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Journalismus


 
Argh. Ich habe mir gerade einmal zwanzig Minuten dieser Muppets Show mit Steinbrück und Merkel angetan. Das Schlimmste ist, dass jetzt Scharen sogenannter “Journalisten” das ernst nehmen und ‘analysieren’ werden. Das Zweitschlimmste ist, dass die anderen so tun werden als ob. Neu dabei ist dieser Alleinentertainer Raab, der mit ganz großer Geste ganz kleinen Geist ins Studio bläst und noch blödere Fragen stellt als der Rest einer völlig inkompetenten Riege von Kleiderständern. Als ginge es darum, wer die geilste Käppi trägt und der coolste Typ ist, werden tatsächlich Attribute wie “toll” mit Kanzlerkandidaten assoziiert und so getan, als sei der Bundeskanzler der Bestimmer im Turnraum.

Derweil sehen die Kandidaten fast noch besser aus, weil sie, entsprechend eingeölt, immerhin regelmäßig darauf verweisen, dass sie auf so manches ja gar keinen Einfluss haben. Leicht haben sie es nicht zuletzt, weil ihnen so peinlich dumme Fragen gestellt gestellt werden wie die, wann und wie sie denn “Schulden zurückzahlen” wollten. Was sind das für Leute, die derart überhaupt keine Ahnung von Volkswirtschaft haben? Darüber streiten sich nicht einmal Keynesianer mit Marxisten, dass das ebenso illusorisch wie irrelevant ist, aber alle im Studio tun begeistert so, als wüssten sie da was Besseres. Wenn diese Idioten schon unsere politische und publizistische Elite sind, kann es ja nicht mehr lange dauern, bis wir erlöst werden. Wohl dem, der rechtzeitig katholisch geworden ist.

Kopf. Tisch. Kopf, Tisch. Kopftisch, Kopftisch Kopftisch …

Das Erbärmlichste an der ganzen Veranstaltung ist diejenige, die unter den Ahnungslosen die eifrigste ist und nichts, aber auch gar nichts anderes als ihren kreuzdämlichen Neusprech anzubieten hat. Schon nach fünf Minuten hatte ich zehn Striche bei “Arbeitsplätze”, was also die Vokabel ist, die man ihr eingetrichtert hat so oft zu wiederholen, dass jeder mit rasselnden Ohren und brummendem Schädel umherläuft und nur noch ‘Merkel-Arbeitsplätze’, ‘Merkel-Arbeitsplätze’ nachlallen kann. Steinbrück legt derweil immerhin eine gewisse Eloquenz an den Tag und sendet differenzierte Botschaften aus. Er ist halt ein geborener Verlierer.

Dieser ganze Mist ist so unfassbar nichtssagend, dass ich Kopfschmerzen bekomme. Genau das ist obendrein der Vorteil der Bleiernen – nicht die Kopfschmerzen, das andere. Sie haspelt vor sich hin, stammelt “Arbeitsplätze, Arbeit, Eigenverantwortung, soziale Marktwirtschaft, Leistung, Reformen, Reformdruck”, der ganze Schmand, mit dem wir seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten eingecremt werden, ohne Sinn und Verstand, Punkt und Komma. Daneben hat sie grad noch ein paar Institutionen auswendig gelernt; “Troika, EZB, Kommission” (welche ist schon egal), fügt dann an: “mit denen ich als Bundeskanzlerin …”, und schon ist das Prädikat des Satzes verzichtbar, er hat ja eh keine Aussage.

“Uiuiui”, sagt sich der zufriedene Bundesbürger, der eben vom Kleiderständer gehört hat, er sei zu 78% zufrieden mit Leiharbeit, Minijobs und Hartz IV, dafür aber ohne Rente oder Zukunftsaussichten, “Uiuiui, die kennt sich aus”, und ist gleich auch zu 78% zufrieden mit dieser bodenständigen und doch so so sachverständigen Kanzlerin.

Ich halte das nicht mehr aus. Ich bin raus.

 
Es ist mir zuletzt immer wieder durchaus positiv aufgefallen: Beim Feuilleton der FAZ leistet man sich eine Sicht der Dinge, die sich dem Zeitgeist verweigert, weil sie konservativ ist. Wo die parlamentarische Resterampe eines politischen Betriebs reaktionär alles verteidigt, was vermeintlich den Status Quo erhält, während der sich kaum mehr definieren lässt, ehe die nächste Unmöglichkeit schon wieder eine andere Verteidigungslinie zieht, hält der Konservative inne und kommt dabei gelegentlich zu völlig neuen Einsichten.

Sie sind nicht frei von Attitüde dort, im Stil, den Referenzen und selbst den Vorwürfen, die sie erheben. Typisch etwa der Zeigefinger gegen Günter Grass und dessen falsch konstruierten Komparativ. Ebenso die rhetorische Serpentine über Journalisten, die sich selbst fertigmachen, hin zum Lachen über Grass’ Vorwurf, jene seien nicht selbstkritisch. Wenn ausgerechnet Grass also jemandem mangelnde Selbstkritik vorwirft, folgt daraus, dass dies nicht zutrifft? Ich mag solche Frechheiten, vorausgesetzt, der Autor ist sich ihrer bewusst.

So nicht!

