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September 2006


Was derzeit in Deutschland über die Tumulte in Ungarn berichtet wird, liest sich, als hätte Ministerpräsident Gyurcsany einen höhnischen Witz über das blöde Wahlvolk gemacht und damit die Proteste heraufbeschworen. Einzig die FAZ kommt der Wahrheit näher, die auch in Österreich und der Schweiz diskutiert wird: Daß Gyurcsany nämlich in einer Klausursitzung mit drastischen Worten die eigene Regierungszeit kritisiert hat. Das klingt dann schon völlig anders, nämlich wie eine Polemik, die am richtigen Ort zur richtigen Zeit abgelassen wurde. Wer dann aus der Klausurtagung mit einer Tonbandaufzeichnung hinausrennt, ist genauso ein Geisteswicht wie die Journalisten, die sie verbreiten. Am Ende der Verwertungskette stehen Medien, die unkritisch zurechtgebogene Berichte funken, die sie vermutlich selbst nur abgeschrieben haben. Kann in diesem Land eigentlich niemand mehr lesen? Haben nicht gestern noch alle mit dem Finger auf die Muslime gezeigt, weil die immer alles mißverstehen?

So ein Bürger aus Mecklenburg-Vorpommern vor der Wahl im Interview mit dem WDR. Das “-demokratisch” der NPD nimmt keiner ernst, und genau das macht sie attraktiv. Sie wird gewählt von denen, die von den Verwaltern der Demokratie nichts zu erwarten haben. Sie haben gut zugehört, als die Vertreter der großen Parteien den Stab über die ALG-II-Empfänger gebrochen haben. Sie haben verstanden, was jemand in diesem Land gilt, der sich nicht durch Erwerbsarbeit legitimieren kann und auch sonst nichts hat. Sie geben denen die Quittung, die die Ängstlichen allein lassen und die Schwachen beschimpfen, und sie laufen über zu denen, die ihnen eine Identität zuerkennen, die ihnen offenbar niemand nehmen kann. Bei denen sind sie Deutsche, Weltmeister der Herzen, Volksgenossen und Herrenrasse. Bei denen sind sie stolz, etwas zu sein, stark, radikal und trotzig.
Diejenigen, die es zugelassen haben, daß die Menschen sich massenhaft den dümmsten Rattenfängern an die Brust geworfen haben, stimmen jetzt den großen Katzenjammer an. Vor der eignenen Haustür kehrt niemand, und wenn sie dem Naziwähler als solchem mit mehr Respekt, sprich weniger Verachtung begegnen, als denselben Leuten in ihrer Rolle als Einkommensversager, erreicht die Heuchelei ihren Höhepunkt. Dadurch wird die braune Sauce nicht ausgelöffelt. Das einzige, worauf man sich verlassen kann, ist, daß die Freaks, die für die NPD in den Landtag einziehen, sich selbst unmöglich machen werden. Auf die Dauer ist das aber kein tragfähiges Konzept zur Gestaltung einer Demokratie.

Verantwortlicher Journalismus berichtet – und produziert die Nachrichten nicht selbst. Im Fall Ratzinger gegen die Muslime heißt das: Ratzinger ist real, “die Muslime” sind es nicht, und es gibt schon gar keine Reaktionen “der Muslime” auf den Vortrag des Papstes. Was da gequatscht wird, bezieht sich auf die Kameras und die Mikrophone, die dem Pöbel gereicht werden und hat nichts zu tun mit einem Beitrag zum innerchristlichen Diskurs. Es steht dabei auch nicht zur Debatte, ob jemand Schriften aus dem Spätmittelalter zitieren darf. Es steht auch nicht zur Debatte, ob jemand “beleidigt” ist. Die da krakelen, sind eh immer beleidigt, das darf uns aber nicht interessieren. So lange die christlich geprägten Kulturen noch meilenweit von dem Nihilismus gerade derjenigen enfernt sind, die Menschen anderer Kulturen als so minderwertig betrachten, daß man sie töten darf, will ich das Wort “beleidigt” nicht lesen. Ich will keinen Pöbel im Fernsehen sehen. Ich will keine aufgeregten Kommentare und Relativierungen lesen. Dieser Schwachsinn ist keiner Reaktion Wert, geschweige denn der ewigen Anstachelung durch westliche “Journalisten”. Gebt Ruhe!

