zeit.
Was aber, wenn EPO freigegeben wäre?
Die Schummelei hätte schlagartig ein Ende. Man darf endlich über die Wirklichkeit reden. Transparenz würde zu einer echten Kontrolle führen. Man könnte sich über eine Obergrenze des erlaubten Hämatokritwertes einigen, was unmittelbar im Interesse der Fahrer wäre. Ob Höhenkammer, Training in Mexiko oder EPO – wurscht, wie ihr an die Erythrozyten kommt. Das Ganze könnte legal von Ärzten beobachtet werden, die dafür sorgen können, daß sich nicht jemand übernimmt. Niemand müßte Angst vor der Wahrheit haben und sich das Zeug im Hinterhof spritzen.
Solchermaßen Transparent, könnten die Fahrer ganz offen über neuartige Substanzen sprechen. Es gibt etwas besseres als EPO? Dann diskutiert man eben darüber, ob man die neue Droge anstelle der alten auf die Whitelist setzt. Jeder weiß bescheid, das ist kein Betrug. Und da EPO eine höchst wirksame Droge ist, wäre es sehr unwahrscheinlich, daß sich so schnell etwas besseres findet, das man heimlich einwerfen könnte. Eine ähnliche Diskussion kann man über Wachstumshormone führen und was da sonst noch im Rennen ist. Die Fahrer, die so ins Geschäft gekommen sind, dürfen bleiben. Sie wären sonst bis auf wenige Ausnahmen berufsunfähig. Die Zuschauer schließlich müßten sich nicht bei jedem Rennen fragen, wer noch immer gedopt ist und wer nicht.
Aber diese Variante würde ja der Heuchelei vom “sauberen Sport” den sudden Death versetzen. Die aktiven Heuchler an allen Fronten werden das vermutlich zu verhindern wissen, das ist wohl ihre Berufung.
Der Gedanke ist einfach, und er bedenkt wirklich die Konsequenzen. Wer etwas anderes will, soll deutlich machen, wie er sich das in der Realität vorstellt.
Zum Schluß noch eine Bemerkung zum fröhlichen Ullrich-Bashing. Der Mann weiß offenbar nicht, wie man mit den Medien umgeht. Seine Berater sind zum großen Teil Idioten. Ullrich mit seinen begnadeten körperlichen Voraussetzungen wäre der erste, der von einem dopingfreien Sport profitiert hätte. Aber das ist nicht die Welt, in der wir leben. Die Heuchler in den Redaktionen, die jetzt nach einem “Geständnis” schreien, verschweigen, daß er der einzige ist, der ein Strafverfahren an den Hacken hat. Hier ist das System von Verbieten und Bestrafen at it’s best: Da wird einer zum Schweigen gedrängt, obwohl die Wahrheit längst raus ist.

Ein erbärmliches Beispiel politischer Willensverwurstung gibt Ortwin Runde in der TAZ. Der “SPD-Linke” ist zwar gegen die Senkung der Unternehmenssteuern, stimmt aber dafür, denn

letztlich ist es ein Kompromiss mit der Union, ausgehandelt im Koalitionsausschuss – und deswegen stimme ich im Bundestag zu.

Links schwadronieren, rechts stimmen, und dann wundert sich die SPD, wenn sie bald niemand mehr ernst nehmen wird.
Herr Runde hat übrigens auch prima Argumente gegen die “Reform” der Erbschaftssteuer:

Mir ist kein Fall bekannt, wo eine Firma durch die Erbschaftsteuer kaputt gegangen wäre. In extremen Notsituationen kann man die Steuer auch jetzt schon stunden oder sogar erlassen.

Und daraus folgt? Richtig, daß er für diesen Unsinn stimmt, denn
Es war eben ein Kompromiss“.

Der Abgeordnete ist zwar nur seinem Gewissen verpflichtet, aber das bleibt halt nach der Weichspülung im Unterausschuß und dem Schleudergang in der Fraktionssitzung vor der Tür des Koalitionsausschusses zum Trocknen hängen. Gleich neben den Teilen des Hirns, die zum Nicken und Handheben nicht unbedingt benötigt werden.
Schließlich muß aber ein Satz von Herrn Runde korrigiert werden:

Wir Linken haben leider immer noch nicht die Mehrheit. Aber wir arbeiten dran.

“Wir Linken?” Sie sind kein Linker, Herr Runde, Sie sind ein Funktionsmöbel. Und Sie haben nichts, aber auch gar nichts kapiert, wenn Sie ernsthaft formulieren:

Bei Gewissensentscheidungen muss man natürlich seiner Meinung folgen. Aber die Unternehmensteuerreform ist ‘nur’ eine politische Sachfrage“.

Die weitere Entwertung der Erwerbsarbeit, schon wieder eine Entlastung von Kapitaleinkünften, das ist für einen “Linken” keine Gewissensfrage. Alle Achtung!