Es gibt Regeln, es gibt Dinge, die nicht zu wissen eine Verschwendung von Lebenszeit sind und es gibt das große Unverständnis, dass Typen, die nichts wissen, nichts gelesen haben und jedes Regelwerk bis zur Paradoxie so auslegen, dass es ihnen passt – ausgerechnet um an einer Orthodoxie festzuhalten, die täglich des Irrsinns überführt wird. So ungefähr ist der Kerncharakter des reaktionären Praktikers gestrickt, und solche Leute gehen Konservativen gehörig auf die Murmeln. Ein intellektueller Pöbel, der nicht weiß, wovon er redet und offenbar auch nicht mehr weiß, was er tut, kann sich noch so lange selbst “konservativ” oder “liberal” nennen; wenn er einfach nur dumm und unfähig ist, hört der Spaß auf.

Die Lebenslügen des gebildeten Konservativen wären ein eigenes Kapitel wert, jedenfalls ist er der Anpassung der Wahrheit ans Gemüt keineswegs abgeneigt. Nur: Wenn ohne Sinn und Zweck, ohne Herkunft und Ziel, gegen jede Regel und alle Prinzipien gelogen wird, dass die Scheune ächzt, dann wird er trotzig und rückt ein paar Dinge zurecht. Mancher kann dann gar nicht mehr aufhören damit.

Im Zusammenhang mit den aktuellen Enthüllungen sei auf zwei Artikel von Minkmar hingewiesen, in denen er Zusammenhänge herstellt, die sonst eher von Linken zu erwarten sind: Im September 2012 erschien ein Überblick über die Affäre Assange und die Wirkungsweise sogenannter Geheimdienste im Sinne der Manipulation von Öffentlichkeit. Daraus wird ersichtlich, dass es da um das Gegenteil von “Aufklärung” geht – übrigens auch von “nationaler Sicherheit”. Es geht um Verschleierung, Desinformation und militärische Aggression.

Aufklärung, Gerechtigkeit?

Nicht ganz ohne Komik ist allerdings der Glaube an eine Rechtsstaatlichkeit, die längst derselben Interpretation ihrer Verweser zum Opfer gefallen ist wie der Rest der Wirklichkeit:
Assange verweist auf Bradley Manning, der auf Rumsfeld, Bush, Cheney und Blair verweist. Sie müssen vor ein ordentliches Gericht, alle.
Was mag das wohl für ein Gericht sein und welches ‘Recht’ wird es wohl sprechen? Hier verwechselt jemand das Problem mit der Lösung.

Noch besser gefällt mir aber der Artikel aus dem Juni dieses Jahres, in denen Minkmar beinahe zum Punkt kommt. Darin wird die Bespitzelung ‘befreundeter’ Regierungsmitglieder beim G-20-Gipfel durch die Regierung Brown bzw. die von ihm bestellten Geheimdienstler eingeordnet. Das Fazit:
Der Plan, die Banken mit öffentlichen Geldern zu stützen, ohne störende Kontrollen einzuführen, war damals gewagt. Aber er gelang Brown und seinen Bonds. Heute sind die Staaten überschuldet, nicht mehr die Banken.

Fehlt nur noch die Einsicht, dass das alles keine Pannen oder Einzelfälle sind.

 
speich

Georg Schramm ist zuzustimmen, wenn er meint, dass nicht Angela Merkel die “mächtigste Frau” im Lande ist, schon gar nicht in Europa. In Deutschland sind Liz Mohn und Friede Springer diejenigen, die Entscheidungen treffen. In ihrem Auftrag gegebenenfalls noch ihre Mitarbeiter und Hofschreiber. Die Affären um zu Guttenberg und Wulff, in denen Nikolaus Blome jeweils eine relevante Rolle gespielt hat, haben das für einen kurzen Moment ans Licht geholt; es war beinahe ein öffentliches Thema.

Der “Spiegel” will seit Jahren, vielleicht seit der sog. “Wiedervereinigung”, Politik nicht mehr kritisieren, auch nicht kritisch begleiten. Seine Herren seit Aust suhlen sich in dem Gefühl, Politik machen zu dürfen. Dass sie sich dabei schlicht zu Nützlichen Idioten der Herrschaft machen und immer bloß auf den größten Haufen brunzen, ficht sie nicht an. Spätestens seit dem offenen Eintreten für Merkel im Wahlkampf 2005 ist das jedem klar, der es wissen will.

Mitmischen statt nur berichten

Jetzt wollen sie erste Liga werden, und dafür haben sie konsequenterweise einen geholt, der bereits Erfahrung hat und regulär berüchtigt ist als Steigbügelhalter und Teilzeithenker für politisches Personal, das dem Kapital am Herzen liegt. Ob einer gegen jeden Anstand im Sattel gehalten werden soll oder eiskalt abserviert, diese Meisterprüfung der publizistischen Nützlichkeit hat Blome mit Bravour hinter sich gebracht. Das ist der Journalismus in der postparlamentarischen Plutokratie.

Die Qualitäten dessen, was künftig dort zu erwarten ist, sind in der Simulation einer Diskussion zwischen Blome und Augstein über zu Guttenberg klar erkennbar. Der talentarme Sozialdemokrat halbrechts läuft dem wendigen Rechten in jede Parade, zu der dieser sich animieren lässt. Was Blome da auffährt, um den Liebling der Atlantiker reinzuwaschen, ist in der Substanz lächerlich, Augstein hat dem aber nichts entgegenzusetzen als eine abstrakte Moral. Er ist entweder völlig unvorbereitet oder hat keine Ahnung, wie man hohle Phrasen entlarvt. Blome wischt den Boden mit ihm und schafft es sogar den Eindruck zu erwecken, “Bild” sei kritisch gegenüber ihrem Schützling gewesen. Welch eine Niederlage!

