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Theorie


Der Begriff “Arbeit” ist in der deutschen Sprache, zumal in Deutschland, ungeheuer aufgeladen. Das beginnt damit, dass die englischen Begriffe “labour” und “work” darunter gefasst sind (danke, Peinhart), geht über die Folklore von Arbeiterparteien und Gewerkschaften und endet in Parolen wie “Arbeit macht frei” und “Nur wer arbeitet, soll auch essen”. Letztere sind es, die auf das Dämonische der Arbeit verweisen:

Die Umwandlung von Natur in Ware/Konsumgut, von Lebendem in Totes ist untrennbar verflochten mit der Organisation der industriellen Zivilisation. Da ist labour von work gar nicht zu trennen, und das Meisterstück haben die Nazis unfreiwillig genial auf den Punkt gebracht: “Arbeit macht frei”. Wer da nicht mehr “Arbeit” leistete, wurde selbst verarbeitet. Wer sich näher mit dem Phänomen befassen möge, sei auf Adornos Begriff “Mimesis ans Tote” verwiesen, nachzulesen in “Dialektik der Aufklärung”.

“Gerechter Lohn”

Die Organisation von Arbeit ist das bestimmende Element der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wer bestimmt, was produziert wird, wie es produziert wird, wann und von wem, unter welchen Bedingungen, der hat die Macht. Da sind wir noch lange nicht bei einer ‘Entlohnung’ und der Verteilung von Reichtum, die natürlich damit wiederum direkt zusammenhängt. Denn der “Lohn” ist kein Ausgleich für die erbrachte Mühe, sondern ein reines Instrument der gesellschaftlichen Macht. Daher ist der Ausdruck “gerechter Lohn” auch schlicht paradox. Zum Verständnis: Wenn ich von “Macht” spreche, meine ich nicht den unmittelbaren Einfluss mächtiger Personen. Die haben selbstverständlich auch damit zu tun, aber auch sie bewegen sich innerhalb relativ festgelegter Bahnen.

Beginnen wir mit einem Extrem: Der kapitalistischen Lohnarbeit. Ich kann es mir und anderen nicht ersparen, hier deutlich zu werden und werbe um Verständnis: Es ist keineswegs eine linke Kampfparole, sondern schlichte Tatsache, dass solche Lohnarbeit Enteignung ist, und zwar sogar doppelte Enteignung. Kein Arbeiter arbeitet nämlich für sich selbst, und sein “Lohn”, wer auch immer den ausgehandelt hat, ist nur ein Teil dessen, was er an Wert schafft. Niemand stellt einen Arbeiter ein, wenn er an dessen Arbeit nicht mit “verdient”. Ein Teil der Produktivität des Arbeiters wird ihm also immer genommen.

Noch rüder geht es aber zu bei der Enteignung seiner Selbstbestimmung. Wie eingangs erwähnt, ist die Macht über die Gestaltung der Arbeit unmittelbar gesellschaftliche Macht. Dass diese gesellschaftliche Macht nun sogenannten “Arbeitgebern” zugeschlagen wird und die Ausübung dieser Macht als höherwertige Arbeit gewertet wird, die darum mehr Anspruch auf Reichtum begründet, ist vollkommen absurd. Man kann kaum genug Respekt haben vor einer Propaganda, die diesen Unsinn erfolgreich verkauft.

Wer leben darf

Sähe wohl irgend ein Arbeitsplatz so aus wie er heute aussieht, hätten die Arbeiter selbst die Möglichkeit, ihre Gesellschaft, ihren Arbeitsplatz, ihre Zeit und ihren Alltag zu gestalten? Würden dann die Produkte hergestellt und erworben, die heute im Umlauf sind? Würden sie so lange arbeiten, denselben Weg zur Arbeit haben, dort wohnen, wo sie wohnen? Und wenn es nicht so ist, muss dann nicht eine demokratische Gesellschaft zuallererst den Anspruch haben, dass die Menschen die Gestaltung ihrer Lebenswelt selbst bestimmen dürfen? Umgekehrt ist zu fragen: Mit welchem Recht bestimmt eine kleine Minderheit die Bedingungen und eignet sich obendrein das Gros des gesellschaftlichen Reichtums an?

Schließlich: Es wird von Menschen, die kein Eigentum haben, erwartet, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen, um Leben zu dürfen. Das Recht auf Lohnersatzleistungen, die es immerhin gibt, wird selbst von Vertretern einer sogenannten „Arbeiterpartei“ in Abrede gestellt, und das bei einem Entwicklungsstand, der (Lohn)arbeit in einem entsprechenden Umfang längst überflüssig gemacht hat. Tatsächlich ist in aller Regel nirgends mehr genug davon verfügbar, trotz steigender Produktion. Wie kommt es also dazu, dass in dieser Gesellschaft einem großen Teil seiner Mitglieder wieder das Lebensrecht abgesprochen wird, wenn sie nicht aktiv an der kapitalistischen Verwertung teilnehmen können, wollen oder dürfen?

