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vebratio

Einem “mutmaßlichen” Attentäter wird alles Mögliche nachgesagt und angedichtet. Einem. der noch nicht einmal sprechen kann, der lediglich verdächtigt wird – was angesichts der Praxis nach Anschlägen nicht einmal bedeutet, dass er auch verdächtig ist. Was ihn zu einer Tat bewogen habe (die er womöglich gar nicht begangen hat), welche Strafe ihn erwartet (natürlich muss er bestraft werden, der wird ja verdächtigt?); kurzum: Es wird ausschließlich über ihn kommuniziert, als sei er bereits überführt und verurteilt.

Niemand interessiert sich auch nur für die These, er könnte unschuldig sein. Niemand geht auch nur der Spur nach, die deftig nach Rechtsterror riecht. Niemand fragt auch nur nach der Rolle der Geheimdienste, die inzwischen auch für Zeitungsleser ersichtlich fast immer ihre Flossen im Spiel haben. Das ist kein Narrativ mehr, das ist ein Holzschnitt. Wer wissen möchte, wie das funktioniert, sollte sich einfach einmal vorstellen, er arbeitete in einer beliebigen Medienredaktion und täte seinen Job. Er täte seinen Job so, dass niemand behandelt wird wie ein Verurteilter, bis er verurteilt wird. Er stellte die Fragen, die naheliegen: Wem nützt es, gibt es Bekennerschreiben; wenn nicht, warum nicht; wenn ja, könnten es Trittbrettfahrer sein oder anders Motivierte. Noch einfacher: Er stellte wirklich Fragen, ehe er zu einem Urteil käme.

Nur Spinner stellen Fragen

Ich fürchte, mit einer solchen Einstellung und entsprechendem Vorgehen wäre man ganz schnell draußen. Recherche, Zweifel, Gründlichkeit, das sind inzwischen Hindernisse, die den Karriereweg völlig verbauen. Es könnte nicht bizarrer sein: Wer sich dieser Tugenden bedient, wird quasi automatisch mit “Verschwörungstheoretikern” auf einen Grill gehauen, denn wer an der Wahrhaftigkeit jener zweifelt, die sich immer häufiger beim Lügen erwischen lassen, muss ein Spinner sein.

Die Kontinuität dieser Kloake eines Restjournalismus ist dabei nicht bloß positive Propaganda für alles, was zufällig gerade herrscht und die Autoren der NATO-PR, sondern ebenso zermürbend für die Kritiker. Man kann sich nicht andauernd empören. Hinzu kommt, dass die Goldfisch-Mentalität der Journaille, für die mangels Erinnerung jede Runde in ihrem Glas die erste ist, nur durch Erinnerung zu durchbrechen wäre. Die aber ist heimtückisch, denn dazu bedarf es der Beispiele aus der Vergangenheit. Das Problem damit ist: Es gibt hunderte, aber man kann bestenfalls eine Handvoll benennen, ehe die Zuhörer abschalten. In dieser Zeit bringt die Reaktion locker ein oder zwei Beispiele von falschen Vermutungen oder Verschwörungstheorien oder erfindet sich zur Not welche. Das sieht dann aus wie “unentschieden”, und der Schwarze Ritter verschwindet schnell hinter den Kulissen.

Ich frage mich beizeiten, ob so etwas wie Aufklärung überhaupt funktionieren kann, zumal in einer Atmosphäre, die längst durch Barbaren geprägt ist. Solche, denen man nicht mehr beibiegt, dass selbst ein Verurteilter bis zum Richterspruch unschuldig war.