Endzeit

Guttenberg sollte mit aller Gewalt gehalten werden, stürzte dann aber doch. Wer die Entscheidung dazu getroffen hat, bleibt unklar, aber er hat sich auch so selten dämlich angestellt in der Affäre, dass irgendwann auf der Brücke entschieden wurde, ihn auszumustern. Hätten Springer und Blome ihm so mitgespielt wie Wulff, er wäre binnen Tagen abgeschossen worden. Blome vertrat aber bis zuletzt die Ansicht, der adelige Boulevardstar, Multimillionär und “Young Leader” hätte noch “Kredit”. Das stimmte in dem Sinne, dass der Pomp, mit dem die Medien ihn aufgebaut hatten, bei der manipulierten Öffentlichkeit noch wirkte. Es war dennoch nicht genug. Vielleicht werden wir irgendwann erfahren, worüber der Baron am Ende wirklich fiel.

Geschichten wie diese sind natürlich die große Ausnahme. Dass einer, der Kanzler werden sollte, so offensichtlich gepusht wurde, so dass dies selbst einen flüchtigen Blick hinter die Kulissen erlaubte, war ein Fehler. Inzwischen dürften seine Macher das erkannt und daraus gelernt haben. Die Stille Förderung in den esoterischen Zirkeln unter Mitarbeit der Medienmanager ist das bessere Modell. Karrieren wie Göring-Eckardt, Özdemir und von Klaeden sind gute Beispiele dafür. Aber wer weiß, vielleicht ist Blomes Beförderung zum “Spiegel” auch ein Zeichen dafür, dass man nicht nur in die Breite investiert, sondern mit der geballten Macht einer Medienlandschaft ohne Differenzen wirklich das politische Personal nach Gusto bestimmen will. Endzeit auch beim sogenannten “Journalismus”.

 
Seit 2001 die drei Hochhäuser durch die Einwirkung zweier Flugzeuge lehrbuchreif abgerissen wurden, wird der Terror beschworen, ohne dass je in der Öffentlichkeit wirksam diskutiert worden wäre, was “Terror” eigentlich bedeutet. Da muss sich erst die FAZ verleiten lassen, Fefe zu interviewen, damit der denen das erklärt:

Ich finde, dass man da gegenhalten muss. Terrorismus ist ja definiert als Einschüchterung, als Angriff, der nicht mich direkt angreift, sondern mir Angst macht und ich so meine Lebensart ändere. Das ist doch genau, was hier gerade passiert! Nur dass eben nicht „die Terroristen“ diesen Angriff durchführen, sondern die Geheimdienste.”

Was Terrorismus bedeutet

Widmen wir uns den Enthüllungen über die “Dienste” noch einmal im Rahmen eines Rückblicks über die Arbeit der Medien zum Komplex. Ich habe vor einigen Jahren die “Terrorexperten” Theveßen und Tophoven vorgestellt, die im Zuge ihrer Expertenschaft gleich die Pressearbeit für eine Terrorversicherung besorgt haben. Nichts, was diese Leute veröffentlicht haben, erwies sich je als aufklärerisch, verlässlich, valide oder auch nur annähernd wissenschaftlich. Was sie taten, war Grusel zu verbreiten, mithin Terror. Fürwahr Experten.

Ein anderer, der jahrelang von den Massenmedien als solcher herumgereicht wurde, war ausgerechnet Udo Ulfkotte, der sich später als “Islamkritiker” im Umfeld rechtsextremer Parteien bewegte. “Islamkritik” tritt derweil exakt auf wie die ‘Kritik’ am Judentum Anfang des 20. Jahrhunderts, mit allen Konsequenzen. Der Islam bedroht demnach das christliche Abendland und gehört bekämpft. Man nennt das Phänomen “Islamismus”, macht aber alle diejenigen zu “Islamisten”, die sich auf den Koran berufen oder als organisierte Muslime auftreten.

Eine tragfähige Unterscheidung zwischen diesen Milliarden Menschen und angeblichen Bombenlegern findet nicht statt. Die ‘Bedrohung’ ist entsprechend allgegenwärtig. Im Schatten dieses Narrativs, einer Spukgeschichte, wurde also ein allgegenwärtiges Bespitzeln aller Menschen – weltweit – respektive ihrer Kommunikation installiert. Emails, Telefonate, Kurznachrichten, Faxe, Briefe – alles wird erfasst. Der vorgebliche Grund: Siehe oben.

Permanenter Alarm

Man muss sich an dieser Stelle klarmachen, dass der Popanz “Islamismus” unverzichtbar ist für das Durchdrücken dieses quasi diktatorischen Geheimdienstregimes über die Daten der Menschen. Bürgerrechte sind in diesem Bereich faktisch völlig abgeschafft. Die fadenscheinigen Rechtfertigungen dafür, denen sogar ein Teil der Systempresse die Gefolgschaft verweigert, bestehen tatsächlich in der Behauptung, es seien einige Anschläge verhindert worden. Wo wäre der Überwachungsstaat ohne das Medienereignis 9/11 und wo ohne den permanenten Alarm der Massenmedien, die aus einer einer Singularität jahrzehntelangen Terror haben werden lassen?

Das Verhältnis der realen Gefahr und realer Opfer der Verbrechen, die man als “Terroranschläge” bezeichnet, zu den Gefahren des Alltags, den Opfern von Kriegen oder insbesondere sogenannten “Antiterrormaßnahmen” ist verheerend und beweist, dass der angebliche Terror eine reine Erfindung ist. Erst durch die Arbeit der Radikalisierung des westlichen Bürgertums durch die Medien, das Aufhetzen der Massen gegen einen eingebildeten Feind, wurde die Totalüberwachung möglich. Es ist fast exakt wie in Orwells “1984″, nur hat der die verheerende Rolle einer angeblich ‘freien Presse’ nicht vorausgesehen.

p.s.: Ich werde sehr rigide alle Kommentare moderieren oder löschen, die sich mit dem Einsturz der Hochhäuser und dem Ablauf des Ereignisses befassen. Das ist hier nicht das Thema.