In einem weiteren Artikel werde ich auf die Möglichkeiten einer selbstbestimmten Gestaltung von Arbeit näher eingehen.

Aus der bisherigen Diskussion vermeine ich zu erkennen, dass im Grunde weitgehende Übereinstimmung herrscht dahingehend, dass ohne die ordnende Instanz eines Staatswesens nicht wirklich etwas zu gewinnen ist für die Zivilisation. Wie aber soll man sich das vorstellen, wenn Staat sich immer hat korrumpieren lassen und zum Instrument der Mächtigen wurde, um ihre Macht zu erhalten?

Historisch betrachtet, ist es kurzsichtig zu behaupten, der Staat sei erstrangig ein solches Machtinstrument, zumal der moderne. Die Machtstruktur in den Feudalsystemen war keineswegs angenehmer fürs Volk, die Restauration in Form des Absolutismus auch kein Argument gegen ein bürgerliches Staatswesen. Auch die Ostblockstaaten waren solche, und bei deren Entstehung wurden die Eliten immerhin beinahe komplett ausgetauscht. Wäre das wohl gelungen, wenn sich nur kommunistische Regionalgruppierungen gebildet hätten?

Die Tyranneien im Italien der Renaissance als quasi unmittelbare historische Vorläufer der bürgerlichen Demokratien illustrieren ebenfalls, wie die Alternativen zumeist aussehen. Das moderne Staatsmodell wiederum wurde als Bollwerk gegen die Macht des alten Adels entworfen und wäre beinahe genial gewesen – hätte man nur daran gedacht, dass eine sich neu bildende Oberschicht dasselbe in grün etablieren könnte.

Guter Staat, böser Staat

Man kann dennoch nicht behaupten, der Staat an sich sei etwas Gutes, das Solidarität und Ausgleich schafft, und es würde ja bloß von außen korrumpiert. Auch wenn die wahre Macht heute eine dem Staat äußere ist, liegt der Keim der Verflechtung von Staat und Kapital bereits in der bürgerlichen Demokratie selbst.

Aus meiner Sicht liegt es am Ende nahe, den Staat als notwendige Instanz zu akzeptieren, ihn zu gestalten und zu immunisieren gegen die Übernahme durch Interessengruppen, insbesondere die Bildung einer Plutokratie. Ceterum censeo: Der Staat muss die bedingungslose Grundversorgung aller Bürger sicherstellen und Macht in jeder Form begrenzen. Keine andere Instanz oder Konstellation wäre dazu in der Lage.

Angesichts eines phantastischen Überflusses an Produktivkraft ist es ein Leichtes, unter Beteiligung aller (!) Bürger die Grundversorgung zu regeln und zu garantieren. Niemand muss dann mehr hungern, frieren oder sich versklaven lassen. Gleichzeitig müssen Einkommen und Vermögen sowie Landbesitz so geregelt werden, dass es keine Dynastien von Großgrundbesitzern und Habenichtsen mehr gibt. Das ist machbar, und es ist machbar, indem sich die Bürger gewahr werden, dass es ihr Staat ist und nicht der geborener Repräsentanten.

Eine einfache Alternative

Ein Weiteres ist die Verfügungsgewalt über Ressourcen jedweder Art. Materielle, aber auch die über Information und öffentliche Entscheidungen. Hier muss der Einfluss begrenzt werden sowohl in der Menge der Ressourcen als auch in der Dauer von Entscheidungsgewalt. Niemand darf über Jahrzehnte Entscheidungen für die Allgemeinheit treffen, während andere ohne relevanten Einfluss bleiben. Kurz: Es müssen ausreichend Maßnahmen getroffen werden, die Korruption auf ein Minimum begrenzen. Die Aufgabe des Staates, der Demokratie, besteht mithin darin, Macht auf eine möglichst breite Basis zu stellen. Für alles andere braucht man keinen Staat; dazu reichen Herren, Sklaven und bewaffnete Aufpasser.

In welcher Beziehung dies zur Organisation von Arbeit steht, werde ich in einem weiteren Artikel besprechen, der das Phänomen “Arbeit” näher beleuchtet.