 
Diesmal nicht, trotz gut gebrüllt: ‘Europa’ – Sie wissen schon, das ach so geeinte, weil nicht ‘sozialistische’, war immer “Marktwirtschaft”, also immer Kapitaleuropa. “Kein Freizeitpark für Finanzfaschos“? Dieser Analyse kann ich mich nicht anschließen. Sagen wir einmal so: Ein Spielplatz fürs Kapital war es, das Westeuropa, dem die “Union” folgte und selbige schon ein Vehikel der Finanzmarktfachexperten, zumal die “Zone”, in der der Euro die Wirkung seiner bizarren Konstruktionslöcher entfaltet. Sie wissen schon, die Hohlräume, in denen sich oh Wunder der ganze Sprengstoff angesammelt hat, der gerade detoniert. Die Finanzfaschos – und nicht nur die der Finanz – werden dabei wie von selbst losgelassen, das sind halt die ökonomischen und politischen Aasgeier, die kommen in dieser Phase immer angeflattert.

Frieden kann nicht an die Börse gehen“, fast richtig. Denn er hat seinen Preis, der Frieden, und wenn er an den Börsen zu teuer wird, wird er eben abgestoßen. Börsen können Frieden weder bringen noch erhalten. Sie sind der Freizeitpark des Kapitals, das nichts Vernünftiges zu tun hat. Unterstellen wir einmal , es gäbe das: Kapital, das sich vernünftig verhält. Dann ist das halt so, dass es zwangsläufig auch das Gegenteil tut. Zunächst vielleicht nur so zum Spaß. Spätestens aber, wenn es sich partout nicht mehr ‘vernünftig’ vermehren lässt, also durch Produktion und Konsum, beschäftigt es sich halt anders, und zwar verbrecherisch. Das geht legal und illegal, und so wird es dann auch gemacht. Legal wie illegal. Das ist keine Idee von “Finanzfaschos”, sondern die Dynamik des Kapitals. Die Arschgeigen, von denen Sie da sprechen, finden sich von ganz allein, wenn es soweit ist. Sie sind austauschbar. Es gibt sie immer und überall, und das Kapital lockt sie an wie das andere Zeugs die anderen Fliegen.

Schließlich zu Ihrem wichtigsten Halbsatz:”[...] statt über Banken, über alternative Finanzkreisläufe und neue Formen Geld anzulegen zu sprechen [...]“.
Neue Formen Geld anzulegen? Aus Geld mehr Geld machen, es quasi “arbeiten lassen”? Das tut weh. Genau das wollen sie doch alle, die Finanzfaschos, und hätten sie nur eine Idee, wäre eine Idee auch nur entfernt möglich, wie das Spiel weiterginge, man würde sie nur zu gern umsetzen. Aber es gibt diese Idee nicht, weil es sie nicht geben kann. Das Spiel ist aus, Frau Kiyak. Es braucht etwas völlig anderes. Trauen Sie sich, das zu denken. Und dann sagen Sie es!

 
klavschreima

Ein Superkonzept haben die Verlage da, um es umsatztechnisch wieder richtig krachen zu lassen. Das fängt an mit dem sogenannten “Leistungsschutzrecht”. Sie sollen demnach Geld bekommen für, äh … also … dafür, dass sie in Suchmaschinen zu finden sind. Bin ich für. Will ich auch. Ist aber infantil, taugt nichts, wird nichts? Schade. Wofür genau sollen die Suchmaschinenbetreiber Geld bezahlen? Für sogenannte “Snippets”, also (zu groß geratene) Schnipselchen als Textauszug, mit denen ein Eindruck davon erweckt wird, was man zu lesen bekommt, wenn man den Link anklickt. Ich möchte jetzt gar nicht zum ixtausendsten Male darauf hinweisen, wie behämmert das ist, sondern das in einen Zusammenhang stellen mit den anderen genialen Ideen und ein Beispiel für das Resultat liefern.

Die Verlage selbst pflegen ihre Artikel mit Teasern zu versehen, mit Anrisstexten, die eigens dazu formuliert werden, Appetit auf den sich anschließenden Artikel zu machen. Das gelingt genauso wenig immer wie es Restaurantbesitzern immer gelingt, ihre Speisen appetitlich zuzubereiten. Kann, muss aber nicht. Sollte es einem verfluchten Google aber einfallen, den ganzen Anrisstext zu kopieren, dann setzt es was! Schließlich ist das eine journalistische Leistung, die journalistische Höchstleistungen einzuleiten pflegt.