 
Es ist die Zeit der Preisverleihungen, da lasse ich mich nicht lumpen und haue noch einen raus; diesmal einen für den, der sich am tiefsten bückt, um am weitesten ins Dunkel einzutauchen, sich gemein zu machen mit allem, was ihm groß und mächtig erscheint, kurzum: Der Traumboy jeder Diktatur. Diesmal ist es Ludwig Greven, der sich in der “Zeit” derart zum Rektaltampon des Überwachungsstaats macht, dass ich eine Tasse Adrenalin zum Frühstück hatte.

Sprich nicht so laut,
denn er hat seine Ohren überall.
Registriert alles.
Er kennt sogar dein Muttermal.

Duck dich, sonst hat er dich geseh’n.
Duck dich, der schwarze Mann.
Oh weh, oh weh.

Die Schamlosigkeit des Eiferers schafft es bis in die Überschrift: “Wer nicht belauscht werden will, sollte nicht überall reden“. Wow. Das musst du bringen. Exakt die Haltung, die zu verhindern die zahlreichen Urteile des BVerfG ausdrücklich beabsichtigen, wird hier zur Selbstverständlichkeit erklärt. Greven und seine Spießgesellen von der Garde des bedingungslosen Machterhalts betrachten es als ihre Aufgabe, den Souverän wieder zum Untertan zu machen und sprechen den Bürgerinnen dreist das Recht ab, von ihrem Staat unbehelligt kommunizieren zu dürfen.

Die Frechheit dabei ist, dass er wortwörtlich das Gegenteil behauptet, ohne dass irgendeine Ironie zu erkennen wäre, um es dann auf das Recht zu reduzieren, “seine Daten für sich zu behalten“. “Sie haben das Recht zu schweigen”, das ist für ihn freie Kommunikation. Sogar verschlüsselte Kommunikation ist für ihn ganz selbstverständlich falsch, denn die werde “grundsätzlich gespeichert“. Die Konklusion ist nicht etwa eine Unterstützung der Gegner diktatorischer Maßnahmen, sondern der Aufruf zum Buckeln:

Trommelschläger gegen Whistleblower

Wer private Dinge privat halten will, sollte sie daher nur selten oder gar nicht preisgeben und gegebenenfalls auf Internet oder Telefon verzichten. Datensparsamkeit ist immer noch eines der besten Mittel des Datenschutzes – was nicht da ist, kann nicht gespeichert und durchsucht werden.
Allein über den schwachsinnigen Begriff “Datensparsamkeit” könnte man einen eigenen Artikel schreiben.

Greven ist die Spitzenkraft im Orchestergraben, in dem ähnliche Geistesgrößen mit Wonne ihre publizistischen Violinen zersägen. Roberto weist auf die Kollaboration durch das Morgenmagazin hin, dessen Macher mit ‘Fang den Verräter’ ein spannendes Gesellschaftsspiel aufgelegt haben. Die FAZ betont, der “Geheimnisverräter” habe die “falschen Freunde“, weil er durch böse Länder reist und womöglich mit deren bösen Regierungen spricht.

Deutsche Journalisten reimen sich wieder auf etwas. Es überrascht mich nicht, dass sie es tun, aber es erschreckt mich, mit welcher Gründlichkeit sie die Grundrechte intellektuell bereits entsorgt haben und jetzt denen beispringen, die darauf nur hoffen konnten. Ich hoffe die Naivität hat sich endgültig gelegt, Journalisten seiendas öffentliche Kontrollorgan von Regierung und Behörden“.

Dass deutsche Journalisten “regelmäßig Politiker und Manager angreifen” halte ich bereits für ein Gerücht – es sei denn die einen abstrakt und die anderen, wenn es “Linke” sind. Dass den meisten von ihnen aber jede Form von Selbstkritik fremd ist, pfeifen schon die Spatzen von den Dächern. So kommt eines zum anderen und wir lassen uns von solchen Trommelschlägern die Welt erklären.

 
Was hat Jan Ullrich mit dem autoritären Staat zu tun? Nun, einiges; das beginnt damit, dass beide zu derselben Welt gehören und endet in dem entsprechenden Zusammenhängen. Ich mache periodisch darauf aufmerksam, dass politisch vordergründig irrelevante Bereiche wie Sport helfen können, Dinge zu erkennen, die sehr wohl auch mit Politik zu tun haben. Zumal wenn man beides als Medieninhalte wahrnimmt und darauf überprüft, in welchem Verhältnis zur Wahrheit diese stehen.

Jan Ullrich, so stellt die FAZ sieben Jahre zu spät fest, hat Eigenblutdoping betrieben. Er gibt das jetzt nämlich zu und fügt an, er habe niemanden betrogen, sondern “Chancengleichheit” hergestellt. Dass er dies schon 2006 genau so meinte, als er sagte, er habe “niemanden betrogen”, hat auch jeder gewusst, der es wissen wollte. Aber auch nach Jahrzehnten, in denen die ‘Einzelfälle’ dreistellig geworden sind, will der Journalismus noch immer nichts wissen. Ernsthaft redet Volker Stumpe für die FAZ von “Aufarbeitung der schwarzen Ära im Radsport“, als sei das nur eine Phase gewesen.