Vorab: Es wird noch mindestens ein weiterer Artikel zum Thema erscheinen. Ich versuche, schrittweise einzusteigen, weil das Problem sehr komplex ist und ich gern ein wenig vorsortieren möchte.

rfwDer Begriff “Staat” leitet sich ursprünglich ab von “status”, was sowohl auf die Bedeutung “Rang” hinweist als auch auf das, was ist – die Verfasstheit der politischen Ordnung eben. Seit dem 17. Jhdt. ist er in bezug auf das Staatswesen gebräuchlich; der französische “état” hat denselben Ursprung und verweist mit dem Synonym “Staatshaushalt” wiederum darauf, dass es nicht zuletzt um die Verwaltung von öffentlichen Budgets geht. Damit grenzt sich der Begriff schon deutlich ab von dem etwa des “Imperiums”, in dem es sprichwörtlich ums Herrschen geht. Der moderne Rechtsstaat hat seine Wurzeln darüber hinaus in Montesquieus Modell der Gewaltenteilung.

Damit sind wir bei zentralen politischen Errungenschaften des Staates, denen die Menschheit begrüßenswerte Fortschritte zu verdanken hat; die Einschränkung von Macht, die bis dahin im Inneren uneingeschränkt war und eine übergeordnete Verteilung von Mitteln, die es ermöglicht, gesellschaftlichen Reichtum unter anderen Kriterien zu verteilen als dem der Aneignung nach Maßgabe der schieren Machtgefüge.

Staatsfeinde überall

Die Vorstellung eines solchen Staatsgebildes hat Feinde von ganz links bis ganz rechts, von linken Anarchisten bis hin zu neoliberalen Ausbeutern und Sozialdarwinisten. Die einen halten den Staat – wie ich meine irrtümlich – für ein Mittel, die Macht der Reichen zu sichern, den anderen ist er ihrem Paradies der Gesellschaft bewaffneter Egoisten im Wege. Ich will mich dem Problem mit meinem sozialliberalen Programm annähern, das ich einmal so formuliert habe:

““Liberal” als Grundsatz bedeutet, ein Höchstmaß an Freiheit zu ermöglichen. Eine liberale Gesinnung, eine liberale Gesellschaft sorgt sich darum, dass allen Menschen ein Leben in Würde und frei von Unterdrückung gewährt wird. Niemand darf zu Tätigkeiten gezwungen oder in seiner Bewegungsfreiheit beeinträchtigt werden.

Dies verweist unmittelbar auf eine Gesinnung und Gesellschaft, die “sozial” sein muss, in dem Sinne, dass niemand Not zu leiden hat. Die erste Aufgabe des Wirtschaftens muss darin bestehen, alle Menschen mit Unterkunft, Nahrung und Energie zu versorgen, ohne dass ihnen daraus eine Schuld erwächst. An dieser Aufgabe haben sich die Bürger nach ihren Möglichkeiten und unter weitestgehender Berücksichtigung ihrer Neigungen zu beteiligen.

Alle weiteren Ziele und Forderungen leiten sich aus diesen Grundsätzen ab.”

Wie denn ohne Staat?

Wie sind solche Ziele erreichbar? Ich gehe bei der Frage davon aus, dass ein grundsätzlicher Konsens herrscht hinsichtlich dieser Ziele und sie nicht durch jedwede Machtmittel den Menschen übergestülpt werden. Das folgende gilt also unter der Voraussetzung, das die Menschen das wollen. Wollen sie es nicht, ist die Diskussion über die gesellschaftliche Verfassung, in der so etwas möglich ist, hinfällig.

Wie also kann man dafür sorgen, dass gesellschaftliche Macht – das bedeutet natürlich vorrangig ökonomische – begrenzt wird auf ein Maß, das nicht jeden Gedanken an Gleichberechtigung aushebelt? Wie ist es weiterhin möglich, Armut auf ein nicht reduzierbares Maß zu begrenzen und dafür zu sorgen, dass nicht ein Teil der Gesellschaft einem anderen seine Lebensweise aufzwingt? Wie ist darüber hinaus zu sichern, dass die Organisation der Arbeit ein Maß an Effizienz behält, das nicht vormoderne Zustände restauriert oder einem Teil der Menschen Zwangsarbeit auferlegt?

Bevor ich weitere Aspekte von Staatlichkeit bearbeite, möchte ich zunächst zur Diskussion stellen, wie so etwas ohne eine verfasste Gesellschaftsordnung möglich wäre, die nicht dem aktuellen Begriff von “Staat” entspräche. Ob und inwiefern der Staat selbst das Problem ist und nicht die Lösung, würde ich gern erst danach diskutieren.

 
brainpipeGibt es eigentlich noch Wissenschaften? Und wenn es die gibt, tragen sie noch etwas bei zu Bildung, Alltag und Wirklichkeit? Mir fallen auf Anhieb eine ganze Reihe von Leistungen ein, die ich den (Geistes-)Wissenschaften abverlangen möchte, die sie aber nicht annähernd erbringen.