Keinen Hunger mehr

Trifft diese Haltung auf ihre große Schwester, die Kostenminimierung, ist der satte Gewinn schon so gut wie eingefahren. Wenn man schon Redaktionen beschäftigen muss, dann bitteschön Zentralredaktionen, die für mindestens ein halbes Dutzend Blätter denselben Brei anrühren. Deren Chefs dürfen auch noch anständig bezahlt werden, denn man braucht sie schließlich, um die anderen, die Schreibsklaven und Agenturmelder, unanständig zu behandeln. Das kann man nicht von einem verlangen, der denselben Status hat. Siehe dazu auch “M” wie “Mittelschicht”. Im übrigen schreibt man möglichst nichts, das irgendwen ärgern könnte.

Weiterhin sollte man noch dafür sorgen, dass die Werbung nicht mehr von den Artikeln zu unterscheiden ist. Auch Korrekturlesen war gestern. Hauen Sie’s raus, ehe es kalt wird und sparen Sie den Lektor, das schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Eigentlich sogar drei, denn dieses Vorgehen schafft unverkennbare Unikate, ganz unabhängig vom Inhalt. Die Anwälte werden also keinerlei Probleme haben, die Urheberschaft nachzuweisen. Im geschilderten Verfahren kommen nämlich Perlen wie die unten dokumentierte zustande, die ganz en passant belegt, dass Inhalt überbewertet wird, denn nach solchen Einleitungen wird niemand mehr Interesse am Weiterlesen haben – womit zum Vierten bewiesen wäre, dass die Zitierung in Suchmaschinen bis zu 100% Leser kostet. q.e.d.

Und hier das heutige Meisterwerk der FR, ein Dokument der Zeitgeschichte:

Zwei Mal sind chinesische Autobauer mit ihren eigenen Modellen auf dem europäischen Markt gescheitert – wegen Sicherheitsmängel. Nun könnte ein kleiner Wagen aus Fernost zum Star auf dem Genfer Autosalon werden. Westlich Manager mischen bei Qoros GQ3.”

Keine weiteren Fragen.

 
Ja, es geht noch blöder. Die Hände fallen leider immer noch nicht ab, wenn ein Lohnschreiber einen Mist wie “Merkel fordert Pakt für Wettbewerbsfähigkeit®” in die Headline schmiert, natürlich ohne Hinweis auf die Marke “Neusprech” und ihre neoliberalen Inhaber.

Das bedeutet: “Bundeskanzlerin will noch mehr Lohndumping“. Nichts. Anderes.

Geht pleite!

 
Wie nennt man etwas, das einmal ein Nachrichtenmagazin war, noch so heißt, aber schon lange keines mehr ist? Ein Nachnachrichtenmagazin? Ein Postnachrichtenmagazin? Eine Magazinvorrichtung ohne Nachrichten?
Wie dem auch sei, ich habe das Ding seit Mitte der 80er einige Jahre gelesen und fand vieles daran gut. Das wurde schon damals relativ zügig immer weniger, so dass ich Mitte der 90er schon kein Geld mehr dafür ausgab. Kurz darauf füllte sich ein Teil der Lücke auf angenehme Weise: Man konnte es großenteils online und gratis lesen.

speichel

Das fand ich anfangs auch ganz gut, wobei ich zugeben muss, dass ich mich nicht mehr so genau erinnern kann, ob es an bereits erheblich reduzierten Qualitätsansprüchen meinerseits lag oder sie dort anfangs tatsächlich den Mangel im investigativen Bereich noch durch Aktualität kompensieren konnten.
Schon bald aber befand sich das Niveau im freien Fall. Es war die Zeit des Herrenreiters Stefan Aust, der alles zertrampelt hat, was Augsteins “Spiegel” einmal ausgemacht hatte, im Bunde mit kondebilen Wortverwurstern wie Malzahn, Matussek, Broder, Mohr, Steingart und anderen. Offline wie online unerträglich, dafür sorgte auch Müller von Blumencron, der derweil den “SpOn” voll auf Boulevard trimmte.