Die schwarze Ära, das ist der Radsport selbst. Didi Thurau, der Ende der 70er als Tour-Held gefeiert wurde, hat es deutlich gesagt: “Wir waren alle gedopt”. Das gilt seitdem und auch für alle Zukunft, Punkt. Wer das Aufarbeiten will, muss aufhören so einen Stuss zu reden wie “Dopingsünder”, “Geständnis” und “sauberer Sport”. Das ist ein Millionengeschäft, knallharte Konkurrenz, da besteht niemand ohne pharmazeutische Hilfe. Alles andere ist Lüge.

Hunderte Einzelfälle

Kurz umgeschaltet nach Obama-Town, Cameron-City, den Tatorten des kalten Putsches autoritärer Staatsführungen gegen ihre Nominaldemokratien. Es werden Whistleblower nicht etwa geschützt, wie es einige rührende Verbände seit Jahren fordern, sondern sie werden verfolgt. Nichts soll nach außen dringen; nicht nur werden die Whistleblower verfolgt und angeklagt wie Mörder, es werden jetzt alle unter Druck gesetzt, die auch nur eventuell etwas wissen und weitergeben könnten. McCarthy lässt grüßen. Angesichts der britischen Praktiken muss sich übrigens niemand mehr wundern, warum sie Julian Assange so gern via Schweden an seine Häscher ausliefern würden.

Was steht jetzt zum Beispiel von Insider Threat in deutschen Zeitungen oder auf ihren Online-Auftritten? Warum wussten sie nichts davon? Wieso wird von Seiten der Medien, nicht von den Verantwortlichen im Staat wohlgemerkt, inzwischen geleugnet, bis die Wahrheit einfach nicht mehr zu vertuschen ist? Wieso müssen Whistleblower ihr Leben riskieren und klären die Öffentlichkeit immer häufiger durch spektakuläre Berichte auf, die früher Sache eines investigativen Journalismus’ waren? Wieso stehen die Medien inzwischen regelmäßig auf Seiten der Regierungen anstatt die Quellen zu schützen, die Machenschaften aufdecken, welche diktatorischen Regimes gut zu Gesicht stünden?

Paradigmenwechsel

Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Bedient wird das Narrativ, die Wahrheit, die sein soll. Dem entsprechen die Techniken der Verlage: Sie recherchieren nicht, sie widersprechen nicht, sie klären nicht selbst auf. Ihre höheren Angestellten treffen sich in Hinterzimmern mit Politikern, wo sie sich das Gefühl des Mitwissens verschaffen. Sie bieten Schweigen gegen Dabeisein und das rechte Licht gegen Vorabinformationen, von denen wir ja längst wissen, dass sie diese oft für sich behalten.

Was dabei herauskommt, ist eine groteske Verzerrung der Wirklichkeit, eine Art Infoporno, bei dem die Professionellen der Kundschaft ein gutes Gefühl verkaufen. Dazu wird eine komplette Scheinwelt erschaffen, in der nur Leistung zählt, die Guten Erfolg haben, die Betrüger bestraft werden und die Bestraften automatisch die Bösen sind. Es gibt Freunde und Feinde der Ordnung, alle jeweils an ihrem Platz und das große Ganze, das gut ist und alternativlos. In diesen Rahmen werden sie allesamt einsortiert, die Einzelfälle, die Ausnahmen und die Regeln.

Was das Wissen anders organisiert, ist Verschwörungstheorie oder Extremismus. Paradox: Die das Narrativ so geschäftig besorgen, sind im Grunde recht einsam. Ihnen glaubt niemand so recht. Sie wissen aber, dass niemand gegen die Lüge aufbegehrt, denn die Wahrheit ist gleichbedeutend mit einem schrecklichen Erwachen. Dann lieber schnell vergessen, dieselbe Story wieder hören und wieder vergessen, bis man den Text auswendig kennt, ohne jemals den Inhalt zu verarbeiten. Guten Abend, das Wetter.

 
Ein Artikel beginnt mit den Worten:
Der Nürnberger Gustl Mollath sitzt seit sieben Jahren in der Psychiatrie. Er selbst hält sich für das Opfer einer Verschwörung“.

Da ist er ja nun nicht der Einzige. Solche Leute gehören schließlich dorthin. Paranoia wurde ihm beschieden, also ist alles bestens, richtig? Oh, da wurden quasi sämtliche Vorwürfe inzwischen pulverisiert und es hat sich herausgestellt, dass Mollath keineswegs illegale Auslandsgeschäfte erfunden hatte, sondern diese tatsächlich stattgefunden haben. Dass seine Frau damit tatsächlich in Verbindung zu bringen ist, ist erwiesen und dass angebliche Ausraster wie das Zerstechen von Reifen nicht einmal ansatzweise nachgewiesen sind, ist ebenfalls amtlich. Daher ist der Fall Mollath für andere Medien ein handfester Skandal.

Der “Stern” aber veröffentlicht einen Artikel von “Carsten Höfer, dpa” – es bleibt zum Schutz des Autors unkenntlich, ob Herr Höfer von der dpa ist oder sich bei der seine Informationen zurechtsortiert hat – in dem diese neuen Wertungen einer vollständigen Revision unterzogen werden. Dies gelingt mithilfe der Aussagen von Mollaths Gegenparteien und sehr durchdachten Bewertungen der Protagonisten und ihres Tuns. So werden Mollaths von ihm angezeigte Frau, die Justizbeamten, deren Versagen oder Rechtsbeugung zur Debatte steht und die bayerische Justizministerin, die jene gedeckt hatte, zitiert.