Der US-Senat hat das Urteil des obersten Gerichtshofs bestätigt, indem er sich weigert, die Genfer Konvention zu relativieren. Im Klartext heißt das: Die Demokraten sowie vier Republikaner haben sich gegen Bushs Forderung gestellt, der CIA das Foltern zu erlauben.
Bush aber besteht auf das Recht auf “alternative interrogation practices” (alternative Befragungsmethoden):
“In order to protect this country, we must be able to interrogate people who have information about future attacks,” Bush said at the White House. “I will resist any bill that does not enable this program to go forward.”. Er wird sich “jedem Gesetzentwurf entgegenstellen”, der diese Befragungen nicht ermöglicht.
Es ist kaum je klarer geworden, daß der Präsident der U.S.A. persönlich und gegen massiven Widerstand auch in der eigenen Partei versucht, Folter zu legalisieren und die U.S.A. von der Genfer Konvention zu entbinden. Wer das vor einigen Jahren behauptet hätte, wäre noch maßlosen Anitamerikanismus’ beschuldigt worden.
Für den Begriff “alternative interrogation practices” sollte man Bush und die Seinen mit einem Preis für besonderen Sprachwitz auszeichnen – und sofort in Pension schicken.

Ich bin eben beim Stöbern auf eine sehr belustigende und nicht weniger melodramatische Geschichte gestoßen, so recht nach meinem Geschmack: Hier soll ein Bundesbürger nachweisen, daß er nicht katholisch ist. Dazu reicht es nicht, öffentlich dem Satan zu huldigen und Ratzingerbildchen zu verbrennen, wie man denken könnte. Man muß vielmehr eine Instanz zwischen Himmel und Erde finden, die das bescheinigt.
Ich biete dem jungen Mann gern an, mich als Oberhaupt seiner Religion anzuerkennen und würde es ihm sogleich beurkunden. Als refomierter Pastafarian habe ich unlängst meine eigene Kirche gegründet und warte seitdem auf das erste Gemeindemitglied. Eine Hand wäscht die andere, nicht wahr?

Die Süddeutsche hat in ihrer gestrigen Ausgabe einige sophistische Phrasen von Herrn Ratzinger nachgebetet. Dem unbedarften Leser kann schwindlig werden von den verzopften Thesen um Religion und Vernunft, die da aufgereiht werden. Der Schreiber läßt seine Leser damit allein.
Es ist ärgerlich, denn so einen spätmittelalterlichen Unfug zu sezieren macht keinen Spaß, und es ist eine Widerlegung von “Thesen” umso schwieriger, je wirrer diese sind. Soweit es um die Aufhebung von Religion in Vernunft geht, empfehle ich dem Herrm Papst Webers “Wirtschaft und Gesellschaft”, wenn er’s hart braucht, auch “Dialektik der Aufklärung”. Die monotheistische Religion ist eine Phase der Kulturentwicklung, nicht mehr und nicht weniger. Es ist also blanker Unsinn, darüber zu fabulieren, wie Vernunft ohne Religion aussähe oder umgekehrt.
Der Passus über Religion und Ethos läßt mich vermuten, daß der Autor bei seiner Zusammenfassung sich selbst nicht mehr folgen kann. Sei’s drum, die zentrale Aussage: “Was an ethischen Versuchen von den Regeln der Evolution oder von Psychologie und Soziologie her bleibt, reicht nicht aus” trifft de Kern der Sache. Althergebrachtes Ommomm kann dem nämlich noch weniger abhelfen, und es ist übrigens eine Dummheit, die großen asiatischen Religionen zu unterschlagen, die sich nicht auf den einen Gott berufen.
Die Frage ist also: Wie kann eine postmoderne Ethik entstehen, die fest auf dem Boden der Wirklichkeit(en) steht? Ist eine Form tätiger Fürsorge denkbar, die verbindende ethische Prozesse ermöglicht? Im Mittelpunkt einer solchen Religiosität steht dann kein jenseitiges Wesen mehr, sondern der Mensch in all seinen Facetten. Ziemlich dumm, daß die großen monotheistischen Religionsgemeinschaften kein Interesse an einer solchen Entwicklung haben, denn es würde ihr Ende bedeuten.