Ganz nebenbei bekannten sich die Adabeis aus der Brandstwiete inzwischen offen zur Wahlkampfhilfe für Merkel und hielten Informationen, statt sie aufzudecken, unterm Deckel. Damit sind sie in bester Gesellschaft, die Öffentlich-rechtlichen berichten auch nur noch bestenfalls darüber, dass sie nicht mehr berichten. [siehe Video; die Journalistinnen sind Dagmar Seitzer und Ulricke Hinrichs. Letztere ließ und lässt sich ihren Gehorsam als Sprecherin von Unionspolitikern und Lobbyistin vergolden.] Was früher investigativ war, lässt sich heute aushalten. Das ist der Wind, der in der Branche weht.

Die Heile Welt der Adabeis

Was also erwarte ich von diesem Hummerpuff, seinen Schampus schlürfenden Hofschreibern und ihren kommandierten Wasserträgern? Eigentlich nichts. Trotzdem schaffen die es immer wieder, mich zu ärgern. Aktuell auf denkbar absurdeste Weise, und sie können wirklich fast nichts dafür. Der Begriff “Kapitalismus” gilt und galt ja dort schon immer als ein Abkömmling des Sowjetvokabulars, warum sollten ausgerechnet sie also ausgerechnet jetzt dieses seit Jahrzehnten weggepiepste Unwort in der Feder führen?

Vielleicht ärgert mich die aufreizende Naivität, die dümmlich boulevardeske Technik, sich mit dem möglichst oberflächlich orientierten Leser gemein zu machen. Dieses widerliche “Wir denken wie du” – Getue, das man aus der Rudi-Dutschke-Straße schon in den Jahrzehnten kannte, als sie noch Kochstraße hieß.
Das Beispiel der Hamburger Bude heute: Da heißt es ernsthaft, die Angestellten der Freizeitattraktionen “verdienen so mies wie in kaum einer anderen Branche. Und das trotz saftiger Eintrittspreise.“.

Schon über das volkstümlich verkehrte “Verdienen” könnte man sich einen Rant leisten. Aber so zu tun, als hätten hohe, womöglich überzogene Produktpreise quasi proportional zum Einkommen der Arbeiter/innen zu sein, ist nachgerade infantil. Da wird die krude Normalität der Ausbeutung vorgestellt als Bruch in einer heilen Welt, als Einzelfall einer Ungerechtigkeit in der ansonsten intakten ökonomischen Wirklichkeit. Genau die aber ist es, wovon “der Zuschauer, der Zuhörer, der Leser” “nichts erfahren” muss. Schon den Namen nicht, Kapitalismus, herrgottnochmal. Nein, der Leser muss nur verstehen, was ihm gesagt wird: Alles wird gut. Wir lieben die große Mutter. Wir lieben die soziale Marktwirtschaft®.

 
‘Es wird keine Rettung für die Zeitung geben, wenn wir mit dieser Umsonst-Kultur nicht brechen.’ Darüber müsse auch mit jüngeren Lesern, ‘auch wenn die sich selbst User nennen’, gesprochen werden.”

Dieser Satz – googelt das gern mal selbst – wird hundertfach in exakt dieser Formulierung wiederholt vom Kuhjournalismus. Ich bin zu müde um zu recherchieren, ob das ursprünglich zwei Sätze waren oder einer. Selbst kurz vorm Koma kann ich allerdings feststellen, dass nicht bloß diese kreuzpeinliche Abschreiberitis vorherrscht, sondern symptomatisch auch nicht einmal gelesen wird, was da – demnächst leistungsgeschützt – per Copy & Paste auf die Leser einprasselt.