Zum Beispiel eine aktuelle Analyse der Beziehungen von Entscheidern und ihren Einrichtungen. Als sei es nicht wichtig, etwa die Verflechtungen diverser Körperschaften aufzuzeichnen. Wer ist wie mit wem verbunden? Ministerien, Dienste, Konzerne, einflussreiche Personen, Medienhäuser et cetera. Oder auch nur einmal die Finanzbranche: Wer hat wann für wen gearbeitet, wohin gewechselt, aus Vorständen in Aufsichtsräte, in Ratingagenturen und dann womöglich in eine Regierung? Wo ist das politikwissenschaftliche oder soziologische Institut, dass solche Arbeit leistet?

Wo ist das germanistische Institut, das die Verschlagwortung ganzer Kulturbereiche und der Wirtschaft untersucht, das Veränderungen in der öffentlichen Semantik untersucht, nachweist, einordnet? Wo das psychologische, das die Wirkung aktueller Medienprodukte präsentiert – Begriffe, Inhalte, Strukturen? Welche Kognitionen entstehen unter welchen Bedingungen oder einfacher: Wie bilden sich ‘Meinungen’, wer nimmt wie von wo aus Einfluss, was hat dabei den größten Erfolg? So etwas untersuchen ggf. die Koofmich-Psychos der PR-Konzerne; wo aber bleibt der Beitrag der Wissenschaft?

Die Koofmichs beherrschen das Spiel

Nicht besser sieht es aus mit der Präsentation von Wissen und Wissenschaft in den Medien. Wo sind die Untersuchungen zum Transfer wissenschaftlicher Inhalte in den öffentlichen Diskurs? Diverse sogenannte “Think Tanks” und Pressestellen leisten sich Vorzeige-Professoren oder wenigstens gute Kontakte zu solchen, aber seriöse Wissenschaft verkriecht sich in den Akademien. Das ist obendrein oft sogar besser, denn wenn einmal ein Untrainierter zum Interview gebeten wird, lässt er sich gern von ihm völlig fremden Routinen der Medien überrollen. Diejenigen, die das Spiel beherrschen, sind wiederum gern selbst Demagogen oder Narzissten, die lieber schwätzen als forschen.

Wer kümmert sich um die Wirkung von ‘Wissen’? Komplexere Inhalte werden regelmäßig zu Häppchen verarbeitet, die nichts mehr zu tun haben mit den verschachtelten Aussagen, die eigentlich vonnöten wären, um Wirklichkeit abzubilden. Obendrein werden sie noch mit semantischen Triggern vermengt (“Wachstum”, “Islamisten”, “Kommunismus”), deren Effekt jede Vermittlung von Inhalten zunichte macht.

Wo ist die Aufklärung über Veränderungen in den “Narrativen”, der großen Erzählung, in die Inhalte eingepasst werden müssen, um ‘glaubwürdig’ zu wirken? Beispiel: Wenn morgen Aliens auf der Erde landen, wird das zunächst niemand glauben, weil noch nie welche gesehen wurden. “Es gibt keine Aliens auf der Erde”, ist der Konsens. Was davon abweicht, wird nicht geglaubt. Es gibt eine ganze Menge solcher Aussagen (“Wachstum ist etwas Gutes”), die ebenso wirksam sind. Während Interessengruppen alles tun, um diese Narrative zu beeinflussen, weiß kaum jemand, dass und wie sie funktionieren.

Traurige Kapitel

Kommen wir kurz zum traurigsten Kapitel: “Ökonomie”. Jeder Wissenschaftler eines beliebigen Instituts kann das Kartenhaus „Neoliberalismus“ mühelos zum Einsturz bringen. Dessen Annahmen, Zirkelschlüsse und sprachliche Verkommenheit halten einfachsten Überprüfungen nicht stand. Obendrein sind 30 Jahre empirischer Feldforschung genug um zu sehen, dass dieser Quatsch fatal in die Irre führt. Warum machen das eigentlich nicht Erstsemester aller Studienrichtungen als Fingerübung?

Worauf ich aber vielmehr hinaus will: Wo bleibt eine Wirtschaftswissenschaft? Warum gibt es keine? Wo sind die kreativen Modelle alternativen Wirtschaftens? Wo der Streit um die stimmigen Ideen für ein nachhaltiges Wirtschaften, frei von den Dogmen des Kapitals? Wo die Ansätze für zweite, dritte und vierte Wege? Gibt es niemanden in den Universitäten, den das interessiert?