Der analfixierte Hobbyinquisitor und Kerkermeister im Bundesinnenministerium hat eine ganz überraschende Idee zum Thema Doping: Er empfiehlt schärfere Gesetze und härtere Strafen. Auf gar keinen Fall dürfe es eine Amnestie geben. Außerdem hatte er bereits im Januar empfohlen, das BKA im Kampf gegen Doping einzusetzen. Man fragt sich, warum die Delinquenten noch auf freiem Fuß sind. Nicht einmal die Wohnungen sämtlicher Telekommitarbeiter werden durchsucht. Macht Schäuble uns etwas vor? Ist dieser Staat gar nicht sicher?
Geben wir den Behörden noch eine Chance und warten den G8-Gipfel ab. Danach erwarte ich aber unverzüglich eine Welle von Verhaftungen und DNA-Stichproben von Rennradfahrern. Von denen gibt’s eh viel zu viele!

Der JU-Vosritzende Mißfelder sieht eine neue RAF aufziehen: G8-Gegner würden Gewalt gegen Sachen und den Springer-Verlag ausüben, womit eine Parallele zur RAF bestehe.
Da müssen wir natürlich sofort Schutzhaft anordnen! Wer aber ist Philipp Mißfelder? Der Mann ist MdB und ging nach eigenem Bekunden schon mit 14 in die Politik, aus Bewunderung für den großen Parteiführer und weil die DDR der Bundesrepublik angeschlossen wurde (Szenebegriff: “Wiedervereinigung”). Bekannt wurde Herr Mißfelder in Film, Funk und Fernsehen, weil er der Meinung ist, 85-Jährige bräuchten kein künstliches Hüftgelenk, früher seien die Leute auch auf Krücken gelaufen.
Mißfelder mag Analogien, geben wir ihm eine: Da macht einer Politik für den großen Führer und den Anschluß, und Krüppel haben bei ihm bei keine Rechte. Das hatten wir auch schon mal.
Aber Spaß beiseite, ich kann verstehen, daß der Philipp alles tut, um möglichst große Sicherheit zu gewährleisten. Schließlich muß er jederzeit mit Anschlägen auf seine Person rechnen – und damit, daß die Krüppel ihm die Krücken um die Ohren hauen.