Zur “Umsonst-Kultur” nur ein müdes Lächeln, das die Abschreiber allerdings in Panik versetzen sollte. Wenn es dafür auch noch gutes Geld geben sollte, was hielte sie denn davon ab, das einzusammeln? Ist es die karitative Ader deutscher Großverlage, die sie bislang davor zurückschrecken ließ, die geliebte Konsumentenschar für die hart erarbeiteten Inhalte ihrer leistungstragenden Gatekeeper um ein Scherflein zu bitten? Wohl kaum. Mag es sein, dass es sich nicht gerechnet hat, das Gold im Internet zu suchen, zu glauben, es ließen sich dort dolle Umsätze machen, wenn man nur das schlechthin Übliche liefert, mit dem die Lesezirkel schon immer zufrieden waren und dass nicht einmal zu minimalen Kosten mehr Einkünfte erzielt wurden? Schon eher.

Isch bin User!

Grandios desorientiert aber die Formulierung des publizistischen Riesen Steingart, der schon beim “Spiegel” die Auflage kongenial mit dem Herrenreiter Stefan Aust ruinierte: “die sich selbst ‘User’ nennen”. Wer einen kennt, der sich “User” nennt, möge sich dringend melden. Scherz kurz beiseite: Steingart glaubt wirklich, da draußen säßen Millionen seiner Leser, die sich ins Fäustchen lachen und skandieren: “Isch bin User, isch zahl nix!”. Omfg! Es sei ihm verziehen, denn er hört nur die, die ihm den Anus pudern. Die anderen verständigen sich per Blickkontakt und suchen das Weite, sobald der Headhunter anruft.

Das Future Concept der endgebrieften Sekretabsonderer dieser Branche von Fachexperten sieht also so aus: Mit einem Leistungsschutzrecht, das so raffiniert ist wie Ölschlamm, schießen sie sich aus den relevanten Suchmaschinen (man verzeihe mir den Plural) heraus, und dann ziehen sie Paywalls hoch. Das bringt eine Mörderkohle von den derart zur Einsicht Gezwungenen, die neben ihren monatlichen Beiträgen untertänigst auch noch alle persönlichen Daten frei Haus liefern, damit das Anzeigengeschäft online so richtig durch die Decke wuppt. Endlich zertifizierter Leser, nie wieder “User”. Hurra, hurra, hurra!

Ich erwarte in Kürze eine Riesenkampagne zur Freigabe aller Drogen. Steuerbefreit.

 
Die FAZ meldet, die Financial Times Deutschland werde eingestellt. Auch schade, es bleibt also am Ende vermutlich nur solche ‘Wirtschaftspresse’ übrig, die devotes Gelulle an Hochglanz und Luxusartikelwerbung bietet. Online sind das eh Pfeifen, ausgerechnet der Link aufs Abo lässt einen aufs Totenglöckchen warten, und der Brüller ist das “Werbefrei-Sonderabo“.

Man soll also 6,90 Euro bezahlen, um die Werbung ausblenden zu können. Die muss ja ganz schön nervig sein. Das kann ich allerdings kaum simulieren, denn selbst wenn ich den Adblocker abschalte, passiert kaum etwas. Die glauben doch nicht, ich lasse jetzt jedes Skript laufen, dass die ihren Lesern um die Ohren ballern, damit ich sehe, was ich für 6,90 für ein tolles Feature bekomme? Haben die noch nie davon gehört, dass man Java Script nicht einschalten muss? Dass man es sogar selektiv ein- und abschalten kann? Dass es für Leute, die so abgenervt sind von blöder Werbung, dass sie satte sieben Euro monatlich zahlen würden, um nur ein einziges Webangebot ohne betrachten können, längst eine Lösung gibt?

Fachoberexperten on the line

Ganz abgesehen davon, dass die Fachexperten, die solche Angebote entwerfen lassen, schon mal gar keine Ahnung von der generellen Pest “Java Script” zu haben scheinen, eine allerdings bedauerlich weit verbreitete Haltung. Gäbe es nicht für vernunftbegabte Menschen ohnehin zwingende Gründe, Scripte zu blockieren, spätestens die Verlage mit ihren hemmungslosen Scriptschleudern zwängen einen zum Einsatz von NoScript oder Alternativen. Es ist schon ziemlich frech, die Doofen jetzt damit quasi noch erpressen zu wollen.