Oder wo bleibt eine fundierte Religionskritik, die sich wenigstens halb so viel Mühe macht wie die verschrobenen Institute der Konfessionen? Die analysiert, welche Wege Religiosität geht, was aus ihrem Rückgang resultiert und wie man diesen nach Kräften fördern kann? Wo sind die Erkenntnisse über die Bedürfnisse, die Religion scheinbar befriedigt und wie man das in einer aufgeklärten Welt auffangen kann?

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns die Wissenschaft ganz en passant weggestorben ist, noch ehe die Katastrophe von Bologna akademischer Alltag wurde. Wer einen kennt, der irgendwo lehrt, kann ja mal fragen, was mit denen los ist. Vielleicht atmet da ja doch noch wer.

 
Da der eine oder andere gerade damit droht, mein Opus mittelmagnus [58 Seiten .rtf] zu lesen, verlinke ich das noch einmal und hänge ein Häppchen an. Kein leichter Stoff, aber vielleicht etwas für einen verregneten Mai ;-)

dukindiÜberhaupt entsprechen entgegengesetzte Perspektiven den Strategien der Selbstsorge und der Fürsorge. In bezug auf Eigentum fußt die Etablierung der Selbstsorge unmittelbar auf Aneignung und den mit ihr verbundenen Perspektivenwechsel, der mit der historisch wohl kaum mehr zu verortenden Landnahme verbunden ist. Irgendwer kam irgendwann auf die Idee, sich Land anzueignen. Der Satz “Das gehört mir” ist für den modernen Menschen ebenso geläufig wie der Begriff “Grundstück”.

Darin liegt aber eine gehörige Portion Wahnsinn, wenn man sich vor Augen hält, dass das Selbstverständnis des Menschen als aus der Natur hervorgegangener darin besteht, Teil von etwas zu sein. Es erscheint mir gar noch heute plausibler, das Menschen ein Teil der Erde sind, der Einzelne ein Teil der Gesellschaft, der Familie etc., als dass die Welt in Teilen den Einzelnen gehören soll.

Diese Perspektiven sind obendrein unzugänglich füreinander, oder sie führen zu extremen Konsequenzen: Wenn die Welt Einzelnen gehört und zugleich Einzelne ein Teil der Welt sind, folgt daraus, dass Einzelne zum Eigentum anderer Einzelner werden. Insofern sind Landnahme und Sklaverei bzw. Versklavung ein und dasselbe. Historisch wurde diese Konsequenz durchaus auch gezogen. Die Abschaffung der Sklaverei wirkt daher verwirrend, weil ja nach wie vor Eigentum und Landbesitz die menschliche Realität bestimmen. Die vertraglichen Regelungen des Landbesitzes sind heute derart von der Verteidigung von Eigentumsansprüchen Einzelner geprägt, dass der Gedanke an kollektive Versorgung vollständig verschwindet.

Während, etwa in der EU, sogar territoriale Rechte der Staaten angeglichen und z.T. aufgegeben werden, sind die Flächen, der Boden, auf dem gelebt wird, ausverkauft. Wer nichts abbekommen hat, ist eben unfrei im Sinne des Eigentümerstandes. Keine staatliche oder gesellschaftliche Regelung nimmt in irgend einem Sinne Rücksicht auf eine gerechte Verteilung solcher Ressourcen.

Ein “Teilen” von Grundbesitz widerspricht nachgerade der Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Und weil das in den sozialistischen Staaten nicht funktioniert hat, wird durch den Überbau, sprich: das Geschwätz derjenigen, die Zugang zu den Massenmedien haben, so getan, als wäre eine auf kollektive Versorgung ausgerichtete Gesellschaftsorganisation gänzlich unmöglich. Wer sich nicht den Illusionen hingibt, weiß also, was er zu tun hat, um Teil zu haben: Er muss sich das Teil kaufen. Darauf zu hoffen, dass sich jemand um mich kümmert, wäre in dieser Welt Irrsinn.

Der Satz, der Tashunka Witko zugeschrieben wird: “Man verkauft nicht die Erde, auf der die Menschen wandeln”, ist so wahr, wie dass Eigentum ehrlich erworben wird. Die “Indianer” haben es versäumt, eine Fahne aufzustellen und Amerika zu umzäunen. Die Ideologie der kapitalistischen Gesellschaften ist schamlos, weil ihre Menschen schamlos sind. Ein Siedler in Nordamerika hatte schon keinerlei Bedenken mehr, ein Stück Land zu besetzen, es in sein Eigentum zu überführen und es mit Gewalt zu “verteidigen”. Er wusste es ja nicht besser. Solche Menschen sind nicht böse oder amoralisch. Nur hat ihnen nie jemand vermittelt, dass es eben eine andere Sicht auf die Welt gibt, als die, die Landschaften in Parzellen einteilt.