Spinner, Spinner, Spinner

Das klingt dann so: “alle werteten Mollaths Anzeige damals als Retourkutsche eines Spinners und legten sie zu den Akten. Weil er als Spinner eingestuft wurde, wurde die Anzeige nicht ernst genommen. Und die Schwarzgeldanzeige diente als Beleg, dass er angeblich ein Spinner sei“. Na, was ist der Mollath für einer? Das weiß spätestens jetzt jeder, zumal die nächste Überschrift lautet: “Entkräftete Verschwörungstheorien“.

Diese Ansicht versteht sich von selbst, denn “inzwischen hat sich herausgestellt, dass es sich bei den illegalen Finanzgeschäften in der Schweiz um Alltagsschwindeleien einiger Bürger handelte“. Steuersünden halt, nicht etwa Kaufhausdiebstahl oder Sachbeschädigung. So etwas machen wir doch alle jeden Tag, ein bisschen schwindeln und schwups ist das Geld in der Schweiz.

Es ist sehr zu loben, dass sich hier echter Qualitätsjournalismus nicht der allgemeinen Hysterie um das angebliche Fehlurteil über einen brutalen Schläger und Spinner anschließt, sondern zu einem ganz eigenen Urteil kommt. Die bewusst wahrgenommene Verantwortung für Leistungsträger, deren kleine Schwindeleien nicht der Anlass für die Verfolgung durch Wahnsinnige sein dürfen, ist vorbildlich und ein wohltuender Kontrast zur Kampagne der FR gegen die hessische Landesregierung im Fall der paranoid-querulatorischen Steuerfahnder.

“Argumente” von Spinnern: eine Falle!

Was dieses große Stück Journalismus auszeichnet, ist dass man weder “tatkräftige Anwälte“, die nur “die große Bühne” suchen – sogar durch eine Website! – zu Wort kommen lässt, um ihre kruden Theorien zu verbreiten, geschweige denn den Täter selbst oder dessen “Fans”, wie die Unterstützer zurecht genannt werden. “Fans”, das ist die Kurzform für Fanatiker, die in blinder Gefolgschaft zu jeder Dummheit bereit sind, um ihre Treue unter Beweis zu stellen.

Besonders mutig auch, dass “Carsten Höfer, dpa” sich nicht in das sinistre Geflecht von Zweifeln, Gegendarstellungen und Argumenten begibt, dass die Partei des Paranoikers gesponnen hat. Um sich nicht von denen übers Eis ziehen zu lassen, hat er folgerichtig alle seine Behauptungen unbelegt gelassen und sich jedweden inhaltlichen Bezugs auf andere Quellen enthalten. Der Leser erfährt exakt das, was er erfahren muss. Chapeau!

 
pira

Kai Biermann hatte bislang versucht, sich als irgendwie netzaffin zu präsentieren, trat auch beim CCC auf, um seine aus meiner Sicht oberflächlichen semantischen Betrachtungen des “Neusprech” aufzugießen, die er unter dem gleichnamigen Blog anstellt. Derweil geriert er sich für die “Zeit” als Fachexperte für “Internet, Datenschutz und Netzpolitik”. Seine Hauptaufgabe als journalistischer Hofschreiber hat er dabei allerdings nie vernachlässigt und liefert mit einem unsäglichen Artikelchen zum Streaming über Movie2k.to sein Gesellenstück ab. Im Zweifel schreibt man da für den Profit, zu diesem Zweck kann keine Argumentation zu dumm oder zu peinlich sein.

Was zunächst auffällt, ist dass von den ersten 12 Kommentaren, in denen die “Zeit”-Leser ihm seine Inkompetenz um die Ohren hauen, satte sechs gelöscht wurden. Das ist die Hälfte, wie auch mathematisch weniger Begabte bereits errechnet haben. Entweder sind also die Leser dieses Auftritts besonders widerwärtige Zeitgenossen, die sich nur vulgär oder sonstwie aggressiv zu artikulieren wissen oder der Finger des Zensors hatte da ein großes Zittern. Es nützte freilich nichts, der Gegenwind wurde nur heftiger, scheinbar ist niemand der Ansicht des Experten.

Deutsches Recht weltweit

Dessen Borniertheit fokussiert auf eine angebliche Illegalität: “Das Anbieten solcher Streams ist illegal. Punkt.“, meint er sowie: “Das zur Verfügung stellen von Filmen ohne das Einverständnis des Urhebers und der Rechteverwerter ist illegal. Das Ansehen solcher Streams mag eine Grauzone sein, nochmal: mag. Es gibt auch ein Urteil, das das temporäre Speicherin in Ihrem Cache als Speichern betrachtet. Das Anbieten aber ist klar illegal und damit auch das Portal.”

Für Biermann gilt also deutsches Recht weltweit, auch zum Beispiel in Tonga. Er macht sich nicht einmal die Mühe zu erörtern, inwiefern die unterschiedlichen nationalen Gesetzgebungen einen Einfluss auf das Problem haben. Dass er dann noch die verschrobene Konstruktion der “Speicherung” im Browsercache ins Feld führt, zeigt, dass er sich für eine Seite entschieden hat: Für die der “Rechteverwerter”, deren Lobby immer neue Versuche diktatorischer Rechtsbeugung auf den Weg bringen, um ihr Interesse international durchzusetzen. Allein deren Interesse ist eindeutig: Profit.

Natürlich muss der Neusprech-Profi Biermann diesen Umstand projizieren und der Gegenseite dieses Motiv unterstellen: “Profit ist das Motiv, nicht Netzfreiheit“, sagt er und meint die Anbieter kostenloser Streams. Selbstverständlich ohne je zu diskutieren, was es bedeutet, dass er hier von einem der meist besuchten Webauftritte deutscher Nutzer spricht. Legal ist das Kapital, bloß nicht fragen, warum.