Wundert mich aber kein Stück. Ich spreche regelmäßig mit einer aus der Branche, die aus dem Fazialpalmieren gar nicht herauskommt. Zitat: “Die haben alle alle keine Ahnung”. Weitere Zitate, die noch deutlicher werden, klemme ich mir mal. Man kann sich also darauf verlassen, dass die Landschaft sich mächtig ausdünnen wird. Noch weniger Angebote mit noch weniger Manpower, noch weniger Kompetenz und noch mehr Einflussnahme. Wir werden eine große Offensive erleben, in der uns erklärt werden wird, warum der Qualitätsjournalismus jetzt noch wichtiger, noch besser und noch qualitätsjournalistischer sein wird.

Die Frankfurter Rundschau ist pleite. Ich finde das extrem bedauerlich, denn sie war eine der besten Zeitungen in Deutschland, eine, die noch wirklich kritisch berichtete und einige der besten deutschen Journalisten beschäftigte. Gerüchten zufolge steht die FTD ebenfalls am Abgrund, ein weiterer Hinweis darauf, dass journalistische Qualität offenbar nicht mehr erkannt wird im Einheitsbrei des sogenannten “Qualitätsjournalismus”. Sicher hat auch die Rundschau respektive der Verlag (DuMont Schauberg) Fehler gemacht. Es zeigt sich, dass eine Politik der Kostensenkung durch Zusammenlegung von Redaktionen, Entlassungen und Kürzungen nicht funktioniert. Innovationen und Investitionen wären wohl besser gewesen, um sich gegen eine Konkurrenz zu behaupten, die stets mehr Qualität behauptet als sie jemals wirklich liefert.

Aber das ist auch nur Spekulation. Die Käufer werden auf breiter Fläche weniger, online sind die Einnahmen bei weitem nicht ausreichend. Ein Trend, der mit Zeitungen und ihren Angeboten nur sehr am Rande zu tun hat, mag das größte Problem darstellen: Dass immer weniger Menschen lesen, vor allem sich lesend informieren. Dem widersprechen auch nicht die ansehnlichen Umsätze auf dem Büchermarkt. Wenn wenige mehr lesen, kaufen sie vielleicht mehr Bücher. Sie abonnieren deshalb aber nicht mehrere Tageszeitungen.

Monopoly am Boulevard

Die Grundfrage, die sich stellt, ist die: Warum soll noch jemand für eine Zeitung bezahlen wollen? Was bietet sie ihm und was ist er bereit dafür zu geben? Ich habe diese Frage der Frankfurter Rundschau einmal per Mail gestellt, u.a. gefragt, ob es nicht sinnvoll sei, eine Möglichkeit wie flattr einzurichten, mit der Leser freiwillig einen Beitrag leisten könnten. Ich habe auf diese Mail nicht einmal eine Antwort bekommen. So geht online ganz sicher nicht. Die Mentalität aber, zahlenden Kunden ein Stück Papier liefern zu lassen, das Netz ein paar Freaks zu überlassen und zu glauben, das würde schon reichen, ist ersichtlich fatal.

Das Angebot von Abos könnte auch online funktionieren, mit entsprechenden Features. Multimedia-Dateien zum Download, Informationen über die Arbeit der Redaktion, die nicht jeder einsehen kann, ein Archiv mit übersichtlicher Menüführung vielleicht. Ich hätte schon für die Bemühung um Ideen und Leser gern etwas bezahlt, wenn man mir die Möglichkeit gegeben hätte. Vielleicht hätte auch das nicht zum Überleben gereicht und wir gehen auf eine Landschaft zu, wo bald noch drei große Verlage uns täglich mit Titten und Hitler versorgen. Aber wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, hilft es nicht, sich auch noch zu ducken. Dann muss man losrennen und einen Ausweg suchen.

 
priv

Ich traf heute auf eine “Presseschau” in einer Tageszeitung. Wie herrlich überflüssig, dachte ich mir, zusammenzufassen, was alle die schreiben, die dasselbe schreiben wie die, die über jene schreiben. Zwölf Formulierungen desselben beim Autor der dreizehnten. Dabei ist das schon eine Leistung, denn wie oft lese ich auch noch denselben Wortlaut, weil ohnehin nur Agenturmeldungen abgeschrieben werden. Das müsste doch auch eigentlich den Verfassern solcher “Presseschauen” auffallen. Nicht? Dass überall dasselbe steht?