[2005]

Roberto hat heute eine interessante Reflexion angestellt über die Kategorien “Rechts” und “Links” in der politischen Landschaft. Ich finde das recht inspirierend, wenn ich ihm auch nicht in allen Details zustimme und schon gar nicht das unerträgliche Geschwätz einer Erika Steinbach einer Antwort für würdig halte. Es gibt viele Aspekte, in denen sich “Rechts” und “Links” eindeutig unterscheiden, es wird aber spätestens bei den Begrifflichkeiten zur Beschreibung dieser Differenzen schwierig. Anfang der 90er hat mir mal ein Juso erklärt, für ihn seien die Apparatschiks des Ostblock “rechts” gewesen, weil eben reaktionär. Ein nachvollziehbares Argument einerseits, aber eine so eindeutige Begriffsverzerrung, dass einem an dieser Stelle klar werden muss: Mit einem so schlichten Dualismus kommt man nicht hin.

Wenn ich mich so danach befrage, was für mich den Kern dessen ausmacht, das ich als ‘links’ bezeichne, so passt das ganz gut unter die o.g. Bezeichnung “humanistische Solidarität”. Das sind auch nur Worte, aber es sind erstens meine und zweitens halte ich sie für recht belastbar. Der Kernunterschied zwischen ‘rechtem’ Pseudosozialismus und linkem Streben nach Ausgleich und Gerechtigkeit ist schon vordergründig die Klientel, auf die sich die Rechten beziehen. Es gibt nämlich immer eine. Nation, Rasse, Leistungserbringer – es ist immer nur ein Teil der Gesellschaft, der sich Solidarität im günstigsten Fall ‘verdienen” kann. Im schlimmsten ist der Jude ein Jude und gehört schon daher nicht dazu.

Worte ohne Sinn

Linke Gesellschaftsentwürfe, die immer schon ausdrücklich “internationalistisch” waren, schließen hingegen niemanden aus. Dass der liebe Marx vor das Arbeiterparadies den Klassenkampf gestellt hat, ändert daran nichts. Selbst die Bonzen der Ostnomenklatura betrachteten sich als Werktätige. Nicht einmal dieser Irrsinn ändert aber die Grundannahme: Es geht um alle Menschen. Wenn selbst ein solcher Ansatz zur Diskriminierung missbraucht wird, verdankt sich das wohl gewissen menschlichen Schwächen. Kollegen, Genossen, Arbeiter und Bauern aber als ‘Klassenfeind’ zu entlarven, weil sie die Partei kritisieren, ist jedenfalls so absurd, dass keine Theorie dem etwas entgegen halten könnte. Als Mielke jammerte, er “liebe alle Menschen”, meinte er das wohl ernst, insofern hat er die Worte verinnerlicht. Leider fehlte ihm jeder Sinn dafür.

Der Versuch die Solidarität aller Menschen zu organisieren, ist in der Tat ein hohes Ziel, ein Ideal. Es ist nicht mehr und nicht weniger dazu geeignet, sich in Ideologie zu verstricken als andere Ideen, wenn man sie verwirklichen will. Das zeigt spätestens das rechte Gegenteil, die Macht gewordene Entsolidarisierung, die totale Diskriminierung als Ziel. Jeder kämpft für sich allein und versucht so viele Menschen wie möglich unter sich zu haben. Ungleichheit ist Religion, das Dazugehören wird regelrecht ausgefochten, und die ganz unten werden nicht einmal mehr als (Mit-)Menschen erkannt. In der Tat ist der Faschismus, zumal der deutsche, die konsequenteste Form dieser Ideologie, die am Ende die Artgenossen als Stückgut betrachtet, das nach Gebrauch zu verbrennen ist. Hier kreuzt sich die ‘rechte’ Ideologie dann wieder mit dem Kapitalismus, dessen Vewertungsstreben auch vor menschlichem Leben nicht Halt macht.

Acht Milliarden Geschwister

Das Ideal einer humanistischen Solidarität strebt das Gegenteil an und muss sich dabei vor den Unzulänglichkeiten hüten, die den Menschen, um deren Solidarität es geht, nun einmal gegeben sind. Das ist seine größte Schwäche. Manche wollen nämlich gar keine Solidarität. Viele wollen nicht teilen, und während der ‘Erfolg’ egoistischer Aneignung unmittelbar sichtbar wird, ist ein Sozialverhalten, das auf Gemeinsamkeit setzt, immer auf Hoffnung angewiesen, die Bildung einer kritischen Masse, ab der sich die Zusammenarbeit erst lohnt. Jeder, der dagegen kämpft, jeder, der sich der Solidarität entzieht, gefährdet das Projekt. Man wundert sich, dass überhaupt je so etwas versucht wurde.