Basta, Punkt, Ende der Diskussion

Informationsfreie Meinungsproduktion ist das, obendrein eine, die sich selbst richtet, dazu gehören dann auch erfundene Gefahren wie “Abofallen” und “Schadsoftware”, die man sich dort angeblich einfängt. Ja nee ist klar: Wer Geld mit massenhaftem Streaming verdienen will, verbreitet Schadsoftware und Abofallen. So wie ein Metzger vergiftetes Fleisch verkauft, weil ihm das die Kunden in Scharen zutreibt. Face. Palm.

Mir persönlich ist es völlig wurscht, ob Angebote wie Movie4k.to existieren oder nicht. Es ist mir aber nicht egal, dass bei dem Versuch einen Deckel auf Streaming und Filesharing zu pressen Bürgerrechte mit Füßen getreten werden und überhaupt das Rechtsempfinden der großen Masse unreflektiert als “illegal” abgetan wird. Es handelt sich hierbei – selbst wenn man dem Kapital ein Recht auf Profit einräumt – zumindest um widerstreitende Interessen. Wäre es also wirklich so, dass die Legalität völlig einseitig die Interessen des Kapitals über die der Massen von Nutzern stellt, dann stimmt mit dieser Legalität etwas nicht.

Dies kann man dann wenigstens zur Kenntnis nehmen und darüber diskutieren, dabei kann ein gedungener Lohnschreiber ja durchaus die Meinung seiner Geldgeber vertreten. Stattdessen aber in Basta-Manier stumpf den Befehl zum Ende der Debatte zu wiederholen, das ist noch blöder als Neusprech. Das ist Propaganda für Anfänger.

 
Was ist besser als Hofberichterstattung? Verkündungsjournalismus. Was ist noch besser? Gar nicht erst selbst verkünden, sondern der Regierung den Platz zur Verfügung stellen, um ihre Propaganda zu verbreiten. So geschehen heute in der Süddeutschen, wo Schäuble und von der Leyen sowie die französischen Minister Moscovici und Sapin als Autor/innen zeichnen. Der ‘Artikel’, der dort in ihrem Namen das Holz vergeudet, ist schieres neoliberales Bullshitbingo. Nicht überraschend, dass er nicht unter “Politik” zu finden ist, sondern in Beises intellektuell anorektischem Wirtschaftsteil.

Wie Europas Jugend wieder Hoffnung schöpfen kann” bleibt konsequenterweise offen, das ist nur der Etikettenschwindel zum Auftakt. Wenn man das liest, wird man nicht schlauer, denn dass sie keine mehr hat, wusste man vorher. Der Anlass ist, dass 6 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Befassen wir uns kurz mit der Idee:

knapp 1700 Euro sind das pro Arbeitslosem unter 25 in der Eurozone. Dieses Geld soll als “Anreiz” natürlich nicht ihnen geboten werden, sondern “Arbeitgebern”, die sie beschäftigen. Wer kann für diesen Betrag einen Arbeitsplatz schaffen? Vor allem aber: Welchen Effekt wird das haben? Lassen wir einmal außen vor, was da in der Verwaltung versickert und durch Korruption verschwindet. Dann können also Unternehmen, die junge Leute einstellen, das Geld einstreichen. Zunächst einmal diejenigen, die ohnehin junge Leute einstellen. Dankeschön!

Neoliberales Bullshitbingo

Als nächstes wird vielleicht eine junge Kraft statt einer älteren eingestellt. Auch dafür danke! Naja, und dann gibt es vielleicht den einen oder anderen, der kurzfristig jemanden einstellt, weil es sich eher lohnt. Wir sprechen allerdings von einer Situation, wo die Hälfte der jungen Leute schon ohne Job sind und die älteren auch in immer höherem Maße. Ein Desaster, an dem sich mit ein paar Geschenken an die bislang Überlebenden gar nichts ändern wird.

Unsere neoliberalen Oberexperten wissen aber: Die “gemeinsamen Anstrengungen in der Eurozone zur Krisenbekämpfung zeigen nunmehr Wirkung.“. Genau: Massenarbeitslosigkeit ist die Wirkung. Die von der Schäubles aber glauben, dass “die Sanierung der Staatsfinanzen und die Modernisierung unserer Volkswirtschaften, die richtige ist.” Und “Ein Verzicht auf diese Maßnahmen würde die kommenden Generationen mit einer schweren Hypothek belasten.”

Was zur Hölle ist eine schwere Hypothek, wenn nicht das, was sie bereits angerichtet haben? Wie verträgt sich die Behauptung, die “Konsolidierung der Haushalte” habe Priorität mit einer Milliardenausgabe? Sie wollen ein bisschen aus dem Kaputtsparschwein holen, um die Symptome zu lindern, was sie damit nicht einmal erreichen werden und nennen das “Modernisierung”.

Und noch mehr davon

Eine Propagandafloskel jagt die andere, der Kopf müsste schon weiß glühen angesichts solcher Lügen. “Die wirtschaftliche Erholung der Eurozone ist zwar auf dem richtigen Weg“. Hallo? Ist da noch wer zu Hause? Belege? Aussichten? Zahlen? Natürlich nicht, was sollen wir mit der Wirklichkeit? Stattdessen Blabla aus der Mottenkiste wie “energische, mutige und visionäre Strukturreformen [..]. Nur so können sie angesichts der Herausforderung, die die unumkehrbare Globalisierung und damit die weltweite Konkurrenz darstellt“.