Zur Bestätigung der Bestätigung wird dann also zitiert. Hier und da werden dann Simulationen von “links” und “rechts” eingestreut – “rechts” wird übrigens niemand genannt, das sind alles “Konservative” – in der berechtigten Hoffnung, dass der Leser dumm genug ist, diese Kategorien zu übernehmen. Neulich sprach jemand in vollem Ernst die mir seit Jahrzehnten bekannten Worte: “Der ‘Spiegel’ ist mir zu links”. Man sagt das offenbar so wie “Guter Rat ist teuer” oder “Hier regiert der S Null Vier”. Es ist unabhängig von Inhalt und Bedeutung, ein Plappern und Zwitschern, das schon immer so war. Während die Singvögel inzwischen Handyklingeltöne gelernt haben, verblödet die angebliche Belesenheit zusehends und schützt sich vor intellektueller Überforderung durch ständige Wiederholung.

Plappern und Zwitschern

Niemand prüft irgend etwas, die ‘Kategorien’ sind selbst schon Simulationen. Wo es früher eine Schublade gab, findet sich heute eine Klappe, die sich nicht einmal mehr öffnen lässt. Nur die Aufschrift ist noch da. So kommt es, dass zum Beispiel ein Jakob Augstein die inkarnierte publizistische “Linke” darstellt. Der “Spiegel”, der es ja wissen muss, weil dort einmal sein Ziehvater wirkte, hat das so festgelegt: “Im Zweifel Links”, was nicht einmal so falsch ist, denn Zweifel kennt der Mann ja keine. Der Leser merkt sich also: Augstein links! Man hätte doch auch Fleischhauers Tiraden den “kleinen Stürmer” nennen können oder “Wo’s braun wird, rechts ab”, das wäre vielleicht ein Hinweis gewesen. Stattdessen gilt das dort inzwischen als “Mitte”. Von da aus ist Augstein dann auch wieder links und die Welt in Ordnung.

Was will ich mit einer Mainstreamschau im Mainstream? Nun mag man fragen: “Was will der Mann dann?”. Streit will der Mann! Der unerträgliche Einheitsbrei, die Industrie der Alternativlosigkeit, kann sich nur noch erregen, wenn irgendwer ein Empörungspüppchen hochhält und zum Beispiel dem Papst Pissflecken auf die Kutte montiert oder wenn eine Fußballmannschaft einen schlechten Tag hatte. Dass aber inzwischen noch ein Journalist dem anderen, ein Blatt dem anderen, ein Sender einer Zeitung die Leviten liest, dass jemand eine wirklich politische Haltung einnimmt, seine Meinung sagt und Kollegen öffentlich wegen deren Meinung angreift, wo gibt es das noch? Das ist also dann der ‘globale Wettbewerb’, wenn sich alle einig sind und “Links” und “Rechts” sich zur Redaktionssitzung mit Bussi begrüßen? Verdammte Axt, das ist nicht das, was ich “Pluralismus” nenne.

 
Die Meldung des Tages, die emsig per copy & paste verbreitet wird, um als “Leistung” geschützt zu werden, ist Schäubles angekündigte Singapurreise. Knapp dahinter folgt die atemberaubend dämliche Meldung, “Europa” plane eine “dritte industrielle Revolution.”

dogma

Dass Schäuble jemanden “verfolgen” will, kann man ja mit einem gewissen Zynismus durchgehen lassen. Was einen inzwischen nur mehr dumpfen Kopfschmerz verursacht, ist die routinierte Wortwahl. Kleiden wir die semantische Tretmine ins Gewand einer Umfrage, die wir uns durchaus wörtlich so vorstellen dürfen:
Was finden Sie schlimmer?
- Steuersünder, die vor der Enteignung fliehen
oder
- Sozialschmarotzer, die sich als Hartz IV-Betrüger leistungslosen Wohlstand erschleichen?