Dennoch hat die Evolution gezeigt, dass Kooperation erfolgreicher ist, und das Nötigste haben wir immerhin daraus gelernt. Im Grunde weiß auch jeder, dass Vereinzelung ungerecht ist und man hat vermutlich noch ein archaisches Gefühl dafür, dass der Ausschluss aus der Gemeinschaft einst ein Todesurteil war. Die Geschichte der Kämpfe zwischen Clans, Regionen und Nationen hat außerdem gezeigt, dass Kriege nur Verlierer hervorbringen und es wenigstens rudimentäre Formen einer globalen Solidarität geben muss. Wer aber möchte acht Milliarden Geschwister haben, wenn einem die Nachbarn schon auf den Wecker gehen? Hier muss die Linke ein Problem angehen, dessen Beachtung mir bislang noch nicht aufgefallen wäre:

Es gibt offenbar und aus nachvollziehbaren Gründen das Bedürfnis, sich nicht nur als Person gegen andere Personen abzugrenzen, sondern auch in Gruppen gegen andere Gruppen. Es gäbe sonst vermutlich auch nicht so viele Sportvereine mit teils fanatischen Anhängern. Wenn also die Integration der Menschen in die Menschheit gelingen soll, dann muss es nicht nur die gute Absicht geben, alle zu ihrem Recht kommen zu lassen, sondern auch Grenzen der Solidarität, die nicht gleich Solidarität als solche infrage stellt. Dieses Paradoxon ist ein genuin linkes, denn wer ohnehin keine universelle Solidarität will, löst es durch schlichte Diskriminierung. Von der Lösung dieses Paradoxons wird es abhängen, ob sich eine ‘linke’ Gesellschaft je wird durchsetzen können.

 
freudmindEs ist schon traurig. Wenn man sich da draußen so umschaut, finden sich Gläubige aller Art, die sich dennoch anmaßen “kritisch” zu sein. Als sei es schon ein Beleg für kritisches Denken, dass man gegen den Mainstream ist oder nicht glaubt, was in der Tagesschau erzählt wird. Nein, das ist nicht kritisch und keinen Deut besser, wenn man nicht bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, offen zu sein für neue Erkenntnisse und die Überprüfung dessen, was man einmal für “wahr” genommen hat. Das wäre kritisch, und das ist übrigens der Geist der Wissenschaft, wie sie sich von der Renaissance in die Moderne hinein entwickelt hat. Wer allerdings das ‘wissenschaftliche’ Establishment nicht von der Wissenschaftlichkeit selbst unterscheiden kann, für den ist Sozialismus auch DDR (böse) und Demokratie Helmut Kohl (gut).

Der Anfang der modernen Wissenschaft ist das rationale Experiment – eine gedankliche Leistung, die im Mittelalter noch als Wahn gegolten hätte. Man stellt eine These auf und sucht nach Methoden, diese praktisch zu überprüfen. Ein Verfahren, das vor allem die Naturwissenschaften voran brachte, ist es doch auf die Anwendung von Technik und deren Verfeinerung angewiesen. Obendrein bieten mathematische Verfahren im Zusammenhang mit Messtechnik eine quasi beliebige Exaktheit, die zu wiederum klar bewertbaren Aussagen führt. Inzwischen können wir in Echtzeit mit Australien chatten, zum Mond fliegen und haben viele der furchtbarsten Infektionskrankheiten beinahe ausgerottet. Dies ist unmittelbar auf die Entwicklung von Wissenschaft und Technik zurückzuführen.

Geisteswissenschaften und “Menschenverstand”

Der Versuch der Geisteswissenschaften, damit Schritt zu halten, darf als weitgehend gescheitert betrachtet werden. Es liegt in der Natur der Sache, weshalb im angloamerikanischen Sprachraum auch unterschieden wird zwischen “Arts” und Science”. Es ist nicht möglich, Gemeinschaft, Kommunikation, Anpassung oder Meinung exakt zu messen. Die Rolle der Definition in vorgeblich quantitativen Methoden der Geisteswissenschaften führt daher oft zu Resultaten nach sprichwörtlicher Beliebigkeit. Während in den Naturwissenschaften eine Wahrnehmung oder Messung ausgewertet wird, muss ich hier schon vorher wissen, was ich beobachten will.