Wie spätestens seit den Berichten der Telekom-Radprofis Dietz und Henn klar ist und demnächst von Rolf Aldag bestätigt werden wird, [edit: just bestätigt worden ist] ist Erythropoietin spätestens seit 1995 ein beliebtes Dopingmittel. Die ersten Beweise gegen EPO-Doper gab es 1998 bei der Festina-Affäre. Durch eine Durchsuchung der Teamunterkunft kam man nach einer Denunziation dahinter. Betroffen waren u.a. die Tour-Helden Alex Zülle und Richard Virenque. Seitdem ist der “Skandal” Dauerzustand. Seit 2001 gibt es Verfahren, EPO durch eine Urinprobe nachzuweisen, seitdem gibt es aber auch Methoden, die Nachweisbarkeit im Urin zu verhindern. Der erste, den es meines Wissens durch den Test erwischte, war ein Fahrer des Euskaltel-Teams, es folgten in den nächsten Jahren Fälle bei Lampre, Kelme und Cofidis. Die nächste große Affäre, die ein Team betraf, war 2004 der Fall Phonak, hiervon betroffen mindestens drei Profis, u.a. der Klassementfahrer Tyler Hamilton. Das nächste Mal, bei dem es fast ein ganzes Team erwischte, war 2006 Liberty Seguros, hervorgegangen aus ONCE, und nach dem Rückzug des Sponsors übergegangen in Astana(-Würth). Dem Topfahrer, Alexandre Vinokourov, wurde erstaunlicherweise kein Doping nachgewiesen. Der langjährige Teamchef Manolo Sainz ist tief in den Fall verwickelt und mußte daher ebenfalls zurücktreten, der Teamarzt, Eufemiano Fuentes, ist Dr. Dope persönlich..
Der große Knall kam mit dem Fall Fuentes. Pünktlich zum Vortag des Starts der Tour de France 2006 (deren Sieger, Floyd Landis, des Dopings überführt wurde) wurden von der spanischen Polizei Ermittlungsergebnisse bekannt gegeben. Daraus geht hervor, daß einige Dutzend Fahrer von ihm dopingtechnisch betreut wurden, von denen mindestens 30 mit hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert sind. Anlaß der Untersuchung waren die Ermittlungen gegen den Top-Fahrer Roberto Heras, der des Dopings überführt worden war.
Zu Fuentes’ Kunden gehören beinahe alle aktuellen Spitzenfahrer:
Jan Ullrich, Ivan Basso, Jörg Jaksche, Alejandro Valverde, Joseba Beloki und viele mehr. Darunter auffallend viele Spanier, was dafür spricht, daß Fuentes außer der Weltspitze auch die Region versorgt hat. Daraus folgere ich, daß andere Spitzenfahrer, vor allem die Amerikaner und Australier, deshalb nicht zu seinen Kunden gehören und eigenes medizinisches Personal haben, wie bekanntermaßen ja auch das Team Telekom. Womöglich ist Ullrich zu Fuentes gegangen, weil der nicht so ein Dilettant war wie die Freiburger Ärzte. Auch nicht ganz unverdächtig ist übrigens das Team Discovery Channel, ehedem US-Postal, unter Leitung von Lance Armstrong. Seine ehemaligen Edelhelfer Hamilton und Heras sind überführt, ihm selbst wurde im Nachhinein zumindest für 1999 EPO-Doping per Probe nachgewiesen. Juristisch ist das strittig, als Beobachter kann man sich den Zweifel aber durchaus klemmen.
Neben den oben genannten Tourgrößen sind also weiterhin verdächtig Lance Armstrong und Bjarne Riis, der 1996 mit einem legendären Hämatokritwert auffiel, überlebte und nicht überführt werden konnte. Er leitet seit Jahren das Team CSC.
Damit sind also folgende Teams betroffen:
T-Mobile (Ex-Telekom), CSC, Discovery Channel, (Ex-US-Postal), Astana (ex-Liberty Seguros), Phonak, Caisse d’Epargne-Illes Balears, Saunier Duval-Prodir, ag2r Prévoyance, Gerolsteiner, Euskaltel, Lampre, Cofidis und weitere kleinere oder inzwischen aufgelöste Teams (wie etwa Kelme).
Diese Zusammenfassung ist nicht Ergebnis einer langen Recherche, sondern aus dem Gedächntis mit ein wenig Hilfe von Google zustande gekommen. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, Irrtümer lasse ich gern korrigieren.
Ich frage mich nun allerdings, wie immer noch Leute durch die Gegend schleichen und Einzelfälle suchen können – seien es “einzelne” Fahrer oder Teams. Aber es gibt ja die tollen Journalisten, die alles aufklären, etwa beim WDR, dessen Intendantin sich heute zu folgendem erblödete:
Gerade wir im WDR haben für die ARD eine neue Redaktion gegründet Anfang dieses Jahres – eine Redaktion, die sich mit nichts Anderem als mit Doping beschäftigt.[...] Und wir haben absolute Fachleute dort eingesetzt, die nichts Anderes tun, als sich dem Thema Doping zu widmen, damit wir es auch in der ARD-Berichterstattung deutlich machen.[...]
Das wäre für mich der Punkt, an dem deutlich wird, dass es wirklich keine Einzelfälle von überehrgeizigen Sportlern sind, Einzelfälle, die sich auch außerhalb der Kenntnis der Verantwortlichen abspielen, also mit irgendwelchen dubiosen Ärzten in anderen Ländern oder auch in deutschen Hinter-Praxen, sondern wenn klar würde: Das ist geduldet worden von den Verantwortlichen, das ist wirklich stillschweigend geduldet oder sogar unterstützt worden. Aber, wie gesagt, immer aktuelle Fälle und nicht alte Fälle
.”
Verlogener geht’s wirklich nicht.

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Doping – Warum eigentlich nicht?
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Nachdem mit Christian Henn ein weiterer ehemaliger Telekom-Fahrer vom Doping berichtet, sprechen die Reflexe wieder an. Es ist nicht zu fassen: Es wird tatsächlich wieder auf diejenigen eingedroschen, die verdächtigt werden oder sich outen, während das System nicht in Frage gestellt wird. Zwar ist das Thema “Amnestie” endlich im Gespräch, aber es findet sich sofort ein Moralkasper, diesmal in Gestalt des Grünen-Sprechers Winfried Hermann (Wer ist das? Was will der?), der mit allen Mitteln versucht, nicht zu viel Vernunft aufkommen zu lassen. Ernsthaft schwafelt der Mann, Ullrich solle der Toursieg aberkannt werden. Nur noch saubere Sportler wie Riis und Armstrong stünden dann in den Annalen – ein Kracher! Oder streichen wir gleich alle Ergebnislisten der letzten 20 Jahre? Der Oberdummbatz der deutschen Funktionärsszene, Rudolf Scharping, drischt derweil die altbekannten Phrasen von wegen “schnelle Aufklärung” und “ohne Ansehen der Person” – er wird der letzte sein, der kapiert, daß es nicht um Personen geht. Es gibt auch, Herrgottnochmal, keine Causa Telekom. Read my lips: It’s the system, stupid!
Wie immer sind die beteiligten Journalisten keinen Deut schlauer. Überall dieses unerträgliche Gefasel von “Sünder”, “Beichte”, “Schuld”, Betrug” und “sauber”! Es ist gibt kein Gut und Böse, keine Betrüger und Betrogenen, es gibt nur Leistungsdruck und dessen Wirkung. Jeder, wirklich jeder, der noch in den steinzeitlichen Kategorien von sauberem Sport und verwerflichen Dopingsündern denkt, ist nicht qualifiziert, sich am weiteren Disput zu beteiligen. Oder anders gesagt: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Schnauze halten!

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