Schäuble, so heißt es nämlich. wolle “Steuersünder bis Singapur verfolgen“. Wo ist bitte der Punkt, an der Steuerhinterzieher, die sich einer schweren Form des Betrugs schuldig machen, auch so genannt werden? Wenn schon ein Finanzminister, der sich intensiv um die Amnestierung von Steuerbetrügern bemüht hat und die Mittel der Fahnder gern beschränken möchte, von denen spricht, die er dann noch dingfest machen will, dann sind das sicher keine armen Sünderlein, sondern die kriminellsten Steuerbetrüger, die frei herumlaufen. Ich weiß, das ist hoffnungslos, aber ich mag den Lohnschreibern ihren Neusprech immer noch nicht unwidersprochen durchgehen lassen.

Vergangenheit ist Zukunft

Eine Intelligenzleistung der besonderen Art ist aber die Meldung des Wirtschaftsboulevards von “Welt” bis “Spiegel”. Chat Atkins merkt bereits an, dass “geplante Revolutionen” ein merkwürdig Dingen sind, dem ich hinzufüge, dass eine solche, die zentralistisch und von oben geplant ist, sicher die besten Aussichten hat. Der Geistesblitz der Planer: Es sollen wieder “mehr Fabriken” gebaut werden. Wie nennt man diese Form der Marktwirtschaft dann? Sozialkapitalistische Planmehrwertmarktwirtschaft vielleicht?

Dumm genug, aber das ist ja erst der Anfang. Wie kriegt man so viel Gaga in einen Schädel: Gegen eine veritable Produktivitätskrise bauen wir also “Fabriken”? Wohlgemerkt: Gegen eine zu hohe Produktivität! Wir könnten mit den bestehenden Kapazitäten jedem Eichhörnchen zwei PKWs vor den Baum stellen. Weil die aber nicht genug Nüsse haben, von denen die Angestellten leben könnten, werden massenhaft “Stellen abgebaut”. Absatzeinbruch bis zu 40% dieses Jahr, und es kann noch schlimmer kommen. So. Und jetzt bauen wir Fabriken? Was produzieren die denn so Revolutionäres? Solvente Kunden sicher. Argh!

So viel Marx haben diese Genies also inzwischen verstanden, dass “Dienstleistungen” die Produktion nur sehr bedingt ersetzen können. Sie haben gar erkannt, dass das überhaupt nicht funktioniert hat. Mit den Ursachen mögen sie sich aber nicht befassen, das wäre dann sicher Sozialismus. Wenn das Kapital sich künstliche Badeparadiese schafft, weil es keine natürlichen Räume mehr findet, in denen es sich ausbreiten kann, dann ist es nicht die Lösung, das ganze Wasser wieder auf die überschwemmten Felder umzuleiten.

Neoliberaler Vulgärmarxismus

Die “Revolution” ist obendrein die schiere Reaktion, die zerebral entkernten Propagandisten preisen ernsthaft den Marsch in die Vergangenheit als glorreiche Zukunft an. Eine Industriegesellschaft kann nur – und nur für eine kurze Zeit – durch Arbeitssklaven restauriert werden. Das geht eine Weile auch ohne höheren Absatz, bis die Herren dann merken, dass überhaupt niemand mehr den ganzen Schund kauft, der doch so kostengünstig hergestellt wird.

Immerhin dürften solche Glanzleistungen den Absatz von Schmerzmitteln ankurbeln. Das dürfte aber bereits eingepreist sein, denn der Berufsstand scheint sich das inzwischen zur vornehmsten Aufgabe zu machen.

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