Zu erhellenden Einsichten kommen die “Künste” dennoch, wo sie sich historischer Entwicklungen annehmen, sie beschreiben und auswerten. Was hat wozu geführt, welche Bedingungen zeitigen welche Entwicklungen, wie nahm sich zu einer bestimmten Epoche das Denken selbst wahr, wie beschreibt sich der belesene Betrieb und was folgt daraus für all das, was noch als “vernünftig” gilt? Wo sind die Tabus, wie werden sie begründet, was gilt als richtig oder falsch und wann hat sich unter welchen Umständen diese Geltung verändert? Solche Fragen kann gründliche Geisteswissenschaft beantworten, zwar nicht exakt, aber plausibel. Sie trägt daher durchaus Züge dessen, was auch der gemeine “Menschenverstand” kennt.

Behält sich Wissenschaft ihren kritischen Grundansatz – den Zweifel, die Frage, ob etwas so ist oder anders -, ist sie ein Motor des Fortschritts. Verbarrikadiert sie sich hingegen in Dogmen und Abwehrschlachten, um vermeintlich gültiges Wissen gegen Erneuerung zu verteidigen, wird sie zum Herrschaftsinstrument, zur Mythologie, zur Religion.

Moderne Mythologie

Die Zeremonienmeister schaffen es derweil, die Errungenschaften ihrer Zunft virtuos klein zu machen. Es ist durchaus nicht so als wüsste man nichts über Wirtschaftskreisläufe und die Resultate bestimmter Vorgänge ‘am Markt’. Dennoch hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Riege von Dilettanten in der Öffentlichkeit breit gemacht, die Angehörige anderer Berufsgruppen glauben machen, als “Wirtschaftswissenschaftler” müsse man einen hohen Grad geistiger Versehrtheit schon mit ins Studium bringen.

Und auch die Mediziner zum Beispiel haben sich Witze verdient. Verkürztes Beispiel: Ein Klempner wird zu einem Arzt gerufen, der einen Wasserrohrbruch im Keller hat. Der Klempner wirft ein paar Dichtungen ins Wasser und sagt: Wenn es bis Montag nicht besser ist, rufen Sie noch mal an!

brainpipeBeide Beispiele deuten darauf hin, dass der Wissenschaftsbetrieb und die daraus folgende Praxis bedauernswerte Zustände zeitigen. Dies ist aber gerade kein Hinweis darauf, dass Wissenschaftlichkeit als solche abzulehnen wäre. Im Gegenteil zeigen sie, dass einerseits die Wissenschaft permanent ihr Niveau unterschreitet und sich eher Cliquen von Verkündern bilden und dass anderereits der Übergang von wissenschaftlichen Erkenntnissen zur alltäglichen Praxis arg vernachlässigt wird. Er sollte aber selbst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Methodenentwicklung sein. Dies würde freilich eine Kaste elitärer Narzissten ebenso methodisch vom Sockel stürzen.

Der organisierte Zweifel

Die Abwehrreaktionen auf eine Wissenschaft, die keine mehr ist, weil sie auf den kritischen Selbstbezug verzichtet, sind ebenso bedauerlich. Die einen übernehmen die Überheblichkeit des Betriebs, setzten den Stand ihrer Kenntnisse zum Standard und erwarten ernsthaft von allen anderen, sich diesem anzupassen. Dies ist leider ein Standardverfahren von Marxisten, aber auch von Keynesianern und anderen -isten und -ianern.

Noch lustiger wird’s dann mit Esoterikern und Mythologen aller Art, die sich ernsthaft als ‘kritisch’ betrachten, weil sie gleich jedes Hinterfragen ihrer Methoden ablehnen und sich auch nicht dafür interessieren, aus welchem historischen Kontext ihr Omm-omm stammt. Sie sind ja meist nicht einmal für die Frage zu gewinnen, wer mit ihrem Geisterglauben schnöden Mammon macht. Wenn der Zweifel an den Wissenschaften also in die Auslöschung jeden Zweifels am eigenen Weltbild führt, kann man nur noch abwinken.

Der organisierte Zweifel ist Basis jeder Wissenschaft sowie jedes kritischen Denkens, hier besteht keinerlei Widerspruch. Dass aber der Zweifel eingedämmt werden muss, wenn man als denkende Person nicht irre werden soll, versteht sich ebenso von selbst. Es bedarf daher eines Maßes an (Selbst-)Zweifel, das einerseits noch Raum lässt für Neues und Anderes, andererseits aber ein konsistentes Denken zulässt, das nicht noch zu hinterfragen hätte, ob Wasser nass ist. Diesen Zweifel auszutarieren ist die Kunst, die Kommunikation erst ermöglicht. Dogmen jedweder Art sind hier Fehl am Platze. Wer nicht zweifeln will, kommuniziert nicht. Er bleibt wirkungslos oder er herrscht.

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