Wenn eine wirklich gute Idee präsentiert wird, muß man professionell reagieren. Stellt man fest, daß es nicht die eigene ist, gilt es, sofort Makel daran zu finden. Der geübte Diskutant weiß sofort, welche Bedenken dagegen vorzubringen sind und warum das alles so auf keinen Fall funktionieren kann. Handelt es sich dann noch um eine neue Idee, bringt man alles in Stellung, was vom Status Quo profitiert und eventuell einen Nachteil davon hätte. Schließlich holt man seine Brüder, baut sich breitbeinig auf und erklärt: “Hier komms du nich vorbei, ey!” oder, wie Ullalala Schmidt präzise verlautbaren ließ: “Für ein Konzept, das die Trennung von Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung aufhebt, findet sich derzeit nirgends eine Mehrheit.” Wo kämen wir auch hin, wenn sich etwas substanzielles änderte?

Einen “Flatterflink” gibt es gar nicht! Fast ein Jahr lang konnte ein Blogger die Gemeinde hinters Licht führen. Jetzt aber hat er sich selbt enttarnt, als er nach einem Gang zur Meldebehörde in seinen neuen Ausweis schaute und seinen wahren Namen las.
So ungefähr liest sich die Story vom lonelygirl15, die einmal mehr die Frage aufkommen läßt, ob das ganze Getue vom “Web 2.0″ und dem Drumherum irgendeine Substanz hat. Es ist ein großes kommunikatives Bällchenbad, und die sich darin lümmeln, haben in der Regel nicht einmal etwas zu brabbeln. Das liegt in der Natur der Sache, heißt es doch nicht zufällig: “Vox populi, vox Rindvieh”. Wenn dann, wie in diesen Zeiten üblich, der sinnfreie Personenkult allgemeiner Selbstzweck ist, darf es eigentlich niemanden wundern, wenn die Stars der öffentlichen Privatsphäre aus der Retorte kommen – Profis können das eben besser.
Nachdem also eine dicke Seifenblase geplatzt ist und die enttäuschte Web-Gemeinde sich das Pril aus den Augen gewischt hat, könnte sie ja zu einer Erkenntnis kommen: Daß nämlich relevante Inhalte der einzige Schutz gegen die Okupation durch PR-Agenten ist. Dafür allerdings müßte man etwas zu sagen haben.

Was will er denn noch? Gleichgültigkeit gegenüber Gott moniert der Papst. Gibt es noch nicht genug Irre, die mordend und brandstiftend durch die Weltgeschichte marschieren und sich dabei auf den großen Ommomm in irgendeinem Himmel berufen? Oder meint er vielleicht den katholischen Gott?
Aber im ernst: Ist es Aufgabe eines Nachrichtenmagazins, das Gequatsche losgelassener Mystiker unkommentiert zu verbreiten? Oder ist es nicht vielmehr Aufgabe der Journalisten, dazu beizutragen, daß die fatale Spekulation “Gott” dahin zurückgewiesen wird, woher sie kommt?
Hui Buh!

In Spiegel-online findet sich ein sehr lesenswertens Interview mit Prof. Zbigniew Brzezinski, dem einstigen Sicherheitsberater von Jimmy Carter. Seine klugen Einsichten machen in beschämender Weise deutlich, wie tief die amerikanische Politik unter dem Bush-Regime gesunken ist. Der Präsident, der derzeit noch versucht, mit seiner widerlichen Doktrin der Menschenrechtsverletzungen innenpolitisch zu punkten, bekommt ansonsten von allen Seiten was auf die Ohren, aktuell etwa wegen seiner Begründung des Irak-Krieges. Anstatt sich endlich von diesem Möchtegerndespoten abzuwenden, fällt es etwa dem ewigen Schäuble ein, waschlappendiplomatisch zu säuseln, “die Amerikaner” hätten “einen Fehler gemacht”, als ihr Präsident sich ermächtigen ließ, auf die Einhaltung der Menschenrechte zu verzichten. Wer solche außenpolitischen Ansichten äußert, zumal als Weltinnenpolitik, vertritt keine klare rechtsstaatliche Auffassung. Aber es ist ja wohl ohnehin niemand der Meinung, Schäuble sei qualifiziert für das Amt des Innenministers.

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