Es ist un-er-träglich. Kurz nochmal:
Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet.”
Das ist von Achtzehnhundertachtundvierzig! Ihr seid nicht mutig, nicht visionär und das sind schon gar keine Reformen. Das ist ein idiotischer Plan von Kapitalanbetern, der Europa gerade in den Ruin führt. Klar gefällt das dem Beise, aber muss das irgendwer lesen? Ich fasse den Rest zusammen: Reformen, Mobilität, Arbeitsplätze, Wachstum, Anreize, Chancen, Effizienz. Das ganze noch einmal rückwärts und dann im Kreis.

Ich lasse euch mitleiden, weil ich das lesen musste, nachdem ich die Namen zur Kenntnis genommen hatte. Und weil ich es gerade mag, wie ihr euch vor Schmerzen krümmt, gebe ich euch noch einen, von der globalen Konkurrenz aka “ehemaliges Nachrichtenmagazin”. Die haben nämlich knallhart recherchiert, dass die Arbeitslosigkeit gar nicht so schlimm ist. Weil nämlich nur die erfasst sind, die Arbeit suchen. Die Schüler zum Beispiel sind gar nicht dabei. Klar, wären die nicht in der Schule, hätten die alle Arbeitsplätze, und das wäre dann fast Vollbeschäftigung. Ich breche ab.

 
3spiegel

Die Filterung von Wirklichkeit kann äußerst unterschiedlich ausfallen, der Konstruktivismus glaubt gar, es gebe unzählige Realitäten. Bemerkenswert allerdings, dass der Common Nonsense der Massenmedien immer dieselbe Färbung erhält, immer dieselben Aspekte ausblendet und stets zu denselben bizarren Schlüssen kommt.

Das beginnt damit, dass ein Medienpädagoge eine mystische “German Internet Angst” für den Umstand verantwortlich macht, dass die Nutzung des Internets hierzulande vor allem als juristisches Problem wahrgenommen wird. Die naheliegende Erklärung, dass das mit einer brutalen Infrastruktur zweier Industrien zu tun hat, nämlich der Kanzleien und der Großverlage, kommt ihm nicht in den Sinn. Nirgends aber kämpfen diese Arm in Arm so eifrig gegen Meinungsfreiheit und für das Eigentum am Wort wie im Land der Dichter- und Denkerverwerter.

Die Wirklichkeit der Menschen weicht völlig der religiösen Anbetung einer Wirtschaftsdoktrin, die sich durch schiere Selbstverleugnung hervortut. Der Ökonomie wird alles untergeordnet, sie selbst aber kanonisch in einer so psychotischen Zurechtlegung der Realität beschrieben, dass der größte Alptraum euphorisch gefeiert wird. Beispiel Migration: Da hat doch ein sogenanntes “Nachrichtenmagazin” vor einigen Wochen den Umstand gefeiert, dass aus Südeuropa bestens gebildete junge Menschen nach Deutschland kommen, um hier Arbeit zu suchen.

Schon von dem Effekt, dass das die Löhne noch weiter drückt, kein Wort. Die Löhne für junge Akademiker sind ein Schlag ins Gesicht, die Löhne in Deutschland generell wiederum die Ursache für das, was sich die Religion als “Eurokrise” zurechtlügt. Das Grauen wird also immer schlimmer, der Deutsche soll das aber gut finden und sich vermutlich in Rassismus flüchten, wenn er nach einer Erklärung für das Elend der anderen sucht.

Qualitätslogik

Andere können genau so blöd. Die “Zeit” jubelt, “dass eine Währungsunion besonders dann Erfolg hat, wenn die Arbeitsmobilität hinreichend hoch ist“, unter Anleihe bei einer heiklen Theorie und völliger Missachtung der katastrophalen Folgen für die Menschen. Alles andere führt wohl zu nah an den Rand der Ablehnung dieses ökonomisch-religiösen Irrsinns; der Abfall vom Glauben darf nicht einmal in Erwägung gezogen werden. Das trägt weitere hohle Früchte.

Die versammeln sich derzeit zahlreich in den Redaktionen der “FAZ”, wo sie an einer neuen Logik arbeiten. Da wird zum Beispiel konstruiert, die Gewerbesteuer senke quasi automatisch die Löhne. Unternehmen, in denen Mitarbeiter “indirekt besonders stark am Unternehmensgewinn teilhaben” werden da herbeiphantasiert, dort aber seien es “bis zu 77 Prozent der Kosten“, die auf die Löhne abgewälzt werden.

Keine Belege, keine Vergleichszahlen, kein Hinweis auf einen nachvollziehbaren Zusammenhang, Anteil oder Zahl der Lohnabhängigen, die davon betroffen wären. Kein Rückschluss auf die sonst so gern geforderte Beteiligung der Arbeiter am Gewinn. Und schon gar kein Funke Kritik an den Strukturen, in denen es derart leicht ist, die Löhne zu drücken. Was der Leser wissen muss: Steuern sind ganz schlimm für die Menschen und Lohnsenkungen allein die Schuld des gierigen Staates.

Am anderen Ende solcher Logik, Resultat der Beliebigkeit des Argumentes, die Propaganda auszeichnet, steht dann das Highlight, die schäbigste Verdrehung, die ich seit langem gelesen habe; eine Lüge, die in einem an “Qualität” orientierten Journalismus ein bodenloser Skandal wäre [via]:
Extremismus und Terror gehören zu den Gründen, warum eine Minderheit der Muslime nicht integrationswillig ist; das wiederum ist einer der Gründe für islamfeindlichen Extremismus und Terror.

Merke: Wenn Nazis morden, ist der Moslem schuld.

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